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Full text of "Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen"

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Archiv für das 
Studium der 
neueren 
Sprachen und 
Literaturen 



Berliner 
Gesellschaft für 
das Studium der 



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SIC 



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/ 

ARCHIV 

FÜR DAS 

STUDIUM DER NEUEREN SPRÄCHEN 
UND LITTERATUREN. 

HERAUSGEGEBEN 

TON 

IuTJID"WIC3- HEERIG. 



XLII. JAHRGANG, 81. BAND. 



BRAÜNSCHWEIG. 

DRUCK UND VERLAG VON GEORGE WESTERMANIf. 
1888. 



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Inhalts -Verzeichnis des LXXXL Bandes. 



Abhandlungen. 

Seite 

Charakteristik der deutschen politischen Lyrik des dreizehnten Jahrhundert*. 

Von Dr. Gustav Baier , . . 1 

Proprium Sanctorum, Zusatz-Homilien des Ms. Vernon foL CCXV ff. zur nörd- 
lichen Sammlung der Dominicalia evangelia. Mitgeteilt von C. Horst- 

mann 83 

Studien zu William Cowpers Task. Von A. Beyer 115 

Untersuchungen zu der mittelenglischen Romanze von Sir Amadas. Erster 

Teil. Die Fabel des Gedichtes. Von Max Hippe . 141 

Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen 184 
Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 1886/88 . 209 
Heinrich Viehoffi Aus persönlichem Umgange. Von Viktor Kiy . . . 241 
Variantes orales de contes et de badinages populaires fran^ais et etrangers 

recueillies par Charles Mar eile 265 

Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. Von Karl Hartmann . . 281 
Proprium Sanctorum, Zusatz-Homilien des Ms. Vernon fol. CCXV zur nörd- 
lichen Sammlung der Dominicalia evangelia. Mitgeteilt von C. Horst- 

mann. (Schluls) 299 

Kotsebues Peru-Dramen und Sheridans Pizarro. Ein Beitrag zur Geschichte 
der Beziehungen zwischen deutscher und englischer Litteratur. Von 

Dr. Leopold Bahlsen 353 

Die mittelniederdeutsche Veronika. Von K. Eulin g . . . . . ,81 

Goethes Faust- Archiv. Von AdalbertRudolf 105 

Die Handlung in Shakespeares Cymbeline. Von J. Jacoby 427 

Der Geizige in Ragusa. Ein Nachtrag zur Schrift: „Plautus. Spätere Be- 
arbeitungen plautinischer Lustspiele von K. v. Reinhardstoettner." Von 
Georg Polivka 133 



49525 

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IV 

Seite 

Inschriften aus Österreich. Ein kleiner Beitrag zur deutschen Volks- und 



Sittenkunde. Von Franz Branky 443 

Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

H. Bulthaupt: Dumas, Sardou und die jetzige Franzosenherrschaft auf der 

deutschen Bühne. (Joseph Sarrazin) 228- 

Premiers exercices de lecture et de recitation par E. Burtin 229 

S. de Chiara, La „Pietra« di Dante e la „Donna gentile". (H. Buchholtz) 229 
Zeitschrift für deutsche Sprache, herausgegeben von Prof. Dr. Daniel Sanders. 

Erstes und zweites Heft 230- 

Entgegnung. (Dr. Gregor Krek) 231 



Neues Wörterbuch der portugiesischen und deutschen Sprache mit besonderer 
Berücksichtigung der technischen Ausdrücke des Handels und der In- 
dustrie, der Wissenschaften und Künste und der Umgangssprache. Von 
H. Michaelis. In zwei Teilen. Erster Teil: Portugiesisch - Deutsch. 

(H. Wernekke) 322 

Fölsing-Koch, Lehrbücher der englischen Sprache. (Dr. J. H. Albers) . 325- 
Voltaire, Merope, herausgegeben und erklärt von R. Mahrenholtz. (J. S.) . 326- 
J. Gutersohn, Gegenvorschläge zur Beform des neusprachlichen Unterrichts 327 
1) Marryat, The Children of the new Forest, herausgegeben und erklärt von 
G. Wolpert — 2) Irving, Tales of the Alhambra, herausgegeben und 
erklärt von H. Wernekke. — 3) Shakespeare, Macbeth, erklärt von 



E. Penner. (J. S.) 328- 

Kugler, Friedrich IL; bearbeitet von Dr. Ph. Hangen. Nr. XV Iii der Eng- 
lischen Übungsbibliothek. (Aug. Boltz) 32& 

K. Deutschbein, Kurzgefafste englische Grammatik und Übungsstücke für 

reifere Schüler 329» 

L. Sevin, Elementarbuch der englischen Sprache nach der analytischen Me- 
thode 330* 

Histoire des anciens Germains, racontee a la jeunesse d' apres les recils des 
auteurs latins et grecs etc. par F. J. Mampell. I. Teil. (Joseph 

Sarrazin) 331 

Zeitschriftenschau. (H. B u c h h o 1 1 z) 332: 

Poetik von Wilhelm Scherer. (Dr. S. S aenger) 449* 

Über den Vortrag epischer und lyrischer Dichtungen. Mit zahlreichen kom- 
mentierten Musterstücken für monologischen und dialogischen Vortrag 
wie auch für chorische Aufführungen. Von Gustav Humperdinck . . 454 
Die Grundzüge der Meditation. Eine Anleitung zum Entwerfen von Auf- 
sätzen und Vorträgen für die oberen Klassen höherer Lehranstalten als 
Vorstufe zu den „Meditationen". Von Dr. Ferd. Schultz 45S 



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Seite 



Die Berechtigung der Fremdwörter.. Von Gustav Rümelin 457 

Methodik des ■Unterricht» »in* der deutschen 'Sprache. Von Franz Branky . 459 
Präparationen zur Behandlung deutscher Musterstücke in der, Volksschule. 

Oberstufe» Fünftes und sechstes Schuljahr. Von Rektor A. Grilve . 459 
Die deutschen Dichter der Neuzeit und Gegenwart. Biographien, Charakte- 
ristiken und Auswahl ihrer Dichtungen. Herausgegeben von Dir. Dr. 

K. Leimbach 460 

Faust von Goethe. Mit Einleitung und fortlaufender Erklärung heraus- 
gegeben von K. J. Schröer 461 

Beiträge zur Poetik Otfrids. Von Paul Schütze 462 

Das deutsche Tagelied. Inaugural-Dissertation von Walter de Gruyter . . 463 
Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur bis zu Goethes Tode. Von 

Profi Dr. Daniel Sanders 465 

Grundzüge der deutschen Syntax. Nach ihrer geschichtlichen Entwickelung 

dargestellt von Oskar Erdmann 465 

Volapük, die Weitsprache. Alfr. Kirchhoff : Volapük, Hilfsbuch zum schnellen 
und leichten Erlernen der Anfangsgründe dieser Weltsprache. — Kirch- 
hoff: Schlüssel zu den Ubungsbeispielen im Volapük - Hilfsbuch. — 
W. Pflaumer: Vollständiger Lehrgang des Volapük nebst Schlüssel und 
Wörterbuch. Bearbeitet nach Prof. Kerckhoffs Cours complet de Volapük 

zum Gebrauch für Deutsche. (Hölscher) 467 

A. Hoppe, Englisch-deutsches Supplement-Lexikon, als Ergänzung zu allen 

bis jetzt erschienenen englisch-deutschen Wörterbüchern u. s. w. (L. H.) 468 



Programmenschau. 



Zur Methodik des deutschen Unterrichts in Unterprima. Von Joh. Quaas. 

Programm des Realgymnasiums zu Freiburg 337 

Die Sprache der Hs. P des Kolandliedes. Von H. Schürer. Programm des 

Gymnasiums zu Komotau 337 

Die Verwertung des Nibelungenliedes im deutschen Unterricht unserer 
Mittelschulen. Ein Beitrag zur nationalen Erziehungsfrage, von Prof. 
W. Stocker. Festschrift des Realgymnasiums Karlsruhe zum 300jäh- 
rigen Jubiläum des Gymnasiums Karlsruhe 338 

Ritterliche Waffenspiele nach Ulrich von Lichtenstein. Von Rektor Dr. Rein- 
hold Becker. Programm des evangel. Realprogymnasiums zu Düren . 339 

Zur Geschichte des Armin ius-Kultus in der deutschen Litteratur. Von Dr. 
P. von Hofmann- Wellenhof. I. und 2. Teil. Programm der Oberreal- 
schule zu Graz 340 

Herders Erstes kritisches Wäldchen. I. Von Gast. Kettner. Programm der 

Landesschule Pforta 340 



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VI 

Seite 

Über Schillers Einflufs auf Goethes Dichtung. Von Dr. Borges. Programm 

der Realschule zu Reudnitz • • . • • 342 

Schillers Flucht aus der Heimat Von Dr. E. Franz Anders, Oberlehrer. 

Programm des Leibniz-Gymnasiums zu Berlin 342 

Goethe und die griechischen Bühnendichter. Von Dr. Hans"Morsch. Pro- 
gramm des KgL Realgymnasiums zu Berlin. (Hölscher) . . . . 343 

MisoeUen. 

Seite 345—348. 473—478. 

Bibliographisoher Anzeiger. 

Seite 237—240. 349—350. 479—480. 



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Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 
des dreizehnten Jahrhunderts. 

Erster Abschnitt. 
Politische Dichtung vor Walther. 

Walther von der Vogelweide — dieser Name wird in einer 
Charakteristik der deutschen politischen Lyrik des dreizehnten 
Jahrhunderts mit Reöht an erster Stelle stehen. 

Allerdings beginnt seine politische Thätigkeit schon zwei 
Jahre vor Eintritt dieses Jahrhunderts; da aber eine eigentliche 
politische Lyrik erst mit ihr — zwar nicht in dem Leben des 
deutschen Volkes, aber doch wenigstens in seiner Litteratur — 
ihren Anfang nahm, so erscheint dieses Ubergreifen um jenen 
zweijährigen Zeitraum genügend begründet. 

„Er war der erste deutsche Poet, der mit schneidendem 
Ernst über den Liebessingsang hinausging, der ratend, warnend 
und strafend seine Stimme erhob im politischen Gewirr des 
Tages." 1 Diesem Urteil schliefet sich ein noch bestimmteres an, 
dahin lautend, 2 dafs diese poetische Gattung, „von keinem deut- 
schen Dichter vor ihm gepflegt, eine freie Schöpfung seines 
Genius ist. 44 

Gab es vor Walther keine politische Dichtung? 
Schon das Ludwigslied aus dem neunten Jahrhundert kann 
als politisches Gedicht bezeichnet werden; Scherer 3 nennt es 



1 Sugenheim, Geschichte des deutschen Volkes. Leipzig 1866. II, 
8. 660. * Menzel, Das Leben Walthers von der Vogelweide. Leipzig 1865. 
Vorwort S. III. 3 Geschichte der deutschen Litteratur. 1884. S. 61. 
Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 1 



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2 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



einen „Leitartikel, ein wohlgefülltes Weihrauchfafs, geschwungen 
vor dem gottbeschützten Königtume". Andere hervorragende 
Begebenheiten, wie die Aussöhnung Ottos des Grofeen mit seinem 
Bruder Heinrich, der Lechfeldsieg über die Ungarn u. ä., lebten 
in der Spielmannsdichtung des zehnten Jahrhunderts fort, 1 aber 
diese „anekdotenartigen historischen Lieder" 2 waren durchaas 
epischen Charakters. 

Da blühte im elften und zwölften Jahrhundert die latei- 
nische Vagantenlyrik auf, welche die Ereignisse des Tages mit 
ihrer Dichtung begleitete. Hat gleichzeitig mit dieser eine deutsche 
politische Lyrik der Fahrenden existiert? Hat Walther seine poli- 
tische Lyrik von diesen überkommen oder sie, wie Menzel meint, 
sein Genius frei geschaffen? 

Erhalten ist von einer deutscheu politischen Lyrik der Fah- 
renden nichts. Gegen die Abfassung eines Gedichtes wenigstens, 
das dem ersten Anschein nach hierher zu gehören scheint, einer 
Klage über schlechte Zeiten, MF 244, 61 ff., gegen die Abfassung 
dieses Gedichtes im zwölften Jahrhundert und die Zuweisung 
desselben an den Anonymus Spervogel oder auch an Spervogel 
selbst hat Soherer 3 so gewichtige Einwände erhoben, dafs wir 
daran verzweifeln müssen, in ihm einen Rest politischer Dichtung 
von Fahrenden aus dem zwölften Jahrhundert erhalten zu sehen ; 
vielmehr gehört es wahrscheinlich in die Zeit um 1240. 4 

„Den Kreisen deutsch dichtender Fahrender des zwölften 
Jahrhunderts, in welche uns Einblick vergönnt ist, scheint das 
Amt der Kritik öffentlicher Zustände noch fremd zu sein; 3 vom 
politischen Iied keine Spur; das leidenschaftliche Gefühl für 
Wohl und Wehe der Nation und des Reiches, die dichterische 
Beteiligung an der hohen Politik lag den Spielleuten gewifs 6 
fern" — so urteilte Scherer über die Frage. So bestimmt der- 
selbe aber hiermit die Existenz einer politischen Lyrik der Fah- 
renden vor Walther in Abrede stellt, so giebt er doch an anderer 
Stelle desselben Aufsatzes 7 der gegenteiligen Ansicht Raum. 
„Die Produkte der Kunstpoesie", sagt er, „erheben sich in jener 

i Geschichte der deutschen Litteratur. S. 62, 63. a Ebd. S. G4. 
» Dtsch. Stud. I, S. 313. * Ebd. S. 314. » Ebd. S. 325. « Ebd. S. 349. 
' Ebd. 8. 350. 




des dreizehnten Jahrhunderte. 



3 



ganzen Epoche nur wie einzelne Kirchturmspitzen über ein un- 
endliches Häusermeer. Dieses Häusermeer ist für uns großen- 
teils freilich "in Nebel verhüllt, aber es war nichtsdestoweniger 
vorhanden, eine reiche, unaufhörlich gepflegte Volkspoesie, deren 
Träger die SpielleuteV und im Hinblick auf dieses „Häuser- 
nieer" spricht er die gerade entgegengesetzte Ansicht aus, daCs 
auch der politische Spruch bereits vor Walther existiert haben 
dürfte, 9 dafs es politische Lieder mehr persönlichen Charakters 
immerhin gegeben haben möge; mancher Spielmann werde seinem 
Gönner die Dienste eines Leibjournalisten zum Angriff auf poli- 
tische Gegner geleistet haben. 3 

Welche Spuren führen nun zu der Annahme der Existenz 
einer deutschen politischen Lyrik der Fahrenden vor Walther? 

Dieselbe patriotische Gesinnung wie bei Walther, bemerkt 
Wilmanns, 4 nehmen wir schon in einigen Gedichten des zwölften 
Jahrhunderts, z. B. dem lateinischen Osterspiel vom Antichrist, 
der Pilatuslegende und namentlich dem Grafen Rudolf, wahr. 5 
Außerdem hat Jakob Grimm 6 unter den lateinischen Dichtungen 
auf Friedrich L, wie z. B. dem Pantheon des Gottfried von 
Viterbo, dem Ligurinus von Günther, ganz besonders eine Reihe 
durch einfache Natur ausgezeichneter Gedichte hervorgehoben, 
die in die Jahre 1162—65 fallen 7 und deren Verfasser von dem 
Erzkanzler Friedrichs I. beauftragt, angestellt ^war, 8 die Thaten 
Friedrichs in Welschland zu besingen. Hieran reihen sich die 
von Schmeller herausgegebenen Carmina Burana, soweit sie poli- 
tischen Inhalts sind. Ist die Handschrift der C. B. auch eine 
rechte Sammelhandschrift, in der Lieder aus ganz verschiedenen 
Zeiten und Gesellschaftskreisen bald nach schriftlicher, bald nach 
mündlicher Überlieferung zusammengebracht sind, 9 so scheint 
doch bisher unbestritten, dafs dieselben ihrem Hauptkern nach 
deutsche Erzeugnisse sind und dafs die politischen Dichtungen 
in ihnen dem zwölften Jahrhundert, und zwar der Zeit vor 
Walther, angehören. 

i Dtech. Stud. I, S. 350. a S. 334. 3 S. 349. 4 Leb. Walthera S. 248. 
5 Ebd. III, 625. 6 Gedichte des Mittelaltere auf Friedrich I. den Staufen 
und aus seiner sowie der nächstfolgenden Zeit (Abh. d. Berl. Akad. 1843) 
8. 153—155. 7 Ebd. 8. 161. * Ebd. 8. 165. » Burdach, Reinmar d. Alte 
und Walther von der Vogelweide. Leipzig 1880. S. 155. 




4 Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 

Das erstere schien schon Unland 1 anzuerkennen, indem er 
sagte : „Mittellateinische Volkslieder deutschen Ursprungs zählen, 
soweit ihr Inhalt volkstümlich ist, nicht zu den fremden." Dafs 
aber die politischen Dichtungen der C. B. in die Zeit vor Walther 
zu setzen sind, das zeigen schon die in einzelnen Gedichten selbst 
enthaltenen Jahreszahlen, z. B. 1177 in XXIX und 1187 in 
XXVI. Die gröfste Kraft, urteilt Gervinus, 2 tritt in der geist- 
lichen Polemik zu Tage. Die rebellischen Gedichte eifern in dem 
Tone, in dem Barbarossa zu den Päpsten redete, gegen Roms 
unersättliche Herrschsucht, gegen seine Unterdrückung von Wahr- 
heit und Recht, gegen seinen Götzendienst vor Plutus' Altar, 
gegen seine Käuflichkeit und Bestechlichkeit, Simonie und „Giezie", 
gegen den Verkauf des Chrisma und der Hostien — alles Themata, 
wie sie nachher Walther von der Vogelweide angeschlagen hat, 
so dafs schon Grimm 3 urteilte: „Wer nichts vom archipoeta 
wüfste und diese lateinischen Gedichte läse, würde ihm nicht die 
cithara Waltheri unbedenklich die unseres berühmten Sängers 
sein?" 

In der That, der Geist jener rebellischen Lieder, jener grim- 
migen Ausfälle, wie z. B.: 

Cum ad papam veneria, 
habe pro constanti: 
non est locus pauperi, 
soli favet danti,* 

oder: 

O vos bursae turgidae, 
Romam veniatis, 
Romas datur potio 
bursis constipatis' — 

ist derselbe wie in Walthers Gedichten, nur noch rücksichtsloser, 
heftiger, leidenschaftlicher. Engste Verwandtschaft der beider- 
seitigen Tendenz wird niemand leugnen. Was lä&t sich aus 
dieser Verwandtschaft folgern ? 

Burdach 5 schliefst daraus, die C. B. seien zum Teil latei- 
nische Bearbeitungen Waltherscher Gedichte; Martin, 6 Walthers 
Dichtungen seien zum Teil deutsche Bearbeitungen von Carmina 



' Schriften. 1866. III, S. 9. 5 Gesch. d. dtsch. Dichtung I, 197 f. 
3 a. a. O. S. 180. 4 C. B. IX. * a. a. O. S. 154 ff. 6 Die C. B. und 
die Anfänge des deutschen Minnesangs (Ztschr. f. d. A. 20, S. 46 ff.). 



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des dreizehnten Jahrhundert». 5 

Burana; leider beschränken beide ihre Beweisführung auf eigent- 
liche Minnelieder, wenngleich Martin 1 seine Behauptung auch 
auf die gegen die römische Kurie gerichteten Lieder ausdehnt. 

Gegen die Annahme Burdachs, dafs die C. B. Nachbildungen 
Waltherscher Dichtungen wären, spricht wenigstens bezüglich der 
politischen Lieder einmal der schon erwähnte Umstand, dafs in 
einigen Dichtungen historischen Inhalts Jahreszahlen angegeben 
sind, die vor Walthers politischer Dichtung liegen; ferner die 
mafslose Heftigkeit der rebellischen Lieder, welche die Angriffe 
Walthers, des vermeintlichen Originals, doch noch weit über- 
bieten; der Umstand, dafs die Angriffe auf den Papst durchaus 
allgemeiner Natur sind, nicht wie bei dem vermeintlichen Origi- 
nal Walther, auf eine bestimmte äufsere Veranlassimg zurück- 
gehen; endlich aber und vor allem der das Zeitalter Barbarossas 
deutlich verratende Siegesübermut des über den Papst triumphie- 
renden Kaisertums, der aus allen diesen rebellischen Gedichten 
untrüglich hervorleuchtet. 

Gegen die entgegengesetzte Annahme Martins, dafs Walther 
seinerseits die C. B. nachbildete, spricht der Umstand, dafs 
Walther, soweit uns bekannt, kein Latein verstand. Wenigstens 
hat Grimm 2 darauf aufmerksam gemacht, dafs sich dies aus den 
Spuren lateinischer Kenntnisse, den Worten „in nomine Domini" 
und „libera nos a rnalo" — die z. B. Wilmanns 3 als Beweise 
für eine gelehrte Erziehung Walthers anführt — , nicht schliefsen 
lasse, da diese Formeln aus den kirchlichen Gebräuchen jedem 
Laien bekannt und geläufig waren; folglich müfsten die C. B. 
von Waither nicht direkt, sondern erst aus deutschen Übertra- 
gungen nachgebildet sein. 4 — Dann hätte es aber „rebellische 
Gedichte" in deutscher Sprache vor Walther gegeben. Führen 
zu dieser Annahme vielleicht noch deutlichere Spuren? 

Gervinus 5 findet bezüglich der eigentlichen Minnelieder un- 
serer höfischen Dichter und dieser C. B. einen seltsamen, befrem- 
denden Unterschied. Wir könnten uns in so vielen vagen Minne- 
liedern wie fremd fühlen, in diesen lateinischen Gedichten fühlten 
wir uns deutsch. 



1 a. a. O. S. 66. » a. a. O. S. 180. 8 a. a. O. S. 255. 4 Martin 
a. a. O. S. 66 nimmt dies an bei 39, 11. . * a. a. O. I, 497. 



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6 Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 

Ähnliches empfinden wir bei diesen lateinischen Gedichten 
politischen Inhalts. Man mache nur die Probe und lasse sie auf 
sich wirken, wenn man z. B. hört : 

Jam jus novum Simoniam 
esse aicunt et sie viam 
linquunt per dementiam,' 

oder: 

Prineipes et abbates 

ceterique vates, 

ceteri doctores 

jura deposuerunt et mores 

canones et decreta, 

sicut scripsit propheta: 

Deum exaeerbaverunt 

et sanetum Israel blasphemaverunt * 

oder: 

Monachi sunt nigri 

et in regula sunt pigri,* 

oder: 

Doctores apostolici 
et iudices tatholici 
quidam colunt Albinum 
et diligunt Rufinum, 
cessant judicare 
et Student devorare 
gregem sibi commissum : 
ni cadunt in abyssum. 3 

Man sieht, diese lateinischen Gedichte sind ganz volkstüm- 
lich gehalten ; sollte bei solchen Vorgängern den deutsch dich- 
tenden Fahrenden des zwölften Jahrhunderts das Amt der Kritik 
öffentlicher Zustande wirklich ganz fremd geblieben sein? 

Wie, wenn einzelne der fahrenden Kleriker, um noch volks- 
tümlicher, um allem Volke verstandlich zu sein, deutsche und 
lateinische Verse derartig mischten, dafs sie auch von einem nur 
deutsch redenden, niederen Publikum verstanden wurden? Ein 
solches rebellisches Gedicht in diesem deutsch-lateinischen Misch- 
masch haben wir wenigstens, es ist C. B. CXCII, wo die Karg- 
heit der Geistlichkeit mit den Worten verspottet wird: 

Sicut cribratur triticum, 

also wil ich die herren tuon; 

liberales dum cribro, 

Die bösen risent in daz str6, 

viles sunt zicania, 

daz sie der tievel alle erslahe! 



i C. B. XVIII, 26. ■ C. B. XVII, 9. 10. IG. 3 o. B. XVII. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



7 



Bustieales clerici 
semper sunt famelici, 
Die geheizent und lobent vil 
und loufen hin cer schänden zil. • 
Quisque colit et amat, 
daz in sin art geleret hat. 
Natura vim non patitur. 
hinvur, hinvur, hinvur, hinvur! 



Ein derartiges Spottlied wird auch trotz der lateinischen 
Brocken das Volk auf der Landstrafse, auf den Märkten ver- 
standen haben. Jene lateinischen Brocken dienten wie in Schillers 
Kapuzinerpredigt und deren Vorbildern, den Predigten eines 
Abraham a Santa Clara» wohl nur als Ruhepausen für den Zu- 
hörer, der auf die dann folgenden pointenreichen, ihm verständ- 
lichen deutschen Sätze mit desto gespannterer Aufmerksamkeit 
lauschte. 

Ein ° solches „rebellisches" Mischmaschlied ist erhalten — 
und es sollte keine anderen gegeben haben? 

Wenn aber solche Mischmaschlieder im Munde des Volkes 
waren, wenn Berührungen zwischen weltlichen Spielleuten und 
Klerikern 1 unzweifelhaft stattgefunden haben und Spielleute von 
den Geistlichen zu lernen suchten 2 — wie hätten sich die deutsch 
redenden Spielleute einen so dankbaren Stoff, eine so unerschöpf- 
liche Fülle von Motiven, wie sie cier echt volkstümliche Spott 
auf das anstöfsige Leben der Geistlichkeit und auf die Habsucht 
der Kurie darbot, entgehen lassen? 

Diese Ansicht, dafs die „rebellischen* Lieder der Carmiua 
Burana nicht nur in lateinisch-deutscher Mischsprache, sondern 
auch bald in rein deutscher Sprache aus dem Munde der Fah- 
renden wiedertönten, findet eine merkwürdige Analogie in dem 
umgekehrten Vorgehen der Fahrenden in früheren Zeiten. 

Früher hatten Spielleute unter ihr Deutsch das Latein ge- 
mischt und sich dadurch einem höherstehenden Publikum em- 
pfohlen. 3 Wie sie damals durch das beigemischte Latein zu den 
Rittern hinaufgestiegen waren, so stiegen sie jetzt durch das bei- 
gemischte Deutsch zum Volke herab, ja liefsen endlich die latei- 
nischen Zuthaten gänzlich fallen. 



1 Wilm., Leb. W. S. 3. * Ebd. 8. 254. 3 Scherer, Geach. d. dtech. 
Litt S. 63. Müllenhof u. Scherer, Denkm. XVIII. 




8 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Demgemäfs wird die Vermutung, dafs eine deutsche politische 
Lyrik der Spielleute etwa in dem Genre der Carmina Burana, 
soweit dieselben politischen Inhalts sind, schon vor Walther exi- 
stiert habe, nicht unbegründet erscheinen. 

Es bleibt noch die zweite Frage zu prüfen, ob Walther seine 
politische Lyrik von ihnen, den Spielleuten, überkommen oder ob 
sein Genius dieselbe frei geschaffen hat 

„Wäre die Poesie der Spielleute der geistlichen überlegen 
gewesen, schwerlich hätte diese solchen Umfang erreicht, schwer- 
lich wäre jene ganz verloren, sicherlich hätte die französische 
Litteratur seit dem zwölften Jahrhundert* nicht eine so geradezu 
überwältigende Wirkung über Deutschland gehabt. Die Poesie 
der Spielleute trug den Keim einer höheren selbständigen Ent- 
wickelung nicht in sich. tt 

Hier wird von Wilmanns 1 in Abrede gestellt, dafs «ine weit 
verbreitete Liebeslyrik vor der höfischen Miunedichtung in Deutsch- 
land vorhanden war. Dieses letztere aber geht aus Liedern wie 
dem nachher von ihm selbst angeführten: 

Swaz hie gät nmbe 
daz sint alles megede, 
die wellen t ane man 
allen disen sumer gan, 

oder dem bekannten 

Du bist min, ich bin din, 

des solt dü gewis sin; 

du bist beslozzen 

in mlnem herzen; 

verloren ist daz sluzzelin, 

du muost immer drinne sin — 

deutlich hervor; hat demnach Burdach 2 mit Bezug auf das rei- 
zende Iied „Under der linden u. s. w. tt ein Recht zu behaupten, 
dergleichen könne auch der gröfste Dichter nicht, ohne sich an 
anderen Mustern gebildet zu haben, hervorzaubern, 3 so wird es 
sehr wahrscheinlich, dafs Walther seinen höfischen Iiebesliedern 
frische Lebenskraft nirgend andersher zugeführt habe, als aus 
der volksmäfsigen Liebeslyrik. 4 

Vielfach findet bei Walther die gnomische Spruchpoesie An- 



» Leb. W. S. 4. 1 a. a. O. S. 16. •» Gödeke I, 48. 4 Burdach S. 15 ff., 
128 ff., 154 f. 



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de« dreizehnten Jahrhundert«. 



9 



wendung, in welcher er einfache Lebensweisheit vorträgt, bald in 
ganz einfachen Formen, die dem volksmäfsigen Gesänge offenbar 
nahe 1 stehen, z. B. „Nieman kan beherten u. s. w. a , bald in künst- 
licheren des höfischen Gesanges, wie „sw& guoter hande würzen 
sint in einem grüenen garten u. s. w. a 

Auf diesem Gebiete hatte Walther Vorgänger an Anonymus 
Spervogel (Herger) und seiner Schule gehabt. 

Wilmanns 2 meint allerdings, Herger stehe allein mit seiner 
didaktischen Lyrik; mit Sicherheit konnten wir keinen Dichter 
des zwölften Jahrhunderte anfuhren, der auf seiner Bahn fort- 
geschritten wäre. Den Spervogel pflegte man als seinen unmittel- 
baren Nachfolger anzusehen, aber das sei mindestens ungewils; 
seine Poesie enthalte nichts, was zwänge, ihn schon in das zwölfte 
Jahrhundert zu setzen. — Aber die Existenz 3er Spruchdichtung 
des Anonymus Spervogel (Herger) allein genügt zum Beweise 
dafür, dafs in der Poesie des zwölften Jahrhunderts bereits der 
gnomische Spruch seine Stelle hatte. Setzt doch zum Uberflufs 
Wilmanns selbst hinzu: „Dafs diese Gattung der Poesie über- 
haupt keine weiteren Vertreter gefunden habe, folgt daraus natür- 
lich nicht und ist ganz unglaublich. 44 

Aus Hergers eigenen Worten 3 kennen wir seine niedrige 
Herkunft; unzweifelhaft geht daher die von ihm vorgetragene 
Spruchweisheit auf den Kreis, in welchem er aufgewachsen war, 
zurück. Lediglich durch den Umstand, dafs um seine Zeit die 
Volkslitteratur erst Schriftlitteratur wurde, ist er also nach 
Scherers Urteil 4 der Ahnherr der deutschen Didaktik. 

Wir sehen, Walther hat auf dem Gebiete des gnomischen 
Spruches einen dem Bauernstande entsprossenen Dichter als Vor- 
ganger gehabt; auf dem Gebiete der Liebeslyrik hat er sich an 
volksmäfsige Dichtung angeschlossen; mufste sein Genius also, 
wie Menzel sagt, die politische Spruchdichtung durchaus frei er- 
schaffen, während solche doch, wie oben gezeigt, bei den Spiel- 
leuten vermutlich längst schon gang und gäbe war? Er sollte 
an ihrem volksmäfsigen Gesänge seine Liebeslieder und gnomi- 
schen Sprüche gebildet haben — und ihr Vorbild sollte ihm für 

1 Burdach S. 169. Anderer Ansicht ist Wilmanns Ausg. S. 324. 
' Leb, S. 35. 1 Bartsch L. D. III, 46-48. 4 Dtsch. Stud. I, 297. 




10 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



seine politischen Spräche entgangen sein, in denen er so mächtig 
und so eindringlich, so echt volksmäfsig zu reden weifs, dafs er 
„Tausende zu bethören" verstand? 

Sein Verdienst bleibt immerhin grofe genug. 

Mit Recht hat man es eine befremdende Erscheinung ge- 
nannt, dafs z. B. in den Liedern Friedrichs von Hausen nichts 
zu entdecken ist, was auf seinen Stand, seine Stellung, seine 
Ritterschaft, seinen Staatsdienst unter Friedrich I. könnte schließen 
lassen ; 1 dafs in der gewaltigen Liedermasse der ritterlichen Dichter 
vor Walther auch nicht ein hervorragendes politisches Ereignis 
der bisherigen politischen Geschichte Deutschlands von Karl dem 
Grofsen bis auf Friedrich L erwähnt wird; 2 dafs das Rittertum 
nur für übersinnliche und unsinnliche Interessen gekämpft und 
sich stets ferngehalten hat von den wirklichen Lebensfragen des 
Vaterlandes. 3 

Walthers Verdienst ist es, dafs er die bisher auf die Kreise 
der Fahrenden beschränkte politische Lyrik nicht nur aufnahm 
und sie mit den künstlichen Formen des höfischen Minnesangs 
ausstattete, sondern auch diese dem höfischen Minnesang bisher 
fremden Stoffe auf den Burgen und an den Höfen der Adligen, 
der Fürsten, ja der Kaiser zur Geltung zu bringen wufste. 

So ging er mit schneidendem Ernste über den Liebessing- 
sang hinaus, und auf seinen Schultern ruhte fortan die nun weiter 
sich ausbreitende politische Lyrik des dreizehnten Jahrhunderts. 

Wenn daher Burdach 4 Walther den ersten nennt, der mit 
Bewufstsein Volkstümliches in die höfische Minnepoesie eingeführt 
hat, so wird zu diesem Volkstümlichen ganz besonders auch die 
politische Spruchdichtung gezählt werden müssen. 



Walther also ist der Chorführer auf dem Gebiete der deut- 
schen politischen Lyrik des dreizehnten Jahrhunderts. Eine Cha- 
rakteristik derselben dürfte daher am geeignetsten von einer 



1 Gerv. I, 484. a Menge, Kaisertum und Kaiser bei den Minnesän- 
gern (Köln. Frogr. 1880, S. 9, Anm. 36). 3 Burdach S. 125. 4 a. a. O. S. 128. 



Zweiter Abschnitt. 
Die politische Dichtung Walthers. 




des dreizehnten Jahrhundert«. 



11 



Charakteristik der politischen Lyrik Walthers ausgehen, da durch 
ihn die Kreise gezeichnet sind, in denen sich die gesamte deutsche 
politische Lyrik des dreizehnten Jahrhunderts fortan bewegt, — 
übertroffen, ja auch nur erreicht hat ihn keiner seiner Nachfolger. 

Welches sind also die Kreise, in denen sich Walthers poli- 
tische Lyrik bewegt? 

„Ir sult sprechen willekomen" — so singt Walther „den 
Preis des deutschen Landes vor allen anderen, deren er viele 
durch wandert u . Pfeiffer giebt dem Liede die Überschrift: „Deutsch- 
land über alles/ Es ist ein Preis des deutschen Landes, vorzüg- 
lich der deutschen Frauen; und Klänge, die noch heute alle 
deutschen Herzen entflammen, wie „Deutschland über alles u und 
„Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald", sind ihm abge- 
lauscht. — Der „hochschwebende Jubel" beim Anblick des ge- 
krönten Königs Philipp zu Mainz 1 am 8. Sept. 1198, bei der 
Begrülsung des Kaisers Otto auf dem Hoftage zu Frankfurt, 2 — 

Her keiser, alt ir willekomen, 

des küniges name ist iu benomen; — 

seine beiden Aufforderungen an Friedrich n. 3 zur Unternehmung 
des Kreuzzuges: „Her keiser, ich bin frönebote u. s. w. u und 
„Her keiser, swenne ir Tiuschen fride u. s. w.", sind von derselben 
patriotischen Begeisterung getragen; das „farbenhelle Gemälde 44 
des Kirchganges des Königs Philipp mit seiner Gemahlin an dem 
Magdeburger Weihnachtsfeste 1199 4 mit gleichen Farben ent- 
worfen. Und seine Klagen, wie 

1 18, 29. Ausg. v. Lachmann. Von Simrock, Ausg. S. 46 u. Nagele, 
Germ. 24, 152 f. auf das Magdeburger Weihnachtsfest bezogen; Wilmanns 
Ausg. S. 144 giebt die Möglichkeit dieser Beziehung zu — gegen Lachm. 
zu 18, 36 u. Rieger S. 8. Unland V, S. 23 (Schriften 1870) — , ich glaube, 
mit Unrecht wegen der Beziehung auf „Philippe, setze en weisen üf tt , „die 
armen künige tt und „die ze hören zirken" in 9, 13—15; eine eingehende Be- 
gründung würde hier zu weit führen. * 11, 30. Eine Besprechung der von 
Wilm. Leb. S. 74 vorgetragenen Ansicht, dafs W. hier „falsches Zeugnis* 
bez. der Treue des Meifsners und der Ergebenheit der Fürsten abgelegt 
Jiabe, folgt spater, S. 25 ff. 3 12, 6. 18. Wilm. Ausg. S. 123 verlegt die 
beiden Sprüche auf den Frankfurter Reichstag 1212; Winckelmann, Phi- 
lipp von Schwaben und Otto 2, 205 auf die Zeit bald nach der Krönung 
und vor der Bannung Ottos IV., 1209—1210, Paul-Braune, Beiträge 8, 170 
weist sie — wie Unland S. 135 schon gewollt — als auf Friedrich II, 
zu beziehen nach. 4 19, 5. 



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12 Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



oder 



Ich sach hievor eteswenne den tac, 
daz unser lop was gemeine allen zungen, 
swa uns kein land lender nfthe gelac, 
daz gerte suone oder ez was betwung^n, 1 

untriuwe ist in der säze, 
gewalt vert üf der str&ze, 
trid' unde reht sint s&re wunt 2 



und andere 3 atmen denselben Geist 

„Die Vaterlandsliebe, dieses ledle Gefühl, ist die Seele eines 
bedeutenden Teils seiner Dichtungen. Überall erregt es ihn zu 
der lebhaftesten Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten. 
Ihm gebührt unter den altdeutschen Sängern vorzugsweise der 
Name des vaterlandischen. Keiner hat wie er die Eigentümlich- 
keiten seines Volkes erkannt und empfunden." 4 

Seine liebe zum Vaterlande ist es, die ihn dazu treibt, in 
dem Kampfe zwischen Kaiser und Papst mit Eifer, ja mit Leiden- 
schaft die Partei des ersteren zu ergreifen. 

In diesem Kampfe lassen sich drei Stadien erkennen. Im 
ersten Stadium beklagt Walther, dafs der Papst in weltliche Ge- 
rechtsame übergreife, und bleibt wesentlich defensiv; im zweiten 
sucht er das Unrecht der Kurie, das Recht des Kaisers zu er- 
weisen und deckt die Widersprüche in der päpstlichen Politik 
mit schneidender Ironie auf; er verbindet Defensive und Offen- 
sive; im dritten Stadium greift er zu den heftigsten Schmähun- 
gen auf die Kurie selbst und rät sogar zu Gewaltmafsregeln, zur 
Temporaliensperre des neunzehnten Jahrhunderts; er geht zu 
schneidiger Offensive über. 

In dem Spruche, der unbestritten in die Zeit des Thron- 
streites zwischen Philipp und Otto IV. verlegt wird, 5 kommt 
allerdings schon die Bemerkung vor: 

Ze RAme hörte ich liegen 
und zwene künege triegen, 

ferner : 

si hienen, die si wolten, 
und niuwet, den si selten; 

aber der Schlufs enthält ziemlich resigniert die Klage des Klausners : 



1 85, 25. a 8, 24. * 102, 15. 9, 8. 4 Unland, Schriften 1870. Bd. V, 
S. 31 f. 5 9, 16. Von Simrock in das Jahr 1198 verlegt wegen des „allze 
junc u , von Wilm. Ausg. S. 114 mit überzeugenden Gründen in das Jahr 1201. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



13 



Ö w6, der bäbest ist ze junc, 
hilf, h&rre, diner kristenheit — 

wie zalim im Vergleich zu Walthers späteren heftigen Angriffen ! 1 
Ebenso resigniert lautet die Klage: 

Daz st dir, süezer got, gekleit 

die pf äffen wellent leien reht verkeren.' 

Der Spruch, dem diese Worte angehören, wurde nach dem 
Vorgange von Abel 3 auch von Wilmanns 4 auf Otto IV., von 
Paul-Braune 5 auf Friedrich IL und auf die Zeit von 1212 — 1215 
bezogen, wogegen ihn Nagele 6 nach dem Vorgange von Lach- 
mann und Simrock in das Jahr 1198 setzt. Entscheidend für 
die Kontroverse zu Gunsten von Nagele scheinen die Worte zu sein : 

Alle fürsten leben t nü mit &ren, 
wan der hoehest' ist geswachet, 
daz hät der pf äffen wal gemachet, 

die Wilmanns auf die Doppelwahl des Jahres 1198 nicht für 
passend halt. Nun besagen doch aber die Worte des Spruches 
. „alle fürsten lebent nü mit 6ren, wan der hoehest' ist geswachet" 
nichts anderes als „die cirkel sint ze höre", und gerade der 
Spruch, in dem diese Worte vorkommen, wird von Wilmanns 
selbst in das Jahr 1198 gesetzt. Wenn derselbe aber — wie 
P.-B. a. a. O. — an dem Ausdrucke „der pfaffen wal" Anstofs 
nimmt, so hebt sich auch dieser Anstofs durch die Worte des 
Spruches „Ich sach mit minen ougen", wo es heifst : 

davon huop sich der meiste strit, 
der S was oder iemer sit, 
daz sich begonden zweien 
die pfaffen unde leien. 

Wird nämlich dieser Streit zwischen pfaffen und leien auf 
Philipps Thronstreit bezogen, wie allgemein, auch von Wilmanns, 
geschieht, so bleibt kein Hinderungsgrund, auch dem Ausdrucke 
„der pfaffen wal tt gleiche Beziehung zu geben. 

Wenn schliefslich Abel und P.-B. in dem Spruche wegen 
der Erwähnung der Konstantinischen Schenkung einen zu starken 
Angriff auf die weltliche Herrschaft des Papsttums sehen, als 



1 Gleiches Urteil bei P.-B., Beitr. 8, 168. 2 25, 23, 24. 3 Zs. f. d. A. 
IX, 144. 4 Leb. S. 444. 5 P.-B., Beitr. 8, 167 f. • Genn. 24, 157. 



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14 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



dafs er nicht auf die Zeit der höchsten Macht des Papstes Inno- 
cenz zu beziehen wäre, so ist glücklicherweise zum Vergleich 
noch ein anderer Spruch vorhanden, worin ebenfalls der Kon- 
stantinischen Schenkung gedacht wird. 1 Derselbe gehört wahr- 
scheinlich in das Jahr 1229, wo Papst Gregor IX. und Kaiser 
Friedrich II. sich so feindselig gegenüberstanden, wie nur je 
Innocenz IH. und Otto IV. gestanden hatten. Da sagtWalther 
betreffs der Konstantinischen Schenkung, die Pfaffen wären nur 
dazu da, um zu singen und Almosen zu geben, hier: „daz si dir, 
süezer got, gekleit, die pfaffen wellent leien reht verkeren"; da 
im Anschlufs an die Erwähnung der Konstantinischen Schenkung 
die bündige Abfertigung: „Singt und betet nur gefälligst, um 
dieWek sorgen wir! u — hier im Anschlufs daran die — man 
möchte sagen sanftmütige — Klage: „O weh, dafs die Pfaffen 
Laienrecht verdrehen! 14 — da energischer Protest, hier beschei- 
dene Resignation, die — so viel wird der Vergleich gezeigt haben 
— durchaus nicht angemessen ist, auf die Zeit der höchsten Macht 
des Papstes Innocenz zu beziehen, vielmehr immer noch eine ge- 
wisse Mäfsigung zeigt und also in den Anfang des Streites zwi- 
schen Papst und Kaiser zu gehören scheint. Freilich, mit dem 
Erfolge der Kurie wuchs das Begehren — bald hatte Walther 
Veranlassung, entschiedener aufzutreten. 

Im Laufe des Jahres 1211 zeigte Papst Innocenz HL in 
einem Schreiben an die deutschen Fürsten die gegen Kaiser 
Otto IV. ausgesprochene Exkommunikation und Eideslösung an. 2 
Den Einwurf, dafs der Papst selbst Otto so weit habe kommen 
lassen, erhob Walther, 3 und die drei Sprüche 9 „Her habest, 
ich mac wol genesen; Gott glt ze künege, swen er wil; do 
gotes sun hie 'n erde gie a bilden die Antwort auf jene päpstliche 
Anzeige. 4 

Man sieht also, dafs jene Sprüche durch den Angriff des 
Papstes gegen den Kaiser erst hervorgerufen, also insofern defen- 
siv sind. Aber wie führt er die Verteidigung? „Herr Papst, 
ich will Euch gehorsam sein; einst gebotet Ihr, Kaiser Otto zu 



» 10, 25. 1 Winkelmann 2, 256. 3 11, 6. 12, 30. 11, 18. 4 Wilm. 
Leb. S. III. Anders Unland S. 136. Wackernagel, Rieger, Pfeiffer bei 
Menzel S. 191. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 15 

gehorchen, und sagtet, seine Freunde seien gesegnet, seine Feinde 
verflucht; daran denket jetzt! Wenn Ihr jetzt ihm flucht, so 
habt Ihr entweder früher oder jetzt gelogen ; gebt vielmehr dem 
Kaiser, was des Kaisers, und Gott, *vas Gottes ist." So hängen 
die drei Sprüche inhaltlich zusammen: der erste enthält den That- 
bestand; der zweite zieht die Folgerung, dafs die Pfaffen Lügner 
seien; der dritte vergleicht sie deshalb mit den Pharisäern — 
der Dichter geht, nachdem er die Blöise des Gegners erspäht 
hat, zum Angriff über. 

Je verbitterter die Stimmung, desto heftiger der Angriff. 
Der Zauberer Gerbert als Inhaber des römischen Stuhles hat nur 
sich ins Verderben gestürzt; der jetzige Papst verkehrt Gottes 
Werke, verfälscht Gottes Wort, ist ein Hirt wie ein Wolf unter 
den Schafen. 1 Der Papst ist ein Genosse des Teufels, darum 
lafet von ihm, Bischöfe und edle Pfaffen! 3 Die ganze Herde 
folgt dem Papste in Habsucht, Lug und Trug; aber der junge 
muft schliefslich mit dem alten Judas zu Grunde gehen. 3 Hat 
er früher dem Papste mit Ironie den Widerspruch in seinem 
Verhalten aufgewiesen, so sagt er jetzt mit Hohn: Wie lacht 
der Papst, wenn das Reich durch Verwirrung, Brand und Ver- 
wüstung leidet, das deutsche Silber aber in seinen welschen 
Schrein fährt; 4 Herr Stock, Ihr sucht im deutschen Lande Thö- 
rinnen und Narren; 5 der Papst ist schlimmer als die Heiden, 
welche wenigstens offene Feinde Christi sind. 6 — Am gefähr- 
lichsten für die Kurie, wenn schon die Zeit -dazu gewesen wäre, 
ihn durchzuführen, war der Vorschlag zur Einziehung der Kirchen- 
güter; Abnehmer würden sich schon finden. 7 

Man kann die zunehmende Verschärfung und Erbitterung 
während des langen Kampfes in keinem historischen Berichte 
anschaulicher dargestellt finden als in den angeführten Sprüchen 
Walthers von dem gemäfsigten „O we, der habest ist ze junc tt 
und „gote sfz gekleit" an bis zu dem schneidigen „Ahi, wie 
kristenliche der bäbest unser lachet" und „man swenke in lihte 
engegene den vil swinden widerswanc ! u 

Friedrich I. hatte mit gewaltiger Hand die nach Erweiterung 
ihrer Territorialmacht und ihrer Rechte strebenden Fürsten nieder- 



1 33, 21. 9 33, 1. ■ 33, 11. * 34, 4. * 34, 14. • 10, 9. * 33, 1. 



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16 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



gehalten; nach seinem Tode schon wagte sich ihr Streben nach 
gröfserer Unabhängigkeit von der kaiserlichen Gewalt aufs neue 
hervor, und die Aufstellung von Gegenkönigen unter seinen Nach- 
folgern wirkte um so verderblicher auf die Zersplitterung der 
unter Friedrich I. so gesicherten Kaisermacht, als beide Präten- 
denten sich nur durch Erweiterung der Rechte der Fürsten 
Anhang unter denselben verschaffen konnten. Immer gefähr- 
licher wurde die wachsende Macht der Fürsten für die Einheit 
des Reiches, und die Geschichte unseres Vaterlandes zeigt, wie 
die Kaisermacht durch die Fürstenmacht mehr und mehr zurück- 
gedrängt wurde. Obgleich eine klare Erkenntnis der drohenden 
Gefahr dem ganzen Zeitalter und vor allem den staufischen 
Kaisern selbst gefehlt haben mufs, die sonst sicherlich mehr für 
die Festigung des Reiches im Innern gethan und nicht eine solche 
Fülle deutscher Kraft im Auslande verschwendet hätten, so führte 
doch die zunehmende Unsicherheit und Zerrüttung im Reiche 
manchen die Notwendigkeit einer starken Kaisergewalt gegenüber 
den Anmafsungen der Fürsten vor Augen. Auch in Walthers 
politischen Sprüchen werden die Fürsten wegen ihrer Unbot- 
mäfsigkeit gegenüber der kaiserlichen Gewalt wiederholt getadelt, 
und Walther ergreift demnach die Partei des Kaisertums nicht 
nur dem Papste, sondern auch den Fürsten gegenüber. 

Er beklagt die Beeinträchtigung der kaiserlichen durch die 
fürstliche Macht in den schon bei anderer Gelegenheit 1 erwähn- 
ten Äußerungen: „die cirkel sint ze h6re tt .* und „alle fürsten 
lebent nü mit eren, wan der hoehest ist geswachet". 3 

Ferner 4 bittet Walther um Gnade für seinen alten Gönner, 
den Landgrafen von Thüringen, 5 mit der Begründung, dafs dieser 

» S. 25. 2 9, 13. Die Vermutung von Wilmanns, Leb. S. 88, dafc 
Walther in einer Maiversammlung österreichischer Landherren diesen 
Spruch gesungen habe, entbehrt jedes haltbaren Grundes. Im Spruche 
selbst steht nichts davon. Die Meinung, dafs Walther schwerlich am Hofe 
Philipps selbst, sicherüch nicht vor einem Manne, der selbst den Fürsten- 
reif trug, es wagen durfte, das Wort zu sprechen : „die cirkel sint ze hfcre", 
d. h. „die Fürsten sind zu übermütig", widerlegt sich durch die That- 
sache, dafs Walther in einem anderen — wie Wilmanns selbst annimmt — 
vor Otto vorgetragenen Spruche die treulosen Fürsten mit einer Diebes- 
bande vergleicht und ihnen auch noch andere bittere Wahrheiten sagt. 
a 25, 11. 4 105, 13. * Wilm., Leb. S. 111. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



17 



wenigstens ein offener Feind des Kaisers gewesen sei, wogegen 
die „zagen" heimliche Pläne geschmiedet hätten. Er tadelt ihre 
heimlichen Umtriebe, denen zufolge sie sich von Rom au shätten 
zur Empörung anstacheln lassen, ja sagt am Schlüsse : „seht, diep 
stal diebe", vergleicht sie also mit Dieben, und zwar mit solchen, 
die nicht einmal untereinander Diebstreue hielten. 1 

Einen anderen Spruch 2 richtet er an die fürsten, die des 
küneges gerne wteren äne; er rät ihnen, den König Friedrich II. 
die Kreuzfajirt unternehmen zu lassen, 3 vielleicht bliebe er im 
Felde und sie würden ihn ganz los, wenngleich er das Gegenteil 
hofft; er stellt sich unter den friunden des Kaisers jenen Fürsten, 
die er geradezu als vinde bezeichnet, gegenüber, behandelt also 
die Fürsten, welche dem Kaiser beim Kreuzzuge Schwierigkeiten 
machten, geradezu als eine kaiserfeindliche Partei. 

Auch der Spruch auf Engelbert von Köln, der von Fried- 
rich IL im Reiche als alleiniger Gubernator oder, wie Walther 
sagt, als fürstenmeister zurückgelassen war, ist mit seinem Lobe 
wegen der kräftigen Wahrung des Landfriedens, seiner Aufforde- 
rung, trotz der erfahrenen Anfeindungen in dieser Richtung zu 
verharren, gegen die grofsen und kleinen Herren gerichtet, gegen 
deren Gewalttätigkeiten Engelbert mit der unnachsichtlichsten 
Strenge eingeschritten war,* und in dem Lobspruche auf Engel- 
bert nach dessen gewaltsamem Tode scheine es fast, meint Wil- 
manns, 5 als ob Walther mit den Worten „Swes leben ich lobe, 
des töt den wil ich iemer klagen" ein Ansinnen der Adelspartei, 

1 Unbestritten ist, dafs der Spruch an Otto IV. gerichtet ist. Wegen 
der Worte „von Rome fuor ir scheiden 44 gehört er wahrscheinlich in die 
Zeit nach Verhängung des Bannes (1210). Wilmanns Ausg. 8. 3G1 verlegt 
ihn auf den Frankfurter Reichstag im März 1212 — mit Unrecht, wie 
sich nachher zeigen wird. Für die jetzt zu erörternde Frage bleibt die 
Jahreszahl gleichgültig. 2 29, 15. 3 Unter der Aufforderung, doch dem 
Kaiser seinen Willen zu thun, sagt Wilm., Leb. S. 129, sei „natürlich" die 
Wahl Heinrichs gemeint, und „sehr bezeichnend" sei es, dafs Walther für 
diese Absicht „keinen bestimmten Ausdruck" braucht. Also weil in dem 
Spruche von der Wahl Heinrichs keine Rede ist, sei „natürlich" die 
Wahl Heinrichs gemeint? 4 Winkelm., Kaiser Friedrich II. S. 235. Bei 
fernerer Anführung von Winkelmann ist bei zugefügter Angabe des Bandes 
das Werk „Philipp von Schwaben und Otto", bei fehlender Angabe des 
Bandes sein „Kaiser Friedrich II." zu verstehen. ß Leb. 8. 184. 
Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 2 




18 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



durch sein Wort die Erregung gegen den Mörder nicht noch zu 

steigern, von der Hand weise. 

In dem Iiede endlich „Der anegenge nie gewan" 1 sagt Wil- 

manns 2 im Hinblick auf die Worte: 

Mit wem solte ich mich besprechen, 
ich wolte iuch herren ruowen län — 

sie zeigten, dafs Walther jemand im Auge habe, der, um Gott zu 
rächen — es handelt sich um Unternehmung des Kreuzzuges, 
1227 — , sich mit widerstrebenden Herren zu benehmen hatte; er 
zweifle nicht, dafs der Vers eine Anspielung auf die Fürsten sei, 
die des Königs Plänen Hindernisse bereiteten. 

Die angeführten Stellen werden genügend zeigen, dafs Walther 
wie im Kampfe zwischen Kaiser und Papst, so auch im Kampfe 
zwischen Kaiser und Fürsten zur Partei des Kaisers gestanden hat. 

Dafs er trotzdem zeitweise am Hofe des Meifsners und des 
Thüringers gelebt hat, wird man dagegen schwerlich geltend 
machen können. Der Aufenthalt bei beiden, als Beschützern der 
Kunst des Minnesangs, hat mit seiner eigenen Parteistellung und 
mit seiner politischen Dichtung nichts zu schaffen; und dafs er 
denen, welche ihm Gutes erwiesen hatten, dankbar war und 
z. B. mannhaft für den Thüringer eintrat, als demselben die 
Strafe des Kaisers drohte, gereicht ihm nur zur Ehre. 

Schon längst lagen Ritter und Pfaffen, die beiden Stände, 
die sich zuerst aus dem Volke ausgesondert hatten, in heifsem 
Ringen um die Herrschaft. 3 Auch Walther nahm als Angehöriger 
des ritterlichen Standes* in diesem Kampfe Stellung. Während 
er aber in dem Kampfe des Kaisertums wider den Papst sich 
fast ausschliefslich auf das Feld der Politik beschränkt, greift er 
in dem Kampfe wider die Geistlichkeit auf das sociale und reli- 
giöse Gebiet über, ohne dafs jedoch eine scharfe Grenze zu ziehen 
möglich wäre. Nur werden diejenigen Sprüche als schon erledigt 
von der Behandlung auszuschliefsen sein, in welchen Walther die 
Geistlichkeit mit der römischen Kurie identifiziert und seine An- 
griffe ausschliefslich gegen ihre oppositionelle Stellung zur Kaiser- 
macht richtet Man wird sich zu beschränken haben auf die- 



» 78, 24. 2 Ausg. S. 804. a Wilm., Leb. S. 248. 4 Gerv. I, 523; Kober- 
stein-Bartsch I, 224; Gödeke I, 143 gegen Kurz I, 52 b. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



19 



jenigen Sprüche, in welchen er die Geistlichkeit nicht als poli- 
tische, sondern als sociale Macht, als Stand angreift. Besonders 
ist es das anstofsige Leben und die Habgier des geistlichen 
Standes, wogegen er seine Angriffe richtet. 

Die Pfaffen, so äufsert er sich, die uns den Weg zum Himmel 
weisen sollten, betrügen uns mit ihrem geistlichen Leben. 1 Die 
Christenheit mufs in Irrtum verfallen; ihre Lehrer sind ihrer 
Sinne beraubt wie kein simpler Laie. Sie sündigen ohne Furcht, 
zeigen uns den Weg zum Himmel und fahren selber zur Hölle; 
zur Keuschheit sind sie verpflichtet, welches schöne Weib aber 
ist vor ihren Nachstellungen sicher?* Wort und That der Geist- 
lichkeit war beides früher rein, jetzt ist beides schlecht. 3 Sie, 
die Pfaffen, stören den Frieden des Reiches; deshalb sind die 
gerechten von den ungerechten zu scheiden, schlimmstenfalls sie 
samt und sonders aus ihren Pfründen zu jagen; 4 früher keusch 
und frei von Ubermut, sind sie jetzt eine Last für das Reich ; 
statt zu singen und ihre Verführungskünste bei Frauen unter- 
wegs zu lassen, 5 mischen sie sich in weltliche Angelegenheiten. 6 

Ein wackerer und tüchtiger Charakter, der von der Kirche 
kein Dogma erträgt; 7 ein würdigerer Vorlauf er der Hutten und 
Luther als jene geistlichen Lateiner des zwölften Jahrhunderts wird 
Walther von Gervinus 8 genannt. Wenn es richtig ist, dafs in der 
Zeit Friedrichs I. die Anfänge der deutschen Reformation liegen 
und deren Fortgänge in einer ununterbrochenen Kette von Erschei- 
nungen bis auf Luther zu verfolgen sind, 9 so wird Walther ein 
würdiges und gewichtiges Glied in dieser Kette sein. 

Wilmanns freilich meint, 10 indem er den in den Sprüchen 
hervortretenden Eifer der Parteileidenschaft rügt, man dürfe den 
Sänger keineswegs als Vorläufer der Reformation ansehen, da er 
alle geistlichen Rechte, welche die Kirche für sich in Anspruch 
nahm, vom Bann bis zur Verwaltung des Schatzes überzähliger 
guter Werke, anerkannt habe. 

Hiergegen hat schon Unland 11 darauf hingewiesen, wie Walther 

1 21, 25. Das Jahr der Abfassung, nach Abel, Pfeiffer, Bartsch 1207, 
nach Zarncke u. Wilmanns 1201, nach, Nagele 1198, ist hier ohne Belang. 
* 33, 31. 3 34, 24. 4 10, 17. * 10, 25. 6 So erklärt Wümanns ritterliche 
pfaffen 80, 19. ' Gervinus I, 520. ■ Ebd. 8. 523. • Ebd. 8. 496. 10 Leb. 
S. 116. " a. a. O. 8. 125. 

2* 



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20 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Ansichten vom Ablafshandel vortrage, die man bei einem Dichter 
aus der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts nicht gesucht 
haben würde. 

Aber ganz abgesehen von dogmatischen und theologischen 
Fragen, deren subtile Erörterung wir freilich in Walthers Dich- 
tungen vergeblich suchen würden: schon dafs er die Entartung 
der Geistlichkeit, ihr Heraustreten aus den Grenzen ihres Berufs, 
die Verdorbenheit der Kirche mit scharfem Sange angreift, 1 ge- 
nügt wohl, um ihn als würdigen Vorläufer von Hutten und Luther 
erscheinen zu lassen. 

Aus diesem Grunde scheint eine Vorsicht von der Art, wie 
sie ihm Wilmanns zuschreibt, mit seinem sonstigen Auftreten 
völlig unvereinbar. Gerade deshalb nämlich habe er, glaubt Wil- 
manns,* 2 seinen Leich gedichtet, der in die Jahre des Kampfes 
gegen Innocenz zu gehören scheine, um in dem bitteren Kampfe 
gegen die augenblicklichen Machthaber der Kirche doch keinen 
Zweifel an seiner frommen christlichen Gesinnung zu lassen. 

Dann lassen sich aber seiner von wahrhafter Frömmigkeit 
zeugenden Selbstanklage, dafs ihm die Feindesliebe fehle und 
dafs er Gott nicht preise, 3 gleiche Beweggründe unterschieben; 
dann kann seine Begeisterung für den Kreuzzug mit demselben 
Rechte für unecht, mit demselben Rechte als ein Gebot der Vor- 
sicht und Klugheit gedeutet werden. Wenn er ihn nun gar mit- 
gemacht hätte? 4 Wäre das vielleicht auch nur geschehen, um 
keinen Zweifel an seiner christlichen, frommen Gesinnung zu lassen ? 

Den Widerspruch, dafs er ein ebenso erklärter Gegner der 
Priesterherrschaft als ein begeisterter Herold der Kreuzzüge war, 
hat schon Uliland als nur scheinbar nachgewiesen. 5 „Wenn der 
heilige Vater nach Rücksichten der Staatsklugheit heute segnete 
und morgen fluchte, wenn er Zwietracht im Reiche erweckte und 
nährte, wenn er Eidschwüre nach Gefallen löste, den Ablafs zu 
einer Erwerbsquelle machte, wenn die Geistlichkeit, statt zu singen 
und zu beten, sich in Fehden tummelte oder weltlicher Üppigkeit 

« a. a. O. S. 120. 2 Leb. S. 116. s 26, 3. 4 Falch, der in den „Blatt, 
f. d. bayr. Gw. tt 1879, 251—256 das Gegenteil zu erweisen sucht, sagt, dafs 
Gervinus die Frage offen lasse, wahrend derselbe I, 524 sich ausdrücklich 
für die betr. Annahme erklärt. Aus Walthers eigenen Worten scheint die 
Beteiligung am Kreuzzuge unzweifelhaft hervorzugehen. *• a.a.O. S. 119. 



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des dreizehnten Jahrhundert». 



21 



frönte, so mufste solches Ärgernis schon die gläubigen Zeit- 
genossen entrüsten. 44 So beurteilt auch Gervinus den Dichter als 
treu der Kirche, als einen frommen und heiligen Menschen, trotz 
seines Zornes gegen die Gleisnerei und Weltlichkeit der Geist- 
lichen und gegen das Unwesen des römischen Hofes. 1 Freilich 
ist sein Ideal der Kirche ein Reich nicht von dieser Welt, sein 
Ideal eines Priesters der mehrmals erwähnte „arme klösenaere 44 .* 
Gegenüber solchen Anschauungen des Dichters darf man kein 
Bedenken tragen, ihn als einen Vorläufer der Reformation zu be- 
zeichnen, wenn er auch religiöse Fragen nur streift und dem 
Papste und der Geistlichkeit zwar nicht als Theolog, aber als 
Deutscher und Angehöriger des ritterlichen Standes zu Ijeibe geht. 

So bestimmt Walthers Stellung gegenüber dem Papste, den 
Fürsten und der Geistlichkeit ist, so widersprechend ist dieselbe 
in Bezug auf die Vorrechte der Geburt. Legt er einmal hohen 
Wert darauf, so folgt er den Gesamtanschauungen der Zeit; 3 
dagegen verficht er andererseits die Meinung, dafs nur in edler 
Gesinnung der Adel sich offeubare, dafs die Menschen bei der 
Geburt, im Tode und vor Gott völlig gleich seien, ja sogar 
„armen man mit guoten sinnen sol man für den reichen minnen 44 , 1 
also „die humanen, demokratischen Gesinnungen des Christen- 
tums 44 . 3 Eine Vermittelung dieser Widersprüche sucht man ver- 
gebens, und seine Stellung zu den beiden entgegenstehenden An- 
schauungen bleibt widersprechend und unklar. Vielleicht dafs 
sein Verstand ihm die letztere Auffassung als richtiger erscheinen 
liefs; sein Herz führte ihn zu den Anschauungen seiner Standes- 
genossen oder vielmehr seines ganzen Zeitalters zurück, dem er 
doch sonst in manchen anderen Fragen voll reformatorischen 
Geistes vorausgeeilt war. 

Auch ein anderer Mangel in der politischen Dichtung Wal- 
thers darf nicht verschwiegen werden. Walthers politische Lyrik 
bewegt sich nur auf dem Gebiete des kirchlichen Streites; eine 
Verherrlichung des kriegerischen Ruhmes der von ihm gefeierten 
Kaiser Philipp, Otto und Friedrich fehlt vollständig. Wenn Ger- 
vinus 6 es rügt, dafs unter Tausenden von Liedern unserer ritter- 



' I, 52:;. 2 Wilra., Leb. S. 241». ' Ebd. S. 240. * 2u, IG. • Wilm., 
Leb. S. 246. * I, 483. 



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22 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



liehen Minnesänger, unter allen Erzeugnissen eines ausschliefslich 
kriegerischen Standes in Deutschland nicht ein Kriegslied ist, 
kaum ein Lied, in dem die kriegerische Tugend des Ritters ge- 
priesen wäre; viele Kriegslieder, die, zwischen Frauen- und Gottes- 
minne geteilt, zu der heiligen Wallfahrt auffordern, aber keines, 
das es in dem begeisterten Feuer des kriegerischen Triebes thäte : 
so tritt dieser Mangel auch bei Walther hervor. Auch seine 
nationale Begeisterung reicht nicht hinein bis in das Getümmel 
des Kampfes. Im Gegensatz zu anderen Nationen hebt er die 
seinige nur einmal hervor in dem Spruche an den welschen Schrein; 
aber auch hier ist es mehr der Papst als der Welsche, gegen den 
er zu Felde zieht. 

So auf fallend die Erscheinung ist, dafe es den Deutschen in 
und nach der Zeit höchsten kriegerischen Glanzes, unter den 
Hohenstaufen, an einem Tyrtäus gefehlt hat — dieses Fehlen 
darf nicht allzusehr Wunder nehmen. Noch waren die Stammes- 
unterschiede zu wenig überwunden, nur mit Gewalt hielten Fried- 
rich Barbarossa und Heinrich VI. die Widerstrebenden zusammen. 
Mit den Anstrengungen zur Erweiterung der äufseren Herrschaft 
des Reiches auch über Italien ging den Staufen Deutschland 
selbst mehr und mehr verloren. Für diese Kämpfe in Italien 
war eine nationale Begeisterung, der die Dichtung so sicher auf 
den) Fufse gefolgt wäre, wie Arndt, Körner, Schenkendorf und 
Rückert dem Kampfe von 1813/15, wie Gottschall, Rittershaus, 
Gerok und Geibel dem Kampfe von 1870/71 gefolgt sind, nicht 
vorhanden. „Für diese Kämpfe in Italien konnte niemand Sinn 
haben, der nicht die grofsen Entwürfe der ehrgeizigen Fürsten 
zu überschlagen verstand. 44 1 Was er aber von der Herrlichkeit 
des deutschen Kaisertums gegenüber dem Papsttum, der Fürsten- 
macht und der Geistlichkeit gesungen, damit gab er seiner inner- 
sten Uberzeugung voll Mut und Mannhaftigkeit Ausdruck, „den 
Gewaltigen gegenüber unerschrocken, offen, in ihrem Preise voll 
Selbstachtung, ein Held des Gesanges unter den Helden der Ge- 
schichte. Die Kämpfe der weltlichen Macht gegen die mafslose 
Überhebung der Päpste bewegen ihn in der Tiefe. 44 2 „Seine Ent- 
rüstimg ist eine sittliche. 44 3 „So machte er sich zum Herold von 



« Gerv. I, 179. 2 Gödeke I, 145. 143. 3 Winkelm. II, 29t>. 



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des dreizehnten Jahrhunderte. 



23 



allem, was seine Zeit bewegte. 14 1 „Denn von vielen wurde das Ver- 
fahren des Papstes einer ähnlichen herben Kritik unterzogen/ 2 
Wenn daher Wilmanns 3 gleichfalls sagt, dafs dieser Streit 
ihm eine Herzensangelegenheit war, so ist es schwer zu ver- 
stehen, wie derselbe sich anderweitig* dahin äufsern kann, dafs 
das einzige äufsere Ziel, das Walther mit seiner Kunst verfolgte, 
Lohn und Ehre war; dafs dem feierlichen Fürstenlobe (12, 1: 
die fürsten sint iu undertan, si habent mit zühten iuwer kunft 
erbeitet) die Thatsachen nicht entsprachen, er es aber trotzdem 
vorbringe, weil er im Dienste der Fürsten stehe, die während 
Ottos Abwesenheit einen Umsturz des Reiches geplant hätten; 5 
dafe er, obwohl ihm die darauf zielenden Verhandlungen der 
Fürsten nicht fremd geblieben seien, für Dietrich von Meifsen 
wissentlich das falsche Zeugnis abgelegt habe: der Misseneere, 
derst iemer iuwer äne wän, von gote wurde ein engel £ verleit. 6 
Das Eingeständnis hochverräterischer Pläne in dem Spruche für 
den Thüringer Landgrafen, der wegwerfende Blick auf die Fürsten, 
die sich, Verzeihimg nnd Versöhnung suchend, in Frankfurt ge- 
stellt hätten, stimmen nicht 7 zu dem kurz vorher verkündeten 
feierlichen Fürstenlobe und zu dem Preise des Meifsners. Her- 
beigeführt sei dieser Umschwung in dem Verhalten des Dichters 
dadurch, dafs er für das unversäumte und rückhaltlose Lob un- 
versäumten Dank hätte erwarten dürfen; die getäuschte Erwar- 
tung räche sich sogleich in einem Scheltliede. 8 Bei der Aufforde- 
rung an die Fürsten, den König nach dem heiligen Lande un- 
gehindert ziehen zu lassen, stelle er seine Kunst ganz in den 
Dienst der persönlichen Politik Friedrichs. 9 Von Otto sei er zu 
Friedrich übergegangen ; wie dem Meifsner gegenüber, entschieden 
als Freund, entschieden als Feind : der Vorwurf der Undankbar- 
keit und des mangelnden Lohnes gelte beidemal als Grund. 10 
Der Dichter finde politische Gesinnungslosigkeit viel weniger an- 
stößig als wir; wenigstens zeige sich nirgend eine Spur, dafs er 
Fürsten, welche ihr politisches Handeln von ihrem persönlichen 
Vorteil abhängig machten, gemieden habe. 11 

i Abel, Philipp d. Hohenst. S. 250. 2 Winkelm. II, 297. 3 Leb. 
S. 248. 4 Ebd. 242. a Ausg. S. 126. « Leb. S. 74. 7 Ebd. S. 111. « Leb. 
S. 77. * Ebd. S. 130. "° Ebd. S. 118. " Ebd. S. 247. 



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24 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Diese ganze Reihe von Anklagen, die, wenn sie begründet 
wären, auf Walthers Charakter ein höchst ungünstiges Licht 
werfen würden, gilt es näher zu prüfen. 

Dafs Walther mit seiner Kunst Lohn und Ehre suchte, wird 
niemand in Abrede stellen. Das bedarf, da der Dichter nur an 
den Höfen den materiellen Lohn seiner Arbeit, nur an den Höfen 
die Wechselwirkung zwischen Gebenden und Nehmenden fand, 
welche die Grundbedingung aller menschlichen Arbeit ist, 1 keiner 
Rechtfertigung. Sagt doch Wilmanns 2 selbst von Walthers Lie- 
dern, sie zeigten den Zwang des Lebens, aber um so anerkennens- 
werter spreche aus ihnen das Bewufstsein persönlicher Würde. 
Ist es also richtig, da(s Lohn und Ehre auch bei seiner politi- 
schen Dichtung sein einziges äufseres Ziel war? 

Aber Walther richtete schon damals, als er den Kaiser Otto 
weder kannte, noch ihm irgend etwas zu danken hatte, seine 
schärfsten Invektiven gegen die weltlichen Ubergriffe des römi- 
schen Hofes. 3 Wenn er also da den Vorwurf erhebt, die Pfaffen 
redeten mit zwei Zungen, früher wären Worte und Werke der 
Pfaffen recht gewesen, jetzt bestehe das Gemeinsame in der 
Schlechtigkeit: was berechtigt zu der Annahme, er habe solches 
nur um Lohnes willen vorgebracht? Wurde doch Papst Innocenz 
zu Rom selbst in einer Predigt mit den Worten unterbrochen : 
„Dein Mund ist Gottes Mund, aber deine Werke sind Werke des 
Teufels/ 4 Wenn Walther demselben Gedanken in dichterischer 
Form Ausdruck gab, so lieh er nur der öffentlichen Meinung 
den Mund in der Stellung des altdeutschen Gelegenheitsdichters 5 
und sprach das aus, was seiner Hörer und seine tiefste innere 
Uberzeugung war. 

Wäre es ihm wirklich nur um Lohn und Ehre zu thun ge- 
wesen — wie lange hat er darauf warten müssen! Wenn seine 
Sprüche wirklich den Eindruck machten, der ihnen nachgerühmt 
wird, und wenn er seine Kunst nur um Lohn und Ehre übte, 
beides aber dem Kaiserlichgesinnten vorenthalten wurde, warum 
suchte er nicht beides bei den Päpstlichgesinnten? Warum bleibt 
er sich von seinem ersten Auftreten bis zum letzten Atemzuge 



i Wilm., Leb. S. 14. 2 Ebd. S. 45. 3 Gerv. I, 523. 1 Winkelm. II, 
207. * Burdach, S. 28 f. 



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des dreizehnten Jahrhundert«. 



25 



in seiner antipapstlichen Gesinnung getreu? Er, der — wie Wil- 
manns meint — den Meifsner auf demselben Reichstage um 
Lohnes willen in den Himmel erhebt und nachher schmäht, weil 
der erwartete Lohn ausblieb — warum verherrlicht er nicht heute 
an diesem Hofe den Kaiser, morgen an jenem Hofe den Papst, 
wenn es ihm nur um Lohn und Ehre zu thun war? Seine 
Sprüche zeigen ihn in dem Kampfe zwischen Kirche und Reich 
durchaus unentwegt auf der Seite des Reiches; keinen Augen- 
blick wankt er in seiner gegnerischen Stellung zum Papsttum. 

Dafs er also für Otto gegen Innocenz auftrat, ehe er irgend- 
welchen Gewinn erwarten konnte, dafs er ferner seine antipäpst- 
liehe Gesinnung bewahrte, obwohl ihm so lange Lohn vorent- 
halten blieb: diese Gründe lassen es mit Sicherheit erkennen, 
da£s es ihm nicht nur um Lohn und Ehre, sondern um den 
Ausdruck innerster Uberzeugung zu thun war. 

Wie steht es weiter mit der Behauptung von Wilmanns, dafs 
Walther wider besseres Wissen die mit Umsturzgedanken sich 
tragenden Fürsten, besonders den Meifsner, wegen ihrer Treue 
um deswillen belobigt habe, weil er im Dienste derselben stand, 
ja vermutlich im Gefolge des Meifsners nach Frankfurt gekom- 
men sei ? 1 

Was zunächst den Meifsner anlangt, so weist Winkelmann 2 
darauf hin, dafs Dietrich, eben vom Kaiser nut einem Macht- 
zuwachs bedacht, nicht in eine Gemeinschaft gegen den Kaiser 
eingetreten sein würde, noch dazu mit König Ottokar I. von 
Böhmen, der die Schwester des Meifsners aufs schmählichste be- 
trogen hatte und deren Kindern noch immer ihr Recht verwei- 
gerte ; ferner, dafs Form und Inhalt des Vertrages, der auf dem 
Frankfurter Reichstage zwischen Dietrich und dem Kaiser Otto 
zu stände kam, Dietrich durchaus als Verbündeten des Kaisers 
erscheinen liefsen. 

Bezüglich Dietrichs und der übrigen Fürsten meint Wilmanns 
ferner, dafs die auf den Sturz Ottos zielenden Verhandlungen 
Walther „nicht fremd geblieben 14 seien. 3 Einen Grund für diese 
Behauptung bringt er nicht bei, giebt vielmehr zu, 4 dafs über 



« Wilm., Ausg. S. 120 zu 12, 1. 2 2, 272. 3 Leb. S. 75. 1 Leben 
8. 105 ; vgl. Winkelm. 2, 272, Anm. 2. 




26 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



diese Verhandlungen zu Naumburg, welche die Absetzung Ottos 
bezweckten, „tiefes Geheimnis" bewahrt wurde. Wenn aber tiefes 
Geheimnis bewahrt wurde, wie kam Walther dazu, in dasselbe 
eingeweiht zu werden? 

Dafs also Walther wider besseres Wissen, um Lohnes willen 
falsches Zeugnis abgelegt habe, ist durchaus unerwiesen. 

Vielmehr zeigt der Umstand, dafs gegen achtzig Fürsten 
imd Herren sich auf dem Frankfurter Reichstage vor Otto ein- 
fanden, klar genug, dafs der kaiserliche Name doch noch mehr 
galt als päpstliche Befehle und Bannflüche, und dafs mit den 
deutschen Fürsten während des Winters eine grofse Wandlung zu 
Gunsten des Kaisers vorgegangen war. 1 Folglich war Walthers 
feierliches Fürstenlob — seine Unkenntnis von Dietrichs Teil- 
nahme an den Naumburger, tiefes Geheimnis gebliebenen Ver- 
handlungen vorausgesetzt — ganz wohl begründet und entsprach 
— im Hinblick auf die glänzende Festversammlung — durchaus 
den Thatsachen. Man wende hiergegen nicht ein, dafe im Sep- 
tember des vorausgegangenen Jahres der König von Böhmen u. a. 
zu Nürnberg Friedrich H. als Gegenkönig gegen Otto gewählt 
hatten; natürlich können mit den belobigten Fürsten nur die in 
Frankfurt erschienenen zahlreichen Anhänger, nicht die fern- 
gebliebenen Gegner Ottos gemeint sein. 

Noch eins kommt hinzu. Als keiner für den Thüringer 
Landgrafen einzutreten wagte, that es Walther, und zwar mit der 
Begründung, dafs dieser sich doch wenigstens als offener Feind 
dem Kaiser gegenübergestellt habe. 

Mit welcher Stirn hätte er es wagen dürfen, nachdem er 
selbst — nach Wilmanns' Ansicht — den Hehler für den ge- 
heimen Feind des Kaisers, Dietrich von Meifsen, gespielt, nun 
die Offenheit im Kampfe als mildernden Umstand für den Thü- 
ringer Landgrafen hervorzuheben? 

Doch was that Walther nicht alles um Lohn und Ehre ! 

Er hätte von Dietrich von Meifsen ungesäumten Dank für 
sein falsches Zeugnis erwarten dürfen. „Die getäuschte Erwar- 
tung rächt sich sogleich in einem Scheltliede. a Daher gegenüber 
dem früheren Fürstenlobe jetzt das Eingeständnis hochverräteri- 

' Abel, Philipp und Otto IV. S. 105. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



27 



scher Pläne, gegenüber dem früheren Preise des Meifsners der 
wegwerfende Blick auf die Verzeihung und Versöhnung suchenden 
Fürsten, „wie Markgraf Dietrich". x 

Also die Begrüfsung des Kaisers, worin es heilst: „Die 
Fürsten sind Euch treu geblieben", und dieser Spruch, wo es 
heifst: „sie haben heimlich intriguiert", dort: „der Meifsner ist 
treuer wie ein Engel", hier: „er hat heimliche Ränke geschmie- 
det" — alles, alles ist auf demselben Reichstage zu Frankfurt 
vorgetragen ! 2 

Nach Klarlegung dieser Widersprüche ergiebt sich folgendes. 

Das Lob der Fürstentreue und das Eingeständnis hochver- 
räterischer Pläne im allgemeinen wie in besonderer Beziehung 
auf Dietrich von Meifsen kann nicht zu gleicher Zeit aus Wal- 
thers Munde gegangen sein. Wenn also das erste in dem Be- 
grüfsungsspruche enthaltene Lob auf dem Frankfurter Hoftage 
gesungen ist, so mufs auf Grund veränderter Thatsachen — 
natürlich später — jenes Eingeständnis verräterischer Pläne ge- 
äußert sein. Wann dies nun geschehen, dies genau zu bestim- 
men, verbietet sich um so mehr, als Walther und nur Walther 
allein von einer gegenseitigen Denunziation der Fürsten unter- 
einander berichtet, demgemäfs eine genauere Kenntnis der Sach- 
lage bei dem Mangel jeglicher historischen Angabe über diese 
Denunziation sich unserer Forschimg entzieht. 3 Dafs übrigens 
Walther in diesem Spruche mit seinem Tadel der „zagen" und 
des „düf " gerade auf den Meifsner abzielt, ist auch nicht einmal 
erwiesen; wozu nämlich der Plural „die zagen"? Konnte damit 
nicht ebensogut Ludwig von Bayern, die Fürsten von Osterreich, 
Mainz, Speier und wer weifs wieviel geringere gemeint sein? 4 

Freilich zeigt der Spruch mit zwei Sprüchen späteren Datums 
gegen den Meifsner (105, 27 u. 106, 3) gleichen Ton, woraus 
Wilmanns 5 ihre enge Zusammengehörigkeit und somit die Be- 
ziehung unseres Spruches auf Dietrich von Meifsen folgert. 
Sachlich spricht dagegen erstens, dafs Dietrich darin gar nicht 
erwähnt ist; zweitens, dafs, wenn das vorher erwähnte Lob des 



1 Wilm. Ausg. S. 365 zu 105, 18. 8 Ebd. S. 128 zu 11, 30 u. S. 360 



zu 105, 13. 3 Vgl. Rieger S. 23, Menzel ß. 200. 4 Rieger S. 22. * Leb. 
III, 208. 




28 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Meifsners auf den Frankfurter Reichstag gehört, dieser Tadel 
des Meilhers nicht in demselben Atemzuge vorgetragen sein kann, 
wie Wilmanns freilich annehmen will. Gegen den formellen Grund 
von Wilmanns läfst sich der Umstand geltend machen, 1 dafs z. B. 
ein Lied auf Gerhard Atze und das Lied auf Reinmars Tod 
gleichen Ton zeigen, ohne dafs jemand daraufhin ihre enge Zu- 
sammengehörigkeit behauptet hätte. 

Übrigens kann gerade die Untreue des Meifsners, für dessen 
Treue er so sicher bürgen zu können geglaubt hatte, Walthers 
Zorn hervorgerufen und neben anderen Gründen seine vollstän- 
dige Lossagung vom Meifsner herbeigeführt haben. Denn dafs 
jenes Lob der Treue vor dem Kaiser das einzige 2 gewesen wäre, 
das Walther dem Meüher gezollt hätte, wie Wilmanns meint, 
damit stehen die Worte Walthers selbst: „Ich hän dem Missensere 
gefüeget manec maere" (106, 3. 4.) in direktestem Widerspruch. 

Nur eins läist sich gerade aus diesen gegen den Meifsner 
gerichteten Sprüchen noch zu Gunsten Walthers ersehen: dafs 
ihm nämlich um Lohn nicht alles feil war, er verzichtet vielmehr 
ausdrücklich auf den Lohn für seinen Dienst (105, 29), nur sein 
Lob als Dichter will er von ihm anerkannt sehen. 

Wenn Wilmanns ferner behauptet, dafs Walther wieder um 
Lohnes willen seine Kunst ganz in den Dienst der persönlichen 
Politik Friedrichs stelle und darum für die Wahl des jungen 
Königs Heinrich eintrete, so ist schon oben bemerkt, 3 dafs keinerlei 
bestimmte Angabe in dem betreffenden Gedichte selbst dieser 
Vermutung zu Grunde liegt. 

Schwerer zu rechtfertigen ist der Ubergang Walthers von 
Otto zu Friedrich, da er selbst hier mangelnden Lohn als Grund 
angiebt und somit Wilnianns' Behauptung, er singe seine Sprüche 
nur um Lohn und Ehre, nicht um politischer Thaten willen, 
selber zu bestätigen scheint. 

Wilmanns bemerkt aber selbst, 4 dafe kein Lied Walthers 
eine persönliche Annäherung an Otto verrät, dafs sich nirgend 
eine Spur davon zeigt, dafs die Waffengenossenschaft mit ihm 

1 P.-B., Beitr. 8, 161 ff. * „Wir kennen nur das eine, eben jenes 
Lob unwandelbarer Treue gegen Kaiser und Reich. a Leb. S. 76. 3 S. 17, 
Anm. :3. 4 Leb. S. 116. 



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des dreizehnten Jahrhunderte. 



29 



freundlichere Beziehungen geweckt habe; nie ruhe das Auge des 
Sängers auf dem Kaiser mit jenem Wohlgefallen, mit dem er 
einst Philipp betrachtet habe. 

In dem Spruche 26, 23 wirft er dem Könige Otto geradezu 
Wortbruch ihm gegenüber vor, was zu dem historischen Urteil 
über ihn 1 als magnificum promissorem et parcissimum exhibitorem 
stimmt. Da er ihn nun in demselben Spruche als den bösesten 
Herrn bezeichnet, den er je gehabt, so wird er in dem Spruche 
29, 4 unter dem „bösen Manne" gewifs ihn auch im Auge ge- 
habt haben, 2 zumal er anderweitig (28, 31) mit völlig unzweifel- 
hafter Beziehung auf Otto nach Empfang seines Lehens alle 
bösen Herren desto minder anzuflehen verspricht. 

Bezieht man aber den Spruch 29, 4 richtig auf Otto, so er- 
giebt sich folgende Charakteristik desselben: ein böser Mann, 
freundlich ins Gesicht; aber wer ihm traut, den kratzt er mit 
giftigem Nagel. 

Unter solchen Umstanden ist ihm die Abwendung von Otto 
weniger zu verargen als die Zuwendung zu Friedrich; entschuld- 
bar ist auch die letztere teils durch die äufsere Not, in der ihn 
Otto trotz seiner Verdienste gelassen hatte, teils durch die Er- 
innerung daran, dafs Friedrich längst die Krone bestimmt ge- 
wesen war; vor allem aber durch die Sympathien, denen Fried- 
rich als Sprofs des staufischen Fürstenhauses von vornherein bei 
seinem ersten Auftreten begegnet war, 3 und die in immer weitere 
Kreise drangen ; 3 endlich durch die gewinnende und einnehmende 
Persönlichkeit des jungen Fürsten, die eine neue Zeit des Glanzes, 
eine neue steufische Kaiserherrlichkeit für Deutschland verhiefs.* 

Die ersten Sprüche übrigens, die er dem Staufer widmete, 
sind rein persönlicher Natur; einen politischen Spruch, der mit 
seiner bisherigen antipäpstlichen Gesinnung im Widerspruch 
stände, würde man vergebens suchen; er war kein gewöhnlicher 
Renegat, und als der Kampf von neuem begann, finden wir ihn 
aufs neue als Rufer im Streit wider die päpstliche Gewalt. 



» Wilm., Leb. S. 117; Winkelm. 2, 154, Anm. 3. 2 Auf ihn auch 
gedeutet von Pfeiffer-Bartsch, Überschrift zu Nr. 146 Pf. 3 Kaiserchronik 
17992; Winkelm. 2, 338. 4 Eine eingehende Rechtfertigung des Übertritts 
bei Menzel 195 u. 225. 



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30 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Es bleibt noch die letzte Anklage vonWilmanns zu prüfen 
übrig: dafs er Fürsten, welche ihr politisches Handeln von ihrem 
persönlichen Vorteil abhängig machten, nicht gemieden habe, folg- 
lich politische Gesinnungslosigkeit viel weniger anstöfsig fand 
als wir. 

Ersteres ist richtig, der daraus gezogene Schluß falsch. 
Walther ist am Hofe des Thüringers wie des Meifsners gewesen, 
er war eben als Dichter gezwungen, sich um den Lohn fürst- 
licher Gönner zu bemühen. Was steht der Annahme entgegen, 
dafs es seine Minnelieder waren, welche ihm den Zutritt bei ihnen 
verschafften? Also nicht, weil sie politisch gesinnungslos, sondern 
weil sie Beschützer der Kunst waren, und zwar solche Beschützer 
der Kunst, wie es späterhin keine mehr gab; 1 deshalb hat er 
ihre Wohlthaten erbeten und angenommen. Er hat, gewifs in 
gutem Glauben, des Meifsners Treue bezeugt, für den Landgrafen 
ein gutes Wort eingelegt; beiden gegenüber hat er gethan, was 
sein dankbares Herz ihm eingab, mehr nicht. Wäre er der Mann 
dazu gewesen, um Lohnes willen wider besseres Wissen falsches 
Zeugnis abzulegen, nun, so hätte er auch aus gleichem Beweg- 
grunde im Interesse seiner Gönner zum Abfalle vom Kaiser auf- 
fordern müssen, was er in keinem seiner politischen Gedichte 
thut. Bei blofsem Streben nach Lohn und Ehre hätte er aber 
nicht mit solchem Takt, mit solcher Sicherheit jene Scheidegrenze 
gezogen. 

„Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde" ; „der schtn 
nimt dr&te üf imd abe u ; „diu meiste menge enruochet wie si er- 
wirbet guot; sol ich } z alsö gewinnen, sö ganc släfen, hövescher 
muot" ; „des mannes muot sol veste wesen als ein stein 44 : 2 wer 
so sprechen konnte, der hat gewifs nicht wider besseres Wissen 
falsches Zeugnis abgelegt, der hat seine politischen Sprüche nicht 
blofs um Lohn und Ehre, sondern aus tiefster innerer Uberzeu- 
gung gedichtet und gerade dadurch seine Zuhörer, ja seine Zeit- 
genossen mächtig fortgerissen. 

Sämtliche Anklagen von Wilmanns sind also hinfällig, und 



1 Docen, Über die deutschen Liederdichter seit dem Erlöschen der 
Hohenstaufen u. s. w. (Archiv f. Geschichte u. s. w. Jahrg. 1821) S. 201. 
2 Ähnliche Stellen bei Wilm., Leb. S. 229; Unland S. 49. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



.31 



es behält das Urteil von Scherer 1 über den Charakter Walthers 
uneingeschränkte Gültigkeit. „Wenn der wandernde Spielmann, 
der von der Gnade seiner Gönner lebte und kaum lebte, unter 
dem Drucke der Not die Parteien wechselte, soweit es sich um 
Personen handelte, so hat er doch niemals die Partei gewechselt, 
soweit es sich um Principien handelte. Er war stets ein guter 
Patriot, ein frommer Mann, ein Feind des Papstes." 

Mit Recht nennt Wilmanns 2 die politischen Sprüche Walthers 
recht eigentlich Gelegenheitsgedichte, da sie sich fast durchweg 
auf bestimmte politische Ereignisse zurückführen lassen. Ihre 
fast epigrammatische Kürze trug mit zu ihrer schnellen Auffas- 
sung und raschen Verbreitung bei. „Unter 3 drei Königen und 
Kaisern hat er an den öffentlichen Angelegenheiten teilgenommen; 
seine Bedeutung und sein Einflufs war mit den Jahren gewachsen/ 
Schon Unland hat sich ähnlich über die Wirkung seiner politi- 
schen Dichtung geäulsert. 4 

Die eine bekannte Stelle bei Thomasin 5 zeigt zur Genüge, 
dals seine Worte nicht leerer Schall, sondern „gleich Thaten 
waren, mit denen er dem Papste viele Tausende abwendig 
machte. 44 6 

Dritter Abschnitt. 

Die politische Dichtung des dreizehnten Jahrhunderts 
nach Walther. 

Gervinus weist bezüglich der gesamten Spruchdichtung des 
dreizehnten Jahrhunderts auf ihre Abhängigkeit von Walther hin. 
Die flache Nachahmerei, sagt er, das Entlehnen (namentlich von 
Walther von der Vogelweide) ist unter den Spruchdichtern (bei 
Walther von Breisach, Günther von dem Vorste, dem Teschler u. a.) 
noch leichter nachweislich. Diese Ansicht könnte zweifelhaft er- 
scheinen, da die drei von Gervinus als Spruchdichter angeführten 
Minnesänger zu Unrecht als solche bezeichnet sind. Von den 
erhaltenen Dichtungen Walthers von Breisach 7 ist keine ein 



« Litteraturgesch. S. 198. * Leb. S. 83. 3 Ebd. 8. 152. 4 a. a. O. 
S. 129 u. 91. » W. G. 11163 ff. « Wackernagel, Litteraturgesch. S. 10(3. 
i MSH II, 140 ff. 




32 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Spruch, sondern alle drei umfangreiche Lieder, und zwar II ein 
Tagelied, I und III religiösen Inhalts; die sechs erhaltenen Ge- 
dichte Günthers v. d. Vorste 1 und die fünf des Teschlers 2 sind 
durchweg Minnelieder. Wenngleich also die drei Beispiele von 
Spruchdichtern unrichtig gewählt sind, trotzdem scheint mir die 
Ansicht selbst in ihrer Allgemeinheit zutreffend; bezüglich der 
politischen Spruchdichter gehört eine nähere Prüfung dieser An- 
sicht hierher. 

Da ist zunächstrder Truclisefs von St. Gallen, der manches 
von Walther in Wort und Gedanken entlehnt hat; 3 er klagt mit 
Walther über die Veränderung der Zeit, da im Gegensatz zu 
früher die Jugend zuchtlos heranwüchse; 4 sein Spruch „Ez nam 
eine witewe einen man a hat ähnlichen Inhalt wie Walthers „Swft 
der hohe nider gät a : 15 Walther sagt von den nidern, „die selben 
brechent uns die reht u ; Singenberg von der Rechtspflege am 
königlichen Hofe, dafs die unter ungerechten Urteilen leidenden 
Parteien doch nur mit eigenem Mafse gemessen würden ; 6 Walther 
beschuldigt di nidern, dafs sie aus Mangel an Kunst sich mit 
Lug und Trug helfen und durch ihr Thun auch die Fürsten dazu 
anweisen ; Singenberg klagt, dafs Könige und Fürsten seiner Tage 
in dem Spiele „dä hin, dä her" ausgelernt seien. 6 

Wie Walther pf afltche riter, riterliche pf äffen, so tadelt Reinmar 
von Zweter hofmünche und klösterritter. 7 W r eitere Entlehnungen 
Reinmars zeigt ein Vergleich von MSH II, 200 b, Spr. 129, desgl. 



i MSH II, 164. * Ebd. II, 125. * Gödeke S. 155; Bartsch, Dtsch. 
Liederdichter S. XLVI. 4 MSH 1, 293. L. XV. * Rieger (Walther S. 51) be- 
zieht den Spruch 8?>, 14 auf Heinrich und seine Umgebung, wozu aber die 
Schlulsverse „nu sehent wie die kröne liege uud wie diu kirche st& u nicht 
passen; Wilm., Leb. S. 100 zieht den Spruch auf die letzte Zeit Philipps, 
bei dem doch kein Einflufs der nidern, noch weniger infolge davon die 
im Spruche angedeutete Demütigung des Kaisertums unter das Papsttum 
eintrat; vielmehr liefs der Papst 1207 Philipp durch seinen Legaten vom 
Banne lossprechen und bot ihm seine Vermittelung an, um Otto zur Ab- 
dankung zu bewegen ; daher wird wohl Menzel S. 220 den Spruch richtig 
auf Otto und dessen Umgebung gedeutet haben. Dafs beide Sprüche 
„dieselbe Absicht" haben und sich auf dieselben politischen Verhältnisse 
beziehen, läfst sich schwerlich nachweisen. 6 Rieger S. 52 f. 1 Meyer, 
Untersuchungen über das Leben Reinmars von Zweter und Bruder Wern- 
hers. Basel 1866. S. 66. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



33 



MSH II, 212 b, Spr. 212 und Walther 9, 28; von MSH II, 221 a, 
Spr. 246 und Walther 124, 13; von MSH II, 212 b, Spr. 196 und 
Walther 8, 24. 

Wie Reinraar hat auch Bruder Wernher von Walther mancherlei 
entlehnt, 1 desgl. der Manier, wie er selbst zugesteht* und wie ein 
Vergleich von Marner XII, 16 3 mit Walther 23, 11 oder von 
Marner XV, 201 mit Walther 23, 11 es zeigt. 

Auch bei Meister Friedrich Sunburc sieht man die Einwir- 
kung Walthers. Er äufsert sich gegen König Ottokar wegen des 
Wankelmutes des Fürsten:* „Ein wärez j& stet künegen wol und 
ist zuo eren guot; gelogenez jft daz krenket künege unde ent- 
freuwet mir den niuot", 5 während Walther aus ähnlicher Ver- 
anlassung — wahrscheinlich gegen Kaiser Otto oder dessen Rat- 
geber wegen nichterfüllter Versprechungen — sagt : „swes munt 
mich tnegen wil, der habe sfn lachen dä, von dem nsem' ich ein 
wärez nein für zwei gelogeniu jä. Uß Wie Walther dem Könige 
Philipp das Beispiel Saladins als Muster vorhält, 7 so vergleicht 
Sonnenburg den Böhmenkönig wegen seiner Freigebigkeit, mit 
Saladin. 8 

Meister Sigeher braucht zur Schilderung des Elends im Reiche 
das vom Schachspiel hergenommene Bild: „bl dem röche küme 
stet ein vende", 9 wie auch Reinmar seine Verlassenheit am böh- 
mischen Hofe in gleichem Bilde darstellt: „ich hftn den künic 
alleine noch und weder ritter noch daz roch: mich stiuret nicht 
sin röche noch sin vende." 10 — Vielleicht hat Sigeher, der ebenso 
wie Reinmar am Hofe Wenzels I. von Böhmen sich aufgehalten 
hat, 11 den Spruch Reinmars gekannt und in dessen Nachahmung 
das Bild angewendet. Original war das Bild weder bei Reinmar, 
noch bei Sigeher ; wahrscheinlich war Walther mit seinem „gast 



1 Beispiele bei Meyer S. 78 , vgl. Lamey, Br. Wernher (Würzburger 
Dies.). Karlsruhe 1880. S. 9, Anm. 1. a Gervinus II, 148; vgl. Marner, 
Ausg. v. Strauch XIV, 288, wo Strauch „miner Sprüche bluomen lesen* 
statt des überlieferten „und ir sprächen bl. 1." lesen will, nach dem Vor- 
schlage von K. Hoffmann, Zs. f. d. A. 20, 127. 3 Marner ist citiert nach 
der Ausg. v. Strauch. 4 So fafst den Spruch auf Zingerle in der Ausg. 
des Sunburc S. 21. * MSH III, 73a. • 30, 9. "19,17. 8 MSH II, 355b, 
Spr. 4. u MSH II, 363 b, Spr. 3. 10 MSH II, 204 b, Spr. 152. »' Gödeke 
S. 160. 

Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 3 



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34 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



unde schAch kumt selten Ane haz: ir büezet mir des gast es, daz 
in got des schäches büeze* 1 ihr Vorbild. 

Hatte Walther einst zum Preise der deutseben Frauen ge- 
sungen: „Von der Elbe unz an den Rhin und her wider unz an 
der Unger lant mugen wol die besten sin u , 2 und später über die 
Unbeständigkeit der Welt geklagt: „Ez ist ein wol gefriunder 
man, alsö die werlt nü stät, der under zweinzec magen einen 
guoten friunt getriuwen hat; der luete man hie vor wol under 
funfen funden dri", 2 und hatte schon Bruder Wernher in engem 
Anschlüsse an diese Aussprüche geäufsert: „die vrl von schänden 
sin, der vinde ich leider vünve niht von Ungerlant ze berge unz 
an den Bin" ; so sagt ähnlich Raumsland der Sachse, er habe sein 
Leben lang nicht fünf Menschen recht leben gesehen, und wünscht 
nur drei ohne Habgier, Hafs und Neid anzutreffen; ja, wenn nur 
einer getroffen würde, so sollten Sonne und Mond sich *neigen. 3 
Ahnliche Wendungen, die aber, wie gesagt, zuerst von Walther 
gebraucht sind, finden sich noch beim Truchsefs von St. Gallen, 4 
bei Meister Alexander 5 und beim Meifsner. 6 

Wie Walther die Freigebigkeit Saladins preist, so auch aufser 
dem schon angeführten Meister Sonnenburg, 7 Kourad von Würz- 
burg 7 und der Tanhäuser. 7 Eine Schilderung der Wirren des 
Zwischenreiches von Konrad von Würzburg : 8 „gewalt ist üf der 
strftze michel, gerihtes hAt man sich verschämt; diu reht stAnt 
krumber dan ein sichel, vride und genade sint erlamt", stimmt 
zum Teil wörtlich mit Walthers Klage „untriuwe ist in der sAze, 
gewalt vert üf der strAze u u. s. w. überein. 

Wenn Hellefiur 9 das von den Fürsten übel behandelte Reich 
mit der Maus vergleicht, der ein Schlegel angebunden werde, 
damit sie nicht zum Neste könne, ganz wie Walther seinen Tadel 
auf feile Hofschranzen mit den Worten beginnt: „In' weiz, wem 
ich geliehen muoz die hovebellen, wan den miusen die sich selbe 
meldent, tragent sie schellen", so ergiebt sich auch hier Nach- 
ahmung Walthers. 

* 31, 23. » 50, 14; 38, 10. 3 MSH III, GGa, Str. 8; vgl. Manier 
v. Strauch 172, 44. 4 MSH I, 293a, Str. 40. & MSH III, 29a, Str. 20. 21. 
« MSH III, 89 a. " MSH II, 324 a, Str. XXIII, 2. IV, 653 b. » MSH II, 
312, Str. II. » MSH III, 34 a, Str. 4. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



Bei dem Schulmeister von Efslingen hat v. d. Hagen 1 Nach- 
ahmung Walthers im Gebrauch von Tönen desselben erkannt; 
anderweitig findet sich zum Teil wörtliche Ubereinstimmung des 
Schulmeisters mit Walther. 2 

Beim Meifsner ist aufser an der schon erwähnten Stelle auch 
anderweitige Nachahmung Walthers offenbar. 3 

In Walthers Klage über die Pfaffen hinsichtlich ihres Ge- 
brauchs auch weltlicher Waffen 4 stimmen nicht nur Reinmar und 
der Manier, sondern auch der Kanzler 5 zum Teil wörtlich ein. 

Auch Frauenlob ist Nachahmer Walthers. „Dem münche 
zimt sin klöster baz, den er ze hove sich ouche. Dem priester 
ist priesterschaft gegeben, dem ritter ritterlichez leben. a Hiermit 6 
schliefst er sich an Walthers Tadel gegen die ritterlichen Pfaffen 
und pfäffischen Ritter, vielleicht auch an Reinmars Verweisung 
der Mönche ins Klöster an. Wie Walther sagt: 7 „Solt ich den 
pfaffen rAten an den triuwen min, so spräche ir hant dem armen 
zuo: ,s£, daz ist din', ir zunge sunge" u. s. w., so will auch 
Frauenlob 8 sie auf ihre kirchlichen Pflichten beschränken: „man 
darf der priester wol, dä man die buoze nimt; ein bischof zimt, 
wä man sol kirchen wien tt ; ebenso stimmt Frauenlob in Walthers 
Klage über die Konstantinische Schenkung ein. Sein Spruch 9 
„Ich säz üf einer grüene und gedachte an mancher hande dink, 
wie ich die werlt behielte und ouch gegen got iht wurde link: 
dö künde ich niht erdenken daz tt u. s. w. ist eine ganz platte 
Nachahmung von Walthers „Ich sAz ftf eime steine" ohne eine 
Spur eines selbständigen Gedankens. Gerade hieraus ersieht man 
die Anmafsung Frauenlobs in ihrer ganzen Gröfse, wenn er sich 
anderweitig 10 mit Reinmar, Eschenbach, ja mit Walther gleich- 
stellt oder gar auf sie herabsieht. 

Die angeführten Beispiele zeigen ausreichend, dafs die Ge- 
danken der politischen Spruchdichter mit Walther sich nahe be- 
rühren, oft geradezu von demselben entlehnt sind, diese Dichter 

1 MSH IV, 454. a MSH II, 137 b (I, 2); vgl. Menge S. 7. 3 Uhland 
S. 57; Walther 80, 19; MSH III, 108a (Str. 13); Uhland S. 21. 4 8, 4. 
5 MSH II, 390 b. • Frauenlob, Ausg. v. Ettmüller Str. 54. ' 10, 25. 
8 Frauenlob t. Ettmüller Str. 56. 0 MSH II, 351 b, Spr. 7. «° MSH II, 
344 a, Spr. 2. 

3* 



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36 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



also wenig original, sondern häufig blofse Nachahmer ihres groCsen 
Vorgängers Walther sind. 

An Stelle des patriotischen Jubels, wie ihm Walthers „Ir 
sult sprechen willekomen" Ausdruck giebt, treten in der fol- 
genden Zeit Klagen über die zunehmende Bedrängnis und Zer- 
rüttung im Reiche; immer und immer wiederholt, bilden sie 
das ständige Thema der politischen Lyrik des dreizehnten Jahr- 
hunderts. 

Ulrich von Singenberg klagt, 1 dafs alle* Freude früherer Zeit 
durch Wüstheit, Rauben, Brennen und Übelraten verdrängt sei, 
was wohl mit Recht auf die wirre Zeit nach König Friedrichs II. 
Absetzung (1245) gedeutet wird; 2 jetzt lüge man um Leute 
und Land, 3 und mit ironischer Bitterkeit tadelt er die laudatores 
temporis acti: was früher klar auf der Hand lag, darüber sei 
jetzt grofser Streit, Untreue gelte für Treue; jetzt also stehe es 
besser ! 1 

Bim schliefst sich Reinmar von Zweter an: „Die liute sint 
gelandet wol, diu lant niht wol geliutet, meines sint die liute 
vol; 5 diu werlt geltchet sich dem mer, daz iemer tobet unde 
ündet über mäze und äne wer; so tobet unde ündet der Werlte 
leben mit gelicher geselleschaf t ; 6 vor drlzec jaren stuont ez baz, 
nu leben wir mit haz unde ouch mit nide. 7 

Hierin stimmt Bruder Wernher ein: „nu sih üf, werlt, des 
get dich not, du bist mit jamer überladen ; 8 die vri von schänden 
sin, der vinde ich leider vünve niht von Ungerlant ze berge uuz 
an den Rin", 9 und der Marncr! „Maneger waenet wise sin, der 
doch ist leider tump, dävon sint die rehte in allen landen krump" ; 10 
oder wenn er in der Fabel von den Fröschen, die einen König 
haben wollen, den kläglichen Zustand des Reiches darstellt und 
seinen dringenden Wunsch nach dessen Beseitigung ausspricht: 
„Storche, wanne komestü? die des rlches erbe slindent, der ist 
vil, trip si wider in eigen hol, der dü niht sünden wil a ; H oder 

* MSH III, 325 b, Str. II. * MSH IV, 234. 3 Walther 107, 10. 
4 Walther 107, 3. * MSH II, 215b, Spr. 214. • MSH II, 208a, Spr. 171. 
" MSH II, 221b, Spr. 240. • MSH II, 228 a. » MSH II, 233 b. "> XV, 
251 bei Strauch. Ähnliche Stellen bei Strauch S. 20. 11 XIV, 81 ff. bei 
Strauch. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



37 



wenn er das Bild von der Salvatio Romie auf da« Reich an- 
wendet und bemerkt: niemand würde, auch wenn man in allen 
Landen die Sturmglocke zöge, dem Reiche zu Hilfe kommen, 
denn es gäbe keinen König. 1 Hawart rügt, dafs des Teufels 
Saat die Lander umher verwirre, 3 dafs kein rechtes Gericht sei 
und Witwen und Waisen weinten ; 2 der Hardegger erinnert daran, 
dafs Karl der Grofse zu den Klagenden nicht gesagt habe: 
„Freund, was giebst du, um Recht zu bekommen? 14 — wie es 
freilich anderswo geschehe; „nicht etwa bei uns," fügt der Dichter 
ironisch hinzu, „beileibe nicht, da richten die Herren ja nach 
Karls Gesetz! 443 — Zu dieser ironischen Wendung stimmt dann 
seine Klage : Habgier herrsche überall, bei reichen Königen, hohen 
Fürsten, Grafen, Dienstmannen, Freien, Pfaffen!* 

Meister Sigeher bittet Gott, aus den zwei Königen einen zu 
machen, der Gericht und Christenrecht wieder zu Ehren bringe, 
jetzt, wo Kirchen- und Strafsenraub, Verheerung und Gewaltthat 
an der Tagesordnung sei und Witwen und Waisen klagten, 5 eine 
Schilderung, die wohl mit Recht auf die Gegenkönige Konrad IV. 
und Wilhelm von Holland bezogen wird. 6 Auch er wendet, wie 
der Marner, das Bild von der Salvatio Rom« an, vielleicht in 
Abhängigkeit von diesem, 7 und bemerkt, nie habe das römische 
Reich eine ähnliche Vorrichtung nötiger gehabt als gerade jetzt. 8 
Jetzt gingen die Weissagungen der Sibylle in Erfüllung, dafs die 
Reiche der Fürsten bar würden und das Ende nahe. 9 

Raumslands politische Sprüche deuten ebenfalls zum Teil 
auf Wirren und Wehen des armen Reiches unter den sich be- 
kriegenden Gegenkönigen und deren Anhängern vor Rudolf hin. 10 
Wer Tag und Nacht aus Haus und Strafse rauben könne, der 
würde wohl in der Herberge empfangen; je mehr er bringe, 
desto mehr werde er als kluger Held geehrt ; 11 jetzt, wo der 

' XIV, 49 ff. bei Strauch. a MSH II, 102a. 3 MSH II, 131 b. 
4 MSH II, 137 b, Str. IV. * MSH II, 361a. « MSH IV, 662. ' Der 
Marner erzählt, dafs in Rom an einer Wand ein Bild jedes Landes auf- 
gezeichnet war und bei jedem Bilde eine Glocke gehangen habe, die bei 
auebrechender Unruhe alsbald ertönte ; Meister Sigeher, dafs eherne Bilder 
der unterthänigen Fürsten dastanden, mit Glocken in der Hand, welche 
ertönten, sobald die Fürsten treulos waren. * MSH II, 361b. y MSH 
II, 303 b. «' MSH IV, 678. ■« MSH III, 57, Str. 7. 




38 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Bauer dem Pfluge entlaufe und Räuber werde, 1 wo man in den 
Landen bei Fürsten und Herren Friede und gut Geleit ver- 
geblich suche. 2 

Bei Konrad von Würzburg finden wir ebenfalls die Wirren 
und Wehen des Zwischenreiches geschildert, nur — entsprechend 
dem Geschmack seiner Zeit — nicht mehr in immittelbarem Aus- 
druck des Gefühls, sondern in spitzfindigem, allegorischem Räteel- 
tone: Herr Mars und Frau Wendelmut haben durch Raub und 
Brand den Gott Amur vertrieben, der aber sein Reich wieder- 
gewinnen solle. 3 

So beklagt der Hellefiur da« römische Reich, um welches 
sonst Kaiser und Könige stritten und das jetzt niemand haben 
wolle, Andeutungen, die wohl die nächste Zeit vor König Rudolf 
bezeichnen.* 

Meister Alexander vergleicht weltlichen und geistlichen Stand 
seiner Zeit mit zwei Königstöchtern, die, statt ihre Hochzeit ab- 
zuwarten, sich einem Bösewicht und dessen Gesellen hingäben; 5 
Rauben und Brand sähe man überall, klagt der Unverzagte; 6 
keine Sicherheit gebe es im Lande, die Hirten hätten den Schafen 
Fehde angekündigt, der Kanzler. 7 So klagt Frauenlob, wahr- 
scheinlich mit Bezug auf den Kampf Adolfs von Nassau mit 
Albrecht von Osterreich: Es giebt keine Könige und Fürsten 
mehr, die Frieden und Sühne machen. Der Herreu Krieg will 
die Lande verderben. Die Schwerter gehen gegeneinander, die 
Kinder erheben sich gegen die Eltern. 8 

So allgemein ist diese Klage, dafs wir sie fast bei allen 
politischen Dichtern wiederholt finden. Daher urteilt Meyer 9 mit 
specieller Beziehung auf Reinmar von Zweter, die mittelalter- 
lichen Dichter hätten überhaupt mehr ernste und betrübende Be- 
gebenheiten beklagt und die Gegner von Kaiser und Reich ge- 
tadelt, als dafs sie freudenreiche Ereignisse zum Gegenstande 
ihrer Dichtung wählten; erzieht zum Vergleiche Aristophanes heran. 

Dieser Vorwurf principieller Morosität und Tadelsucht geht 



» Ebd. Str. 8. 2 Ebd. Str. 9. 3 MSH II, 312 (L. II). 4 MSH IV, 710. 
& MSH III, 29a und b (Str. 17—21). « MSH III, 4ia, Str. 8. 7 MSH 
II, 389 b, Str. II. 7. » Frauenlob, Ausgabe von Ettmüller Str. 22. 23. 
» a. a. 0. Seite 24. 



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des dreizehnten Jahrhundert«. 



39 



in seiner Allgemeinheit aber entschieden über das richtige Mafs 
hinaus. 

Wilmanns 1 vermutet in einem Liede Reinmars von Zweter* 
ein Hochzeitgedicht zu Ehren des Markgrafen Heinrich von Meifsen 
und der Konstanze, der Schwester Friedrichs des Streitbaren, mit 
dem Bemerken, dafs Reinmar bei diesem glänzenden Hoffeste 
gewifs nicht gefehlt habe. 

Bei demselben Hoffeste war nach der Vermutung Strauchs 3 
auch der Manier zugegen, dessen Preislieder auf den Propst von 
Maria-Saal* und auf den Grafen von Henneberg 3 auch sonst 
zeigen, dafs er gar nicht abgeneigt war, freudige Ereignisse zu 
besingen. 

Das erste frohe Ereignis nach der kaiserlosen, der schreck- 
lichen Zeit war die Wahl und Krönung Rudolfs von Habsburg. 
Auch hier hat die politische Lyrik sogleich frohe Klänge ange- 
schlagen und den Kaiser, die neue Hoffnung der Deutschen, mit 
freudigem Zurufe begrüßt. 

So singt Raumsland: 6 „Nun seht, was Wunder Gott vermag! 
Speer und Krone auf Trifels 7 waren gar manchen Tag behalten, 
eh sich ihrer jemand vermaß*. Nach Kaiser Friedrich n. wären 
fünf Könige 8 gewesen, deren keiner aber zu Aachen den Königs- 
stuhl besessen habe, so dals keinem vou ihnen das Reich zu 
Diensten war. Jetzt aber habe es der Graf von Habsburg, dem 
gleich an Ehren niemals ein König erwartet wurde, und es komme 
Heil dem Gott auserwiihlten Schwaben!" 

Man sieht, sagt Schlegel, 9 das Gedicht ist unmittelbar nach 
der Erwählung Rudolfs geschrieben, also noch im Jahre 1273, 
sehr glaublich bei Gelegenheit der Krönung in Aachen selbst, 

1 Chronologie der Sprüche Reinmar» von Zweter, Zs. f. d. A. Bd. LS, 
S. 151» f. * MSH II, 218b, Str. 23o. 3 a. a. O. S. 18. 4 Strauch X, 15 ft. 
» Ebd. XV, 61 ff. • MSH III, 01a, Str. 7. • Näheree über die histo- 
rischen Beziehungen MSH IV, 071 ff. » Schlegel, Dtsch. Muh. Bd. I, S. 294, 
bemerkt hierzu: die Angabe, dafs keiner der fünf Könige auf dem Stuhl 
zu Aachen gesessen habe, sei nicht buchstäblich zu nehmen; denn aller- 
dings seien Wilhelm und Richard zu Aachen gekrönt worden. Wohl 
wegen des Fehlens der Reichskleinodien seien aber diese Handlungen 
nicht für vollgültig gehalten worden. Dafs Schlegel als zweiten unter 
diesen fünf Königen Hermann Raspe statt Heinrich Raspe nennt, ist ein 
lapsus calanii. 0 a. a.'O. S. 290. 




40 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



wo ohne Zweifel mehrere Dichter iin Gefolge ihrer fürstliehen 
Gönner gegenwärtig waren. 

So feierte Meister Friedrich Sonnenburg König Rudolfs Krö- 
nung, 1 wo als Wahrzeichen göttlichen Wohlgefallens zu Aachen 
über dem Münster ein schönes Kreuz hoch, lang, weit und breit 
geschwebt habe. An dieses unmittelbar nach Rudolfs Krönung 
abgefafste Gedicht schliefsen sich noch zwei andere, 2 die sich auf 
den Zeitraum zwischen der Zurückkunft der Gesandten von Lyon 
und der Zusammenkunft von Kaiser und Papst in Lausanne be- 
ziehen, wo Meister Sonnenburg Zeugnis für die allgemeine Freude 
über diese Königs wähl und deren Anerkennung von Seiten des 
Papstes ablegt. 3 

Auch Meister Stolle hat Lobgedichte auf König Rudolf ver- 
fafst.* Wenigstens sieht man aus den Worten 5 „Erne git ouch 
niht, der künic Ruodolf, swaz ieman von im singet oder geseit", 
dafs Meister Stolle durch einige wahrscheinlich verlorene Lob- 
gedichte dem Kaiser Geschenke abzulocken versucht hatte. 6 Ja, 
es ist ein Gedicht erhalten, 7 worin er sagt, ein Herr solle allezeit 
Löwenstimme haben und, um Gott wohlgefällig zu sein, der armen 
Christenheit Frieden schaffen. Man sieht, dafs diese Aufgabe für 
jeden beliebigen „Herrn" zu grofs war, vielmehr allein dem Kaiser 
zukommend, ganz besonders jetzt nach den Wirren des Inter- 
regnums zukommend genannt werden konnte. Da nun noch 
aufserdem von jenem Herrn gesagt ist, dafs er „Straufses Augen 
haben" solle, eine Wendung, die einem Spruche Reinmars 8 ent- 
lehnt ist, welcher dieselbe auch mit Beziehung auf keinen gerin- 
geren als einen Kaiser gebraucht hatte, so scheint es mir ziem- 
lich sicher, dafs wir hiermit wenigstens eines der Lobgedichte 
Meister Stolles auf Rudolf erhalten haben. 

Ebenso verherrlicht Konrad von Würzburg den König Rudolf 9 
und die Verdienste des Adlers von Rom, der die Krähen mit 
seiner Kraft bezwungen und Lob und Glanz errungen habe. 
Habicht und Falken habe er zu Osterland und Steier bezwungen, 
dafs es zu Pülle Raben und Geier erschrecke. Niemand komme 

« MSH III, 73, Str. 29. a Ebd. Str. 27. 28. 3 Schlegel, D. M. 1,305. 
4 MSH IV, 707. » MSH III, 5 b, Str. 11. « Schlegel, D. M. 1, 31G. " MSH 
III, ob, Str. 12. » MSH II, 202 b, Spr. 130. » MSH II, 33-4 b, Str. 24. 




des dreizehnten Jahrhunderte. 



41 



gegen ihn auf, der Löwe von Böhmen mufste sich unter seinen 
Klauen schmiegen; ohne Trug ist er, fest und hoher Ehren ganz. 

So schwülstig diese Häufung von Vergleichen erscheint — 
bewimdernswürdig nennt die Durchführung des Bildes Schlegel, 1 
der die einzelnen historischen Beziehungen deutet und die Ab- 
fassung, gewifs richtig, in die Zeit von Ende 1276 bis 1278 
(Ottokar f 26. Aug.) verlegt; während Kurz 2 das Unpoetische 
jenes Allegorisierens hervorhebt — die Tendenz aber ist die 
gleiche wie die seiner Genossen: freudiger Ausdruck der An- 
erkennung für Rudolfs Bemühungen um Herstellung rechtlicher 
und geordneter Zustande. 

In einem Gedichte Boppes 3 wird Rudolf mit Karl dem 
Grofsen und dieser wieder mit den Helden, Königen und Propheten 
des Alten Testamente verglichen. Es beginnt mit dem Jubelrufe: 
„Zahy, was hoher Tugend hat Gott dem Könige gegeben ! u * 

Nach Rudolfs Tode aber noch, demnach gewifs ohne selbst- 
süchtiges Interesse, singt Frauenlob: „Ei, wer ergezzet uns von 
Rome eins künigs guot? Ruodolf, sin muot was aller tugent 
neiger, der saelde imd ere ein zeiger, er prls an hohen fürsten 
pflac, der er was er ein neiger/ 5 

Hiermit scheint der Beweis erbracht zu sein, dafs eine be- 
sondere Tadelsucht der politischen L)Tik des dreizehnten Jahr- 
hunderts wenigstens — Meyer a. a. O. spricht sogar von mittel- 
alterlichen Dichtern überhaupt — fernliegt; dafs sie es sich nicht 
nehmen liefsen, freudige Veranlassungen zu besingen. 

Meyer hebt also wohl mit Recht hervor, dafs die Dichter 
mehr betrübende als freudenreiche Ereignisse zum Gegenstande 
ihrer politischen Dichtung nahmen. Diese Erscheinung ist aber, 
scheint es, keineswegs einer besonderen Tadelsucht jener Dichter 
zuzuschreiben. Welche freudigen Ereignisse gab es denn zu be- 
singen, während die Unsicherheit, das Raub- und Fehdewesen 
immer weiter um sich griffen, ein Gegenkönig nach dem anderen 
auftrat und die Zerrüttung im Reiche von Jahr zu Jahr schlimmer 
wurde? So finden die ewig wiederkehrenden Klagen durch die 
Zeitverhältnißse selbst ihre genügende Erklärung. 



' D. M. I, 307. * I, 12U. a MSH II, 383 (II). 4 Schlegel, D. Mus. 
I, 311. A Frauenlob v. Ettmüller, Str. 8<». 




42 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Gerade der freudige Jubel, mit dem die Sänger uach er- 
folgter Wahl Eudolfs nicht zurückhielten, zeigt, dafs sie auch ganz 
gern freudige Ereignisse zum Gegenstande ihrer Dichtung nahmen ; 
nur mufsten sie solche erleben. 

Vielleicht wendet man dagegen ein, dafs gerade auch Rudolf 
nicht vor der Tadelsucht jener Sänger verschont blieb. So schalt 
Meister Stolle den König Rudolf bitter wegen seiner Kargheit, 1 
so auch der Unverzagte. 2 

Meister Boppe, der vorher kein Bedenken getragen, Rudolf mit 
Karl dem Grofsen zu vergleichen, schliefet sich diesen Tadlern an. 
Zu seiner Benennung Rudolfs als des „giegen üz Osterlant" 3 be- 
merkt v. d. Hagen,* dafs der Ausdruck „giege" unschicklich sei. 
In der That lag Rudolf gerade geckenhaftes Wesen bekanntlich 
völlig fern — man denke nur an die bekannte Anekdote von 
der Bäckerfrau, die ihn gerade wegen seiner schlechten Kleidung 
für einen gemeinen Soldaten hielt und mit Schelten vom Ofen 
wegwies — , daher wird statt des unschicklichen „der giege üz 
Osterlant u unzweifelhaft „der gitege üz Osterlant" zu, lesen sein, 
was auch dem sonstigen Zusammenhang des Spruches besser ent- 
spricht. Auch uuter dem Menschenbilde, hager und lang, jung- 
mutig und bejahrt, das gewaltig alle deutschen Lande ausschliefs- 
lich nutzt, raubt, brennt und verwüstet, wo es weilt, wie die 
Bürger der Städte bezeugen, 5 wird Boppe den Kaiser Rudolf 
verstanden wissen wollen. Hagen 6 würde diese Beziehung, ein- 
gedenk der anderen Schmähung Rudolfs als des „giegen tt — 
noch besser pafst sie natürlich zu „gitegen u — , annehmen, wäre 
die Schmähung nicht zu stark und unwahr. Die Truppen Rudolfs 
hatten es aber 1276 im Kriege mit dem Böhmenköuige Ottokar 
an Excessen nicht fehlen lassen, 7 und um sich zum Kampfe gegen 
Ottokar Geld zu verschaffen, hatte Rudolf in den ersten Jahren 
nach seiner Thronbesteigung ungewöhnlich starke Anforderungen 
an die Städte gestellt. Von allen Kaufleuten im Reiche liefs er 
sich bereits damals den achten Teil ihres Geschäftskapitals und 
ein andermal von den Bürgern der Reichsstädte den dreifsigsten 

»MSHIII, 5a. * MSH III, 45a, Str. III, 1. 3 MSH II, 384b (IV). 
« MSH IV, 6i>3. 5 MSH IV, 380 a, Str. 12. « MSH IV, 696. ' Sugeu- 
heim, D. G. III, 56. 




de§ dreizehnten Jahrhunderts. 



43 



Teil ihres ganzen Vermögens entrichten, nicht zu gedenken der 
sehr bedeutenden Extraerpressungen, die er sich gegen die Ge- 
samtheit wie gegen einzelne Bürgerschaften erlaubte. 1 Boppes 
Schmähung ist also, wie man sieht, stark, aber nicht unwahr. 

Jedenfalls hatten sich die Dichter in ihrer Hoffnung, es 
werde mit Rudolf die alte Zeit wiederkehren, getäuscht, 2 und ihr 
Tadel Rudolfs wegen dessen Kargheit war thatsächlich begründet, 
so dafs sie auch dieserhalb kein Vorwurf besonderer Tadelsucht 
und Morositat treffen kann. 

Soweit ich sehen kann, trifft dieser Vorwurf nur auf Bruder 
Wernher zu 3 und auf den Schulmeister von Eislingen. „Wol ab, 
der künic der git iu niht 44 — so beginnt der Spruch, in welchem 
der letztere die Kargheit Rudolfs am bittersten tadelt.* Er hatte 
einen so grenzenlosen Hafs auf ihn geworfen, dafs unter den wenigen 
auf uns gekommenen Stücken von ihm die Hälfte in Schmähliedern 
gegen den grofsen Fürsten besteht. Einige Züge sind auf Wahr- 
heit gegründet, z. B. die Vorsorge für die Vermehrung des Erbes 
seiner Kinder, aber ins Gehässige gezogen. 3 Er ist aber auch 
der einzige, der Rudolf gar kein Lob zugesteht, der ihn für seine 
Bemühungen um Hersteilimg von Ordnung und Recht nur mit 
einer Vogelscheuche im Gerstenfelde verglich. 6 Auf ihn, wie 
vorher auf Bruder Wernher, trifft also das Urteil Meyers über 
die mittelalterlichen Dichter und ihre Tadelsucht zu. — So all- 
gemein aber, wie Meyer es ausspricht, war dieselbe der politischen 
Lyrik des dreizehnten Jahrhunderts nicht eigen; auch sie hat 
sich freudige politische Ereignisse als Gegenstand der Dichtung 
nicht entgehen lassen, wenn nur solche vorlagen. Da aber die 
letzte Zeit der Hohenstaufen und des Interregnums eine Zeit des 
Schreckens, der Gewalt und der Friedlosigkeit war, so bildet 
allerdings die Klage darüber das Hauptthema der politischen 
Lyrik des dreizehnten Jahrhunderts. 

Man mag Walther vorwerfen, dafs er von Philipp zu Otto, 
von Otto zu Friedrich herüberschwankte, in seiner Stellung zur 
römischen Kurie beharrte er unentwegt; bei dem Rufe „Hie 
Papst! hie Kaiser! 44 hat er ein für allemal unverändert seine 



1 Sugenheim III, 96. * Koberstein-Bartech I, 94. ' Kurz I, 82. 
4 MSH II, 138 (III). 5 Schlegel, D. M. I, 310. 6 MSH II, 139, Str. 7, 




44 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Stellung genommen. Es fragt sich, wie sich die anderweitige 
|M)litische Lyrik in diesem Kampfe verhalten liat. Wackernagel 
bemerkt, dafs Walthers Sprüche die Parteistellung der deutschen 
Dichter für das ganze Jahrhundert bestimmten; für den Papst 
sei von da an keiner aufgetreten, doch einer nach dem anderen 
gegen den Papst. 1 

Mit voller Entschiedenheit wie Walther spricht der Marner 
seine Gesinnung als kaiserlich und antipäpstlich aus. 2 Durch 
seine Worte : 3 „Sagt mir, der babst von Röme, waz sol iu der 
krumbe stap, den Got dem guoten Sante Peter uns zenbinden 
gap? die werlt habt ir betwungen gar, iur muot stat anders niht 
wan: ,gib eht her!'" — durch diese Worte wird man unwillkür- 
lich an Walthers „Ahl, wie kristenliche der bäbest unser lachet 14 etc. 
erinnert; ganz gleichen Ton schlagt hier der Marner an und wirft 
der Kurie mit gleicher Bitterkeit ihre Habsucht vor. Da der 
Marner auch einen Spruch an Konradin gedichtet hat/ worin er 
ihn in seinen Bestrebungen, die Krone zu erringen, ermuntert, 
so kann an seiner antipäpstlichen und staufischen Gesinnung kein 
Zweifel obwalten. Geändert hat er dieselbe nicht, sondern ebenso 
konsequent wie sein Meister 5 an ihr festgehalten. 

Ebenso war die politische Stellung des Tanhäusers. Er feiert 
Otto II., den Erlauchten, von Bayern, 6 der standhaft auf der Seite 
des Kaisers gegenüber dem Papste und den Gegenkönigen ver- 
harrte, tadelt die Partei des Thüringers gegenüber Konrad IV. 
bitter 7 und ignoriert zufolge seiner staufischen Gesinnung die auf 
Friedrich II. folgenden Scheinkönige gänzlich. 8 

Meister Sigeher singt nach der Wahl Wilhelms von Holland 
gegen Kaiser Friedrich II.: 9 „Ehemals stand es schön um des 

1 Gesch. d. dtsch. Nationallitt. I, 242; desgl. Meyer a. a. O. S. 00. 
a Strauch XIV, Ol ff. XV, 333. 3 Ebd. XII, 20. * Strauch XV, 5. So 
schon gedeutet von Docen a. a. O. S. 2<>3. Nach Strauch S. 18 im Jahre 
1207 verfafst. 5 Gödeke I, 158 bestreitet ein persönliches Verhältnis des 
Marners zu Walther, wie es sich aber aus den Worten „min meister, her 
Waltber* (Str. XIV, 274), im Gegensatz zu den anderen nachher genannten 
Dichtern, die ebenso bekannt waren, aber nicht als seine Meister von ihm 
bezeichnet werden, ergiebt. 6 MSH II, 88a (V, 10). 7 Menge a. a. O. 
S. 3. MSH II, 95b (XIV). • MSH II, 80a. Menge S. 3. » MSH II, 
301 a (II, 2). 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



45 



Kaisers Wahl, da Könige sich ihrer annahmen ; jetzt nehmen sich 
ihrer welsche Pfaffen an, die Segen und Taufe verschachern." 1 
Wie mit Puppen spiele der Papst jetzt mit den deutschen Fürsten 
und setze sie ein und ab. 9 

In dem angeführten Spruche nimmt Meister Sigeher für 
Wilhelm von Holland gegen den Staufer Konrad IV. Partei; 
dagegen erwähnt er in einem Lobliede auf König Ottokar 3 einen 
Staufer, der ebenso wie Ottokar hohe Ehren erringen werde, 
womit vermutlich Konradin gemeint ist, spricht sich also in einem 
für die Staufer günstigen Sinne aus. So widersprechend daher 
ihnen gegenüber seine Stellung erscheint, so bestimmt Ist dieselbe 
bezüglich seiner Stellung zum Papsttum. 

Er benutzt ein Gerücht, das über Unterhandlungen zwischen 
dem Papste und Konrad IV. wegen Jerusalems im Umlauf war, 
um seinem bitteren Unmute über welsche Pfaffen und die Käuf- 
lichkeit der Kurie Luft zu machen. 2 

An anderer Stelle 4 spricht er sich ebenso bitter über das 
Sinken des Reiches und die Erhebimg der Kirche aus, und die 
Worte „Er ist geborn, bi dem in lambes munde wahsent wolbes 
zende, sinen zorn müezen künege vürhten" enthalten zweifellos 
eine gröbliche Schmähung des Papstes selbst. 

Endlich erwähnt er in der Erzählung von dem Geiste, 5 den 
Sigeher zwang, ihn in einem Schwerte die Zukunft sehen zu lassen, 
wie er zwei Päpste Recht zu Unrecht machen und Christenrecht 
gerade bei dem höchsten Würdenträger der Kirche verworfen sah. 

Auch Meister Stolle richtet gegen den Papst als den Ver- 
kehrer der Christenheit seine Spruchdichtung. 6 „Wenn das Haupt 
siech ist, dann sind es auch die Glieder. Das ist aller Welt 
offenbar: das Haupt siecht gar zu sehr. Der Papst sollte ein 
Haupt sein in der Christenheit, sie vor Unrecht beschirmen und 
ihr Richter sein ; aber er führt sie irre, wir Laien sind der Pfaffen 
Spott, sie helfen alle einander uns betrügen, sie fälschen Schrift 
und Glauben aus Habgier; wo ist das Recht, das man uns von 
Rom aus geben sollte?" 7 



» Docen, Archiv, Jahrg. 1821, S. 203. * MSH II, 361a, Str. II, 2. 
* M8H IV, 662. « MSH II, 363 b, Str. 3. * MSH II, 362 a (V, 2). 6 Gödeke 
I, 253. ' MSH III, 5 b, Str. 13. 



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46 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



So eifert Frauenlob gegen die päpstliche Partei: „Die Pfaffen- 
fürsten sind gestiegen, die Laienfürsten gesunken, dem Reiche 
zum Schaden. 1 Die Pfaffenfürsten sind zu mächtig, sie achten 
das Reich nichts, während Laienfürsten stets dessen Stütze waren. 3 
König Konstantin hat übel daran gethan, dafs uns der Pfaffe 
zeigen soll, wie man des Reiches Stuhl bewahre. 3 Die weltliche 
Gewalt solle ihre Rechte waliren; nehme sie nicht das Schwert 
zur Hand, so werde man sie mit dem Krummstabe verjagen. 4 
Solle der Wolf des Reiches Schafe von der Weide jagen ? Feil 
ist zu Rom der Glaube, es glühen der „Simonie koln". 5 Die Pfaffen 
mafsen sich weltliche Rechte an und setzen Könige ein und ab. 6 
Den Pfaffen vom römischen Stuhle ist der klare Quell Petri zum 
Pfuhle geworden, ihre Quelle heifst Simonie." 7 

Die bisher angeführten Dichter sind sämtlich Gegner des 
Papstes, und zwar, wie Walther, ohne Schwanken in ihrer {Kriti- 
schen Stellung. 

Aber so waren nicht alle! 

Bei Bruder Wernher, Reinmar von Zweter und Sonnenburg 
lälst sich ein erheblicher Unterschied bemerken. 

Bruder Wernher tadelt den Papst, der bei den Lombarden 
die Ketzer aufkommen lassen, nachdem ihm dieselben einen Trank 
von Gold geschenkt, und der gehässig gegen den Kaiser sei, statt 
im Verein mit ihm an die Befreiung des heiligen Grabes zu denken. 8 
Er trotzt dem Banne, dessenungeachtet Kaiser Friedrich von sei- 
nem Kreuzzuge glücklich heimgekehrt sei, in der Fabel von dem 
Affen und der Schildkröte. 9 Er bezeichnet ferner das Mühselige 
und Gefahrvolle von Friedrichs Laufbahn in seinem rastlosen 
Ringen gegen die Aumafsungen der Priesterherrschaft durch ein 
„schauerlich schönes Bild tt , 10 wenn Friedrich einem Manne ver- 
glichen wird, der im Walde geht, während ein Wolf hinter ihm 
herschleicht, stets begierig, über ihn herzustürzen, sobald der Mann 
straucheln oder fallen würde. 11 Da aber im Anfange dieses 

Spruches davon die Rede ist, dafs die Fürsten, welche nur mit 

. — m 

1 Ausgabe von Ettmüller Str. 299. 8 Ettm. Str. 300. 3 Ebd. 335. 
4 Str. 330. 5 Str. 337. 338. 0 Str. 342. * Str. 343. 8 MSH II, 227 b, 
Spr. 2; nach Meyer S. 87 im Frühling 1227 gedichtet. 0 MSH III, 16 b, 
Spr. 26; nach Lamey S. 20 im Jahre 122^ gedichtet. 10 Unland, Leben 
Walthers S. 115. '« MSH II, 234 b, Str. 3. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



47 



erheuchelter Treue sich an Friedrichs Seite stellten und dabei 
falschen Sinn hegten, Wölfen glichen — worauf dann der ange- 
führte Vergleich folgt, so bezieht sich diese Strophe offenbar nicht 
auf die Treulosigkeit der römischen Kurie, sondern auf die der 
deutschen Pürsten, vielleicht besonders Friedrichs des Streitbaren. 1 

Aber auch schon die beiden vorher angeführten Strophen 
zeigen Bruder Wernher zur Genüge als Anhänger des Kaisers. 
Als solchen finden wir ihn, wie die Sprüche darthun, in den Jahren 
1227 und 1229. Somit schlofs er sich, wie Gervinus 2 urteilt, an 
Walthers politische Tendenzen an. 

Im Jahre 1245 scheint er, der bisherige Anhänger der hohen- 
£taufischen Partei, sagt Lamey, 3 sich der päpstlichen einiger- 
niafsen genähert zu haben; minder glimpflich bemerkt Meyer, 4 
Bruder Wernher sei im Laufe der Jahre von Kaiser Friedrich IT. 
abtrünnig geworden. 

Man wird sich erinnern, dals auch Walther erst für Otto 
Partei ergriff und nachher doch zu dessen Gegenkönige, Fried- 
rich IL, überging, ohne dafs dieser Wechsel der Personen einen 
Wechsel in seiner politischen Parteistellung zur Kurie herbeiführte. 

Anders Bruder Wernher. 

Hat er 1229 die glückliche Rückkehr des Kaisers aus Akkon 
trotz des Bannes gefeiert, so hebt er mit den Worten „diu sele 
vor dem banne in groszen riuwen stät, swen si der helle scherge 
hin vor slnen meister twinget" 5 die Schrecknisse des Bannes 
hervor, tadelt anderweitig 6 Papst und Kaiser, nennt sie beide 
Lucifers Genossen, sucht aber das gröfsere Unrecht auf seiten 
des Kaisers; 7 er lobt in einem Klageliede auf den Tod Ludwigs 
von Bayern diesen Fürsten, nennt ihn treu, stet, die Hilfe von 
Kaiser und König, obgleich er ohne Zweifel wufste, dafs der 
Wittelsbacher mit dem Papste Gregor IX. im geheimen Einver- 
ständnis gewesen und dessen Versuche, die deutschen Fßrsten 
gegen den Staufer Friedrich II. aufzuwiegeln, unterstützt hatte. 8 

Endlich lobt er an anderer Stelle 9 den Herzog Leopold VII. 

1 Beziehung auf Friedrich den Streitbaren nimmt Lamey S. 23 an, 
zur Evidenz erweisen läfst sie sich nicht. 2 Gerv. II, 134. 3 a. a. O. S. 32. 
4 a. a. O. S.97. * MSH III, IIa; nach Meyer S. 92 zwischen 1232—1234 
zu setzen. 8 MSH III, IIb. 7 So urteilt wenigstens Meyer S. 98. 8 Sugen- 
heim, D. G. II, 529. 8 MSH II, 233 b. 




48 Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 

von Osterreich, der auf Gottes Fahrt gespart habe, gegenüber 
dem Kaiser oder vielmehr damals noch Könige Friedrich II., der 
sich in Sachsen mit Otto IV. herumschlage. Meyer 1 meint aller- 
dings, man brauche aus diesem Lobe Leopolds VII. keinen Vor- 
wurf gegen König Friedrich herauszulesen. Wenn aber in dem 
Spruche ausdrücklich des Königs Fahrt nach Sachsen und Leo- 
polds Fahrt „gen Akers" einander gegenübergestellt werden, wenn 
die Frage aufgeworfen wird: „welcher dft verdienen müge baz 
der sselden segen", wenn die Fahrt Leopolds ausdrücklich be- 
zeichnet wird als eine „sselicllchiu vart, die got mit hundert tüseut 
lönen giltet" — so kann doch kein Zweifel bleiben, dafs Fried- 
richs Kämpfe in Sachsen von dem Dichter geringer als diese 
„hundert tüsent löne tt geachtet wurden, also das Lob des Kreuz- 
fahrers Leopold auf Kosten des Königs erteilt ist. 

Man sieht, dafs Bruder Wernher nicht wie Walther konse- 
quent auf Seiten des Kaisers gestanden, sondern in der Vertretung 
der Interessen von Reich und Kirche sich schwankend verhalten hat. 

Gleiches Verfahren, nur noch offenkundiger, hat Reinmar von 
Zweter eingeschlagen. 

In den politischen Sprüchen, sagt Gervinus, 2 tritt Reinmar 
in die Fufsstapf en Walthers, da dieser von der Weltbühne abtrat. 
„Er setzte dessen Kampf gegen Rom und die weltlichen Uber- 
griffe fort." In der Schärfe der Polemik kommt er Walther weit 
näher als Bruder Wernher, dessen Äulserungen gegen den Papst 
im Vergleich zu Walther und Reinmar eigentlich zahm klingen. 

Die Romer sind unheilig, äufsert sich Reinmar, 3 wie könnten 
sie einen rechten Papst wählen? Ein rechter Papst zeigt mehr 
väterliche Gesinnung. — Mit Beziehung auf diesen Spruch urteilt 
Meyer, 4 Reinmar habe sich damals, als das Kaisertum in neue 
Gefahren kam, mit einer Würde und Kraft erhoben, welche hinter 
derjenigen Walthers nicht zurückblieb. 

Gegen die Habgier der römischen Kurie eifert er : 5 Christus 
habe allen Menschen ein Beispiel mit seiner Armut gegeben. Die 
Päpste freilich hätten Städte, Burgen, Land und seien doch sünden- 
frei wie Christus — so gut wie die habe es freilich niemand. 



• a. a. O. S. 86. * a. a. O. II, 131. 3 MSH II, 200 a, Spr. 127. 4 a. a. O. 
S. 15. 5 MSH II, 200 b, Spr. 128. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



49 



Er unterscheidet 1 den Bann, der mit und nach Gott sei, 
und den Bann, in welchem fleischlicher Zorn stecke, und macht 
es dem Papste zum Vorwurfe, dafs er gleichzeitig unter der Stola 
fluchen, schelten und bannen und unter dem Helme rauben, sengen 
und brennen, also mit beiden Schwertern streiten wolle. 

Er tadelt 2 die Kurie — wie Bruder Wernher — wegen Dul- 
dung der Häresie bei den Lombarden, noch mehr der Simonie. 
Das Schwert Hügelins, d. i. Gregors EX., schneide nur, 3 wenn 
man es mit Golde wetzt. Unrecht und der Papst lachten ein- 
ander an; das Recht stehe traurig dabei, werde aber doch endlich 
siegen; 1 der Papst lobe nur die Reichen, die Armen seien ihm 
nicht halb so lieb; 5 der Kaiser hüte sich vor Heuchelei, wie sie 
in Rom zu Hause ist; 6 die Bischöfe von Mainz und Köln lägen 
wie eine Rute dem Reiche auf dem Rücken, aber so wenig die 
Mücke dem Aare würden die Päpstlichen dem Reiche anhaben. 7 

Es kommt hinzu, dafs Reinmar den Kaiser bei dessen An- 
wesenheit in Deutschland mit Begeisterung begrüfste. Er nennt 
ihn der Treue Schatzkammer Hort, Anker der Stetigkeit, Zunge 
rechten Urteils, Hand des Friedens, Mund gewisser Worte, Haupt, 
würdig einer Krone, wie sie kein Schmied anfertigen könne, und 
schliefst mit „Heil dem Kaiser Friedrich !" 8 Dessen Ohren hörten 
durch den Wald, seine Augen reichten über das Feld, seine That 
sei rascher wie die Windsbraut. 9 Der Thor, der ihm widerstehe, 
sei seiner Sinne beraubt. 10 Das Reich war so siech, dafs es schon 
auf allen vieren kaum noch kroch, bis ihm Gott den weisen 
Kaiser sandte, dessen Weisheit alle Weisen preisen sollten; der 
das Reich in seinem Siechtum aufgerichtet habe, so dafs es jetzt 
wieder gerade stehe. 11 

Wenn auch die Sprache dieser Sprüche im Gegensatz zu 
Walther gesucht, die Vergleiche und schmückenden Beiwörter 
übermafsig gehäuft erscheinen, an seiner Gesinnung lassen die 
angeführten Sprüche keinen Zweifel; auf Walthers Schultern 



» MSH II, 200 b, Spr. 129; Unland S. 137. 1 MSH II, 200 b, Spr. 130. 
3 MSH 202 a, Spr. 137. 4 MSH II, 201 b, Spr. 134. 5 MSH II, 201a, 
Spr. 133. « MSH II, 203 a, Spr. 143. ? MSH II, 218 a, Spr. 229. « MSH 
II, 202a, Spr. 138. » MSH II, 202b, Spr. 139. * Ebd. Spr. 140. " MSH 
II, 203 a, Spr. 142. 

Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 1 




50 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



stehend, scheint er dessen würdiger Nachfolger, von gleichem 
Kampfeseifer gegen den Papst beseelt zu sein. 

Wie aber hat er nachher gegen den von ihm verherrlichten 
Kaiser geeifert! 

Ihn stellt er mit der ironischen Andeutung „In' weiz, 
ob ez ein Püllesch zouber tiute u als den Verkünder einer Lügeu- 
kunst hin, von der er sagt: ^,Gesoten lüge, gebraten lüge, lüge 
üz der galrei, lüge von barat, lüge von trüge, gebalsmet lüge, 
gebismet lüge, lüge mit safran überzogen, lüge swie man s' er- 
denken kan unt wil"; 1 ihm wirft er Simonie vor, 2 gegen ihn ruft 
er die ganze Allmacht Gottes an zu dem einen Zwecke : „ Wider- 
stant von Stoufen Fridertche ! u 3 Was Rom tausendmal gebannt 
habe, könne es jetzt nicht zu dreien widerrufen ; im Banne müsse 
der Kaiser bleiben, und er, der Dichter, wolle es laut von den 
Dächern schreien, dafs der Mohr schwarz bleibe 4 — man sieht, 
er ist in seinem 'Hasse päpstlicher als der Papst. 

Freilich könnte man einwenden, es lasse sich in diesen 
Sprüchen nur Hafs gegen den Kaiser, kein Aufgeben seiner feind- 
seligen Stellung gegen das Papsttum erkennen, zumal der Vor- 
wurf der Simonie gleichzeitig auch gegen den Papst erhoben 
werde, etwa wie Walther zu dem Pfaffenkönige übergetreten, aber 
in seiner feindseligen Stellung zum Papsttum verblieben sei. 
Indes kommt seine Bekehrung zur päpstlichen Partei auch noch 
anderwärts zum Ausdruck. 

So lobt er mit ganz denselben Ausdrücken wie früher den 
Kaiser 5 den Erzbischof von Mainz, denselben, w r elchen er vorher 
wegen seiner päpstlichen Gesinnung getadelt hatte. Wenn man 
erwägt, dafs sich der Erzbischof von Mainz 1245 nach Lyon 
begab, der wiederholten Exkommunikation des Kaisers beiwohnte, 
sich für den Fall der Absetzung zur unverzüglichen Erhebung 
eines mächtigen Gegenkönigs mit verpflichtete und im Juni am 
Rhein war, um in ganz Deutschland auf die allerfeindlichste Weise 
gegen den Kaiser zu wirken, 6 so kann kein Zweifel bestehen, 
dafs ein Lob dieses Kirchenfürsten eine totale Veränderung in 



• MSH II, 207b, Spr. 170. a MSH II, 218a, Spr. 228. * MSH II, 
203 b, Spr 145. 4 MSH II, 201a, Spr. 132. MSH II, 210 b, Spr. 186a 
u. 18Gb; vgl. hier S. 19, Anm. 8. r « Schirrmacher IV, 140. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



51 



der politischen Stellung Reinmars zum Ausdruck bringt, ihn 
geradezu zum Anhänger der päpstlichen Partei stempelt. 

Doch auch hier, wo er so offen für einen Anhänger des 
Papstes Partei ergreift, konnte immer noch jemand die Feind- 
schaft gegen den Kaiser zugeben und doch die päpstliche Ge- 
sinnung bestreiten. Aber auch ihm wird die Veränderung der 
politischen Stellung Reinmars uberzeugend einleuchten, wenn er 
daran denkt, dafs Reinmar es früher 1 dem Papste zum Vorwurf 
gemacht hatte, dafs er überhaupt das «veitliche Schwert ergreife, 
jetzt aber — im Spr. 212 — beide Schwerter nebeneinander stellt, 
so dafe jedes auf die Unterstützung des anderen angewiesen sei, 
endlich aber — im Spr. 213 — den Kaiser „fullemunt der edlen 
kristenheit, sant Peters kempfen u nennt, also unzweifelhaft dem 
Papste unterordnet. 2 

Wer die von Wilmanns gegebeneu Festsetzungen der Chrono- 
logie der Sprüche Reinmars für richtig hält, mufs mit ihm fol- 
gende Veränderungen in Reinmars Stellung anerkennen: 

1228/29 für den Kaiser gegen den Papst (Spr. 127—131); 

1234 35 gegen den Papst und gegen den Kaiser für König 
Heinrich (Spr. 132—136); 

1236 für den Kaiser gegen den Papst (Spr. 137 — 144); 

1239 bz. 1240/41 gegen den Kaiser (Spr. 145 bz. 148149); 

1242 oder 1244 gegen den Kaiser (Spr. 229); 

1245 gegen den Kaiser (Spr. 230). 

Nach Meyer ergeben sich folgende Veränderungen : 
1227—36 für den Kaiser (Spr. 127-131. 137. 133. 134. 
212. 213. 138—140. 142); 

1241—45 gegen den Kaiser (Spr. 228. 132. 148. 149. 145. 170); 
1241 — 46 gegen den Kaiser (Spr. 186 a u. b); 

1246 für den Kaiser (Spr. 229). 

Str. 245, deren Anführung man in beiden Aufzählungen ver- 
missen dürfte, ißt wegen ihrer sehr fraglichen Echtheit 3 unberück- 
sichtigt gelassen. 

' MSH II, 200 b, Spr. 129. 2 Als Ansicht Reinmars entnimmt Meyer 
S. 27 Gleichstellung des geistlichen und weltlichen Schwertes aus dem 
Spr. 212 — mit Recht, aus dem Spr. 213 aber mit Unrecht, weil er die Worte 
„sant Peters kempfen tt unbeachtet läfst, die doch eine Unterordnung des 
Kaisers unter den Papst deutlich erkennen lassen. 3 Scherer, D. St. 1, 300. 

4* 



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52 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Auf die beiderseits aufgestellten chronologischen Festsetzungen 
näher einzugehen, erscheint überflüssig; 1 so viel ist klar, dafs der 
Dichter in dem Kampfe zwischen Kaiser und Papst zwischen 
beiden Parteien geschwankt, den Kampf Walthers gegeu Rom, 
wie Gervinus 2 sagt, in mannigfaltigen Wechseln fortgesetzt habe. 

Ebenso schwankend in seiner Haltung zwischen Kaiser und 
Papst war Meister Friedrich Sonnenburg. 

„Unrechte Gewalt, wie spüre ich dich in der Christenheit ! 
Allgemein werben die Pfaffen um Gut, machen Recht zu Unrecht 
des Gewinnes halber; auf Habgier steht ihr Sinn. Erbarme dich, 
Gott, gieb rechten Papst und rechten Kaiser; geschieht der 
Pfaffen Wille, wird nimmer ein Kaiser!" 3 So läfst er sich ver- 
nehmen. Den letzten Satz hält Zingerle* für eine Anspielung 
auf den allgemein verbreiteten Verdacht, dafs sowohl Friedrich H. 
als Konrad IV. auf Anstiften der päpstlichen Partei vergiftet 
worden seien. So viel geht aus dem Spruche klar hervor, dafs 
Sonnenburg eifriger Gegner des Papstes war. 

Wenn nun derselbe Sonnenburg in einem jedenfalls früheren 
Spruche 5 mit Beziehung auf Friedrichs Tod äufsert: „Was hilft 
das reiche Gut dem Kaiser, sein weiser Sinn? Hat er hier die 
Welt irre geleitet, so wird ihm dort saure Labe und — haben 
die Pfaffen nicht gelogen — ewige Verdammnis so könnte man 
an seiner antipäpstlichen Gesinnung irre werden. Doch vielleicht 
hat Zingerle recht, der aus dem Zusätze „haut die pfaffen niht 
gelogen u zu erkennen meint, 6 dafs der Dichter mehr Gehörtes 
referiert, als dafs er selbst davon überzeugt ist. 

Wenn er aber in den schon erwähnten Lobgedichten auf 
Rudolf von Habsburg seiner früher gehegten Feindschaft gegen 
den Papst so sehr vergifst, dafs er einen Brief desselben an 
Rudolf, worin diesem die Kaiserkrönung angeboten wird, jetzt 

1 Nur so viel mag hier bemerkt werden, dafs nur wenige Sprüche 
mit Bestimmtheit chronologisch zu bestimmen sind, so z. B. diejenigen, 
aus denen Friedrichs Anwesenheit in Deutschland erhellt (Spr. 138 — 142) ; 
bei den anderen kommt man über Vermutungen nicht hinaus, da die ge- 
gebenen Andeutungen zu unbestimmt sind und verschiedene Erklärungen 
zulassen, wie dies aus den Aufsätzen von Wilmanns und Meyer erhellt. 
2 a. a. O. II, 131. 3 MßH III, 7G, Str. 13. * Sunburc, Ausg. v. Ziogerle 
S. 20. 5 MSH II, 350 a (II, 7). « a. a. O. S. 11. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



53 



zum Preise des Habsburgers mitteilt; 1 wenn er Rudolf deshalb 
rühmt, weil der Papst seine Wahl gutgeheifsen und in Briefen 
an alle Fürsten u. s. w. belobigt habe; wenn er erklärt, kein 
Papst habe je einen König so lieb gehabt, alle sollten ihn an- 
erkennen, einen Gegner werde der Papst für keinen rechten 
Christen halten — so ist ersichtlich, dafs Sonnenburg nicht mehr 
Gegner des Papstes, nicht mehr in seiner Parteistellung ver- 
blieben ist. 

Wenn also Wackernagel bemerkt, dafs Walthers Sprüche die 
Parteistellung der deutschen Dichter für das ganze Jahrhundert 
bestimmten, für den Papst sei von Walther an keiner aufgetreten, 
doch einer nach dem anderen gegen den Papst — so wird aus 
dem nunmehr über Bruder Wernher, Reinmar von Zweter und 
Sonnenburg Gesagten ersichtlich, dafs deren Stellung durchaus 
nicht so bestimmt war wie diejenige Walthers, dafs sie wiederholt 
auch für den Papst Partei ergriffen haben. Aber auch aus an- 
deren Thatsachen folgt, dafs die Behauptung Wackernagels über- 
trieben ist. 

Zwar mag es wenig bedeuten, dals Hugo von Werbeuwac 3 
seine Herrin, die ihn ohne Dank läfst, beim König Konrad ver- 
klagen, wenn dieser die Sache leicht nehme, an den Kaiser gehen, 
und wenn der ihm nicht gerechtes Urteil spreche, an den jungen 
König aus Thüringen, d. i. Heinrich Raspe, oder an den Papst 
sich wenden will. 3 Der Papst wird als höchste und letzte Instanz 
l>ezeichnet; die Worte „aJder au den bäbest, d& man ie genade 
an rehte vant tt übersetzt Menge 4 gegenüber Stalins und Schmids 
geradezu sinnentstellenden Erklärungen gewifs richtig: „bei dem 
man Gnade mit Recht findet 44 . Das hohe Lob, welches der Dichter 
hiermit dem Papste erteilt, zeigt ihn als päpstlich gesinnt. Dafs 
der Zusatz ironisch gemeint sei, wie Menge vermutet, erscheint 
deswegen unmöglich, weil eine solche ironische Herabsetzung der 
höchsten Instanz, die der Dichter anzurufen droht, um die Ge- 
liebte sich geneigt zu machen, gewifs ihren Zweck, Eindruck auf 
sie zu machen, verfehlt haben würde; spielte er mit der scherz- 
haften Anrufung des Papstes den letzten Trumpf gegen die Ge- 



• MSH III, 7:i, Spr. 27. 5 MSH II, <i8a. * Godeke 1, 159. » a. a. O. 
S. 3, Anm. 6. 




54 Charakteristik der deutscheu poli tischen Lyrik 

liebte aus, so wird er den döch nicht selber als geringwertig 
haben bezeichnen wollen! Überdies zeigt die folgende Strophe 
des Liedes erst recht klar, dafs der Dichter bei der scherzenden 
Klage den Papst wirklich als höchste Instanz über Kaiser und 
König stellte, also der Zusatz „dä man ie genade an rehte vant tt 
keineswegs ironisch zu deuten ist, sondern des Dichters päpst- 
liche Gesinnung verrat. Eigentliche politische Sprüche des Dich- 
ters haben sich aber nicht erhalten. Wenn also auch diese eine 
Anspielung in einem Minneliede genügt, um des Dichters päpst- 
liche Gesinnung zu erweisen, so reicht sie doch nicht zum Be- 
weise dafür aus, dafs er sonst als politischer Dichter hervortrat; 
möglich ist es immerhin, und seine politische Stellung wäre durch 
das erwähnte Gedicht ausreichend bezeichnet. 

Dagegen zählen v. Wengen und der Meifsner unbestritten zu 
den politischen Lyrikern, und ihre päpstliche Gesinnung läfst sich 
erweisen. 

In die Zeit nach der Absetzung Friedrichs II. und nach der 
Gegenwahl Heinrich Raspes fällt 1 der Spruch, 2 wo der „vil werde 
künic" (Heinrich Raspe) zu guter Regierung ermahnt wird, im 
Gegensatz zu Friedrich n., von dem es ohne Namensnennung, 
aber ziemlich wegwerfend heifst: „nu hät uns einer so gerihtet, 
des scheidet er (d. h. Got) in dann von siner pflihte." 3 

Aber nicht nur indirekt durch Parteinahme für den päpst- 
lichen Gegenköuig Heinrich Raspe gegen den staufischen Fried- 
rich bekundet v. Wengen seine päpstliche Gesinnung, er tritt auch 
in demselben Spruche direkt für den Papst auf, indem er die 
Macht des Papstes ausdrücklich mit den Worten „Der Papst soll 
unsere Seele, der Vogt von Rom Leib und Gut schirmen" und 
„Friedrich habe Gottes Willen nicht gethan u , über die des Kaisers 
stellt. — Womöglich noch schärfer spricht er sich in dem voran- 
stehenden Spruche aus, 4 wo er ein Recht für Pfaffen und Laien 
überhaupt als unmöglich hinstellt, wolle man nicht den Papst 
ehren und sein Gebot. Was er gebiete, das wolle Gott, von ihm 
selbst habe der Papst seine Gewalt; verloren sei die Christen- 
heit, die nicht seine Rechte als unverbrüchlich halte. 

Der Meifsner, von dem nimmehr zu reden ist, entnimmt in 

' MSH IV, 100. * MSH II, Uib. * Menge S. 9. 4 MSH II, 144a. 



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des dreizehnten Jahrhundert». 



55 



seinem Spruche „Bau ist ein bant u 1 u. s. \v. mehrere Wendungen 
dem Spruche Reinmars von Zweter, in welchem dieser denjenigen 
Bann tadelt, der nicht vou fleischlichem Zorne frei sei. 1 Reinmar 
sagt: „swer bannen wil imt bannen sol, der hüete daz sin ban 
iht si vleischliches zonies vol tt ; der Meifsner: „ban vleisches vul 
der kumt von zoroe"; Reinmar sagt: „swea ban mit Gote ist 
unde in Gote, der wirbet wol nach Gote als ein gesanter Gotes 
böte; swer des bannes niht envürhtet, der ist niht ein wlser 
man Ä ; der Meifsner: „verdienter ban, vruht hoch geborne ver- 
dürbet sei und lip, des schiuwet sülheu ban. w — So vollständig 
einander gleich sind die Prämissen beider! Und nun der Schluls? 
— Reinmar, damals eifrig antipäpstlich, sagt: „Folglich thut 
der Papst unrecht, wenn er zu weltlichen Waffen greift 44 ; 
der Meißner: „der bäbes mak niht unrehten bau erlouben", 
d. h. er thut kein Unrecht. Sollte es zu kühn sein, aus 
dem trotz gleicher Prämissen entgegengesetzt lautenden Resultate 
des Meifeners auf seine päpstliche Gesinnung zu schliefsen? 

Heifst es doch anderweitig: 2 „Der Papst hat dem Reiche 
geschworen, Unrecht abzuwehren. Nun soll er des Eides ge- 
denken, da er alleiniges Oberhaupt der Welt ist." Ich 
denke, klarer kann der Dichter seine päpstliche Gesinnung gar 
nicht aussprechen, als indem er den Papst als obersten Richter 
über Deutschland, ja über alle Welt anerkennt. 

Gegenüber der Behauptung Wackernagels, es sei keiner der 
Dichter politischer Sprüche nach Walthcr für den Papst aufge- 
treten, ergiebt sich also folgendes. 

Walthers Sprüche bestimmten die Parteistellung zwar nicht 
aller, aber doch der meisten Dichter politischer Sprüche für das 
ganze Jahrhundert. Der Marner, Tanhäuser, Sigeher, Stolle, 
Frauenlob sind würdige und konsequente Nachfolger Walthers 
gewesen. Manche, wie Bruder Wernher, Reinmar von Zweter und 
Sonnenburg, haben den Kampf Walthers nicht ohne Schwanken 
zwischen den beiden Parteien fortgeführt; einzelne, wie Huc von 
Werbenwac — wenn man diesen überhaupt als politischen Dichter 
bezeichnen darf — , v. Wengen und der Meifsner, sogar auf der 
Seite des Papstes gestanden. 

* MSH III, 89, Spr. 7; II, 200, Spr. 129. 2 MSH III, lo2a (XIV, I). 



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56 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Wie Walther als Kaisersänger auftritt gegenüber dem Papste, 
so auch gegenüber den Fürsten, gegenüber den Gelüsten nach 
Erweiterung ihrer Macht auf Kosten von Kaiser und Reich. 

In den somit von Walther angegebenen Ton stimmen auch 
die anderen Dichter des dreizehnten Jahrhunderts ein. 

Wegen seiner Unterstützung der Empörung des jungen Königs 
Heinrich, seines Schwagers, war Herzog Friedrich der Streitbare 
von Österreich in die Reichsacht erklärt worden, und zur Voll- 
ziehung derselben herbeigeeilt, residierte Kaiser Friedrich H. 
selbst drei Monate in Wien. Darauf bezieht sich Bruder Wernher 
in dem Spruche, 1 in welchem er den einen Thoren nennt, der ein 
Haus ohne Dach baue, und in dein er nachher sagt: „ich wsene 
ich ir einez (d. h. hüs äne dach) wilent ze Wiene sach, daz nam 
davon vil lästerlich ein ende/ Ebenfalls mit Beziehung auf die 
Streitigkeiten zwischen dem Kaiser Friedrich und Friedrich dem 
Streitbaren sagt er anderweitig, 2 lieber ginge er und folgte dem 
Kaiser bis nach Trapani, ehe er Land und Leute und die gute 
Stadt Wien verlöre. Bruder Wernher behält, wie Lainey 3 sagt, 
ein offenes Auge für des Fürsten Unrecht und wagt seiner Über- 
zeugung lauten Ausdruck zu geben. 

Lamey * bezieht zwei andere Sprüche Bruder Wernhers eben- 
falls speciell auf Friedrich den Streitbaren. In dem einen 5 wird 
an das Wort Kaiser Ottos IV. erinnert, der zu den von ihm durch- 
schauten Heuchlern zu sagen pflegte: „mir ist umbe dich, des setze 
ich mine wfirheit dir ze phande, reht als dir ist umbe mich, der 
statte suln wir gegen ein ander w r alten tt ; der andere 6 enthält den 
schon oben angeführten Vergleich des gefahrvollen Weges des Kai- 
sers mit dem eines Mannes, dem im Walde Wölfe nachschleichen. 
Sehr möglich, dafs sich beide Sprüche, wie Lamey annimmt, auf 
Friedrich den Streitbaren beziehen; genannt ist Friedrich nicht 
ausdrücklich, und es hindert also nichts, sie als eine Mifsbilligung 
der Treulosigkeit nicht nur Friedrichs, sondern auch anderer 
Fürsten aufzufassen. Hatten doch an dem verbrecherischen Auf- 
stande des jungen Königs Heinrich aufser seinem Schwager 
Friedrich dem Streitbaren auch noch einige süddeutsche Bischöfe 



' MSH II, 228 b, Spr. 7. 2 MSH II, 234, Spr. 5. 3 a. a. O. S. 25. 
4 a. a. O. S. 23. 5 MSH II, 234 a, Str. 1. « MSH II, 284 b, Str. 3. 



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de« dreizehnten Jahrhundert*. 



57 



sowie der mittlere und niedere Adel Schwabens und Frankens 
teilgenommen; 1 pflanzten doch die Erzbischöfe von Mainz und 
Köln zuerst die Fahne der Empörung auf; 2 wurde doch am 
22. Mai 1246 Heinrich Raspe von den Erzbischöfen von Mainz, 
Köln, Trier, den Bischöfen von Würzburg und Regensburg, den 
Herzögen Albrecht H. von Sachsen und Heinrich II. von Brabant 
zum Olx?rhaupte der deutschen Nation erkoren. 3 

In gleicher Gesinnung spricht sich Bruder Wernher für König 
Konrad IV. und gegen die Fürsten dahin aus: Als ob ein 
Blinder seinen einzigen Diener wegjagte und es nachher bereute, 
weil er nicht allein fortkann; so haben die thörichten Herren an 
König Konrad gehandelt, der durch, schnöden Verrat im Jahre 
1246 in der Schlacht bei Frankfurt seinem Gegenkönige Heinrich 
Raspe unterlag. „Si hAnt in selben in den vuoz gestekket einen 
wessen dorn, nü hinket, liebe herren, sit wir haben den milten 
künic verlorn. a 4 

Wenn daher Bruder Wernher auch in seiner Haltung in dem 
Kampfe zwischen Kaiser und Papst schwankte, so scheint er doch 
bei der zunehmenden Zerrüttung im Reiche die Notwendigkeit 
einer starken Kaisermacht gegenüber deu Fürsten erkannt zu 
haben. • Sein Ausspruch „Hcert ir die armen schrien w£ von un- 
gerihte, wie stAt daz dem riche? ir rihtet hie, so tuot ir sselek- 
llche, sit daz wir alle hoeren von gerihte dä ze Pülle sagen, so 
rihtet ouch hie tt 5 zeigt, wie wenig Bruder Wernher mit den Zu- 
standen im Reiche und dem Regimente der Fürsten zufrieden 
war und wie notwendig ihm eine starke kaiserliche Gewalt über 
der fürstlichen erschien. 

Viel derber hält der Marner den Fürsten ihre Sünden gegen 
das Reich vor. Er vergleicht sie mit den Fröschen, die einen 
König haben wollten, und bemerkt mit unverkennbarem Seiten- 
blick auf ihr egoistisches Verhalten: „üfe sint gesezzeii arge 
frösche nü, die sint des reiches £ren vient: storche, wanne 
kumestü? die des riches erbe slindent, der ist vil. U6 Er ermahnt 

1 Sugenheim, a. a. O. S. 5:io. 2 Ebd. S. 552. 3 Ebd. 8. 557. 
4 MSH II, 229 a, Str. 8. Wenn Meyer S. 110 den Spruch auf den „Unter- 
gang* König Konrads beziehen will, so ist dieser Ausdruck wenigstens 
anrichtig gewählt, da Konrad doch erst 1254 in Italien starb. 5 MSH II, 
229 b, Str. 10. fi Strauch XIV, 92. 




58 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



sie, wie einst Antäus 1 durch den klaren Schild seines todlichen 
Gegners Herr wurde, so auch auf Ehre zu halten und durch sie 
die Falschheit zu bekämpfen. 2 Wie Nebukadnezar einst im Traum 
die vier Zeitalter und den Fall des letzten auf thönernen Füfsen 
stehenden sah, so war bei uns das goldene und silberne, herrscht 
jetzt das eiserne; schämen sollten sich die Fürsten, dafs sie die 
thönernen Füfse des sinkenden Reiches sein sollen. 3 

Ihnen legt auch Hawart 1 den üblen Zustand des Reiches 
zur Last, weil sie sich nicht über einen römischen König einigten; 
„Gott stürze die Ungerechten ! u schliefet er. 5 "£Wehe! tt ruft der 
Hardegger 6 über die Wahlfürsten, die statt des Königs Konrad 
einen schlechten wählen würden. Raumsland 7 bittet Christus, 
die Könige und Fürsten zur Herstellung von Friede und Freude 
in der Christenheit zu bewegen, und wirft ihnen vor, 8 bisher zu 
wenig auf strenges Gericht gehalten zu haben, da sich sonst 
Diebe, Räuber, Mörder bisher nicht so leicht losgekauft hätten. 
Das römische Reich, klägt Hellefiur, 9 sei jetzt arm; schwer hätte 
der Fürsten verkäufliche Kur dem römischen Reiche geschadet. 

In diesen Chor stimmt auch der Meifsner ein und eifert 
gegen die Habgier der Fürsten; 10 er mahnt sie zur Königswahl 
und wünscht, dafs die Welt über den schreie, der das Reich mit 
einem Könige betrügen wolle; in Bezug auf die Fürsten sagt er: 
„vür iuwer sünde vröuwet die werlt gemeine", wo statt des sinn- 
entstellenden „vröuwet" wohl „dröuwet" oder „trüret" zu lesen 
ist; 11 endlich schreckt er sie mit ewiger Strafe: 12 „die vürsten 
unt die herren solten fride und reht nu minnen; unvride und 
unreht, swer iueh minnet, des sele muoz äu' ende brinneu dort 
in der iemer werndeu gluete." 

Auch Frauenlob erhebt gegen die Fürsten den argen Vor- 
wurf, sie nähmen schnöden Schatz für ritterliche That 13 

Wenn hingegen Reinmar von Zweter auch gleichfalls bitter 
über die Zustände im Reiche klagt, wenn er neben den Grafen, 

• Irrtumlich statt Pcrseus. 2 Strauch XIV, 201. a Strauch XV, 215. 
4 MSH II, 102 a, Str. I, 2. 5 MSH IV, 476. « MSH II, 134, Spr. 9. 
' MSH III, 54 b, Spr. 9. Ähnlichen Inhalts ist III, 57 a, Spr. 8, 9; 58b, 
Spr. 19. « MSH III, 64 a, Spr. 3. 9 MSH III, 34 a, Spr. 4. '° MSH III, 
102b (XIV, 2). " MSH III, 102 a (XIV, 1). n Ebd. K>5a, Spr. 8. 
w Ettm. 329. 




de» dreizehnten Jahrhunderts. 



59 



Freien, Dienstmannen auch den Fürsten ausdrücklich ihre Feil- 
heit vorwirft ; 1 wenn er sie wohl mit Beziehung auf zu lange 
Verzögerung einer Königswahl und die dadurch hervorgerufenen 
friedlosen Zustände mit tragen Schiffsleuten vergleicht, die das 
Schiff auf dem Flusse gegen die Mühle treiben lassen, und sie 
so verdrossen nennt: daz si niht ruodernt gegen dem stade, 6 
daz uf in geliget der schade, 2 so äufsert er doch andererseits 
geradezu verhängnisvolle und bei der bestehenden Verwirrung 
und dereu traurigen Folgen für die Entwickelung des Reiches 
völlig unbegreifliche Ansichten über das Verhältnis des Kaisers 
zu den Fürsten. Das Reich ist nicht des Kaisers; er ist sein 
Pfleger und Vogt; seht ihr Fürsten au ihm eine solche Schuld, 
dafs er das Reich verlieren soll, so nehmt euch einen, der euch 
und dem Reiche besser zieme als er. 3 Ja, in dem unmittelbar 
darauf folgenden Spruche sagt er vollends : „Weg mit dem Kaiser, 
setzt ihn ab und wählt einen anderen; pafst euch der nicht, wieder 
einen anderen! 44 

So findet er die fürstlichen Anmalsungen gegenüber dem 
Kaiser ganz berechtigt. 

Er ist aber, und das ist gewifs kein schlechtes Zeugnis für 
die Einsicht der politischen Spruchdichter des dreizehnten Jahr- 
hunderts, der einzige, welcher trotz der durch die Verminderung 
des kaiserlichen Ansehens hervorgerufenen Gesetz- und Fried- 
losigkeit sich der besseren Einsicht von der Notwendigkeit einer 
starken kaiserlichen Gewalt über den Fürsten verschliefst; soviel 
ich sehen kann, sind sonst alle anderen dem Beispiele Walthers 
gefolgt und haben also, wie er, in dem Kampfe zwischen Kaiser- 
macht und Fürstenmacht auf seiten der ersteren gestanden. 

Walther ist, wie wir oben gezeigt haben, wegen seiner An- 
griffe auf das anstöfsige Leben und die Habgier des geistlichen 
Standes mit vollem Recht von Gervinus ein Vorläufer Huttens 
genannt worden. 

Hingegen zeigt Bruder Wernher, wie Burdach * hervorhebt, 
stark geistliche Tendenzen. Dafs er selbst ein Kleriker war, wie 
Burdach 1 vermutet, ist daraus nicht zu schliefsen. Die Bezeich- 

« MSH II, 201 b, Spr. 135. * MSH II, 212a, 8pr. 103. 3 MSH II, 
204 a, Spr. H*. 1 a. a. O, S. 135. 




60 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



nung als „Bruder 14 hat schon v. d. Hagen 1 mit dem Hinweise 
auf seine Teilnahme au einer Kreuzfahrt genügend erklärt, 2 und 
er selbst sagt ausdrücklich, dafs er Laie war. 3 Er wendet in 
dem betreffenden 3 Spruche dasselbe Bild von dem Blinden an, 
der seinen einzigen Dieuer verjage, welches er in dem Spruche 
gebraucht hatte, der das Verhalten der Fürsten gegen Konrad IV. 
tadelt, und fahrt dann fort, und hier zeigen sich seine stark geist- 
lichen Tendenzen ganz klar: „Wir leijen hän die wisel vlorn, die 
unser solten phlegen, nu grifen selbe nach den pfaden, wir strücheu 
bi den wegen/ Auch sonst 4 hebt er die Bedeutung des geist- 
lichen Standes, seine Verdienste um die rechte Ordnung auf 
dieser und die Erlangung der ewigen Güter auf jener Welt hervor 
und schliefst mit dem unbedingten Anerkenntnis: „Wir wseren 
doch verirret gar, heten wir der pf äffen niht." Man sieht den 
scliroffen Gegensatz zu Walthers „scheides alle von dm koeren", 
womit jener ihre völlige Entbehrlichkeit behauptet hatte. 

Aber wie Reinmar allein unter den Nachfolgern Walthers die 
Fürstenmacht über die Kaisermacht erhoben hatte, so steht Bruder 
Wernher allein als Lobredner der Geistlichkeit. Alle anderen 
vertreten denselben Standpunkt wie Walther. 

So tadelt Reinmar ihre Verweltlichung: Mönche gehörten 
nicht au die Höfe, sondem ins Kloster; 5 Primaten mit ihren 
krummen Stäben fischten nur nach Gelde und liefseu die Seele 
in grofsen Sünden; 6 die Pfaffen seien feil samt der Kirche. 7 
Bemerkenswert ist hier auch ein Spruch, 8 in welchem er weit 
über Barfüfser-, Prediger-, Kreuzerorden, über graue, weifse, 
schwarze Mönche, über Hornbrüder und Märtyrer, über Schotten- 
und Schwertbrüder, Tumherren, Nonnen und Laienpfaffen den 
Orden der Ehe stellt, weil er gerade damit in seiner Bekämpfung 
des geistlichen Standes sich an Walther nicht unwürdig als neues • 
Glied in der Kette der Erscheinungen vor der Reformation an- 
schliefst. 

Auch der Marner klagt über ihre Einmischung in weltliche 

• M8H IV, 510. 2 Er machte Leopolds VII. Kreuzfahrt 1217—19 
mit. Vgl. Gödeke I, 158. Näher begründet ist diese Ansicht bei Lamey, 
a. a. O. S. 17. 3 MSH II, 231 a (III, Str. 1). 4 MSH III, 11, Str. 1. 
5 MSH II, 201a, Spr. i:U. « MSH II, 208a, Spr. 171. " MSH II, 201 b, 
Spr. UW. * MSH II, 218b, Spr. 2:50. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



61 



Angelegenheiten mit der Frage: „wie stÄt ez über drlzec jAr, stt 
man die pfaffen siht sö s&re strlten", 1 und er hebt die Habsucht 
gerade der Pfaffenfürsten hervor: „sie malent ouch, d& der keiser 
muol, des reiches sint die kllen, sö wirt in der kern. 44 2 So wirft 
Meister Stolle der Geistlichkeit ihre Habgier und ihr lästerliches 
Leben vor; 3 weit heftiger noch sind die Angriffe in den unter 
Klingsors Namen überlieferten Strophen, 4 wo es heifst, die Geist- 
lichkeit stehe auf der Höhe ihres Glücks ; die Hölle sei ihr Pflug, 
Ablafs ihre Saat und Ernte; niemand sei ärger an Geiz; Gut, 
auch wenn es durch Diebstahl, Wucher, Raub erworben, wisse sie 
als heiliges Gut auszugeben ; St. Peter sei ganz vergessen, Bis- 
tümer, Kirchen, Pfründen ständen feil für Geld. 5 

So befehdet der Kanzler die Geistlichkeit, weil Pfaffen das 
Schwert nähmen statt der Stola; um Mönches Platte ein krülle, 
um Nonnenhaupt eine Krone, das deute auf wahre Hoffart und 
falsche Heiligkeit. 6 Die Orden seien schwarz oder weifs: nach 
des Herzens Gesinnung richte Gott, und ein grauer Rock allein 
mache nicht heilig. 7 

So schilt Frauenlob die Höfe, welche die Klostergecken dul- 
deten; wo man hinsähe, stünden bei den Fürsten die Kappen; 8 
Bischöfe,- Mönche, Nonnen trieben es in gieriger Glut um Gut 
so, wie mancher Laie nicht; 9 Neid und Hafs pflegten die Pfaffen, 
sie gingen voran in Völlerei, die Laien wären nur ihre Affen. 10 
Endlich wendet er sich gegen die Orden: „Schämt iuch, müncher 11 
orden 44 ; alle Orden hinkten, trieben Simonie, lehrten gute und 
liebten falsche That; 12 Hafs und Neid trügen geistlich Gewand; 
gelichsenheit, die Gott verbot, sei mit ihnen gekrönt. 

Geradezu von prophetischem Geiste erfüllt aber ist das Ge- 
dicht auf die Zukunft 13 von Meister Regenbogen, worin er sagt: 
„Es wird eine Zeit der Zwietracht kommen, wo sich zwei Häupter 



i Strauch XII, 18. 2 Ebd. XIV, 62. ' MSH III, 7 b, Spr. 23. 
4 MSH III, 330. 4 Die Heftigkeit der Angriffe geht weit über die des 
Meister Stolle hinaus, und auch dieser Grund spricht gegen die auch 
sonst (MSH IV, 707 A. 2) angefochtene Identität Klingsors mit Meister 
Stolle. » MSH II, 390 b. * MSH II, 397 b. » Ettm. 53. » Ettm. 299. 
10 Ettm. 24. 11 So ist ohne Zweifel zu lesen statt des überlieferten 
„minner orden" MSH II, 351b, Str. 6. 12 Anlehnung an Walther 34, 24. 
» MSH III, 349, Str. 13—15. 




62 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



der Christenheit bekämpfen und das ganze Land ins tiefste Elend 
stürzen werden. Dann aber wird Kaiser Friedrich erscheinen und 
seineu Schild an einen dürren Baum hängen. Er wird das heilige 
Grab ohne Schwertstreich nehmen, alle heidnischen Reiche unter- 
werfen, die Juden bekehren, die Pfaffen zügeln, die Klöster zer- 
stören, die Nonnen verheiraten: dann kommen gute Zeiten ! u — 
Es ist geradezu überraschend, wie der ehrliche Meister bei all 
seiner Befangenheit in den Träumen des Mittelalters und der 
Kreuzzüge genau das prophezeit, was durch die Reformation und 
nach derselben in der Neuzeit verwirklicht worden ist, die Er- 
schütterung der Hierarchie und der Mönchsorden, ihrer bedeu- 
tendsten Stütze. 

Walther hatte sich über die Vorzüge edler Geburt wider- 
sprechend geäufsert, die späteren Dichter vertreten unbedingt in 
dieser Frage den demokratischen Standpunkt des Christentums 
im Anschlufs an die volksmäfsige Gnomik, die schon durch Sper- 
vogel es ausgesprochen hatte, dafs, „swer guoter witze hftt, der ist 
vil wol geborn". 1 

Ganz klar äufsert sich, obwohl selbst von adliger Herkunft, 2 
Bruder Wernher : „Man jiht, daz nieman edel si, niwan der ede- 
lichen tuot, und ist daz wär, des mügen sich wol genuoge herren 
schämen, die niht vor schänden sint behuot u , 3 und „ein armer, 
der ist wol geborn, der rehte vuore in tugenden hät; sö ist er 
ungeslahte gar, swie rieh er sl, der schänden bi gestAt." 3 Gleiche 
Anschauungen verrät Reinmar, gleichfalls ritterlicher Abkunft: 
„Edel ist der, der edel thut, dem nicht unedler Sinn seinen Adel 
zerstört; 4 niemand ist edel, er handle denn edel; 5 wer edel von 
Blut ist, nicht von Sinn, der schändet die Tugend der Ahnen; 6 
mancher Edle ist hochmütig auf seine Abstammung, dem es doch 
an Tugend, Ehre, Zucht und Würde fehlt ; ohne reine Sitten kein 
Adel/ 7 — „Kein Kaiser, kein König ist Herr über die Ge- 
danken ! u 8 — so ertönt der Ruf nach Gedankenfreiheit nicht 
erst im achtzehnten, sondern schon im dreizehnten Jahrhundert. 

Auf jene Vorgänger beruft sich der Hardegger und sagt: 



» Burdach S. 136. a Gervinus II, 134. 3 MSH II, 232 a (IV, Str. 1). 
4 MSH II, 191 a, Spr. 79. 5 Spr. 80. « Spr. 81. » Spr. 82. » MSH II, 
188b, Spr. 64. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



63 



„Ist es wahr, was die alten Weisen gesagt haben, dafs niemand 
edel sei, als der seine Sache mit Tugend trägt, so wisset, dafs 
auch Zucht zur Tugend gehört" 1 

Dieselbe Ansicht vertritt Meister Boppe, indem er in seinem 
Spiegel der Ritterschaft 2 adliges Benehmen als erstes Erfordernis 
zum Beweise adliger Geburt hinstellt, und der Unverzagte mit 
seinem Ausspruche: 3 „Wir alle haben ein kurzes Leben; ein 
Herr ist wie ein anderer Mann, er thue denn edel." 

Viele aber begnügen sich damit nicht, sondern fallen aus 
dem Tone der Abwehr adliger Uberhebung in denjenigen bitterer 
Feindschaft gegen den ritterlichen Stand. 

So fallen Baumslands Sprüche über die Lotterritter und 
Raubherren her; 4 so giebt Meister Stolle eine ironische Anwei- 
sung zur Zuchtlosigkeit für Angehörige des ritterlichen Standes, 
den er damit tief herabsetzt. 5 Damit wohl in Zusammenhang 
steht der vorhergehende Spruch, worin er die Fürsten zu strengem 
Gerichte und, wie Walther, 6 den Kaiser zu fleifsigem Gebrauche 
des Galgens für die Raubritter ermahnt. — Mit diesen beiden 
Sprüchen verglichen scheint bei ihm höchst widersprechend ein 
Ix>b des ritterlichen Standes, der mit Unrecht so mifsachtet werde. 7 
Denkt man an die vorher erwähnte ironische Anweisung zur 
Zuchtlosigkeit, so kann wohl kein Zweifel bleiben, dafs Meister 
Stolles Lob durchaus ironisch gemeint ist, besonders da die an 
den adligen Stand gerichteten Worte „du hast gense ertrettet vil tt 
den Spruch unverkennbar ins Komische herabziehen. 8 

An die Kürze des Lebens wie Walther erinnernd, sagt 
Frauenlob : „Wo sind Recken, Könige, Fürsten ? — Eine Stunde 
trug ihr Leben hinab auf des Todes Stufen ! tt 9 — und ferner : 
„Früher wollten die Edlen, dafs Zucht, Treue und Bescheidenheit 
des Hofes Pflege waren; jetzt nicht mehr, darum geraten die 
Höfe in Schaude. 10 Oft trägt ein edler Baum fahle Äste statt 
der Früchte, die ihm gemäfs dem Adel des Stammes zukämen. 
Tugend ist ein faster Hort, sie trägt oft in armer Kleidung 

• MSH II, 134 a (1, 1). * MSH II, 381b (I, 18). * MSH III, 45 a. 
4 MSH III, 52 b, Str. 6; 57 a, Str. 8, 9; vgl. Gervinus II, 135. 5 MSH 
III, 5a, Str. 10. 8 12, 18. 7 MSH III, 10a, Str. 39. * MSH IV, 707 ist 
das Bedauern Stolles über die Mifsachtung des ritterliehen Standes für 
bare Münze genominen. » Ettm. 113. '° Ettm. 251. 




64 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Reichtum, Glanz,, hochstrebendeu Sinn. 1 Weh, dafs die Edlen 
nicht bedenken, wie ihr Verhalten ihren Adel schände. Lug und 
Trug und falscher Sinn bringen nur Unart hervor, der wirklich 
Edlen Art ist edle Tbat." 2 

Die Konsequenzen aus diesen Anschauungen zieht Regen- 
bogen, der in einem Gedichte 3 die drei Stände als gleichberech- 
tigt hinstellt und zeigt, dafe keiner ohne den anderen bestehen 
und nur aus ihrer Eintracht das Heil des Vaterlandes erblühen 
könne; 4 erinnert man sich hier an den ebenso treffenden Spruch 
desselben Meisters über die Zukunft des geistlichen Standes, so 
sieht man, dafs dem sclüichten Handwerker ein richtiges politi- 
sches Urteil nicht abgesprochen werden kann. 

Ein Teil der politischen Spruchdichter hatte sich demnach 
begnügt, den Adel vor Uberhebung zu warneu und daran zu er- 
innern, dafs Nichtadlige doch auch gewissermaisen Menschen 
seien ; der andere Teil machte sich in den heftigsten Angriffen 
Luft und deckte die Blöfse des ritterlichen Standes schonungs- 
los auf. 

Das ist kein Zufall. Wie Burdach 5 zwischen den Fahrenden 
unterscheidet, sofern sie minnigliche Töne angeschlagen haben 
oder nicht, und die ersteren nach Ober-, die letzteren nach Nieder- 
deutschland versetzt, so läfst sich unter den politischen Lyrikern 
eine doppelte Richtung wahrnehmen, die freilich nicht wie die 
von Burdach unterschiedenen durch geographische, sondern durch 
sociale und zeitliche Grenzen voneinander getrennt sind. In der 
ersten Hälfte des Jahrhunderts gehören die politischen Lyriker 
fast durchweg selbst dem adligen Stande an, so nächst Walther 
Ulrich von Singenberg, Bruder Wernher, 6 Reinmar von Zweter, 6 
der Tanhäuser, 7 Hawart, 8 der Hardegger, 9 v. Wengen ; 10 die ein- 
zige Ausnahme scheint der bürgerliche Marner 11 zu machen. Iii 
der zweiten Hälfte hören die adligen Namen auf : wir treffen auf 
Meister Friedrich Sunburg, ,2 Sigeher, 12 Rumsland, 13 Stolle, 14 Kou- 
rad von Würzburg, 15 Boppe, 16 Hellefiur, 17 den wilden Alexander, 18 

i Ettm. 48. * Ettm. 374. 3 MSH II, 309 a, Str. 1. 4 Kurz I, 154. 
5 a. a. O. S. 134. 6 S. ob. S. 62, Anm. 2. ' Bartsch LD, 8. LV. 8 MSH 
IV, 476. • Bartsch LD, S. LIV. w MSH IV, 458. LD, S. LH. ,s LD, 
8, LX ? 13 LD, S. LXII. » MSH IV, 706. 15 LD, S. LXIII. ■« Nach 
MSH IV, 693 vielleicht adlig. " MSH IV, 710. «• Ebd. 665. . 



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des dreizehnten Jahrhundert*?. 



65 



den Schulmeister von Efslingen, 1 den Meifner, 2 den Unverzagten, 8 
den Kanzler/ Frauenlob, 4 Regenbogen. 5 Kein Wunder, dafs sich 
das bürgerliche Element zu fühlen beginnt und seine überdies 
wohlbegründeten Angriffe nicht spart. Strengbürgerlich wird der 
Charakter der Poesie im allgemeinen, so auch der politischen 
Lyrik im besonderen. 6 

Die Einmütigkeit, welche bei diesen bürgerlichen Dichtern 
in ihren Angriffen auf den Adel hervortritt, wird nur durch eine, 
aber auch völlig vereinzelte Stimme gestört. Meister Sonnenburg 
ist, soviel wir sehen, der einzige jener bürgerlichen Dichter, der, 
alles Stolzes und aller Selbstachtung bar, dem Adel, zu dem er 
selber doch schwerlich gehörte, 7 den unbedingten Vorrang vor 
dem bürgerlichen Stande einräumt, ja den bürgerlichen Stand 
gegenüber dem Adel tief herabwürdigt. 

Der Edelgeborne strebt gern nach Ehren; der Bauer liebt 
Schande und Missethat: das ist ihm angeboren. Der Edelmann 
befleißigt sich der Zucht und Würdigkeit; dem Bauer ist erst 
wohl bei schlechter That. Der Edelmann ist Gott durch Ehre, 
Treue, Milde wohlgefällig; der Bauer verachtet Gott und gewinnt 
sündliches Gut. 8 

Mit dieser Herabwürdigung des bürgerlichen Standes steht 
er als Lobredner des Adels unter seinen Genossen ganz ebenso 
vereinzelt da, wie Reinmar von Zweter als Vertreter der fürst- 
lichen gegenüber den kaiserlichen Interessen, wie Bruder Wernher 
als Lobredner des geistlichen Standes. Alle anderen gehen be- 
züglich der natürlichen Gleichberechtigung in deren Anerkennung 
über Walthers unbestimmte Stellung hinaus. 

Wenn es bei Walther immer noch auffallend gefunden werden 
konnte, dafs eine Verherrlichung kriegerischen Ruhmes in seinen 
Dichtungen fehlt, so ist dies bei den Epigonen nicht mehr der 
Fall. „Wenn sich die Ritterschaft Deutschlands noch einmal hätte 
zusammenraffen sollen, so hatten grofse Thaten sie beschäftigen 
müssen 4 ', bemerkt Gervinus 9 von der Ritterschaft Deutschlands 



' LD S. LXV. * MSH IV, 755 bleibt die Frage unerörtert. 3 Ebd. 
713 gleichfalls unerörtert. 4 LD S. LXXVII. 5 LDS.LXXIII. « Scherer, 
Dtech. Stud. I, 440. * Bartsch, LD S. LX. ■ MSH III, 73b, Str. 30. 
• a. a. O. II, 128. 

Archiv f. n. Sprachen. LXXXJ. 5 




* 



G6 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



im Vergleich zu derjenigen Frankreichs, Englands und Spaniens. 
Dieses Urteil trifft auch auf die vom Ritterstande ausgegangenen 
Minnedichter, speciell auf die Vertreter der politischen Lyrik zu. 
In einer Zeit, wo statt kriegerischer Thaten die Ritterschaft die 
gemeinsten Raubereien auszuüben begann, fehlte es an Stoff für 
eine derartige Dichtung, die nun einmal volkstümliches Gepräge 
haben und der die politische Thätigkeit der ganzen Nation zum 
Hintergründe dienen mufs. 

So sehr uns also auch die politischen Dichter sonst an den 
gemeinsamen und öffentlichen Interessen der Nation teilnehmen 
lassen, so sehr sie den verderbten Zustand des Reiches, so manche 
Angelegenheiten des Papst-, Pfaffen- und Kaisertums frei vor 
aller Augen hinstellen, 1 so fehlt doch bei ihnen jegliche Verherr- 
lichung kriegerischen Ruhmes, sogar da, wo die Veranlassung 
dazu wirklich gegeben war. 

Herr Konrad Schenk von Laudegge singt einen Sang vor 
Wien, das König Rudolf mit Gewalt belagere, da er des Reiches 
Not bedenke — das ist aber auch die einzige politische Anspie- 
lung, die das betreffende Lied 3 enthält; im übrigen ist ihm am 
wichtigsten der Gruls, den „sö minnecllchen suoze git ir mündel 
rosenröt 44 . Nur beiläufig 3 erwähnt er, dafs er vom Rhein und 
Bodensee nach Frankreich gekommen sei; aber auch hier keine 
Spur kriegerischen Mutes, wie er so gern im Liede ausklingt; 
vielmehr: „die vil süeze reme wandels frie zieret Swabenlant: 
Hanegöu, Brabant, Flandern, Francrich, Picardie hAt sö schcenes 
niht tt — weiter hat es keinen Zweck. 

Auch Steimar war im Heere König Rudolfs vor Wien; 
nimmer wolle er, sagt er, von Wien mit freudenreichem Mute 
kommen, wenn er falschen Sinn gegen die Geliebte hege; 4 und 
auf der Meifsener Kriegsfahrt König Rudolfs denkt er in kalter 
Nacht auf der Schild wacht der Geliebten; 5 über die Abenteuer 
des Krieges erfahren wir ebensowenig vou ihm wie von Schenk 
von Landegge. 

Auch der unbekannte Verfasser des Klageliedes auf Ottokars 
Tod in der Schlacht bei Dürnkrut 6 schweigt durchaus über die 



1 Docen, a. a. O. S. 203. * Bartsch, LD 232, 1 ff. 3 Ebd. v. 103 bis 
143. « MSH II, 155 a. 5 MSH II, 158 b. « Bartsch, LD 98, 559 ff. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



67 



näheren Unistünde von Ottokars Falle, durch die seine Tapfer- 
keit wirksam und anschaulich hervorträte; er begnügt sich mit 
der Erteilung einer Reihe lobender Prädikate — von kriege- 
rischer Begeisterung für den gefallenen Helden keine Spur! 

Auch Frauenlob, der sonst so vielfach als politischer Dichter 
hervortrat, wurde durch seine Teilnahme an dem Zuge Rudolfs 
nach Böhmen in keinerlei Weise zu einer Verherrlichung von 
Rudolfs Kriegsthateu veranlafst, sondern begnügt sich mit der 
kurzen Erwähnung, dafs er in dem Kampfe anwesend war, den 
König Rudolf gegen die Feinde streiten hiefs. 1 

Ein einziger Dichter findet den richtigen Ton für Verherr- 
lichung kriegerischer Thaten. Meister Sonnenburg preist den 
siegreichen Böhmenkönig Ottokar, wie er binnen sieben Wochen 
wohl zwanzig gute Festen in Ungarn gewonnen, eine Brücke 
tausend Ellen laug über acht Donauarme geschlagen, Prefsburg 
und Altenburg zu Wasser und zu Lande erstürmt, das mächtige 
Miesenburg niedergebrochen und die Heunen in die Rebenzen 
gejagt habe, dafs ihrer wohl dreifsigtausend ertranken. 8 Aber ein 
solches Gedicht steht unter den Hunderten von Minneliedem 
völlig vereinzelt! 

Es ist oben gezeigt worden, wie konsequent Walther an 
seiner Stellung gegenüber dem Papsttum festgehalten hat, wie 
seine Sprüche als Ausdruck innerster Uberzeugung erscheinen. 
Welches war die Stellung der übrigen politischen Spruch- 
dichter? 

Was Docen 3 von der Echtheit und Wahrhaftigkeit der Ix>b- 
lteder auf vornehme Herren sagt: „Wir können freilich nicht in 
jedem einzelnen Falle die Ehrlichkeit unserer Meister verbürgen; 
im übrigen war blofser Eigennutz gewifs nicht aller Fehler" — 
dieses Urteil erscheint, auf die Nachfolger Walthers angewandt, 
noch zu günstig. 

Freilich gab es solche, die, ihres Vorgängers Walther würdig, 
ihrer innersten Uberzeugung Ausdruck gaben und nicht allein 
um Lohnes willen dichteten. 

Bruder Wernhers Haltung in dem kirchlichen Streite ist, w ie 



' Ettmüller 135. » MSH II, 356 (III, 2); ebd. IV, 654. * a. a. O. 
S. 204. 

5* 



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68 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



oben bemerkt, sich nicht immer gleich geblieben. Wodurch Bruder 
Wernher zu seiner Sinnesänderung bewogen wurde, läfst sich 
höchstens vermuten. Vielleicht ist, wie bei vielen Menschen, in 
höherem Lebensalter eine gröfsere Nachgiebigkeit geistlichen Ein- 
flüssen gegenüber eingetreten; vielleicht hat die Gleichgültigkeit 
Friedrichs II. gegenüber den Wirren im Reich und besonders bei 
der Mongolengefahr ihn zum Gegner des früher Gepriesenen ge- 
macht; eine unmittelbare Andeutung in seinen Sprüchen, die 
darüber Auskunft gäbe, fehlt Dafs aber die Sprache für und 
gegen den Kaiser nicht blofs, um Lohn von irgend einem Gönner 
zu erhalten, gedichtet, sondern Ausdruck einer wirklich erfolgten 
Änderung seiner politischen Gesinnung sind, das läfst sich aus 
der Unbestechlichkeit imd Unerschrockenheit seines Charakters 
schliefsen, die er unter anderem durch seine offene Parteinahme 
gegen Friedrich den Streitbaren bewies, dessen Gunst er dadurch 
wirklich verscherzt zu haben scheint, 1 die auch in Äußerungen 
wie „ich wil ouch unervorhten 2 sin" 3 und „ob ich niht grözer 
dörfer hän noch vil der guoten stete in witen landen, sö bin ich 
doch des wol erlän, daz ich durch vorhte lützel ieman diene" 4 
unverkennbar zum Ausdruck kommt. 

Des Marners konsequente Haltung auf Seiten der antipäpst- 
lichen Partei haben wir schon gerühmt, und wir haben keinen 
Grund, zu zweifeln, dafs er mit seinen Sprüchen seiner Uber- 
zeugung Ausdruck verlieh. 

Auch des Tanhäusers staufische Gesinnung war echt Aus- 
drücklich erklärt er: „Ich wcere £ iemer Ane guot, ß ich schiede 
von der kröne; dem künege sprich ich wol, in' weiz, wenne er 
mir löne. u 5 

Achtbar erscheint auch Meister Stolle, wenn er mit freiem 
und mutigem Ausdruck seiner Uberzeugung das harte Verfahren 
Ludwigs des Strengen gegen seine unschuldige Gemahlin Maria 
von Brabant scharf rügt und erklärt, in allen seinen Tagen habe 
er von keinem so grofsen Morde gehört, als ihn der Bayern Herr 
verschuldet habe, der Tugend imd Würde so sehr preisgegeben. 6 



1 Lamey S. 27. 8 Ebd. S. 25 statt des handschriftlichen „unvur- 
worfen". * MSH II, 235a, Str. 0. 4 MSH II, 234 b, Str. 5. s MSH II, 
95 b, Spr. XIV. « MSH III, 6 b, Str. 17. 



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des dreizehnten Jahrhundert«. 



69 



Aber die meisten politischen Spruehdiehter — nicht blofs 
einzelne, wie Docen raeint — liefsen sich nicht durch ihre Über- 
zeugung, sondern durch selbstsüchtige Interessen leiten. 

Besonders charakteristisch ist es, dafs z. B. der Hardegger 
sich gegen den Verdacht verwahrt, er trete um Lohnes willen für 
Kaiser Friedrich ein, vielmehr erklärt, nur sachliche Gründe 
hätten ihn zu seiner Parteistellung geführt, in einem Zusätze 
aber dann offen eingesteht, die Parteistellung der politischen 
Lyriker beruhe der Regel nach auf ihrer Abhängigkeit von diesen 
oder jenen Gönnern. „Wer mir verkehret, was ich von dem 
Kaiser sang, der singe etwas Besseres! Dafs einer seineu Ge- 
walthabern und Freunden nach dem Munde redet, wie ich es 
auch thun würde, ist von geringer Bedeutung. Man frage 
vielmehr insgemein weise Leute, wer besser für das Reich passe. u 1 
Er erklärt also ausdrücklich, dafs er hier seiner Uberzeugung 
Ausdruck gebe, nicht um Lohnes willen dichte, wie es gewöhn- 
lich geschehe und wie er es auch zu thun bereit sei ! — Was 
hier einer für alle eingesteht, dafs sie nämlich ihre politischen 
Sprüche nicht aus Uberzeugung, sondern um Lohnes willen ge- 
dichtet haben, können wir auch bei manchen anderen noch nach- 
weisen. 

Bezüglich Reinmars hält Meyer 2 die Gesinnungsänderung 
desselben durch die Regierungsweise und den Charakter des 
Kaisers mehr als gerechtfertigt. Ja, wenn es sich um Bruder 
Wernher handelte, der zwar auch erst für und dann gegen den 
Kaiser war, aber dann doch wenigstens bei dieser Meinung blieb ! 
Aber Reinmar, der zur Zeit, als der Bann gegen den Kaiser aus- 
gesprochen wurde, auf der Seite des Kaisers, dann mit seinem 
Gönner, Herzog Friedrich dem Streitbaren, auf seiten von dessen 
Schwager Heinrich gegen den Kaiser war, nachher, da sein spä- 
terer Göuner, der wankelmütige König Wenzel von Böhmen, gut 
mit dem Kaiser stand, 1236 den Kaiser als Wächter der Christen- 
heit, Grundfeste römischer Ehren u. s. w. pries, gleich darauf aber 
mit dem Böhmenkönige wieder Stellung gegen den Kaiser nahm, 
1241, als Mainz und Köln in Waffen gegen das Reich standen, 

» MSH II, 130 a (I, 10). 2 a. a. O. 8. 32. Gleiche Ansicht bei Ger- 
vinus II, 131 ; Tschiersch (Luckauer Gymnasialprogr. Görlitz 1872), 8. 8. 



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70 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



die Seite des Kaisers hielt, nach dessen Absetzung aber, 1245, 
den Mainzer Erzbischof mit denselben Gleichnissen rühmte, die 
er neun Jahre vorher von Friedrich gebraucht hatte 1 — Eeinmar 
mufs doch unzweifelhaft mit auderem Mafse gemessen werden 
als der charakterfeste und ehrliche Bruder Wernher. Daher 
scheint mir Gervinus mit vollem Rechte den häufigen Wechsel 
seiner Parteistellung mehr auf Rechnung der Zufälle seiner per- 
sönlichen Stellung als der Wechselfälle in den öffentlichen Ver- 
hältnissen zu setzen. 

So sehr wir uns daher gegen die Annahme von Wilmanns 
verwahrten, dafs Walther seine politischen Spruche nur um Ix)hu 
und Ehre, nicht aus innerer Uberzeugung gedichtet habe, so wenig 
läfst sich, scheint es, gegen eine gleiche Annahme bezüglich 
Reinmars einwenden. Um davor zu warnen, dafs man Reinmar 
eine besonders tiefe Urteilsfähigkeit beimesse und vollends den 
Willen, eine eigene politische Meinung zu vertreten, führt Wil- 
manns 2 dessen eigene Worte 3 an, mit denen er seine Stellung 
selber charakterisiert: „Swä ich die wol getriben sträze vünde zc 
miltes mannes hüs, in solcher künde, daz ein lop daz ander drüuge, 
daz mir tftsent lobten vor und tüsent nach uf minem spor, so 
weite ich wol, daz ich die wärheit sünge." Aber aufser diesem 
offenen Geständnis haben wir noch zwei andere Sprüche, welche 
darauf hindeuten, dafs Reinmar keine eigene, selbständige poli- 
tische Meinung vertrat, sondern seine politischen Sprüche nur 
seinen Gönnern zuliebe dichtete. 

In dem Lobspruchc auf den Dänenkönig Erich VI. 4 sieht 
v. d. Hagen eine Empfehlung desselben für die deutsche Königs- 
wahl; 5 Meyer 6 macht dagegen geltend, dafs ein solcher Wunsch 
für Erich nirgend ausgesprochen sei. Nun ist der von Reinmar 
verherrlichte König von Dänemark Erich VI., der 1239 als Prinz 
auf Betreiben Albrechts des Böhmen in der That zum deutschen 
Könige erwählt werden sollte 7 und 1242 in Dänemark zur Regie- 
rung gelangte. Da nun Friedrichs letzte Absetzung zu Lyon in 
daß Jahr 1245 fällt und Rdnmar sich in dieser Zeit für die 



1 Gervinus II, 132; vgl. hier S. 50. 2 Leb. S. MO. :i MSH II, 2o3b, 
Str. 146. 4 MSH II, 204 a, Spr. 150. » MSH IV, 496. « a. a. O. S. 42. 
< Wilmanns, Leb. S. 4 48; Schirrmacher III, lln. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



71 



papstliche Partei ausgesprochen hat, so ist eine nochmalige Em- 
pfehlung, des nunmehrigen Königs von Dänemark gar nicht so 
unmöglich. Aber freilich ist diese Beziehung im Spruche selbst 
nicht mit völliger Bestimmtheit gegeben. 

Mehr läfst sich aus dem Lobspruche auf den König von 
Böhmen 1 entnehmen. „Nicht besser ziemt die Sonne dem Tage, 
als er Gott und uns zu einem Fürsten; denn ihn durstet so 
nach Ehren, dafs die Ehren von dreifsig Fürsten ihm nicht ge- 
nügten. 44 

Im Vergleich zu dem voranstehenden Lobgedicht auf Erich VI. 
von Dänemark sieht v. d. Hagen in diesem Spruche eine bestimm- 
tere Empfehlung zur deutschen Königskrone. 2 

Meyer 3 bestreitet auch hier die Annahme einer direkten 
Empfehlung. Hier hätte der Dichter, sagt er, gewifs nicht das 
Wort „Fürst" gewählt, wenn er Wenzel die höchste aller Fürsteu- 
kronen zugedacht hätte. Allein er thue dies schon Zeile 7, und 
der ganze Spruch scheine keinen anderen Zweck zu haben, als 
die Freigebigkeit des Böhmenkönigs zu preisen und zugleich 
Reinmars persönliches Verhältnis zu demselben zu erwähnen. 

Allein erstens wird der römische König auch sonst Fürst 
genannt, z. B. ausdrücklich bei Walther, wenn er sagt: „alle fürsten 
lebent nü mit eren, wan der hoehest' ist geswachetV zweitens 
steht Zeile 7 gar nicht „vürst u — womit nach Meyer Wenzel 
als König von Böhmen, nicht als zukünftiger König der Deut- 
schen bezeichnet w T ird — , sondern wörtlich: „wan daz in dürst 
nach eren also sßre u : „fürst" statt „dürst u zu lesen, ist an 
dieser Stelle geradezu sinnlos. 

So beschaffen sind die Gründe Meyers — mit ihnen fällt 
der von ihm gezogene Schluis. 

Da£s vielmehr v. d. Hagen mit vollem Rechte in dem Spruche 
eine direkte Empfehlung des Böhmenkönigs für die deutsche 
Königswürde sieht, ergiebt sich aus folgendem. 

Reinmar sagt, die Sonne zieme nicht besser dem Tage, als 
der König Gott und uns zu einem Fürsten. Welcher andere 
Fürst als der deutsche König liefs sich mit der Sonne verglei- 
chen ? Welcher ^andere Fürst ist so einzig für das Reich wie die 

' MSH II,2<M b, Spr. 151. 3 MSH IV, 490. ; < u. a. O. S. 43. 4 25, 11. 




72 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Sonne für den Tag? — König, d. h. König von Böhmen, nennt 
er Wenzel schon im V. 1; wozu nun die Empfehlung: die Sonne 
zieme niht baz dem tage, danne der edele kröne „trage 44 uz 
Beheim lant? Der Konjunktiv „trage 44 zeigt doch deutlich genug, 
dafs es sich um eine Krone handelt, die Wenzel noch nicht be- 
sitzt. Wollte Reinmar blofs ausdrücken: „Wenzel ist seiner böh- 
mischen Krone wert 44 , so hätte er doch gewifs sagen müssen: 
„diu sonne zimt niht baz dem tage, danne der edele kröne treget 
uz Beheim lant 44 ; zu einer so einfachen Belobigung brauchte er 
wirklich nicht die Sonne zur Vergleichung herbeizuziehen. Wie 
voll klingt dagegen das Lob: „Nicht minder als die Sonne dem 
Tage, ziemt der böhmische König Gott und uns zum deutschen 
Könige, zum römischen Kaiser! 44 

Dafs die Stelle so und nicht anders zu erklären ist, zeigt 
der Schlufs. Wenn der Böhmenkönig nach Ehren so dürstete, 
dafs ihm die Ehren von dreifsig Fürsten nicht genügten — nun, 
welche Ehren standen denn über den Ehren von dreifsig Fürsten ? 
Die böhmische Königs- oder die deutsche Königs- imd römische 
Kaiserkrone ? 

Dies alles erwogen, bleibt kein Zweifel, dafs es sich that- 
sächlich in unserem Spruche um eine Empfehlung des Böhmeu- 
könig^zur deutschen Königswahl handelte. 

Wenn Reinmar aber in diesem Spruche den König Wenzel 
dafür, dafs derselbe sein Gönner war, als würdig der durch die 
Absetzung Friedrichs erledigten deutschen Königswürde rühmte, 
warum nicht im vorigen Spruche aus gleichem Grunde den König 
von Dänemark? 

Wenn er aber in den Lobpreisungen seiner Gönner so weit 
ging, zwei derselben als würdig der deutschen Königskrone zu 
bezeichnen, wenn er so und so oft für und gegen Kaiser Fried- 
rich sich erklärte, je nachdem er im Solde des einen oder des 
anderen Gönners stand, so ist wohl erwiesen, was Gervinus be- 
hauptet, dafs der häufige Wechsel seiner Parteistellung melir 
auf Rechnung der Zufälle seiner persönlichen Stellung als der 
Wechselfälle in den öffentlichen Verhältnissen beruht. Daher 
mag das Urteil Meyers, 1 Bruder Wernher stehe Walther und 



* a. a. 0. S. 110. 




des dreizehnten Jahrhundert!*. 



73 



Reinmar von Zweter an Mannesernst und sittlicher Kraft 
kaum nach, hinsichtlich des ersteren gelten und ein Ix)b sein, 
Reinmar aber kann mit Walther keineswegs auf eine Stufe ge- 
stellt werden. 1 

Einen noch ungünstigeren Eindruck als Reinmar macht Meister 
Friedrich Sunburg. 

Viel zu günstig urteilt über ihn v. d. Hagen : 2 „In den ge- 
schichtlichen Gedichten nimmt Sunburg teil an Wohl und Wehe 
des Vaterlandes, und wahr und würdig ist Lob oder Tadel der 
höchsten Häupter desselben. 44 

Dem gegenüber ist schon hier 3 auf seine schwankende Hal- 
tung in politischer Beziehung hingewiesen worden, der zufolge er, 
erst eifriger Gegner des Papstes, nachher dessen Freundschaft 
für Rudolf rühmt. Erst lobsingt er dem Böhmenkönige Ottokar, 
nachher, uni eines Königs Ja betrogen — sei es, dafs der Dichter 
eine versprochene Grabe nicht erhalten hatte oder wir einen poli- 
tischen Hintergrund zu suchen haben — , im Jahre 1273 steht 
er auf Kaiser Rudolfs Seite. 1 

Wird somit die Vermutung rege, dafs der Wechsel seiner 
politischen Stellung gegen und für den Papst mit persönlichen 
Beziehungen zu Ottokar und Rudolf nicht aufser Zusammenhang 
stehe, so erhalten wir die Bestätigung für diese ungünstige Auf- 
fassung seines Charakters — die übrigens schon durch die früher 
erwähnte Herabwürdigung seines eigenen bürgerlichen Standes 



1 Völlig verfehlt erscheint bei der Verschiedenheit ihrer politischen 
Haltung die Annahme Gödekes von der Identität Reinmars mit dem 
Marner. Ausführlieh widerlegt ist dieselbe bei Tschiersch (Luckauer 
Gymnas.-Progr.), Görlitz 1872. In der neuen Auflage seiner Litteratur- 
geschichte S. 158 hält Gödeke an seiner Behauptung fest, da die aus 
Raumslands Liede geschöpfte Kunde, es sei „ein marner, manches 
warner 44 u. s. w. schändlich erschlagen, schwerlich auf den Marner gehe, 
über dessen Ende nichts Gewisses bekannt sei ; die Annahme ihrer Identität 
sei angefochten, aber nicht widerlegt, während er S. 253 sagt, Meister 
Raumsland verspotte den Marner, klage aber, als der alte Mann ermordet 
wurde, über dessen Tod, also die Stelle aus Raumslands Liede doch auf 
unseren Marner bezieht — ein Widerspruch gegen seine eigene auf S. 158 
gegebene Auffassung derselben Stelle, der seine Annahme von der Identität 
beider nicht gerade zu stützen geeignet ist. 2 MSH IV, 650. 3 S. 52 f. 
4 Zingerle S. 21. 




74 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



begründet ist — durch einen anderen Spruch, 1 worin er geradezu 
schamlos sagt: „Da für die Wahrheit niemand lohnt, so will ich 
um Gutes willen lügen, ärger lügen als irgend einer meiner Ge- 
nossen." Das stimmt ganz zu der kriechenden Belobigung des 
adligen Standes. 

Demnach ist das Urteil v. d. Hagens wirklich zu günstig 
und weit richtiger das von Zingerle, 2 er wäre besser darin geübt, 
das Lob der Freigebigkeit zu singen und andererseits kargen 
Herren zu Gewissen zu reden oder seinem Ärger durch eine Flut 
von Scheltworten Luft zu machen, als historische Thateachen zu 
berichten. Kurz, seine politische Lyrik geht nicht aus innerer 
Uberzeugung hervor, sondern bequemt sich den jeweiligen 
Gönnern an. 

Auch Meister Boppes Lobgedichte auf Kaiser Rudolf 3 schei- 
nen weniger aus politischer Uberzeugung als aus der Hoffnung 
auf Belohnung hervorgegangen zu sein, ebenso wie sein Tadel 4 
aus der Täuschung seiner Hoffnungen. Aufser dem schon in 
letzterer Beziehung Angeführten 5 ist hier noch eine Stelle zu er- 
wähnen, worin er bei der Klage über seine Armut, die nicht eher 
aufhören werde als nach dem Werden natürlicher und sittlicher 
Unmöglichkeiten, unter diesen Unmöglichkeiten auch einen Sieg 
des Kaisers über den Suiten erwähnt, weil nämlich Rudolf nie- 
mals in das gelobte Land ziehen werde. 6 Wodurch aber dieser 
ironische Seitenblick auf Rudolf und aller übrige Tadel desselben 
nach dem vorausgegangenen überschwenglichen Lobe, ja einer 
Vergleichung mit Karl dem Grofsen zu begründen wäre, aufser 
durch getäuschte Erwartung in Bezug auf Rudolfs Freigebigkeit, 
sehe ich nicht. 

Nicht anders wird der Schulmeister von Efslingen zu be- 
urteilen sein. Seine Sprüche zeigen ihn als den erbittertsten 
Gegner Rudolfs. Schlegel 7 vermutet, dafs er in der Gunst eines 
der Herren stand, wider die Rudolf gerechte Kriege führte und 
welche daher die wilde, verworrene Unabhängigkeit des Zwischen- 

i MSH III, 71a, Str. 17. * a. a. O. S. 8. * MSH 11,382 a. 4 MSH 
II, 384 b. 5 Siehe oben S. 41—42. « Schlegel, Gedichte auf Rudolf von 
Habsburg von Zeitgenossen. Dtsch. Museum I, 311. 7 Dtsch. Museum 
I, 310. Gleiche Ansicht MSH IV, iVX 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



75 



reiches der geordneten Freiheit seiner Regierung vorzogen. So 
war, fugt Schlegel hinzu, die Poesie schon damals die parteiische 
Stimmführerin blinder Leidenschaft. Wenn diese Leidenschaft 
mir wenigstens echt und nicht eine bezahlte gewesen wäre! 

Oder sollte der Schulmeister von JCfslingcn wirklich aus poli- 
tischer Uberzeugung gegen Rudolf aufgetreten sein? Sollte er, 
wie Kurz meint, 1 vielleicht geahnt haben, dafs die Landergier 
des habsburgischen Stammes dem Reiche ebenso verderblich 
werden müsse, als es die italienischen Züge der Hohenstaufen 
waren ? Es war vorhin Veranlassung, den politischen Scharfblick 
des Meisters Regenbogen zu rühmen — sollte der Schulmeister 
von Efslingen auch mit prophetischem Blicke die Fehler der 
habsburgischen Politik, wie sie Rudolf eröffnet hatte und seine 
Nachfolger jahrhundertelang fortsetzten, erkannt haben ? 

Ja, wäre nur sonst der ganze Mann danach gewesen! 

Wie schamlos aber prostituiert er sich bei der Klage, dafs 
Wein und gute Speise ihm fehlen, da er sonst die tQya Hif^oSir^g 
üben würde! Nirgends tritt die Gemeinheit seines Charakters un- 
verhüllter hervor; nur um Mittel zum Wohlleben war es ihm bei 
seiner Dichtung zu thun. Der weite politische Blick, den ihm 
Kurz zuschreibt, erscheint somit recht verengt und seine Dich- 
tung vielmehr nur durch das eigenste persönliche Interesse be- 
dingt. Dazu stimmt auch der Ton der Angriffe auf Rudolf; 
sie tragen, annähernd wenigstens, den Charakter gleicher Ge- 
meinheit. 

Mochte also auch die geringe Freigebigkeit Rudolfs gegen 
die Meister des Gesanges ihren Anteil an der Feindseligkeit gegen 
Rudolf haben, die Vermutung Schlegels, dafs der Schulmeister im 
Interesse eines der Rudolf feindlichen Herren gestanden habe 
und nur gegen Bezahlung dichtete, ist bei dem Charakter des 
Schulmeisters, wie derselbe in dem angeführten Spruche hervor- 
tritt, nur zu begründet. 

Lafet sich auch demnach bei einzelnen Nachfolgern Walthers 
Mut und Kraft der Überzeugung nicht in Abrede stellen, so ist 
doch der Eigennutz größtenteils allein mafsgebend, „partikula- 
ristische und egoistische Verkommenheit" 2 die Hauptsignatur des 

1 I, 1^2. 2 Scherer, Dtsch. Stud. I, 449. 



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76 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



«trengbürgerlicben Charakters der politischen Lyrik im dreizehn- 
ten Jahrhundert. 

Die politische Dichtung Walthers als echte Gelegenheitsdich- 
tung war von weitreichender Wirkung auf die Zeitgenossen. Wie 
steht es damit bei den Epigonen? 

Meyer 1 ist geneigt, in das Lob, welches Leopold Hornburg 
von Rotenburg 2 (um 1350) Reinmar erteilt, einzustimmen, nament- 
lich auch bezüglich seiner politischen Dichtungen, obgleich gerade 
diese bei Leopold Hornburg unerwähnt bleiben. Der Grund 
hierfür scheint weniger darin zu liegen, dafs das Zeitalter Leo- 
polds sie nicht zu würdigen wufste, wie Meyer meint, als darin, 
dafs sie, wie Gervinus 3 sagt, den Charakter des Gelegenheits- 
gedichtes zu sehr verwischen. . 

„Herr Papst, ich will Euch gehorsam sein ; Ihr gebotet uns, 
dem Kaiser zu gehorchen, und sprächet zu ihm : Wer dich segnet, 
sei gesegnet; wer dir fluchet, sei verflucht!" Dieser Spruch und 
die beiden folgenden sind so frisch und andringlich, sagt Wil- 
manns, 1 dafs man sie als unmittelbare Antwort auf jenes Schrei- 
ben des Papstes auffassen möchte, in dem er den Deutschen den 
Bann anzeigt und sie von der Treue gegen Otto entbindet. — 
So dichtete Walther! 

Damit vergleiche man Reinmar! Wäre der Papst der rechte 
Mann, er zeigte mehr väterliche Gesinnung; 5 das Schwert Hüge- 
lins schneidet nur, wenn man es mit Golde wetzt; 5 Heil dem 
Kaiser, dem Hort der Treue, Stete, Weisheit u. s. w.; 5 er ist auf 
seiner Hut; 5 das Reich war siech, des Kaisers Weisheit hat es 
geheilt; nur eine Gräte steckt ihm noch zwischen den Zähnen; 5 
man wird den Unterschied von Walther wohl herausfühlen : statt 
bestimmter Thatsachen nur mehr oder weniger dunkle Andeutun- 
gen; statt in medias res, um sie herum; mehr und mehr tritt 
zum Schaden der Poesie der Charakter des Gelegenheitsgedichtes 
zurück und das lehrhafte Element hervor. 

• a.a.O. S. 78— 75. 8 MSH IV, 881b ff. Wir haben übrigens nicht 
nur ein Gedicht zum Lobe Reinmars von Hornburg, wie Meyer S. 78 sagt, 
sondern drei. Das höchste Lob enthält der Anfang des dritten : „Reimar, 
din sin der beste was, her Walther dönet baz tt , den Meyer S. 75 anführt. 
; < II, 132. 4 Leb. S. 111. 5 Spr. 127. 137. 138. 139. 142. 



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des dreizehnten Jahrhunderts. 



77 



Das gilt auch von Bruder Wernher. Mit welcher Kraft fährt 
Walther auf den welschen Schrein los ; wie gesucht ist die Heran- 
ziehung der Fabel von Schildkröte und Affe 1 zum Ausdruck der 
Freude über die Rückkehr des Kaisers Friedrich von Akkon trotz 
des Bannes bei Bruder Wernher ; wie weit hergeholt die Erzäh- 
lung von der Salvatio Romae mit ihrer Anwendung auf die 
Wirren im Reiche; 2 wie gelehrt und breit die Erzählung von 
Perseus, wofür er fälschlich Antäus setzt, und die darangeknüpfte 
Aufforderung an die Fürsten, 3 diesem Beispiele zu folgen, beim 
Manier! 

An Stelle der frischen Unmittelbarkeit, der inneren Erregung, 
wie sie Walthers Sprüche .verraten, war erkältende Reflexion ge- 
treten — kein Wunder, dafs die Wirkung ihrer Sprüche weit 
hinter derjenigen von Walthers Sprüchen zurückblieb. 

So oft auch Reinmar 1 und der Marner 5 von zeitgenössischen 
und späteren Dichtern mit Anerkennung genannt werden — bei 
Bruder Wernher scheint es weniger der Fall zu sein, da er 
selber über mangelnde Anerkennung klagt 6 — , nirgend findet 
sich eine Andeutung von unmittelbarer politischer Wirksamkeit 
ihrer politischen Dichtung, wie diejenige Walthers war. Was 
Gervinus 7 von Reinmar sagt, die Wirkimg seiner politischen 
Sprüche könne nicht sehr lebendig gewesen sein, wird man ohne 
Bedenken also auch auf Bruder Wernher und den Marner an- 
wenden können. 

Welche Frische und Unmittelbarkeit der Empfindung klingt 
aus Walthers „her keiser, sit ir willekomeu 44 u. s. w., 8 womit er 
den Kaiser Otto nach seiner Rückkehr nach Deutschland begrüfst, 
oder aus dem Preisliede auf Philipp: „Ez gienc eins tages, als 
unser herre wart geborn u 9 u. s. w., wo die begleitenden Um- 
stände mit solcher Genauigkeit angegeben werden, dafs wir in 
der Lage sind, den betreffenden historischen Vorgang mit Sicher- 
heit zu erkennen, ja Tag und Stunde desselben genau zu be- 
stimmen. 

Dagegen ist das Gedicht von Walthers jüngerem Zeitgenossen, 



» MSH III, 16 b. 2 Strauch XIV, 49 ff. 3 Strauch XIV, 194 ff. 
4 Vgl. Meyer S. 64 bis 75. 5 Vgl. Strauch S. 2—6. • MSH III, 14 a u. 
19a (Str. II, 13 u. V, 1). 7 II, 132. • 11, 30 ff. • 19, 5. 




78 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Ulrich von Singenberg, 1 worin er sagt: „Eine Witwe nahm einen 
Mann, zur Hochzeit kamen viele Ritter und Frauen. Als der 
Bräutigam kam, begann der Streit, wie sie die Braut schmücken 
sollten. Zuletzt band sie ihren Kopfschmuck selbst" — dieses 
Gedicht, das an Zwistigkeiten zu erinnern scheint, die 1220 bei 
der Wahl Heinrichs in Frankfurt ausbrachen, 8 ist schon „dunkel, 
wie nur eine echte Allegorie sein kann". 3 — Dieselbe Dunkel- 
heit herrscht in einem gleichfalls wohl auf König Heinrichs Re- 
gierung zu beziehenden Spruche desselben Dichters, 4 wo es heifst : 
Der König wird den Königsnamen in Ehren halten, wenn seine 
Pfleger ihn dazu anhalten. Wird er selbständig, so lohne er ihren 
Rat und strafe seine Feinde! 5 

So sagt der Hardegger: 6 Nicht Mörder, Strafsenräuber, 
Königs Hafs, Strafe seitens der Fürsten, nicht Grafen, Freie, 
Dienstmannen hemmen „meine Fahrt", die ich, wenn auch ungern, 
thun mufs. Was das für eine Fahrt sei, läfst sich wohl ver- 
muten, aber eine bestimmtere Angabe, auf die man die Ver- 
mutung v. d. Hagens 7 von einer Fahrt nach» Welschland im Dienste 
des Kaisers gründen könnte, sucht man vergebens. 

In einem Gedichte des wilden Alexander 8 liest man: Ein 
Hirte band seinen tollen Hund los, so dafs viele Schafe ge- 
schoren und gebissen auf dürrer Heide gehen; ein Licht erlosch 
hierauf zu Mainz, und ein Adler flog traurig zurück; doch tröstete 
ihn, dafs in Pülle eine listige Schlange starb; der Rhein erwarb 
der Elbe Minne zu Braunschweig; der Wolf in Schwaben freute 
sich der Missethat, dafs in Bayern ein stätisches Maultier auf 
unrechtem Pfade geht. — So scharfsinnig die Vermutungen 
v. d. Hagens 9 zur Deutung der historischen Beziehungen in dem 
Spruche sind, es bleiben Vermutungen, und Sicherheit läfst sich 
gegenüber so dunklen Andeutungen nicht erreichen. — Dieselbe 
Dunkelheit herrscht bei dem wilden Alexander anderweitig, 10 



1 Walther 106, 21 ff. Dem Ulrich von Singenberg zugeschrieben 
von Wackernagel -Rieger S. XV ff. gegen Lachmann, der die Strophe 
Walthers nicht unwürdig fand. Vgl. Menge S. 30 f. * Wilmanns, Ausg. 
S. 368. 3 Menge S. 30. 4 Wilmanns, Ausg. S. 367. 5 Walther 106, 31. 
« MSH II, 134 (II, 12). 7 MSH IV, 446. « MSH III, 27a, Str. 4. 
• MSH IV, £65 f. '<> MSH III, 27 a, Str. 5 und 6; 30 a, Str. IV, 1; 
vgl. IV, 666. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



79 



wenn er von dem Winde erzählt, der gegen die starke Burg 
Zion anstürme, dafs die Wände krachen und die Wächter in 
steten Sorgen sind; diese Wächter sollten aber getrost sein, 
denn Christus, der Wind und Wellen gebot, werde ihr fester 
Turm sein. 

Auch der Schulmeister von Efslingen kann mit seinem Vor- 
wurf wegen leerer Verheifsungen und unbelohnter Verdienste 
Konig Rudolf meinen; 1 aber auch hier sind die Andeutungen 
viel zu allgemein gehalten, als dafs sich eine so specielle Be- 
ziehung erweisen, liefse. 

Auch des Kanzlers Klagen, 2 dafs Pfaffen und Laien nirgend 
Sicherheit vor geistlichen und weltlichen Gerichten fänden, dafs 
Pfaffenfürsten Waffen führten, statt der Stola ein Schwert — 
lassen sich an keine bestimmte historische Thatsache anknüpfen. 

Wie anders Walther, wenn er die gleiche Klage erhebt: „die 
pfaffen striten sere, doch wart der leien mere u 3 u. s. w., worin 
die Worte „si bienen, die si wolten und niuwet den si solten" 
sich auf den vom Kardinallegateu am 29. Juli 1201 über Philipp 
und seine Anhänger verhängten Bann 1 beziehen. So knüpft 
VValther unmittelbar und allen verständlich an die gegebene 
historische Thatsache an und macht dadurch auch den tiefsten 
Eindruck auf seine Hörer, während in der anderweitigen poli- 
tischen Lyrik des dreizehnten Jahrhunderts mehr und mehr ein 
dunkler Batseiton herrschend wird, eben darum aber auch die 
Frische und Unmittelbarkeit des Eindrucks auf die Zuhörer 
schwindet, woher es sich auch erklärt, dafs die Wirkung der poli- 
tischen Lyrik auf die Zeitgenossen nach Walther nicht sehr 
lebendig gewesen ist. 

Nur etwa die Zeitgedichte auf Rudolf von Habsburg bringen 
die Hoffnungen der Zeilgenossen, die sich an die Erwählung des 
Habsburgers zum deutschen Könige knüpften, das endliche Auf- 
atmen nach der kaiserlosen, der schrecklichen Zeit unverhüllter 
zu unserer Kenntnis. Aber auch in ihnen wird die Kunst und 
die nachhaltige Wirkung Walthers nicht einmal annähernd erreicht, 
weil sich der Charakter der Gelehrsamkeit allzusehr breit macht 



» MBH IV, 432. * MSH II, 389 b. » 8, 4. 1 Vgl. Pfeiffer zu 
Nr. 81. 




80 



Charakteristik der deutschen politischen Lyrik 



Soll die Bedeutuug einer Begebenheit dargelegt werden, so fängt 
man an, Vergleiche mit dem Alten Testamente zu ziehen. 1 So 
kommt Meister Boppe in seinem oben 2 erwähnten Lobgedichte 
auf Kaiser Rudolf bei Karl dem Grofsen und von da bei den 
Königen und Propheten des Alten Testaments an. Nicht minder 
gesucht läfst Konrad von Würzburg in Rudolf den Adler von 
Rom über Habicht und Falken zu Osterland und Steier, über 
Raben und Geier zu Pülle, über den Löwen von Böhmen trium- 
phieren ; alle haben derartige Gleichnisse und Beziehungen als 
die höchste Aufgabe oder das glänzendste Hilfsmittel der Dicht- 
kunst behandelt. 3 — Daher denn auch die mehr und mehr sich 
verflüchtigende Einwirkung auf ihre Zeitgenossen, weshalb von 
keinem auch nur annähernd wie von Walther von der Vogelweide 
gesagt werden kann, „dals er Tausende dem Papste abwendig 
gemacht habe". Eine so hervorragende Einwirkung auf die Zeit- 
genossen zu üben und sein Volk für immer von der „simouie" 
und „giezie" Roms zu befreien, war erst der gewaltigen Stimme 
der „wittenbergischen Nachtigall" vorbehalten. 

So weit die Charakteristik der politischen Lyrik des drei- 
zehnten Jahrhunderts. 

Demnächst müfsten die didaktischen Dichtungen mit den 
in ihnen enthaltenen politischen Beziehungen in die Untersuchung 
hineingezogen werden; so erhielte man, mit Scherer 4 zu reden, 
eine Art Barometer des patriotischen Nationalgefühls der Deut- 
schen im dreizehnten Jahrhundert. 



Als Resultat der Untersuchung ergiebt sich folgendes: 
1) Walther von der Vogel weide ist der erste uns bekannte 
politische Lyriker in deutscher Sprache. Seine politische Dich- 
tung beruht auf derjenigen der Fahrenden, wie sie wahrschein- 
lich schon längst volkstümlich war. Sein Verdienst ist es aber, 
diese politische Dichtung der Fahrenden an die Höfe versetzt 
zu haben. 



1 Gervinus II, 141. * S. 41. ' Gervinus II, 141. * Dtsch. Studien 
I, 349. 




des dreizehnten Jahrhunderts. 



8t 



2) Voll vaterländischer Gesinnung preist Walther die Herr- 
lichkeit von Kaisertum und Vaterland und beklagt die Zerrüttung 
des Reiches. Anhänger des Kaisers, bekämpft er das Papsttum 
und die aufstrebende Territorialmacht der Fürsten. Er geißelt 
die Mifebräuche des geistlichen Standes ; selbst ritterlichen Standes, 
lobt er dessen Vorzüge, jedocht nicht ohne inneren Wider- 
spruch. 

Gänzlich fehlt in seinen vaterländischen Gedichten eine Ver- 
herrlichung kriegerischer Thaten. 

Seine politischen Dichtungen sind hervorgegangen nicht aus 
blofsem Streben nach Lohn, sondern aus seiner inneren Uber- 
zeugung, die er mannhaft imd mutig ausspricht, zum grofsen Teil 
aus einer bestimmten politischen Veranlassung ; sie sind also recht 
eigentlich Gelegenheitsgedichte und gerade deshalb, sowie wegen 
ihrer kurzen, epigrammatischen, sich dem Gedächtnis leicht ein- 
prägenden Form, von hervorragender Wirkung. 

3) Die politische Lyrik nach Walther ist wenig original und 
beruht häufig auf blofeer Nachahmung seines Vorbildes. Das 
von Walther angestimmte Lob auf Kaiser und Vaterland ver- 
stummt, und die schon von ihm erhobene Klage über des Reiches 
Zerrüttung wird ständig wiederholt, wohl nicht infolge besonderer 
Morosität und Tadelsucht der Dichter, sondern der Wirren und 
Not der Zeit. Wie Walther stehen auch die übrigen politischen 
Lyriker in dem Kampfe zwischen Kaiser und Papst auf Seiten 
des Kaisers, jedoch nicht ohne Ausnahme: manche schwanken, 
einige stehen auch auf Seiten des Papstes ; wie Walther erkennen 
fast alle die Notwendigkeit einer starken kaiserlichen Gewalt an 
und tadeln das selbstsüchtige Anstreben der Fürsten gegen den 
Kaiser; wie Walther eifern fast alle wider die Mifsbräuche des 
geistlichen Standes. Gegenüber Walther und seiner unbestimmten 
Stellung in betreff der Wertschätzung adliger Geburt beginnt 
sich bei den Epigonen das bürgerliche Element mehr zu fühlen; 
der Grundsatz natürlicher Gleichberechtigung gelangt zu unbe- 
dingter Anerkennung, und der adlige Stand wird heftig ange- 
griffen. — Wie bei Walther fehlt auch bei den Epigonen Ver- 
herrlichung kriegerischen Ruhmes. 

Mut und Kraft der Überzeugung, ein Vorzug der Walter- 
schen Sprüche, tritt bei den Epigonen, deren politische Stellung 

Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. t> 



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82 Charakteristik der deutschen politischen Lyrik etc. 



fast durchweg vom Eigennutze bestimmt wird, in den Hinter- 
grund. Nicht mehr Ausdruck unmittelbarer Empfindung, sondern 
erkältender Reflexion, entbehrt ihre Sprache mehr und mehr der 
Natürlichkeit, und Künstelei tritt an ihre Stelle. Daher schwindet 
die zündende Kraft Waltherscher Beredsamkeit, ihre populäre 
Wirkung, ihr nachhaltiger Eindruck auf „Tausende" mehr und 
mehr dahin. 

Brieg. Dr. Gustav Baier. 




Proprium Sanctorum, 

Zusatz-Homilien des Ms. Venion fol. CCXV ff. zur nördlichen Sammlung 
der Dominicalia evangelia. 1 
Mitgeteilt von 

C Horstmann. 



Xisi granum frumenti cadens in 
terra mortuum fuerit, ipsum solum 
manet (Joh. 12, 24—26). 

But greine of whete in eorJ>e dye, 
hit schal not newe. f>is is to seie: 
Whon grein of whete is cast to 
grounde, 

But $if hit die, hit schal not newe. 
Vre furste greyne wif> deuj was 
bounde, « r > 
ffeoie greynes {>erof grewe, 
Spires stoden vp In a stounde 
And bar blosmes briht of hewe; 
ffeoie greynes growen rounde 
Of o greyne |>at we sewe. 10 
whon greyn in grounde bigi/mef) falle, 
But *if hit die, hit schal not sprede, 

^tandus foik forte fede — 
Johan gospel {>us I rede, 
|>e apostles witen alle. 1 5 
Wnon greyne of whete is cast in 
erouwde, 
hit liggef> iowe vndur pe londe; 
\>erof springe^ spires I-nowe 
A^ein pe sonne vndur |>e sonde, 
wij> bitter blastes hit is I-blowe, 20 
To wagge wi|> wynd hit woi not 
wonde; 

And aftur is ropen and leid ful lowe, 
Boistesliche bounden in a bonde, 
And f)enne in cartes cast, 



16 1. in grounde is sowe. 



• Vgl. AltengL Legenden, Nene F( 
woselbst auch die Heiligenfeste, wofür 
werden. 



ben hit is brouht hom til a Berne, 25 
nard I-{>roflchen in an hurne; 
ffair bred, as ^e schul lerne, 
{>erof comejj atte last. 

{>ewne is hit winewed wi[) {>e wynde, 
In Mesures meten and grouftden to 

mele, 30 
ffeire I-kneden, as je may se 
Bake Bred and feden feie, 
bis whete-corn I haue in muynde 
pat fürst stod on a luytel stele. 
Nou wol I preue bi wei of kuynde 
{>at o greyne won al vr wele, 
whon greyne on grounde was sowe 
In Marie lond, |>at Myide croft; 
ber-in com crist feire and soft 
Out of heuene, |>e heije loft, w 
And greuh in grounde ful lowe. 
Whon greyne of whete in grou/tde 

was cast, 
Quikliche hit quiked in a Qweeue. 
here hit liuede, for vs hit fast 
ffourti dawes, as Clerkes sene; 45 
In eorpe hit dyed atte last, 
And queyntely hit quiked ajen — 
bat made {>e fend sore agast; 
Nou greyne is brouht in bred to ben. 
Bote for vre greyne gon dye, 50 
Schulde neuere Mayaen ne wyf 
Ones haue ete |>e bred of lvf, 
But euere ha iiued in {>e fendes strif , 
fforso|)e, as I ow seye. 



31 se st fynde? 

), Heilbronn 1881, p. LXXI -LXXV1I, 
e Homilien geschrieben sind, angeführt 

0* 



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84 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



Whon J>is spyr was sprad and 
sprowge, 55 
{mtti wynter and al-most {>re 
wi[> feie wyndes hit (was) wronge, 
Vre spir sprong al in pouerte. 
he prajhed bope olde and jonge, 
Ana helede selte in mony cite. 60 
Atte laste |>e Jewes stronge 
Scheren vr greyne ful lowe on kne — 
* is me {)inlef> gret reu{>e. 

Jewes, f>at (were) wikked and 
wrong, 

Euere j>ei sonnen in heore song 65 
And cailede him false liiere strong 
{>at was rote of treuf>e. 

his hondes bei bouwden at his bac 
And cariede nun to sire Caiphas; 
whos heued {>ei knelled w*[> moni 

a knoc, 70 
|>ei Robbed him and hud his fas; 
And aftur {>ei schoken a ful gret 

schak, 

To proude pilate f>ei gon pas, 
To heroude bei ruwne on rak 
wi[> Jhesus pat diede for vre tres- 
pas — 75 
bus was he driuen aboute, 
heroude, |>at wikked hing, 
As a fool clo{>ud vr kyng, 
And bad leden him to J>refl'chyng 
Of sire Pilatus Route. 80 

{>en was he J)reflchen |xv* on a tre, 
On vre curnel knaues gon knoke, 
Til his bodi bar a blodi bie, 
Swete bred was out i-broke. 
Of [)is spyr I haue pite; 85 
borwh his wouwdes mon was spoke, 
To buy hem heuene, bat hi\e Cite, 
|>at lyjen in helle ful lowe iioke. 
ftleyles on hym gun flynge, 
bey flapped on his feire flesch 90 
pat whit was and swi|>e nesch, 
And as f)e deuh doj) on |>e gres 
Spedly pe blod gon springe. 

}>en was he lad to an bulle, 
To don him schome was heore delys, 95 
To winewen him ber was heore wille 
In wikked weder, boj>e snowh and ys. 

ßs meke j)ing stod naked in }>e chelle, 
s cloJ>e8 pei wonnen atte dys, 
And aftur leiden him doun ful stille 
wi{> rode red so Rose on Rys. 
">is Mayde seed was mete, 

Rode-treo was heore Mesour; 
n Crois J>ei cleynten vre Creatour, 



On a schyd wi{) seharpe schour l 05 
J)is mon was mad ful mete. 

In writ as hit is fouwde, 
be Rode-treo bei liften vp anon, 
Kampned hit harde in a ston ; 
his senewes brooken euerichon — 110 



{)us was vr greyne I-grounde. 

On lonce Iaddres vpl>ei treae, 
be Jewes pat weore wylde and wode, 



Berien vre bred a^eyn [>e brede 
Til al his bac to-brast on blöde. 
Vre Cake on Crois |>ei knede, 
Rampned hit harde ajeyn be Roode, 
bat made vre Meole swetter pew mede. 
\ms for us was grey|>ed vr gostly 
foode, 

Molded in his oune bloode. ™ 
ber he heng I-Robed in Red, 
In druye blood, whon he was ded — 
bus spekef) seynt Luc of vre bred] 
In his gospel goode. 

{>o was he marked wi{) a launce, 
Don in J>e ouene — such was heore 
lawe. 

he Ros vp at his ordinaunce 
On Aster-day, whon {>e day gon dawe, 
whon bred of lvf was forp i-drawe. 
his feire feste ctob vs a-vaunce, l* 1 
his flesch vs fedep, we may be fawe 
of his Blessed Ordinaunce. 
bus seide seint Thomas of Inde 
his bred of lvf couJ>e he not knowe, 
whuch a Löf j>at was I-sowe, 
Til vch a fynger rikened on Rowe 
porw his bored breste gan fynde. 

Kerue{) vr lof bi j>e ouer syde, 
}e {>at ben Mylde makef> ou f*»rwi{> 

wel atese, 
And loke je Renken In eueri tyde 1 40 
what God haj> don ow wi J) to plese. 
he bouhte blisse mon to abyde, 
wij) heuene-halle he gan jou sese, 
But \e hit loste |x>rw pompe and pride : 
To Bugge hit aieyn god gan prese, 145 
To sauen ou from pe qued; 
On a Rode he heng to-torn, 
To lechen hem J>at lay forlorn. 
>}it is he God, as he was boru, 
And Mon in fourme of Bred. V® 

]>e neo{)ur croste mai |>e fülle: 
Cheuj J>eron and ofte {>enke 
hou gnm, hou hot hit is in helle, 
fful of pich, bat euer schal stynke, 
I-joten, and Brimston welle; ^ 
In Bras {>ei brennen bi \>e brinke, 



99 Ma. wounes. 



118 Ms. liioodc. 



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Proprium Sanetorum des Ms. Vernon. 



85 



In serwe and wo [>ei s weitere and 
swelle — 

|>er Iiis do clerk mai write wif> Inke 
lalf \>e cumbring ne care. 
ber is J>e worm bat neuer schal dye, 16° 
Derknes and aym ly^e. * 
beih peter for a soule preye, 
nit i8 not worJ> a tare. 
f>enk hou gostes schul grede and 
grenne, 

And hou deueles schul in hem 
dynge, ^ 
And hou bitterly bey schiu brenne, 
And {«nk hou nedores schul in hem 
stiage, 

{>enk hou |>ei schul warien heueue- 
wynne, 

fforsake crist and heore cristnynge; 
|>enk al is for vre sori synne, 
And f>enk |>at serwe hab non endynge. 
benk my tale is treupe, 
ffor Poule and Gregori 

f us J>ei rikenen bi an bi, 
n helle is al {)is vileni, l<5 
And sixti so muche reube. 
|>enk how bemes schul blaste and 
blowe 

And breke brinkes on domus-day, 
AI vre J>rouhwes j>en schul ouer- 
jwrowe, 

vr kun schal comen out of J>e clay ; ^ 
Cursed and clene }>en crist wol 
knowe, 

>at Mon was marked In a May: 
>e Corsede wol he caste lowe, 
>e clene faste bi him, in fay, 
In Joye bat lasteb ay; 185 
his face penne schal vs fede, 
Rhesus 01 whom I rede, 
j^if we him loue and drede 
And serue him to his pay. 

Joye and pyne schal laste longe iw 
whon vr prince ha|> mad vre partyng; 
In helle schul dwelle |>e wrecches 
wronge, 

be clene in Court wij) heuene-kyng 
Ben fed wi|> Joye and Angeles songe, 
f>er is loue and lyf and no long- 

yng. iw 
ffleo we helle, bat stinkep stronge, 
And bugge we neuene, [>at blisful 

P»ng! 

flul Joyful is {>at bour 
>er mon mai sitten In heuene-des, 
>er is preued {>e place of pees, 200 
>e Jove f>at is endeles 
lern £inke]> not half an hour. 



Penaunce wi{) his speres Ord 
Schal come dep«rte and spende. 
j>erfore be{> wvse and worchef) godu* 
word, 205 
Of alle oure synnes ow amende! 
>cn may ;e byde at godus bord 
>at Bred j)at furst in loue Brende. 
>is bred is to my pay, 
:n heuene hit is kvwg, as telle{) ^or 
crede; 210 
{ris bred is broken vr f rendes to fede 
wib blessvnges eueri day. 

Eueri dav })is bred isdelt, 
Broken in \>re and al is on. 
bat on is offret to him {>at weit 215 
nis holy Angeles in heuene-tron. 
bat o{)ur helpe{> him J>at helt 
nrom be fenaes, vre soule fon. 
J)riade for-^iuef) gostes heore gult, 
ut hote helle ha{> he non. 2») 
is bred is broken on breo: 
»at on is oflfred to Goa in glorie, 
»at ojror alcgge}> peynes In purga- 
torie, 

f>e {iridde makej) vs good Memorie; 
Ac in helle ber may non beo. 225 

Mon and Angeles feire ben fed 
wij> bred {>at was in Marie born. 
Goode gostes may beo ful glad 
whon Messe amendej) ow eum Morn : 
ffeole ben delyucret and feire i-lad 2»» 
To {>at riche feste I haue seid be- 
forn. 

But hote helle neuer helpyng had 
borwh {>at Cake of Oristes Corn. 
In helle pyne is piht, 
weore hem loked eny leggaunce 235 
In helpyng of heore" harde chaunce, 
Or eny {>ing mihte hem auaunce, 
In ffoure bis bred were diht. 
j>is worfd is nouht, böte heuene 
is ouht, 

whon deb schal come wib bis knyf . 2iu 
'Jhestts, pat vs lauht, tep vs in to 

J)i f rauht 
And ay from vs stinte f>e fendes strif. 
ben schal beo rauht a Riche drauht 
Out of \>e wyse welle of lyf. 
In to [>at fraujt Jhcsus hire tauht 245 
Samaritan, \>&t cely wyf. 
he hijte hire drinke ful hende: 
watur of lyf wij) iyues bred 
Schal sauen vs alle from {>e qued. 
God graunt vs bat whon we beo 

ded 250 
To heuene f>at we may wende Amen. 



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86 



Proprium Sanctorum de* Ms. Vernon. 



Stabat Johannes & ex discipuiis 
duo (Joh. 1, 35—51). 

Seint Jon vppon a tyme stoode, 
And tweine of Iiis disciples goode. 
he biheold Jhesu comynge, 
And seide {>us of bat Jringe: 
„Seo here of God |>e goode lomb, 5 
jiat was and Is wib-outew wrong." 
And f>is ilke disciples tweyn 
herden Jon so to nem seyn, 
To Jhesu sone bei made neor pas 
And suwed hym pat was f ul of gras. 10 
Jhesu torned a^ein ful trewe 
And (say) {>o men {>en him suwe, 
he seide to hem: „what seche je?" 
bei seiden a^eyn: „Rabi, j>e tt — 
Rabi is to vndurstonde 15 
Maister most in vch a londe. 

„wher dwellestou ? tt }>en seide j>ei. 
Jhesu ajein to hem gon sei: 

pComef) and seo|> tt , he hem bad. 
j>ei coomen and se^en wi[> herte glad 
where bat he schulde dwelle, 
And wip him weren {>at day to teile : 

hit was foreo{)e in |>at stour 
be tyme of £e tenj>e our. 
bis Andrew in {ris t>las 
Symound peter bropur was, 
he was on of |>e two 
bat herde Jon speke so, 
perfore anon wip good wille 
Jhesu |>ei suwed feir and stille, 
his furste brof>ur he fond her, 
|>at Symound was cald fer and neer, 
And to his brobur sone seide he: 
-Messye I-founden nou haue we* — 
pat is {>us muche forte mene 35 
As crist, to schewe ow al atene. 
Aftur Andreuj |>us his Bropur kneuj, 
he lad de him sone to goode Jhesu. 
Jhesu biheold Symound vppon, 
Siggyng Jms to pat mon : 
„fxni art Symound in J>is wone, 
he sone of bat woramon Jone: 
Cephas cald schalt |>ou beo, 
{>at Peter is to knowe and seo." 

On £>e morwen Jhesu hende 
In to Galilee wolde he wende: 
Philippe he fond, |>at was ful trewe. 
To him he seide: „f>ou me suwe!" 
Philippe was, so|> to say, 
Of Bethsaida, f>at Cite gay; 50 
Peter also and eke And reu* 
Of j>at same men hem kneuv 



25 



30 



40 



45 



Philippe fond Natanael J>on, 
And |)us he seide to |>at mon: 
„whom wrot Moyses in his lawes 55 
And {>e prophetes in heore dawes, 

Sat we schulde Jhesu fynde, 
oseph sone*, of Najareth kynde. 44 
Natanael seide, }>er he stod: 
„Of Najareth may sum {)ing begood ? tt 
Philip Natanael {k> bad : 
„Cum seo Jhesu, wij) wille glad. tt 

Jhesus ben say Natanael 
Touward nim come, as hit |x> fei; 
he kneuh he schulde beo to him dere : 
|>us he seide, as je schul here: 
-Seo a verrey Israelyte, 
In whom nis noufmr wo nor wyte.* 

Natanael seide m |>at {>rowe 
To Jhesu: „wherhastou me knowe ?* 

Jhesu onswerde, bat al walt, 
And seide : „ar Philip hedde J>e calt, 
whon f>ow weore vndur be ffyge-tre, 
Bifore {>at tyme sayj I pe. u * 
Natanael seide anon: „Raby, 75 

&>u art Godus sone on hi$, 
f Israel {>ou art J>e kyng.* 
Jhesu onswerde to bat |)ing: 
„ffor I haue seid I naue {je seu 
vndur {)e ffyge-tre to ben, «o 
And jxm in me leeuest al, 
More {>en |>is seo Jh>u schal.* 

Jhesu seide to him |>at day: 
„Siker forso|>e, wif>outen nay, 
£e schul seo jie heuene vndo, 
And godus Angeles vp styje also, 
Comen adoun schul [>ei eke 
vpon {>e sone of Mon so nicke.* — 

1 )Ere bre{>ren, here we rede 

On {)is gospel, seib seint Bede, s» 

whi Jon, Cfristes forgoer, here 

Cald him |>e lomb of god so dere : 

ffor he him kneuh for Innocent 

And vndefoulet {>er present, 

bat is to sei of alle synne tw> 

pat euer was J>e worid wib-Inne. 

be prophete seib a word honest : 
Rint as a schep, pe meke best, 
he schulde be take wib wolues badde, 
And so forb to his dep beo ladde, loo 
And as a lomb, meke of wille, 
wi{>-oute noyse he schulde beo stille, 
ffor Jon witnessed in bis plas 
|>at Crist |>e lomb of God so was, 

]>eose tweye disciples trewe los 
Anon assented him to suwe, 



14 Ms. Babi. 26 Ms. pretcr. 



83 Ms. hem. 



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Proprium Sanctorum de« Ms. Vernon. 



87 



bei hoped pat he schulde hem make 
More gostly grace for to take, 

rine Jon, pat was his fore-goere, 
whom bei dwelled wip-outen 
dere; HO 
>y leeued |>at crist wip-outen drede 
edde most miht of pe godhede. 
Jhesu torned to po men 
And asked what bei souhten pen, 
Not only, for he kneuh not here 115 
what-maner men pat J>ei were, 
But for bei him so suwynge 
Schulde naue a verrey knowlechynge 
Of be ffey wib-outen let, 

ter-lnne stabliche to beo set; 120 
e hem asked bi pat entent, 
ffor pei schulde knowe wip whow 

bei went: 
ffor sone he schewed hem good 
techyng 

To knowen him for heuene-kyng, 
flTor bei schulde haue be more loue 125 
To him and to his nadur aboue. 
Passyng pinges asked pei nouht, 
But aftur ms dwellyng sone J>ei 
souht. 

bis com «tf a wilful kynde. 
To wite wher bei schulde him 
fynde, u» 
ffor ]>ei wolde ofte pider come 
To beo tauht of Godus sone. 
Such as |>ei souhte berfore 
he ordeynd to hem for euermore, 
he tauht hem, sikerliche for to sey, I 35 
In sopnesse to go pe heije wey. 
beose disciples sone he bed 
Cum sen his dwellyng out of dred. 

his dwellyng was, wip-outen fable, 
In heuenly techinges profitable, 1*0 
By whuche to Joyes euerlastynge 
bei schulde come in tyme comynge. 
hit was comen in bat stoure 
To tyme of pe tenpe oure: 
bis is pat godus lawe presens l-*5 
Is jiuen In Ten comau/fdemens. 

pe parfytnesse of pat lawes 
was wont to beo demed bi dawes 
In J>e noble Noumbre of Ten, 
In scripture as we fynden hit ben. wo 

-Andrew penne to Symouwa toide : 
'Messve we ha fouwde to holde.' 
bis ilke word Messye clere 
Is Ebreuj in pis Maueere: 
hit is a name of gret vertu, ^ 
'Crist' hit is i-called In Gru; 
In latyn also whon hit is Joynt, 
flbrsope hit is cald 'anoynt'. 



Jhesus biheld Symound anone, 
And seide he was be sone of Jone. IM 
Not only Jhesu ful of gras 
Bodiliche him byheold m fas, 
Bote wib-inne-forp bi |>e miht 
Of his Öpdhede pat is so briht 
he saij pe sympelnes and be quert 165 
>at was in pat monnes hert, 
>e heijnes of his soule also, 
>at hit scholde to his blisse go; 
le wüste hiw scholde wonte no Mes 
Of alle pe vertuwes of holynes. i~o 

Symound is here for to say 
'he pat is Boxsum euer and ay' ; 

Jone is vndurstonden, dere, 
'pe grace of god wip-outen pere'. 

per as Jhesu seide allone 17ä 
'pou art Symound sone of Jone,' 
bat is pus muche to seye nou : 
'To Godus grace Boxsum artou;' 
ffor he was ful of grace fuld, 
pe blisse of heuene was to him 
buld. 180 
Andreu is to sey ful wele 
'Monly to be pe troupe to feie.' 
Androuj, wip goode wille he ron 
To seo Jhesu whon he com. 
Aftur, whon crist him calle wolde 1*> 
To ben on of his disciples bolde, 
his Nettes alle he forsok, 
him to suwe, as seip be Bok. 
God us grauste pat ilke grace 
So him to suwe to sen his face. i**> 



Ambulans Jhesus iuxta mare 
Galilee (Math. 4, 18—22). 

Herkenep alle, Olde and jonge; 
I rede \e pmke not her to longe, 
but herkne nou what I schal teile, 
As Matheu vs seip in vre gospelle. 
As Jhesu wente forp bi pe see 5 
bat is I-cald of Galilei, 
Two Breberen sone pen saih he, 
Symouwa, pat Petur cald scholde be, 
And Andreuj he sav also, 
his bropur, pere wip him go; 1° 
Jhesu hem say doinde faste 
heore Nettes In pe see to caste — 
ffor bei pat ilke tyme were 
ffischers, and perbi liuede pere. 
Jhesu £0 to hem he come I 5 
And seide pus to hem sone: 
n Comep, u he seide, „and folewep me : 
ffischers of Men schul je be, tt 



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88 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



And pe Breberen sone anon 
Laft heore Nettes, wib him to gon. 20 
And as bei wente al in-fere, 
Tweyn opur bre[>ren sauj crist dere : 
Sones {>ey weore of ^ebede po, 
James and Jon, brejieren .two ; 
be two brej>eren weore ber f ul $are 25 
In a schip vnp heore nadur Jmre — 
heore fadur hijt, as I haue tald, 
>}ebede his nome I-cald; 
ber {>ei leyden heore Net(t)es {>enne, 
To take ff iflches to helpe menne. 30 
And Jhortu calde to hem ful sone 
And bad {>at pei schulde vrip him 
come. 

And pe breberen \>enne weore ful bro 
And lafte neore nettes, heore fader 
also, 

And folewede crist wip al heore miht, 
him to serue bobe day and niht. 
{)is Is J>e strengpe of vre gospel, 
As men in Englisch tonge may tel. — 

Pe wyse Clerkes bat sum tyme were, 
bus expounede pis gospel here. 40 
per Jhesxx to him bis men calde riht, 
And j>ei come \vip al heore miht, 
To bis callyng J>ei come po 
And heore Nettes forsoke also, 
ffor|>i wi{> him he dude hem take, ^ 
ffischere of Men he dude hem make. 
Bote heore Nettes pnt J>ei forsoke 
To wite what j>at is, good weore to 
loke. 

J)is Nettes beb j>us muche to teile 
As hous and lona and obur Catelle,50 
wyf and Child — at pis doing 
ber bei forsoken al worliche ping; 
pei forsoken also riht J>ere 
AI fulbe of synne hat euer were, 
And alle foule vices also, 55 
Only mp god, heore iord, to go — 
ffbr wite we wel: hose ne do|>, 
Crist may he not folwe, for-sob. 

ffor hose to crist wol him take, 
breo of his enemys he mot forsake: 60 
be world, his fffesch, |>e fend j>at is; 
Or beose wol make him bare of blis. 
So dude peos foure Men, aop to say, 
Of whom vr gospel speke{) to-day. 

Lord, what schal benne of vs bi- 
falie, «5 
{>at al day dost on vs calle 
And we come not at p\ callyng? 
vnkynde, forso[>e, he may vs {>ink, 
whon beose apostles goode and hende 
fforsoken alle ping wiphiw to wende .70 



And for Petur fürst pe world foreook, 
Petur is he cald in holy Book. 
Petur is as muche to say 
As 'ston of Sadnes euer and ay'; 
ffor-bi I-cald was petur so, 75 
ffor he was sad and trewe euer-mo ; 
To cristes biddyng he was boun 
An eode wi{) him from toun to tuun. 
ffor he was sad and eke good mon, 
holy chirche was founded him on, w> 
bat tyme {iat he" was mad in place 
Pope ef Korne bi godus grace. 

But for[>er is vs good to teile 
bat toucheb to piß llke gospelle. 
per as we scholde alle ping forsake ^ 
And onlv to vr lord vs take, 
Monv 0/ vs, forsoke, per ben 
bat pe rihte wey cunne not sen ; 
pei onsweren and seyn 'we haue 
no f)ing 

To foreaken and suwen vr kyng, oo 
Of worldly possessionis haue we 
noutf, 

wyf ne child to vs I-brouht; 
berfore what scholde we forsake 
bat nout to vs $it naue we take?' 
fforso{>e, peoee gabben eu^richon : 
we haue take pat we schulde forgon ; 
whon vr lord schal vs deeme or saue, 
Non excusaciun mou we haue, 
vr seif we moste forsake here, 
And dispisebe world fer and neere. 100 

Vre seif Is [ms muche to say 
As vre fflelfches wille euere and ay, 
pe whuche flesch drawe[> vs euer to 
synne 

And al-wey wilnej) to beo J)er-Inne. 
ffor of vr seif haue we no good, 105 
But hit come of vre lordes mood. 

we schul dispise pe world also, 
bat is {ms muche to seye ow to: 
Seo we not pe world couevtyng 
bat wol pe to {>in ende bring? n° 
ffbr euere he is vre O ffo, 
fforj) Yfip vr flesch forte go; 
ffor alle synnes and vices put bef> 
Redi he is to acorde hem wi{). 

3if bow pe world hoily forsake, H5 
AI dealy synne and to crist take; 
3if bow wolt do In |>is wyse, 
{>us pe world |x>w may dispyse. 

What schal we vnderstoffde of peos 
foure men 
pat lafte pe world and suwede crtst 
J>en — lao 
Petur and Andreu, Jame and Jon — 
|>eose dude so euerich on. 



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Proprium Sanctorom des Ms. Venion. 



89 



ßi hem is vndurstonden, I-wis, 
ffonr foun dementes of holi chirche 

fat is. 
;ow teile, 125 
J>at in Crist wolde dwelle, 
Al-hoiy chirche he dof> schewe, 
wi{> Ins good lyuynge al on rewe, 
And in crist he edetyed so 
AI bat he on eor}>e dude bo; 130 
bertore he was fürst founaeme/ft 
pat to holy churche was sent. 
Andreu was 'Monliche' and feir 
wij)-lnne 

AI goodnesse to holde and mo bi- 
rinne, 

Strong he was in alle pinge ltö 
Godus Comauwdemews for{> to bringe. 

James also, he was ben 
'Supplaunter of vices fro men'; 
ffor he halp monye ferre and hende 
A^evn temptaciouw of {>e fende, 1*0 
And sehewed hem hou f>at J>ay 
heore lord God schulde seruc and 

Jon is vndurstonde to be 
'be jjrace of God of hei*, degre', 
pat is as muche forte mene 
As Chast, sobre he was and clene; 
Clenehe was wib-oute and wi£-Inne, 
Defouled was he not wi{) synne. 
wi|> {>is foure fouwlemews of vr kyug 
Crist was [>e chirche atte beginnyng. 
And hose scholde edefye wei 
A place J)er scholde beo Joye and 
cel, 

him bihouede |>is to haue, 
him to helpe and to saue, 
And he moste seche feir and sone 1*5 
|>at in Crist his doyng beo done. 
^e |>at ben feir and stronge, 
I rede ;e berof muche God {>onke, 
And loke penne in alle f>ing 
f>at hit beo spendet in his worcning. i"o 
And hose is chast of his bodi, 
Loke he serue cod Inwardli. 
Loke wel also, I rede j>e, 
bat fx>u beo in ful Charite. 
nbr ai [>e vertuwes of bis men 165 
were dispendet in god peri, 
|>erfore pei were {>onkea atte ende, 
whon J>ei to ]>e blisse of heuene 
dude wende. 
Bote £er crist seide 'comej) aftur me, 
ffiflchers of men schul je be', no 
heore Nettes schulde be heore 
preching, 

To makc to crist soulus gederyng; 



As vr lord to petur seide so 
'what-so {)ou bidaest in eor[>e, be do 
In heuene {>er my kindom is, I7 r > 
J>er euer is Joye and muchel blis; 
And what bond in eor{>e {x>u breke, 
In heuene beo hit no leugore steke.' 
f)is seide he to be Apostel Pere, 
And to obur mo pat lyk him were, 180 
And baa hem bynde bi confessiouw, 
To breke j>at bond wij) penauwce 
dou. 

ffor vche mon what werk he doj), 
Sone of {>at werk he is, forsoj). 

hose serue J) Jh<vm, |>at al walt, 
Sone of him he schal be calt; 

And hose seruej) be fend, vr fo, 
his sone he is £e while also. 

{xrfore is good, whil we ben here, 

1>at we vs cheose J>e beter mestere, 1W) 
>at we forsake al vuel doinge 
And serue crist J>at is vr kynge. 

3if {k)u haue wyf wi{) |>e atom, 
To J>e schal heo ben as non, 
As non to f>e In J>iß manere: l'* 5 
Loke heo beo not to {>e so dere 
bat Jx)u more bisy aboute hire beo 
pen to loue Jri lord so freo; 
Bote loue fürst god wi{) al bi miht 
bat wol for j)e such wyuyng diht ; 200 
penk hou he maad ow bobe of nouht, 
And also ow to-gedere broiiht, 
And al |>e loue of ow bo-two 
Loke hit beo hol to Jhcsu do: 
ben schal *e loue or eij>er obur 206 
ffor Godus loue as suster and bro|mr ; 
In alle maner of good clannes 
Loke hou *e mouwe or lyf redres. 

3if {>ou haue also, wite hit wel, 
Mony posse88ions and gret Catel, 210 
hit is to |>e good hem to leue, 
Leste hit muche vr lord greue. 
Leue hem {ms, I rede {>e: 
Loke |x>u neuer }>e pruddore be, 
Ne be more In-Obeaient 21* 
To him bat haj) }>e al J>at sent, 
But mucne more |k)u him plese 
bat ha]) }>e maad so wel atese. 
rlese him J>enne In J)is manere: 
Loke what he ha[) sent [>e here, 220 
And J>enne J)at pou bisi be 
To dele aboute (to) his Meyne, 
To alle j>at bou mar,t sen also 
bat eny neode haue ^erto. 
nbr hit was take J>e not Jxsrfore 225 
To kepe to«J)in owne störe; 
Bote beo we bisy In alle J)ing 
To do |>erwi{) vr lordus biddyng; 



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90 



Proprium Sanctorum des Ms* Vernon. 



Sette we not to gret loue })erto, 
But lihtly loue to parte hit fro. 230 
ffor jmuh a Mon hedde a j>ousund 
pouwde, 

And dalt hit in a luytel stounde, 
we mihte beo siker of good tresor — 
he bat sende bat, wol sende mor. 
Ana j>us I reae we forsake 235 
be Richesse of f>is worldus wrake, 
bat we sette no prys J>erto, 
Bote only Godus wille do. 

we ouhte leue al o|>ur {ring 
To come to crist at bis callyng, 240 
As dude [>eApo8tie8 J>at I of teile, 
Of whom we speke in {>is gospelle : 
bei forsoke al woridlich [ring 
To folwe crist, bat is vr kyng. 

Biseche we to pe Apostles dere 245 
>at J>ei for vs make preyere 
)at we so here do his biddynge 
>at to his Blisse he vs bringe, 
>er as be holye Apostles be, 
AMEN AMEN alle sigge we. AMEN. 



Liber generacionis Jhesxx Chrüt\ 
fili Daiüd (Math. 1, 1—16). 

PE Bok of Jhesu cristes kuynde, 
be sone of Dauid, ha we in muynde. 
he frnt is verrey God and Mon, 
]te sone is cleped Abraham. 
Abraham gat Ysaak |x>. 5 
Ysaak gat Jacob also. 
Jacob gat Judas anon 
And his Bref>eren euerichou. 
Judas gat, as we beo war, 
Phares and S*™ 111 » °* Thamar. io 
Sone beraftur {>at Phares 
Gat Efrom wi{)-outen lees. 
Efrom, he J>enne gat 
Anojmr Chiid f>at Aram hat. 
Aram gat, wi[)-outen gabbe, 1* 
A child |>at hette Amynadabbe. 
Amynadab gat wib Riht 
him |>at in name Najon hiht. 
Naafon sone f>enue gat he 
Salmon, bat was so fre. 20 
Salmon, he gat Jxm 
Bos of Raab, bat wowmon. 
Bos wente fort in troube 
And he gat Ooeth of Küthe. 
Obeth gat Jesse, to teile, 25 
As beref) witnesse Jris gospelle. 
Jesse gat, wiJ)-outen lesyng, 
him |>at was cald Dauid \>e kyng. 



And j>e goode kyng Daui 
Gat SaTomon soone, bat was 
witti, 30 
Of hire f>at |>o called was 
Vries wyf in |>at plas — 
hire nome nis not here prcsent, 
ffor heo to monnes de{) asent. 
Salomon, [>at was so wys, 35 
Gat Roboam of muche prys. 
And he bat so Roboam hette, 
he gat Abias wi|>-outen iette. 
Abias, haue we no drede, 
he gat Ason in his dede. 40 
Ason j)enne gat in game 
bat Josephatn hette bi name. 
Josephatn, j>at I of say, 
Joram he gat, wi|>-outen nay. 
Joram aftur in a stounde *?> 
Ojias »at, as hit is founde. 
Ojias, pat was bold, 
Gat Joatan, as hit is told. 
Joatan nas not to lat, 
Sone [>er-aftur he Achaj gat. 50 
Achag J>enne in tyme schert 
E^echias he gat in quert. 
E^echias gat in pres 
him f)at nette Manasses,. 
Manasses, he cat bon &5 
him |>at was f-called Amon. 
Amon })enne wi{> good wille 
Josyas he gat ful stille. 
Josyas, of whom we speke, 
Jeconias he gat eke, k 6 o 
And his Brepcren bi certeyn stage, 
Of Babilon in |>at passage. 
And aftur f>ulke passynge 
Of Babilon, wi{)-oute lesynge, 
Jeconias gat ful wel 65 
hym |>at nette Salatiel. 
. bis Salatiel heere 
Gat 3orobabel wi£ good chere. 
Borobabel, as hit is seid, 
Gat Abiuth in a breid. 70 
Abiuth, |>at was so grim, 
he gat J)enne Eliachim. 
Eliachim also J>erfor 
In j>at tyme he gat Asor. 
Asor gat him, nis not nay, 75 
Sadok, sö{)li for to say. 
Sadok, ]>at was so good, 
Gat Achim wif) Milde mood. 
Achim (>enne wi{> his bodi 
Gat Eliuth, sikerli. *> 
Eliuth benne, as we rede, 
Elia^ar ne gat in dede. 
Elia^ar, he gat of his kynde 
Mathan, forsof>e, as we fynde. 



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Proprium Sanctorum de» Ms. Vernon. 



91 



Mathan {*uue wi[> his blood *5 
Gat Jacob, {>at was so good. 
Jacob, to vndurstonde, 
Gat Joseph, Marie hosebonde ; 
Of whucne Marie Jhesus ia boren, 
bat crist is caid vs biforen. 90 
pis is |>e strengt of vre gospel, 
As Men in E(n)glisch may ou tel. 

Pis ilke Joseph and Marie dere, 
we fynde of o einreden f>ei were; 

ferfore hit is writen |>us 05 
n holi writ to rede to vs. 
Mathen, j>e goode Ewangeliet 
Of vre lord Jhesu Crist, 
he wrot .longe her-bifore 
bis Bok of kuvnde of cristes iore, iw 
In whuche al Monkyndes hele 
was bigonnen aboute to dele. 
ffor in {ms nome of Jhesu 
Is bitokned muche vertu : 
Jham is to vndurstonde 105 
'Sauer of Mon out of bonde'. 
Crist in to f>is world com, 
bat is sojrfast God and Mon, 
To buggen vs of helle fre — 
So mihte non obur do böte he; U° 

|>e nome of Jncsu her so hih 
I>ns he folfulde as kyng mihti. 

J>e sone he was cald po 
Of Dauid and Abraham also. 
Dauid is as muche to say l J5 
As 'an hondstrong mon ay' ; • 
ffor he asayled, ouercom and slouh, 
Sobliche, as I teile ^ou now, 
bulke stronge false enemye 
pat Godus pepel wolde distri^e. 120 
vre strengest Conquerour 
was only Crist, vr saueour, 
bat wij) |>e deuel foul and grym, 
fful of Atter and of venym, 
ffauit here on eor{>ly lond 125 
And ouercom him wi|> strong hond ; 
As mihti he him ouercom 
And dampned him be Rihtwis dorn. 

Abraham is forte Mene 
'ffadur of raony folk atene'. 1 30 
Aftur J>is victori to se 
I>e fadur of mony folk was he, 
ffor he hem gat newe ajeyn 
pat weore in periflchyng, so}) to seyn. 
pat Abraham gat Isaak, 135 
And Ysaak Jacob gat, 
And Jacob, ]>at we to calle, 
Gat Judas and his bref>eren alle. 



Spiritualv com Jhesus hende 
ffor vre hele In to |)is ende 140 
Bi f>eo8 patriarkes goode 
£at we toforen of vndurstode. 

{>e nome of hem eucrichone 
Is vndurstonden Jhesu one, f 
be vndurstondyng of alle hem 1 45 
Is forto mene \>e hele of Men. 

Abraham, as 1 haue seid, 
To ffader of mony folk is leid, 
Bitokneb |>at crist {>e fader is 
Of alle hem £at lyuen in {)is. ™ 

And also f>is Ysaak 
bat we biforen of spak, 
Is vndurstonde 'a lau^wliyng' 
Or a-no|)ur gret Joyng: 
hit toknej) him, wib-outen drede, I 55 
Of whom |>e Angel spac in dede 
whon he to [>e schepnerde tolde 
'Joye I schewe gou monyfolde, 
And bat schal euere-more beo 
To alle pepul to here and seo.* iö ° 

Jacob is vndurstonden her 
verreily 'a supplauwter' : 
)at was crist, vr aller böte, 
>at caste and putte vndur foote 
>e fend of helle fer beo-hynde l 65 
jat wastor was to al monkynde, 
And his dwellyng-place he brac 
And entred in at pat jat. 

Judas is as mucne to say 
As 'blisfulliche to knowleche ay* : 170 
{)is was crist God an hn, 
As witnesset be Ewangely, 
ber as he seide 'ffadur fre, 
In heuene and eor{>e I knouleche }>e ;' 
Also J>e salm good and dere 175 
j)us seib in be sautere 
'vr lord is blisful euer-more 
In his holynesses' {>erfore 
his holynesses is to calle 
bo |>at ben his menbres alle. 180 
ne vs graunte of his grace 
In his Düsse to haue a place. Amen. 



Thomas vnus ex duodeeim (Joh. 
20, 24—29). 

Thomas didimws him-selue, 

On of |>e Apostles twelue, 

he was not on a tyme wif> hom 

whon {>at Jhesu to hem com. 

Summe of hem gan to hym say: * 

„we han I-segen vr lord verray." 



131 Ms. vittori. 



144 Ms. In. 



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92 



Proprium Sanctorum des Mb. Vernon. 



he onswerde and seide a3eyn, 
ffor his bileeue nas not serteyn: 
„Bote I seo in his hondes schalle 
be forme of j>e nayles alle, 10 
To puyte my ffyngres in J>at plas 
}>er as \te nayles was, 
And in his syde myn hond to do, 
Elles nul I not leeue so. a 

Whon eigte dayes past were, l* 
\>e disciples ageyn were f>ere: 
And Thomas, of bileeue vnstrong, 
was |>at tyme hem among. 
Jhcsu com, as was his wüle, 
In at be sperred jates stille; 20 
Anon ne stod hem amidde, 
Pees to hem bigon to bidde. 

Soone to Thomas seide he: 
^uit in J>y finger nou and se, 
Grone and seo at f>is tyme 25 
honcles and eke feet myne, 
Tac J)in hond in f>is tyde 
And puyt hit here in to my syde: 
Of mis-bi-leeue beo {k>u no more, 
But leeue f>ou treweli in my lore! a w 

Thomas putte his hond strong 
In to his wounde, J)at was so long; 
Thomas onswerde and seide sone: 
„Mi lord, mi God! what haue I 
done! tt 

„Thom«s,* he seide, „for |xm hast 
sen, 35 
bou leeuest bat hit mai so ben: 
Blessed beo pei of me so hei^ 
bat leeuen hit and neuere hit seij." 
pis is }>e strengt of J)is gospel, 
As Men in Englisch tonge may tel. 40 

Thomas, \>ht we speke of here, 
was not wi|> }>e Apostles dere 
whon bei fürst se$e Jhesu 
Aftur his Resurexiun tru; 
J>erfore he was in muche doute ■*•*» 
And wente faste {>eraboute. 
Bote Jhesu, hei^e heuene-kyng, 
ffolfulde his desiryng: 
he schewede him openli in his siht, 
As {ris gospel witnesset riht. 
he put his hond in to his syde 
Ana feled })er Iiis wouwdes wyde; 
J>en was he to bileeue i-brouht 
whuch f>at he hedde aftur souht; 
'Mi lord, Mi God !' he seide an hig — 

!>at was £us muche to discri: 
xod of pite he menede {>o 
And lord of Dampnaciun also. 

'Thomas,' he seide, 'for {x>u hit syfle 
heere wi|) J)i bodily e$e, «o 



berfore |x>u leeuest in bis stounde 
pat f>ou hast now J)e sope i-foimde : 
Blesset mote \m euer beo 
J>at leeuen hit wel and not hit seo.' 

Mony a blesset prophete *ore 
Leeued, |>at say hiw not bifore; 
Bodili sai} J>ei him not here, 
But nou bei don In heuene clere. 
Also on bis eor{>e |>er is 
Mony a Mon bat leeue|> J>is <° 
And"neuer-{>e-ie8 bodili to loke 

6;i seon him not, as seij) }>e boke," 
ut hopen {xv-aftur euer-more, 
And seruen him nou here |>erfore._ 
Blessed J>ei ben bi good record 
Euer-more of vre lord; 
f>at blessyng schul |)ei fynden al 
whon bodi and soule de-part schal : 

ten J>e spirit schal ful euene 
nowe |>e hei^e wey to heuene; 80 
And also in \>e laste day 
whon god him-self {ms schal say: 

'ComeJ) hider alle je 
J>at blessed ben of my fader and me! 
fforsojje, for 3011 hit is diht 85 
[>e kynedom of heuene briht.' 

Leeue in him ]>at was ful boun 
To payen his blood for vre rauw- 
soun; 

Let mis-bileeue from vs go, 
ffor J>at is jäte of endeles wo. 
ffor, and we vndurstonde hem wolde, 
Mon£ ensauwples we haue to holde, 
ffeole goodnes8es dude Jhesus 
To his disciples, for hem and vs. 

Suw*me oi hem I woie rehers — 95 
Alle, were a long vers. 
Neodful hit is to al Monkuvnde 
beos to knowe and haue in Afuynde; 
ffor {>ei wole wiJ)-oute strif 
vs lede to euerlastynge lvf. 100 

ffuret he was boren, sikerly, 
wi{)-outen sywne of Mayden Mari — 
And so was J>er neuer non 
wi|)-outen synne but he alon. 
To twelue jer age whon he rauht, l°* 
In be temple he sat and tauht. 
Ana he from pepel mony and feie 
Gast out deueles and jar hew hele. 
he eode vpon f>e watres won, 
bei bar him vp as god and Mon. 11° 
To }>e blynde in mony place 
Siht he gaf of his grace: 
Of Clei^ and of his spotel also 
be Blynde he made ejjen {>o. 
Mony* he heled in |>at tyme 115 
J>at weren in {>e palesy pyne. 



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Proprium Sanctor 

he made \>e see, when hit was wood, 
To »ton de stille and sese mod. 
Also he made mony a Doumbe 
To here and beo f ul hol and sounde. 120 
Also a wommon f>at was ful seke 
In be bodi flix |>enne eke, 
Bi bis clof)iis ones touchinge 
he jaf hire hele, as mihti kynge. 
Mony wymmen he heled mo 125 
Of al heore seknesse and heore wo. 

\>e watur he tornde into wyn 
And mad hit bo]>e fresch and fyn. 
breo dede men he reised blyue 
nrom \>e dej) to f>e lyue: 13° 
In f>at hous hit was I-wis 
Of Archiünagogis, 
his owne douhtur heo was on; 
\>e wydewe sone in be jäte anon ; 
And La$er of his Monument 1J{5 
was vp rered and com present, 
bat foure dayes hedde l-leyn 
Ded stvnkyng, sof> to seyn. 

flyf pousund men also he fedde 
wi}> fyue loues {>at he hedde, 14° 
And also ffissches {>er weore two, 
f>e Bok telle|> |>er weore no mo; 
ifyue fxnisund weore }>ere of Men, 
wi{>-outen children and wymmen J>en, 
And of J>e Relef leid on hepes 1 45 
Jjer lafte fülle twelue lepes. 

his face he made sonne lyk 
And his cloping snouj-whit. 
Meseies he touched moni on 
And made hem forb hol to gon ; 150 
whon he seide '$or hele i wolle', 
Anon J>ei heled at {)e folle. 
AI bat he tauhte euer-more, 
he dude hit be disciples to-fore. 
he spac wib pe ffadur in heuene, ^ 
{>at pei of him herde be steuene. 

he made Nettes to beo cast 
In to f>e se vnstudefast 
And at his biddyng vp was drawe 
An hondred ff' i Hohes and f>re {>at 
{>rawe. 160 
he made peter to take couf) 
A peny 01 goid of a ffiflches mou{). 
To his disciples he dude a-peere 
In mony a dyuers maneere; 
he ordeynte hem mete newe 165 
whon J>ei him not }>er knewe; 
wi|> O iof f>at he hadde 
In schip he fedde hem alle gladde. 

|>e Olde lawe chaunged he 
In to |>e newe forto be. 170 
he ros maugrey {>e Jewes strif 
Bodiliche from de{> to lyf. 



1 des Ms. Vernon. 93 

Mony holy he made to rise 
Aftur his passion in f>is wyse; 
To mony folk wiJ>-outen were 17ö 
{)at same tyme J>ei dude apeere. 

]>e sonne he made waxen derk, 
be eorbe to quake at bat werk, 
pe veil of J>e temple also 
ne made hit euene cleuen atwo. i*° 

j>e spoyled helle and out he tok 
hem J>at he louede, as seib {>e Bok ; 
be feud he bond, of synne pe Roote, 
nor euere to ben vnaur foote. 

Grace he made sone to falle iw» 
Among his disciples alle 
whon ne seide 'alle pouwer 
Of heuene and eorf>e is $iue me her', 
he bad hem go in bis wyse 
On eorj^e heere to Baptige iw 
In nome of ffadur and of sone 
And of {>e holigost in wone; 
he hem made alle a-Rowe 
In Brekyng Bred him to knowe. 

he eutred In at J>e sperred $ate w» 
whon he j>ere of pes spake. 
he steih to heuene wi{) his miht 
In alle hise disciples siht. 

he sende wit and wisdom 
In to j>e world, god and mon. — 200 
Alle peose, and mony mo, 
Goode dedes dude he Jk>; 
And 51t he is, ful sikerli, 
To don V8 goodnesse euer redi. 
Leeue and knowe him we scholde 205 
bat al bis goodnes schewe us wolde ; 
pen wol he vs make to wende 
In to Joye wi|)-outen eude. Amen. 



Dicebat Jhesus turbis (Math. 2;*», 
34—39). 

Herkneb alle J>e Mylde speche 
bat Matheu here wol vs teche. 
Jhesm spac, as he do{) teile, 
To ffelawschipes of Jewes feile, 
And to J>e princes of orestes {>o * 
l>at weore in f>at worid also: 
„Seo, tt he sei{>, „I to aou sende 
propheetes, wyse, and lettred hende, 
And £e of hem faste schul sio, 
Crucifye hem and don hem wo, 10 
*}e schul of hem scourge bi-dene 
In $oure synagogus wip teone, 
ffaste also ^e schul hem suwe 
ffrom Cite in to Cite newe 

19C Ms. spes. 



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94 



Proprium Sanctoruni des Ms. Vernon. 



>en schal hit on jow falle 15 
>e rihtful blod of hem alle 
:>at schal wrongfoly beo sched 
And 011 {>e eorpe wyde spred, 
ffrom Abels blood Kihtwys 
To ^akarias, luytel of prys, 20 
bat ilke same Hakane 
pat was sone of Barachie, 
whom je slowe wij) vnfeer 
Bitwene |>e temple and J>e Auter. 
And forso{)e to jou I say, 25 
AI J)is schal falle sum day 
vppon jris ilke same kuynde, 

Sat I haue mad nou of muynde. 
erusalem, Jerusalem, 
{>ou slest and stonest prophetes wib 
grem & 
whuche J>at ben to f>e sende 
ffor {)i profyt, be to amende: 
hou ofte wold I geder to-geder 
|>e sones of {>e {>at are so slyder; 
As ofte-tymes as {>e hen 35 
Gedereb nire Chikenes |>en 
To-gedere holliche vndi/r hire 
whynges, 

woide I gedere j>e wi|>-outen lesynges, 
And bou hit nult not of me take, 
But al-to-geder hit forsake! 40 
Seb|>e {>at joure dweiiynge 
Schal in desert beo ieuynge. 
And berfore I seye to jow, 
jje schul me seo no more from nou, 
TU {>at tyme come and |>at day 
»at je schule vchone say 
tilessed beo he {>at comef» 
In Godus nome and wif> vs wone{>. ,a 
{)is is f>e strengt of vre gospel, 
As Men in Englisch tonge may tel. 50 

Bre{>eren, take we gode hede 
To Poules word bat we rede, 
how he wrot for ]>e bettre 
To Men of Corinthi bi lettre: 
he seide, Diuerse jiftus were & 
8iuen to Godus Apostles here: 
To beo prophetus to summe was $iuen, 
here in eor\>e so to lyuen 
binges forte teile boiae 
pat weore to come mony-folde. 60 
To summe was jiuen wisdam boun, 
ffor to knowe bi good resoun 
In what tyme J>ei schulde teche 
Godus wordus to profre and preche. 
Summe was *iuen scribes to be, 65 
Cunnyng of lawe, as I sei J>e. 
Among pis noumbre acounted was 
Steuene, |>at stoned was in plas, 



And poul also, bat was slawen, 
And petur, on pe Oos drawen, 70 
And mony disciplus of crist also 
weore bitterli I-scourged }>o, 
As f>e apostles in heore dedes 
wol witnesse, hose redes. 
ber as crist do|> vs teile 75 
nor{)ur-more in |>is gospelle 
bat J>ei schulde summe porsuwe 
ffrom Cite in to Cite newe: 
be Jewes hem flemed, to vnderstonde, 
ffrom toun to toun, from lond to 
londe, so 
ffrom heore kinraden weore J>ei [>rowe, 
|>e Jewes wolde hem nojring knowe. 

{>ei wente |>e pepul forto preche 
bat nolde not heore god knoweleche. 
perfore crist mad hit cou{> 85 
And seide wi[> his owne mouf) 
bat ai f>e rihtful blod bi-sted 
bat schulde on {>e eor|>e be sched 
ffrom Abeles blod, muche of prys, 
To 3 a ^aries vnrihtwys, 90 
j>at was Barachies sone, 
As holy writ hit tellef) in wone, 
Schulde aske veniaunce of hem 
ffor heore misdedes {>en, 
But ]m amended and were meke 96 
And woide Merci ofte biseche. 

Of Abel hit nis no drede 
To speke of his dej) in dede, 
whom Caym, his bro|mr, slouh, 
As Genesis vs telle{> nou. 100 
Of S^arie is questiun gret, 
As we fynden write jet, 
{)at was sone of Barachie, 
As men hit rede openlye. 
he is a-Counted on him-selue 100 
Of J>e prophetus bat were tweiue, 
ffor on forsoJ>e told was he, 
And J>e elleue{>e forte be. 

But sum men vnderstonde wolde 
In obur maner beo hit scholde: HO 
bat flke 3akarie ffadur was 
Of Jon Baptist, ful of gras. 
But {)is resun bi good ukenes 
In beter maner we may red res, 
whil o|>ur j)ing Resonable 115 
preuef) J>e sope wi|>-outen fable. 

Obur men pei seyn also, 
bis Qakarie t>&t was f>o 
ölayn and mad ful vnfeere 
Bitwene J>e temple and {>e Autere, 120 
* at he schulde beo J>e rihtful mon 
k f whom vr speche is maked on. 

101 Ms. {)!& 



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Proprium Sanctor 

ßut afturward holy writ 
To vs apertly telleb hit 
hou we schuile in pis stour 125 
kepe vs from J>is errour. 
Bote of bis ilke gakarie 

Eat was pe sone of Barachie : 
e was a prest of lawe badde, 
his o[)ur nome was Joadde. 130 

Neuer-|>e-latur in {>at gospelle 
f>a(t) Najarenes vsun to teile 
ffor bis Barachie bis sone 
bis fadur nome we fynde in wone. 
berfore schortli f>us sei we I 35 
ffrom Abeles blöd {>at was so fre, 
ffor he was rihtwys and trewe 
Godus lawe for to suwe, 
>e furste was his rihtfiü blod 
Mit was sched for god so good, I 40 
>erfore fis blod of Kenoun 
.'.s clept of vre generacioun 
To ßakarie, sone in dede 
Of Barachie, as we rede. 

her-of mnche muse we may 1 45 
And J>enke bi vr-self to say: 
hou beos kunrades tweyn 
Schulde de-parted be, to seyn 
Of whuche noly writ here 
Ofte is muche in were, 150 
whuche of J>eos two tofore 
Schulde ha be slayn jore. 
Of holy writ J>e Manere 
bus de-partef) hit hem here, 
pe kynaes |>at beo goode J>en 155 
ffrom Jk> |>at be|> wikked men; 
J>erfore is j)e de-partynge 
80 bi him-self vch a Jnnge. 
|>erfore he seide, from Abels 
kynde 

To 3akaries, was beo-hynde,i <;0 
{>at blod schal on {>e Jewes crie 
veniaunce bifore god openlye, 
ffor {»y |>e gode blod spilt 
In muche distaunce wip-oute gult. 

Abels kuynde was rihtful bioa, 166 
And 3&karies no-{>ing good. 
Bote of j)e goode at pis tyme 
Take we ensaumple ryne, 

St we may wif> pe prophete say 
t in his salmw sei]) al-day i"° 
,ho schal sti^e in to bat hille 
Of vr holy lord wif) wule, 
Or ho in }>at hui holy 
Euermore schal reste . forf)i 
Siben mony men difleruet han 175 
Inder for to wende J>an 
bat blesset hui for te come to 
In diuere ages so 



n des Ms. Vernon. 95 

J)is ilke kinraden hende 
Alle schul {>ei |)ider wende 180 
bat sechen to sen vr lordes face, 
God of Jacob, ful of grace. 

And in a-no{>ur place we fynde 
Of seyntes J>at ben not bihynde, 
be kinraden of holy men 185 
Euer schal beo blesset {>en. 
Of wikked Men in bis stede 
holy writ telleb to drede 
bat schrewed Men likned are 
To Neddres kynde, of godnes bare, 100 
bat euere are redi day and niht 
To do wikkednes by heore miht, 
heore Euencristen forte nuy^e 
And al-wey liuen in bat Envye. 

^^e men, beo |>ei siker, 195 
te bei amenden of {>is biker, 
wi{> Sathanas J>ei schul dwelle 
Euer-more lastynge in helle. 

Bote prophete hose wol lok, 
Teile]) In Ezechiels bok: 200 
bo {>at are trewe I-fouwlen, 
pei schul be sparet and not bouwden, 
As Noe, Job, I ow biheete, 
And Daniel, f>e goode prophete. 

{>eo8 |>re are to vndurstonde 205 
To breo-maner folk liuonde : 

Noe is likned forte be 
To widewes kept In Chastite; 

Job to wyues trewe also 
|>at not out of heore ordre go; 210 

And Daniel to Maydenes clene 
}>at trewe and louely are to mene. 
And $if {ris ilke peple sounde 
Mai here in eorJ>e be founde, 
Vre lord god wol us spare 215 
And kepe us out of wo and care. 

And riht on be same prise 
As Caym and Joaad vnwyse 
Striuen euere wi]> heore Mayn 
be holi Apostles a^ayn, 220 
perfore J>ei beo {>us l-told 
Of on kinraden, beo je boid, 
To diflese |>ei ben put, 
Euer {>erto to beo Knut. 

Riht so Godus seyntes schal 225 
Beo sauet from alle wo and |>ral, 
lykyng of loue schul f>ei take, 
Euer to lyue wiJ)-outen sake. 
{>erfore he seide, from Abels 
blood 

To ftakaries, no-{)ing good; 230 
Abels kuynde is riht-wys, 
{>e toj)ur euer ful of vys. 

But for|>ur-more is good to here 
what vr gospel wol us lere, 



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96 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



As beos holy Clerkes tel 235 
And wol vs teche in f>is gospel. 
bat crist to Jerusalem spake, 
In double wyse we hit take. 
Twy$e he seide Jerusalem, 
bat prophetes slest and stonest bem 
pat are for goode to |>e iwent 
And beo myn owue biddvng sent\ 

-Jerusalem cald he nount 
be harde stones J>at f>er weore wrou^t, 
Nor of be toun be Buildyng 245 
{>at mad was of Real |>ing; 

Bote to J>e dweilers in J>at toun, 
On hem to crie crist was boun. 

In obur place, as we fynde 
And ofte haue hit in vre mynde, 250 
Crist sei}) Jerusalem eft-sone, 
And wepte for synne [>at hit hedde 
done. 

he seide [ms wij) wilie fre: 
'tful deore of 50 w wolde I be, 
To gedre 50U to-gedere dere 255 
As Ren hire chikenes do{i I-fere, 
I wolde ow gedere to my kepynge 
As hen hire chikenes vndur whinge^ ; 
Bote he seide, as he |x>uht, 
l>eroi in no wey wolde bei nouht. 260 

Bi [)is word openly he schawes 
bat mony prophetes in bo dawes 
pat he in pis worid send, 
Mony of hem hyndward went. 

But J>en is heer a questioutt 265 
Meued, |>at is of gret renoun. 
ber he seij) *hou ofte-tyme 
Mi wille weore to deuyne 
bat I wolde J>e so slyder 
ha noriflched and gederet to-gider' : 2 "° 
{>e prophete in a place sei{) {>us, 
Is in pe Bok of salmus: 
>at alle bing {)at god wolde 
le dude nit at his wille bolde. 
ris is to sei wif>-outen dere: 275 
>eij godus wille such were 
?at vche mon schulde biginne 
wel to do and leue synne, 
3it ofte-tyme mon forsake]), 
As wrecche vnkuvnde on he take{). 280 
To him hab god I-jiuen freo wille 
To chesun pe goode f rom be ille. 
Alle ojjur f)ing to mon is Jant, 
ffreo wilie of ^ift to him stant; 
berfore he may |>erwi[) chese 285 
him-self to saue or to ieose. 

But god seide in bat place 
To wrecches bat wolae take no grace 
Ne folewe Merci in {>at say, 
But euere liuen In synne to stray ; 290 



he seide |>at heore housus schal 
Beo laft voyde and wasted al, 
'No socur schal hit to ow ^iue 
At jor neode {>erwi{) to liue.' 
])eos wordus moste we more clerly 2&*» 
vndurstonde and teile why, 
And seije to hi$e and to lowe 
J)at vr saueour do{) vs schowe. 
whon bat we weore f ul #onge 
Out of vr Modur wombe Ispronge 300 
And clansed of £e synne badde 
bat we of J>e Original hadde 
Bi Adam, vre forme ffader, 
Made clene we weore in watur; 

benne weore we godus hous, 305 
Soply, and his owne spous. 
But whon we falle to synful pyne 
Aftur f>at in eny tyme, 
vr oune desyr to don in hi^e 
And not to godus wille ply^e. 310 
^erfore {>e hei^e heuene-kyng 
Called hem nout his housyng; 

Crist seide not his hous, 
Bote heoren, for J>ei weore tricherous, 
heor owne bi jris enchesoun, 315 
fFor hit schulde to dampnacioun; 
And jif hit i-kept J>enne wel were, 
his hous schulde hit beo ful dere. 

J>erfore seide Jeremy 
In Cristes persone Almihty 320 
bat God forsok heore soules Jx> 
fror his hous for synne and wo. 
he departed his heritage 
On diuerse wyse in iuytel stage. 
he jaf his louers heuene at ene, 325 
{>at kept his hous veir and clene 
And wip-drawef) hem from J>at fuire 
Of hem £at in synne duire. 

God sei{), be opur parti was 
As an vuel best in plas 330 

f at lana is cald of man. 
n sum-maner tonge {>an 
lana is a best feile, 
As f>eos Clerkes don vs teile, 
bat diggej) vp dede men 335 
ber {>ei ligge in graue £en; 
Non vn dann es nui he spare 
Of |>at ilke bodi bare, 
But drawej) and etej> bat he may 
fynde, 

he leuej) neiber Roote ne rynde. 340 

Such was pis pepel als 
Of |>is Jewes f>at weore fals, 
bat vre lord, as seib {>e bok, 
fror his hous hem forsok. 
bei weore put for heore pride 315 
To seche dweilynge in londes wyde ; 



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Proprium Sanetorum de» Ms. Veruon. 



97 



6;i haue no propur lond wib boundes, 
ut Crepen aboute as corsud houndes. 
bus Goaus wordus weore not fyled, 
But {>ei hem-self foule bigyled. äffi 

rr vre lord seide to hem 
his owne niouf) |x?n: 
^e schul not seo me tü f>at day 
bat $e schule to me come and say 
Blessed be Jxm, al in game, 355 
|>at comest vs to in godus name': 

whi vr lord seide so 
\mt bei schulde him blesse so? 
ffor he wolde ensaumple iiue 
To teilen vs hou we schulde lyue. 360 
we may neuer sen his face 
TU we {>is wordus seye of grace, 
bat is, to knowen him in vr lyue, 
fo do penaunce and vs to schriue, 
And euere in wille so to beo boun ^ 
To make satisfaccioun. 
bus mote we do ful riht, 
3if we wol seo his face in siht, 
per as he him-seluen is 
In heuene, in his glorious blis. 370 
berfore {>e Jewes 'of penaunce 
haue tyme and of repentauwce: 
To crist wer beter bei hem dresset, 
bat euer is so good and blesset, 
pat in |>e holy ffader name 375 
Com to eor{>e for vre blame. 
And J>uß his face wi})-outen let, 
f>at euere in Joyfulnes is set, 
we schul euer-more seo 
And in his blisse wib him beo. ^ 
To |>at blisse he us bringe 
t>at is kyng of alle kynge. Amen. 



Dixit Jhesus Petro, sequere me 
(Job. 21, 19—21). 

Herkne}) alle for $or prou, 
what goode Jon vs teile [> nou. 
Jhesu seide to petur {x>: 
„ffblewe me, whodur I go!* 
Petur tornde aaeyn bat day r> 
And sone f>at disciple say 
whuche |>at Jhesu louede wel; 

Je serteyn sof>e for to tel, 
ou hit was wi])-outen pride: 
he folewed Jhesu in }>at tyde, 10 
he leoned aftur at |>e sopere 
To Jhesu breste, as ^e scnul here, 
And as he leoned to |>at brest 
he seide to him, as he [>er rest, 

Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 



-Lord, I wolde I-wite who is 
Schal f>e bitraye and do J>at |k>? u 
whon petur saih bat disciple 
Speke to Jhesu of bis title, 
-Lord, tt he seide, „what schal he J)is, 
To folewe be }>at of good wille is?" 20 
Jhesu seide, godus sone: 
„I wole he dwelle {nis, til i come. 
what, u he seide, „is bat to |>e? 
Do nou so J>at f>ow folewe me! tt 
ms ilke word sone sprong 25 
>e brebereö {>ere alle among: 
>at Jnuke disciple so good 
Schulde neuere die, {>ei vnderstod. 
Jhesus seide not £at {>yng, 
But he to dwelle to his comyng, 30 
To Petur he seide wij) wille fre. 
" is same disciple is he 
at schal heraftur bere witnes 
f alle }>eos Ringes more and les; 
And J)is ilke same hing 35 
Schal beo witnesseü bi {)is writyng. 
we witen hit wel wib-outen drede 
bis witnessyng is sop in dede. 
Jms is |>e strengt of |mb gospel, 
As men in Englisch tonge may tel. — 

Kul openly weore |>ei seyde, 
be wordus ]xü crist to reter leide, 
her he bad bat Apostel sleih 
pat he schulde folewe him trewely; 
pat was bus muche forte say, 46 
pat he schulde dye sum day 
vppon a Cros as Jhesus dere, 
But not in {>e same maneere; 
berfore he bad hym take hede 
him to folewe, to dye nede. ^ 
Crist ros from J>e mete anon 
In to a-nobur place to gon ; 
To folewe him petur nolde not lete, 
he suwed |>e steppes of his feete; 
{ms was he asent to folfille 55 
AI }>at crist hedde I-seid him tille, 
whon he seide to {>im {>o 
'Suwe me and wij> me go.' 

Also ano{>ur him suwed jare 
bat crist louede eueri-whare. W) 
Not only {ms disciple heere 
was loued of god pus syngulere, 
Not only was he loued {>ere, 
But mony ojnire }>at {>er were; 
Ac for he was Mayden wi{)-Inne 
And kneuh not be fulj)e of syune, 
be more special loue-drinke 
Crist let vppon him synke. 
But Crist mm-self preue wolle 
Bi mony slriles atte fülle 70 
7 



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98 



Proprium Sanctoruni des Ms. Vernon. 



{>at he louede hem wel alle, 
Ar he to be deb wolde falle; 
he hem tolde of hiß dringe, 
And also of hiß vprisynge, 
he seide: „as my nadur in wone 75 
ha{> me loued J>at am hiß sone, 
So haue I loued ow in querte 
wi{) al {>e wille of myn herte. 
berfore wij> al myn herte I pray, 
Dwelle je in my loue euere and ay ; 80 
Loke }>at je not out weende 
Neuer to jor lyues ende!* 

Bote Jon was loued of god |>ore 
Alle o|>ur men tofore; 
he was hiß Mayden, chosen hende 85 
So to dwellen wiJ>-outen ende. 

Sum storius J>at we reden on, 
Seijen Jon was a weddet mon; 
Crist, j)at is lord in trone, 
Cald him frotw his weddyng soone, 90 
And {>at only was, for he wolde 
ffrom flesches lust him take and 
holde ; 

he fulde hym wif) swetnes aboue 
fful liehe of his oune loue. 
And afturward, whon crist schulde 
dye 95 
vppon J>e Cros, £at was so hije, 
To {)is gode disciple dere 
he bitok his modur to fere, 
ffor Marie Mayden j>at he chees, 
J>at was of alle synne wem-lees, iw 
vndur |>e kepyng of Jon 
Schulde beo fro hire fon. 
>is kepyng was of good entavle, 
for Jon hire schulde neuer fayle. 
O Maiden, wi{)-outen lesyng, ira 
hedde heer anobur in kepyng; 
ffor ei{>er schulde beo wip opur 
In clannes as suster and brojmr, 
Euer to-gedere forte wone 
Aftur be dijinge of hire sone, u° 
And artur ms vp-rist also 
And his steijing to heuene {>o — 
whuch steijinge was ful euene 
vp in to J>e hexte heuene. 
wnos chast lyf schulde witnes 
bere 

Chastite of vr ladi f>ere, 
at neuer synne he ne wrouhte, 
~e so muche as to hiß |x>uhte. 
{>er as he seij) {>at Jon Reste 
vn-to Jhesu Cnstes breste: 12° 
jat is bi-tokned holy writ. 
>e gode Apostel witnesse{> hit 
>at Jon hedde al o|>ur tofore 
diente of priuetes more 



Of {>e Godhede of Jh«m 12* 
ben ony o{>ur disciple kneuh. 
perfore he seij> f>en leoned he 
To J>at breste of gret pouste: 
ffor in \)Sit breste fulliche is knit 
AI {>e tresours of gostly wit, 130 
ffor [>er-Inne beoJ> wisaames kud 
And at his owne wille I-hud. 

|>erfore f>at disciple |>on 
To {>at breste reste con; 
bat breste jiue{) folliche in place 13* 
Gretteßt jiftus and most of grace. 

3it neodeb vs to haue lore 
Of vr gospel forbur-more. 
whon petur bis disciple sav, 
he seiae to Jhesu at f>at aay, iw 
„Lord, u he seide, „what is he J)iß, 
To folewe be of ßueh wille iß, a 
As hos seip, I wolde witen al 
what \>er schal of him bifal. 

Jhesu onswerde feir and wel: l** 
„J>is mon I wole bat he dwel, 
heere to dwelle schal he not schone 
Til I my-ßelf aftur him come, tt 
Aß hoß seif), f>is worldus fray 
Schal him neuere of lyf ßtray. iso 

„Petur, what iß |>iß to J>e? 
Beo |k)u aboute and folewe me," 
bat waß to Bei, tac non hede, 
feut beo aboute byn owne nede, 
ffollich forte make j>e ende **** 
Of {>at jx>u most to wende. 

{>eoße word us he seide bi seint Jon : 
he schulde not dye bi Marti rdom, 
Bute wi{)-outen violence 
In eorJ>e enden in his presence. wo 

|>erfore, breberen heije and lowe, 
hit nis not wel for to trowe 
f)at Jon 8 uff rede in his flesch 
As o{)ur dude, hard and nesch 

|>erfore god, vr goode lord, 
Seide to him {>is record 
-I wole f>at he heere abyde 
TU my-self come in tyde." 
whon*o[>ur Apostles in distawice 
Dijed her In gret penaunce, 170 
he abod |>e good comynge 
Of Jhesu crist, heuene-kynge, 
Not only for his suffrvng sore 
bat Jon suffrede |>erbifore, 
Bote for vr lord sobly wolde 175 
£at in his pes dije ne scholde. 

ffor in eor|>e nis uo mon 
J>at wüste where his bodi beo- 
com, 

But {>at crist of heuene hit fette 
And |>er as he wolde hit sette. 1*» 



l<> r > 



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Proprium Sanctorum des Ms. Veraoo. 



99 



»us weore folfuld at a breid 

wordus [>at crist of him seid. 
ie vs graunte of his grace 
To come to heuene ana sen his face. 

Amen. 



Angelus domini apparuit Joseph 
(Math. 2, 115—15). 

Alle I rede {>at we here 
,t gpode Matheu wol vs lere, 
e seif) f>at Godus Aungel 
Apeered, as |>is tyme fei, 
To Joseph in his slepynge, 5 
|>eos wordus to him seyinge: 
,Rys and take f>is blessede childe 
And his Moodur, Meke and mylde, 
ffleo in to Egipt Cuntre, 
And beo J>er til I warne |>e. 1° 
ffor to come Is £is ]>inge 
bat heroud, bat is heore kynge, 
öchal seche pis child wi{> his mayn 
And bisy him J>at he weore slayn." 

Joseph ros vp, whon he wok, i ß 
{>at child and his Mooder tok, 
And in to Egipt hem dihte, 
he fleih a-wey al bi nihte. 
her bei dwelled bi godus red 
Til tat false herouae was ded: 
ffor pat hit moste nede 
Beo folfuld in eueri dede 
t of eod was spoken hi$e 
i propnetes in heore prophecie, 
Jier as hit was seid in sawe 
And out of prophecyes drawe: 
.Out of Egipte naue I cald 
Mi sone of miht |>at al walt." 
Whon heroud wüste he was bi- 



20 



2T> 



gyled, 

And J>at |>e kynges had him wyled, 
bat hette to bringe him warnynge 
Of bat childes berynge; 

whon he wust J>ei come nouht, 
In muche wra{>£e was he brouht: 
he sende to sie in J>at wood drem 3ß 
Alle ]>e children In Bethleem 
And aboute in mony cuntre, 

&t of two jer old mihte be, 
i spared not for no synne, 
Of two jer and wi|>-Inne 
After he hedde I-spoke in wast 
wi|) bo kynges ana bei were past. 
bus tut was folfuld pon 
pat seide J>e prophet Jerom, 
Seyinge: „an nein was herd a vois, 4f> 
wepyng and serwyng wi{> gret nois : 



40 



Rachel bi-wep his sones bolde, 
Cumfort take he not wolde, 
ffor bat {>ei not ben* — 
bus Is hit writen to sen. *° 
pis is Jxb streng|>e of vre gospel, 
As mon in Englisch tonge may tel. — 

Clerkes, |>at were of gret prise, 
Expounden J>is gospel on pis wyse. 
bei speken of {>e de|> pressious ™ 
Of J>eo8 Martires of godus hous, 
bei were Innocens wip-Inne, 
fful gultiles of alle synne. 

Deore bre[>eren, J>is lessoun 
Is, forso{>e, of gret renoun, w 
And is rehercea at bis tyme 
To vs alle here in Ryme; 
Bi whuche we may vndurstonde 
bat J>is precious de{> in londe 
Of godus Martires, ful of miht, 
{>at derworf) is in godus sijt. 

Bot bi J>eos ^onge children here 
J>at slayn at J>is tyme were, 
vndurstonde wel we may 
Meknesse, {>at grace bringe J> ay; 70 
\>ei weore meke, wiJ>-outen lo|>, 
wi{> heore fo-Men weore {>ei not wrop 
{>e de{) for godus loue to take. 
vche mon schulde him meke make, 
benne he schulde to Joye aboue 75 
Come and refleyue Godus loue. 

But for{>er-more, as Matheu 
In his gospel wol vs scheuj, 
But $if we children be, he sei£. 
And torne vs from synne to feip, 80 
we may not elles, sop to teile, 
In Joye wi|> Jhesu crist dwelle. 
ffor as f>eoB children alle atene 
wust not what was synne to mene, 
So moste we fare bi North and South 
Til synne weore to vs so vnkouth. 

But \>ere as f>is gospel good 
Telleb vs so|>ly hou hit stod, 

{»at J>ese flonge children weore slawe 
n Bethleem Cite bi {>at dawe, w 
And in mony Cuntres mo 
AI aboute |>ei soujte hem J)o: 
[>at hit was in mony cuntre 
As wel as in Bethleem Cite, 
J>is 8cheweJ> |>at not in Juweri 
Al-holly churche schulde not ouli 
Take byginnynge ber bi grace, 
Bote also wel in opur place, 



47 Ms. BacheL 57 |>ei st. J)»t. 66 tilge 
fmt? 72 Ms. wor[>. 75 Ms. {)« st. to. 

7 » 



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100 



Proprium Sauctorum des Ms. Vernon. 



In o{)ur Cuntres aboute wyde, 

r godus wordus wolde aoyde. 100 
br rüit as J>eos childre weore 
slayn, 

Cursed wrecches weore aftur fayn 
Bi persecussions to do diflefe 
To Godus peple and hem displese, 
And aftur neor paciens I -holde W r » 
God hein aftur croune wolde. 

J>er Heroude bad ful of qued 
bat alle J)o cbildren schulde oeo ded 
pat weore in elde of jeres two 
And J>ei J>at wi[)-inne dude go: U° 
J>is bitokne}) bi good wit, 
As witnessej) holy writ, 
bat |>ei }>at wolen ben prcrfyt 
To loue god wij) gret dilyt,* 
And desiren jjewue ful euene H5 
To haue j>e gode kyngdom of heuene, 
bei mosten ben of two jer old 
In f>is nianer, beo je bold: 

{>eos two jer moste wi{) hem wende 
Techynge and worchynge ful hende ; 
Bi {>eose two jer sone schal he 
Parfyt to God of heuene be. 

{x> bat weore two jer wij)-Inne, 
{>eo8 Innocens wib-outen synne, 
Of whom in bis uke speche 125 
Muche good pei wole vs teche? 

we vndurstonde {)is lewed men, 
vn-knowyng of lettre |>en; 
Ofte weseon, of olde and newe, 
Studefast of fei{) bei ben and trewe. 1 30 
bei ben caid wip-Inne two jere 
ffor J)is skil |>at je schul here: 
Of teehing and worchyng sikerli 
bei ben not two 3er old fulli. 
But {>e blisse schul J>ei wynne, 135 
As Innocens bat weore wij)-lnne. 

But a wonaur ]>ing is J>is 
fforte vndurstonde, l-wis: 
bey J>at neuer trespast nouht, 
ffor erbt weore to def>e i-brouht, 1 40 
And crist, J>at is al-weldande, 
Scaped {>o from his enemys hande, 

{)is bitoknej) so{>li bus 
at gode mennes boaius 
»at are for godus loue i-slawe 1 45 
Änd in [>is world don of dawe, 
Schul beo kept in eueri tyde 
In blisse wif> crist to abyde 
And ben eyres to {>at kyndom 

63r as wonef) god and Mon. 1*° 
ut for J>at verrey godus sone 
Is lord of alle fringes in woue 

140 Als. suvve s»t. dawe. 



And in his pouwer, out of drede, 
weldef) bobe |>e quike and |>e dede 



And alle ping bat haj) lyf, 
bat ben in lonae and watur rif — 
ffor as ]>e Apostel poul tellej) 
And in his bokes perof mellej), 
4 whe{)er we iyue or we dye, 
God is vr lord, witterlye' — 
J)is is also muche to sey: 
whef>er we go to pyne or pley, 
he is vr lord, so{)ly to teile, 
And lord of alle be fendes in helle — : 
SiJ>en he is lora of so gret mint, 
wondre we nouit in vre insiht 
beih he wolde ne in his childhede 
pe Deth J>at mony men drede. 
he wolde hit scape bi {>is skil: 
ffor obur dedes he moste folfil; 170 
>e dedes were not jx> Complyed 
>at hedden of him beo prophecied. 
>erfore Joseph awey him stal, 
ffor {>ei schulde beo folfuld al; 
And whon \tei come to ende were, i~ r > 
}>en wolde he dye, fmt Duyk so dere. 

ffor{)ßrmore Is good we say, 
|>at vr gospel speke}) to-day, 
As Jeremye f>e prophete 
Seide to-fore In wordus swete, iso 
" at Godus vois was I-herd 
n hei^, wi|> gret noyse hit ferd, 



6 

weop and waymentynge to make 
wondurliche for Monues sake: 
is was be grete for|)inkynge 
at god hedde for vre synne stynk- 
.vnge, 

ffor his Membres of holy churche 
Liued not trewely ne wel wolde worche, 
Godus pepel forte teche 
wi{>heoregjood liuynge and to preche, 
>at J>ei mihte to*[>at hui stih 
)at is cald heuene on heih. 
>erfore as hit aske{> veniaunce 
>e blod of Abel for distaunce, 
>e furste Marti r and rihtful blod, l»5 
Til ^akaries comvng stod, 
vppon bat wikkeel pepul al 
Iii Goa leete his veniaunce fal : 
So schal ]>e blod of Rihtful men 
Crie on hem {>at nolde hem ken, sä» 
And for J>e vuele ensau/nple of lyf 

Kfc {>ei jiue j>e pepul Ryf. 
ke je what |>e wyse mon 
In his Bokes sei ow con: 
at of be faderles childe 205 
e of pe trewe widewe Mylde, 
heore preyer God wol uot dispise, 
Bote heere hem as heij Justise; 



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Proprium Sanctorum des Ms. Venion. 



101 



he wol sende hem good cu/wfort 
And in schort tyme gret disport. 210 
ffor prevers of soules meke 
Pereen neuene and [>orw bei seke; 
heore preyer herd euer scnal be 
Bifore {>e holy Trinite; 

But|>ulke J>at faste veniauwce crien , 
To bi wroke in eorJ>e hi^en, 
Crist of hem ha{> no likyng, 
Nor he wole hem here no-ping; 
I>ey schulde put hit in to his honde 
And let him worche, al-weldonde. 220 

But what Jris widewe is to mene, 
And {>i8 ffaderles children at ene, 
Good hit is wiJ>-oute lettyng 
To make hit in to $ow synk. 

Children ffadurles ben |>ay, 225 
ffor faute of lore bat gon astray, 
Si{>en f>e faders 01 hon churche, 

^t schulde vs teche wel to worche, 
»te wij) ensauwple {>at bei $iue 
~« make vs be worse to lyue; 230 
»us is he fadurles childe 
t is ilet han his wille wilde. 
\>at widewe is be pepul alle 
,t is to Cristendom I-falle, 
br heore hosebondes schulde be 235 
Techers of holy chirche fre, 
]>e goode J)ei leue and teche qued — 
ffor |)us is vre hosebonde ded; 
berfore men may in f)is cas 
Beo likned to a widewe in plas. 240 

ffurJ>er-more in vre proces 
Good is nou J>at we vs dres. 
ber Rachel wepte and made serwe A 
ffor his sones o Euen and Morwe 
And nolde no cuwfort to him take 245 
On no wvse for heore sake, 
ffor his cnildren weore nouht 
In to parfVt liuyng brouht: 
|>is is bitotned m pis dede 
As we in J>is stori rede. 250 
we fynden hit writen for to proue : 
hose wol dwelle in godus loue, 
Striue wif> J>e world moot he, 
3if he wole good ende se, 
fforte loke forbward euere 255 
And beo-hynde to loke neuer. 
Luyk in his gospel sei}) 
tt no Mon is able, in feij>, 
_'o heuene-kyngdom forte wende 
{>at takeb be plouh bi {>e ende 260 
And, whilehe schulde worchen harde, 
Stont and loke{> hyndwarde. 



227 Ms. Men \>e faderles. 
Ro|>e. 



os beon jx>, to teile wi|> mou{>e, 
it vsen p/?rfytnes in flou{>e 
Änd aftur bi wil and counseil badde 
fforsaken {>e vertu wes bat bei fürst 
nadele. 

But declare we forbur-more 
Rachel nome I -spotte bifore. 

Rachel so|>li is to sei 
*A schep', \>&t meke is al-wey, 270 
Or elles 'a Mon bat God seo', 
In gostli wyse, $if hit beo. 
Ana {>at may wel liknet beo 
To al-holy cnurche* f reo : 
we schulde euer-more disire 275 
To seo god in gostli Empire. 
J>us Racnel is, wi^-outen wene, 
Al-holi churche bi-dene. 
And holichurche is Goa him-selue, 
And wi|> hiw ladde \>e Apostles 
twelue. 280 
bus he serewed for be synne 
pat his sones heere liuea Inne, 
ffor f>ei nolde not forsake 

>e synne bat J>ei hedde take; 

>ei nolde haue no cuwfortynge 285 

>erof to make forsakynge. 

ffor, as we reden In holi writ, 
hose wol take tente to hit: 
A Mon ber was, take we kep, 
f>at hedöte fullich an hundrea schep, 
And on was lost, of Nynti and Nine ; 
And he bat hem ouhte at a tyme, 
ffor pite pat he hedde of J>at on, 
he lafte pe Nouwbre of euerichon 
And dude his owne sone dresse 295 
In to desert and wildernesse, 
he sende his sone hider to seke, 
wif) f>at schep for to mete. 
J>is is forte wite and knawe, 
As Doctours seyn in heore sawe, 300 
bat of {>e ffadur be wisdom 
nere in to eor|>e hit com 
And tok flesch of a Mayden f>enne 

f at fulliche was wi{>-outen wemme, 
n eor]>e fostred for vr goode, 305 
And tok among vs erj)ly fode, 
And siben dyea deolful deb 
Bi {>e Jewes wij>outen mep. 
he quit |>at schep wi£ Kauwsun 
good: 

>at was his holy herte blod; ^10 
us he bromte f>at schep bi craft 
V) £at flok he was from raft: 

{>o weore Godus Angeles alle 
whuche Adam f ouliche was f row falle. 



229 Ms. 



280 And st J)at 



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102 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



But {>er as god, ful of meb, 315 
ffleih to Egipte from his dep, 
Bi ffadur and Modur sone he fleih 
ffrom Bethleem to Egipte, we sey: 
big techej) vs |>at holy men, 
bat holynes wol knowe and ken, 320 
Schulde Coueyte to suffre here 
Persecussions in mony manere, 
And so to crist wif) mekenesse hende 
To come at vr laste ende, 
bus crist him-Belf taufte 326 
Bi bis goode ensauinple saunte, 
As Luyc in his gospelle 
Opunly do{> vs teile; 
To suffre serewes monyfold 
he biddej) vs to beo bold, ' 330 
And euer aftur vre endyng 
To Beo wi{> crist euer-lastyng. Amen. 



Nisi grau um frumenti cadens in 
terra (Joh. 12, 24—26). 

Jhesu to his disciplus tolde 
wordus gode forte nolde, 
{nis he seide hem biforn: 
„But jif |>at a whete-Corn 
flalle in to \>e eor{>e loWe 5 
And breke and dye, sob to knowe, 
Elles, I sey wib-outen lesynge, 
No fruit may hit forb bringe; 
ffbr, jif he dwelle hol al-on, 
ffruit bringej) he for{> non; 10 
And *if he wel clouen beo, 
Muche fruit bringe}) forJ> he. 

hose loueb in world here 
his owne wille J>at is him nere, 
he leosej} {ring of more prys — 15 
{>en is he noping wys; 

And hose wole his wille hat« 
In {>is world, {mt is so mate, 
To euerlastyng lyf ceete (!) 
benne he do{) his soule kepe. 20 
hose wole wel serue me to, 
he schal me folewe {>en so, 
And wherso-euere {>at am I, 
Schal my seruaunt beo, sikerli. 
And hose to me serue{> al, 25 
honouren him my fadur schal, 
{>e whuclie fader is ful euene 
Abouen in {>e hije heuene." 
{>is is {>e strenge of vre gospel, 
As mon in Englisch tonge may tel. 30 

Crist here him-self calde 

A whete-Corn, to eor{>e {>at falde: 



he clef also and was ded, 
borwh {>e Jewes falsed; 
ffruit he multipliged also, 35 
{>e fei}), and cristen pepul {k>; 
And he fette, so{> to teile, 
Muche fruit out of helle. 

Whi he calde him-self a com 
In bis gospel here-biforn*? 40 
he fedep Angeles in heuene briht, 
And men in eorf>e wi{) his mint,» 
And also alle maner of Best 
he fede{> at his owne request. 

he is {>at com, so}> to sev, 45 
}>at hunger from soules dop awey, 
And bodyes sustene}) in vcn a plas, 
And struyjej) hertes bi his gras. 

whon {>is com wi{) de}) was souht, 
Not only fruit to vs he brouht, 50 
But al pe world he dude folfille 
wib gostly com, as was his wille. 

perfore })is blessed com heere 
seide to hem on {ris maneere, 

'he bat wole his wille heer loue 55 
Schal nit leose in heuene aboue, 

And he bat wole his wille her hate 
And hold nit euere at louh State, 
he schal fynde be lyf hende 
Euer-lastyng wip-outen ende': w 

vr lordus biddyng heere hit was 
Of his passiun to suwe {)e tras. 
beos wordus {)at je herd han, 
On twey maners pei ben tan: 

{>e topur maner is of {>eo8e, 65 
hose loueb he schal leose. 
bis is foluch forte say: 
*'3if I >ou loueet, leose Jxm may, 

But jif {>ou wolt loue holde 
to crist {>at for {)e di*e wolde. «0 
Drede {)e not {)enne baldelye 
ffbr his loue for to dv^e; 
But beo bou noujt afioute ryf 
To loue pi wille in eor|)li lyf, 
Leste {x)u {)6;*fore {)i wille leose 75 
Euer-lastynjg lyf for to chese. 

{>erfore hit folweb for{>ur-more, 
As bis gospel sei{> Dyfore : 
he pat hateb bi good skil 
})at is cald nis owne wil, w 
And also his bodi likyng, 
he takeb his soule to good kepyng, 
To {>at lyf for to wende 
{>at euer schal laste wi{)- outen 
ende. 

{)is goode Thomas, as we fynde 
And as {)is day makef) mynde, 

48 1. strengte}). 



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Proprium Sanctor 

hiß world ly wille foreok ]>at clerk 
.And put him al to godus werk; 
he eonrede harde Martirdame 
ffor Godus loue and for his name : M 
Jjerfore he is, wi{>-outen were, 
vp an heij in heuene cleere. 
Bidde we to him niht and day 
hat he wolde for vs pray 
pat we may to f>at blisse beo brouht 
pat for goode men is wrouht. Amen. 



Eccenos relinquimusoninia(Math. 
19, 27—29). 

Simound Petur to Jhesus 
vppon a tyme he seide bus: 
„Sebj)e, afle f>inges we forsake, 
Ana to suwe f>e we hau" us take: 
what \terfore schal ben vr mede? 44 5 
.rhesus onswerde anon in dede: 
,fforsoj)e, siker to jou i sei: 
3e bat me suwe and my wei, 
In pe ajeyn-makyug newe 
Of alle pe Men pat euer *rewe, 10 
whon J>e sone of Mon so hij 
Schal sitte in dorn, sikerli, 
vppon bat ilke blisful seete 
Of his Mageste so meete, 
3e schul sitte at bat day l ß 
On twelue seges, hit nis not nay, 
Juggyng, so{>ly for to tel, 
|ie twelfc kyndes of Israel. 

And also i seie to alle Jx> 
bat worldlich wele forsake also, 
nous, Breden and sustren ryf, 
hiß ffadur, Modur or his wyf, 
his children also or his londe, 
ffor my nome to vndurstonde, 
he schal hit take an hundred-fold 2* 
And so beo golden, beo je bold, 
And also he schal J>erto haue 
Euerlastyng lyf, him to saue. 44 
J>is is ]>e strengj>e of vre gospel, 
As men in Englisch tonge may tel. 30 

pEtur be ffillchere, hit is seid, 
was sadly in |>e fei{> leid, 
he nedde not, as we rede and se, 
Of worldlich catel gret pleute; 
Mete and cloj), we vndurstonde, ^ 
he gat wi|> trauayl of his honde: 
here he spac ful fei{)fully, 
]>er he seide to god Almihti 

3 Se|>})e = seoj}. 20 Ms. nole. 



i des Ms. Vernon. 103 

'we forsake al ofmr hing 

To suwe j>e, heuene-kyng'. 40 

heere he schewed beose two: 
ATeiJ) and parfytnes also; 
ffor jif a mon wol beo trewe, 
he mot bof>e forsake and suwe. 

And also he asked what mede 45 
bei schulde haue for {>at dede. 
Jhesu seide wi{> mylde chere: 
*3e J>at me suwen nere, 
In pe Regeneraciun good 
Of alle men to flesch and blod, 50 
whon £e noble sone of mon 
Schal sitte vppon f>e dorn {>on 
In \>e seete oi his Maieste, 
On Twelf seetes sitte schal je, 

gj twelf kuyndes demynge 
f Israel wiJ>-oute lesynge, 
ffor J>at {>at je han lyued wel* - 
J>ei nolde hit leeue neuer a del. 
vr goode lord, }>at al wald, 
Sweteliche J>e sone of mon him 
cald, «o 
And also he seide bi grace and wit, 
whon he in Maieste schulde sit; 
at is to mene al in-fere: 
e wol not at |>e dorn apere 
In liknes of his Godhede, *» 
But in Monhod, as we rede; 
ffor in {>&t same liknesse semed 

f at he was here hiw-seif I-demed, 
n |>at liknesse schal he com 
To deme be dorn al and sum. 7u 

Bi J>at uke holi seete 
Of his Maieste so swete 
Is vndurstonde |>e cloudes euene, 
Bi whuche he steih vp to heuene, 
Bi whuche also he schal eft-sone 75 
Conie to deme |>e dredful dorne. 

Also his seete likned is 
To holy Angeles {>at ben in blis, 
And to his trewe chosene also, 
J>at f>enne schulle toforen him go *° 
whon he schal sitte, {>at is so hende, 
Of J>e dorn to maken an ende. 

]>e prophete Ysaias 
Spekep perof in a Dias 
And he liknef) his Maieste 85 
A fflaume of fuir lyk to be, 
As a wheol round aboute, 
Lihtnynge bobe wib-Inne and oute. 

f>e seetes oi ]>e Apostles alle 
vndurstonde hem we not schalle 9° 
Bodiliche chayers, in to sit — 
In no maner {>ink we hit — 

54 Ms. he st. je. 02 Ms. |>ing. 



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104 



Proprium Sanctorum des Mb. Vernon. 



Bote raf>er hit iß {>e pouwere 
bat hem is jiuen to demen in-fere. 
ffbr ]>e Apostles wif)-outen lesyng 
Schullen deme in tyme comyng, 
And wij) hem holly of Renoun 
J>at folwe wole heore perfecciun. 
And so as ]>eose kyndes twelue 
Beon to deme hem-selue, 100 
So alle folk sone a-none, 
Jewes and Gentes euerichone, 
To J>e dorn ]>ei schul beo brouht 
Bi miht of god at a Jx>uht. 

And in bat dorn, as we may seo, i°- r> 
ffbure Ordres ber schal beo: 
Of Rihtwys schal be \>e two, 
And vnrihtwys ]>e tweyne also. 

J>e ffurste ordre and be best 
Aposteles and heore folewers prest; 
Jjeose schul deme, leue brojmr, 
And not be deemed bi non oJ>ur. 

be secuwde ordre schal beo J>eu 
Of seculers *and wedded men 
whuche ha not knowen here U ft 
vuel felauschipes in none maneere; 
of hem seif) vr gode lord, 
bis owne word to Record: 
4 ComeJ> to me alle in-feere 
bat blessed ben of iny fadur dere ! 120 
heuene kindam ae schul take, 
bat is ordeynt ior jor sake 
ffrom j>e biginnynge, so{> to say, 
Of })i8 world, hit is not nay.' 

J>e two ordres her-bi-fore 12,5 
Deemed schul bei beo neuer-more. 

be ])ridde orare schal beo rad 
Of hem bat knoulechyng her had 
Of God bobe ioud and stille 
And nolde bis lawes neuer folfille 1 30 
In no werkes J>at ]>ei wrouht, 
But euer set hem at nouht; 
AI {>at careful cumpany 
Schul beo demet deolfoly. 

be feor|>e ordre, hit beo schalle 135 
Of {>eos paynynus on and alle ; 
whuche schul not, as we rede, 
Beo demet at [>at dorn in dede; 
ffbr to hem hit is leide 
beos wordus {>at poul toforen seide : 
'Jbo {>at bus wi|)-outen lawe 
Sunged nan and stod non awe, 
wiJ)-outen lawe schul alle J>ei 
Beon i-perisched, so{> to sey.' 

ffor|>er-more to vre matere: 1 45 
j>er as crist aeide here 



'Alle bat han mad forsakvng 

Of ffaaur and Modur and al heor J)ing 

ffbr myn nome, beo je bold, 

he schal hit take an hundredfold, 150 

And also be euerlastyng lyf 

J>ei schal hit haue wif)-oute strif': 

heer may we seo muche profyt 
To forsake worldlich delyt; 
ffbr hose forsake]) al ])ing worldli I 55 
ffbr be loue of crist an heih, 
wi{) pe Apostles wel schal he 
Beo louea and rewardet be. 
bus to forsake alle bing, 
pis is be vnduretonayhg : 1^ 
In w T oridb'ch Riehes not to (tjrust, 
And euer to kepe vs fro foul lust. 

whose his wyf wol forsake, 
bat Joyned is to ben his Make, 
nor vuel wjlle, sikerlye, lf » 
Or for a feirore in his ei^e, 
Or for eny cause present 
f>at god him-self hab to hire sent; 
vndurstondef) euerienon, 
berfore to helle he may gon; 170 
ffbr f)is is not for ^odus nome, 
But for his vuel wille and grome. 

And hose ha]> take no wyuvng, 
And wol not haue, for heuene-kyng, 
But lyuen of his bodi chast, 175 
his tyme spende]) he not in wast; 

And he pat wyth a wyf mot be 
And wol hiw kepe in his degre 
ffrom foul lust of dedly synne, 
In lecheri not delyte him Inne. i 80 
3if beos don Jnis for godus sake, 
An nundred-fold ]>ei schal hit take. 
ffbr hose for crist, his saueour, 
Leoseb her al worldli honour, 
he schal relleyue, beo *e bold, 185 
Spiritual Joyes monyfold; 
As ])i8 word witnesse]) trewe: 
*whon mon schal beo mad newe* — 
bat is to sey on ])is wyse, 
ffrom de]) of Corupciun to rise iw 
To lyf incorupt for ay, 
])at neuer aftur dye may. - 

And he ]>at take]) him vppon 
To holy Religiouw for to gon 
And comeb for ffraude to jmt plas,l95 
vnderetonaen he is Judas; 
Judas j>enau«ce schal he bere, 
ffbr he is godus traytur ])ere; 
ffbr god he cusseb wi]> tresun 
whon he so entrep Religiun. 200 



128 Ms. heo st. her. 



161 Ms. rust. 162 Ms. for st. fro. 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



105 



he J»at schewej) hem in {ms wyse 

Rehgious, entred to godus seruise 

And worldlvch riche* Den hem sende, 

But al in Idel J>ei hem spende, 

AI aftur heore owne wille, 2^ 

And not, godus worschip to folfille: 

Part of }>at curs bei ha 

Of Ananye and Saphi(r)a; 

ffor he bat gob to noli churche, 

Not, Religiously to worche, 210 

Riehes for to croche and craue 

bat in be world he mihte not haue, 

Sikerlicne suffre schal {>ay 

J>e Lepre of Giesy, sob to say: 

ffor |>at he suffred in Dodi, * 215 

In soule schul {>ei serweli. 

he f>at was boren of Marie milde, 

ffrom |>at ilke serwe vs schilde. 

Amen. 



Postquam impleti sunt, 
gelinm quere in temporali. 



Ewan- 



Venit Jhesus in partes Cesaree 
Ph[ilipp]i (Math, ltf, 13—19). 

\ l erkenef) now, I wol jow teile 
As Mathew seiji in Jris gospelle. 
Jhesus com ]>at tyme in her, 
To J>e cuntre of Ceesar philippi, 
Askmde his disciples f>ere 5 
And seide to hem J>at wij) him were: 
^whom sigge $e men of bis Cuntre 
X pe sone of mon scholde be? 41 
n seide his disciples to crist: 
„Summe seyen, Jon be Baptist, 1° 
And summe seyen Eiesye, 
And summe forso|)e seyn Jeremye, 
Or on of {>e prophetes here 
Men seyn hit is in alle manere." 

|>o seide Jhesus openly: * 5 
„whom wol je seyn penne ho am I ? a 
Symon Peter onswerde }>on 
And {>us to seye he bigon: 

„[x>u art crist, heuene-kyng, 
be sone of God, holy liuyng.* 2° 
Jhesu onswerde wij> feir mod 
And seide to petur, {>er he stod: 
.1 -Messet Jxm art and ma, 
bat art cleped Symon Bariona: 
ffor bi flesch ne blod, I sei f>e, -5 
Miht {>is not to |>e brouht be, 
But borw my ffader f>at is in heuen 
was nit J)e brouht wi|> mylde steuen. 



So}>ly, nou to {>e sei I: 
{x>u art stedefast, trewe as ston is tri : 
vppon J>e, petur, trewe as ston, 
I schal buylde my chirche anon, 
Ajeyn w^uche chirche, I be say, 
}>e *ates of helle not stonde may. 
And I schal }iue j>e keyes euene :i5 
Of jates of j)e kyndom of heuene. 
And what Jx>u euere In eor{>e dost 
bynde, 

In heuene bouwde schal men hit 
fynde: 

And what |x>u vnbyndest in eorf>e 
here, 

In heuene vnbounde beo hit clere." 1« 
})is is tixt of vre gospelle, 
As seint Matheu dof> vs teile. 

(irete Clerkes do{) vs teche 
what f>is gospel is to preche. 
f>is phelip Cesar |>at we of kenne, * Ä 
was heroudes broJ>er, J>e jongur, 

|>enne, 
In hos tyme, so{) hit is, 
God suffrede his passhin, I-wis. 
In his ffader tvme bon 
was I-bore bof>e god and mon, 
As hit is in stories seid 
And for witnesse in bokes leyd. 

]>at Philip in houour of Cesar for|)i 
Let make a Citee feir and heij, 
And in his nome and Cesar also 55 
he clepte hit Cesar philip }>o, 
And in bat cuntre Bi Nortn and Soup 
Cesar pnilip hit is cald wib mou[). 

J>e kynges of Home pat po were 
newe, 

pat forpur in pis storie suwe, 60 
Alle kyngdomes weore J>ei wo«t to 
make 

Tribut to hem to bringe and take. 
berfore vs binkep worpi hit was, 
per eorbly lcynges her tribut tas 
Of al opur Jmt heore sogettes be, 
vchon in his owne degre, 

bat per pe kyng of heuene hi$e 
Tok tnbut of his sogettes trye. 
bat tribut is studefast bileeue, 
pe soule to saue and not to greue. "° 

berfore he seide to hem pon 
'whom siggen heo is be sone of mon?' 
he asked not pis of hem so 
ffor vnknowen nas hit not him to, 
Ne also he asked hit not of harne 75 
ffor pen-haunsyng of his name, 



216 1. sewerli. 



62 Ms. Trubut. 



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106 



Proprium Sanctorum de« Ms. Vernon. 



But for tneti scholde blleeue »ad 
}>e felfc |>*tt (he) hetn taühte and bad. 
ßi pis ensaumple he techej) to 
worche 

Billchopes and prelatus of holy 
churche, & 

fat of heore pepul J>ei schulde enquere 
n what Opinions pei were, 
80 bat he tnlhte hem puite wel be 
lö to pe feij> trewe as stel pai 
ffbr whon he seide to hem {ms^ To 
'whom »eye meu is Jhesus', 
be pepul po was wi|>-oute resoun 
In monve diuerse opunioun. 
|>erfore he seide to nem freo 
'whom wolde je bat i calde beo?' 90 

Petur on s werde in hiyng 
'pou art criste8 sone, heuene-kyng.' 

]>enne seide Jhesüs to hem in same 
'bou art Blessed, Symound bi name, 
fror bi flesch and olod, certeynly, 95 
hast Jx>u not bis onswere sleih, 
But of my faaur of miht most, 
Sende bi pe holy gost.' 
Barion a, pat we of mone, 
hit is to mene 'a coluer sone.' iw 
A Coluer sone he was bi riht, 
be gode Apostel pat peter hiht; 
nor mekelich and swetelich bat tym 
he folwede and wente vrip hym.* 
Euer was he godus sone to deuyne 105 
wi|)-outen ende tofore {>at tyme, 
And Petur aftur Godus child he was 
wif> o{>ur chosen bi godus gras. 
Petur was godus cnild from {>at 

tyme |>o: 
berfore he seip acordyngly, 
pe ffadur of heuene him wissed for|)i 
And wisdam broujte to Coluer sone 

te priuetes of god, as was his wone ; 
br flesch and olod miht hit not do, 
Bote from god hit moste come so. 
ffbr alle J>e wisdam of blod ue flesch 
To j>e wisdam of spirit ne acordes, 
But (is) euer a^eyn pe spirites wille 
And most acordyng in to ille. 12° 

Jhesu to petur seide anon 
'flbr pi nome is cald a 8 ton, 
And on be ston trewe and trie 
Mi churcne I wol edefye:' 
" at is bat God, vr saueour, 125 
at jaf so to his kuowelechour, 
is louer and his cowfessor eke 
And to partiner of his nome swete, 



94 bi name st. ßarione? 
nt. 



126 tilge 



Grace. mihte and muche godnesse, 
wib rintful feif> f>e pepul to dresse. 19° 

Petur Is a ston sad and trewe, 
So cald he petur {>erfore newe. 
r as vr lord seyde pat day ? 
flates of helle ageinstoWde him 
ne may': 
{>e jates of helle beo cleped here 135 
deueles limes |>at ben and were, 
it him dude muche turmentrie,! 
o haue I-maad him leeue in Mau- 
metrie, 

And |>ub bei wolde haue mad discort 
Bitwene retur and his lord 140 
wip turmentries and mony scour- 
ginges 

And persecucions and schrewed 
binges. 

ffor f>is doinges, as I pe teile, 
bei ben cald J>e jates of helle — 
Bi heore doinges mony men 145 
{>e wey to helle pei hem ken. 

per vr lord seide 'I fliue to be 
be keyges of heuene feir and fre': 
pat is to seye, (for) Petur was 
Most deuout and knowyng of graas 
Bifore obere bat weore him bye, 
Touwara |>e kyng of heuene hhe, 
|)is kejes of neuene weore him 
bitake 

ffbr his confession and cowtriciun 
sake. 

wi|>-outen pe keines, sof> to say, 165 
No mon to heuene go ne may. 

Se keines also, I teile pe, 
eif> and Confession pei be; 
wij)-outen hem may no mon 
Entre in to be hei^e kyngdom. 16(1 

pe keyes also is of heuene 
Bi wit and discrecion euene, 
his wit and pouste bobe at on, 
pRt knoweb hem J>at Jader schal gon, 
And also hem pat vnwor|>i bene ^ 
Gaste hem awev as vnclene. 
per god seide 'p&t pou heer 
byndest, 

In heuene bounde pou hit fyndest ; 
And pat pou vnbyndest here, 
In heuene be hit vnbounden bere:' 17n 
Jx)uh al pis pou wer and pis« miht 
weore fliue to Petur, as god him hiht, 
To vnbynde and to bynde also 
Or what he wolde berwiji do, 
herof haue we no arede 175 
Ouersei^en hit was bi godus dede. 

Al-|>ouh to Petur fliuen hit were, 
And to ojmr Apostles I-feere, 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



107 



To Bilfchops and to bo of holy 
cnurche, 

To ofrere |>at vndur hem schal 
worche 180 
be same pouwer hem graunted is, 
So frei do treweli and not mis. 
J)ei nol vnbynden hem, to bigynne, 

^t nol not leuen heore dedly synne, 
>te hem to vnbynden soone in 
ln> I8ß 
Meokc forj>inkyng heore folye; 
beose fron? enaeles deb, to mene, 
he schal vnbynde ana make clene. 
And heo pat wollen at heor owne 
wille 

In ful{>e of synne d welle stille, 190 
he schal hem bynde bi such waxing 
|>at to endeles pyne hit wol hem 
bring. 

jerfore vche chosun to Churche, 
>at serue{> God and wel wol worche, 
rer is u'uen Auttorite W> 
vnbynde and Bynde, as 1 sei {re, 
After fre maner of mennes penauttce, 
And of heone synnes w«|>-oute dis- 
taunce. 

berfore Blessede petur forJ>i 
Took ]re key;es speciali 
Of |>at noble kyngdom 

ter as dwellej) God and mon; 
e tok as Apostel principal 
Pouwer of suche dedes al. 
prince of apostles was he cald 
Of him f>at al wot and walt, 
flbr vche mon schulde vndurstonde 
he mihte bynde and leese of bonde. 
ffbr hose departeb him sikerliche 
ffroni |>e acord of ffei[> J>at is muche, 
Or hem f>at be{> in synne i-bouwde 
And nullef) not out in none stoundc, 
bei may not entre at heuene-jate, 
Ne non ojmr bringe |>er-ate. 
berfore, iif |>at we wilne blis, 
To vs ful neodful hit is 
{>at we lerne bi vre witynge 
And bi al vre vnderstondynge 
To fleo {>e mony latus of helle 
bat of vr fei|> wolde vs feile, 
To haue reward, and {renke vppon, 
Of {re swete }ate of Syon, 

r is J>e euerlastinge Joye to seo, 
t we f)ider come wor|)i to beo. 
n to |>at ilke gloriouse blisse 225 
he }>at vs wrounte us \>\der wisse. 

Amen. 



200 



205 



215 



220 



Confitebor tibi pater cell k terre 
(Math. 11, 25—30), 

Vppon a tyme goode Jhesus 
Onsweriwg he seide {ms : 
„ffadur of heuene and eor|>e fre, 
her I knowleche me to J)e, 
be w^uche hast hud {reosebmges & 
ffrom wyse and sleije at |)i likynges, 
And hast also hem schewed wyde 
To smale children hem bisyde. 
ffor so, ffadur, payinge hit was 
Tofore {re, folfuld of graas. l° 
Alle Ringes, 14 he seide, „here 
Beon giuen me of my fadur deore. 
And no mon {re sone knoweb, 
Bote {re ffader, {>at him owep: 
And who knowe{> {re ffaaer in 
wone, 15 
Bote bis owne deore sone, 
And to whom be sone wolde 
Beon I-schewed, as hit is tolde?" 

{renne seide Jhesu anon: 
fl Come{> to nie euerichon, 20 
3e bat trauavl and charge han take, 
Ana al fresch I schal jou make. 
BereJ> my jok for \or prow, 
And lerneh.also at me now, 
ffor I am nere verrey meke 25 
And also tender of herte eke: 
|e schul [renne fynde prest 
V> oure soules muche rest. 
flbrso{)e, my ^ok is swete bi riht, 
And my burjren also is liht." 30 

Gret meknes her we se 
Of God {>at noumbred may not be, 
hit is scnewed to vs ful wel 
In {re lessun of J>is gospel. 
vre lord god, of mihtes most, 35 
Seide here wi{) a glad gost 
'ffadur, to {re I knoweleche, 
Of heuene and eor{re, in {ris speche' : 
Bi {reose wordus seo we may, 
Openliche knowe hit ay, 40 
bat knowelechyng, sof) to sey, 
Xis not mad al-wey 
ffor Excusaciun of synne, 
Bote oj)urwhile, to biginne, 
worschipe to declare in cas, 
As hit stod in [ms plas. 
bis knowleching of god so dere 
Gladful hit is vs to here: 
A dispensaciun hit {renne is 
Of vre hele, forsobe i-wis. 

Crist dude his nadur calle 
Lord of heuene, eor|re and alle, 



45 



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108 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



60 



flbr to vs schewe wolde he 
be godnesse nf his jjrete pyte. 
Riht as be ffader wi[> bisynes 
(touerneb, Norill'che|> to redres 
And techej) his children of pris, 
Riht so on }>e same wis 
Only lord god, f)at is aboue, 
lihtnej) and techej) vs wib loue. 
her cnst seide 'ffadur kua, 
nou hast peose Ringes hud, 
pat passen from my mou\> in hi$, 
ffrom hem bat aren wys and sleih, 
And hast schewed hem forte knowe 65 
To luytel children and to lowe' : 
" is was to mene be wisdom 

at benne openea was to mon, 

o alle J>e apostles trewe 
bat benne wente him to suwe — 70 
ffor luytel children weore bei told 
ffor J>ei weore meke mony/old; 
And |>at hit was I-hud po 
be wyse Philosofres fro. 
ne cald hem sleih and eke wyse, " s 
ffor bei weore ful of fals queyntise, 
To alle oJ>ere {>ei made scorn, 
wif> bostyng set hem-self toforn: 
flfrom hem he hudde hit, soJ> to say, 
ffor ]>ei weore at J>i» aray. &o 
hose wys him-self Calle wolle, 
A fol he makef> him atte fülle. 

[>eose Apostles hedden wisdom, 
ßiuen to hem of god and mon: 
berfore godus wordus of prys ^ 
ffolwed aftur on f>is wys: 

'Deore ffadur, on {>is Manere 
hit was to be likyng and deore': 
bis was of pe Apostles twehie, 
ffor he hem ordeynt to him-selue ; w 
Bifore \te world mad was 
Or bigynnyng tok in plas, 
Ordeynt hit was to beo put 
wisdom in to heor hertus kuut. 
be Monhed hit sj>ac her ^ 
To [>e godhede wiJ>-oute per. 
Crist seide {>enne atte large 
'$e f>at han trauayled and borew 
charge, 

I schal ow fede wij> milde steuene 
wij> {>e foode bat is in heuene': 100 
beose beo {k> pat trauayle f>us 
In eorJ>e here for Jhesiis 
And strongliche suffre wif) heore 
miht 

Persecussion for J>e riht 



And nullef> not wij> }>e fend beo 
nomen 

Ne in herte trauayle ouercomen. 
is is J>e jok, so}) to sey, 
»at cnst on Iiis mevne wol ley. 
'o Monnes soule hit is ful se^te: 

berfore he seide, hit was ful swe^te ; 1 1° 

pis burf>en is ful liht also, 

ffrom eorbe to heuene hit makef) us go. 

Bi him beo we [)ider lad 

|>at on f)e Roode for vs was sprad. 
Amen. 

Missus est an gel u s Gabriel. 



Non turbetur cor uestrum nenue 
(Joh. 14, 1—13). 

tlhe8us, bat is ful of disport, 

rhis aisciplus heore cumfort, 
|>is place ne hem bad: 
^Trouble not $or hertes, ne beo drad ! 
Leeue|) in god J>at is an hei^, 5 
ben leeue je in me, sikerly. 
Mony dwellyng-places f>er ben 
In my ffadur nous to sen. 
Ofte haue I to $ou tolde 
">at to my fadur go I wolde, 1° 
'o make to ow redi a place, 
f>er to wone in grif> and grace. 
And $if I go, haue $e no drede, 
I schal $ou dihte a place in dede: 
[>enne schal I comen a^eyn 1» 
And take ow to me, soj) to seyn, 
ffor, where so J>at I am, 
3e schul beo, wi|>-oute blam. 
$e schul witen whodur I go, 
And knowe je schulle J>e wei also.*| 

Thomas seide to him anon: 
„Lord, we nute not whodur *e gon : 
hou scholde hit |>enne, Lord Jhesiis, 
]>e wey ben knowe her to vs ? fc 

Jhesu seide wi|)-oute strif: 25 
„I am wey, so^nesse, and lyf. 
No mon may to {>e ffadur come 
Bote bi me pat am his sone. 
3if \e me knowe, wi|)-outen dere, 
3e knowe my ffadur vche- where: 
ffro fiis tyme *e schul him knowe 
And seon him, so]>li, as \e owe. fe 

Philip seide f>at ilke day: 
„Schewn vs, lord, {)i ffadur, we pray, 
And \>enne hit may foliiche sufnse 
To vs vchon on alle wyse. tt 



81 Ms. is wys. 



106 l. her« ? 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernou. 



101» 



Jhesu seide to Philip dere: 
„hou long haue I beo wi{) ow here, 
And je jit here on J>is molde 
haue not knowe me as *e scholde ? 

Philip," he seide, „whose seof> me, 
Mi ffadur jjenne do|> he se. 
how biddestou J>at I schulde schewe 
Mi ffadur to ow al on-rewe? 
Leeuest bou not {>at I be 4f > 
In my nader and he in me? 
be wordus |>at I speke ow to, 
Of my-self come pei not so, 
Bote iny ffadur in me dwellynge 
he makeb J>at ilke worchynge. % 
Leeuest pou not, as I [>e teile, 
Eij>er of vs in o{>ur to d welle? 
3it i bede wi})-outen greue 
bat ^e f>is studefast büeeue. 
noreobe, sikerly I ow teche: r ^ 
hose Ieeuef) in f>is ilke speche, 
be werk bat I am doinge 
he schal hit do in tyme comynge, 
And more schal he do |>en Jx>: 
ffbr I now to my ffadur go. 00 
And what \e asken my ffadur to done 
In my nome feir and sone, 
bat schal I do trewely to trie, 
pe ffadur in be sone to glorifye. 
Kif \e out aske f>at I ow wone (;r> 
Of my ffadur in my nome, 
bat J)ing schal I do ful hende, 
To joure profyt to make f>e ende. u 
J>is is J>e strenge of ]>is gospel, 
As mon in Englisch tonge may tel. 70 

Bl £eos wordus forto teile 

Of f>is holy Gospelie 

Gret ensaumple seo we may 

f>at godus help is redi ay. 

ffbr whon vr lord, f>at vs wrouht, 75 

And si}>en wi|> his def> vs bouht, 

his disciples hertes knowyng 

To beo areri for his suffryng, 

he hem jaf cumfort good 

In mony wyse, ]>er he stood; **° 

ffbr, er vre lord for vre sake 

be deb to him wolde take, 

feisy he was eueri-where 

|>e soules of hem vp to rere 

wi|> his techinge, to haue trist 86 

In {>e Joyes of his vprist; 

he cuwifortede heor hertes hard 
wib hope f>at f>ei schulde afterward 
wip-outeu ende wib him dwelle — 
J>is and more he dude hem teile, w 
nur gret wondur nas hit nou 
Jm>u$ J>ei weore druri euerichon — 



ffbr whon he was passed hem from, 
|>ei wenden to ha perisched |>on. 

Bote whon j>ei ]>ouht forte lende **6 
And dwelle wi{) him wif>-outen ende, 
ffrom hard [>ei wenten J>us to nesch — 
f)is was euer heore refresch; 

whon {>ei weore dreri and wo, 
bis hem made out to go. u*i 
ffbr al-j>eit hit so were 
{>at on of |>e apostles dere 
weore strengor pen a-nobur leyd 
In \>e fei|>, as hit is seid, 
Or more rihtwys in his dawes 
ben a nobur of his felawes; 
Crist seide to hem berfore, 
As \e schul heere aftur more, 
">at in his ffadur hous of grace 
r was moni a dwellyng-place. n° 
J>is he seide to hema-rowe, 
ffbr }>ei schulde wite and knowe 
bat non of hem schulde beo put 
Ne from J>at holy Joyes flut; 
ffbr vche mon [>at {)ider is schape, H r > 
his dwellyng-place [>er schal take 
After he hap in worid here 
Deserued bope fer and nere. 

But let hit not come in \or {>ouht 
►at eni of hem schal wonten ouht; 12<> 
br vche mon {>at J>er is 
Schal haue ful Joye and blis. 
Envye schal {>er beo non 
Oon aboue a-no|mr to gon, 
Bote f>e onhede of chante al ^ 
Euere in hem Regne schal, 
bat hit so mote do in vs, 
rrey we faste to goode Jhesus. 



Erat homo ex phariseis Nicho- 
demus. (Derselbe Text im Tempo- 
rale Nr. 52, fol. CXCIIII.) 



Dixit Jhesus Petro Sequere me. 



Hoc est preceptum meum vt dili- 
gaits (Joh. 15, 12— IG). 

jHesus, |>at is heuene-kyng, 
To his disciplus seide bis Jnng: 
„Mi biddyng, forsoJ>e, nit is 
[iat ^e loue to-gedere, i-wis, 
As I haue jou, to sen, r » 
while I haue among jou ben. 



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110 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



No inon, forsoJ)e to say, 
More loue haue ne mav 
ben he f>at puttef) his lvf clere 
nbr his frendes Jmt ben niw dere. 10 
3if je do {>at I ow bidde, 
ben beo je for my frendes kidde. 
I sey not to ^ow in J>is chaunce, 
Ow to clepe heer, seruaunce, 
ffor he {>at is a seruaunt so, 15 
he not what his lord schal do. 
fforso})e, I haue i-seid to ^ou 
Mi frendes in my place nou: 
ffor al Jring j>at I nerd haue 
Of my fadur, ow to saue, 20 
I haue mad hit ow to knowen, 
And as my frendes in ow hit 
so wen. 

\e ha not chosen me, to seyn, 
Bote I haue chosun $ou, serteyn, 
And I haue put ow, for|> to go 25 
ffruit to bringe for{> to mo, 
And ^oure fruit dwelle hit schal, 
Sikerli forsoJ>e, to teile *ou al; 
And what je asken euerichone 
Of my fadur In my nome, •*> 
he schal hit- sone to ow *iue, 
And euer wi^-outen ende to liue. u 
J)is is {>e strengbe of vre gosnel, 
As Mon in Englisch tong mai tel. 

PEr Crist seyde here prcsent 
'J>is is my Comaundement 
bat \e loue to-geder dere', 
ffor vche Comaundement here 
Is follich set in good louynge — 
'is witnesse|> heuene-kynge. 40 
er may no mon wi|)-oute» let 
n no Comaundement wel beo set, 
Bot loue and Charite mote and 
schal 

Beo f)e biginninge principal. 
Riht as mony semeiy bowes 45 
bat out of a good tre growes, 
Passen fürst out of f>e Roote 
And {>er heore strengt take mote, 

Mony vertu wes, as we may se, 
Springen of \>e Rote of Charite; ^ 
vertu non may haue j>e Bouh 
Ne grenes of good werk nou, 
But ;if he froin }>e Roote come 
Of Charite to beo out nome. 

Jxrfore Godus Comauwdemens ^ 
Are mony euere in vre prcseus, 
And als, a-nobur wey to gon, 
Alle {>ei ben böte on. 
Mony beo werkes J>at ben diurot, 
In Koote of loue .on. to rehers. 



he hab charite, verreyli, 
at louep his frend and his Enemy — 
>at is to seye, his frend to loue 
n god f>at is vs aboue, 
Ana his enemy f>enne also a5 
ffor God J>at bouht us front vr fo. 

But moni j>er ben nou in londe 
bat louen bus, I vndurstonde, 
More for fleschlich knoweleching 

6m for eny ofmr |>ing. 70 
ut o|)ur loue {>er schulde be: 
To louen bi wey of Charite — 
And J>at is J>is f>at i of tel 
J>at is comaundet in £is gospel ; 
And hose loueJ> in bis manere, ^ 
In heuene he schal Den a peere, 

And hose louej) fleschlv in dede, 
berof hab he luytel meede. 
Crist bicfdej) hem ful sone 
'Loue $e as I haue ow done': 80 
his loue was euer gostlv, 
To bringe hem touward heuene an 
hei$. 

Alle may we seo be strif 
Of vr olde fadreslyf: 

[>e olde enemy, vre fo, 85 
To eor|)lv louyng drou vs {>o, 
he sturecl vs to pyne wende, 
And mad vr fo of vr frende; 
ErJ)ly longyng, so{) to say, 
hit meltef) euere to nouht a-way. 

{>e olde deuel, vr enemy, 
bat ha{> to Monkynde envy, 
StureJ> vs to loue eorbly, 
To haue vs in to his Baily, 
And euer he is aboute in place 
Charite froro vs to chase. 
In hattreden we fullich wone 
But we vr Hesch ouercome, 
ffor we vr owne soule hate 
But we wi|> vr flesch debate. 100 
$if we {>is wib-outen vs witen, 
wif>-Inne we beo sone smiten; 
whil we loue niost worldli bing, 
we leose ]>e loue of heuene-kyng. 

Of Charite is a pref certeyn 105 
3if a Mon may loue, to seyn. 
And hertlich wole preye for po 
bat don to him hate and wo. 
No mon may haue loue more 
J>en he [>at die}) his frendes fore. no 
vre lord God for vre sake 
be deb to him he dude take — 
no minte f>erfore more loue haue 
{)en he J>at dyed vs to saue? 

I. louyng. 110 Ms. d<»J). 



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111 



God com bodily anon nr> 
ffor his enemvs euerichon, 
And for his frendes also com he 
Gostliche, as we here may se: 

he com here in fleschly wede 
j>e fend to beo-gyle in dede, 120 
And bodiliche wib him he fauht 
whon he was on pe Boode strauht, 
And Jros he com for {>at enemy 
And ouercom him, sikerly. 

ffor his frendu8 also he com, 125 
he bat is verrei God and Mon, 
be Godhede in }>e Monhede schut — 
Euer J>ei weore to-gedere knut; 
Beo miht of his Godhede bus 
he com and wente to helle for vs, i*> 
And so he saued out of beendes 
J>at weoren and ben his folle frendes. 

Jhesus seide wif>-oute distauns 
'I calle ow not heore seruauns, 
ffor ]>e seruaunt, hit is so}), 135 
Not not what f>e lord do{>; 
Squ I calle my frendes her, 
fror alle Ringes feor and ner 
J>at I herae of my ffader stille, 
1 maad hit knowen to joure wille.' ho 

what beo f>0 Ringes sete 
J>at he herde of his fadur meete? 
To his seruauns he made a-rowe 
ffolli |>en forte beo knowe 
be Joyes of eor^li Charite, 1*6 
Euer wib hem to d welle and be; 
And bi pis wey of gret noblay 
he maad hem neuenly frendes ay. 
Godus children of his asise, 
f>at chasten heore flesch on bis 
wyse, ^6° 
frei strengen f>enne heor spirit god 
And dispisen pen f>e deuel so wood ; 

In vertuwes {>ei schyne also 

St eorJ)ly fringes put hem fro; 
cuntre of euerlastynge 
o t>at wer j>ei ben techynge. 
And whon pei here dyen pus 
ffrom alle worldly delytus, 
Bi grace of |>at aiyng euene 
Soone |>ei come to hije heuene. 

Crist seide, as 1 ow teile, 
flbrjmr f>enne in |>is gospelle 
'jfte naue not I-chosen me, 
Bote I haue chosen ow ful fre, 
And I haue put ow to delyt 
To go and bringe forJ> fruit': 

tat is to sei in bis place: 
aue ou plaunted and put to grace 
flruit of good werk for{) to bringe 
In willyng and in worchyuge. i7ü 



155 



lfiO 



105 



AI bat euere we here trauayle 
worldly, may vs not avayle^ 
vnnef>e hit is I-nouh, to say, 
Til tyme of vr endyng-day. 
De{> f>enne sodeynly comynge 175 
be fruit of worldly doynge 
Sodeynly, bat trauayl al, 
he struijep and makeb vs fro;;/ 
hit fal; 

.AI f>at we don for eor|>ly lyf, 
Aftur de{> comeJ> to rikenyng ryf. l»o 
berfore, whil we haue respyt, 
Beo we bisy aboute such fruit 
{>at Def> may not wib his pley, 
whon he comeb, do hit awey/ — 
'What-so je aske my fadur nou, iw 
In my name he schal $iue ow.' 
Mony askynges |>er ben, certeyn, 
{>at Den not fully to vr geyn.* 

Mony comen to churche prest, 
kneolen and knocken on heore brest 
And maken also heore preyer {>ore 
And wepen {>erto wondur sore, 
But good hit weore for mony Ringes 
[>ei weore a-vised of heore askynges ; 
$if bei |>er eor|)li Joyes craue, W"» 
weolj)e and wynnyng forte haue, 
ben seke |>ei not god so bolde 
In Godus hous forte holde, 
jjif we [>erfore come to {>e place 
ber as grouweb gostly grace, 2no 
Euer-lastynge lyf ]>en seche we, 
J>at is god in trinite. 

Summe asken in heore preyere 
A feir wyf to haue hem nere, 
OJ>ur to "aske bei ben ful boun 205 
To beo lord of Tour and toun, 
Summe asken for eny J)ing 
To haue worschipful clo{)ing, 
Summe also aske con 
To beo worschupet of mony mon. 21« 

But fürst to vche mon rede I 
To asken Godus kingdam hij, 
And |>at we may in eueri stude 
worchen as he wolde we dude; 
And for vr bodi aske we may 2ir» 
Euenliche sustenaunce, to say. 
And jif we aske forso|>e Jms, 
Bi grace hit schal beo ^euen to vs ; 
ffor hose is godus seruaunt dere, 
him schal neuere faile nout here, 220 
And siker he may beo atte ende 
To his blisse forte wende, 
he vs graunte bat ilke way, 
{>at for vs di^ede a goode fryday. 

Arne/!. 



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112 



Proprium Sauctorum des Ms. Venion. 



Venit Jhesus in partes Cesaree 
ph(ilipp)i. 



Jussit Jhesus discipulos suos ascen- 
dere (Math. 14, 22—33). 

Jhesu, vppon a tyme he bad 
his disciplus, as pei weore stad, 
Go vp a luytel 8chip into, 
ffrom {>at tempest (!) to passe so, 
whii he lafte (}>at) pepul strong & 
whuche he was J>er ainong. 
Soone he lafte {>e folk {>er stille 
And wente hiw-self vp to an hülle ; 
To preye, {rider was he gon. 
Euen com, he was ^er al-on. 10 
* »at luitel schip a-middes was 
)f J>at s&S in f>at cas, 
|>e schip was hogely I-f>rowe 
wi{> grete flodus nei$e and lowe: 
fforsope, |>e wynd was risen hei$, 15 
Contrarie to al be cumpany. 
be ffeor{>e vre of {>at niht 
Jhesu com to hem ful riht, 
wondurliche to hem com he: 
Goinge abouen vppon |>e se. 20 
whon {>ei him sei^e wif>-oute lesynge 
So vppon {>e söe* §oynge, 
Afera {>ei weore, sikerh, 
And seiden hit nas but fantasi. 
And for puire fere and drede 2* 
Alle {>ei criede anou god spede. 
Jhesu com, hem to saue, 
And seide: p feij) loke *e haue: 
I hit am, witej) hit wel, 
|>erfore doute je neuer a del." 30 

Petur onswerde sone anon, 
Jjus to sei$e he bigon: 
? Mi lord god, $if pou beo he, 
Let me come on fxx>s watres to J>e. u 
Jhesu seide in f>at stede: 35 
^Cum on nou, as {>ou hast bede. a 

Petur of f>at schip went doun 
And eode vppon J>e watres brouu; 
ftbr to go was his entent 
To Jhesu, }>er he was present. 40 
he sayh be wynt hoge anon, 
ftbr fere ne miht no for{>ur gon : 
whon he bigon forte droune, 
he cried wip a loud soune: 
,,Lor tt , he seide, „mak me saf tt . 45 
And Jhesus sone his houd Iii/// >af 
And vp anon he him tok, 
As witnessef) holy Bok. 
„Whi Ä , he seide, „artou in doute, 
Luitel of flfeif) al aboute? 44 



fl 



55 



Whon Jhesus wente, as was his wille, 
vp in to j)at schip ful stille, 
Anon sesed [>at hoge wynde 
And com aaeyn in to his kynde, 
bei }>at in pe schip were, 
Come and worschiped him in-fere, 
Sei^inge al wif) o cri: 
j)ou art godus sone on hi$. tt 
jis is J>e 8trengJ>e of vre gospel, 
As Mon in Englisch tonge mai tel. w 

Orist, }>at euere is so hende, 

In to pe schip he made hem wende, 

whil he laft pat pepul al, 

\>at wif) him was, gret and smal, 

And went vp so In to J>e hülle 

ffor to preye al his fülle. 

be goode gospel ler Jon 

beclaref) openly her anon: 

Jhesus alle j)ing wel kneuh 

Of his owne grete vertu: 70 

whon he ]>at Nouwbur of pepul 

hedde I-fed wel and ful 

wif) so luytel biginnyng, 

To hem hit was a gret wondri/zg; 

bei come, and chese nira bei wolde 

nbr to beo heore kyng bolde: 

And he from bat profre fleyh, 

And so in to pe hui he steih. 

here ensauwple may we take 
worldly worschupe to forsake. 
whil crist in f>at hui abod, 
>e schip a-midde f>e se^ rod, 
>e wynt wox {k> contrarious, 
>e s66 aros anon ful crous; 
>o J>at in J>e schip were, 8r » 
n poynt were to periflehe in-fere. 
So longe as }>ei Jhesu hedde left, 
So longe laste }>e tempest, 
As heore schip (wolde) to-breke 
And neuer a pece wij> o£ur steke. 
J>is is to mene, as we rede, 
trauayl of |>e disciples dede. 
Rouwyng in Contrariusnesse 
Öf beose wyndes more and lesse 
Bitoknej) diuers trauayle »5 
Of holi churche, wif>-outen fayle, 
whuche f>at [>e Apostles goode 
hedden among be worldus flode. 
Ofte {>ei wente pe blastes among 
Of vnclene Spiritus, ful of wrong ; uhi 
Bisiliche f>ei trauavlede heer 
men to bringe to heuene der 
And to be feij> hem to redresse 
Of euer-lastynge rihtwysnesse. 

Ms. hem st. nieu. 



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Proprium Sanctorum des Ms. Venion. 



113 



whuche fei|) and brennyng loue W> 
Petur hedde to god aboue. 
he wende wel bat ilke niht 
Bi kynde |>at he do miht, 
whon he seide 'lord, let me 
On f>eos watres come to {>e; uo 
And {x>u hit bidde, hit is no les, 
Sone schal beos watres sees, 
Or elles \>e bodi schal beo liht 
To come at bi wille ful riht, — 
ffor flesch of his owne kynde I* 5 
Is heui and doneward, as we fynde. 

whon peter wente doun anon 
vppon {)e watres forte gon, 
Anon as he to synke bigon, 
he cried 'saue me, god and mon\ 120 

Brennyng loue and feif) also 
Maad him |>enne saf to go; 
But Monnes owne frelete 
Maad him svnke, as I sey {>e, 
Luttul and luttel, petur, ofte; i£ r » 
bus was he asayed softe. 
To such asayes put he was 
flbrte encrese his feij) in plas, 
And for he schulde not vndurstonde 
bat he was saaf I-brou^t to londe 13° 
Beo wei of his liht prevere, 
Ne for his bolde asay neere, 
Bote bi }>e grete pouwer so good 
Of godus merci, per he stod; 
Neade crist to him I-take kepe, 
he hedde drenched In {>e depe. 
benne hedde he not, sob (to) teile, 
Nedde crist ben, ascaped helle. 

wondur also was hit nouht, 
whon crist in to J)at schip was 
brouht, HO 
ben be wynt wox al stille, 
ffor hit was at his owne wille. 
ffor in to what herte in place 
|>at he entre{> of his grace, 
Alle vioes for to mene i-*f> 
And aduersites vnclene, 
wikked blastes {>at forf strikef) 
he struy^ej) and sechej), as him lykej). 

his Mekenes Is wvde streuwed, 
In vche pouwer of him schewed. 150 
heo £at m |>e schip ]x) were, 
Coome and worschiped god ful dere, 
Siggyng alle wij) o Cri 
*bou art Godus sone on hi$\ 
bei wüste wel bat no mon 
Alihte do J>is dedes j>on, 
But $if hit weore, wi{)-outen drede, 
j>at in him weore J>e godhede. 



148 1. Schede J>. 
Archiv f. n. Sprachen. LXXX1. 



Bo be be biseehing dresset 

Of J>e holy Apostles blesset, *w 

Petur, Poul, vr help }>ei be 

bat we to heuene fynde entre, 

To J)e Joyes bi alle weies 

wherof heore tonges ben made keies. 



Simile est regnum celorum the- 
sauro ab(scondito) (Math. 13, 44 — 52). 

tlhesu crist, to whom we calle, 
Seide to his disciples alle: 
„heuene -kyngdam u , he seide, „is 
liehe 

To tresur hud In feld riche: * 

And a Mon com ouer J>at lond fl 

And f>at ilke tresur fond ; 

he hit helede harde so, 

No mon wolde he teile hit to; 

he wente forj) in J>at stouude, 

»r Joye |>at he hedde hit fouude, 
bat* he hedde sone he solde 
Ana boujte J)at feld, for to holde. 

heuene-kyngdom also lvk is 
To a caffaryng mon, I-wis, 
Goinge aboute for {>e nones i r > 
To seche goode Margari-stones. 
And as he wente aboute anon, 
he fond a precious Margari-ston ; 
he wente and solde al |>at he hadd, 
And bou^te {>at ston wib wille glad. 2° 

heuene-kyngdom is lyk jut 
To a Net in s£e* I-put, 
bat of alle ffiflehes kuynde 
Gedereb in to him muche muynde. 
Whon nit is fuld of f>at {>ing, 
Men anon hit vp drawyng, 

g»i sittinge on pe banke sone 
f £e see, as is to done, 
be goode ffiflehes chese f>ei |>ere 
In to heor vessel, forJ> to bere, ™ 
be wikked {>ei lete not wib hew rest, 
Bote anon {>ei hem out kest. 

Riht so schal hit wende 
whon be world come}) to ende: 
Aungeles schul go out }>ikke, 35 
To parte £e goode from |>e wikke, 
And J>e wikke sende ]>ei schalle 
To endeles fuir, on and alle; 
J>er as schal beo euer wepynge, 
And of TeeJ) Grisbatynge. 40 
vndurstonde *e al bis?" 
„3e u , }>ei seiden, „feyng of bhV. 
To hem he seide wip-outen dere: 
„vche wys techere 

8 



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114 



Proprium Sanctorum des Ms. Venion. 



In heuene-kyngdom, to vndurstonde, 
Is lyk* a good hosebonde, 
bat bringe}) for}) of his tresour 
Cid and newe wij> cpret honour.* 
f>is is J>e strengt of vre gospel, 
As mon in Englisch tonge may tel. & 

DEre bre{>eren, of Renoun 
As ge han herd in bis lessoun 
be heje kyngdom of heuene 
Beo liknet to eorJ)ly Jring euene, 
ffor as muche hit is to schowe 55 
As beo £>e binges [>at we knowe 
To knowlecning we schul be brou$t 
Of Ringes {>at we knowe nou£t. 
beos ensaumples haue we strong, 
Bi Ringes {>at ben here among, «0 
ffor we scholde ha good knowleche 
To Ringes abouen vs forte reche, 
ffor founden sone hit was and kud 
)is ilke tresur J>at was hud. 
)is same tresour founde 65 
>at so was hud in J>e grounde, 
8 monnes good liuynge al; • 
ffrom {>e fend he huide hit schal. 

And hou bat he schal hit huyde, 
I wol gou teile in J>is tyde. 70 
he moste hit huyde in alle {ring 
ffrem eorbly monnes preisyng, 
Leste he heere take his mede 
And so leose al his good dede. 
ffor in f>is lyf |>at nou is, 75 
we }>at go touward heuene-blis 
Aren as we weoren In a wey 
In w$uche ben, sob to sey, 
wikked spiritus, ful of Envye, 
As J>eues liggen in a wey to spye, 80 
Desyring euere, so|> to sey, 
To let vs of vr goode Jurney. 

}>erfore is good f>at alle we 
ffrom Monnes preisyng kept be, 
Leste f>at preysyng bringe in pride, 
To put vs vr gooae wei bi-side. 

Alf bow of Jpi good dede boost, 
bi Mede is luitel, wel bow wost. 
pe goode Clerk seint Gregori 
Seip |)is word ful openli: **) 
'bat mon {>at beref) In eueri stour 
Openly in |>e wey his tresour, 



he desireb of beues in plas 

To beo Kobbed of }>at purchas.' 

J>erfore, bre{>eren, good hit is 
bat we worche so, I-wis, 
pat vr good entencion dwelle 
Euere in priuite to teile. 
But $it ensaumples schal we giue 
To vr neigebors, whil we lyue, 100 
In alle-maner werkes goode 
J>at may beo J>e soules fode — 

But loke |>at we not disire 
worldlich preisyng for vr huyre. 
be feld in wmche bis tresur 

brijt lös 
Is hud, as we radde nou riht, 
hit is j>e techinges more and les 
Euer of heuenlich bisines; 
w$uche byng a Mon bougte to holde, 
And al nis good berfore solde. no 
f)is Mon is he pat wolde forsake 
! lustes and be likynges blake 
f his fleschlicne desires heer, 



And wole bi good kepynge be 
roote "ö 
holde hem euere vndur foote, 
And vndurstonde wol euer-more 
And rule hem aftur gostlv lore. 
And he J>at sullep his goodee 
vchone 

To buiae J>erwib bis precious stone, 

Jmt is he f>at hap take 

And wole for godus loue forsake 

Alle-Maner eorpii j)ing 

}>at he hedde to gret louyng, 

And ojnir likyng nul non haue 125 

But in him \>at mav him saue. 

he sulle{) his Jring for \>e best, 

To bugge J)at prccious ston honest, 

A Mariari-ston buij> he 

fmt vseb {>e werkes of charite. 130 

wij) Charite is good to go, 
And wi{) Chastite also; 
ffor hose vsuf) f>eose tweyn, 
he Rchynet> tofore god, certeyn. 
Bi J>is ston may we |>us conie 136 
Euer-more wif> crist to wone. 
In £at blisse, briht schynynge, 
Jhesu lord vs Jnder bringe. Amen. 



(Schlüte folgt.) 



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Stadien zu William Cowpers Task. 



Die Geschichte der englischen Dichtung von 1730 bis 1832 
hat man in zwei Abschnitte geteilt, die durch das Erscheinen 
von Cowpers Task (1785) getrennt werden. Dieser Umstand 
mu& an sich schon jenem Gedicht eine erhöhte Bedeutung ver- 
leihen. Die so entstandenen Abschnitte in der Geschichte 4 er 
englischen Poesie sind denn auch sehr verschieden voneinander. 
Beim Beginn des ersten Abschnittes beherrscht den englischen 
Parnafs der „areh-versifier" Pope und seine Anhänger. Die kriti- 
sche Schule Popes und Johnsons mit ihrem gekünstelten Stil 
liefert die hauptsächlichsten Werke der englischen Litteratur jener 
Zeit. Bis auf Pope war das Hauptthema der Dichter der Mensch, 
aber dieser Stoff wird ohne Kunst behandelt, und natürliches 
Gefühl wird fast ganz vermifst. Allmählich drangen gänzlich 
neue Elemente in die englische Dichtung ein. Sowohl im Stoff 
selbst, wie in der Behandlung desselben, bemerken wir eine grofse 
Veränderung. Neben dem Menschen bildete nun die Welt der 
Natur eine Fundgrube für die dichterische Phantasie. Schilde- 
rungen aus der Natur nehmen bald eine hervorragende Stelle in 
den poetischen Erzeugnissen des achtzehnten Jahrhunderts ein, 
und ein wahres Naturgefühl macht sich bemerkbar. Thomsons 
Jahreszeiten, die Gedichte eines Gray, Goldsmith und vieler anderer 
enthalten eine Fülle von Schilderungen aus der Natur. Dazu 
kam das mit grofsem Eifer wieder aufgenommene Studium Elisa- 
bethanischer und älterer englischer Dichter. Das grofse Interesse 
an der romantischen Vergangenheit eröffnete der englischen Poesie 
neue Adern, so in Macphersons Ossian, Percys Reliques etc. 

Alle diese neuen Elemente brachten eine vollständige Um- 
wandlung hervor. Der unnatürliche Stil der kritischen Schule 



8* 




11t) 



Studien zu William Cowpers Task. 



wurde allmählich durch einen natürlichen verdrängt. Die Liebe 
zur Natur um ihrer selbst willen, die Liebe zu ländlichen Be- 
schäftigungen und Vergnügungen wurde ein deutlich hervortreten- 
des Element in der englischen Dichtung. Zur selben Zeit machte 
sich auch ein grofses philanthropisches Interesse an der Mensch- 
heit, am Menschen als solchem, bemerkbar. Dasselbe ward haupt- 
sächlich durch die Schriften der französischen Aufklärungsphilo- 
sophen des achtzehnten Jahrhunderts hervorgerufen und bethätigte 
sich praktisch in dem Ankämpfen gegen sociale Ubelstände, wie 
des Sklavenhandels, und in den Bemühungen, die Leiden der 
ärmeren Mitmenschen zu lindern. 

Drei grofse englische Dichter bezeichnen am besten den 
Wendepunkt in der englischen Poesie. George Crabbe, William 
Cowper und Robert Burns müssen in die erste Reihe der Dichter 
ihrer Zeit gestellt werden. Es ist ein bemerkenswerter Umstand, 
wie die Veröffentlichungen ihrer Hauptwerke in der Zeit zusam- 
mentreffen: Crabbes Village 1783, Cowpers Task 1785 und Burns' 
Gedichte 1786. 

Da Cowper in gröfserem Malse als Crabbe oder Burns jene 
neu, entstandene Poesie repräsentiert, so nimmt er mit Recht die 
erste Stelle unter seinen Zeitgenossen ein. Er stellt gleichsam 
das Verbindungsglied dar zwischen Pope und den grofsen Dich- 
tern am Anfang unseres Jahrhunderts : Byron, Wordsworth, Shelley. 
Mit Johnson (f 1784) schliefst eine Periode der englischen Littera- 
tur, mit Cowper beginnt eine völlig neue. Abgesehen von einigen 
kürzeren lyrischen Gedichten, die zu den Perlen englischer Lyrik 
gehören, beruht Cowpers Ruhm fast allein auf seinem grofsen 
Lehrgedicht The Task. 

Zum vollen Verständnis desselben ist es nötig, einen kurzen 
Blick auf des Dichters Lebensgang zu werfen. 

William Cowper stammte aus* angesehener Familie. Sein 
Grofsonkel, nach welchem uuser Dichter seinen Namen erhielt, 
war der whigistische Lordkanzler unter der Königin Anna und 
Georg I. Sein Vater, Rev. John Cowper, war Kaplan Georgs EE. 
Geboren wurde unser Dichter am 26. November 1731 im Pfarr- 
hause zu Berkhampstead. Mit hohen Geistesgaben ausgestattet, 
besafs er schon frühzeitig einen aufserordentlich hohen Grad von 
Empfindsamkeit und Reizbarkeit, der ihn öfter an den Rand des 
Wahnsinns brachte. Sein ganzes Wesen war daher ein krank- 




Studien zu William Cowpers Taf*k. 



117 



haften und gedrücktes und erlaubte ihm nie, dauernd eine gei- 
stige Beschäftigung einzuschlagen. Daher lebte er fast stets in 
einsamer ländlicher Zurückgezogenheit. 

In seinem sechsten Lebensjahre verlor er seine Mutter, der 
er sein ganzes Leben hindurch eine rührende Anhänglichkeit be- 
wahrte. Nachdem er alle Ubelstände und Mängel des damaligen 
englischen Privatschullebens durchgekostet hatte, wurde er auf 
die berühmte Westminster Schule geschickt, wo er eine gründliche 
klassische Bildung erwarb. Mit achtzehn Jahren verliefs er diese 
Anstalt, um sich dem Rechtsstudium zu widmen, das heifst bei 
einem Attorney die juristische Praxis zu erlernen. Zu diesem 
Studium wurde er nicht durch eigene Neigung, sondern durch 
den Wunsch seines Vaters veranlafst. Nach beendigtem Studium 
nahm er seinen Wohnsitz im Temple und begaun hier nebenbei 
litterarisch und poetisch thätig zu sein. In diese Zeit fällt auch 
das unglückliche Liebesverhältnis zu seiner Cousine Theodora 
Cowper, die er unter dem Namen Delia besang. Der Vater der 
jungen Dame verhinderte die Heirat, wodurch Cowpers Geistes- 
zustand nur noch verbitterter und sensitiver wurde und nach 
dem Tode seines Vaters sogar in völlige Geistesgestörtheit 
ausartet«. In diesem beklagenswerten Zustand fafste er allen 
Ernstes Selbstmordgedanken. Er wurde in die Irrenanstalt des 
Dr. Cotton in St. Albans gebracht, wo er achtzehn Monate ver- 
blieb, um dann als geheilt entlassen zu werden. Dieser, Dr. Cotton, 
war ein sehr frommer und gottesfürchtiger Mann, der mit seinen 
Patienten viel religiösen und erbaulichen Verkehr unterhielt. Kein 
Wunder, dafs Cowpers tiefreligiöse Beanlagung sich immer mehr 
von der Welt abwandte und er zu selbständigen Produktionen 
zum Lobe Gottes in Gestalt von Hymnen etc. veranlafst wurde. 
Nach seiner Wiederherstellung nahm Cowper auf Veranlassung 
seines Bruders John in Cambridge seinen Wohnsitz in dem kleinen 
Städtchen Huntingdon an der Ouse, wo er sich bald an die 
Familie des dortigen Pfarrers Unwin anschlols und seine Zeit 
am liebsten mit religiösen Übungen verbrachte. Nach dem Tode 
des Pfarrers zog Cowper mit Mrs. Unwin nach Olney in Bucking- 
hamshire, auf Einladung des dortigen Dorfgeistlichen Mr. Newton. 
Hier führten Cowper und Mrs. Unwiu, mit welcher ihn eine 
warm empfundene Freundschaft verband, ein beschauliches Leben 
in ländlicher Einsamkeit. Daneben beschäftigte sich der Dichter 



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118 



Studien zu William Cowpers Task. 



gern im Freien mit Gartenarbeit und der Pflege seiner Haus- 
tiere, zu denen auch seine drei Hasen gehörten, welche ihm ein 
Freund zum Geschenk gemacht hatte. Er hat dieselben später 
in seinem Hauptgedicht besungen. — Indessen Mrs. Unwin er- 
kannte recht wohl, dafs das, was Cowper am meisten bedurfte, 
eine seinem Geist« angemessene Beschäftigung sei. Daher riet sie 
ihm, sich auf dem Gebiet der Dichtkunst zu versuchen, und gab 
ihm als Thema The Progress of Error. Dies war zwar keines- 
wegs eine glückliche Wahl, denn ein solch düster angelegter Geist 
wie der Cowpers konnte nur zu leicht in seine frühere Krank- 
heit zurückfallen, wenn er über ernste religiöse und moralische 
Fragen nachgrübelte. Nichtsdestoweniger entledigte sich der 
Dichter seiner Aufgabe und schrieb eine Reihe moralischer Satiren, 
alle in gereimten Couplets. Ihre Titel lauten : Table Talk, Tmth, 
Expostulation, Hope, Charity, Conversation, Retirement. Sie er- 
schienen in einem Baiide 1782 und erregten begreiflicherweise 
wenig Aufsehen. Nicht nur war der Stoff an sich uninteressant 
— die Critical Review nannte Cowpers Satiren „a dull sermon in 
very indifferent verse on grave subjects" — , auch die Form ist 
nichts weniger als ansprechend. Abgesehen von den häufig 
fehlerhaften Reimen ist Cowpers Satire an sich oft ungerecht 
und verfällt in Tadelsucht, ein Fehler, den wir auch in seinem 
Hauptgedicht wahrnehmen werden. 

Das einsame Leben unseres Dichters wurde im Jahre 1781 
unterbrochen durch den Besuch der Lady Austen. Diese heitere, 
lebhafte Dame, welche lange Zeit in Frankreich gelebt hatte, 
kam zu ihren Verwandten bei Olney zu Besuch und machte die 
nähere Bekanntschaft Cowpers, mit welchem sie bald täglich zu- 
sammenkam, da sie eine grofse Zuneigung für ihn gefafst hatte. 
Wenn düstere Stimmung sich des Dichters bemächtigte, scheuchte 
sie dieselbe durch ihre lebhafte Unterhaltung hinweg. So wurde 
sie auch durch ihre Erzählungen die Veranlassung zu Cowpers 
Ballade John Gilpin, welche ihn in ganz England berühmt machte. 
Derselben Lady Austen verdanken wir auch Cowpers Hauptwerk 
The Task. Öfters hatte sie ihn aufgefordert, etwas in Blankverse 
zu dichten, und als er sie um ein Thema ersuchte, nannte sie 
ihm The Sofa, daher der Titel des Ganzen The Task. Der 
Dichter hat den Titel seines Werkes gerechtfertigt in einem Briefe 
an Mr. Newton, unterm 13. Dezember 1784: „As to the title 




Studien zu William Cowpers Task. 



119 



I take it to be the best that is to be had. It is not possible 
that a book including such a variety of subjects, and in which 
no particular one is predominant, should find .a title adapted to 
them all. In such a case it seemed almost necessary to acconio- 
date the name to the incident that gave birth to the poem. u 

Lady Austen war unstreitig weit glucklicher in der Wahl 
eines Stoffes für Cowper gewesen als Mrs. Unwin, zumal Sofas 
zu jener Zeit noch nicht sehr üblich waren. Cowper befolgte 
den Rat, und da er sich immer mehr in sein Werk vertiefte und 
weiter abliegende Dinge in den Kreis seiner Besprechung zog, 
so entstand schliefslich ein sehr umfangreiches Werk. Das Ge- 
dicht wurde im Sommer 1783 begonnen und innerhalb eines 
Jahres vollendet. Es verschaffte dem Dichter sofort den ersten 
Rang unter den Schriftstellern seiner Zeit. Das neue Werk wurde 
im Juni 1785 veröffentlicht, zugleich mit kleineren Gedichten, 
nämlich seinem Tirocinium or a Review of schools und seiner 
berühmten Ballade John Gilpin. Es hatte einen glänzenden Er- 
folg, und schon 1786 wurde eine zweite Auflage nötig, welcher 
Cowpers moralische Satiren beigefügt waren. Diese letzteren wür- 
den zweifellos nicht die Ehre einer zweiten Auflage erlebt haben, 
wenn nicht The Task dieselben vor dem Vergessenwerden ge- 
rettet hätte. 

Noch wahrend der Abfassung seines Hauptwerkes kam es 
zwischen dem Dichter und der geistigen Urheberin des Werkes, 
Lady Austen, zu einem plötzlichen Bruch, infolgedessen letztere 
Olney gänzlich verliefs. 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen über das Leben des 
Dichters und die Entstehung seines Hauptwerkes können wir 
uns diesem selbst zuwenden. Das Gedicht zerfällt in sechs 
Bücher: The Sofa, The Timepiece, The Garden, The Winter 
Evening, The Wintet Morning Walk, The Winter Walk at noon. 
Natürlich beziehen sich diese Titel nur auf kleine Abschnitte 
jedes Buches. Der Dichter behandelt in ihnen eine ungeheure 
Mannigfaltigkeit von Gegenständen, indem er, oft ohne den ge- 
ringsten Übergang, von einem zum anderen überspringt. Religion, 
Politik, sociale und philosophische Fragen, selbst Gartenbaukunst 
behandelt der Dichter in gleich eingehender Weise. Man kann 
nicht sagen, dafs sich ein durchgehender Faden in dem ganzen 
Werk verfolgen läfst, obwohl die Tendenz, ein beständiges Lob 



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120 



Studien zu William Cowpere Task. 



des zurückgezogenen Lebens auf dem Laude, „as most friendlv 
to piety and virtue*, nicht zu verkennen ist. Cowper selbst 
sagt : „If the work cannot boast a regulär plan (in which respect, 
however, I do not think it altogether indefensible), it may yet 
boast, that the reflections are naturally suggested always by the 
preceding passage, and that, except in the 5 th book, which is 
rather of a political aspect, the whole has one tendency, to dis- 
countenance the modern enthusiasin after a London life, and to 
reeommend rural ease and leisure as friendly to the cause of 
piety and virtue. tt Es läfst sich allerdings kaum behaupten, dafs 
die Betrachtungen des Dichters sich immer notwendig aus dem 
Vorhergehenden ergeben. Die Benutzung von Sofas durch gicht- 
brüchige Leute führt ihn zu denen, welche frei von Gicht keine 
Sofas nötig haben, und weiter zu ländlichen Spaziergängen und 
zum Landleben im allgemeinen. Die amphitheatralische Auf- 
stellung der Pflanzen in einem Gewächshause bringt ihn auf die 
Theater zu sprechen. Auch kann man es keinen natürlichen 
Übergang nennen, wenn der Dichter von den Eiszapfen am Dach 
eines Hauses übergeht zu dem von einer russischen Kaiserin er- 
bauten Eispalast in St. Petersburg und dann fortfährt, sich über 
Despotismus und Politik im allgemeinen auszulassen. 

Uberhaupt verweilt der Dichter nie lange bei einem Gegen- 
stand. Sein Thema schwindet ihm unter der Hand, und alle 
möglichen Gegenstände, besonders aber Naturobjekte, werden von 
ihm besprochen, ohne dafs er sich an sein eigentliches Thema 
wieder erinnerte. The Task führt uns hauptsächlich des Dichters 
eigenes Leben vor. Sein Leben auf dem Lande, sein Hau6, seine 
Freunde, seine Gedanken auf seinen Spaziergängen, die friedliche 
Landschaft an der Ouse, das Leben der Armen in seiner nächsten 
Umgebung — alles das wird uns in lebendiger Weise vor Augen ge- 
führt. Dazu kommen Erörterungen über politische und sociale Dinge 
und schliefslich eine Prophezeiung über den Sieg des Himmelreichs. 

Cowper ist recht eigentlich der Sänger des häuslichen Lebens 
und häuslichen Glückes. Wir finden in seinen Gedichten zahl- 
reiche hübsche Genrebilder, welche Ereignisse und Beschäftigun- 
gen des alltäglichen Lebens, ländliche Scenerien etc. in anschau- 
lichster Weise schildern. Neben den vielen Stellen der Task, 
welche von ländlichen und häuslichen Dingen handeln, enthält 
das Gedicht eine starke Beimischung von Satire und moralischer 



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Studien zu William Cowpers Tusk. 



121 



Betrachtung. Es enthält einen ununterbrochenen Protest nicht nur 
gegen die gebräuchlichen Laster und religiöse Gleichgültigkeit, 
sondern auch gegen die Hartherzigkeit der Welt. Cowpers empfind- 
same Natur offenbart sich nicht nur in einer intensiven Liebe 
zur Menschheit, sondern erstreckt sich auch auf die Tierwelt. 
So fuhrt der Dichter ein neues Element in die englische Littera- 
tur ein, die Liebe zu den Tieren und ihre Beziehungen zum 
Menschen. 

The heart is hard in nature, and unfit 

For human fellowship, as being void 

Of sympathy, and therefore dead alike 

To love and friendship both, that is not pleased 

With sight of animals enjoying lifo, 

Nor feels their happiness augment his own. (VI, 321 ff.) 

Und an einer anderen Stelle: 

I would not enter on my list of friends 

(Though graced with polished manners and fine sense, 

Yet wanting sensibility) the man 

Who needles8ly sets foot upon a wonn. (VI, 560.) 

Einsamer Verkehr mit der Natur und warme Liebe zu ihr 
ist der Grundzug in Cowpers Task. Er ist der erste Dichter, 
welcher die Natur um ihrer selbst willen liebt. Wir erfahren 
aus seinem Gedicht die geringfügigsten Einzelheiten seines länd- 
lichen Stilllebens in Olnev. Wir begleiten den Dichter gleichsam 
auf seinen Spaziergangen mit Mrs. Unwin und glauben selbst alle 
Gegenstände, welche der Dichter schildert, mit eigenen Augen 
zn sehen. So gewinnt die ganze I^andschaft um Olncy, die sonst 
zu den reizlosesten Gegenden Englands gehört, Leben von der 
Hand des Dichters. Ländliche Töne treffen unser Ohr. Der 
Gesang vieler tausend Vögel, besonders der Nachtigall, das Ge- 
krächze der Raben, sogar das Geschrei der Eule, welche den 
aufgehenden Mond begrüfst, übt auf den Dichter einen besonderen 
Reiz aus. Vergl. I, 197 ff., VI, 315 ff. 

Auf einem kleinen Hügel stehend, schildert der Dichter die 
vor ihm sich ausbreitende Landschaft in anschaulicher Weise. 
Die znr Weide ziehende Schafherde, der schwerbeladene Ernte- 
wagen — alles erregt des Dichters Interesse und Teilnahme. 
Wir begleiten ihn in den schattigen Wald, der mit seinem grünen 
Laubdach einen angenehmen Zufluchtsort vor den Strahlen der 



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122 



- Studien zu William Cowpers Task. 



Sonne gewährt. Der Landmann bei der Arbeit regt den Dichter 
zu Betrachtungen auf socialem Gebiete an. Er vergleicht ihn 
mit dem Reichen, dem all sein Reichtum keinen gesunden Schlaf 
schaffen kann. Eingedenk des Wortes „Im Schweilse deines 
Angesichts sollst du dein Brot essen", ruft er aus: 



Keine Gelegenheit läfst der Dichter vorübergehen, seine 
satirische Geifsel ül)er die Schäden und Gebrechen der Welt zu 
schwingen. Durch da« ganze Gedicht hindurch finden wir Schilde- 
rungen von Naturscenerien, vermischt mit satirischen und didakti- 
schen Stellen, aber immer kehrt der Dichter zu seinem Lieblings- 
thema, dem Lob der Reize des Landlebens, zurück. 1 

Von Jugend auf liebte es Cowper, in Feld und Wald umher- 
zustreifen, und er freut sich, dafs das Alter nicht im stände 
gewesen ist, seine Liebe zur Natur und zu Arbeiten im Freien 
zu vermindern. 



Or charmed me young, no longer young, I find 

Still soothing and of power to charm me still. (I, 141.) 

Unbegreiflich scheint es ihm, dafs es Leute giebt, welche 
die Werke eines Künstlers denen der Natur vorziehen. 

Lovely indeed the mimic works of Art, 
But Nature's works far lovelier . . . 
. . . Imitative strokes can do no more 

Than please the eye — gweet Nature every sense. (I, 420 ff.) 

Aus dem dritten Buch, The Garden, erfahren wir, wie der 
Dichter seine Zeit hinbringt. Alle seine kleinen Gartenarbeiten, 
wie das Beschneiden der Pflanzen, die Pflege der Blumen und 
Tiere etc. werden sorgfältig aufgezählt. In dem Bewufetsein, 
dafs das Leben nur ein Darlehen ist, welches wir mit Zinsen 
zurückzahlen müssen, will er den gröfst möglichen Nutzen daraus 
ziehen. Auch ein so einförmiges, zurückgezogenes Leben, wie es 
Cowper führte, verlangt doch die Erfüllung so mancher kleiner 
Pflichten und gewährt eine hohe Befriedigung, wenn auch andere 



1 Vergl. auch Retirement 190 ff*. 



Come hither, ye that press your beds of down 
And sleep not; see him sweating o'er his bread 
Before he eats it (I, 362.) 



scenes that soothed 




Studien zu William Cowper« Ta»k. 



ihn trage schelten mögen. Bei schlechtem Wetter, wenn kein 
Aufenthalt im Freien möglich, wird der Tag mit religiösen Übun- 
gen, mit Lektüre etc. verbracht* Cowper besitzt eine ausgedehnte 
Pflanzenkenntnis. Er ist ein aufmerksamer Beobachter alles 
dessen, was in der Natur vor sich geht. Nicht nur beschreibt 
er uns Blumen und Bäume, wenn er sie in Blüte sieht, sondern 
im „Winter w T alk at noon" sieht er sie in seinem Geiste ganz so, 
wie sie im kommenden Sommer sein werden. 

Indessen nicht nur im Sommer ist das Landleben schön und 
angenehm, sondern ebenso sehr im Winter. Die drei letzten 
Bücher der „Aufgabe" sind voll von Schilderungen des Land- 
lebens im Winter. Wiederum begleiten wjr den Dichter auf seinen 
Spaziergängen und beobachten die Natur am Morgen um Sonnen- 
aufgang, wie am hellen Mittag. Die alltäglichsten Dinge erregen 
unser hohes Interesse, während wir mit dem Dichter weiterschrei- 
ten. Feld und Wald werden von den Strahlen der aufgehenden 
Wintersonne vergoldet, die Tierwelt beginnt sich zu regen, das 
Federvieh — the feathered tribes domestic — eilt auf den wohl- 
bekannten Ruf der Hausfrau zum Füttern herbei. Wir sehen 
die Rinder, welche ihr Futter erwarten 

In unrecumbent sadness, not like h ungering man, 

Fretful if unsupplied, but silent, meek, 

And patient of the elow-paced swain's delay. 

He from the stack carves out the accustomed load, 

Deep-plunging, and again deep-plunging oft, 

His hroad keen knife into the solid mass. (V, 30 — 36.) 

Weiter gewahren wir den Förster dem Walde zuschreitend 

with pipe in mouth and dog at heels. 

Alles um uns herum ist mit Schnee bedeckt. Die Flüsse 
tragen eine dicke Eiskruste, und die Bäume des Waldes gewähren 
mit ihren zahllosen Eiszapfen einen gar seltsamen Anblick. In 
diesen grotesken Gebilden ist die Natur bewundernswerter als 
alle Schöpfungen von Menschenhand, selbst als der im Jahre 1740 
erbaute prächtige Eispalast in Petersburg. — Je weiter sich die 
Sonne ihrem höchsten Stande nähert, desto mehr weicht der helle, 
klare Morgen einem prächtigen Mittage. Der Himmel ist wolken- 
los; die Wälder, obgleich ohne ihr gewöhnliches Aussehen, haben 



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124 v 



Studien zu William Cowpers Task. 



dem Dichter doch einen Pfad übrig gelassen, dessen Ruhe ihm 
zu allerlei Betrachtungen Mufse gewährt. 

No noise is here, or none that hindere thought (VI, 76.) 

Der alleinige Bewohner des Waldes zu dieser Zeit ist das 
zwitschernde Rotkehlchen, aber dieses stört den Dichter nicht. 

Stillness, accompanied with sounds so soft, 
Charms more than silence. (VI, 83.) 

Die in der Ferne ertönenden Glocken der Dorfkirche er- 
innern den Dichter an vergangene Zeiten. Gern möchten wir 
Zeiten, von denen wir einen schlechten Gebrauch gemacht haben, 
zurückrufen, um sie mit besseren Vorsätzen von neuem zu durch- 
leben und das Glück zu gewinnen, das wir durch eigene Schuld 
verloren haben. Gern möchten wir einen lieben Vater oder eine 
teure Mutter von den Toten zurückrufen. Vielleicht enthalten 
die Verse VI, 30 — 42, eine Anspielung auf des Dichters eigenen 
Vater, der im Jahre 1756 starb. Cowper scheint zu bedauern, 
dafs er seinen Vater nicht so geliebt, wie er ihn hätte lieben 
sollen. 

Die uns umgebende Natur kann uns mehr lehren, als es 
Bücher im stände sind, denn Bücher üben oft einen schädlichen 
Einflufs aus auf einen gedankenlosen Menschen. 

But trees, and rivulets whose rapid course 

Defies the check of winter, haunts of deer, 

And sheepwalks populous with bleating lambs, 

And lanes in which the primrose ere her time 

Peeps through the moes that clothes the hawthorn root, 

Deceive no Student (VI, 109 ff.) 

Auf dem Lande kann die Natur am besten erfafst werden. 
Ein aufmerksamer und sorgfältiger Beobachter der Natur wird 
immer etwas Neues findeu, das sein Interesse erregt. In seiner 
ländlichen Einsamkeit wandert der Dichter unbelästigt einher, 
unbekümmert um Frost und Hitze. Hier stört kein Unberufener 
seine Freude, seine einzigen Gefährten sind Glieder des Tier- 
reichs. Der Hase, die wilde Taube, das Eichhörnchen fürchten 
ihn nicht, denn sie wissen, dafs er ihr Freund ist. Cowpers 
warme Liebe zur Tierwelt ist bereits erwähnt worden. Er giebt 
uns einen Bericht über das Verhältnis zwischen Mensch und 



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Studien zu William Cowpers Task. 



125 



Tier. Bei der Schöpfung machte Gott den Menschen zum Herrn 
und Herrscher der Erde, unumschränkt in seiner Macht, nur 
dem Gesetz der allgemeinen Liebe unterworfen. Furcht war 
unbekannt, da die Tiere gern ihrem Herrn gehorchten. Aber die 
Sünde zerstörte die Eintracht, und der Mensch ward aus dem 
Paradiese vertrieben. Die Tiere flohen nun vor dem Aufenthalts- 
ort des Menschen oder trotzten ihm, um ihm Furcht einzujagen. 
Damals wurde der Same der Grausamkeit in die menschliche 
Natur gelegt. 

Hence date the persecution and the pain, 

That man inflicts on all inferior kind. (VI, 384.) 

Vögel und vierfüfsige Tiere wurden getötet oder gemartert, 
um des Menschen Lust und Gier zu befriedigen. Die Erde 
seufzte unter den Schrecknissen eines Krieges gegen die waffen- 
lose Unschuld. Die glücklichsten Tiere sind diejenigen, dereu 
Aufenthalt dem Menschen unbekannt ist, die in der Wildnis 
hausen, wo der Fuls des Menschen nicht eindringen kann. 

In measure, as by force of instinct drawn, 
Or by necessity constrained, they live 
Dependent upon man. (VI, 412.) 

Doch der Mensch verkauft seinen Schutz teuer. Zeugen 
hierfür, sagt der Dichter, sind der Hund, der um eines leichten 
Vergehens willen gemartert wird; der Ochse, der zur Sohlacht- 
bank geführt wird, und das schnelle Rennpferd, das vor Ermat- 
tung zusammenbricht, wenn es das Ziel erreicht. Aber wenn 
auch der Mensch mit den armen Tieren kein Erbarmen hät, 
Gott im Himmel macht ihn für seine Grausamkeiten verantwort- 
lich, um ihn daran zu erinnern, dals auch die geringsten Tiere 
in seiner Hut stehen. Wenn auch Gott dem Noah, und durch 
ihn der ganzen Menschheit, das Eecht gab, sich von dem Fleisch 
der Tiere zu nähren, so begünstigte er doch nicht ein sinnloses 
Morden zur Befriedigung der Lust. 



Die Tiere verdienen unsere Liebe und Sorge. Sie hängen 
nicht in höherem Mafse vom Menschen ab als wir von ihnen. 
Ihr Leben sollte nicht nutzlos vernichtet werden; nur die durch 
ihr Gift gefährlichen Tiere mögen getötet werden. 



Carnivorous through sin, 

Feed on the slain, but spare the living brüte. (VI, 457/ 




126 



Studien zu William Cowpere Task. 



If man's convenience, health, 

Or safety interfere, his rights and claimß 

Are paramount, and must extinguish theirs. 

Else they are all — the meanest things that are — 

As free to live and to enjoy that life, 

As God was free to form them at the first. (VI, 581.) 

Wenn wir nicht zu stolz wären, könnten wir viel nützliehe 
Eigenschaften von den Tieren lernen: Zuneigung, unverbrüchliche 
Treue und Dankbarkeit für geringe Wohlthaten „lasting as the 
life and glistening even in the dying eye u . (VI, 630.) Cowpers 
Gefühl empört sich bei dem Gedanken, dafs es Leute giebt, welche 
Felder und Wälder nur der Jagd halber lieben, ein Vergnügen, 
das er aufs heftigste verdammt. Detested sport, that owes its 
pleasures to another's pain! (III, 326.) Er ist stolz darauf, seine 
Hasen vor der Verfolgung des Jägers gerettet zu haben. In 
reizender Weise erzählt er uns, wie es ihm gelungen ist, diese 
furchtsamen Tiere an die menschliche Gesellschaft zu gewöhnen 
und sie zu seinen häuslichen Gefährten zu machen. (III, 334 ff.) 
Seine grolse Liebe zu den Tieren ist durch das ganze Gedicht 
wahrnehmbar. Während andere ihre Mitmenschen verherrlichen, 
preist unser Dichter die Natur und ländliche Freuden. 



And I, contented with an humble theme, 

Have poured my stream of panegyric down 

The vale of nature, where it creeps and winds 

Among her lovely works with a secure 

And unambitiou8 course, reflecting clear 

If not the virtues, yet the worth, of brutes. 

And I am recompensed, and deem the toils 

Of poetry not lost, if verse of mine 

May stand between an animal and woe, 

And teach one tyrant pity for his drudge. (VI, 719 ff.) 



Wahrhaftig! Solche Poesie ist des gröfsten Lobes wert, 
und der Dichter verdient in vollem Mafse die hohe Stelle, welche 
er unter den Dichtern seiner Zeit einnimmt. 

Noch eine andere Seite ländlichen Stilllebens führt uns 
Cowper in höchst anziehender Weise vor Augen, nämlich die 
Winterfreuden im Zimmer, und vor allem die Reize eines Winter- 
abends. Wenn auch der Winter die Stunden des Sonnenscheins 
verkürzt, so entschädigt er doch den Menschen für diesen Ver- 
lust durch einen längereu geselligen Verkehr am Abend. O Win- 




Studien zu William Cowpere Task. 



127 



ter! ... I love thee, all unlovely as thou seemest And dreaded 
as thou art. (IV, 128.) Er freut sich des gemütlichen Winter- 
abends, wo er mit seinen Freunden am traulichen Herd sitzt 
und seinen aufmerksamen Zuhörern aus der Zeitung vorliest, 
welche der Postbote hineingeworfen hat 

Now stir the fire, and close the shutters fast* 

Let fall the curtains, wheel the sofa round, 

And while the bubbling and loud hissing urn 

Throws up a steamy column, and the cupe * 

That cheer but not inebriate, wait on each, 

So let us welcome peaceful everiing in. (IV, 36 ff.) 

Welch ein lebendiges, anschauliches Bild ist dies! 

Eine Reihe ganz neuer Bilder beginnt mit dem vierten Buch, 
vielleicht dem besten von allen. Das Interesse an der lebendigen 
Schilderung des Dichters erschlafft nie. Die Ankunft des Post- 
boten „with spattered boote, strapped waist, and frozen locks u , 
das trauliche Wohnzimmer mit den dicht zugezogenen Gardinen, 
der dampfende Theekessel, das Vorlesen aus dem Buch, die Zei- 
tung, durch welche wir einen Blick in die unruhige Welt werfen 
— alles dies sind einzelne Bilder, die uns der Dichter mit 
freudigem Behagen vorführt. Leicht erkennen wir den kleinen 
Familienkreis in Olney: Cowper in seine Zeitung vertieft, Mrs. 
Unwin mit Handarbeit beschäftigt und Lady Austen auf dem 
Klavier spielend. Dann nach dem Abendbrot vereinigen sich 
alle drei zum gemeinsamen Gebet und singen Hymnen zum Lobe 
Gottes, gerade so, wie es uns Cowper in seinen Briefen au seine 
Cousine Lady Hesketh erzählt. 

Durch die Zeitung wird der Dichter von den Vorgängen in 
der Aufsenwelt unterrichtet, ohne doch im Bereich ihrer Gefah- 
ren zu sein. Der Lärm des Krieges erreicht ihn nicht in seiner 
stillen Abgeschlossenheit. 

Tis pleasant through the loopholes of retreat 
To peep at euch a world; to see the stir 
Of that great Babel, and not feel the crowd; 
To hear the roar she sends through all her gates 
At a safe dietance. (IV, 88 ff.) 

Die gewöhnlichen Abendunterhaltungen der Welt, wie Theater- 
besuch/" Kartenspiel etc. sind für Cowper kein Bedürfnis'. Er 
verbringt die Winterabende in angenehmer Weise mit seinen 




128 



Studien zu William Cowpers Task. 



Freunden, mit Büchern, mit Musik und Dichten; auch hilft er 
wohl deu Damen in ihren häuslichen Angelegenheiten. 

Natürlich nimmt der Dichter auch Veranlassung, sein ein- 
sames Landleben mit dem Stadtleben im allgemeinen zu ver- 
gleichen. Hiermit kommen wir auf das satirische und didaktische 
Element in der Task zu sprechen, welches in dem Gedicht einen 
mindestens ebenso grofsen Raum einnimmt als die Schilderungen 
ländlicher Scenerie und ländlichen Stilllebens. Des Dichters 
satirische Ader öffnet sich, sobald sich auch nur die geringste 
Gelegenheit bietet. Cowpers Satire entspringt aus dem innigen 
Wunsch, die menschliche Gasellschaft besser zu machen. Wohl 
ist er sich bewufst, dafs er — to fame so little known, Nor 
conversant with men and manners much (III, 23) — nicht viel 
Aussicht hat, die Welt durch seiue satirischen Streiche zu bessern ; 
dafs es besser für ihn wäre, seine ländliche Zurückgezogenheit 
ohne Rücksicht auf die Welt draufsen zu genieften; aber er 
wünscht wenigstens alles zu thun, was in seiner Macht steht, um 
einen besseren Zustand herbeizuführen. 

Cowpers Satire ist im ganzen zu hart und streng. Er ver- 
urteilt fast alles, was nicht dieselbe Einfachheit und Sittenreinheit 
besitzt wie der kleine Kreis, der seine Umgebung bildet. Cowper 
besitzt zweifellos ein grofses satirisches Talent, aber er wendet 
es häufig falsch an und verfällt leicht in kleinliche Tadelsucht. 
Ein Hauptfehler Cowpers ist es, dafs er sich anmalst, über seine 
Mitmenschen zu Gericht zu sitzen. Dies hätte er noch eher thun 
dürfen, wenn er die Welt und die Menschen aus eigener Erfah- 
rung kennen gelernt hätte. Allem dies war durchaus nicht der 
Fall. 1 Er sah, was in der Welt vorging, nur „through the loop- 
holes of his retreat", durch die Spalten seiner Zeitung. Dafs 
die Welt draufsen schlecht und verderbt ist, dafs die Städte 
die Sclilupfwinkel von allerhand Lastern und Übeln sind, und 
dafs deshalb das Stadtleben für den Menschen nachteilig ist — 
sind Behauptungen, denen wir sowohl in Cowpers moralischen 
Satiren, wie auch in der Task fortwährend begegnen. Der Ver- 
gleich zwischen dem Landleben und dem lieben in der Stadt 



1 Ein Hauptbiograph Cowpers, Goldwin Smith, sagt von ihm p. 72: 
To him the world was little more than an abatraction, distorted, moreover, 
and discoloured by his religious asceticism. 




Studien zu William Cowpere Task. 



129 



wird häufig von dem Dichter angestellt und endet natürlich 
immer zu Gunsten des erste ren. 



Ähnliche Stellen in der Task III, 721—740, und die be- 
rühmte Stelle I, 749 ff.: God made the country, and man made 
the town. Letztere Behauptung ist sehr charakteristisch für 
unseren Dichter. Er schliefst daraus mit Notwendigkeit, dafs 
Tugend, Gesundheit, alles was das Leben angenehm macht, haupt- 
sachlich auf dem Lande zu finden sei; dafs dagegen Laster und 
Verbrechen meist in den Städten zu Hause seien. Vor allem 
wendet sich der Zorn des Dichters gegen London, the great 
Babel, welches er für verderbter hält, als Sodom in alten Zeiten 
war. Wenn er auch eingesteht, dafs z. B. Philosophie und Natur- 
wissenschaft am besten in London gedeihen, dafs London der 
Mittelpunkt des Handels und durch die Vervollkommnung der 
Künste die schönste Hauptstadt der. Welt ist, so ist es doch 
by riot and incontinence the worst. (I, 699.) 

0 thou! [London] resort and mart of all the earth, 
Chequered with all coraplexions of mankind, 
And spotted with all crimes; in whom I see 
Much that I loye, and more that I admire, 
And all that I abhor. (HI, 835 ff.) 

Alle Laster finden sich in London. Es herrscht keine Zucht 
dort, und die Gesetze werden umgangen. Die kleinen Diebe 
werden strenge bestraft, während die grofsen Betrüger frei aus- 
gehen. Der Dichter spielt dabei (I, 737) auf Lord Clive, den 
berühmten Eroberer Indiens, an. Wenn auch das Stadtleben 
seine grolsen Ubelstände hat, so kommt doch gerade aus der 
Stadt alles, was das Landleben angenehm macht und verfeinert. 
Sehr viele Annehmlichkeiten würden ohne die Stadt nicht exi- 
stieren. Cowper selbst wäre gewifs nicht gern ohne seine Bücher, 
ohne die Zeitung oder ohne seinen Morgentrunk — the fragrant 
lymph (HI, 391) - — gewesen. Seine Behauptungen, dafs ein 
zurückgezogenes Leben der Tugend günstiger sei als ein thaten- 
reiches Leben, dafs Gott das Land schuf und der Mensch die 
Stadt — diese Behauptungen sind unwahr. Im Gegenteil, ein 

\ r chiv f. n. Sprachen. LXXXI. 9 



The tide of life, swift always in its course, 

May run in cities with a brisker force. 

But nowhere with a current so serene, 

Or half so clear, as in the rural scene. (Retirement 453.) 




ISO 



Studien 211 William Cowpers Task. 



thatenvolles lieben ist einem unthätigen lieben in der Einsamkeit 
weit vorzuziehen, und die Kultur ist weit mehr entwickelt in 
der Stadt als auf dem Lande. 

Cowper beklagt den schlimmen Zustand der Welt, und be- 
sonders Englands. 



In früheren Zeiten herrschten Tugend und Ehrlichkeit unter 
den Menschen, aber jetzt sind diese von dem Laster und der 
Lüge verdrangt worden. Vergnügungs- und Gewinnsucht sind 
jetzt die regierenden Götter auf Erden. England hat seine 
frühere Sittenreinheit verloren; selbst englische Tapferkeit ist 
erloschen, und das Land ist verderbt von oben bis unten. Trun- 
kenheit, Mord, Laster, von denen man früher nie gehört, sind 
jetzt alltagliche Dinge geworden. 1 Verschwendung und Ver- 
weichlichung üben verhängnisvolle Wirkungen auf die öffentlichen 
Angelegenheiten aus. 

Cowpers Zusammenhang mit den philanthropischen Bewegun- 
gen seiner Zeit zeigt sich in seiner glühenden Verteidigung der 
Freiheit und seiner energischen Verurteilung des Sklavenhandels. 
Er beklagt die vielen Kriege, welche unter den Völkern geführt 
werden. Die Menschheit sollte eine grofse Brüderschaft bilden. 
Allein der Mensch hält sich für berechtigt, seinen Mitmenschen, 
von anderer Hautfarbe wie er selbst, als Sklaven zu benutzen. 
Er legt ihn in Ketten und zwingt ihn, die Arbeit der Tiere zu 
verrichten. Cowpers ganze Natur empört sich gegen solche 
Grausamkeiten. 

I would not have a slave to tili my grountl, 

To carry me, to fan me while I sleep, 

And tremble when I wake, for all the wealth 

That 8 ine ws bought and sold have ever earned. 

No: dear as freedom is, and in my heart's 

Just estimation prized above all price, 

I had much rather be myself the slave 

And wear the bonds, than fasten them on him. (II, 29 ff.) 

Der Dichter ist stolz darauf, dals es in seinem Vaterlande 
keine Sklaven giebt, aber er verlangt auch, dals England seinen 

1 Vexgl. IV, 55:5 ff. V, 492 ff. 



My ear is pained, 

My soul is sick with every day's report 

Of wrong and outrage with which earth is filled. (II, 5.) 




»Studien zu William Cowpere Task. 



131 



Einflufs behufs Abschaffung der Sklaverei auf der ganzen Erde 
geltend mache, 

that where Britain's power 
Is feit, mankind may feel her merey too. (II, 46.) 

Sein Wunsch wurde sieben Jahre nach seinem Tode (1807) 
teilweise erfüllt, als der Sklavenhandel in allen englischen Kolo- 
nien abgeschafft wurde. Cowpers Gedichte enthalten zahllose 
Stellen, in denen das Lob der Freiheit gesungen und der Ent- 
rüstung über die Sklaverei Ausdruck gegeben wird. 

Religion, virtue, truth, whate'er we call 

A Messing, freedoni is the pledge of all. 1 (T^bleTalk 282.) 

Im fünften Buch der „Aufgabe" legt der Dichter seine 
politischen Ansichten dar. Mau hat ihn einen unrevolutionären 
Whig genannt. Er kämpft gegen Despotismus und Tyrannei, 
gegen Könige, wenn sie der Freiheit ihren Volkes hinderlich sind. 
Er verlangt, die Eranzosen sollen ihre Bastille zerstören, welche 
eine Schande für die Menscliheit sei. Indessen würden die 
schrecklichen Ereignisse, die wenige Jahre später in Frankreich 
sich abspielten, sicherlich nicht den Beifall Cowpers gefunden 
haben. Jeder Zwang hindert die Entwicklung der Geisteskräfte 
des Menschen und erzeugt eine niedrige Gesinnung „unfit to be 
the tenant of man's noble form". (V, 455.) Wenn auch alles auf 
Erden vergänglich ist, so giebt es doch eine Freiheit — nicht 
von Dichtern besungen — , die dem Menschen nicht genommen 
werden kann. Es ist die durch das Blut Jesu erkaufte Freiheit 
des Herzens, die reichste und wertvollste göttliche Grabe. 

Als einen Ort, welcher sich der Freiheit erfreut, preist der 
Dichter sein Geburtsland, sein England. Wenn auch sein Klima 
ranh und unbeständig ist und die Herzen trübe stimmt, wenn 
es auch sanfter Sitten und höflicher Umgangsformen entbehrt, 
so ist es doch frei, „and being free I love thee u . (V, 473.) 
Cowpers glühende Vaterlandsliebe bricht in den prächtigen Versen 
hervor: 

England, with all thy faulte, I love thee still; 
My country! and, while yet a nook is left 
Where English minds and manners may be found, 
Shall be constrained to love thee. (II, 20G ff.) 

1 Ähnliche Stellen: Table Talk ä»4 ff. Charity liS3, 180, 21ü. 
Ta»k II, 129. V, 287, 440 etc. 

9* 



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132 



Studien zu William Cowpers Task. 



Eine wahre und echte Liebe ist es, die der Dichter für sein 
Vaterland fühlt. Er wird nicht von einseitigem Nationalstolz 
geblendet, sondern ist ebenso empfänglich für die Fehler, wie 
für die Vorzüge seines Landes. 

And I can feel 
Thy follies too, and with a just disdain 
Frown at effeminates, whose very looks 
Reflect dishonour on the land I love. (II, 221.) 

Nie wird er müde, den Krieg zu verdammen und die Seg- 
nungen des Friedens zu preisen. Er freut sich über das Ende 
des amerikanischen Krieges (1783), und obgleich Frankreich schuld 
ist au dem Verlust der amerikanischen Kolonien, so hegt doch 
der Dichter, da der Friede wiederhergestellt ist, keinen Groll 
gegen den früheren Feind. 

A brave man knows no malice, but at once 

Forgete in peace the injuries of war, 

And gives his direst foe a friend's embrace. (II, 268 ff.) 

Es ist selbstverständlich, dafs Cowpers Menschenliebe sich 
auch einer Aufbesserung der Lage der ärmeren Klassen mit grofeem 
Eifer zuwendet. Nicht nur hilft er ihnen durch Verteidigung ihrer 
Interessen in seinen Schriften, sondern in viel wertvollerer Weise. 
Er selbst ist ein leuchtendes Beispiel der Nächstenliebe, indem 
er all seine Ersparnisse unter die Armen verteilt. Im „Winter- 
abend" (IV, 334 ff.) haben wir eine schöne, wahre Schilderung 
seiner Besuche unter den Kranken und Armen in Olney. 

Anspielungen auf zeitgeschichtliche Ereignisse sind häufig. 
So werden z. B. im ersten Buch Cooks Entdeckungen der Südsee- 
inseln (1775) erwähnt. Die grofsen Erdbeben auf Jamaika und 
Sicilieu (1782), vulkanische Ausbrüche und andere Naturerschei- 
nungen werden besprochen und ihre verhängnisvollen Wirkungen 
als das zerstörende Werk des Allmächtigen hingestellt, der die 
Menschen für ihre Sünden strafen will. Angesichts solch grofser 
Unglücksfälle, die Gottes Hand uns schickt, fordert der Dichter 
die Völker auf, von ihrem Zank und Streit abzulassen und in 
Frieden zu leben. 

'Tis but seemly that . . . 
. . . there should be peace 

And brethren in calamities should love. (II, 73.) 



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Studien zu William Cowpers Task. 



133 



Namentlich im zweiten Buch, the Timepiece, lalst Cowper 
seiner Satire freien Lauf. Ohne Erbarmen geifselt er die Laster 
dieser Welt, „this prison-house u . Von allen Übeln sind Zügel- 
losigkeit und Ausschweifung die schlimmsten, denn sie lösen alle 
Bande, welche die Menschheit zusammenhalten. Sogar die Uni- 
versitäten sind verderbt und haben längst aufgehört, Sitze der 
Disciplin zu sein. Die Studenten haben keine Lust am Lernen, 
sondern bringen ihre Zeit lieber mit allerhand schädlichen Ver- 
gnügungen hin. Cowper schreibt die Schuld den Universitäten 
selbst zu, da sie sich der ihrer Obhut anvertrauten jungen Leute 
nicht annehmen. Freilich, das College, welchem sein Bruder John 
(f 1770) angehört — Benet College* Cambridge — , wird als eine 
rühmliche Ausnahme von der allgemeinen Verderbtheit hingestellt. 
Eis ist überhaupt charakteristisch für Cowpers Satire, dafs sein 
Urteil durch den geringsten persönlichen Anlafs sogleich ent- 
waffnet und gemildert wird. Ursprünglich hatte er in sein Ge- 
dicht einige schroff gehaltene Verse gegen das Papsttum einfliefsen 
lassen. Allein sobald der Dichter die Bekanntschaft der katholi- 
schen Familie Throckmorton gemacht hatte, vernichtete er diese 
Verse wieder. Seine Bemerkungen über die Universitäten ge- 
währen einen anderen Beweis einer starken Beeinflussung seiner 
Satire durch persönliche Beziehungen. 

„Man praises man. u 1 Cowper tadelt heftig die übermäfsigen 
Lol>eserhebungen, welche hervorragenden Mitmenschen, die zu 
hohem Ruhm und Ansehen gelangt sind, entgegengebracht werden. 
Er protestiert gegen die Verherrlichung des „statesman of the 
dav a , den das Volk wie einen Gott verehrt. Er tadelt die dem 
grofsen Komponisten Händel bei der Aufführung seines Messias 
(1784) dargebrachten Huldigungen und rügt die bei dem Shake- 
speare-Jubiläum (1769) dem grofsen David Garrick erwiesenen 
Auszeichnungen. Bei dieser Gelegenheit verdammt der Dichter 
überhaupt alle theatralischen Aufführungen. Als des höchsten 
Lobes würdige Gegenstände empfiehlt Cowper die Tiere, die 
Natur und vor allem Gott, den Schöpfer aller Dinge. 

Die am wenigsten ansprechenden, ja fast abstofsenden Par- 
tien des Gedichtes sind diejenigen, welche gegen einige harmlose 
Vergnügungen und. nützliche Beschäftigungen der Menschen ge- 

• Vergl. VI, 632 ff. 



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134 Studien zu William Cowpers Task. 

richtet sind, so z. B. gegen das Schachspiel, Billardspiel, den 
Theaterbesuch und das Studium der Naturwissenschaften. Eis 
erklärt sich diese Abneigung zum grofsen Teil durch die metho- 
distischen und puritanischen Anschauungen Cowpers. Dazu 
kommt, dafs die englische Bühne jener Zeit in der That viel 
Anlafs zu Ärgernis darbot. — Das Studium der Geschichte, der 
Geologie, der Astronomie, der Chemie sind Dinge, welche der 
Dichter rücksichtslos verwirft. 1 Er verspottet den Physiker, 
welcher die Ursachen der Naturerscheinungen zu erforschen be- 
strebt ist und der es verschmäht, die wahre Ursache aller Dinge 
kenneu zu lernen. Die grofsen Entdeckungen Priestleys auf dem 
Gebiet der Chemie, die Erfindung des Blitzableiter durch Franklin 
und andere wichtige Entdeckungen, welche zu Cowpers Zeit ge- 
macht wurden, ziehen den Tadel des Dichters auf sich, weil sein 
beschränkter Verstand sie nicht zu fassen vermag. Besonders 
die Astronomen müssen seinen scharfen Spott über sich ergehen 
lassen, weil Cowper ihr Studium für unnütz hält. 

God never meant that man should scale the heavens 
By strides of human wisdom. (III, 221.) 

Wenngleich die Astronomen durch ihre siimreichen Instru- 
mente Sterne und Planeten entdecken können, so sind sie doch 
niemals im stände gewesen, den Schöpfer des Weltalls zu ent- 
decken. Diese Geringschätzung unschuldiger Unterhaltungen und 
natur wissenschaftlicher Studien beruht auf dem dritten Element, 
welches in dem Gedicht vorherrscht, nämlich auf Cowpers reli 
giöseu Anschauungen. In seinen Moralischen Satiren wie in der 
Task finden wir ein tiefreligiöses Gefühl, wurzelnd in den Lehren 
der evangelischen Partei, deren Mitglied Cowper war. In allen 
Dingen erblickt der Dichter die mächtige Hand des Schöpfers, 
überall sieht er 

the footsteps of the God 
Who gives its lustre to an insect's wing, 
And wheels His throne upon the rolling worlds. (V, 813.) 

Die Seele aller Wunder in der Natur ist Gott. Er hat die 
Ordnung des Jahres festgesetzt, so dafs jede Jahreszeit zu ge- 
höriger Zeit wiederkehrt. Von der sturmgepeitschten Eiche bis 
herab zu dem unscheinbaren Grashälmchen auf dem Felde offen- 

' III, 150—1*0. 



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Studien zu William Cowpers Ta*k. 



135 



bart alles die Gröfse und Allmacht des Herrn. Cowpers innige 
Liebe zu Gott zeigt sich besonders in den Schlufsvereen des 
fünften Buches. (V, 896 ff.) „Acquaint thyself with God, if 
thou wouldst taste His works." Dies ist der beständige Rat, 
welchen der Dichter seinen Mitmenschen giebt. Solange der 
Mensch an irdischen Freuden hängt, ist er nur zu leicht geneigt-, 
den Schöpfer zu vergessen. Diejenigen, welche an ein seit Be- 
ginn der Welt vorhandenes oberstes Gesetz glauben, täuschen sich 
selbst. Denn, sagt unser Dichter, wie könnte es ein oberstes 
Gesetz geben, welchem alle Dinge unterworfen sind, wenn Gott 
es nicht gemacht hätte. 

Nature ig but a name-for an effect 
Whose cause is God. (VI, 223.) 

Cowpers frommes Gemüt hält die grofsen verderblichen 
Erdbeben für Ausbrüche des göttlichen Zornes, um die Menschen 
für ihre Sünden zu strafen. Alle menschlichen Versuche, den 
Grund der Natur zu erforschen, sind nutzlos. Die Entdeckungen 
der Ureachen jener furchtbaren Naturereignisse werden sie weder 
ungeschehen machen, noch sie in Zukunft verhindern. Die 
Philosophie, welche den Grund dieser Welt und alles menschlichen 
Seins ergründen will, welche die Wahrscheinlichkeit eines Lebens 
im Jenseits untersucht, kann nicht zur Offenbarung Gottes füh- 
ren. (II, 527 ff.) Als hervorragende Beispiele von Männern, in 
denen Wissenschaft und wahre religiöse Empfindung eng verbun- 
den waren, preist der Dichter Newton (childlike sage! III, 252), 
Milton und Sir Mathew Haie, den berühmten Oberrichter unter 
Karl K 

Des Dichters religiöse Anschauungen sind allerdings streng 
und asketisch, allein dies waren die Anschauungen einer grofsen 
religiösen Partei jener Zeit. Es war eine Zeit grofser religiöser 
Strömungen in England, die namentlich von Wesley und Whitfield 
ausgingen. Übrigens ward niemand, welcher Cowpers Lebens- 
gang kennt, überrascht sein, wahrzunehmen, dais ein so krän- 
kelndes, empfindliches Gemüt, wie das seinige, seine gröfste Lust 
in der Anhänglichkeit an seinen Herrn und Heiland fand, dessen 
Liebe und Güte er ja an sich selbst, besonders in deu Anfällen 
von Geistesgestörtheit, so sehr erfahren hatte. Wir haben des 
Dichtere eigenes Geständnis in der Task. 



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136 



Studien zu William Cowpers Task. 



I was a stricken (leer that left the herd 
Long since; with many an arrow deep infixed 
My panting side was charged, when I withdrew 
To seek a tranquil death in distant sbades. 
There was I found by One who had Himself 
Been hurt by the archers. In His side He bore, 
And in His hands and feet, the cruel scars. 
With gentle force soliciting the darte, 
He drew them forth, and healed and bade me live. 



Ihm ist Gottes Wort die einzige Quelle der Wahrheit. „All 
truth comes from the sempiternal source of light divine." (II, 499.) 
Er lobt den wahren Geistlichen, welcher sein Amt ernsthaft 
nimmt, dem es ein Herzensbedürfnis ist, das Evangelium zu 
predigen und die Segnungen der Religion unter dem Volke zu 
verbreiten. Energisch "wendet er sich gegen die mannigfachen Miß- 
brauche in der Geistlichkeit und weist sie auf den Apostel Paulus 
hin als den wahren Diener Gottes. In der That war das Leben 
der englischen Geistlichen jener Zeit nichts weniger als frei von 
Vorwurf und Tadel in der Ausführung ihres Amtes. Sie werden 
bezeichnet als „the most lifeless in Europe, the most remiss of 
their labours and the leaet severe in their lives". Erst die evan- 
gelische Bewegung, an welcher Cowper keinen geringen Anteil 
hatte, bewirkte eine Wendung zum besseren und erwerkte eine 
neue sittliche Begeisterung. 1 

Gegen Ende seines grofsen Gedichtes wird der Dichter von 
einer prophetischen Begeisterung ergriffen. Er prophezeit, dafs 
eine Zeit kommen wird, wo alle Tiere in Frieden miteinander 
leben werden. Der Löwe und der Bär werden mit den Lämmern 
zusammen weiden, und die Schlange wird nicht länger ein Feind 
des Menschen sein. 2 Die ganze Menschheit wird einen Vater 
verehren, und es wird ein Hirt und eine Herde sein. Alle 
Völker werden in den gemeinsamen Ruf einstimmen: „Worthy 
the Lamb, for He was slain for us! u (VI, 792.) 

1 Eine gute Darstellung der religiösen Bewegungen in England in 
der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts findet »ich bei Green : 
A short history of the English people. (p. 716 ff.) 

2 Vergl. Jesaiah, Kap. 65, y. 25: The wolf and the lamb shall feed 
together, and the lion shall eat straw like the bullock. 



(III, 108 ff.) 




Studien zu William Cowpers Task. 



137 



The dwellers in the vales and on the rocks 
Shout to each other, and the mountain-tops 
From distant mountains catch the Aying joy, 
Till, nation after nation taught the strain, 
Earth rolls the rapturoue Hosanna round. 

From every clime they come 
To see thy beauty, and to share thy joy, 
O Sion! an assembly such as earth 
Saw never, such as Heaven stoops down to see. 

(VI, 792, 814 ff.) 

Jerusalem wird wieder aufgebaut und als die heilige Stadt 
verehrt werden. Zum Schlufs wünscht sich der Dichter einen 
sanften Tod, „a safe retreat beneath the turf he has so often 
trod.« 

Man kann nicht umhin, die Anmut und Schönheit dieser 
Stellen zu bewundern, welche die bereits erwähnten Mängel des 
Gedichtes weit aufwiegen. In einem Briefe an Unwin vom 
10. Oktober 1784 sagt Cowper: „What there is of a religious 
cast in the volume, I have thrown towards the end of it, for 
two reasons — first, that I might not revolt the reader at bis 
entrance; and secondly, that my best impressions might be made 
the last" 

Wenn wir nun unser Urteil über Cowpers Task zusammen- 
fassen wollen, so müssen wir gestehen, dafs dieses Gedicht eines 
der besten, vielleicht das beste Lehrgedicht in englischer Sprache 
ist. Des Dichters Absicht, die Liebe zur Natur und zum Land- 
leben unter dem englischen Volke zu beleben, ist völlig erreicht 
worden. Gröfsere Dichter haben denselben Stoff nach Cowper 
behandele allein sie haben auf den Grundlinien, die er dargelegt 
hat, weiter gebaut, und er ist ihr Führer. The part which 
Cowper performed, sagt Macaulay in seinem Essay ou Moore's 
life of Lord Byron, was rather that of Moses than that of Joshua. 
He opened the house of bondage; but he did not enter the 
promised land. Der Hauptreiz der Task besteht in des Dichters 
Originalität und in dem Ernst, mit welchem er zu Werke ge- 
gangen ist. Seine Poesie wurzelt in seinem Herzen. Seine Liebe 
zur Natur, im Verein mit einer schönen und edlen Sprache, macht 
einen mächtigen Eindruck auf den Leser. Cowper hatte kaum 
irgend welche Vorgänger, die er hätte nachahmen können, aufser 



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138 



»Studien zu William Cowpere Task. 



vielleicht Milton, dessen Werke er gründlich studiert hatte. Seine 
Lieblingsdichter waren, wie er selbst erzählt (IV, 708 ff.), Milton 
tmd Cowlev, aber Cowper ist durchaus selbständig. 

No bard could please me but whose lyre was tuned 
T<> Nature's praises. (IV, 704.) 

Wfr müssen jedoch auch Cowper» Verdienst nicht überschätzen. 
„ With the exception öf Shäkespeär^* sögt Mh Willmoth, 1 „Cowper 
is the English poet who has given the greatest liappliiess to the 
greatest nuniber. It has been the rare fortune of Cowper to 
obtain the votes of the crowd; the tasteful read him for his 
grace, and the serious for his religion. u Mit diesem Urteil können 
wir uns im allgemeinen einverstanden erklären. Wenn aber der- 
selbe Kritiker weiter behauptet, dafs The Task zu den vier 
Gedichten gehöre, welche überall gelesen werden; wenn er es 
somit auf eine Stufe stellt mit Miltous Paradise Ix>st, Thomsons 
Seasons und Youngs Night Thoughts, so können wir ihm nicht 
beipflichten. Es ist mindestens sehr zweifelhaft, ob Youugs und 
Thomsons Werke in der That überall gelesen werden — sicherlich 
nicht in Deutschland. Das einzige unter jenen drei Gedichten, 
mit welchem Cowpers Task überhaupt verglichen werden kann, 
ist Thomsons Seasons, allein hier fällt der Vergleich zu Gunsten 
Cowpers aus. Cowper behandelt allerdings zum Teil dasselbe 
Gebiet wie Thomson, doch ist ein grofser Unterschied zwischen 
beiden. Cowper beschreibt nur das, was er wirklich sieht. Er 
schildert nicht die Natur in all ihrer Mannigfaltigkeit zu allen 
Jahreszeiten, aber seine Schilderungen sind durch und durch 
englisch und gänzlich frei von aller falschen Hirtenpoesie. Bei 
ihm finden wir keinen mythologischen Apparat w r ie bei Thomson. 
In Cowpers Gedicht nehmen wir keiue Anstrengung wahr; alles 
erscheint und ist vollkommen natürlich. Seine Ijandschaften 
werden von wirklichem Landvolk, nicht von erdichteten Gott- 
heiten belebt. Ein Vergleich zwischen Milton und Cowper wäre 
völlig unangebracht. Cowpers schlichte und kuustlose Poesie — 
wie sie sich in The Task darstellt — kann man nicht mit der 
großartigen und majestätischen Diktion der Miltonschen Muse 
vergleichen, wenn auch Cowper in seinen kleineren Gedichten 
Milton nachzuahmen versuchte. The Task kann sich durchaus 

' Vorrede zu Cowpers Werken (Routledge) p. XLV. 



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Studien zw William Cowper* Tank. 



139 



nicht zu den grollen Kunstwerken rechnen. Dazu fehlt es ihr 
viel zu sehr an Einheit und Zusammenhang. Der Dichter springt 
von einem Gegenstand auf einen anderen über, bald lÄhdltehö 
Scenerie malend, bald seiner satirischen I^aune sich überlassend, 
oder von religiöser Begeisterung fortgerissen. Cow]>er besafs nicht 
in hervorragendem Grade die schöpferische Kraft, the vision and 
the faculty divine. Indessen die eigentümliche, originelle Art 
des Dichters zieht uns mächtig an in der Task und verhindert 
jeden Vergleich mit anderen poetischen Erzeugnissen. 

Ein paar Bemerkungen über die Sprache und den Versbau 
unseres Gedichtes mögen mir noch gestattet sein. Wir haben 
bereits gelegentlich auf die grofsen Schönheiten in der Form des 
Gedichtes hingewiesen. „ Purer, sweeter, simpler English never 
was written," sagt ein englischer Kritiker. Cowper kannte sehr 
wohl die packende Kraft der englischen Sprache, besonders ihres 
germanischen Elementes. Mit Ausnahme einiger schleppenden 
und uninteressanten Stellen ist der Stil des Gedichtes sehr durch- 
sichtig und lebendig, wie überhaupt der Dichter bestrebt ist, 
einen der gewöhnlichen Umgangssprache möglichst entsprechenden 
Ton anzuschlagen. Das Gedicht ist im Blankverse geschrieben, 
während seine Moral Satires in heroischen Couplets abgefaßt 
sind. Wie Cowpers Task die englische Poesie inhaltlich von 
künstlerischer Geschraubtheit zur Natur zurückführen wollte, so 
bezeichnet sie auch in der Form einen grofsen Fortschritt. In 
heftigen und bitteren Worten drückt Cowper seine Verachtung 
aus, welche er für „the creamy smoothness" der damaligen üb- 
lichen Dichtungsweise empfand, 

Where sentiment was sacrificed to sound, 
And truth cut short to make a period round. 

(Table Talk 516.) 

Er bedauert tief, daCs Pope 

Made Poetry a mere mechanic art, 

And every warbler has his tune hy heart. 

(Table Talk 654.) 

Cowper erzählt uns, wie die Natur in den Dichtungen seiner 
Zeit behandelt wurde. 



Nature indeed looks prettily in rhyme; 
Streams tinkle sweetly in poetic chime: 
The warblings of the blackbird, clear and strong, 




140 



Studien zu William Cowpers Task. 



Are musical enough in Thomson's song; 

And Cobham's grovee, and Windsor's green retreate, 

When Pope describes them, have a thousand sweet«; 

He likes the country, but in truth inust own, 

Most likes it when he studies it in town. (Retirement 567 ff.) 

Seine walire und innige Liebe zur Natur veranlafste auch 
den Dichter, nach einer natürlicheren Form zu suchen als jener 
geschraubte Stil, welcher die Poesie seiner Zeitgenossen kenn- 
zeichnet Er verschmähte den Gebrauch des Reimes, weil der 
Gegenstand seiner Dichtung das Lob Gottes ist, wie wir aus 
den letzten Versen des Gedichtes erfahren. 

Tis not in artful measures, in the chime 

And idle tinkling of a minstreFs lyre, 

To charm His ear, whose eye is on the heart; 

Whose frown can disappoint the proudest strain, 

Whose approbation prosper — even mine. (VI, 1020.) 

Man hat behauptet, Cowper sei hinsichtlich des Versbaues 
in seiner Task in das entgegengesetzte Extrem verfallen. Von 
dem glatten Flufs der Verse, welcher ein wesentliches Merkmal 
der Poesie sei, wäre bei ihm nichts zu finden. Seine Verse seien 
rauh und holperig. Allerdings enthält das Gedicht eine ganze 
Anzahl schlecht gebauter Verse, Unregehnäfsigkeiten im Rhyth- 
mus, welche das Ohr unangenehm berühren, allein im ganzen ist 
der Versbau ein glatter und der Rhythmus ein wohlgefälliger. 
Jedenfalls ist Cowpers Behandlung des Verses in der Task eine 
weit bessere als die in seinen Moralischen Satiren. Seine Reime 
sind häufig fehlerhaft, was wohl zum Teil einer mangelhaften 
Beschaffenheit seines Gehörs zuzuschreiben ist 

In Anbetracht des beträchtlichen inneren Wertes der Task 
können wir die wenigen angedeuteten Mängel gern mit in Kauf 
nehmen. Wenn das Werk auch keine Dichtung ersten Ranges 
ist, so hat es doch dauernde Verdienste und wird immer eine 
angesehene Stelle als eines der bemerkenswertesten Erzeugnisse 
in der englischen Litteratur des achtzehnten Jahrhunderts ein- 
nehmen, da es dem Strom der euglischen Dichtung eine neue 
und natürlichere Richtung gegeben hat, in welcher dann viele 
und bedeutendere Dichter als Cowper nachgefolgt sind. 

Bremen. A. Beyer. 




Untersuchungen 
zu der 

mittelenglischen Romanze von Sir Amadas. 

Erster Teil. 
Die Fabel des Gedichtes. 

Die Fabel des „Sir Amadas" ist eine Version der Sage vom 
dankbaren Toten, gehört somit jenem weitverzweigten Sagenkreise 
an, dessen Spuren sich in fast allen Landern Europas, ja über 
die Grenzen unseres Erdteils hinaus und zeitlich bis ins griechisch- 
römische Altertum, sogar bis in biblische Vorzeit hinauf, ver- 
folgen lassen.* Freilich begegnet der in Rede stehende Stoff 
als Gemeingut so vieler Völker und Zeiten hier und da in selt- 
samer Form, vielfach entstellt durch Verkürzungen und Erweite- 
rungen mannigfacher Art — durch Verquickung mit fremden 
Sagenstoffen, — durch volkstümliche Umdeutuug und Modifikation 
gewisser Züge der Sage infolge von Mifsverstandnissen oder auf 
Grund specifisch nationaler Eigenart, — durch Einmischung mythi- 
scher, religiöser, possenhafter Elemente u. dgl. mehr, so daCs es 
nicht immer leicht ist, denselben Kern unter der fremdartigen 
Schale zu erkennen. 

Die Idee der Totenbestattung, werden wir sehen, ist das 
Wesentliche in unserer Sage, das treibende Motiv, aus dem 
sich in den reineren Formen der Uberlieferung die einfache 
Handlung, welche den Gegenstand der Sage bildet, entwickelt. 
Der Gedanke, die Verstorbenen durch ein Begräbnis ehren zu 
müssen, zumal wenn man ihnen dadurch, wie der naive Volks- 

* Vgl. Sepp, Altbayerischer Sagenschatz zur Bereicherung der indo- 
germanischen Mythologie, München 1870, p. 078 ff. — Jahrbücher des 
Vereins von Altertumsfreunden in den Rhein lau den, XXV, 172. 



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142 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 



glaube alter und neuer Zeit nieint, die Ruhe im Tode sichern 
kann, ist von allgemein menschlicher Bedeutung. Dementsprechend 
finden wir jene Idee immer und immer wieder als Mittelpunkt 
gemütetiefer Sagen, welche eindringlich an jene heilige Pflicht 
erinnern und die Art, wie ihre Erfüllung sich selbst belohnt, in 
helles Licht setzen. 

Seit im Jahre 1856 Simrock sein Büchlein „Der gute Ger- 
hard und die dankbaren Toten. Ein Beitrag zur deutschen Mytho- 
logie und Sagenkunde u veröffentlichte, haben verschiedene For- 
scher Nachtrage zu der von Simrock gebotenen Sammlung von 
hierhergehörigen Sagen geliefert und die Diskussion über den 
Kreis im allgemeinen fortgeführt, so dafs zur Zeit ein nicht ge- 
ringes Material über den Stoff der Sage vom dankbaren Toten 
vorliegt. Dasselbe ist indessen meines Wissens noch nie im 
Zusammenhange dargestellt oder zum Ausgangspunkt einer zu- 
sammenfassenden Untersuchung über das in Frage stehende 
Sagengebiet gemacht worden. Die folgenden Zeilen wollen dies 
versuchen und sollen sich auf der Grundlage der in einer leider 
sehr zersplitterten Litteratur gebotenen Quellen mit der Verbrei- 
tung und der inneren Entwicklung der Sage beschäftigen. 

I. 

Die Verbreitung der Sage. 

Bei weitem die meisten Fassungen der Sage vom dankbaren 
Toten gehören der abendländischen Welt an. Nur wenige orien- 
talische Vertreter, denen sich einige osteuropäische Versionen 
zugesellen, sind hier zu nennen. Zuerst werde erwähnt das 
Buch Tobias, dessen Stoff ohne Zweifel in unseren Sagen- 
kreis gehört. Der fromme, mit seinen Stammesgenossen von Salmanassar 
in Gefangenschaft weggeführte Tobias begräbt nachts die Toten und Er- 
schlagenen, welche unbeerdigt auf der Gasse liegen. Raphael, der Engel 
des Herrn, belohnt ihn für sein Gott wohlgefälliges Thun, indem er seinem 
Sohne ein Mittel anzeigt, dem greisen Vater das verlorene Gesicht wieder 
zu verschaffen. Dem Sohne selbst aber führt Raphael ein Weib zu, mit 
welchem sich dieser zu einer glücklichen Ehe verbindet, nachdem es ihm 
mit Hilfe des Engels in der Hochzeitnacht gelungen ist, den bösen Geist 
zu vertreiben, welcher das Weib früher besessen uud demselbeu bereits 
sieben Verlobte getötet hatte. — Nicht unwesentlich weichen von 



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Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von 8ir Amadas. 148 

dieser Fassung die anderen orientalischen Versionen ab, so ein 
armenisches Märchen, A. v. Haxthausen, Transkaukasia, 
Leipzig 1856; I, 333 f. Vgl. Germania III, 202 f.; Theodor 
Benfey, Pantschatantra, Leipzig 1859, I, 219, Anm.; Archiv f. 
slav. Philol. V, 43 f. Ein wohlhabender Mann bezahlt Schulden und 
Begräbnis einer beschimpften Leiche. Als er nach Jahren verarmt ist, 
bietet ihm ein Reicher seine Tochter zur Frau an, welcher in der Hoch- 
zeitnacht bereits fünf Männer gestorben sind. Dessenungeachtet heiratet 
er das Mädchen. In der Brautnacht hält sein Diener, der sich ihm vorher 
freiwillig, ohne Anspruch auf Lohn, nur mit der Bedingung einstiger 
Teilung alles Gewonnenen zur Verfugung gestellt hat, Wache im Gemach, 
tötet eine Schlange, die der Braut aus dem Munde kriecht, um den 
Bräutigam zu stechen, und rettet so seinem Herrn das lieben. Als der 
Diener später auf Grund seines Vertrages die Teilung der Frau verlangt 
und diese mit dem Kopfe nach unten aufhängen will, um sie mitten 
durchzuspalten, da gleitet ihr die zweite und letzte Schlange aus dem 
Munde, worauf der Diener sich als Geist des einst beerdigten Toten zu 
erkennen giebt und verschwindet. — Ein hierhergehöriges Zigeuner- 
märchen enthalten die Etudes sur les Tschinghianes ou Boh£- 
miens de TEmpire Ottoman par A. G. Paspati, Constantinople 
1870, p. 601 ff. Conte 2 me , raconte* par une vieille Tschinghian£e 
des environs d'Andrinople. Vgl. Archiv f. slav. Philol. V, 43. 
Der wohlthätige Sohn eines Reichen giebt seine letzten 12 Piaster hin 
für den Loskauf eines von Juden mifshandelten Leichnams. Der Geist des 
Toten folgt ihm und führt ihn in ein Dorf, wo er ein Mädchen heiratet, 
dessen Männer bis dahin sämtlich in der Hochzeitnacht gestorben sind. 
Der Tote hält in der Brautnacht Wache am Bette des jungen Paares und 
tötet den aus dem Munde der Braut fahrenden Drachen. Als die Frau 
alsdann auf das Verlangen des Geistes geteilt werden soll und dieser be- 
reits das Schwert zückt, um sie zu durchhauen, da schreit die Geängstete, 
und aus ihrem Munde fährt noch ein Drache. Der Geist des Toten giebt 
sich nun als solcher zu erkennen, erklärt, dafs stets die Drachen die 
Männer des Mädchens getötet hätten, und verschwindet. — Ein jüdi- 
sches Märchen, welches unlängst bekannt geworden ist, steht 
den genannten orientalischen Formen ziemlich fern. Wir ver- 
danken dasselbe einem hebräischen, über Palästina handelnden 
Werke: Reischer, Schaare Jeruschalajim, Lemberg 1880, worin 
16 palästinensische Märchen mitgeteilt werden, von denen das 
uns interessierende M. Gaster (Germania XXVI, 199 ff.) weiteren 
Kreisen zuganglich gemacht hat. Sein Inhalt ist folgender. Der 
Sohn eines reichen Kaufmanns in* Jerusalem zieht nach dem Tode seine« 
Vaters in die Ferne, um die Welt kennen zu lernen. Auf seinen Reisen 



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144 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

kommt er nach Stambul, wo ein eiserner, in Ketten hängender Kasten 
seine Aufmerksamkeit erregt. Auf seine Fragen erfährt er, dafs in diesem 
Kasten sich die Leiche eines jüdischen Wechslers befinde, der des Sultans 
Geldgeschäfte 20 Jahre zur Zufriedenheit seines Herrn besorgt habe, bis 
der Sultan ihn eines Tages in dem Verdachte, er sei von ihm um eine 
Summe betrogen worden, töten und in jenen Kasten legen liefs, wo die 
Leiche so lange bleiben solle, bis die Juden das fehlende Geld ersetzt 
hätten. Der Jüngling deckt des Toten Schuld und läfrt den Leichnam 
ehrenvoll bestatten. Auf seinen weiteren Reisen kommt er bei einem 
Sturm auf hoher See in Lebensgefahr, wird indessen von einem Stein 
unversehrt ans Land getragen, worauf er, auf einem Adler reitend, in 
seinen Hof nach Jerusalem gelangt. Hier erscheint ihm ein weißgeklei- 
deter Mann, der sich als Geist jenes jüdischen Wechslers zu erkennen 
giebt, erklärt, dafs er ihn als Stein und Adler hierher geführt habe, und 
ihm für seine fromme That reichen Lohn in diesem und im zukünftigen 
Leben verheifst. 

Von slavischeu Versionen sind zunächst zu erwähnen 
drei russische Märchen. (I) Afansjew, Russische Volks- 
märchen, 6. Heft, p. 323 f. (Vgl. Schief ner, Or. u. Occ. II, 174 f.) 
Ein Soldat erfleht für den toten Bruder, der einst die Eltern schwer ge- 
kränkt hatte, die Verzeihung der zürnenden Mutter und verschafft ihm 
so die im Grabe noch nicht gefundene Ruhe. Als der Soldat hierauf die 
ihm angebotene Kauf man nstochter, deren zwei erste Männer ein böser 
Drache in der Hqchzeitnacht getötet hat, heiratet, stellt sich der Geist 
des toten Bruders in der Brautnacht mit einem Schwerte am Bett seines 
Wohlthäters auf und tötet den gefährlichen Drachen. Nun lebt der Ge- 
rettete noch lange glücklich mit seiner Frau. — (II) Chudjakow, 
Großrussische Märchen, 3. Heft, p. 165 — 168. Aufgezeichnet 
von Chudjakow im Rjäsanschen Gouvernement, übersetzt von 
Schiefner. (Vgl. R. Köhler, Or. u. Occ. IQ, 93 ff. und Archiv 

f. slav. Piniol. V, 43.) Hans, ein armer Jüngling, erhält von seinem 
Oheim das Erbteil seines Vaters im Betrage von 300 Rubel, die er darauf 
verwendet, einen Ungläubigen loszukaufen, dem die Adern ausgezogen 
werden sollen. Er lälst ihn taufen; der Unglückliche aber stirbt schon 
nach drei Tagen infolge der bereits erlittenen Qualen. Als der Jüngling 
seines Weges dahin geht, gesellt sich ein vom Himmel herabsteigender 
Engel zu ihm, der sich erbietet, ihn als sein Oheim zu begleiten. Er 
weist Hans an einen König, dessen Tochter dieser heiratet, von der mau 
aber sagt, sie habe bereits sechs Männer erwürgt. In der Brautnacht er- 
schlägt der Wache haltende Oheim den nahenden Drachen, welcher den 
jungen Ehemann toten will. Als sich nach längerer Frist der die Bolle 
des Oheims spielende Engel von dem Schwiegersohn des Königs trennen 
will, besteht er vorher noch auf der -einst ausbedungeueu Teilung. Im 
Einverständnis mit dem Gatten wird die junge Frau in zwei Teile zer- 



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Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 145 



sägt, wobei aus ihrem Inneren Drachen geflogen kommen. Nach Reinigung 
und Waschung ihrer Eingeweide steht sie wieder lebendig da. — Eine 
weitere (III) russische Version verdanken wir den Publi- 
kationen der Gesellschaft der Freunde des alten Schrifttums in 
St. Petersburg (Nr. 49 vom Jahre 1880), welche die Reproduktion 
einer illustrierten Volksausgabe unseres Märchens enthalten (vgl. 
Archiv f. slav. Philol. V, 480). Der jüngste von drei Brüdern, wel- 
cher auf seiner Reise einen schwimmenden Sarg auf sein Schiff nimmt, 
erhält durch den Mann, welcher in weifsem Hemde aus dem Sarge kommt, 
eine Prinzessin zur Frau. Dieselbe hatte durch einen sechsköpfigen 
Drachen bisher jeden Neuvermählten in der Brautnacht verloren. Der 
Jüngling aber bleibt dank den guten Ratschlägen des Geistes erhalten. 
Letzterer befreit vor der Abschiednahme noch die Frau von der bösen 
Drachenbrut 

Vier serbische Fassungen unserer Sage entnehme ich 
der reichhaltigen, mit wertvollen Nachträgen versehenen Samm- 
lung südslavischer Märchen im Archiv f. slav. Philol. Das erste 
(I) dieser Märchen, „die guten Werke gehen nicht ver- 
loren 44 (vgl. Archiv f. slav. Philol. II, 632), entstammt dem der 
zweiten Auflage der serbischen Märchen von Vuk Stefanovic* 
Karadzic (Wien 1870) beigegebenen Anhange und ist von Frau 
Mijatovics (Serbian Folk-Lore, p. 96: „Good deeds are never 
lost") ins Englische übersetzt worden. Es erzählt von einem Kauf- 
mannssohn, welcher auf einer ersten Reise eine schöne Sklavin (Kaiser- 
tochter), die er heiratet, auf eiuer zweiten arme Bauern loskauft, welche 
dem Kaiser die Abgaben nicht zahlen können und darum ins Gefängnis 
geschleppt werden sollen. Auf einer dritten Reise kommt er zum Vater 
seiner Frau, welcher seine Tochter alsbald holen läfst. Unterwegs von 
dem einstigen Verlobten der Kaisertochter ins Meer geworfen, rettet sich 
der Kaufmannssohn auf eine einsame Insel, wo er 15 Jahre lebt, bis ein 
Greis (ein Engel) ihn unter der Bedingung, die Hälfte sein«* Vermögens 
zu bekommen (worauf er schliefslich verzichtet), an den kaiserlichen Hof 
bringt und mit seiner Gemahlin vereint. — Ein anderes (II) Märchen 
„Vlatko und der dankbare Tote" (vgl. Archiv für slav. 
Philol. V, 40 f.) nähert sich mehr der russischen Form. Vlatko 
bezahlt die Schuld eines Toten, den seine Gläubiger ausgraben wollen, 
um den Leichnam zu schlagen, und vermählt sich später mit eiuer Kaiser- 
tochter, welcher schon 09 Männer in der Brautnacht gestorben sind. Ein 
Mann, dessen Freundschaft Vlatko früher erprobt hat, hält in der Hoch- 
zeitnacht Wache und schneidet drei Schlangen, welche aus dem Munde 
der Braut kriechen und den Bräutigam bedrohen, die Köpfe ab. Als 
spater der Freund die Teilung des Vermögens vorschlägt, verlangt er 
Archiv f. u. Sprachen. LXXX1. 10 




146 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

scherzweise auch, die Frau in zwei Hälften zu teilen. Aber er verbindet 
dem Vlatko nur die Augen und schüttelt dreimal die Frau, welche den 
Kopf senken und den Mund öffnen mufs. Als hierbei drei tote Schlangen 
aus ihr herausfallen, verschwindet der Freund. — Nahe verwandt ist 
diesem ein weiteres (IU) südslavisches Märchen (vgl. Archiv 
f. slav. Philol. V, 41 f.). Hier spielt die beschichte von det Heirat 
mit einem Mädchen, aus dessen Munde in der Brautnacht Schlangen 
kriechen und den Bräutigam töten, die Rolle einer selbständigen Erzäh- 
lung, in welche das Motiv vom dankbaren Toten eingeflochten ist. — 
Jagic* hat a. a. O. V, 42 f. noch ein anderes (IV) serbisches 
Märchen mitgeteilt, welches den verwandten Fassungen gegen- 
über eine Sonderstellung einnimmt. Ein armer Jüngling hatte ein 
Goldfischlein, welches er dreimal fing, dreimal wieder in Freiheit gesetzt. 
Als er dann, aus dem väterlichen Hause verstofsen, in die Welt zieht, 
gesellt sich ein Mann zu ihm, mit dem er Freundschaft schliefst. Sie 
kommen in eine Stadt, in welcher sich das Gerücht verbreitet hat, dafs 
bei der Tochter des Kaisers kein Mann lebend übernachten könne. Der 
Jüngling unternimmt das Wagnis, sein Freund aber hält Wache im Schlaf- 
gemach und schneidet einer aus dem Munde der Prinzessin herauskriechenden 
Schlange den Kopf ab. Als die Kaisertochter und der Jüngling am Morgen 
gesund aufgefunden werden, giebt der Kaiser letzterem seine Tochter zur 
Frau. Nachdem dieser sein ganzes Vermögen mit dem Freunde geteilt hat, 
soll auf dessen Verlangen auch die Frau noch halbiert werden. Sie wird zu 
diesem Zwecke von zwei Dienern festgehalten, und während der Freund 
den Säbel schwingt, bricht die Frau vor Schrecken zwei Stücke und zu- 
letzt den Schwanz der Schlange aus, worauf der Freund ins Meer springt ; 
denn eben er war jenes Goldfischlein. — Mit fremden Elementen ver- 
mischt und hierdurch teilweise entstellt ist ferner ein böhmi- 
sches Märchen; Waldau, Böhmisches Märchenbuch p. 213 
(vgl. R Köhler, Or. u. Occ. II, 329). George Stephens (Ghost- 
Thanks, p. 10) nennt „two Bohemian copies tt in Närodni (Prague 
V, 24—40; XI, 20—23).* 

Mannigfache Entstellungen zeigt auch ein polnisches 
Märchen, K. W. Woycickis Polnische Volkssagen und Mär- 
chen. Aus dem Polnischen von Lewestam, Berlin 1839, p. 130 ff. 
(vgl. R Köhler, Germania HI, 200 f.). Ein anner Schüler bezahlt 
mit seinem Letzten das Begräbnis einer am Wege liegenden beschimpften 
Leiche. Unter einer Eiche eingeschlafen findet er beim Erwachen seine 
Taschen voll Geld. Die Fährleute aber, die ihn dann über einen Flufs 

* Vgl. auch Benfey, Pantschatantra I, 221 und Or. u. Occ. II, 828, 
Anmerkung. 



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Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 147 

setzen, rauben es ihm und werfen ihn selbst ins Wasser. Er wird von 
dem Geiste des einst bestatteten Toten (welcher in Gestalt eines Brettes 
erscheint) aus Lebensgefahr gerettet und mit der Kraft ausgestattet, sich 
in Tiere zu verwandeln. Bald als Hase, bald als Jäger verschafft er sich 
nun aus einem wunderbaren Schlosse ein Schwert, welches die Kraft be- 
sitzt, alle Feinde zu besiegen, und für dessen Erlangung ein König die 
Hand seiner Tochter feilgeboten hat. Nachdem er als Hase erschossen 
worden ist und der dankbare Tote ihn wieder ins Leben zurückgerufen 
hat, gelangt er endlich in den Besitz der Königstochter, welche soeben 
im Begriff ist, mit seinem Mörder Hochzeit zu feiern. — Als nahe ver- 
wandt mit diesem nennt R. Köhler noch a. a. O. ein 1 i 1 1 a u i s c h e 8 
Märchen (I), A. Schleicher, Littaiiische Märchen, Sprichwörter, 
Ratset und Lieder, Weimar 1857, p. 100 ff. Zwei andere 
littauische Märchen, von denen das erste (II), mitgeteilt 
von L. Geitler, littauische Studien, Prag 1876, p. 21 — 23, dem 
russischen Littauen angehört, hat gleichfalls R. Köhler (Archiv 
f. slav. Philol. II, 633 f.) als hierhergehörig bezeichnet. (II) Ein 
Königssohn bezahlt mit seinem gesamten Besitz die Schuld eines Toten, 
welcher von seinen Gläubigern wieder ausgegraben wird, um verbrannt 
zu werden. Er findet auf einer Insel eine vom Sturm verschlagene 
Königstochter, welche von ihrem Vater gesucht wird, heiratet dieselbe, 
wird von ihr getrennt u. s. w. — Das zweite (IU) stammt aus dem 
preußischen Littauen und war bis zu seiner Veröffentlichung 
durch R. Köhler a. a. O. nur handschriftlich vorhanden: Ein Fürsten- 
sohn lafst einen Mann, der wegen unbeglichener Schulden auf der Strafse 
von Schweinen zerrissen wird, ehrenvoll begraben und kauft zwei schöne 
Frauen los, deren eine, eine Königstochter, er ihrem Vater zuführen will, 
um sie von diesem als Gemahlin zu erhalten. Auf der Reise aber wird 
er von einem der Grofeen, die ihn begleiten, ins Meer gestofsen, vom 
Geist des Toten jedoch gerettet und noch rechtzeitig an den Hof des 
Königs gebracht, um den Übelthäter, welcher eben mit der Prinzessin 
vermahlt werden soll, zu entlarven und selbst deren Hand zu erhalten. 
Auf den Besitz des erstgeborenen Sohnes, den sich der dankbare Tote 
einst ausbedungen, verzichtet letzterer später, indem er sich zu erkennen 
giebt. — Dem genannten polnischen stehen auch nahe (vgl. Ger- 
mania HI, 202) ein ungarisches Märchen (I) — Ungarische 
Sagen und Märchen.* Aus der Erdelyischen Sammlung, übersetzt 
von G. Stier, Berlin 1850, p. 110 ff. — und ein rumänisches 
Märchen aus Siebenbürgen, Ausland 1858, p. 117. George 
Stephens (a. a. O. p. 10) erwähnt ein wallachisches Mär- 
chen, mitgeteilt von A. Schott in Hackländer, Hausblätter 1857, 
Nr. 24, p. 470. — Weniger fern als diese steht unserem Sagen- 

lu* 



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148 Untersuchungen zur mittelen gl. Romanze von Sir Amadas. 



kreise ein anderes ungarisches Märchen (II), Ungarische 
Volksmärchen. Nach der aus Georg Gaals Nachlafs heraus- 
gegebenen Urschrift, übersetzt von G. Stier, Pest 1857, p. 153 ff. 
(vgl. Germania III, 199 f.). Ein Kaufmannssohn bezahlt in der Türkei 
Schulden und Begräbnis einer geschändeten Leiche und kauft in England 
eine französische Prinzessin los, auf deren Rat er dem Könige zu Paris 
Kunde von der Rettung seiner Tochter giebt. Als er sie nach ihrer Hei- 
mat bringen will, um mit ihr in Paris vermählt zu werden, wird er von 
einem General, der sich in die Prinzessin verliebt hat, auf einer wüsten 
Insel ausgesetzt, von einem alten Manne, dem Geiste des Toten, indessen 
gerettet und nach dem Festlande gebracht. Er geht nun nach Paris, wo 
die Erkennung und Verbindung der beiden Liebenden erfolgt. — Bemer- 
kenswert ist in diesem Märchen die Erkennungsscene, in welcher 
der Kaufmannssohn die Liebe der Königstochter prüft, indem 
er das Schwert auf sie zückt, welchem sie nicht ausweicht. Mit 
Recht hat R. Köhler darauf hingewiesen, dafs wir in diesem Zuge 
nur eine Entstellung oder eine Reminiscenz an die in anderen 
Formen der Sage vorkommende Teilungsepisode zu erkennen 
haben. — In dieses Gebiet gehört ferner ein siebenbürgisches 
Märchen aus Haltrich, Nr. 9. Vgl. Or. u. Occ. II, 326. Ein 
Kaufmannssohn iäfst einen Toten beerdigen und kauft für 100 Gulden 
eine in ihrer Verkleidung irrtümlich von der Wache verhaftete Königs- 
tochter los, welche er später durch die Unterstützung eines alten Mannes 
— d. i. der Geist des Toten — zur Frau erhält. Als der Greis nach 
sieben Jahren erscheint, um, wie vorher ausbedungen, die Hälfte alles 
Gewonnenen, worin er auch Weib und Kind begreift, in Empfang zu 
nehmen, der Kaufmann aber Frau und Kind lieber ganz als geteilt geben 
will, verzichtet jener solcher Treue gegenüber auf seine Ansprüche und 
verschwindet. — Auch in Esthland lebt, wie Schief ner (Or. u. 
Occ. II, 175 f.) erzählt, eine ihrer Idee nach hierhergehörige Sage. 
Ein Mann, der den allnächtlich in einer Schlucht (bei dem Dorfe Aruküla 
bei Wesenberg) ruhelos umhertanzenden Knochen eines hier von Räubern 
ermordeten, nicht begrabenen Königs priesterlich einsegnen läfst und be- 
erdigt, findet an der Stelle, wo er das Grab gräbt, einen kostbaren Schatz. — 
Ein finnisches Märchen hat F. Liebrecht (Germania XXI V, 
131 f.) aus dem vierten Bande der Sammlung „Suomen Kansan 
Satuja etc.", Helsingfors 1866, mitgeteilt. Ein Kaufmannssohn deckt 
mitleidig die Schulden eines Mannes, dessen Leichnam an die Kirchen- 
mauer genagelt ist und vom Volke beschimpft wird. Auf dem Wege 
nach seiner Heimat gesellt sich ein Reisegefährte zu ihm, der ihm Nah- 
rung und Geld verschafft, und auf dessen Rat er die jüngste von deji 
drei dreigehörnten Töchtern des Königs zur Frau nimmt. Iu der Hoch- 




Untersuch im gen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 149 



zeitnacht bringt ihm der Gefährte frischgeschnittene, dünne Zweige, mit 
denen der Neuvermählten das „Blut ausgepeitscht* wird, worauf die Hörner 
abfallen und sie bildschön ist — Zu erwähnen bleibt aus dem öst- 
lichen Europa noch ein griechisches Märchen. J.G. v.Hahn, 
Griechische und albanesische Märchen, Leipzig 1864, Nr. 53: Be- 
lohnte Treue. Ein arme^Mann verkauft an einen Pascha seinen Sohn, 
um für den Erlös das Ol für die Lampe kaufen zu können, die er seinem 
Heiligen ^:u Ehren unterhält. Der Knabe gefällt dem Pascha so gut, dafs 
er ihn seiner Tochter zum Manne bestimmt. Als aber ein mächtiger 
Pascha für seinen Sohn um die Hand des schönen Mädchens werben 
läfet, da verlobt man sie dem letzteren. Eine Probe, welcher beide Be- 
werber auf den Wunsch der Paschatochter unterworfen werden, fällt dank 
der Beihilfe eines Alten (d. i. der genannte Heilige) zu gunsten des armeu 
Jünglings aus, welcher nun die Hand des Mädchens erhält. Nach der 
Hochzeit erscheint im Brautgemach der Alte und verlangt die Teilung 
der jungen Frau, die jener doch nur durch seine Unterstützung gewonnen 
habe. Der Jüngling willigt ein, und als er das Messer erhebt, um sie 
zu toten, da fällt ihm der Alte in den Arm, indem er ihm sagt, er habe 
nur seine Treue prüfen wollen und dieselbe erprobt gefunden. Dann 
giebt er sich als einen Gesandten Gottes zu erkennen und verschwindet. 

Auch mehrere keltische Versionen unserer Sage sind 
l>ekannt. Ein bretonisches Märchen (I) hat Simrock nach 
Emile Souvestre, Le foyer breton, contes et traditions populaires, 
nouv. eU Paris 1853, II, 1—21, mitgeteilt. Vgl. Gut. Gerh. 
n. 94 ff. Mao, ein armer Jüngling, läfet für seine ganze Barschaft den 
Leichnam eines Bettlers beerdigen, dessen Geist ihm die schöne Tochter 
eines Reichen verschafft, ihn aus der Feuersgefahr, in die ihn der neidische 
Neffe des Reichen gebracht, rettet und schliefelich ihn, seine Frau und 
sein Kind in den Himmel einführt, als der Neffe, gestützt auf ein dies- 
bezügliches Versprechen, die Hälfte des Kindes verlangt. — Zwei an- 
dere Märchen der Bretagne,* welche A. v. Weilen in der 
Zeitechr. f. vergl. Litteraturgesch. u. Renaissauce-Ijitteratur, N. F. 
I, 105 (Nr. XIX) citiert, finden sich bei Francois Marie Luzel, 
Legendes chr^tiennes de la Basse -Bretagne. Das erste (II) 
derselben (Luzel I, 68 — 90) hat folgenden Inhalt. Ein Jüngling, 
der le fils de S. Pierre genannt wird, will seineu angeblichen Vater im 
Paradies besuchen und übernachtet unterwegs bei einer armen Alten, 
deren Mann seit drei Wochen unbeerdigt in ihrer Hütte liegt, weil der 
Pfarrer ihn nicht umsonst begraben will. Er läfet ihn begraben und zahlt 
eine Messe für ihn. Er kommt an einen Meeresarm und weife nicht, wie 

* Die Inhaltsangaben derselben verdanke ich der Güte R. Köhlers. 




150 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas« 

er ans andere Ufer gelangen soll. Ein nackter Mann kommt aus dem 
Meer, giebt sich als den zu erkennen, den er am Morgen hat begraben 
lassen, und trägt ihn über das Meer und später auch wieder zurück. — 
Das zweite (III) (Luzel II, 40 — 58) ist die Übersetzung eines 
bretonischen „cantique spirituel sur la charitö que montra S. Co- 
rentin envers un jeune* homme qui f ut chasse' de chez son pfere 
et sa mere sans motif et sans raison." Der verstofsene Gentilhomme 
empfiehlt sich dem Schutze S. Corentins, des Erlösers und der heil. Jung- 
frau. Er giebt einer alten Frau 30 Thaler — sein einziges Geld — , damit 
sie ihren Mann, den der Pfarrer nicht umsonst begraben will, begraben 
und ihm Messen lesen lassen kann. S. Corentin und die heil; Jungfrau 
bringen ihn zu einem Edelmann, dessen Tochter er heiratet. Ein eifer- 
süchtiger Onkel der Frau stürzt ihn auf der Jagd ins Meer, als die Frau 
guter Hoffnung ist. Er wird über Wasser gehalten und auf eine Insel 
gebracht, il ne savait comment. Fünf Jahre lang bringt ihm S. Corentin 
Nahrung. Dann kommt eines Tages ein Alter übers Meer gegangen und 
trägt ihn auf dem Rücken nach Hause, nachdem er ihm die Hälfte seiner 
Güter hat versprechen müssen. Nach Jahresfrist kommt der Alte und 
verlangt auch die Hälfte des Kindes. S. Corentin und die heil. Jungfrau 
erscheinen, als eben der Alte das Kind zerschneiden will, und erklären, 
Gott sei mit dem guten Willen zufrieden. Sie und der Alte geben sich 
zu erkennen und verkünden dem Edelmann, dafs er und sein Söhnchen 
alsbald ins Paradies kommen werden; Vater und Sohn fallen tot um, 
die Mutter geht ins Kloster. — Auf ein gaelisches Märchen 
aus J. F. Campbells Sammlung gaelischer Märchen hat R. Köhler 
(Or. u. Occ. II, 322 f.) anläfslich eines eingehenden Berichtes 
über die ganze Sammlung aufmerksam gemacht. Jain, der Sohn 
einer armen Witwe, bezahlt in der Türkei Schulden und Beerdigung eines 
gemüshandelten Leichnams und kauft ein Christenmädchen, die Tochter 
des Königs von Spanien, los, welche entflohen war, um nicht einen ihr 
verhafsten General heiraten zu müssen. Nachdem beide nach England 
zurückgekehrt sind, giebt Jain dem Könige von Spanien Kunde von dem 
Loskauf seiner Tochter. Jain soll die Prinzessin zum Vater bringen; 
aber auf der Reise nach Spanien wird er auf Betreiben des genannten 
Generals, der sich auf das Schiff geschlichen hat, auf einer öden Insel 
zurückgelassen, infolge wovon die Königstochter wahnsinnig in Spanien 
anlangt. Der Geist des Toten rettet Jain in einem Boote und bringt ihn 
nach Spanien, wo die Prinzessin ihn erkennt und gesund wird. Lange 
nach ihrer Hochzeit, als sie bereits drei Söhne haben, kommt der Retter und 
verlangt die Hälfte alles Gewonnenen. Als aber Jain zur Teilung bereit 
ist, verzichtet der Fremde und giebt sich als Geist des Toten zu erkennen. 

Die romanischen Länder besitzen unsere Sage in sehr 
mannigfaltiger Form. Aus Spanien kennen wir zunächst ein 



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Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 151 

katalanisches Märchen, welches Felix Liebrecht (Heidel- 
berger Jahrbücher der Litt 1872, p. 894) mitgeteilt hat aus Lo 
Rondollayre: Quentos populars catalans, collectionate por Fran- 
cisco Maspons y Labrös. Barcelona. Llibreria di Alvar Ver- 
daguer. Segona Seria 1872. Nr. 31: L/estandart. Ein junger 
Mann, der auf Reisen gegangen ist, bezahlt Begräbnis und Seelenmessen 
eines Armen und kauft eine gefangene Königstochter los. Mit einer 
Flagge, die sie gefertigt und in welche sie ihren Namen gestickt hat, 
kommen einst Schiffer zu ihren Eltern, welche dieselbe als von ihrer 
Tochter herstammend erkennen. Die Schiffer, welche die Prinzessin holen 
sollen, werfen auf dem Rückwege den Jüngling ins Wasser; er wird aber 
durch den dankbaren Toten gerettet, an den Königshof gebracht und 
erhalt die Hand der Prinzessin. — Zwei spanische Romanzen 
(Duran, Romancero general, Madrid 1849 — 51, II, Nr. 1291 und 
1292) behandeln den gleichen Stoff. Vgl. Or. u. Occ. II, 323 ff. 
Ein junger venezianischer Kaufmann bezahlt in Tunis Schulden und 
Begräbnis eines Christen, kauft eine Sklavin los und nimmt sie in Venedig 
zum Weibe. Als beide auf die Einladung eines Kapitäns dessen Schiff 
besuchen, läfst dieser den jungen Kaufmann ins Meer werfen, führt das 
Mädchen davon und bringt es — es ist die Tochter des Königs von 
Irland — in seine Heimat. Der Venezianer wird, von dem Geiste des Toten 
gerettet, nach Irland gebracht, wo sein Anblick die kranke Königstochter 
heilt und ihre Wiedervereinigung erfolgt. — Nach einer Bemerkung 
Durans gründet sich die Romanze auf eine sehr alte fromme 
Volkslegende, welche im 17. Jahrhundert den Stoff zu verschie- 
denen Dramen geliefert haben soll, unter diesen „Don Juan de 
Castro" von Lope de Vega und „El mejor amigo el muerto u 
De tres ingeniös Luys de Belmonte, Francisco de Rosas, Cal- 
deron. Das Drama erzählt — nach R. Köhlers Analyse (Or. u. 
Occ. IH, 100 f.) — von Don Juan de Castro, dem Prinzen von Galicien 
welcher an der englischen Küste Schiffbruch leidet und nur wenig von 
dem Seinigen rettet. An der Küste findet und begräbt er den wegen 
Schulden unbeerdigten Leichnam des Schiffspatrous Lidoro, dessen Geist 
ihn später in London aus dem Gefänguisse befreit und ihm die Hand 
Clarindas, der Königin von England, verschafft. 

Italien besitzt die Sage in vier verschiedenen Formen. 
Die interessanteste und älteste dieser Versionen ist die Novella 
di Messer Dianese e di Messer Gigliotto, herausgeg. 
von IVAncona, Pisa 1868, wieder abgedruckt in dem Catalogo dei 
povellieri italiani in prosa etc. da Giovanni Papanti, Vol. I, Li- 
vorno 1871, p. XXXVIII. Novella ventesima prima. Vgl. Felix 



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152 Untersuchungen zur niittelengl. Romanze von Sir Amadas. 



Liebrecht, Heidelberger Jahrbücher d. Litt. 1868, p. 449 ff., wo- 
selbst sich eine kurze Analyse der Novelle findet.* Der Inhalt 
ist folgender. Dianese, ein edler Ritter in der Mark Trevigi, hat in 
verschwenderischem Leben seine Reichtumer vergeudet. Als er hört, dafs 
der König von Cornwales (Chornualglia) die Hand seiner Tochter und 
die Hälfte seines Reiches dem Sieger in dem von ihm ausgeschriebenen 
Turnier verspricht, wird er von seinen Verwandten und Freunden ge- 
hörig ausgerüstet, so dafs er sich mit seinem Gefolge alsbald auf den 
Weg machen kann. Einst, als er bereits vierzehn Tage unterwegs ist, 
nimmt er wahr, wie eine Menge Volks den geraden Weg verläfst, um 
eine schmale Strafse zu gehen. Auf seine Fragen erfährt er, dafs dies 
geschehe, weil auf jenem Wege die Leiche eines vor einer Kirche auf der 
Bahre liegenden edlen Ritters einen unerträglichen Geruch verbreite.** 
Er hört weiter, dafs der Ritter wegen unbezahlter Schulden unbeerdigt 
sei und es so lange bleiben werde, bis seine Gläubiger befriedigt wären. 
Da läfst Dianese bekannt machen, dafs er die Schulden des toten Ritters 
Gigliotto bezahlen wolle. Um allen Forderungen gerecht zu werden, ver- 
kauft er seine Pferde — bis auf eins — und seine ganze Ausrüstung. 
Nachdem er alle Schulden bezahlt hat, läfst er den Leichnam ehrenvoll 
beerdigen, nimmt Abschied und zieht weiter — er zu Rosse, seine Be- 
gleiter zu Fufs. AI 8 er zwei Meilen zurückgelegt hat, gesellt sich ein 
Kaufmann zu ihm, der ihn höflich grüfst, ihn nach seinen Geschäften 
fragt und sich ihm als Begleiter anbietet mit dem Vorschlage, er wolle 
ihm Geld, Rosse und Waffen geben, wenn er alles, was er dereinst ge- 
winnen würde, mit ihm zu teilen bereit sei. Gern geht Dianese auf diesen 
Vertrag ein. In der nächsten Stadt rüsten sich beide mit allem Not- 
wendigen aus und kaufen Waffen und Rosse, um, in der Stadt des Königs 
angelangt, in der vornehmsten Herberge Quartier zu nehmen und durch 
ihre ritterliche Freigebigkeit viel Aufsehen zu machen. Am Tage des 
Turniers wird alles glanzvoll hergerichtet. Dianese bleibt Sieger und er- 
hält mit Freuden vom Könige die Hand der Prinzessin und das halbe 
Königreich. — Nach längerer Zeit treten Dianese, seine Gemahlin und 
der Kaufmann die Rückreise an. Als sie nur noch einen Tag von ihrem 
Ziele entfernt sind und an einen Kreuzweg kommen, bittet der Kaufmann 
Dianese, das ihm einst gegebene Versprechen hinsichtlich der Teilung 
des Gewinnes nun zu halten. Vergebens stellt der Ritter seinem Begleiter 



* Vgl. Romania III, 191 f. = A. D'Ancona, Studj di critica e storia 
letteraria, Bologna 1880, p. 353 ff., woselbst D'Ancona verweist auf Ive, 
Novelline poiMMari rovignesi, Vieuna 1877, p. 19, „ove sono degne di 
osservazione le dotte illustrazioni dell' editore." 

** „Se voi andaste per la diritta istrada, a voi e chi andasse, voi 
trovereste si grande il puzzo d'uno gentile chavaliere ch'e läe morto 
dinanzi a una chiesa in una bara, che morebe dal puzzo chi v'andasse.* 
Derselbe Zug findet sich im „Sir Amadas* ; vgl. bei Robson Str. VI ff. 




Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 153 

vor, er solle doch für immer in seinem Hause bleiben.* Der Kaufmann 
besteht auf seiner Forderung und wird schliefslich von Dianese aufge- 
fordert, die beiden Teile nach seinem Gutdünken zu bemessen. Er teilt 
nun so, dafs die Dame mit ihrem Zelter die eine, alle Güter die andere 
Hälfte bilden. Dianese, der nun die Wahl zwischen diesen beiden Teilen 
bat, entscheidet sich für die Dame und Überläfst alles übrige dem Kauf- 
mann. Dann nehmen sie Abschied voneinander, und Dianese reitet be- 
trübt davon. Nach kurzer Zeit aber kehrt der Kaufmann zurück und 
eröffnet ihm, er freue sich, dafs er sein Wort so treu gehalten, und gebe 
ihm alles, was er dem Vertrage zufolge an ihn abgetreten, zurück. Nach- 
dem er sich endlich als den Ritter zu erkennen gegeben, dessen Schulden 
Dianese einst so hochherzig bezahlt und dessen Leiche er habe beerdigen 
lassen, verschwindet er ins Paradies. (E fue isparito, detto questo, ed 
andossine in paradiso.) Dianese aber kehrt mit seiner Gattin heim und 
belohnt alle seine Freunde reich. 

IVAncona erwähnt Romania HI, 191 f. als hierhergehörig 
ein volkstümliches Gedicht: „Istoria bellissima di Stellante- 
Co6taotina, figliuola del gran turco, la quäle fu rubata da certi 
cristiani che teneva in corte suo padre e fu veuduta a im mer- 
cante di Vicenza presso Salerno, con molti intervalli e successi, 
composta da Giovanni Orazio Brunetto." Dieser Titel schon läfst 
ersehen, dafs es sich auch in diesem Gedicht um den Loskauf 
einer Prinzessin handelt, wie in dem Märchen bei Strapparola: 
Notti piacevoli, Venezia 1573. XI, 2, von welchem Simrock (Gut. 
Gerh. p. 98) eine kurze Analyse gegeben hat, und zwar nach 
W. Grimm (Kinder- und Hausmärchen IU, 275). Bertuccio be- 
streitet mit 30o Dukaten, seinem ganzen Besitztum, den Loskauf und die 
Beerdigung einer Leiche und befreit eine Prinzessin, welche er, aus 
Räubershand gerettet, an den Hof ihres Vaters bringt. Als er heim 
reitet, schenkt ihm ein Ritter, der Geist des einst von ihm beerdigten Toten, 
gegen das Versprechen, alles Erworbene dereinst zu teilen, ein schönes 
RoXs und prachtige Kleider. Bertuccio gefällt nun dem Konige so, dafs 
er ihm seine Tochter zur Frau giebt. Als der Geist die Teilung der 
Prinzessin verlangt, Bertuccio aber die Frau lieber ganz als geteilt geben 
will, steht jener von seinem Verlangen ab und giebt sich zu erkennen. — 
Endlich verdanken wir der Märchensammlerin Laura Gonzenbach 
ein sicilianisches Märchen, welches unserem Sagenkreise 
angehört. L. G.: Sicilianische Märchen etc. IT, 96. Von den drei 

* ,0 perche none venite voi cho' nie, chfe io vi terro sempre orevole- 
mente a cnasa mia, e non e bisongnio di j)ensare di nulla, e starete molto 
bene e orevolemente sl come io? u Auch dieser Zug hat im „Sir Amadas 44 
seine Parallele; vgl. bei Weber v. 650 ff. 




154 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 



Söhnen eines Reichen suchen die beiden älteren vergeblich durch den 
Bau eines Schiffes, welches zu Wasser und zu Lande fahren kann, eine 
Königstochter zu gewinnen. Der jüngste der drei Brüder, weicher keine 
von den sich zur Arbeit meldenden Personen, auch nicht ein altes Männ- 
chen (d. i. der heil. Joseph) zurückweist, bringt das Schiff glücklich zu 
stände und gelangt durch die Hilfe des heil. Joseph in den Besitz der 
Prinzessin. Nach der Verbindung der beiden fordert Joseph die gleich 
ahfähgs ausbedungene Teilung alles Gewonnenen. Als der Jüngling all 
sein Gut geteilt hat, verlangt der Heilige auch die Hälfte seiner Frau. 
Da ist der Jüngling tief betrübt, aber bereit, sein Versprechen zu halten, 
und erhebt sein Schwert, die junge Frau zu zerhauen. In diesem Augen- 
blicke segnet der heil. Joseph seine Treue und verschwindet. 

Auch Frankreich besitzt die Sage vom dankbaren Toten 
in mehrfacher Gestalt. Zuerst ist zu erwähnen der altfrz. Roman 
von Herpin de Bourges, der uns, cirka 55000 Verse lang, 
in einer Hs. des 15. Jahrhunderts in Alexandrinertiraden über- 
liefert ist. Die von P. Paris (Manuscrits de la bibliotheque du 
roi, III, 1 — 4) behandelte Version Ist nach W. Förster (Rieh. 
Ii Biaus p. XXVII) wahrscheinlich ein Auszug aus diesem grofsen 
Roman. Nach dem von v. d. Hagen (Gesamtabenteuer I, XCVII; 
vgl. auch Simrock, Gut. Gerh. p. 104) gelieferten Auszug aus 
einer späteren deutschen Prosabearbeitung ist der Inhalt folgender. 
Low, der Sohn des Herzogs Herpin de Bourges, vom Ritter Badwin 
v. Montlin bei Florenz in einer Löwengrube gefunden und adoptiert, ver- 
schwendet seines Pflegevaters Vermögen durch Stechen und Turnieren. 
Als Low davon hört, dafs König Heinrich von Sicilien die Hand seiner 
Tochter dem Sieger in dem von ihm ausgeschriebenen Turnier verheifst, 
macht er sich auf den Weg nach dem Hofe des Königs. Mit dem unter- 
wegs gewonnenen Gelde begräbt er eine wegen unbezahlter Schulden im 
Rauche hängende Leiche eines Ritters. Schon vor dem Turnier gewinnt 
er in Montlisan der Königstochter Gunst. Das ihm noch fehlende Streitrofs 
verschafft ihm ein weifser Ritter unter der Bedingung gemeinschaftlichen 
Gewinnes, wovon Low aber die Prinzessin ausnimmt. Der weifse Ritter 
hilft ihm in den Turnieren, und als Low endlich die Königstochter erhält, 
verlangt der Ritter seinen Anteil am Gewinne, entweder die Frau oder 
das ganze Königreich, welch letzteres ihm Low feierlich giebt. Als der 
Ritter Löws Treue erkennt, entdeckt er sich ihm als Geist des beerdigten 
Ritters und verzichtet auf seine Forderung. 

Noch zwei andere altfrz. Romane gehören hierher, „Richars 
Ii Biaus u und „Olivier et Artus". — „Richars Ii Biaus", 
herausgegeben von W. Förster, Wien 1874, ist ein Abenteuer- 
roman, welcher nach des Herausgebers Ansicht an der belgisch- 
französischen Grenze entstanden ist und dem letzten Viertel des 




Untersuchungen zur mittel engl. Romanze von Sir Amadas. 155 



13» Jahrhunderts angehört. Der Roman hat, wie „Herpin de 
Bourges", nicht die Sage vom dankbaren Toten allein zum Gegen- 
stände; nur der letzte Teil desselben behandelt diesen Stoff. 
R. Köhler hat anläfslich der Besprechung der Casatischen Publi- 
kation von Fragmenten der Dichtung in der Revue Critique, 
1868, p. 412 ff., eine gedrängte Analyse des gesamten Romans 
geliefert. Der Inhalt des zweiten in unseren Sagenkreis gehörigen 
Abschnittes ist folgender (v. 4137 ff.). Der König von Friesland 
schenkt dem Vater des Richars, Loeis, die Landschaft Mangorie. Richars 
verschwendet in vornehm ritterlichem Leben seines Vaters Vermögen, 
welcher schließlich alle seine Besitzungen bis auf die chite* de Mangorie 
verpfändet, während sein Sohn leichtfertig alles hingiebt. Als Bichars 
hört, dafs der König von Montorgueil die Hand seiner Tochter dem 
Sieger in einem Turnier zusage, ist er untröstlich, dafs ihm die Mittel 
zur Teilnahme am Turnier fehlen. Ein Prevost indessen verschafft ihm 
ein Rofe und das nötige Geld, und mit drei ihm zur Verfügung gestellten 
Knappen macht sich Richars freudig auf den Weg nach Montorgueil. 
Nach viertägiger Reise herbergen sie in der Stadt Osteriche, wo Richars 
allen Bürgern, Bürgerinnen, Rittern und Söldnern ein glänzendes Fest 
giebt. Auf dem Dache eines Hauses sieht er auf zwei Balken einen 
Leichnam liegen, welcher, wie er auf seine erstaunten Fragen erfährt, der 
des tüchtigsten Ritters ist, aber von dem Wirt des Hauses wegen einer 
unbeglichenen Schuld von JtOOO Pfund nicht freigegeben wird. Richars 
ist entrüstet und giebt sofort alles, was er besitzt, auch seine Ausrüstung, 
her, um die Schuld zu decken und die Bestattung der Leiche zu ermög- 
lichen. Nachdem dies geschehen, zieht er auf einem schlechten Rosse, 
das der Wirt ihm gegeben hat, weiter zum Turnier und befindet sich, 
von seinen Knappen verlassen, in der traurigsten Stimmung, als sich 
ein weifser Ritter zu ihm gesellt, der ihm seine Hilfe für das Turnier 
anbietet und sein edles Rofs zur Verfügung stellt. In dem sehr aus- 
führlich geschilderten Turnier bleibt Richars Sieger über alle Gegner 
und erhält die Hand der Prinzessin Rose, welche ihm bereits vorher ihre 
Liebe erklärt hat. So in den Besitz der Königstochter gelangt, fragt 
Richars den weifsen Ritter, was er nun lieber wolle, die Frau oder das 
Erbteil. Der weifse Ritter aber steht von einer Teilung ab und ver- 
schwindet, nachdem er sich zu erkennen gegeben. 

Gleichfalls mit fremden Elementen versetzt ist der Roman 
„Olivier de Castille et Artus d'Algarbe u . Die Melanges 
tires d'une grande bibliotheque (Paris 1780) E. V., welche p. 78 ff*, 
eine Inhaltsangabe dieses Romans geben, schicken derselben die 
Notiz voraus: Philippe Camus, Flamand, traduisit ou composa, 
ä la requete, dit-on, du Sire de Croy, le Roman d'Olivier de 
Castille et d'Artus d'Algarbe. U y eu a eu deux eclitions de 




156 Üntersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

Genfeve; la premiere sans date, et la seconde de 1482. — 
Dieser Roman ist eigentlich eine Version des Sagenstoffes von 
Amicus und Amelius, in welche die Geschichte vom dankbaren 
Toten verflochten ist. Wenn man diesen unserer Sage angehörigen 
Bestandteil aus dem Zusammenhange des Ganzen herausschält, so 
ergiebt sich etwa folgende Form der Erzählung. Olivier, der Sohn 
des Königs von Kastilien, bezahlt auf seinen Reisen, auf welche ihn eine 
Liebeserklärung seiner Stiefmutter gedrängt hat, die Schulden und das 
Begräbnis Talbots, eines englischen Ritters, mit dem er Freundschaft ge- 
schlossen hatte, und welcher aus Gram über die unaufhörlichen Belästi- 
gungen seitens seiner Gläubiger gestorben ist. Der dankbare Geist des- 
selben liefert ihm Rofs und Gefolge zu einem glänzenden Turnier, wel- 
ches der König von England ausgeschrieben hat, und dessen Preis die 
Hand der Königstochter sein soll. Olivier siegt im Turnier, hält sich 
noch ein Jahr lang am englischen Hofe auf, schlägt in einem glück- 
lichen Kriege den König von Irland und darf endlich Helene, die eng- 
lische Prinzessin, heiraten, welche nach einem Jahre Zwillinge zur Welt 
bringt. Mit Hilfe des weifsen Ritters (d. i. der Geist Talbots) wird Olivier 
später aus der Gefangenschaft des irischen Königs erlöst, in die er auf 
einer Jagd geraten war. Als einst der weifse Ritter erscheint, um das 
ihm früher versprochene Halbteil alles Gewonnenen zu fordern, ist Olivier 
bereit, sein Töchterchen Ciarice zu teilen, worauf der Ritter Verzicht 
leistet, sich zu erkennen giebt und verschwindet. 

R. Köhler hat (Germania ITT, 203 ff.) uns noch von einem 
neueren französischen Roman, Histoire de Jean de Calais, 
Kunde gegeben, welcher aus der Feder der Novellenschriftstellerin 
Madame de Gomez (1691 — 1771) stammt und 1723 in der wieder- 
holt aufgelegten, auch ins Deutsche übertragenen Novellensamm- 
lung „Les journees amüsantes 44 erschienen ist. Uber ihre — 
übrigens noch nicht aufgefundene — Quelle sagt Madame de 
Gomez: „Ce que je m'engage ä vous conter est tire* d'un livre 
qui a pour titre: Histoire fabuleuse de la Maison des rois de 
Portugal/ Der Roman erzählt: Jean, der Sohn eines reichen Kauf- 
manns in Calais, der sich durch Bekämpfung der Korsaren um seine 
Vaterstadt sehr verdient gemacht hat, kommt auf seinen Reisen zu der 
blühenden Insel Orimanie, in deren Hauptstadt Palmanie er Schulden 
und Begräbnis eines von Hunden zerfleischten Leichnams bezahlt. Er 
kauft dort ferner zwei Sklavinnen los, mit deren einer, Konstanze, er sich 
vermählt und heimkehrt. Diese ist die Tochter des Königs von Portugal, 
von welcher er, als er sie ihrem Vater zufuhren will, durch einen verräte- 
rischen General getrennt wird. Der dankbare Tote aber rettet Jean und 
bringt endlich seine Wiedervereinigung mit Konstanze zu stände. Als 
der Fremde (d. i. der helfende Geist des Toten) später auf Grund eines 



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Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 



157 



früheren Versprechens von Jean die Hälfte seines Sohnes verlangt, giebt 
dieser sein Kind hin, damit jener es mit dem Schwerte zerteile. Der 
Fremde aber giebt Jean das Kind zurück als Preis seiner Tugend und 
Treue und verschwindet. — R. Köhler hat a. a. O. bemerkt, dafs 
es noch eine neuere französische Bearbeitung der Histoire de 
Jean de Calais gäbe, und zwar in Drucken aus den Jahren 1770, 
1776, 1787, welche auf dem Titel den Zusatz trägt: Sur de 
nouveaux memoires. Der Hauptzug der alten Sage hat sich in 
dieser späteren, übrigens anonym erschienenen Redaktion bereits 
verflüchtigt Der dankbare Geist des Toten ist nämlich durch 
einen .Engel ersetzt, der nicht aus persönlicher Dankbarkeit, son- 
dern in Ausübung seines himmlischen Berufes den tugendhaften 
Jean unterstützt und rettet. Sogar französische Volksromane 
von 1849 und 1856 haben noch die Geschichte des Jean de 
Calais zum Gegenstande, freilich in einer Form, deren wesent- 
licher Kern nur noch der Loskauf zweier Mädchen ist — J. B. 
Andrews erzählt in seinen „Stories from Mentone a auch ein 
„John of Calais" betiteltes Märchen. Danach scheint es, als ob 
die Geschichte noch heute — Andrews hat die Stories im Früh- 
jahr 1879 von einer Frau aus Mentone erzählen hören — im 
Volksmunde jenes Gebietes an der Grenze Italiens und Frank- 
reichs lebendig wäre. Vgl. The Folk-Lore Record, Vol. III, 
Part I, 3 und Englische Studien V, 158 unten. — Ein loth- 
ringisches Märchen, welches Cosquin (Contes populaires de 
Lorraine, compares avec les contes des autres provinces de France 
et des pays Prangers et prececles d'un essai sur l'origine et la 
propagation des contes populaires Europeens I, No. XIX, Le 
petit bossu) erzählt, ist, wie R. Köhler mir freundlich mitteilt, 
eine Variante von Grimm Nr. 57, aber kombiniert mit dem 
Motiv des dankbaren Toten. Der Held bezahlt die Schuld eines 
Toten und läfst ihn begraben. Dafür hilft ihni dann der Geist 
des Toten in Gestalt eines Fuchses. Cosquin verweist auf das 
baskische Märchen bei Webster p. 182, das bretagnische bei 
S^billot I, Nr. 1, das brasilianische bei Roniero Nr. 10, das tos- 
kanische bei Nerucci Nr. 52. — Endlich sei noch auf ein gas- 
cognisches Märchen hingewiesen, auf welches R. Köhler 
(Or. u. Occ II, 329) aufmerksam gemacht hat. Es stammt aus 
Cenac Moncaut, Contes populaires de la Gascogne, Paris 1861, 
p. 5, uud zeigt arge Entstellung des Stoffes, indem der Schuldner 




158 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

sich nur tot stellt, um sich so den Quälereien seiner Gläubiger 
zu entziehen. 

Am reichsten entwickelt zeigen die Sage vom dankbaren 
Toten, soweit mir die Versionen bekannt geworden sind, die 
germanischen Länder. Eine Fassung der Sage aus Schwe- 
den, welche bereits George Stephens (Ghost-Thanks p. 8) er- 
wähnt hat, findet sich in Bäckström, Svenska Folkböcker (Stock- 
holm 1845) H, 144 ff.: Pelle B&tsman. Vgl. Germania XXTV, 
130 ff. Pelle Batsmann bezahlt auf einer Reise die Schuld eines Toteu 
und verschafft ihm so die Ruhe, die er bisher im Grabe nicht findeu 
konnte, weil ihn sein gleichfalls bereits gestorbener Gläubiger allnächtlich 
aus dem Grabe jagte und durchpeitschte. P«lle gerät dann unter die 
Räuber, unter denen er eine Prinzessin, die Tochter des Königs von Ar- 
menien, findet. Mit dieser flieht er an Bord eines Schiffes, um sie ihrem 
sie suchenden Vater zuzuführen. Der neidische Schiffsführer aber setzt 
Pelle aus, und nur durch die Hilfe des dankbaren Toten gelingt es 
diesem, nach Armenien zu kommen und die Hand der Prinzessin zu er- 
langen. — George Stephens hat a. a. O. p. 73 f. als „afterword" 
zu seinem Abdruck des „Sir Amadas" eine altschwedische, zwi- 
schen 1265 und 1270 geschriebene Version der Sage im Urtext 
mit gegenüberstehender englischer Ubersetzung mitgeteilt : Om 
Pipinus Franka Konung eller Sagan om det Jordade 
Liket. Dieselbe stammt aus Ett Forn Svenskt Legendariuni, 
innhällande Medeltids Kloster-sagor om Helgon, P&fvor och 
Kejsare ifran det 1 sta tili det 13 de ärhundradet. Efter gamla 
handskrifter af George Stephens, Esq., 8vo. VoL 2, Stockholm 
1858, p. 731. Die Tochter des Königs von Frankreich, die Erbin des 
Reiches, verspricht als vielumworbene Prinzessin, demjenigen ihre Hand 
zu reichen, der in einem von ihr ausgeschriebenen Turnier Sieger bleiben 
werde. Auf die Nachricht hiervon macht sich Pipin, der Herzog von 
Lothringen, auf den Weg zum Turnier. Er nimmt die erste Nacht Her- 
berge bei einer Witwe, welche den Tod ihres noch auf der Bahre liegen- 
den Gatten beweint, der — einst ein mächtiger und frommer Mann — 
so arm gestorben ist, dafs sie ihn nicht nach seinem Willen bestatten 
lassen kann. Hochherzig veranstaltet Pipin dem Toten ein ehrenvolles 
Begräbnis. Als er seine Reise fortsetzt, trifft er einen Mann auf statt- 
lichem Bosse, welcher ihm sein mit dreifachen Vorzügen ausgestattetes 
Pferd gegen das Versprechen der Teilung des einstigen Gewinnes abtritt. 
Pipin zögert nicht, auf den Vertrag einzugehen, und gewinnt mit Hilfe 
des Bosses die Königstochter. Als später sein Helfershelfer die ver- 
sprochene Teilung alles Gewonnenen fordert, bietet ihm Pipin zuerst das 
halbe, dann, als jener auf die Königstochter hinweist, das ganze König- 




Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 159 

reich. Da erklärt der Mann, dafs er die Seele jenes Toten sei, den er 
einst begraben habe, und dafs in dem Rosse ein Engel Gottes ihm ge- 
holfen habe für seine grofsmütige Nächstenliebe. — Alis Norwegen 
kennen wir zwei Märchen, welche wir beide P. Chr. Asbjörnsens 
Yaletraeet, Christiania 1866, verdanken (Nr. 8 u. 9). Vgl. Felix 
Liebrecht, Heidelberger Jahrbücher der Litteratur 1868, p. 451 ff., 
sowie Germania XXIV, 131. (I) Nr. 8: „Krambodgutten 
med Gamelostlasten" erzählt von einem Ladendiener, welcher 
einen Toten bestattet und eine Prinzessin loskauft. Von dieser wird er 
durch einen früheren Bewerber derselben, der ihn ins Meer stürzt, ge- 
trennt, als er im Begriff steht, die Gerettete ihrem Vater zu bringen. 
Der Geist des Toten führt die Liebenden am Schlüsse glücklich zu- 
sammen. — (II) Nr. 9: Fölgesvenden. George Stephens (a. a. O. 
p. 8) sagt über das Märchen: „It was taken down from the 
mouth of the people in Aadalen and Aamot by P. Chr. Asbjörnsen, 
and was printed in Illustreret Kalender for 1855, Christiania. 
8vo, pp. 32 — 39." Ein junger Bauer zieht in die Ferne, um — nach 
der Weisung eines Traumes — die Hand einer schönen Prinzessin zu er- 
langen. Auf seinem Wege bestattet er in einer Stadt die Leiche eines 
betrügerischen Weinzapfers, welcher hingerichtet worden war und dessen 
Leichnam nun von allen Vorübergehenden bespien wird. Auf seiner wei- 
teren Reise gesellt sich des Weinzapfers Geist zu ihm und verschafft ihm 
durch wunderbare Mittel die Hand der Prinzessin. — Ein islän- 
disches Märchen aus J<5n Arnason: Islenzkar l'jödsögur og 
aefintyri, Leipzig 1864, II, 473 — 479, auf welches bereits F. Lieb- 
recht a.a.O. hingewiesen hatte, hat R. Köhler (Or. u. Occ. III, 
101 ff.) mitgeteilt Vgl. auch Felix Liebrecht, Germania XXIV, 
131; Poestion, Isländische Märchen, Wien 1884, p. 276. Thor- 
steinn, ein Königssohn, der durch Verschwendung seinen Reichtum ver- 
loren hat, verkauft sein Reich und zieht mit dem Erlös in die Welt. Er 
bezahlt die Schuld eines Toteu, der zwar beerdigt, dem aber der Frieden 
des Todes versagt ist wegen der vom Gläubiger auf sein Grab geführten 
Schläge. Auf seinen weiteren Fahrten erwirbt er in einem Riesenschlosse 
eine Prinzessin, die er nach Hause zu führen gedenkt. Der Schiffskapitän 
Raudr indessen wirft ihn in die See. Vom Geiste des Toten gerettet, 
kommt Thorsteinn an den Hof des Königs, dessen Tochter, seine Ge- 
liebte, ihn in dem Augenblicke erkennt, als sie mit Raudr vermählt wer- 
den soll. Der Nebenbuhler wird für seine verbrecherische That, welche 
jetzt erst ans Licht kommt, bestraft, und Thorsteinn erhält die Prinzessin 
zur Frau. — Auch in Dänemark ist unsere Sage heimisch. 
R. Köhler hat (Or. u. Occ. II, 327) ein dänisches Märchen, „Der 
Reisekamerad", aus Andersen, Gesammelte Märchen, Leipzig 1847, 




160 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 



HI, 85, besprochen. Es zeigt Verbindung mit der Sage von 
den zu erratenden Gedanken, die sich noch in einigen anderen 
hier zu besprechenden Märchen rindet. — Gleichfalls von frem- 
den Stoffen beeinflulst sind die von R. Köhler (Or. u. Occ. DI, 99) 
erwähnten beiden Märchen aus Grundtvig: Gainle danske minder 
i folkemunde, Kjobenhavn 1854, deren erstes, p. 77, Anlehnung 
an die Sage vom gestiefelten Kater zeigt, deren letztes, p. 105, 
in einem Punkte an das oben genannte sicilianische erinnert. 

In England ist die bedeutendste Gestaltung der Sage die 
im „Sir Amadas", einer Schweifreim-Romanze, welche uns in 
zwei Handschriften des 15. Jahrhunderts überliefert ist. Eine 
Analyse der Romanze, welche von H. Weber (Metrical Romances 
III, 241—275) und von J. Robson (Three Early English Metrical 
Romances, London 1842, p. 27 — 56) herausgegeben, von George 
Stephens (Ghost-Thanks or the grateful unburied etc., Cheaping- 
haven 1860) wiederabgedruckt wurde, ward nicht, wie W.Förster 
vermutete, zum erstenmal von ihm selbst, sondern bereits 1864, 
also zehn Jahre vor der von Förster in seiner Einleitung zu 
Richars Ii Biaus gelieferten, von R. Köhler (Or. u. Occ. II, 325) 
gegeben. Der uns erhaltene Teil der Romanze beginnt damit, dafe Sir 
Amadas mit seinem Steward über seine schwierige finanzielle Lage berät. 
Der Steward macht ihm den Vorschlag, bei seinen Gläubigern eine Ver- 
längerung der Rückzahlungsfrist seiner Schulden zu erbitten, sich vor 
allem nach Möglichkeit einzuschränken und sein Gefolge thunlichst zu 
verringern. Amadas ist damit nicht einverstanden. Er müfste, sagt er, 
zu lange sparen, ehe all seine Schulden bezahlt wären. Zudem würde er 
es nicht ertragen, in Spott und Schande "da zu leben, wo er geboren 
und so gut gekannt sei. Er trägt daher seinem Steward auf, sein Land 
auf sieben Jahre zu verpfänden und seine bedrängte Lage geheim zu 
halten. Er selbst will so lange in die Fremde ziehen, bis er sich wieder 
in besseren Verhältnissen befinde und schuldenfrei sei (Str. III). Vor 
dem Abschiede aber will er sich noch einmal freigebiger und fürstlicher 
zeigen denn je. Bevor er daher aufbricht, spendet er Rittern und Knappen 
reiche Gaben, schenkt ihnen Rosse, Falken, Hunde. Dann macht er sich 
auf den Weg und läfst in seiner Kasse nur 40 Pfund (Str. V). Als er 
seines Weges dahin reitet, kommt er an eine Kapelle, in welcher er ein 
Licht brennen sieht. Er schickt seinen Knappen hinein, um zu erfahreu, 
was es mit diesem für eine Bewandtnis habe; derselbe thut, wie ihm be- 
fohlen, kann aber wegen eines sehr üblen Geruches die Kapelle nicht be- 
treten, wirft nur einen Blick durch das Fenster und sieht eine Bahre mit 
zwei brennenden Lichtern, neben welcher trauernd eine Frau sitzt (Str. VII). 
Nachdem er zurückgekehrt, um seinem Herrn zu melden, was er gesehen, 




Untersuchungen zur mittelengl. Romauze von Sir Amadas. 161 

schickt Amadas behufs genauerer Information »einen Squier nach der 
Kapelle, der dem Ritter wesentlich dasselbe berichtet und nur hinzusetzt, 
dais die Frau die Hände ringe und zu Gott schreie, sie wolle den Leich- 
nam, der auf der Bahre liege, nicht verlassen, bis sie selbst sterbe (Str. X). 
Nun macht sich Amadas selbst auf den Weg, geht in die Kapelle und 
fragt die Trauernde, weshalb sie bei dem Leichnam Wache halte. Sie 
erzahlt dem Ritter, dais der, dessen Leiche vor ihr läge, ihr Mann ge- 
wesen sei, dafs er als wohlhabender Kauf manu jährlich eine Einnahme 
von 300 Pfund gehabt habe, dennoch aber wegen unbeglichener Schulden 
hier unbeerdigt liege. Es sei nämlich, so fährt sie fort, seine Gewohn- 
heit gewesen, Ritter und Lords in fürstlicher Weise zu beschenken, 
auch habe er nicht selten glänzende Feste gegeben und die Armen all- 
täglich gespeist. Keinem, der ihn um ein Darlehen anging, konnte er 
seine Hilfe versagen (Str. XIII). Um diesen ungeheuren Aufwand zu 
bestreiten, mufste er natürlich Schulden machen; und er habe deren so 
viele gehabt, dafs sie sich schäme, es auszusprechen. Als nun der Tod 
sie von ihrem Gemahl trennte, da seien alle Gläubiger gekommen, hätten 
ihr Geld verlangt und in Ermangelung desselben Pferde, Rindvieh, Schafe, 
Schweine weggenommen. Sie habe alles, was ihr Mann hinterlassen, her- 
gegeben, auch ihren Witwenanteil hingeopfert. Er schuldete indessen 
noch viel mehr (Str. XV). So war er einem Kaufmann noch 30 Pfund 
schuldig. Als dieser gehört hätte, erzählt . die Witwe weiter, dais ihr 
Mann gestorben, sei auch er gekommen, habe sein Geld gefordert und, 
da sie zahlungsunfähig gewesen, die Bestattung der Leiche untersagt. 
Um dieselbe nun vor Beschimpfung zu bewahren, hüte sie bereits seit 
16 Wochen den teuren Leib und werde ihn hüten, bis der Tod sie von 
ihrer Pflicht entbinde. — Nachdem Amadas die Trauernde nach dem 
Namen des grausamen Gläubigers gefragt, verabschiedet er sich (Str. XVII). 
Nachdenklich über sein eigenes Treiben, das dem des unglücklichen Kauf- 
manns genau gleicht, reitet er von dannen und befiehlt seinem Sompter- 
man, nichts bei der Tafel fehlen zu lassen, da er den Kaufmann, den 
Gläubiger des Toten, zum Abendessen bitten wolle. Dieser folgt mit 
seiner Frau der Einladung des Ritters ; aber Amadas ist bei der Tafel 
verstimmt; er denkt fortwährend an den unglücklichen Schuldner auf der 
Bahre (Str. XX). Endlich erzählt er seinem Gaste, was er im Laufe des 
Tages erlebt hat. Der Kaufmann, der sofort den Sachverhalt durchschaut, 
hält mit der Eröffnung nicht zurück, dafe der Tote sein Schuldner sei, 
und dafs er zur Bestattung desselben unter keinen Umständen seine Ein- 
willigung geben könne. Auch die dringendsten Bitten seines Gastgebers, 
dem Toten zu verzeihen und die Leiche freizugeben, weist er entschieden 
zurück (Str. XXII). Da läfst Amadas von seinem Steward 30 Pfund 
holen und bezahlt die Schulden des Verstorbenen. Als der Gläubiger 
ihm nun erklärt, dafs er befriedigt sei, läfst der freigebige Ritter für die 
noch in seinem Besitz befindlichen 10 Pfund den Leichnam beerdigen 
und bittet alle Geistlichen und Leidtragenden, die am Begräbnis teil- 
nahmen, zu sich zum Mahle (Str. XXVII). Nach demselben reitet Amadas 

Archiv f. u. Sprachen. LXXXI. \\ 




1G2 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 



davon, obwohl er nicht weifs, wo er die Nacht zubringen soll, da er all 
sein Hab und Gut verausgabt hat. Als er sechs Meilen von der Stadt 
entfernt ist, eröffnet er schweren Herzens seinem Gefolge, dals er es ent- 
lassen müsse, da ihm die Mittel zur Unterhaltung fehlten. Sollte ihm 
aber dereinst noch ein besseres Los beschieden sein, so wären sie ihm 
alle wieder herzlich willkommen (Str. XXXI). Nachdem seine treuen 
Diener unter Thränen von ihm geschieden sind, steigt Amadas von seinem 
Bosse und ergeht sich in verzweiflungsvollen Selbstanklagen wegen seiner 
leichtsinnigen Freigebigkeit. Er bittet Gott, ihn nie wieder dahin zu 
führen, wo man ihn als Ritter gekannt habe, ihn entweder sterben zu 
lassen oder ihm recht bald Hilfe zu senden (Str. XXXVI). — Da naht 
sich ihm unversehens ein Ritter in weifsen Kleidern auf weifsem Rosse, 
den er höflich grüfst. Der Fremde ermahnt ihn, seine Klagen einzu- 
stellen, da irdisch Gut nur erborgtes Gut sei und es so viele Menschen 
gäbe, die solches nicht besäfoen. Er solle nur sein Vertrauen auf Gott 
setzen ; dieser allein werde ihm helfen (Str. XXXIX). — Der weifse Ritter 
erzählt Amadas auch, dafs in der Nähe ein König wohne, der eine rei- 
zende Tochter habe, die ihr Vater über alles liebe und nur demjenigen 
Ritter zur Frau geben wolle, der sich im Felde am besten schlüge. Er 
(Amadas), der schönste Ritter, den er je gesehen, möge daher zu jenem 
Könige gehen, frohen Mutes, ohne Gefolge. Er solle dem Könige sagen, 
seine Leute seien bei einem furchtbaren Sturme, der ihn auf dem Meere 
überrascht, ertrunken. Auch möchte er sich bei Hofe recht freigebig 
und ritterlich zeigen; er selbst, der weifse Ritter, werde für alles Nötige 
Sorge tragen. Am Hofe des Königs werde er nämlich Ehren und Güter, 
dazu auch die liebliche Königstochter gewinnen. Eine Bedingung aber 
stellt der Fremdling: Amadas müsse mit ihm dereinst alles teilen, in 
dessen Besitz er durch seine Hilfe gelangen werde (Str. XLII). — Amadas 
geht gern auf diesen vorteilhaften Vorschlag ein und verspricht dem 
weilsen Ritter beim Abschiede Treue und Dankbarkeit. Als er an den 
Meeresstrand kommt, findet er wunderbarerweise Trümmer von gestran- 
deten Schiffen, Kisten und Kasten, gefüllt mit kostbaren Schätzen. Er 
legt ein goldgewebtes Kleid an, besteigt das schönste Rofs und reitet an 
den Hof des Königs. Dieser schickt ihm Boten entgegen, welche ihn 
empfangen und ihm mitteilen sollen, dafs der König ihn willkommen 
heifse und bereit sei, für sein Gut, wenn er es wünsche, Sorge zu tragen 
(Str. XL VII). Als die Gesandten ihren Auftrag ausgerichtet haben, teilt 
ihnen Amadas mit, er habe mit einer glänzenden Ausstattung und reichem 
Gefolge hierher kommen wollen; in einem furchtbaren Sturme aber habe 
sein Fahrzeug Schiffbruch gelitten und sein Gefolge den Tod gefunden. 
Der König nimmt ihn, als die Gesandten ihn zur Burg geleitet haben, 
gastlich auf und beglückwünscht ihn, den herrlichsten Ritter, der ihm je 
erschienen, zu seiner glücklichen Rettung aus Sturmesnot. Auf einen 
öffentlichen Aufruf des Königs sammeln sich viele Herren um Amadas, 
die ihm dienen und folgen wollen. Bei einem Turnier findet der ritter- 
liche Gast bald Gelegenheit, seine mannhafte Tüchtigkeit zu zeigen. 




Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 163 



Er trägt ehrenvolle Siege davon und gewinnt Güter und Rosse, deren 
eine Hälfte er dem Könige schenkt, während er die andere für seinen 
unbekannten Freund reserviert (Str. LI). — Nachdem sich bereits bei 
dem Festmahle, das dem Turnier folgte, Amadas und die Königstochter 
ineinander verliebt haben, bietet der König dem Ritter sein Kind an 
und stellt ihm schon bei Lebzeiten sein halbes Königreich in Aussicht. 
Amadas zögert nicht, die Hand der Prinzessin anzunehmen, und bald 
feiern die Verlobten Hochzeit, welcher 14 Tage lang glänzende Feste 
folgen. — Eines Tages, als aus ihrer Ehe schon ein schöner Knabe er- 
blüht ist, kommt jener Freund des Amadas, der ihm einst den Weg zum 
Glück gewiesen (Str. LV). Er läfst sich melden als einer, den der Herr 
sehr gut kenne, und als der Pförtner Amadas nur sagt, dafs ein Freund 
ihn besuche auf weifsem Rosse und in weüsem Gewände, da erkennt er, 
ohne ihn noch gesehen zu haben, in ihm jenen Fremdling wieder und ist 
hoch erfreut über sein Erscheinen. Nachdem er allen Dienern eingeschärft, 
dem Gaste die gleichen Ehren wie ihm selbst zu erweisen, geht er mit seiner 
Gemahlin dem Freunde entgegen (Str. LVIII). Dieser aber will von 
einem ehrenvollen Empfange, wie Amadas ihn beabsichtigt, nichts wissen ; 
er bittet nur um das ihm einst Versprochene und will sich bald wieder 
verabschieden. Amadas ist bestürzt Er erklärt dem Gaste, er könne 
seine weit auseinanderliegenden Länder nicht einmal innerhalb 14 Tagen 
teilen, geschweige denn, wie er verlange, in wenigen Augenblicken, und 
bittet den weiften Ritter, doch für immer bei ihm zu bleiben und wie sein 
Bruder mit ihm zu leben (Str. LX). Dieser geht hierauf indessen keineswegs 
ein, verlangt auch nicht, dafs Amadas ihm die Hälfte aller seiner Länder, 
Wälder, Seen, Schätze gebe, beschwört ihn aber, sein Weib und sein Kind 
mit ihm zu teilen. Auf Amadas' flehentliche Bitten, von solch unmensch- 
lichem Ansinnen abzustehen, erinnert ihn der Ritter kurz an sein einstiges 
Versprechen im Walde. Die Dame, welche ihren Wortwechsel hört, mischt 
sich jetzt in ihre Unterhandlung und mahnt ihren Mann dringend, sein 
einst gegebenes Wort zu halten (Str. LXIII). Sie stellt ihm hochherzig 
vor, dafs, wenn es Gottes Wille sei, sie beide zu trennen, er auf sie keine 
Rücksicht nehmen dürfe. Sie läfst bereits ihren zärtlich geliebten Knaben 
holen, und als Amadas auf eine Frage des weifsen Ritters erklärt, dafs 
er sein Weib noch mehr liebe als sein Kind, da verlangt der Grausame, 
dafs er sein Weib zuerst teile (Str. LXV). Keiner der Anwesenden giebt 
sich nun noch einer Täuschung darüber hin, dafs es unmöglich sei, deu 
weifsen Ritter von seinem entsetzlichen Verlangen abzubringen. Alle 
fallen in Ohnmacht. Nachdem die Dame von Ajnadas zärtlich Abschied 
genommen, wird ein Tisch geholt, auf den sie sich mit verbundenen Augen 
legen muls (Str. LXV1). In dem Augenblicke aber, als Amadas sein 
Schwert erhebt, um auf sein Weib den Todesstreich zu führen, fällt ihm 
der weifse Ritter in den Arm, übergiebt ihm unversehrt sein Weib und 
seinen Knaben und erklärt, er habe ihn nun genügend geprüft, er hätte 
nur seine (des Amadas) Ehre wahren wollen (thy worship thus to save), 
so wie er dereinst die seinige gewahrt habe. Der weifse Ritter giebt sich 



11* 




164 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

so als Geist jenes verschuldeten Kaufmanns zu erkennen, dessen Leiche 
einst Amadas hatte begraben lassen ; denn er eröffnet ihm beim Scheiden, 
daß* er, als Amadas einst das letzte, was er besafs, für ihn hingegeben, 
Gott gebeten habe, seinem Freunde und Wohlthater aus allem Kummer 
zu helfen. Nach kurzem Abschiede verschwindet er (Str. LXIX). — Alle 
danken Gott für den glücklichen Ausgang; aber Amadas und sein opfer- 
williges Weib leben in Freude und Glück bis an ihr Ende. — Amadas 
sendet Boten in sein früheres Land, welche dasselbe aufkaufen, so dafe 
es wieder in seinen Besitz übergeht. Sein einstiges Gefolge aber lafst 
er holen, um es reich zu belohnen und wiederum an seinen Hof zu 
ziehen. Nach dem Tode des Königs wird Amadas an seiner Statt gekrönt 
(Str. LXXII). 

Ein englisches Märchen aus Halliwell, Populär rhymes 
and nursery tales, London 1849, p. 67 (vgl. R. Köhler, Or. u. 
Occ. II, 327 f.), zeigt starke Beeinflussung durch fremde Ele- 
mente, namentlich aber eine erweiternde Verbindung mit der 
Sage von Jack the Giantküler. Zudem ist es hier nicht mehr 
ein Geist des Toten, welcher sich dankbar erweist, sondern ein 
Riese, dem die That des Helden der Erzählung gefallen hat. 

In Deutschland ist die Sage wohl in den zahlreichsten 
Versionen nachgewiesen. Die interessanteste Form unter den- 
selben ist ein mhd. Gedicht des 14. Jahrhunderts, „Ritter- 
triuwe a , welches v. d. Hagen (Gesamtabenteuer I, Nr. 6) her- 
ausgegeben hat. Vgl. Simrock, Der gut« Gerhard p. 100 ff. 
Graf Willekin von Montabaur, der in ritterlichem Leben viel verschwendet 
hat, hört von einer schönen, reichen Jungfrau, welche ihre Hand dem 
Sieger in einem von ihr ausgeschriebenen Turnier verheifst. Er macht 
sich auf den Weg nach dem Orte des Turniers, und als er zur Stelle 
kommt, will ihn der Wirt, bei dem er herbergen möchte, nur aufnehmen, 
wenn er (der Graf) gewillt ist, die Schulden eines bei ihm verstorbenen, 
im Keller verscharrten Ritters zu tilgen. Willekin geht darauf ein, giebt 
für die pomphafte Beerdigung des Ritters fast seine ganze Barschaft hin, 
erhält jetzt von dem Wirt ein erhebliches Darlehen zur Bestreitung des 
Aufwandes beim Turnier und macht Aufsehen durch seine verschwende- 
rische Freigebigkeit. Am Morgen vor dem Turnier erhält er von einem 
Ritter ein prächtiges Rofs gegen das Versprechen, alles Gewonnene 
später zu teilen. Willekin siegt im Turnier und erhält die Hand der 
Jungfrau. Als er in der zweiten Nacht nach der Hochzeit mit ihr zu 
Bette gehen will, tritt ins Schlafzimmer der bewufste Ritter mit seinem 
Anspruch auf Teilung, auf Grund dessen er ein gewisses Besitzrecht an 
der Frau zu haben vermeint. Vergeblich bietet Willekin all sein Gut 
für die Frau. Als er endlich weinend aus der Kammer geht, um das 
Feld zu räumen, und so seine Treue bewährt, giebt sich ihm der Ritter 




Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von 8ir Amadas. 165 

als Geist des Toten zu erkennen und entschwindet, „ein Engel, zu Gottes 
Thron*. — Ein anderes altes Gedicht (a. a. O. Nr. 64), Der 
Jungherr und der treue Heinrich, zuletzt herausgegeben 
von Karl Kinzel, Berlin 1880, zeigt nur noch schwache Spuren 
von den Elementen unserer Sage (vgl Simrock, Der gute Ger- 
hard, p. 103). 

Aufser diesen beiden Gedichten sind hier zu erwähnen eine 
grolsere Anzahl deutscher Märchen, von denen die meisten Sim- 
rock in seinem „Gut. Gerb." gesammelt und mitgeteilt hat Eine 
ganze Reihe von ihnen sind nur Varianten eines und desselben 
Typus, der sich etwa so darstellt: Ein Kaufmannssohn bezahlt, auf 
Reisen geschickt, Schulden und Beerdigung eines beschimpften Leichnams 
und kauft eine Königstochter los, in welche er sich bald verliebt. Der 
Jungling kommt an den Hof des Königs, bringt diesem Kunde von seiner 
Tochter und holt sie auf dessen Wunsch. Auf der Rückreise aber wird 
der Kaufmannssohn von einem früheren Bewerber der Prinzessin in die 
See geworfen, von dem Geiste des Toten gerettet und in dem Augen- 
blicke an den Hof des Königs gebracht, als seine Braut bereits mit dem 
verbrecherischen Liebhaber vermählt werden soll. Meist beim Hochzeits- 
mahl — ein auch vielen nicht hierhergehörigen Sagen eigentümlicher 
Zug — erfolgt die Entlarvung des letzteren und die Verbindung der 
beiden Liebenden. 

Das ist, abgesehen von manchen Modifikationen, der wesent- 
liche Inhalt folgender Märchen bei Simrock: 1) Des Toten 
Dank (p. 46), J. W. Wolfs Deutsche Hausmärchen, Göttingen 
1851, p. 243 ff. — 2) Des Toten Dank (p. 51), von W. Plönnies 
veröffentlicht in der Zs. f. d. Myth. II, 374, und zwar nach der 
Aufzeichnung eines Nagelschmieds in Weinbach im Odenwalde. — 

3) Der Sohn des Kaufmanns (p. 54), Dr. Ernst Meier: 
Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, Stuttgart 1852, Nr. 42. — 

4) Die rote Fahne und der Ring der Königstochter 
(p. 58), Kinder- und Volksmärchen, gesammelt von Heinrich 
Pröhle, p. 239 ff. — 5) Der tote Schuldner (p. 62), Joseph 
Zingerle, Zs. f. d. Myth. II, 337. — 6) Der dankbare Tote 
(p. 65), aus dem Munde eines Xanteners. — 7) Der gläserne 
Berg (p. 68), mündlich aus Xanten. Hier ist anstatt des Los- 
kaufs der Königstochter ihre Befreiung vom gläsernen Berge 
eingeführt. — 8) Der weifse Schwan (p. 75), im Dialekt 
der Grafschaft Mark, mitgeteilt von Fr. Woeste, Zs. f. d. Myth. 
HI, 46 ff. — 9) Der blinde König (p.- 80), brieflich mit- 



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166 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amachis. 

geteilt von Ignaz Zingerle. George Stephens (Ghost-Thanks p. 9) 
bemerkt hierzu : This is, properly, quite another tale — The land 
of Youth. See „G. O. H. Cavallius och G. Stephens: Svenska 
Folk-Sagor och Äfventyr", Vol. I. Stockholm 1844, p. 151. 
Ungdomslandet. — 10) Gedanken erraten (p. 89), mündlich 
am Fufse des Tomberges. — Nr. 9 und 10 zeigen Verbindung 
mit der Sage vom Vogel Phönix, bezw. mit der von den zu 
erratenden Gedanken. Eine Variante zu letzterem bietet 
(R. Köhler, Or. u. Occ. m, 93 ff.) ein Märchen in A. Ey: Harz- 
märchenbuch oder Sagen und Märchen aus dem Oberharze, Stade 
1862, p. 64 ff. In derselben Sammlung, p. 113, ist ein Mär- 
chen unseres Sagenkreises mit der Sage von den Sechsen, die 
durch die Welt kommen, kombiniert. Endlich stimmt ein olden- 
burgisches Märchen (aus L. Strackerjan: Aberglaube und Sagen 
aus dem Herzogtum Oldenburg, Oldenburg 1867, H, 308: „Der 
dankbare Tote") in allen wesentlichen Punkten mit der oben 
gegebenen typischen Analyse überein. 

Zum Schlüsse sei noch auf die beiden von Simrock (Gut. 
Gerh. p. 106, bezw. 110) mitgeteilten, der Scala celi s. v. elerao- 
sina und castitas entnommenen Erzählungen St. Nikolaus und 
St. Katharina hingewiesen. Bei der ersten der beiden tritt 
für die Totenbestattung eine milde Spende zum Wiederaufbau 
der zusammengestürzten Kirche des heil. Nikolas, bei der letzt- 
erwähnten die Gründung eines Spitals ein. In beiden Erzäh- 
lungen kann daher nicht der Geist eines Toten die Rolle des 
Dankbaren spielen; diese übernimmt vielmehr der durch die be- 
züglichen milden Stiftungen geehrte Heilige. 

H. 

Die Entwickelung der Sage. 

Bei dem Versuche, die zahlreichen unserem Sagenkreise an- 
gehörenden Versionen nach ihrer Verwandtschaft, bezw. der Rein- 
heit der Überlieferung, wenigstens soweit dies bei der Eigenart 
der Materie thunlich ist, zu gruppieren, wird es gut sein, die 
verschiedenen Fassungen in Bezug auf die sich etwa ergebenden 
wesentlichen Züge der Sage zu prüfen. Die Untersuchung 
wird hierbei vorzugsweise darauf zu richten sein, in welcher Art 



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Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 167 

sich diese als echt zu betrachtenden Momente der Sage hier und 
da modifizierten, wo sie ganz fehlen und durch andere, verwandte 
Momente ersetzt wurden, oder wo endlich nur eine scheinbare Ver- 
wandtschaft gewisser Versionen mit unserem Sagenstoffe besteht. 

Alle in unseren Kreis gehörigen reineren Sagenformen weisen 
drei Momente auf, auf welche der ganze Stoff der Sage, wenn 
er allen ausschmückenden Beiwerkes entkleidet wird, im wesent- 
lichen zurückzuführen ist. Es sind dies: die einem Toten vom 
Helden erwiesene Wohlthat — der Dank des Toten — die Teilung 
der Frau.* Wenn man hiernach ein — so zu sagen — typisches 
Bild der Sage entwerfen will, so wird dasselbe sich etwa folgender- 
mafsen gestalten. Ein Jüngling zeigt sich menschenfreundlich gegen 
die Leiche eines Unbekannten (indem er dieselbe vor Schimpf be- 
wahrt, bestattet etc.). Der Geist des Toten gesellt sich darauf 
zu ihm und erweist sich ihm dankbar, indem er ihm zu Reichtum 
und zum Besitze des von ihm zur Frau begehrten Mädchens 
verhilft, jedoch unter der Bedingung, dals er dereinst alles durch 
ihn Gewonnene mit ihm teile. Der Jüngling geht auf diesen 
Vertrag ein, und der Geist stellt sich nach einer gewissen Zeit 
wieder ein, um das Versprochene entgegenzunehmen, verlangt 
aber nicht die Hälfte des gewonnenen Gutes, sondern die der 
Frau. (Schlufs variabel.) 

t)ie Totenbestattung. 
Was nun das erste der soeben erwähnten drei Momente, 
„die einem Toten vom Helden der Sage erwiesene Wohlthat u , 
anlangt, so ist gleich hier zu sagen, dafs dieser Zug ohne Be- 
denken von vornherein als Totenbestattung hätte specialisiert 
werden können. In fast allen Sagen nämlich, die streng zu un- 
serem Cyklus gehören, erscheint diese Wohlthat nur in der Form 
der Bestattung einer Leiche. Wo dies nicht der Fall ist, hat 
sich für das Motiv der Totenbestattung ein anderer Zug einge- 
stellt, der aber für den Verlauf der Erzählung wesentlich die 
gleiche Bedeutung hat In dem von Afansjew mitgeteilten russi- 
schen Märchen (I) bittet ein Soldat für den toten Bruder die 
beleidigte Mutter um Verzeihung, um ihm so den bisher im Tode 

* Hierzu gesellt sich in zahlreichen Fassungen ein neues Motiv: der 
Loskauf der Königstochter. 



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168 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

nicht gefundenen Frieden zu verschaffen, während es sich in dem 
bei Chudjakow uberlieferten russischen Märchen (II) gleichfalls 
nicht um die Beerdigung eines Gestorbenen, sondern um den 
I>oskauf eines Ungläubigen handelt, welcher gemartert wird, nach 
erfolgter Befreiung aber seinen Wunden erliegt. Ahnlich erzählt 
das Zigeunermärchen von einem Königssohne, der seine letzten 
12 Piaster hingiebt, um einige Juden, welche den Iveichnam eine« 
Mannes schlagen, der ihnen noch 12 Piaster schuldete, von ihrer 
Unmenschlichkeit abzubringen. Auch die Aufnahme des schwim- 
menden Sarges aufs Schiff in dem letzten russischen Märchen (HI) 
hat offenbar keinen anderen Sinn als den einer dem Toten er- 
wiesenen letzten Ehre. In dem isländischen Märchen bezahlt der 
einst reiche, dann verarmte Königssohn mit seiner letzten Bar- 
schaft die Schuld eines Toten, der zwar begraben ist, aber keine 
Ruhe findet wegen der vom Gläubiger auf sein Grab geführten 
Schläge, und nach einer anderen nordischen Version (dem schwe- 
dischen Märchen „Pelle B&tsman") wird durch die Schuldbezahlung 
der Beerdigte aas dem Banne eines gleichfalls schon gestorbenen 
Gläubigers erlöst, welcher allnächtlich seinen Schuldner aus dem 
Grabe jagte und durchpeitschte. Zwei weitere Fassungen (das 
serbische Märchen II und das littauische Märchen II) erzählen, 
wie durch die Deckung der Schuld die Leiche vor dem Schimpf 
bewahrt bleibt, von den Gläubigern wieder ausgegraben, bezw. 
verbrannt zu werden. Wie man sieht, handelt es sich in den 
meisten dieser Fassungen um eine dem Toten erwiesene Wohl- 
that, welche dahin zielt, ihm den Frieden zu erkaufen, der ihm 
bisher selbst im Tode versagt war. Offenbar ist auch die Toten- 
bestattung in dem Gros der Sagen nur als eine Handlung ge- 
fafst, welche diesem Zwecke dient. 

Da auch in dem russischen Märchen (II), welches die Toten- 
bestattung nicht hat, der losgekaufte Ungläubige bald an seinen 
Verletzungen zu Grunde geht, so haben die genannten Gestal- 
tungen auch das mit allen übrigen gemeinsam, dafs es im weiteren 
Verlauf der Sage der Geist des Toten ist, der sich seinem Wohl- 
thäter dankbar erweist.* Gerade in diesem Punkte weichen — 

* Dafs in dem serbischen Märchen (I) der dankbare „Tote durch einen 
Engel ersetzt ist, erklärt sich aus der mangelhaften Überlieferung der 
Fassung; vgl. Archiv f. slav. Philol. II, ti32. 




Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 169 

der ganzen Anlage der Fabel zufolge — von dem allgemeinen 
Typus das sicilianische und das neugriechische Märchen wesent- 
lich ab, welche beide legendarischen Charakter tragen und eine 
starke Beeinflussung des Stoffes von christlich-kirchlicher Seite 
her erkennen lassen. Der später Helfende ist nämlich hier nicht 
der Geist eines Toten, sondern ein Heiliger, der sich dankbar 
erweist für eine ihm vom Helden erwiesene Ehre. So bringt in 
dem sicilianischen Märchen der jüngste der drei Söhne des Rei- 
chen den Bau des wunderbaren Schiffes glücklich zu stände, da 
er alle Personen, welche ihn um Arbeit beim Schiffsbau angehen, 
auch ein altes Männchen (d. i. der heil. Joseph), nicht, wie seine 
älteren Brüder es thaten, schroff von sich weist, sondern zweck- 
mässig beschäftigt. Der heil. Joseph ist es dann auch, welcher 
dem Jüngling die Geliebte gewinnen hilft. Ganz entsprechend 
ist es auch in der griechischen Fassung ein Heiliger, welcher 
sich dankbar erweist, weil der Vater des Helden der Erzählung 
diesen verkauft hatte, um aus dein für den Sohn erhaltenen 
Kaufgelde die Mittel für die Unterhaltung der Lampe zu ge- 
winnen, welche er dem Heiligen zu Ehren brennen läfst. Ein 
Heiliger, nicht der Geist eines Toten ist es endlich in den zwei 
von Simrock aus der Scala celi (s. v. elemosina und castitas) mit- 
geteilten Erzählungen, welcher dem Helden zum Besitz der Gattin 
verhilft. In diesen vier zuletzt- erwähnten Märchen erscheint 
sonach die Fabel dahin generalisiert, dafs es sich nicht um die 
Bestattung eines Toten, sondern um irgend eine fromme oder 
menschenfreundliche That* handelt, für welche der Held 
der Erzählung aus der Hand eines Heiligen seinen wohlverdienten 
Lohn empfängt. Jedenfalls aber haben wir in dieser Form der 
Uberlieferung nichts dem Original irgendwie Näherstehendes zu 
erkennen, wie die weitere Untersuchung ergeben wird. 

Man konnte, wenn man diese vier Märchen aufserhalb der 
Entwickelung der ganzen Sage betrachtet, leicht geneigt sein, zu 
meinen, dafs sie überhaupt nicht in unseren Kreis gehören, da 
ihnen gerade das Kennzeichen der übrigen Versionen, die Dank- 

* Entsprechende« ist von dem serbischen Märchen (IV) zu sagen, 
welches von der Dankbarkeit eines Goldfisches erzählt, welcher wiederholt 

??fangen nnd wieder in Freiheit gesetzt worden war. Zu den dankbaren 
ieren vgl. Benfey, Pantschatantra I, 210 ff. 




170 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

barkeit des Toten, abgeht. Doch lassen eine Reihe von bezeich- 
nenden einzelnen Zügen, die sich hier erhalten haben, keinen 
Zweifel über die Zugehörigkeit dieser Sagenformen zu unserer 
Gruppe. Überdies zeigt uns die Entwickelung des franzosischen 
Romans von Jean de Calais, welche wir dank den Mitteilungen 
R. Köhlers genau verfolgen können, aufs deutlichste, wie sich 
gerade der Zug des dankbaren Toten aus dem Zusammenhange 
einer Sage verlor, deren Mittelpunkt anfangs offenbar gerade dies 
Motiv gewesen war. 

Der Dank des Toten. 
Der Teil der Sage, welcher von dem Dank des Toten han- 
delt, giebt zu besonderen Erörterungen wenig Veranlassung, da 
er keinen Ansatzpunkt für eine Fortbildung des Stoffes bot. Nur 
eins ist zu erwähnen. Wie schon hervorgehoben wurde, äufsert 
sich die Dankbarkeit des Toten in weitaus den meisten Sagen 
darin, dafs der Geist seinekn Wohlthäter eine Frau gewinnen 
hilft. In einer Reihe von Versionen, welche eine Weiterbildung 
des ursprünglichen Sagenstoffes darstellen und bald des näheren 
zu betrachten sind, wird der Held der Erzählung von dem Geiste 
des Toten noch aus drohender Lebensgefahr (aus der Gefahr zu 
ertrinken) gerettet. Aus eben diesen Sagengestaltungen, welche 
also eine doppelte Bethätigung der Dankbarkeit des Geistes ent- 
halten, hat sich eine Form der Uberlieferung entwickelt, in wel- 
cher sich das Thema von der Gewinnung einer Frau bereits ver- 
flüchtigt hat, wo infolgedessen des Toten Dank nur noch darin 
besteht, dafs dieser dem Jünglinge, der seine Leiche einst be- 
stattet hatte, Hilfe und Rettung in Wassersnot bringt. Zwei 
derartige Fassungen sind das jüdische Märchen und das bre- 
tonische bei Luzel I, 68. 

Der Loskauf der Königstochter. 
In einer nicht geringen Anzahl unserer Märchen und Sagen 
finden wir neben der Totenbestattung, bezw. dem ihr gleich- 
wertigen Motive, einen Zug, welcher der Sage ursprünglich nicht 
eigentümlich gewesen zu sein scheint: es ist dies der durch den 
Helden vollzogene Loskauf einer Königstochter, derselben, welche 
er später zur Frau nimmt und nach längerer Trennung durch die 



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Untersuchungen zur niittelengl. Romanze von Sir Amadas. 171 

Beihilfe des Toten wiedergewinnt. Dies Motiv fehlt in den 
orientalischen, russischen und in zwei serbischen (H, HI) Märchen 
gänzlich; auch den der mittelalterlich-romantischen Dichtung an- 
gehörenden Versionen unseres Sagenkreises (Amadas, Heq>in de 
Bourges, Richars Ii Biaus, Olivier de Castille, Novella di Dianese, 
Rittertriuwe, Pipinus Franka Konung), sowie dem sicilianischen 
und griechischen Märchen ist dies Element fremd. 

Ein Vergleich der eben genannten Fassungen mit denjenigen, 
welche von einem solchen Loskauf der Königstochter erzählen, 
ergiebt nun, dafs an die Aufnahme dieses Motivs eine ganze 
Reihe neuer Züge gebunden ist, die, in sich zusammenhängend, 
eine eigene Fabel bilden und, thunlichst losgelöst von den übrigen 
Sagenbestandteilen, schematisch sich etwa folgendermafsen dar- 
stellen lassen: Ein Jüngling (derselbe, der einst mitleidig einen 
Toten beerdigt hatte) kauft eine in Gefangenschaft geratene 
Königstochter los und verlobt sich mit derselben. Die Eltern 
der Prinzessin erhalten durch geschickte Arbeiten (meist Sticke- 
reien oder Webereien) von der Tochter Hand Kunde von dem 
Verbleib und der Rettung derselben und lassen sie durch den 
Jüngling, den ihnen ein günstiges Geschick zugeführt hat, herbei- 
holen. Auf dem Wege nach ihrer jenseit des Meeres gelegenen 
Heimat wird die Königstochter durch einen früheren Bewerber, 
der ihren Bräutigam in die See wirft, von diesem ihrem einstigen 
Wohlthäter getrennt. Derselbe gelangt aber, durch des Toten 
Geist glücklich gerettet, nach der erst beim Hochzeitsmahl erfol- 
genden Entlarvung seines verbrecherischen Nebenbuhlers in den 
Besitz seiner Verlobten. 

Simrock, dem freilich ein viel geringeres Material zu Gebote 
stand, namentlich aber aufserdeutsches fehlte, hat auf Grund der 
ihm vorliegenden Fassungen in seinem „Guten Gerhard 44 die An- 
sicht verteidigt, dafs es sich in allen dem Sagenkreise des dank- 
l>aren Toten angehörenden Erzählungen um die Erfüllung zweier 
Pflichten seitens des Helden handele, um die Totenbestattung 
und den Loskauf der Gefangenen, und dafs, wo nur noch einer 
dieser beiden Züge erhalten sei, die Überlieferung gelitten habe. 
Infolgedessen hat Simrock auch solche Versionen in den Bereich 
unseres Sagengebietes gezogen, welche von der Totenbestattung 
oder von einem dieser verwandten Zuge gar nichts wissen, und 




172 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

sogar eine derartige Fassung, nämlich den rahd. „ Guten Gerhard", 
zum Ausgangspunkt seiner interessanten Erörterungen über un- 
seren Sageneyklus gemacht Seine Beweisführung (Der gute 
Gerhard, p. 117 ff.) stützt sich namentlich darauf, dafs, trotz der 
in die Augen springenden Differenz zwischen dem „Guten Gerhard" 
einerseits und den Märchen vom dankbaren Toten andererseits, 
gewisse Momente deutlich die Zusammengehörigkeit beider Sagen- 
stoffe dokumentierten. Diese Momente waren: Der von einem 
Kaufmann bewirkte Loskauf der Gefangenen (Königstocher) — 
die Geschicklichkeit der Königstochter im Anfertigen von Schmuck- 
sachen — die beim Hochzeitsmahl erfolgende glückliche Entschei- 
dung über das Los der Braut — der Umstand, dafs der rechte 
Bräutigam kaum dem Ertrinken entgangen ist. 

In der That finden sich diese Züge sowohl im „Guten Ger- 
hard 44 als auch in den meisten von Simrock angezogenen Sagen, 
die der Gruppe des dankbaren Toten angehören. Trotzdem war 
Simrocks Folgerung nicht richtig. Denn bei näherem Zusehen 
bemerkt man, dafs die vier als beweisend angeführten Züge sämt- 
lich nur demjenigen Bestandteil der fraglichen Fassungen ange- 
hören, welcher von dem Loskauf einer Königstochter handelt. — 
Freilich lag Simrock, z. B. in dem altfranzösischen Roman „Herpin 
de Bourges 44 und in dem mhd. Gedicht „Rittertriuwe 44 , eine Form 
der Sage vor, in welcher nur die Totenbestattung, nicht auch 
der Loskauf der Gefangenen die vom Helden erfüllte menschen- 
freundliche Pflicht war; doch deutete er sich die in diesen 
Fassungen vorkommende Turnierepisode in dem Sinne, dafe er 
sie als Rest einer Art von Befreiung (d. i. Loskauf) auffafste.* 
Entsprechend interpretierte Simrock auch eine Reihe von Ver- 
sionen, wo die Uberlieferung gleichfalls nichts mehr von einem 
eigentlichen Loskauf wufste, so dafs es also für seine Auffassung 

* Dafs diese Deutung der Gewinnung der Prinzessin durch einen Sieg 
im Turnier als ein Loskauf im Sinne aer diesen Zug unverfälscht be- 
sitzenden Sagen unrichtig ist, erhellt aus der Erwägung, dafs der Loskauf 
der Prinzessin aus der Gefangenschaft als eine dankenswerte That des 
Helden nur darum erscheint, weil dieser, um ihn zu bewirken, sein ge- 
samtes Besitztum hinzieht, weil er hier ohne fremde Hilfe, in rein men- 
schenfreundlicher Absicht handelt, während der turnierende Ritter stets 
bereits vom dankbaren Geiste unterstützt wird. Der Sieg im Turnier läfet 
überdies nichts von einer Art Befreiung der Königstochter erkennen, welche 
sich etwa in Gefangenschaft oder sonstwie beklagenswerter Lage befindet. 



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Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 178 

nur Sagen gab, in welchen entweder beide Momente, Toten- 
bestattung und Loskauf, oder nur der Loskauf zu finden waren. 
Auf Grund dieser Anschauung kam er zu dem Schlüsse, dafs 
die ursprüngliche Form der Sage beide Züge enthalten, dafs aber 
im Laufe der Tradition sich einer derselben, nämlich die Toten- 
bestattung, verflüchtigt habe. Hätte Simrock auch die anderen 
mittelalterlichen Fassungen, namentlich aber die orientalische und 
russische Gestalt der Sage gekannt, so hätte es ihm nicht ent- 
gehen können, dafs, da gerade diese Gestaltungen, die sich auf 
den ersten Blick als der Originalform nahestehend erweisen, 
von einem Loskauf nichts wissen, und da dies Motiv auch, wie 
im „Guten Gerhard", selbständig den Inhalt einer Sage bildet,* 
gerade dieser Zug erst später zu dem ursprünglicheren Motiv der 
Totenbestattung hinzugekommen sein mufs. 

Eine willkommene Stütze für diese Ansicht bietet sich mir 
in einem wendischen Märchen, in welchem das Motiv vom Ijos- 
kauf der Königstochter gleichfalls eine selbständige Erzählung' 
bildet, ohne dafs das Thema vom dankbaren Toten irgendwie be- 
rührt wird. Der Inhalt dieses Märchens, welches ich der Samm- 
lung von Edm. Veckenstedt, Wendische Sagen, Märchen und aber- 
gläubische Gebräuche, Graz 1880, p. 145, 6, entnehme, stimmt 
im wesentlichen überein mit dem am Anfange dieses Abschnittes 
gegebenen, von mir vor der Bekanntschaft mit dieser wendischen 
Erzählung aus kombinierten Formen erschlossenen Typus der 
Sage und ist in Kürze folgender: Der Sohn eines Riesenkönigs 
befreit auf einer Reise ein schönes Mädchen, welches in Amerika 
Sklavendienste verrichten mufs, nimmt es mit in seine Heimat 
und macht es zu seiner Frau. Als diese ihm eines Tages erklärt, 
sie sei die Kronprinzessin von England und einst nach Amerika 
entführt worden, begiebt sich der Sohn des Riesenkönigs sofort 
an den englischen Hof, um dort die Rechte seiner Frau geltend 



* Übrigens ist nicht zu verkennen, dafs die Fabel von der losgekauften 
Königstochter im „Guten Gerhard* bereits in modifizierter Gestalt vor- 
liegt. Wie Simrock schon hervorgehoben hat, wird hier nicht der die 
Prinzessin loskaufende Wohlthäter zum Danke für solche That mit ihr 
vereint, sondern er tritt sie hochherzig ihrem ersten Verlobten zu Ungun- 
sten seines Sohnes ab. Die Wendung der Erzählung in diesem Sinne 
beruht gewifs darauf, dafs im „Guten Gerhard 44 die Loskaufsepisode nur 
die Rolle einer eingerahmten Erzählung spielt. 



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174 Untersuchungen zur inittelengl. Romanze von Sir Amadas. 



zu machen, findet indessen bei niemandem Glauben und soll be- 
reits als Lugner das Schafott besteigen, als der König und die 
Königin auf einem von ihm gezeigten Tuche das englische Wappen 
erkennen. Nun soll er sofort seine Frau holen. Auf der Rück- 
reise wird er von dem Schiffskapitan, der mit der Prinzessin nach 
Amerika flieht, ins Meer geworfen ; er rettet sich indessen schwim- 
mend auf eine Insel nahe bei England, von wo er bald an den 
Königshof gelangt Hier erzählt er sein Milsgeschick, veranlafst 
die sofortige Verfolgung des Kapitäns und wird, nachdem dieser 
eingeholt und bestraft ist, mit der Königstochter von neuem zu 
langer, glücklicher Ehe verbunden. 

Es kann daher auch bezüglich des „Guten Gerhard 14 von der 
von Simrock besprochenen Umbildung der Sage in dem Sinne, 
dafs die Totenbestattung sich aus dem Zusammenhange der Fabel 
herausgelöst habe und nur noch der Loskauf von Gefangenen 
als dankenswerte That des Helden übrig blieb, keine Rede sein. 
Vielmehr werden wir anzunehmen haben, dafs in die Sage vom 
dankbaren Toten in späterer Zeit der Loskauf von Gefangenen 
als neues Motiv hineingetragen wurde, welches bereits in an- 
deren Sagen, so im „Guten Gerhard"* und in dem eben ge- 
nannten wendischen Märchen, mit gröfserer Selbständigkeit auf- 
getreten war.** 

Zudem läfst sich unschwer erkennen, wie man dazu gelangte, 
beide Sagen zu verschmelzen. Im zweiten Teil der Sage vom 
dankbaren Toten handelt es sich bekanntlich darum, dafs der 
Geist seinem Wohlthäter die Geliebte gewinnen hilft. Ganz ähn- 
lich muls in der Sage von der losgekauften Königstochter der 
Held eine Reihe von Schwierigkeiten überwinden, ehe er in den 



* Ein rabbinisches Märchen, „Der fromme Metzger oder der Genosse 
im Paradies 11 , welches in allen wesentlichen Punkten Übereinstimmung 
mit dem „Guten Gerhard* zeigt, hat R. Köhler (Germ. XII, ">5 ff.) mitgeteilt. 

** George Stephens (Ghost-Thanks p. 9) äufsert sich über Simrocks 
Buch folgendermaßen : „This ig a curious and iuterestiug work, but, moir 
Germanico, sometimes sufficiently fanciful and fantastical. I cannot see 
that „Der gute Gerhard" has any direct connection with „Die dankbaren 
Toten 44 or ought to have been placed first in Simrock's series of parallels. 
Many other independent sagas and arbitrary adventures might have been 
admitted ou grounds equally strong. tt Dafs* diese Beziehung zwischen der 
Fabel im „Guten Gerhard* 4 und der in der Sage vom dankbaren Toten den- 
noch besteht, dafs sie indessen wesentlich anderer' Art ist, als Simrock 
wahrscheinlich machen wollte, hoffe ich in Vorstehendem gezeigt zu habeu. 




Untersuchungen zur mittelen gl. Romauze von Sir Amadas. 175 

Besitz der Verlobten gelangt. Die Übereinstimmung der beiden 
Stoffe bezüglich dieser Situation, deren schliefsliche Entwicklung 
zum guten Ende (d. h. zur Verbindung der Liebenden) wiederum 
beiden Sagen gemeinsam ist, konnte zweifelsohne leicht zur Ver- 
schmelzung beider an sich verschiedenen Sagen führen. Über- 
dies lag auch in dem Totenbestattungsmotiv etwas dem Loskauf 
wenigstens Verwandtes. Die Toteubestattuug nämlich geht, wie 
eine Durchsicht der bezüglichen Sagen ergiebt, sehr häufig Hand 
in Hand mit einem Loskauf der Leiche, deren Beerdigung 
wegen unbezahlt gebliebener Schulden untersagt ist. In manchen 
Versionen ist sogar, wie oben gezeigt, nur von einem Loskauf 
der (schon beerdigten) Leiche die Rede, welcher erfolgt, um die 
Gläubiger, die ihrem toten Schuldner die Ruhe des Grabes nicht 
gönnen, zu befriedigen. Auch hierin also zeigt sich zwischen 
beiden Sagenstoffen ein gewisser Parallelismus, der eine Verbin- 
dung nahe legen mochte. Endlich aber bot gerade das Motiv 
des Loskaufs der Königstochter in seiner weiteren Entwicklung 
reiche Ausbeute im Zusammenhange der Sage vom dankbaren 
Toten, insofern es neue Mittel lieferte, die Dankbarkeit des 
Geistes durch die Rettung des Helden aus Lebensgefahr, durch 
Versetzen desselben an den Königshof u. s. w. drastisch zu 
illustrieren. 

Hiernach ist also der „Gute Gerhard 44 nicht als ein altes 
Glied in der Entwickelungskette der Sage vom dankbaren Toten 
zu t>etrachten, sondern er enthält ein neues, fremdes Element, 
yon dem sich nicht wenige Versionen noch frei gehalten hatten, 
das aber weiterhin in unsere Sage eindrang und hier, wie wir 
sehen werden, sogar alte Elemente verdrängte. 

Die Teilung der Frau. 

Das dritte der namhaft gemachten Elemente der Sage ist 
die Teilung der Frau, ein auf den ersten Blick in sämtlichen 
occidentalen Versionen gleich überraschender Zug. Der Geist 
des Toten nämlich, dessen Leiche der Held der Sage einst (los- 
gekauft und) begraben hatte, bedingt sich, als er ihm später er- 
scheint und hilfreich zur Seite steht, als Lohn für seine Dienste 
die Hälfte alles dessen aus, was der Jüngling mit seiner Hilfe 



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17(5 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

gewinnen würde. Auf Grund dieses Vertrages erscheint der 
Geist später von neuem und verlangt nicht sowohl Anteil an 
Gut und Geld, als vielmehr die Hälfte der Frau seines einstigen 
Wohlthäters, welche zu diesem Zwecke also geteilt werden soll. 

Sinirock hatte gemeint, dafs des Geistes Wunsch sich nur 
auf den Besitz des Kindes, und zwar des ganzen, nicht des 
geteilten, richte, wie dies in der That einige Sagen erzählen, und 
dafs es eine Entstellung sei, wenn der Geist die Braut ver- 
lange, obgleich — wie Simrock sich nicht verhehlte — gerade 
dieser Zug den ältesten Überlieferungen eigentümlich ist. Die 
ganze vom Geiste gestellte Bedingung aber hat in Simrocks Augen 
nur den Sinn einer Würze des Schlusses der Erzählung. Auch 
hierin ging und mufste Simrock füglich fehl gehen auf Grund 
des dürftigen Materials, mit dem er arbeitete. Nachdem uns 
nämlich heute einige orientalische, russische und südslavische 
Versionen zugänglich geworden sind, unterliegt es keinem Zweifel 
mehr, dafs nur diese geeignet sind, auf die ganze Sehlufs- 
episode der Sage das rechte licht zu werfen. Aus diesen 
Fassungen geht hervor, dafs nach der im Orient und im Osten 
Europas lebenden Uberlieferung der Sage die Teilung der Frau 
ein nicht blofs den Schlufs der Erzählung würzender, sondern 
durchaus notwendiger Zug ist. In den orientalischen Versionen 
uänilich ist die Frau, zu deren Besitz der dankbare Tote dem 
Helden verhilft, mit bösen Geistern behaftet, die, in ihrem Inneren 
sitzend, nachts aus ihrem Munde fahren und das Leben des Ge- 
mahls bedrohen. Als daher in dem armenischen Märchen die 
Frau, zum Zwecke der Teilung mit dem Schwerte, mit dem 
Kopfe nach unten aufgehängt wird, da gleitet ihr die Schlange, 
von der sie eben befreit werden sollte, aus dem Munde, so dals 
die beabsichtigte Teilung nun unterbleiben kann. Ganz ähnlich 
im Zigeunermärchen. Hier erhebt der Tote, während er den 
einen, der Jüngling den anderen Fufs des Mädchens hält, das 
Schwert, um die mit Geistern behaftete Braut zu zerhauen. In 
der Angst öffnet das Mädchen den Mund zum Schreien, wobei 
ihr ein Drache aus dem Munde fährt. Entsprechendes erzählen 
auch das russische (III) und die serbischen (U, III, IV) Mär- 
chen. Unzweifelhaft klar aber wird der Sinn des Ganzen erst 
aus dem von Chudjakow mitgeteilten russischen Märchen aus 



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Untersuch uujreu zur niittelengl. Romanze von Sir Amadas. 177 

dem Rjäsanschen Gouvernement. Hier nämlich wird die Teilung 
der Königstochter thatsächlich ausgeführt. Nachdem der Geist 
des Toten sie in zwei Hälften zersägt hat, kommen aus ihrem 
Inneren junge Drachen geflogen, welche so durch die Teilung 
entfernt werden. Nachdem die Eingeweide gereinigt und ge- 
waschen sind, steht das Mädchen wieder lebendig da. Sicherlich 
haben wir in dieser Fassimg diejenige Form der Sage, welche 
dem Original relativ am nächsten steht. Denn erst hier wird 
die — sonst nur verlangte, hier wirklich ausgeführte — Teilung 
der Frau zu einem unabweislichen Erfordernis, ohne welches ein 
befriedigender Schlufs der Fabel, nämlich eine glückliche Ver- 
bindung der beiden jungen Gatten, nicht möglich ist.* 

Schon Benfey meinte, als er Pantschatantra I, 219, Anm., auf 
das armenische Märchen zu sprechen kam, dafs die armenische 
Fassung der Sage das Original sei, auf welches die occidentalen 
Fassungen zurückgingen. Diese Ansicht, der sich R. Köhler 
(Or. u. Occ. II, 328) angeschlossen hat, wird weiter bestätigt 
durch die von Chudjakow mitgeteilte russische Version, das 
Zigeunermärchen u. s. w., welche sich alle der armenischen Uber- 
lieferung an die Seite stellen. Da indessen das Chudjakowsche 
Märchen ohne Zweifel den Thatbestand des Originals noch treuer 
überliefert enthält, so wird es sich empfehlen, nicht die arme- 
nische Erzählung im einzelnen als die ursprünglichste Form hin- 
zustellen, sondern die Gesamtheit derjenigen Versionen, in denen 
die Teilung der Frau noch ein notwendiges Glied in der Ent- 
wickelung der Handlung ist, zu einer Gruppe zusammenzufassen, 
welche im allgemeinen als die dem Original der Sage am näch- 
sten stehende zu betrachten ist. — Hiermit fällt natürlich auch 
Simrocks Versuch — den bereits R. Köhler (Or. u. Occ. II, 323) 
als vorschnell bezeichnet hat — , der ganzen Sage auf Grund 
mythologischer Daten rein germanischen Ursprung zuzusprechen. 
Gewifs mögen die mythologischen Aufstellungen Simrocks zu 
Recht bestehen; doch sind die germanisch-mythologischen Ele- 
mente der Sage nicht ursprünglich eigen, sondern erst bei ihrer 
Verpflanzung auf deutsches Gebiet in dieselbe hui eingetragen 

* Im finnischen Märchen ist die Braut durch Horner entstellt, welche 
abfallen, als sie in der Hochzeitnacht ausgepeitscht wird. 
Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 12 



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178 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

worden, genau so, wie z. B. die höfischen Elemente in die 
der ritterlichen Sphäre angehörenden Versionen des Mittel- 
alters. * 

Beim Ubergange der Sage in die abendländische Welt war 
es gerade dieser Zug — die Teilung der Frau — , welcher die 
bedeutsamsten Modifikationen erlitt. In keiner einzigen occi- 
dentalen Fassung finden wir dies Teilungsmotiv noch in dem 
Sinne vor, in welchem es den orientalischen und osteuropäischen 
Völkern geläufig war. Zwar hat es sich in einer nicht ge- 
ringen Anzahl von westeuropäischen hierhergehörigen Sagen noch 
erhalten, aber der Sinn, den die Sage ursprünglich hineinlegte, 
ist nicht mehr lebendig geblieben, vermutlich weil die ganze Idee 
von den im Leibe der Frau lebenden Geistern (bösen Drachen, 
Schlangen), welche durch den Mund herausfahren oder nur durch 
Zerteilung der Frau zu beseitigen sind, der abendländischen Welt 
weniger vertraut war. Wir finden daher an Stelle dieser eigen- 
artigen Vorstellung eine Umdeutung des ganzen Teilungsmotivs 
in dem Sinne, dafs der Schlufs der Erzählung, in welchem der 
Geist die Forderung der Teilung stellt, nur dazu dient, den 
Helden zu prüfen, seine Hochherzigkeit und Treue in helles 
Licht zu stellen. Es steht zu vermuten, dafs diese Umdeutung 
sich in Anlehnung an das alttestamentliche Motiv von der Opfe- 
rung Isaaks vollzog, welche in ihrer ganzen Bedeutung und Dar- 
stellung frappante Ähnlichkeit mit der Teilungsepisode in einigen 
unserer Sagen aufweist. 

Nur wenige der abendländischen Fassungen sind dem orienta- 
lischen Typus darin treu geblieben, dafs es sich bei der geforderten 

* Bereits Simrock (a. a. O. p. 181) hatte gefühlt, dafe auch die Er- 
zählung von Tobias in unseren Sagenkreis zu ziehen sei. Freilich mufste 
er sich mit der blofseu Erwähnung der alttestamentlichen Version und 
dem Hinweis auf die Möglichkeit eines Zusammenhanges dieser Erzählung 
mit der Sage vom dankbaren Toten begnügen. Auch ich wage zur Zeit 
noch nicht, den Sachverhalt eingehender zu behandeln, namentlich also 
zu entscheiden, welcher Art die Beziehungen zwischen dem Tobias-Buche 
und den anderen orientalischen Versionen sind. Nur so viel darf — als 
ein kleiner Fortschritt Simrock gegenüber — heute als gesichert gelten, 
dafs ein solcher Zusammenhang thatsächlich besteht. Es wird hier vor- 
läufig genügen, auf die Episode von den sieben Freiern hinzuweisen, 
welche von dem bösen Geiste in der Brautnacht getötet werden. Gerade 
die Teilung aber — das charakteristische Merkmal der orientalischen Ver- 
sionen — fehlt dem Tobias gänzlich. Vgl. R. Köhler, Germania III, 208; 
Sepp, Altbayerischer Sagenschatz, München 1870, p. G78 ff. 



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Untersu eh nngen zur mitteleDgl. Romanze von Sir Amadas. 179 



Teilung* noch um die Frau handelt, so der „Sir Amadas", das 
sicilianische und das griechische Märchen. Andere Fassungen 
(so der Roman von Olivier de Castille, von Jean de Calais, das 
bretonische Märchen flj und die von Simrock angezogenen deut- 
schen Märchen Nr. 1, 2, 8) haben mit noch treuerer Anlehuuug 
an die biblische Erzählung als Teilungsobjekt das Kind des jungen 
Paares eingeführt, und zwei dieser Versionen, die soeben ge- 
nannten Romane von Olivier de Castille und von Jean de Calais, 
haben sogar den Zug des auf das Kind gezückten Schwertes, 
welcher zu einer Parallele mit der Situation in Isaaks Opferung 
geradezu herausfordert. Wieder andere, und zwar schon der 
älteren Stufe angehörende Formen der Uberlieferung (Dianese, 
Herpin de Bourges, Richars Ii Biaus) fassen die Teilung in an- 
derem Sinne auf, nämlich als eine Teilung des gesamten Besitzes 
des Jünglings, welcher als aus zwei Teilen — der Frau und dem 
Gute, bezw. dem Reiche — bestehend gedacht wird, so dafs eine 
Teilung der Frau von vornherein ausgeschlossen ist. In noch 
anderen Darstellungen, wie bei Strapparola, bei Haltrich, bei 
Campbell, in der Rittertriuwe u. s. w., zeigen sich wiederum an- 
dere Modifikationen der Teilungsepisode. 

Es liegt auf der Hand, dafs gerade die Mannigfaltigkeit in 
der Darstellung dieses Motivs und die geringe Widerstandsfähig- 
keit der Form, welche dasselbe innerhalb der abendländischen 
Uberlieferung der ganzen Sage zeigt, auf Kosten des Umstandes 
zu setzen ist, dafs die occidentale Umbildung des Teilungsmotivs 
im Sinne einer Prüfung der Treue des Helden nur ein schwacher 
Notbehelf war, welcher diesen Zug der Sage — jetzt in der That 
nur als eine Würze des Schlusses — zwar noch eine Zeit lang 
lebendig erhielt, aber nicht hindern konnte, dafs er bald genug 
verschwand, da er, streng genommen, nicht mehr in organischem 
Zusammenhange mit dem ganzen Verlauf der Erzählung stand. 
So ist denn die Teilung der Frau thatsächlich in einer ganzen 
Reihe von Erzählungen nicht mehr vorhanden, und wir werden 
nicht fehl gehen, wenn wir diejenigen Fassungen, in denen dies 



* R. Köhler hat in seiner Anmerkung zu L. Gonzenbach, Sicilianische 
Märchen II, !K>, die Teilungsepisoden in den ihm damals bekannten Ver- 
sionen zusammengestellt. Zur Kichtigs teil ung eines DruckverHehens a. a. (). 
p. 25U, Z. 13 vgl. Archiv f. slav. Philol. V, 14, Anm. 2. 

12* 



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180 Untersuchungeu zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

der Fall ist, als die von dem ursprünglichen Typus der Sage sich 
am weitesten entfernenden ansehen. Es sind dies eine Reihe 
nordischer und deutscher Märchen, die katalanische Erzählung 
und die spanischen Romanzen. 

Gesamtergebnis für die Entwickelung der Sage. 

Wenn wir nach dem Gesagten es nun versuchen, ein sche- 
matisches Bild der Entwickelung der Sage vom dankbaren Toten, 
wie die nebenstehende Figur es veranschaulicht, zu konstruieren, 
so werden wir zunächst als die vergleichsweise älteste Stufe der- 
selben diejenige Form der Sage (I) anzusehen haben, welche 
durch das unentstellte Teilungsmotiv (im Sinne der Befreiung 
der Frau von bösen Geistern) und durch die noch fehlende Los- 
kaufsepisode charakterisiert ist. Auch diese Gestalt der Sage 
aber deutet in der Kombination des Themas vom dankbaren 
Toten mit der Geschichte von der Frau mit den Drachen im 
Leibe bereits auf eine Verschmelzung ursprünglich wohl getrennter 
Stoffe. Hierher gehören neben (dem Tobias-Buche) dem Zigeuner- 
märchen und der armenischen Sage die drei russischen und zwei 
serbische (II, III) Märchen. — Das nächste Glied in der Ent- 
wickelungsreihe bilden die mittelalterlich -romantischen Fassun- 
gen (II), denen zwar der Loskauf der Königstochter gleichfalls 
noch fremd ist, die aber die Teilung bereits zu dem Prüfuugs- 
motiv umgebildet zeigen. J£s sind dies der mittelengl. Sir Ama- 
das, der altfrz. Herpin de Bourges, Richars Ii Biaus, Olivier de 
CastUle, die italienische Novella di Messer Dianese, das mhd. 
Gedicht Rittertriuwe und die altschwedische Erzählung von Pipinus 
Franka Konung. — Auf der anderen Seite steht dieser Gruppe 
von Fassungen eine Form der Uberlieferung (HI) gegenüber, die 
nicht ganz eng mehr an unser Sagengebiet geknüpft ist, weil 
sich in ihr durch Übertragung der Fabel auf das kirchliche Ge- 
biet die Totenbestattung verlieren mufste. Zu dieser legendarischen 
Gruppe gehören das sicilianische imd das griechische Märchen, 
bei denen der helfende Geist nicht der dankbare Tote, sondern 
ein Heiliger ist. 

In der weiteren Entwickelung der Sage zeigt sich nun ein 
fremdes Element, der Loskauf der Königstochter, welcher sich 



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Untersuchungen zur mittelen gl. Romanze von Sir Amadas. 181 



I. 

Hage mm dankbaren Toten und der Frau mit den Drachen im Iseibc. 
(Tobias;) armenische* Märchen; Zigeunermärchen ; drei russische Märchen; 
serbische Märchen II, III. 



IL 

MitteiaUerlieh-romantisehe Farm. 
(Teilung im Sinne der Prüfung. Los- 
kauf fehlt.) 
Amadas ; Dianese ; Richars Ii Biaus ; 
Herpin de Bourges; Olivier de Ca- 
stille; Rittertriuwe; Pipinus Franka 

Konung. HL 

J Aigendarische Form. 
(Teilung im Sinne der Prüfung. Los- 
kauf fehlt.) 
Sicilianisches Märchen ; griechisches 
Märchen. 

Sage von der losgekauften Königs- 
tochter. 

Wendisches Märchen; Guter Ger- 
hard; Frommer Metzger. 



IV. 

Versionen mit Teilung im Sinne der 

Prüfung und Ijoskauf. 
Strapparola; Jean de Calais; bre- 
tonische Märchen I, III; gaelisches 
Märchen; Simrock Nr. 1, 2, 8; lit- 
tauisches III, siebenbürgisches, un- 
garisches, serbisches I Märchen. 



VI. 

Versionen mit Loskauf ohne Teilung. 
Isländisches, norwegisches I, schwe- 
disches, littauisches II, oldenbur- 
psches Märchen; Simrock Nr. ') 
bis 7, 1»; katalanisches Märchen; 
spanische Romanzen. 



VII. 

Versionen mit nur sehwachen Spuren 

des Isoskattfsmotivs. 
Jüdisches Märchen ; bretonisches 
Märchen IL 



Ijegendarisehe Formen mit Ijoskauf 
St. Nikolaus; St. Katharina; spä- 
tere Formen der Histoire de Jean 
de Calais. 



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182 Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amadas. 

durch Einwirkung einer selbständigen Sage erklärt, die uns z. B. 
in einem wendischen Märchen, in dem mhd. „Guten Gerhard" 
und in dem rabbinischen Märchen „Der fromme Metzger u ent- 
gegentritt. Beide vorhin namhaft gemachten Gruppen der Sage, 
die romantische und die legendarische (II und HI), zeigen sich 
von diesem neuen Elemente affiziert und verschmelzen mit ihm 
zu neuen Gebilden (IV und V). Aus der legendarischen Sagen- 
form ergiebt sich unter dem Einflufs des neuen Stoffes diejenige 
Gestaltung der Sage (V), welche wir z. B. in den beiden Erzäh- 
lungen St. Nikolaus und St. Katharina aus der Scala coli kennen, 
während die Verschmelzung auf der romantischen Seite eine 
Form (IV) erzeugt, welche die wesentlichen Elemente der Gruppe II 
mit Hinzutritt des Loskaufsmotivs zeigt. Hierher sind zu rechnen 
die Erzählung bei Strapparola, der Roman von Jean de Calais, 
das siebenbürgische Märchen aus Haltrichs Sammlung, ein unga- 
risches, ein serbisches (I), ein littauisches (HI) Märchen, die deut- 
schen Erzählungen Nr. 1, 2, 8 bei Simrock und drei keltische 
Märchen, das von Campbell mitgeteilte gaelische und die breto- 
nischen (I und HI), welch letztere freilich die Loskaufsepisode 
nicht mehr ungetrübt erhalten haben. 

Während wir nun weitere Entwickelungsformeu der Sage 
auf der legendarischen Seite nicht kennen, zeigen sich innerhalb 
der Entwickelung der auf die romantische Gruppe zurückgehenden 
Gestaltungen noch zwei fernere Glieder VI und VH, in deren 
erstem sich die Teilungsepisode am Schlüsse der Erzählung, ohne 
irgend welche Spuren zu hinterlassen, verflüchtigt hat, und deren 
letztes sogar das Motiv des Loskaufs der Prinzessin, welches be- 
reits in zwei Formen der Gruppe VI stark modifiziert war, im 
wesentlichen eingebüfst hat, so dafs hier die Tradition nur noch 
von einem Toten erzählt, welcher bestattet wird und sich seinem 
Wohlthäter durch Hilfe, bezw. Rettung in Wassersgefahr dankbar 
erweist. Zur Gruppe VI zählen drei dem Norden Europas an- 
gehörende Formen (das norwegische Märchen I „Krambodgutten u , 
das isländische, das schwedische „Pelle Batsman"), eine Reihe deut- 
scher Märchen (das oldenburgische und die von Simrock ange- 
führten Nr. 3 — 7, 9), eine littauische Erzählung (H), sowie zwei 
Versionen der pyrenäischen Halbinsel, das katalanische Märchen 
und die spanischen Romanzen. — Die letzte Gruppe VH endlich 



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Untersuchungen zur mittelengl. Romanze von Sir Amada*. 183 

umfaist die jüdische Erzählung aus Palästina und das bretonische 
Märchen (II). Diese beiden Formen der Sage erzählen, wie be- 
reits angedeutet, im Gegensatz zu allen anderen Fassungen nichts 
mehr von einer Gewinn ung der Frau, ein Mangel, der ihre Ein- 
reihung in die angegebene Klassifikation einigermafsen erschwert 
Doch ist ihre Lokalisation an der erwähnten Stelle der Entwicke- 
hmgstafel dadurch gesichert, dals sie noch einen, wenn auch un- 
scheinbaren Rest der Loskaufsepisode — Hilfe beim Uberschreiten 
des Meeresarms, bezw. Rettung beim Schiffbruch — zeigen, der 
ihnen die letzte Stufe unter den betrachteten Entwickelungs- 
formen anweist 

Die hier verfolgten Entwickelungsreihen enthalten übrigens, 
wie ich nicht unterlassen will zu erwähnen, nicht alle früher ver- 
zeichneten, zu unserem Sagenkreise gehörigen Stoffe. Gewisse 
Versionen sind nämlich von Zügen aus anderen Sagengebieten 
so stark durchsetzt und zeigen infolgedessen eine so weitgehende 
Modifikation der Elemente unserer Sage durch fremde Motive, 
dais sie in ihrer Stellung zu den reineren Fassungen nicht sicher 
zu beurteilen sind, sich somit einer exakten sagengeschichtlichen 
Konstruktion im Sinne des angegebenen Eutwickelungsschemas 
entziehen. 

Breslau. Max Hippe. 




Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



für das Studium der neueren Sprachen. 



SitztXnfj am 20. September 18X7. 



Herr B i s c h o f f macht auf Modersohns Realien in den Chansons 
de geste, Amis et Amiles und Jourdains de Blaivies aufmerksam. 
Das über das gewöhnliche Mafs einer Dissertation weit hinausgehende 
Buch stellt das kulturgeschichtliche Material aus diesen Dichtungen 
gut zusammen. 

Herr Michaelis sprach über die neueren Resultate der von 
Oakley-Coles 1871 zuerst angewandten Stomatoskopie^ und im be- 
sonderen über die Abhandlung von R. Lenz, Zur Physiologie und 
Geschichte der Palatalen (Zeitschr. für vergleichende Sprachforschung 
Bd. 29). Lenz giebt getreue Abbildungen der Gaumenartikulationen 
in natürlicher Gröfse und führt eine genaue Einteilung des Gauraen- 
daches und des Zungenrückens ein. Unter dem Einflufs der pala- 
talen Vokale werden die Artikulationen von k und g vom Gaumen- 
segel ab vorgeschoben bis zum Prapalatum, wo die mouillierten k' 
und t' gebildet werden, indem die starke Krümmung des Prapalatum 
einen breiten Verschlufs herbeiführt und bei der Lösung des Ver- 
schlusses durch Rinnenbildung ein frikativer Nachlaut entsteht Bei 
der Unterscheidung der /- und Ä-Laute tritt besonders der Gegensatz 
zwischen der Artikulation der Zungenmitte und der der Seitenteile 
der Zunge hervor, wobei auch das Zungenbändchen eine Rolle spielt. 
Rückschreitende Palatalisierung findet bei der Mouillierung von n 
und / statt, sowie bei den Assibilationen von t und d vor i, welche 
besonders im Polnischen am reichsten entwickelt sind. Im Spanischen 
sind nn und // wahrscheinlich durch dorsale Bildung in mouillierte 
Laute übergegangen. 

Herr Wätzold verliest eine Arbeit von Puls in Flensburg 
über den zweiten Teil von Brandes, Hauptströmungen der Litteratur 
im 19. Jahrhundert. Es wird darin nachgewiesen, dafs etwa drei 




Sitzungen der Berliner Gesellschaft etc. 



185 



Vierteile dieses Bandes aus deutschen Quellen mehr oder weniger 
wörtlich abgeschrieben sind, ohne dafe der Verfasser ei» auch nur der 
Mühe für wert gehalten hätte, seine Gewährsmänner zu nennen. 

Sitzung am 25. Oktober 1887. 

Herr Arnheim spricht über James Shirley. Der 1596 zu 
London geborene Dichter studierte in Oxford und Cambridge, war 
kurze Zeit Pfarrer in Herefordshire, ging aber, nachdem er vorher 
zum Katholicismus übergetreten war, bald nach London. Dort und 
während eines längeren Aufenthalte in Irland verfafste er seit 1624 
dreiunddreifsig fünfaktige Dramen, von denen ihm das 1635 erschie- 
nene The Traitor mit Unrecht abgesprochen wird. Die eine ziemlich 
reiche Erfindungsgabe bekundenden Stücke enthalten keine tiefen 
Reflexionen, zeichnen sich aber durch Lebendigkeit und Wärme des 
Dialogs aus. Als Proben teilt der Redner darauf den Inhalt zweier 
Stücke (The Cardinal und The General) mit. Herr Vatke macht 
darauf aufmerksam, dafs auch Ben Jonson zur katholischen Kirche 
übergetreten sei, ohne dafs sich dies jedoch in seinen Dramen be- 
merkbar mache, was Herr Zupitza dadurch erklärt, dafs bei ihm 
der Rücktritt sehr bald erfolgt sei. Von einem Einflufs des Religions- 
wecheels auf die schriftstellerische Thätigkeit hat Herr Arnheim auch 
bei Shirley nichts entdeckt 

Herr Rod ige r berichtet über den von ihm herausgegebenen 
zweiten Band der deutschen Altertumskunde von Müllenhoff, der 
sich mehr mit eigentlich germanischen Dingen beschäftigt als der 
erste Band, aber doch auch viel Fragen behandelt^ die andere Zweige 
der Philologie hätten erörtern sollen. Besonders handelt es sich 
darum, die historischen Grenzen Germaniens in den ältesten Zeiten 
festzustellen, vorzüglich nach Norden und Osten hin. Das mit den 
schwierigsten Fragen sich beschäftigende Buch bietet seinem ganzen 
Inhalte nach durchweg Neues, von dem manches auf allgemeine An- 
erkennung allerdings nicht wird rechnen dürfen. Herr Appel führt 
an, daß Montelius auf dem Wege antiquarischer Forschung zu ganz 
anderen Resultaten über die Ausbreitung der Finnen in Skandinavien 
gelangt sei als Müllenhoff. 

Herr Förster empfiehlt darauf von E. Dorer Abhandlungen 
zur spanischen Literaturgeschichte und poetische Sachen. 

Sitzung am 8. November 1887. 

Herr Goldbeck sprach über den portugiesischen Dichter 
Anthero Quental, aus dessen tief und wahr empfundenen Sonetten 
er in deutscher Übertragung eine Reihe von Proben mitteilte, um 
daran zu zeigen, wie der Dichter sich aus düsterer, verzweiflungs- 



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Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



voller Stimmung allmählich zu einer Art Versöhnung mit Gott und 
der Welt durchgerungen hat 

Herr Wätzold gab Bemerkungen zum französischen Volks- 
liede. Der germanische Charakter des altfrz. Heldenliedes erhält sich 
lange im geschichtlichen Volksliede, wie z. B. das Lied auf die 
Pavier Schlacht bei Leroux de Lincy, Recueil de Chants historiques 
francais II, XX und das Lied vom König Renaud (Haupt-Tobler 
S. 132) beweisen. Ebenso finden sich reichliche Beziehungen zum 
germanischen Mythus im französischen Volksliede. Eine ganze 
Anzahl formelhafter Eingänge, wie La haut sur la mon- 
tagne u. ä. sind dem deutschen und dem französischen Volksliede 
gemeinsam. Zahlreich sind die Lieder gleichen Inhalts, wie 
z. B. das Lied von den zwei Königskindern. Auffallend ist die 
schlagende metrische Übereinstimmung einzelner französischer und 
deutscher Volksliedstrophen, besonders im 16. Jahrhundert, die auf 
gemeinsame Melodien schliefsen läfst. Im französischen Volks- 
liede läfst das Metrum sich indessen schwer bestimmen, da nach dem 
Bedürfnis der Melodie Zerdehnungen und Kürzungen vorgenommen 
werden, die im Druck nicht immer hervortreten. Jedenfalls sind im 
französischen Volksliede Reim und Silbenzahl nur für das Ohr vor- 
handen. Das Volkslied kennt den Widerspruch zwischen den mo- 
dernen Sprachsilben und der historischen Silbenzählung des Verses 
nicht. — In sehr vielen Fällen geht die auffallende Ähnlichkeit zwi- 
schen den französischen Liedern der östlichen und nördlichen Land- 
schaften und deutschen Liedern hervor aus der Ähnlichkeit der Zu- 
stände und der Kultur des Landvolkes. Doch enthält das französische 
Volkslied ein Stück germanischen Wesens zweifellos noch heute. 

Herr Tob ler besprach, ausgehend von dem, was im Neufran- 
zösischen und hier und da bereits im Altfranzösischen bezüglich des 
Gebrauches von pi6ca und von nagueres sich bemerken läfst, einige 
Fälle, wo auch das Präsens est die zeitliche Bestimmtheit, die ihm 
zukommt, eingebüfst hat, indem es unter Umständen auftritt, wo die 
Analyse des Ausdrucks nur ein Imperfektum gutheifsen kann. 



Herr Müller machte einige Mitteilungen über gewisse hollän- 
dische Einflüsse auf den Westen Ostfrieslands. Sowohl in der Er- 
scheinung von Land und Leuten, als auch in der Volkssprache ist 
die Ähnlichkeit zwischen Groningerland und West-Ostfriesland un- 
verkennbar, besonders nähert sich der Reiderländer dem Holländer 
in Wesen und Sprache. Von dem Altfriesischen haben sich nur 
noch Reste erhalten, bereits seit dem 14. Jahrhundert wurde es in 
Ostfriesland durch die niedersächsische Mundart sowohl in Sprache 
wie in Schrift verdrängt. Heute herrscht die alte Sprache noch im 



Sitzung am 22. November 1887. 




für das Studium der neueren Sprachen. 



187 



holländischen Westfriesland, in dem oldenburgischen Saterlande und 
an der schleswigsehen Westküste. Einzelne alte Wörter, wie Hilk 
(Heirat), Fohhe (Mädchen), biester (häfslieh), tüddern (anbinden) 
werden noch gebraucht Die alten friesischen Familiennamen, wie 
Tadema, Poppinga, Mennenga, Ykema u. s. w., wie sie sich auch in 
Groningerland und Westfriesland finden, erinnern an die Herkunft 
der Bewohner. 

Aufser der Nachbarschaft und Stammes Verwandtschaft hat die 
frühere politische Zugehörigkeit zu Holland in West-Ostfriesland 
Wurzeln geschlagen, die bis heute noch nicht ganz aus dem Boden 
verschwunden sind. " Durch den Einflufs Hollands nahm der Westen 
das reformierte Bekenntnis an, während im Osten die lutherische 
Lehre sieb befestigte. Hier gewann das Hochdeutsche die Oberhand, 
während dort in Schule und Kirche das Holländische herrschend 
wurde ; unter der hannoverschen Regierung erfreute sich dieses Idiom 
besonders auf dem Lande noch einer gewissen Pflege beim Nach- 
mittagsunterricht und an manchen Sonntagen in der Kirche. Erst 
seit den letzten Jahrzehnten ist die hochdeutsche Sprache Allein- 
besitzerin von Katheder und Kanzel geworden. 

Wie im 16. und 17. Jahrhundert Groningerland und West-Ost- 
friesland als zusammengehörig betrachtet wurden, bezeugen mehrere 
Landkarten aus dieser Zeit, die teils in Amsterdam, teils in Emden 
herausgegeben wurden, und zwar in holländischer Sprache. Als 
Autoren seien erwähnt: Ubbo Emmius, Professor in Groningen, und 
Martinus Faber in Emden. Die Dollartfluten seit dem 15. Jahr- 
hundert haben Groninger und Ostfriesen durch das Bestehen gemein- 
schaftlicher Gefahren auch einander genähert; die Berichte über diese 
schrecklichen Naturereignisse sind teils in holländischer, teils in 
niederdeutscher, holländisch gefärbter Sprache verfafst. Beim Ein- 
züge Friedrichs d. Gr. in Emden am 12. Juni 1751 hatte man eine 
Ehrenpforte errichtet, an welcher die Inschrift prangte: 

O Koning groot van Macht, van Eeer en van Verstand, 
Meer vader in ous Hart, als Koning in ous Land. 

Ein Schullehrer Namens Sievers zu Pilsum giebt in einem 
^Memorial van eenige aanmerkelike voorvallen (1741 — 1789) u in 
niederdeutsch anklingendem Holländisch eine anziehende Beschrei- 
bung des königlichen Einzugs. 

Das Museum in Emden besitzt manche Merkwürdigkeiten aus 
der Zeit der Herrschaft der holländischen Sprache, mehrere Häuser 
weisen noch holländische Spruch-Inschriften auf, die Bauart der 
Stadt mit ihren den holländischen Grachten ähnlichen Delften ist 
ganz die des Nachbarstaates. 

Bei der Fahrt, auf der Unter-Ems eilt das Schiff an Ortschaften 
vorbei, deren Namen auf deutschem Gebiete denen in Groningerland 




188 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



genau entsprechen in den Endungen dorp, siel (bezw. zyl), um, ard. 
Auf ostfriesischer Seite seien noch erwähnt die echt holländischen 
Namen der Landzunge „de Knok tt (Knochen), der Sandbänke Paap 
(Pfaffe) Zand, „Schuiten (Kähne) Zand" und „de Ranzel" (Ranzen). 
Die tieferen Stellen des Emsfahrwassers führen den Namen Gat 
(Loch) oder Gatje. Die Stelle eines früheren Seedurchbruchs durch 
die Borkumer Dünen heifst heute noch „Tusschen door" (Zwischen 
durch). 

Auf Borkum, welches von den ostfriesischen Eilanden am wei- 
testen vom Festlande gelegen ist, zeigt sich das holländische Element 
ganz besonders unter den älteren Leuten, welche meist auf hollän- 
dischen Schiffen im Matrosendienst waren. Es finden sich dort fast 
ausschliefslich holländische Familiennamen, wie Bakker, Sleeboom, 
Elderts, Teerling, Bekaan, Wybrands. Die Alten freuen sich, wenn 
die holländische Sprache an ihr Ohr klingt, in ihrer Jugend hörten 
sie dieselbe in Kirche und Schule ; die gehobene Sprache der jetzigen 
hochdeutschen Predigt verstehen sie, der Versicherung des alten See- 
mannes Teerling zufolge, nur zum Teil. 

Die Groninger und ostfriesischen Ems-Anwohner verstehen ein- 
ander leicht, eine besondere Eigentümlichkeit beider ist das geringe 
öffnen des Mundes beim Sprechen. So finden sowohl die „Dütskers" 
(wie die hochdeutsch Redenden von den Ostfriesen genannt werden) 
wie auch die Amsterdamer, Haager oder Leidener, in deren engerer 
Heimat das volltönendste und beste Holländisch gesprochen wird, 
während der ersten Zeit des Aufenthalts bei den Ostfriesen resp. 
Groningern Schwierigkeiten beim Verstehen ihrer Landsleute. 

Herr Rödiger berichtete über den zweiten Teil des neu erschie- 
nenen zweiten Bandes von Müllenhoffs deutscher Altertumskunde. 

Mr. Bourgeois behandelte in Form einer Causerie die Jugend- 
jahre Berangers. 



Herr F. Müller machte einige Mitteilungen über Westfries- 
lands Volk und Sprache. 

Die holländische Provinz Friesland (Westfriesland ist deutsche 
Bezeichnung) mit den dazugehörigen Inseln Ameland und Terschel- 
ling hat im Gegensatz zum deutschen Ostfriesland die Sprache der 
Vorfahren bewahrt. Allerdings gebührt dieses Verdienst in erster 
Linie den Landbewohnern. In den grofsen und kleinen Städten 
herrscht die holländische Sprache, nur die Sprache der niederen 
Klassen, das sogenannte „stedfrysk" (stadtfriesisch) hat einen frie- 
sischen Beigeschmack. Als Beispiele seien folgende Wörter ange- 
führt, Reihenfolge: friesisch, holländisch, stadtfriesisch: 



Sitzung am 18. Dezeinher 1887. 




für das Studium der neueren Sprachen. 



189 



Bauch — bük — buik — buek 
teuer — djür — duur — duer 
rauschen — rüze — mischen — roeze 
wuchern — woekerje — woekeren — woekere 
schmieren — moezje - morsen — nioeze 



Wenn auch im Mittelalter die Friesen ihre Selbständigkeit und 
Eigenart gegen die Oberherrschaft der holländischen Grafen hart- 
nackig verteidigten und in blutigen Kämpfen dafür eintraten, wenn 
sie auch heute noch von ihren Landsleuten ob ihres eigensinnigen 
Wesens „de friesche stijfkoppen u genannt werden, die Pflege der 
altehrwürdigen Sprache, wie sie sich beispielsweise der in ähnlichem 
Verhältnisse sich befindende Proveneale angelegen sein läfst, findet 
sich in Friesland nicht. 

Die „Seiskip for fryske tael en skriftenkennisse" in Leeuwarden 
(friesisch Liouwert) hat sich der alten Volkssprache zwar aufs wärmste 
angenommen, ohne jedoch derselben aufserhalb des Bauernstandes 
eine ernstliche Pflege sichern zu können, indem der Städter das Frie- 
sische mehr als „aardigheid" betrachtet, das ihm also höchstens zur 
Kurzweil dient. 

Für das friesische Landvolk fehlt es nicht an litterarischen Er- 
zeugnissen in Prosa und Poesie. Ein Kalender, „De Bije Koer* 
(Bienenkorb), enthält die bemerkenswertesten Ereignisse aus der frie- 
sischen Geschichte dem Kalendarium beigedruckt, der Anhang ent- 
halt humoristische, gemütvolle und patriotische Gaben für den bie- 
deren Bauersmann. Für Liebhabertheater giebt es zahlreiche Stück- 
lein (toanielstikken) im Charakter des Schauspiels (toanielstik), des 
Lustspiels (blijspil) und der Posse (kluchtspil). 

An Liederbüchern ist auch kein Mangel. Erwähnt sei das Werk 
von van Loon en de Boer: „It Lieteboek u (Fryske sang in kraeftige, 
swieüuwdige, oerälde spraek). Als Merkwürdigkeit sei angeführt, 
dafs ein Loblied auf Friesland nach der deutschen Studentenmelodie: 
„Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude u gesungen wird. 

Sonntäglich erscheint in Leeuwarden eine Zeitung: „Friesch 
Volksblad 14 , welche halb holländisch, halb friesisch gedruckt wird, 
und zwar ist der unterhaltende Teil in letzterem Idiom verfafst 

Die alten friesischen Volkstrachten sind dem modernen Kleider- 
schnitt zum Opfer gefallen. In Hindeloopen an der Zuiderzee gab 
es vor wenig Jahren noch eine einzige Familie, welche der alten 
Tracht treu geblieben war; jetzt müssen die Hindelooper zum frie- 
sischen Museum in Leeuwarden pilgern, um die Kleidung ihrer 
Grofseltern und auch die frühere Einrichtung der Zimmer kennen 
zu lernen. Ein Rest aus alten Zeiten ist noch der Kopfputz, die 
sogenannten „oorijzers" (Ohreisen). Beiläufig sei hier bemerkt, dafs 
die Provinz Zeeland sich in der Anhänglichkeit an die Volkstracht 
vor allen anderen Landesteilen auszeichnet. Die abgeschlossenere 




190 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



Lage der Eilande an den Scheidemündungen hat dabei günstig 
gewirkt 

Im Jahre 1876 warf der Vorstand der „Selskip for fryske tael 
en skriftenkennisse 14 die Frage auf, ob man nicht eine feststehende 
Schreibweise annehmen sollte, um in die verschiedenen Schreibarten 
Einheit zu bringen. Es wurde eine Kommission gewählt zur Be- 
antwortung der vorliegenden Fragen, bestehend aus den Herren 
van Loon, van Bloom, Dykstra, van der Veen, Colmjon. Die Frucht 
der Beratungen erschien am 22. Mai 1870 in Gestalt eines Büchleins 
von 51 Seiten im Verlage von N. A. Hingst zu Heeren veen (fries. 
Hearenfean), welches des Interessanten vieles enthält. In die Augen 
fallend sind die bedeutenden Unterschiede zwischen Holländisch und 
Friesisch, sowie die Ähnlichkeit mit dem Altenglischen. [Man spricht 
in Friesland auch wohl von der Volkssprache als „plat engelsch". 
Fünf Wochentage lauten beispielsweise: Moandei, Tiisdei, Woansdei, 
Tongersdei, Freed; Sonnabend und Sonntag weichen von den Be- 
zeichnungen der übrigen ^ germanischen Sprachen ab : Snjeun und 
Snein.] 

Auf 40 Blattseiten geben die Verfasser eine gedrängte, aber 
sehr umfassende Lautlehre. Das friesische Alphabet hat 27 Bestand- 
teile: a, bie, sie, die, e, effe, gie, ha, i, ij, je (j), ka, el, im, in, o, pie, 
kü oder kjou, ar, esse, tie, ft oder ou, fe, dübeld-ü oder -ou, exet, yet, 
seddet Diphthonge und Triphthonge sind: ai, aei langes ai), 
au, ea, eau, ei, eu, ie, ieu, iu, oa, oai, oe, oei, oi, ou, ui. Als Beispiele 
von Vokalhäufungen seien erwähnt: oanklaeije (ankleiden), ik skreau 
(ich schreibe), lieuwen (Löwen), koai (Koje), moaije (schöne), boek- 
stoaije (buchstabieren). Als Konsonantenhäufung die Wörter: spjeldtsje 
(kleine Nadel), spjeldsjen (mit Nadeln feststecken). 

Die Bearbeiter sagen, dafs sie von dem Grundsatze ausgingen : 
Schreibe so, wie du sprichst. Bei dem Bestreben, das gesprochene 
Wort durch die Schrift so gut wie möglich wiederzugeben, ist zu 
berücksichtigen, dafs dieselben Buchstaben in den verschiedenen 
Sprachen anderen Wert haben, und so ist auch der Ansicht ent- 
gegenzutreten, dafs das Friesische nach holländischer Art zu schrei- 
ben wäre. Der Unterschied zwischen beiden Sprachen ist grofs, da*? 
Friesische besitzt besonders volle Laute, welche sich im Holländischen 
nicht finden, und die gewöhnlichen holländischen Buchstabenverbin- 
dungen würden für das Friesische nicht ausreichen. Man mufs also 
nach neuen Zusammensetzungen sich umsehen, um ein bequemes 
Lesen zu ermöglichen, und zwar sind die Buchstaben so zu ge- 
brauchen, dafs sie dem Werte genau entsprechen, den sie im Frie- 
sischen haben. 

Die friesischen Schriftsteller haben im Laufe der Zeiten jedoch 
für die Werte keine gleich mäfsige Auffassung bekundet. Der all- 
gemeine Charakter des Friesischen aus ältester Zeil ist kurz und ein- 




für das Studium der neuereu Sprachen. 



191 



fach, von jedem fremden Einflufs frei. Aufser ai und ei hat man 
eigentlich keine Diphthonge und gar keine Triphthonge oder Doppel- 
vokale. So steht grata für das neuere greate (grofse), an für oan 
(ein), sten für stien (Stein), god für goed (gut). Im 15. Jahrhundert 
bekam die Sprache ein anderes Aussehen. Gysbert Japiks Schrift - 
weise weicht wohl von der heutigen noch bedeutend ab, doch schrieb 
er schon boeck statt des älteren bok, langh statt lang. Mit ihm be- 
gann die neuere friesische Litteratur. ^ 

In der Jurisprudentia Frisica von De Haan Hettema und den 
Gesta Fresonum, welche Anfang des 10. Jahrhunderts von der „Frysk 
Genoatskip for skied- aldheid- en tealkinde" herausgegeben wurden, 
finden wir wieder eine abweichende Schreibart, so huus für das ältere 
hus, Christenheed für Kerstenede, fyaerde für fiarde, graet für grat 
(great), sprieck für spreke. 

Mit dem 17. Jahrhundert kommen die Verbindungen oa, ou 
und uw auf und in der Folge wird die Sprache stets klaugreicher. 
1834 veröffentlichte Joast Halbertsma einen Aufsatz im Friesch 
Jierboeckjen, worin er die Schreibart, auf derjenigen Gysberts fufsend, 
weiter entwickelte. 

Danach machte sich Hannen Sytstra als Sprachkundiger und 
Wegweiser für die Orthographie geltend. Er verehrte das älteste 
Friesisch, wie es der Hauptsache nach auch jetzt noch gesprochen 
wird, welches er aber in der herrschenden Schriftsprache nicht wieder- 
finden wollte. Er verwarf die Neuerungen Gysbert Japiks und Hal- 
bertsmas und kam zurück auf die Schreibart des 13. Jahrhunderts. 
Doch hierbei hatte er kein Glück, seine Sprache wurde nur schwerer 
verständlich, selbst für das Volk, das sie sprach, es konnte sie nur 
mit Mühe lesen. 

Im Nachwort meinen die Verfasser, dafs wohl mancher seine 
eigene Meinung über das Gebotene haben werde, sie betonen dabei, 
dafs ihr Streben nur darauf hinausging, Einheit in die Sprache zu 
bringen. Durchaus so zu schreiben, wie man spricht, halten sie für 
so unmöglich, wie mit der Hand an den Himmel zu reichen. Sie 
wollten nicht weiter gehen, als zur Regelung des Bestehenden, ohne 
Einführung eigentlicher Neuerungen, als Hauptzweck die Erbreiterung 
des Vermittelungsweges zwischen alter und neuer Schreibart in rich- 
tiger Würdigung der geschichtlichen Entwickelung. 

Herr Schwan spricht über die älteste Geschichte des Wortes 
Baron. Das aus gallischem Latein stammende, schon bei Cicero sich 
findende baro oder varo ist nach ihm dem Germanischen entlehnt, 
und zwar aus barn. Herr Zupitza meint dagegen, dafs baro nur 
aus einer schwachen germanischen Form zu erklären wäre, dafs 
dagegen der vom Vortragenden gegebenen Bedeutungsentwickelung 
nichts im Wege stände. 

Herr Tanger spricht in einem ersten Vortrage über die Reform 




192 



Sitzungeu der Berliner Gesellschaft 



den neusprachlichen Unterrichts vorzugsweise über die Überbürdungs- 
frage und sucht nachzuweisen, dafs die der Schule beizumessende 
»Schuld an der faktisch vorhandenen Überbürdung eine sehr gering- 
fügige sei und dafs vor allem der fremdsprachliche Unterricht nicht 
mehr als alle anderen Unterrichtsfächer die Schuld daran trägt. 
Herr Werner behielt sich eine eingehende Entgegnung darauf vor. 

tiitzung am 10. Januar 1888. 

Herr Förster spricht über den Don Carlos von Enciso. Der 
1385 in Sevilla geborene Dichter hat verhältnismäßig wenig Stücke 
gesclirieben, von denen die beiden besten, Don Carlos und Die gröfste 
That Karls V., von A. Scheffer ins Deutsche übertragen worden 
sind. Dafs er der Erfinder der Mantel- und Degenstücke gewesen 
sei, ist unrichtig; sie sind Lope de Vega zuzuschreiben. Encisos 
Stücken mangelt oft der innere Zusammenhang» aber der Dichter ist 
grofs in der Charakteristik. Sein Don Carlos ist mit dem Schiller- 
schen verglichen mehr historisch, ja fast als Geschichtsquelle brauch- 
bar. Die Hauptperson ist Philipp IL, der, vielleicht willentlich, am 
wenigsten getreu gezeichnet ist. Nach ihm tritt Don Carlos in den 
Vonlergrund, ein genaues historisches Porträt Dafs eine mit Kraft 
der Entschliefsung begabte Frau schwachen Männern gegenüber- 
gestellt wird, ist ein auch von Schiller beliebtes Motiv. Nach dem 
Stücke zu urteilen, ist der Ton am spanischen Hofe nicht so steif 
gewesen, wie wir es uns gewöhnlich vorstellen. Der Schlufs des 
Dramas, das ursprünglich einen weniger ernsten Ausgang hatte, 
stammt von einem Bearbeiter aus dem Jahre 1773. In dem zweiten 
Stücke ist besonders das Verhältnis Karls V. zu Don Juan d'Austria 
interessant Die Übersetzung scheint nicht schlecht zu sein; doch 
stand dem Vortragenden der spanische Text nicht zu Gebote. 

Herr Tanger wendet sich in einem zweiten Vortrage gegen die 
Reform des neusprachlichen Unterrichts. Sache der Schule sei nicht 
Ausbildung, sondern Vorbereitung; sie solle den Zögling vielseitig 
befähigen, sich nach der Schule Kenntnisse für seinen Beruf anzu- 
eignen. Ihr Zweck sei allgemeine Geistesbildung, und diese setze 
auch eine gewisse Fertigkeit im Gebrauche der fremden Sprachen 
voraus. Aber das Verständnis fremdsprachlicher Werke nach Form 
und Inhalt sei das Höhere, und wenn das Studium der Form schon 
an sich für die Ausbildung des Verstandes grofsen Wert habe, so 
sei auch nur durch die Kenntnis der Form zum Inhalt zu gelangen. 
Bedauern müsse man, dafs die Frage vor das grofse Publikum ge- 
bracht worden sei, das nur nach Utiiitatsrücksiehten urteile. In 
Fachkreisen dauere der Streit über die Methode fort; man sage, die 
alte Methode könne nicht« leisten. Aber die Behörden hätten, ob- 
gleich sie dem Streite Beachtung schenkten, eine Entscheidung zu 



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für das Studium der neueren Sprachen. 



193 



gunsten der neuen Methode, die noch nirgends lange genug erprobt sei, 
nicht getroffen. Die Grammatik, deren Wert die Reformer zu gering 
anschlügen, werde um ihrer selbst willen nirgends mehr getrieben. 

Ein zweiter Punkt, gegen den der Vortragende sich wenden zu 
müssen glaubt , ist die . natürliche Spracherlernung. Dafür , dafs 
Sextaner ihr Hirn als unbeschriebene Tafel mitbrächten, sei Franke 
den Beweis schuldig geblieben. Wie man als Kind lerne, könne 
man überhaupt nur einmal lernen. Es sei nicht möglich und auch 
nicht wünschenswert* die für die Muttersprache geltenden Principien 
auf die Schule zu übertragen, in der sie nur in beschränktem Mafse 
anwendbar seien. In einem weiteren Vortrage verspricht der Redner 
Einzelheiten über die Behandlung der Aussprache, der Lektüre etc. 
bei einzelnen Reformern zu geben. 

Herr Wätzoldt will mit einer ausführlicheren Entgegnung auf 
die Erörterungen über die Praxis, die für den dritten Vortrag in 
Aussicht gestellt sind, warten. Unter natürlicher Spracherlernung 
verstehe man, dafs man das Kind von vornherein mitten in die 
Sprache hineinführe. Das Lehrziel, das wohl nicht sehr verschieden 
gefafet werde, sei die Einführung in den Geist eines gro&en Kultur- 
volkes. Bei der alten Methode werde die Lust zum Lesen fremder 
Schriftsteller nicht gewahrt. Nicht zu sprechen sei unnatürlich. 
Franke baue allerdings auf sehr offenem Grundirrtume auf. Die 
Behörde habe nicht die Aufgabe, die auf Perthes zurückzuführende 
neue Methode einzuführen, bevor sie genügend erprobt sei. 

Herr Tanger freut sich, in der Hauptsache eine Übereinstim- 
mung mit dem Vorredner feststellen zu können. Bierbaum aber 
wolle den Anfangsunterricht wie beim Kinde, so auch in der Schule. 
Ein vierzeiliges Stück führe übrigens in die volle Sprache nicht ein, 
es sei nur ein Aushängeschild, und es würden daran dieselben 
Übungen geknüpft wie bei der alten Methode. Auch werde die 
Begeisterung für den Inhalt des Stückes überschätzt 

Herr Bah Isen meint, dafs an dem Stücke Einzelheiten der 
Grammatik nicht klar gemacht werden dürften. Der Knabe lerne, 
ohne die Schwierigkeiten zu merken. 

Herr Tanger erwidert darauf, dafs, wenn Schwierigkeiten nicht 
mitgeteilt würden, vokabelmäfsig eingeprägt werde, was man gerade 
der alten Methode immer zum Vorwurf mache. 



Herr Immanuel Schmidt hielt einen Vortrag : „Byron im 
Lichte unserer Zeit. 44 Nachdem er darauf hingewiesen, dafs uns 
Miltons Leben genauer bekannt sei als das Lord Byrons, und dafs 
sich mit der Persönlichkeit des letzteren vielfache falsche Vorstel- 
lungen verknüpft haben, führte er einzelne Beispiele zum Beweise an. 

Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 13 



Sitzung am 24. Januar 1888. 




194 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



Er gab darauf einen Überblick über das Leben des Dichters, worin 
er die auf seine Jugend geübten Einflüsse nachwies und festzustellen 
versuchte, was uns unbekannt oder dunkel geblieben sei. Byrons 
Satire English Bards and Scotch Reviewers wurde der gewöhnlichen 
Überschätzung gegenüber trotz des Witzes im einzelnen als unbe- 
deutend bezeichnet, insofern es ihr an poetischer Einkleidung fehlt 
Die anderen Werke fanden nur kurze Erwähnung bei der Schilde- 
rung der verschiedenen Lebensperioden des Dichters. Die nun fol- 
gende Charakteristik seines ganzen Wesens hob die vielfachen Wider- 
sprüche und Gegensätze desselben hervor. Bei Beantwortung der 
Frage, welcher Rang Byron in der englischen Litteratur anzuweisen 
sei, ging der Vortragende von den Worten Elzes aus : „Die englische 
Litteratur hat in den vier Hauptgattungen der Poesie vier unerreichte 
Genien hervorgebracht: Shakespeare in der dramatischen, Milton in 
der reflektierenden — soweit diese als eine eigene Gattung angesehen 
werden kann — , Scott in der epischen und Byron in der lyrischen 
— die Lyrik im weitesten Sinne als subjektive Poesie aufgefaßt — . u 
Ohne diesen Kanon gelten zu lassen, fand er ihn bequem, um eine 
Parallele Byrons sowohl mit Milton als mit Scott anzuknüpfen. Ge- 
nauer ging der Vortrag auf Byrons Bilder und Schilderungen ein. 
Er schloß mit den Worten: „Es liegt in Byron etwas Vulkanisches ; 
er ist eine gewaltige Natur, die uns zur Bewunderung hinreifst Wir 
können ihn den Mirabeau der Dichtung nennen, grofsartig durch 
seinen Schwung und seine Leidenschaft, aber nicht rein in seinen 
poetischen Motiven. Darum kann er nicht als Dichter höchsten 
Ranges gelten. 44 

Herr T ü r c k zieht eine Parallele zwischen Shakespeares Hamlet 
und Byrons Manfred. Der Vortragende versuchte es, mit einer Ana- 
lyse des genialen Wesens zugleich eine Erklärung des Hamlet-Cha- 
rakters und der Gestalt des Manfred zu geben. Bestimmend für das 
Wesen des Genies in seinem Denken, seinem Empfinden wie in sei- 
nem Wollen ist die Freiheit von der eigenen Person und damit von 
allem, was auf diese Person bestimmend einwirken kann. Diese 
Freiheit zeigt sich im Denken des genialen Wesens als Fähigkeit 
zur objektiven Beurteilung der eigenen Person wie der ganzen Um- 
gebung, im Empfinden als Fähigkeit zur ästhetischen Auffassung, 
indem die Dinge losgelöst von allen Zweckbestimmung^ sub specie 
jeterni angeschaut werden, im Wollen endlich als Fähigkeit, mit 
höchster Konsequenz ein einziges Ziel zu verfolgen, ohne durch 
Nebenrücksichten abgelenkt zu werden. Das Denken des Genies 
also ist wahr, sein Empfinden ästhetisch, sein Wollen energisch. Nur 
der innerlich freie Mensch sieht die Dinge in ihrem richtigen Ver- 
hältnis, weil nicht von einem subjektiven Standpunkte aus, bei ihm 
wird sich daher Begriff und Ding decken, sein Denken wird wahr 
sein ; nur der innerlich freie Mensch wird in seiner Empfindung die 




für da» Studium der neueren Sprachen. 



195 



Dinge rein für sich wirken lassen, für ihn tritt die Freiheit in die 
Erscheinung, sind die Dinge schön (Schiller: Schönheit ist Freiheit 
in der Erscheinung); nur der innerlich freie Mensch ist in seinem 
Wollen im letzten Grunde unbeeinflufst von allen Dingen und wird 
daher ein Ziel mit aller Energie verfolgen können, da nichts im 
stände ist, ihn davon abzulenken. 

Wenden wir dies auf Hamlet an, so finden wir erstens uner- 
bittliche Wahrheit gegen sich und andere und Verachtung alles 
blofsen Scheins: III, 1. Hamlet: ... I am myself indifferent honest etc.; 
III, 1. Hamlet: I have heard of your paintings etc.; I, 2. Hamlet: 
Seenas, Madam! nay, it is etc. Zweitens finden wir eine ausgeprägte 
ästhetische, Auffassung: H, 2. Hamlet: I heard thee speak me 
a speech etc. Drittens finden wir bei Hamlet eine eminente Energie 
des Willens, die nur durch den Zusammenbruch seiner idealen Welt- 
anschauung, welcher infolge der nach dem Tode des Vaters gemachten 
Erfahrungen eingetreten ist, für eine Zeit lang an einer konsequenten 
Entfaltung gehindert ist, die sich aber in der ganzen Art des Auf- 
tretens, in der Ausdrucksweise wie auch in einzelnen Entladungen 
mit gröfster Evidenz nachweisen läfst: III, 4. Hamlet: How now! 
a rat? etc.; V, 2. Hamlet: 'Swounds! show me what thou'lt do etc. 
Hamlet und Fortinbras sind gleiche Naturen : daher Hamlets Sym- 
pathie mit Fortinbras IV, 5 Hamlet: . . . Examples, gross as earth, 
exhort me etc., daher giebt Hamlet sterbend dem Fortinbras seine 
Stimme. 

Die Gestalt des Manfred entspricht gleichfalls der Beschreibung 
des genialen Wesens. Es deuten darauf hin : die Selbsterkenntnis, 
die über den beschrankten gewöhnlichen Menschenverstand hinaus- 
reichende Erkenntnis der Dinge I, 1, die grofsartige ästhetische Auf- 
fassung II, 2, endlich das selbstmächtige Wollen, die Selbständigkeit 
und Eigenart des Strebens, die sich selbst erhält und sich selbst ver- 
nichtet: HI, 4. 

Da Herr Türck der Versammlung als Gast beiwohnte, so wurde 
eine Debatte über seinen Vortrag nicht eröffnet 



Herr Schleich erzählt ein japanisches Märchen von einer 
Wasserschlange und einem Wurm. Diese Märchen sind uns jetzt 
dadurch leicht zugänglich, dafs s^e in englischer Sprache von Kobunsha 
in Tokio einzeln herausgegeben und so ausgestattet werden, dafs sie 
als kleine Geschenke verwendbar sind. 

Herr Zupitza giebt einen Zusatz zu § 272 oder 273 von 
I. Schmidts Grammatik der englischen Sprache. Unser auf das Sub- 
jekt bezügliches „selbst" wird im Englischen bekanntlich im allge- 
meinen durch myself u. s. w. ausgedrückt. Der Vortragende findet 



Sitzung am 14. Februar 1888. 




196 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



aber nirgends die Bemerkung, dafs diese Regel nicht gilt für solche 
Sätze, in denen von dem Prädikat unmittelbar oder mittelbar ein 
Hauptwort abhängt, vor welchem ein besitzanzeigendes Fürwort steht^ 
das sich auf die handelnde Person bezieht. In diesem Falle wird 
nämlich das, was das Deutsche durch „selbst 44 ausdrückt, im Eng- 
lischen meistens durch ein zu dem Possessivpronomen tretendes own 
bezeichnet, was der Vortragende durch eine Anzahl von Stellen be- 
legt, die sämtlich modernen Prosaikern entlehnt sind, zuerst durch 
solche, wo auch das Deutsche ein Possessivpronomen anwendet, dann 
solche, wo das Deutsche statt desselben den Dativ des persönlichen 
Fürwortes braucht, endlich zum Schlufs eine solche, wo das Deutsche 
sich ganz anders ausdrückt 1. Scott annotated his own poems so fully 
tliat it must appear presumptuous in any one to add to t?ie elucidaiion 
of the text Minto, Scott's Lay S. 119. — 2. It was abmrd to oppose 
her. She was h#r own mistress. She Juzd shown herseif competent 
to manage her own affairs Anthony Trollope, Lady Anna (Tauchnitz) 
2, 204. — 3. Pray permit me to manage my own affairs Braddon, 
Cut by the County 153. — 4. Mrs. Shelfer, I shall feel obligcd by 
your leaving me to manage my own affairs Blackmore, Clara Vaughan 
(Asher) 1, 145. — 5. "Yes, Grace, you can send for him now." — 
Orace went off to deliver her own message Braddon, Cut 278. — 

6. My son, I think I can trust you to look after your own inierests 
witlvout assistanee from me Melville, Katerfei to (Tauchnitz) 223. — 

7. 11 It won't do her any Jiarm" [wenn nämlich Kate ihr altes Musselin- 
kleid trägt], Lady Margaret smiled: "but if you [Lady Margarets 
zwei Töchter] really carc about it, you may wcar your own old white 
muslins instead of your neu) frocks" Erroll, An Ugly Duckling 
(Tauchnitz) 279. — 8. / have not called him the hero of my stoiry, 
because he hos dorn nothing heroic — because he seems to stand in 
Ute way of his own success Besaut and Rice, Ready-Money Mortiboy 
(Chatto & Windus 18*6) 240. — 9. / have never objected to supplying 
my nieces with trou^seaux ; but really they must choose their own 
husbandsy or accept the choice made for them by a fond mother Norris, 
Graphic, Christmas Number 1887, S. 4 a. — 10. "Which is Mr. Ro- 
binson?" 1 axked, a Utile cruelly ; for tlie contrast was striking, and I 
could liare ansivered my own question without much difßculty ebenda 
S. 4 c. — 11. [Einem alten Manne ist ein Reisigbündel aufgegangen, 
Kate ist ihm behilflich; da redet sie eine Freundin an:] "Now, 
Kate, why do you do that ? Let the oltf feüow pick up his own sticks ; 
it's not your place to do so" Erroll a. a. O. 149. — 12. He thought 
tier a model of good seme and economy because she made her own 
goums Braddon, Ishmael (Tauchnitz) 2, 117. — 13. "Who made your 
dress ...?" — u Ialways make my own dresscs" Blackm. a. a. 0. 1, 134. — 
14. Many thouglä that he Iwd altogelher out his own throat Trollope 
a. a. O. 2, 99. — 15. He relit his fire, made his own tea> trifled over 




für das Studium der neueren Sprachen. 



107 



it for half-an~hour : then cleared aicay u. s. w. Murray, Rai nbow Gold 
(Tauchnitz) 2, 161. — IG. The lawyer would rather make your unll 
for you gratis than lei you make your own (—es dir selbst) Anthony 
Trollope, John Caldigate (Tauchnitz) 3, 69. — 17. You Jiare as poor 
an opinion of the man as I havc, or you would hare set your own 
cap at htm Reade, Woman-Hater 1, 86. — Aus neueren Werken 
hat sich der Vortragende nur ein Beispiel eines dem Deutschen ana- 
logen Gebrauchs angemerkt: The date which Allan had himself fixed 
for his return Collins, Armadale (London 18H1) 8. 601, aufserdem 
wies er hin auf William Congreve (ed. Ewald), The Double-Dealer 
4, 2 (S. 158) Derne take me, I believe you intend to marry your 
daughter yourself ! Eine Verbindung beider Ausdrucksweisen findet 
sich ebenda 3, 3 (S. 148) She herseif makes her own faces. 

Herr Wätzoldt spricht über Byrons und Goethes gegenseitige 
Beziehungen. Der Redner geht von Medwins Buch über Byron aus, 
zu dem Goethe einen Beitrag lieferte. Seit 1816, wo Goethe mit den 
English Bards and Scotch Reviewers von Byron bekannt wurde, 
wendete er dem Dichter eine lebhafte Aufmerksamkeit zu, die sich 
bis über seinen Tod ausdehnte und besonders im zweiten Teile des 
Faust Ausdruck gefunden hat Andererseits sah Byron in Goethe 
die ehrwürdigste litterarische Gröfse Europas. So kam es zu der 
Widmung des Werner an Goethe und schliefslich zu einem einmaligen 
direkten Austausch schriftlicher Mitteilung, indem Goethe 1823 ein 
Gedicht an Byron sandte, das von diesem sofort erwidert wurde. 

Im Anschlufs daran findet Herr Vatke die von Goethe be- 
wunderte Motivierung des Totschlags im Cain innerlich hohl, was 
Herr Wätzoldt bestreitet Nachdem Herr Förster zur Geschäfts- 
ordnung gesprochen, knüpft Herr Rödiger an eine Äufserung 
Goethes über Byrons Bilder an. Im Anfang mufs ein tertium com- 
parationis vorhanden sein, dann mag die Einbildungskraft fort- 
gerissen werden, doch dürfen die Worte mit dem Dichter nicht so 
durchgehen, dafs eine Vermischung der Bilder eintritt Herr Vat ke 
führt einen dahingehenden Ausspruch von Moritz Haupt an. 

Herr Bourgeoi s fährt in dem neulich begonnenen Vortrage 
über Beranger fort Er verweilt besonders bei der eigentümlichen 
Erziehung des Dichters. 



Herr Rödiger sprach über den Mythu6 vom Dichtermet, indem 
er dabei ausging von der in den Bragaraedur erhaltenen Form des- 
selben, weil sie, obgleich sie jünger ist als die in den Hävamäl auf- 
tretenden, durch ihre Vollständigkeit allein eine Deutung des Mythus 
ermöglicht Versucht haben eine solche u. a. Unland, Simrock, 
Petersen, ohne aber zu befriedigenden Ergebnissen gelangt zu sein. 



Sitzung am 28. Februar 1888. 




198 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



Ad. Kuhn und E. H. Meyer haben wenigstens in einzelnen Punkten 
das Richtige getroffen. Man hat bei Kväsir einzusetzen, dessen Blut 
den Hauptbestandteil des Metes bildet. Die Art seiner Entstehung 
und der Name des Gottes „ Flüsterer u führen auf leise rinnendes 
Wasser: er ist die Personifikation des herabrieselnden Regens, der 
im Wolkengewande umherzieht, als Wassergottheit mit besonderer 
Weisheit begabt. Die Zwerge, welche ihn töten, sind Winde, die die 
Regenwolke zerreifsen und ihren Inhalt in die Vertiefungen des 
Bodens sich ergiefsen lassen. Gillingr, der brausende Bergstrom, 
will das angesammelte Regenwasser mit sich fortführen, aber die 
Winde treiben ihn ins Meer, wo er ertrinken mufs, weil sein Ge- 
wässer sich in dem des Oceans verliert Seine Gemahlin machen sie 
unschädlich, indem sie durch hineingewälzte Steine ihr Bett versperren. 
Der Sturmriese Suttungr reifst aber die minder mächtigen Winde 
ins Meer hinaus, saugt ihren Met auf und entführt ihn in die Ge- 
birge. Jetzt nimmt der Windgott Odinn den Kampf mit ihm auf, 
um das der Natur unentbehrliche Nafs dem ihm feindlichen Riesen 
abzugewinnen. In einer Episode, welche nicht von Anfang an zum 
Mythus gehört, macht er neun Windriesen, die Knechte des verderb- 
lichen Wirbelwindes, unschädlich. Dann bohrt er sich, selbst Wirbel- 
wind, in die engen Bergschluchten ein, verführt die Wächterin des 
Metes und bringt ihn glücklich zu den Asen. Der Mythus ist dem- 
nach ursprünglich ein rein physischer, der erst auf spekulativem 
Wege zum geistigen umgedeutet worden ist, nachdem sich Odinn 
selbst aus dem Windgott zum Repräsentanten alles geistigen Strebens 
und Könnens umgestaltet hatte. Die Heimat des Mythus ist die 
norwegische Küste, wie die in ihm sich abspiegelnde Natur ergiebt, 
dort hat er wohl auch seine Umwandelung erfahren. Nach Norwegen 
weisen auch die Anspielungen in den Hävamäl. 

Auf diese ging in der sich anschliefsenden Diskussion Herr 
Hoffory genauer ein. 

Herr Wetzel erzählt im Anschlüsse an Herrn Schleich ein 
anderes japanisches Märchen, und zwar von dem Manne, der die 
abgestorbenen Bäume wieder blühen liefs. Er findet, dafs eine Be- 
reicherung unserer Märchenlitteratur von dieser Seite nicht zu er- 
warten sei und dafs die fremdartige Ausstattung in künstlerischer 
Beziehung zu wünschen übrig lasse. 



Im Anschlufs an die von Herrn Wetzel in der vorigen Sitzung 
gemachte Bemerkung, dafs in den bei Mayer & Müller käuflichen 
japanischen Märchen die Bilder schlecht ausgeführt seien, meint 
Herr Rödiger, dafs dieselben, wenn auch mit starken Strichen, 
Gemütsbewegungen gut wiedergeben. 



Sitzung am 13. März 




für da« Studium der neueren Sprachen. 



199 



Herr Tanger geht in Beinern Schlufsvortrage zur Reform des 
neusprachlichen Unterrichts auf Einzelfragen ein. Zunächst erklärt 
er sich dagegen, beim Anfangsunterricht sofort mit einem zusammen- 
hängenden Lesestück zu beginnen, wenngleich auch er möglichst 
bald, d. h. etwa nach einjährigem Unterricht, dazu übergegangen 
wissen will. Fange man mit Lesestücken an, so stürme eine Über- 
fülle sprachlicher Erscheinungen auf den Anfänger ein und verwirre 
ihn; der Inhalt als solcher wirke auf den Schüler nur in seiner 
deutschen Fassung, sei für den fremdsprachlichen Unterricht 
zunächst also nur Lockspeise. Wochenlange Beschäftigung mit dem- 
selben Stück behufs gründlicher Einübung führe notwendig zum 
Überdrufs. Wenn gleichwohl die Reformer die gröfsere Freudigkeit 
bei ihren Schülern rühmen, so sei das nur der Reflex der Stimmung 
des Lehrers, der Kampfesstimmung, der Begeisterung für die neue 
Idee. Begeisterung aber sei ihrem Wesen nach unbeständig, und 
ruhige Stetigkeit für den Unterricht erspriefsl icher. Nur das bleibe 
übrigens haften und werde vollständig vom Schüler verstanden, was 
auch grammatisch erklärt werde; solche Erklärungen im Anschlufs 
an die vielen bunt gemischten Erscheinungen in einem Lesestück 
laufen dem obersten Grundsatz aller Unterrichts- und Erziehungs- 
kunst zuwider: vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum 
Zusammengesetzten. Wenn man meine, der Zusammenhang erleich-, 
tere das Behalten und unterstütze etwaige Erinnerungsversuche, so 
werde doch die Garantie vermifst, dafs die von den Schülern dabei 
zu durchlaufenden Ideenreihen auch wirklich vollständig durchlaufen 
werden: zu oft nur werde dabei auf halbem Wege Halt gemacht, 
und das „Besinnen 44 fördere Falsches zu Tage. Wenn Einzelsätze 
auch leichter vergessen werden, so schade das wenig; im Anfange 
sei die Aneignung der Formen die Hauptsache, der Inhalt durchaus 
Nebensache; aber keinesfalls werde mit den Sätzen zugleich das 
sprachliche Verständnis entschwinden, welches die Schüler daran er- 
worben haben. Auf die Forderung vieler Reformer, der Schüler solle 
sich seine Grammatik selber abstrahieren und zusammenstellen, sei 
zu erwidern, dafs das ohne entscheidende Beihilfe des Lehrers gar 
nicht möglich und denkbar, mit seiner Beihilfe eine blofse Farce sei. 
Bei der bisherigen Methode fühle sich der Schüler auf dem jeweilig 
eröffneten Gebiete ganz zu Hause, bei der neuen aber quäle ihn das 
Gefühl der Unsicherheit und Verwirrung. Die bunte Abwechselung 
im Inhalt der Einzelsätze widerstrebe dem neuerungssüchtigen jugend- 
lichen Geiste durchaus nicht und biete den Vorteil reichlicherer 
Beispiele und häufigerer Übung derselben Gruppe sprachlicher Er- 
scheinungen. 

Ein zweiter Punkt sei das Verhältnis von Laut und Schrift. 
Für die Schule sei nun einmal das Lesen wichtiger als das Sprechen ; 
die schriftlichen Leistungen verdienen den Vorrang vor den münd- 




200 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



liehen, die in ihrem Rechte freilich auch nicht verkümmert werden 
sollen. Nicht vor, sondern mit und neben der Schrift solle der Laut 
geübt werden, allerdings auf das sorgfältigste und unermüdlichste. 
Die Schrift sei kein Notbehelf für mangelnden mündlichen Verkehr 
mehr, sie sei eine zweite Verkörperung der Sprache, wie das Horne- 
mann sehr treffend ausgeführt habe: sie stände also nicht unter, son- 
dern neben dem Laute. 

Die Hauptankläger gegen die schlechte Schulaussprache seien 
Süd- und Mitteldeutsche. In Norddeutschland sei die Aussprache, 
wenn auch noch nicht tadellos, so doch viel besser als inj Süden. 
Phonetik sei auf der Schule überflüssig, daher auszuschliefsen ; mit 
ihr auch die Lautschrift; die phonetischen Eiferer übersehen oder 
leugnen die trotzdem dadurch eintretende Mehrbelastung und Ver- 
wirrung. Der Lehrer müsse fähig und willens sein, unausgesetzt als 
Vorbild zu wirken; er müsse unermüdlich im Vorsprechen und Ver- 
bessern sein, dann brauche man die für Schüler viel zu schwere 
Phonetik nicht in der Schule. Für den Lehrer jedoch sei sie jetzt 
ebenso unentbehrlich geworden wie die historische Grammatik. Der 
taktvolle Lehrer könne freilich nicht nur ohne Gefahr, sondern hier 
und da, d. h. im Notfalle, sehr wohl auch einzelne Lichtstrahlen von 
diesen beiden Leuchten in die Schulstube fallen lassen, nur verschone 
jnan uns mit jedem Versuch, Phonetik und historische Grammatik 
systematisch mit unserem Unterricht zu verquicken. Der Lehrstoff 
müsse vor dem Forum dieser beiden Wissenschaften bestehen können ; 
in betreff der Methode haben sie uns nichts zu sagen. 

Auch beim Lesen sei vom Leichten zum Schwereren überzugehen. 
Auf die nötigen Artikulationsübungen folge das fliefsende Lesen 
ganzer Sätze. Sinngemäfses Lesen gröfserer Abschnitte sei schon in 
der Muttersprache schwer; es müsse darauf hingearbeitet werden, 
könne in den Fremdsprachen aber erst auf den oberen Stufen mit 
einigem Erfolg geübt werden. Zum guten Lesen sei das Verständnis 
des Textes unerläfslich ; daher empfehle es sich, erst zu übersetzen 
und dann zu lesen. Beim Lesen selbst bilde sofortige kurze Ver- 
besserung von Lesefehlern allerdings eine Unterbrechung, doch lassen 
sich solche ohnehin nicht ganz vermeiden; und durch sofortige 
Richtigstellung verhindere man, dafs sich die Fehler in der Klasse 
festsetzen. Längere Erklärungen hätten sich natürlich erst nach be- 
endetem Lesen anzuschliefsen. Mit der Zeit werden die Unter- 
brechungen seltener und es könne sehr wohl zu dem rechten Leseflufs 
gebracht werden. 

In Bezug auf den Lesestoff würde Redner eine wesentliche Be- 
schränkung der von den Behörden so sehr bevorzugten historischen 
Lektüre empfehlen. Die Darstellung in den neueren historischen 
Werken aller Kulturvölker sei eine im ganzen sehr gleichförmige 
und die strenge Objektivität gerade der besten Historiker komme 




für da* Studium der neueren Sprachen. 



201 



weniger dem Herzen und Gemüte der Schüler als dem Verpfände 
zu gute, für den doch in unserem naturwissenschaftlichen Zeitalter 
wahrhaftig auch auf der Schule genug geschehe. 

Die Sprechübungen gollten keine freien Konversationsübungen 
sein, sondern sich an die Lektüre anschliefsen ; auch aus diesem 
Grunde sei zu wünschen, dafs Lesestoff' aus dem alltaglichen natio- 
nalen Leben der fremden Völker einen Teil der historischen Lektüre 
verdrängen möchte, dann werden unsere Abiturienten auch im stände 
sein, sich in London oder Paris „um die nächste Strafsenecke zu 
fragen 44 . Je weiter nach oben, desto erspriefslicher werden die Sprech- 
übungen sein, denn da erfülle der Inhalt des Gelesenen den Schüler 
so weit, dafs er sich leichter darüber äufsern könne. 

An die Stelle des bei den Reformern so viel gebrauchten, recht 
verschwommenen Ausdrucks „Sprachgefühl 44 möchte Redner lieber 
drei andere setzen : Spracherfahrung, Sprachnachahmung und Sprach- 
gewöhnung; daraus lasse sich alles bei der Erlernung von Sprachen 
erklären und man könne auf die drei Dinge praktisch hinarbeiten, 
während das „Sprachgefühl 44 gar leicht zur leeren Phrase werde. 

Auf die Frage, ob die angefochtenen Übersetzungen aus der 
Muttersprache und in dieselbe beizubehalten seien, geht Redner ab- 
sichtlich nicht ein, da er an eine ernstliche Gefährdung dieser un- 
entbehrlichen Übungen durch die Reform bestrebun gen nicht glaubt. 
Auch sei an den bisher beliebten Arten von schriftlichen Übungen: 
Exercitium, Extemporale, Diktat festzuhalten; nur möge man stets 
auf durchaus genügende Vorbereitung aller Arbeiten bedacht sein; 
dann werden auch die ihnen nachgesagten Mängel grofsen teils ver- 
schwinden, die Vorteile aber bleiben. 

Zum Schlufs spricht Redner die Ansicht aus, dafs ein Bedürfnis 
für eine Umgestaltung des Unterrichts, wie er zur Zeit von tüchtigen 
Lehrern erteilt werde, nicht vorliege. 

Nach einer Erwiderung des Herrn Bah Isen, der es dem 
Redner zum Vorwurf macht, dafs er die Reformer lächerlich zu 
raachen versucht habe, antwortete Herr Tanger, er sei keineswegs 
in den zum Teil wenig feinen Ton mancher Reformer verfallen, auch 
habe er die Stellen, die lächerlich geklungen haben, wörtlich aus ge- 
wissen Reformschriften citiert 



Der Vorsitzende gedenkt mit warmen Worten des verstorbenen 
Herrn P a r i s e 1 1 e , eines langjährigen Mitgliedes der Gesellschaft, 
zu dessen Ehren sich die Versammelten von den Sitzen erheben. 

Die ganze Sitzung wird durch die Besprechung der Tangerschen 
Vorträge ausgefüllt. Zuerst ergreift Herr Wätzold das Wort> der 
es bedauert, dem letzten Vortrage nicht haben beiwohnen zu können. 



Sitzung am 10. April 1888. 




202 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 



Er findet die sogenannte neue Methode besondere im Anfange und 
in den oberen Klassen anwendbar, während es in den mittleren auf 
die Einprägung der Grammatik ankomme, die aus der Lektüre des 
Semesters nicht zu gewinnen sei. Oben könne man anders verfahren. 
Zusammenhängende Stücke, besonders von Ausländern für solche 
Zwecke geschriebene, böten für den Anfang den Hauptvorzug, dafe 
der Schüler ihnen Interesse entgegenbringe. Auch könne man an 
denselben die Aussprache besser einüben. Das Bleibende dieser 
Methode sehe er darin, dafs die Lektüre und deren Inhalt in den 
Vordergrund gerückt werde. Nur an sie dürften Sprechübungen an- 
geschlossen werden. In den oberen Klassen empfehle es sich, ein- 
zelnen Schülern gröfsere Abschnitte zur Präparation zuzuweisen, da 
sie sich, wenn der Zufall des Gefragtwerdens wegfiele, Gutes zu leisten 
bemühten. Das von den Behörden geforderte Übersetzen in die 
fremde Sprache müsse zurücktreten. Fliefsendes Lesen und schnelles 
Erfassen des Inhalts sei die Hauptsache, woneben einzelne Mifsver- 
ständnisse weniger in Betracht kämen. Setze man den Schüler in 
den Stand, ein fremdsprachliches Buch mit Leichtigkeit zu lesen, so 
ermutige man ihn, weiter zu lernen. 

Herr Tanger bedauert, dafs die Ansichten des Herrn Vor- 
redners weiter von den seinigen abweichen, als er dachte. Gerade 
für den Anfang sei die neue Methode nicht geeignet Das zusammen- 
hängende Stück verliere auf dieser Stufe seinen Wert, sobald die 
ernste Arbeit beginne. Auch sei die Aussprache dabei zu schwer. 
Auch er wolle die Lektüre in den Vordergrund gerückt, aber nicht 
zum Ausgangspunkte gemacht wissen. Sie solle den Schwerpunkt 
bilden, sobald man wirkliche Lektüre treiben könne. Das Übersetzen 
in die fremden Sprachen trete schon jetzt zurück, da die Lektüre 
einen breiten Raum einnehme und in den Grammatikstunden zur 
Hälfte aus denselben übersetzt werde. Im übrigen gingen gute Ex- 
temporalien und sonstige gute Leistungen Hand in Hand. 

Herr Wätzold erwidert, dafs man beim Ausgehen vom Laute 
erst oben zum Lesen komme, während, wenn man von Anfang an 
ganze Sätze gebe, die sonst endlose Schwierigkeiten bereitende Bin- 
dung leicht eingeprägt werde. 

Herr Müller meint nach eigenen Erfahrungen im Auslände 
annehmen zu müssen, dafs ein musikalischer Mensch ein praktisch 
guter Phonetiker sei, und dafs es ein angeborenes Talent sei, Sprach- 
laute zu erfassen und richtig wiederzugeben. Auch er erklärt sich 
gegen zu viel historische Lektüre. 

Herr Bahlsen ist der Ansicht, dafs jeder Schüler unter dem 
Wortbilde leide. Die Grundlage in der Aussprache sei aber wich- 
tiger als das richtige Schreiben. Ihm sei es lieber, wenn der Schüler 
.satt = s6 schreibe, als wenn er es falsch ausspreche. Die Übungen 
in der Aussprache wirkten auch auf das Deutsche günstig. Als Farce 




für das Studium der neueren Sprachen. 



208 



dürfe man Stücke aus Lafontaine u. s. w., wie sie z. B. bei Ulbrich 
bald gegeben würden, nicht bezeichnen. 

Herr Tanger verwahrt sich gegen mehrere Mifsverständnisse 
des Herrn Vorredners. Er habe nicht die Stücke als Farce bezeich- 
net, wohl aber sei es eine solche, wenn man behaupte, diese Schüler 
trieben Lektüre. Auch habe er nicht gesagt, es sei besser, das Buch 
gleich aufschlagen zu lassen, sondern dafs es wenig ausmache, ob 
man den Stoff erst mündlich einübe oder gleich das Schriftbild vor- 
führe. Wenn der Schüler richtig sait gelernt habe und es dann lese, 
werde der Eindruck schwankend und der Fehler trete doch wieder auf. 

Herr I. Schmidt fafst den Eindruck der Besprechung dahin 
zusammen, dafs die neue Methode, die er erst durch Herrn Tangers 
Vortrage will kennen gelernt haben, sehr alt und z. B. schon von 
Robertson angewendet sei, worauf Herr Tanger erwidert, dafs er 
den Namen nur der Kürze halber gewählt habe. 

Herr Lamprecht meint, dafs der Begriff des Faden dem 
Schüler doch nicht fehle, wie man bei Plötz leicht merken könne. 
Schon nach einem halben Jahre sei es möglich, mit der Lektüre zu 
beginnen, falls man mit den Verben auf er den Anfang mache. Er 
halte es für richtiger, Fehler gegen die Aussprache nicht sogleich zu 
verbessern, sondern sie von den Schülern verbessern zu lassen. 
Historiker seien nur im Wintersemester zu lesen. Neben den an die 
Lektüre anzuknüpfenden Sprechübungen lasse sich durch Erzählen des 
Lebens der Schriftsteller von Seiten der Schüler ein freierer Gebrauch 
der fremden Sprache anbahnen. Auch möge man sich von den Schü- 
lern Entschuldigungen u. dgl. nur in der fremden Sprache sagen lassen. 

Herr Tanger findet eine Verbesserung der Aussprachefehler 
durch die Schüler zu zeitraubend, da von ihnen gewöhnlich viel zu 
viel für falsch gehalten werde. 

Herr Tobler begrüfst es mit Freuden, dafs so viele Lehrer 
eine Änderung der Methode wünschten, da sie merkten, dafs jetzt 
das Wissenswerte nicht erreicht werde, wie auch er bei Ermittelung 
der allgemeinen Bildung der Lehramtskandidaten oft erfahre. Wäre 
nichts Besseres zu erreichen, so möchte man für fakultative Betrei- 
bung des Französischen stimmen. Anzuerkennen sei, dafs man Wege 
zu besseren Resultaten suche. Diese könne man schwerlich durch 
ein Buch erreichen, sondern durch gröfsere Befähigung der Lehrer. 
Dafs die Verfechter der neuen Methode ein grofses Gewicht auf das 
Sprechen legten, billige er, während Herr Tanger zu bereit sei, auf 
Erfolge darin zu verzichten. Der Lehrer, der selber sprechen könne, 
werde sicher etwas erreichen. Hier könne man dem Schüler etwas 
zeigen, was er gebrauchen kann, wodurch bei ihm eine gröfsere 
Freude geweckt werde. Das gehe auch ohne elementare Lesestücke, 
z. B. nach B. Schmitz* Anleitung zu den ersten Sprechübungen, die 
sich an die den Schüler umgebenden Dinge anschliefsen. Bei Ver- 




204 



Sitzungen der Bertiner Gesellschaft 



Wendung der Lektüre zu Sprechübungen handle es sich meist ein- 
seitig um die Vergangenheit und die dritte Person. Man könne diese 
Übungen auch an ein Vocabulaire anßchliefsen und Definitionen 
und Beschreibungen geben lassen. Das Sprechen sei von gröfstem 
pädagogischen Werte und von besonderer Wichtigkeit für die Ent- 
wickelung der Beweglichkeit des Geistes. Für das Lateinische, das 
man nicht mehr sprechen lerne, müsse das Französische eintreten, 
an dem mehr als die dem Lateinischen oder auch Deutschen zuzu- 
weisende formale Bildung zu lernen sei. Dafs mit dem Sprechen ein 
praktischer Nutzen sich verbinde, komme erst in zweiter Linie in 
betracht Im übrigen gebe es eine Reihe von Wegen, und es bleibe 
die Hauptsache, dafs der Lehrer Befähigung besitze und sein Ziel 
klar vor Augen sehe. 

Herr Herrig bezeichnet auch das Können des Lehrers als da« 
Wichtigste. 

Herr Giovanoli führt an, dafs er bei den Sprechübungen 
seit langen Jahren Anschauungstafeln angewendet habe. 

Mit der Bemerkung des Herrn Herr ig, dafs sich gegen den 
mündlichen Gebrauch nur die nicht Könnenden und Trägen erklärten, 
schliefst die Debatte. 

Der Vorsitzende weist noch hin auf das Erscheinen der neuen 
Auflage des Index zu Diez. 



Herr Förster bespricht mehrere Lehrbücher des Spanischen. 
Das spanische Lesebuch von Ungaro de Monteiase ist für Erwachsene 
zu empfehlen. Bearbeitet ist es nach der sogenannten neueren Me- 
thode; die vorgeführten Stücke sind leicht, bieten eine Steigerung 
und sind mit Geschmack ausgewählt. Aus der ebenfalls zu empfeh- 
lenden Chrestomathie von Sauer und Röhrich teilt der Referent 
Proben der Redeweise Castelars mit Auch auf das Wörterbuch von 
Tollhausen, von dessen deutsch-spanischem Teile jetzt die erste Liefe- 
rung vorliegt, wurde hingewiesen. 

Herr Michaelis spricht über die Verhandlungen des Kon- 
gresses, der im September in London tagte, um das dreihundert- 
jährige Bestehen der .englischen Stenographie und zugleich das 
fünfzig] ährige Jubiläum des Pitm an sehen Systems zu feiern. Pitman, 
den man nicht nur als Stenographen, sondern auch als Phonetiker 
pries, hat letzteres bescheiden abgelehnt. Bei dieser Gelegenheit hat 
er eine eigentümliche Übersicht über die Entwickelung der Phonetik 
im Zusammenhange mit der Geschichte der englischen Litteratur ge- 
geben, indem er zeigt, wie jedesmal in der Mitte des Jahrhunderts 
grofse Phonetiker auftreten, während um die Wende des Jahrhun- 
derts ein Aufblühen der Litteratur stattfindet 



Sitzung am 24, April 1888. 




für das Studium der neueren Sprachen. 



205 



Herr Werner spricht über die Lektüre Byrons in der Schule. 
Dem Dichter werde die Stellung noch nicht eingeräumt, die ihm als 
erstem englischen Dichter zukomme. Dabei biete sein Leben viel- 
fache Gelegenheit* den Schüler mit englischen Einrichtungen, Eigen- 
heiten und Vorurteilen bekannt zu machen. Auch sei bei der Wür- 
digung, die ihm von deutschen Dichtern zu teil geworden, auf die 
deutsche Litteratur hinzuweisen. Byrons Dramen seien zu unbedeu- 
tend oder für die Schule ungeeignet Häufig gelesen würden nur 
der Prisoner und Mazeppa; dagegen berücksichtige man den Childe 
Harold zu wenig, aus dem, da das Ganze zu lang für ein Semester 
sei, eine Auswahl gegeben werden müsse, die besonders die auf das 
klassische Altertum bezüglichen Stellen zu beachten habe. In der 
Ausgabe von Krummacher, der den Zusammenhang für über- 
flüssig erkläre, sei zu viel ausgeschieden. Mommsens Ausgabe sei 
sorgfältig, aber da jeder Fehler des Dichters mit Behagen aufgezählt 
werde, könne der Schüler zu einer rechten Freude nicht kommen. 
Die Ausgabe von Brockerhoff wurde als schlecht erklärt, dagegen die 
englische von Tozer empfohlen. 

Herr Schmidt ist der Meinung, dafs der Childe Harold als 
Ganzes sich zur Schullektüre nicht eigne, da der Schüler wegen der 
Lockerheit der Komposition den Eindruck eines Kunstwerkes nicht 
gewinne. 

Herr Herr ig weist auf den Giaour als zur Schullektüre wegen 
der Verherrlichung Griechenlands sehr geeignet hin. 

Herr Werner führt als Vorzug des Childe Harold an, dafs er 
schwer sei. Für poetische Erzählungen genüge auch Scott. Childe 
Harold aber sei lyrisch in epischer Form. Auch lerne man aus ihm 
die Entwicklung des Dichters kennen: in den ersten Gesängen 
spreche der Jüngling zu uns, in den letzten der Mann. 

Herr Schmidt erwidert, Childe Harold sei kein Kunstwerk, 
sondern ein Tagebuch mit schönen Versen. Kritik dürfe und müsse 
geübt werden, und Mommsen habe bei seiner Ausgabe wohl auch 
an Studenten gedacht 

Herr Herr ig ist auch der Ansicht, dafs die Gesichtspunkte, 
von denen aus eine Auswahl gemacht werden könne, nicht beschränkt 
werden dürften. Den gegen die Krummachersche Ausgabe von Herrn 
Werner ausgesprochenen Tadel glaubt derselbe zurückweisen zu 
müssen. 

Herr Tanger hält es für einen Fehler, in der Schwierigkeit 
der Lektüre einen Vorzug zu sehen. 

Herr Herr ig meint, dafs man, um dem Schüler Schwieriges 
zu bieten, nicht gerade zu Childe Harold zu greifen nötig habe. 

Gegen Benutzung des Childe Harold in der Schule spricht nach 
Herrn Schmidts Ansicht noch, dafs die Jugend zur Rhetorik neige. 

Herr Hirsch hält es nicht für angemessen, an die Biographie 




2üti 



Sitzungeu der Berliner Gesellschaft 



Byrous eine eingehende Erörterung allgemeiner englischer Verhältnisse 
zu knüpfen, welche der Primaner bei anderer Gelegenheit kennen 
lernen soll. Die Lebensgeschichte Byrons an sich ist aber päda- 
gogisch nicht gerade fruchtbar; es wäre hier vornehmlich über den 
Weltschmerz und über die griechischen Freiheitskämpfe zu sprechen. 

In einem Schlufsworte spricht sich Herr Werner dahin aus, 
dafs man für die Schullektüre schwierige, für die Privatlektüre leichte 
Schriftsteller wählen müsse, 



Herr Koch sprach über Chaucer im Verhältnis zu seinen 
Quellen. Nachdem der Vortragende die Bedeutung der Quellen- 
forschung für die richtige Beurteilung eines Dichters hervorgehoben 
und kurz die Verdienste von Tyrwhitt, Warton, Sand ras, 
Ebert, Kifsner, Herzberg und ten Brink in der Auffindung 
und Vergleichung der Originale zu Chaucers Poesien gewürdigt* 
wendet er sich zu einer übersichtlichen Zusammenstellung derjenigen 
Arbeiten auf diesem Gebiete, welche seit 1870 erschienen sind. Er 
berichtete kurz über P. Meyers Ausgabe von Deguilevilles Hymne 
(Chaucer Society, I Series, XXIV, 1871) als Vorlage zu Chaucers 
ABC und über die Originals and Analogues (Ch. S., II Series, 1872, 
1875, 1878, 1886), welche teils die direkten Quellen des Dichters, 
teils andere Versionen derselben — letztere meist von W. Clouston 
gesammelt — enthalten. Im Anschlufs hieran werden die eingehen- 
den Untersuchungen E. Kolbings über die Cäcilienlegende (Engl. 
Stud. I, 215 ff.) und H. Varnhagens über die Erzählung des 
Kaufmanns (Anglia VH anz. 155 ff.) und die des Verwalters (Engl. 
Stud. IX, 240 ff.) erwähnt Zu den Publikationen der Ch. S. gehören 
dann ferner Skeats Ausgabe des Astrolabiums (1872) nebst dem 
als Anhang mitgeteilten lat Text Messahalahs, den Chaucer benutzte; 
Rossettis Vergleich der im Troylus verwandten Abschnitte aus 
Boccaccios Filostrato (I, 1875; II, 1883); Sundbys Ausgabe des 
Albertano da Brescia, das Original zum Melibous (1873) und Rev. 
Woollcombes Nachweis der Benutzung des Traktats des Hierony- 
mus adv. Jovinianum im Prolog des Weibes von Buch (Essays on 
Chaucer, Part III). In den späteren Heften der Essays etc. erschienen 
dann Übertragungen ursprünglich deutsch veröffentlichter Abhand- 
lungen; so des Vortragenden „Ein Beitrag zur Kritik Chaucers u 
(Engl. Stud. I) unter dem Titel „On an Original Version of the 
Knight's Tale" (Part IV), und W. Eilers' Dissertation: Die Er- 
zählung des Pfarrers und die Somme de Vices et de Vertus des 
Frere Lorens (Erlangen 1882; s. ebd. Part V). Endlich werden 
A. Rambeaus Aufsatz über das Hous of Fume im Verhältnis zur 
Divina commedia (Engl. Stud. IH), M. Langes Dissertation über 



/Sitzung am 8. Mai 1888. 




für das Studium der neueren Sprachen. 



207 



das Boke of the Duchesse (Halle 1K83) und M. Bechs Unter- 
suchungen über die Legend of Good Women (Anglia V) kurz be- 
sprochen. — Auf Grund der Ergebnisse dieser Schriften etc. entwirft 
der Vortragende dann ein Bild, wie Chaucer seine Quellen zu be- 
handeln pflegte: er folgte ihnen getreu in den Hauptzügen, häufig 
schließt er sich ihnen in fast wörtlicher Übersetzung an; doch läfst 
er fort, was seinem Geschmack nicht zusagt, schaltet gern Gespräche 
und Erlauterungen ein und sucht vor allem seine Personen treffend 
zu charakterisieren, seiner Darstellung dramatisches Leben zu geben. 
Zum Schlufs weist der Vortragende auf einige Stellen im Boke of 
the Duchesse hin, welche für die Unechtheit des überlieferten Frag- 
mente des Romans von der Rose sprechen, und begründet seine früher 
ausgesprochene Ansicht, dafs Chaucer Boccaccios Dekameron nicht 
gekannt und noch weniger benutzt habe. Viel wahrscheinlicher sei 
es, dafs Chaucer im Prolog der C. T. der Eingang von Piers Plowman 
vorgeschwebt habe, worin sich mehrere Anklänge finden. 

Herr Hahn sprach über den Dialekt von Robert Burns. — Im 
Sommer 1786 erschien zu Kilmarnock im westlichen Schottland die 
erste Ausgabe seiner Gedichte. In dem seitdem verflossenen Jahr- 
hundert sind zahllose Ausgaben veröffentlicht worden. Die von 
Mr. James McKie in Kilmarnock herausgegebene — in Deutschland 
nur wenig bekannte — Burns-Bibliography führt die Burns-Litteratur 
von 1786 — 1879 fast vollständig auf. Das erste Hundert war schon 
im Jahre 1815 vollendet, das zweite 1832, das dritte 1855, das vierte 
1870, das fünfte war 1879 bereits über das erste Drittel vorgerückt 
und dürfte seitdem überschritten sein. Die vollständigste Sammlung 
der Burns-Litteratur ist wohl die in dem Burns-Museum zu Kilmarnock 
enthaltene, welche von dem genannten Herrn herrührt In allen 
Ländern englischer Zunge bestehen zahlreiche Burns-Klubs, welche 
unter dem Namen Burns Federation zu einem Kartell verbände ver- 
einigt sind. In das Französische ist Burns mehrfach übertragen, 
z. B. durch Leon de Wailly, zweimal ins Schwedische, oft ins Deutsche, 
wo wir eine Reihe recht gelungener Einzelübersetzungen von Freilig- 
rath u. a. und zahlreiche mehr oder weniger vollständige Gesamtüber- 
setzungen besitzen, so von Baisch, Bartsch, Gerhard, Heinze, Kauf- 
mann, Laim, Perta> v. Winterfeld u. a. Auch plattdeutsche Über- 
setzungen einzelner Gedichte sind vorhanden, z. B. von Klaus Groth ; 
eine solche von Kommerzienrat Bader in Borghorst soll demnächst 
erscheinen. Eine gute Übersetzung ins Schweizer-Deutsche ist die 
von Corrodi. Trotz solch grofser Verbreitung ist ein allgemeineres 
Verständnis doch nur für die in englischer Sprache verf afsten oder 
doch nur mit wenigen mundartlichen Ausdrücken gemischten Ge- 
dichte vorhanden. Wortschatz und Grammatik bilden demnach die 
Hauptschwierigkeit Der schottische Dialekt, welcher sich von dem 
nordenglischen nicht erheblich unterscheidet, zerfällt nach der Einlei- 




208 



Sitzungen der Berliner Uet*ell8chaft etc. 



lung James A. H. Murrays, des bekannten englischen Lexikographen, 
in drei Gruppen : die der südlichen Grafschaften, welche sich als ein 
Streifen von mäfsiger Breite längs der englischen Grenze hinzieht; 
die der Ausdehnung nach gröfste, welche — Glasgow und Edinburgh 
einschliefsend — von Südwest nach Nordost sich erstreckt, und die 
nordöstliche, nördlich von Dundee, also Aberdeen, BanfF, Caithness 
u. s. w. enthaltend. Die erstgenannte Gruppe ist von dem eben ge- 
nannten Gelehrten in der trefflichen Darstellung „The dialect of the 
Southern Counties of Scotland u zur Darstellung gebracht, eine Gram- 
matik der Untermundart der nordöstlichen Gruppe wurde von dem 
Rev. Dr. Walter Gregor in Pitsligo erwartet, welcher u. a. ein Glossar 
über die Mundart von Banffshire verfafst hat Der mittlere Zweig 
des Schottischen ist grammatisch noch nicht behandelt worden. 

Am 24. März 1863, also vor einem Vierteljahrhundert> sprach 
Lord Neaves in der Society of Antiquaries of Scotland sein Bedauern 
darüber aus, dafs noch kein Schotte sich der Aufgabe unterzogen 
habe, das Schottische grammatisch zu bearbeiten, und gedachte dabei 
der Arbeit des Schweden Zacharias Collin (1862), welche einen er- 
freulichen Anfang in dieser Beziehung bildete. Der Forscher ist auch 
heute noch — wenn man von Murrays Arbeit absieht — auf die 
allerdings zahlreichen Glossarien und Anmerkungen zu den Ausgaben 
schottischer Autoren alter und neuer Zeit angewiesen, auf einige 
Einzelarbeiten, sowie auf die schottischen Wörterbücher, von denen die 
kleinereu, in Deutschland erschienenen von Motherley und Hierthes 
nur bescheidenen Ansprüchen genügen, während das auch in seiner 
neuesten Auflage noch auf einem veralteten Standpunkte verharrende 
grofse Wörterbuch von Jamieson doch eine reiche Fundgrube für 
Forschungen auf dem Gebiete des Schottischen ist 

Die Beantwortung der Frage nach dem von Robert Bums in 
seinen Gedichten verwendeten Dialektes mufste der Vortragende der 
vorgerückten Zeit wegen vertagen, nachdem er kurz darauf hinge- 
wiesen, dals der Dichter bei Ayr, also in der mittleren Gruppe des 
Schottischen, geboren und aufgewachsen sei, also diese Untermundart 
gesprochen habe. Der Mangel einer Lautschrift und die Verwendung 
englischer Orthographie, wo der Laut bedeutend abweiche, mache die 
Erkennung des Dialektes oft recht schwierig. An einer bekannten 
Stelle aus Burns wies der Vortragende nach, dafs man der Behaup- 
tung Murrays, „Scots wha hae wi' Wallace bled u sei „fancy Scotch", 
wohl zustimmen könne. 

Im Anschlüsse daran las Herr Tobler aus der Corrodiechen 
Übersetzung in Schweizerdeutsch ein Gedicht vor. 

Herr Bourgeois fährt in seinem Vortrage über BeYanger fort, 
indem er das Leben des Dichters bis zu dem Zeitpunkte erzählt, wo 
seine ersten Chansons gedichtet wurden. 




Jahresberichte 

der 



Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 



Die bereits im Januar 1878 von Professor Dr. Scheffler ins 
Leben gerufene Gesellschaft für neuere Philologie zu Dresden besteht 
zur Zeit aus 25 ordentlichen und G auswärtigen Mitgliedern. Der 
gegenwärtige Vorstand besteht aus: Professor Dr. Scheffler als 
Vorsitzendem ; Dr. T h i e r g e n , Stellvertreter ; Oberlehrer S a h r , 
Schriftführer; Dr. Z schalig, Kassenwart. Ehrenmitglied ist Pro- 
fessor Dr. K a d e. 

In der Zeit von Oktober 1886 bis März 1888 wurden folgende 
gröfeere Vorträge gehalten, an die sich Besprechungen anschlössen : 

Den 14. Januar 1887: Dr. Zschalig über AUfranxosiscfie 
Dichterinnen. 

Eine weit wichtigere Rolle als in Deutschland spielen und spielten 
in Frankreich die Frauen in der Litteratur, und zwar nicht zum 
mindesten als Dichterinnen. Zahlreich und von hoher Bedeutung 
sind auch die altfranzösischen Dichterinnen, unter denen zunächst 
Marie de France (zweite Hälfte des 1 2. Jahrhunderte) zu nennen 
ist Leider sind wir über die Einzelheiten und über die Zeit ihres 
Lebens — das höchst wahrscheinlich zum Teil in England verflofs — 
sehr im unklaren. Weder zeitgenössische noch spätere Zeugnisse, 
noch Äufserungen in ihren eigenen Schriften geben uns einen ge- 
nauen Anhalt — Marie de France wurde von ihren Zeitgenossen 
viel gelesen, viel bewundert und viel beneidet Ihre 103 Fabeln 
„Ysopet u erhielten sich in' ihrer unverwüstlichen Frische noch bis 
zu den Zeiten des Lafontaine lebendig, der sie las und benutzte. 
Von grofeer Anmut und Frische, also von bedeutendem dichterischen 
Werte, sind ihre Lais (— Sang), die Prof. W. Hertz, Stuttgart, über- 
setzte. Sie sind in paarweis gereimten Achtsilbnern gedichtet und 
bewegen sich stofflich in dem Kreise der Artussage. Klarheit der 
Gedanken, naiver Ton, rascher Fortschritt der Erzählung sind — wie 

Archiv f. n. Spraohen. LXXXI. 14 



1886/88. 




210 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 

die vorgetragene Probe einer selbstverfafsten Übersetzung des Lais 
del Chevrefoil zeigte — ihre Hauptvorzüge. 

Christine de Pisan (1363 — 1403) verbrachte den gröfsten 
Teil ihres Lebens in Frankreich. Früh vermählt und bereits mit 
25 Jahren verwitwet, ward sie durch die Not zur Schriftstellerin ge- 
macht. Sie starb auch in bitterer Not, nachdem sie ihr sauer erwor- 
benes Vermögen eingebüfst hatte. Sie schrieb sehr viel. Ihre 100 
Balladen, unter denen sich 20 auf den Tod ihres Gatten beziehen, 
zeigen, dafs sie vielseitige dichterische Begabung mit treuem ernsten 
Sinn paarte. Vortreffliche Lebensgrundsätze enthält ihr didaktisches 
Gedient: „Notables moraulz a son filz", welches, dem Zeitgeschmack 
entsprechend, reiche Reime enthält — Nun müssen wir auf das 
16. Jahrhundert übergehen, da die wissenschaftliche Forschung die 
Lebensgeschichte und Werke einer angeblichen Dichterin des 1 5. Jahr- 
hunderts, Clotilde de Surville (1802 „entdeckt"), bald als mo- 
derne Fälschung erweisen konnte. 

Im 16. Jahrhundert sind Marguerite de Navarre (1492 
bis 1549), die neben dem berühmten Heptameron auch Gedichte 
verfafste, sowie die hochbegabte Schottenkönigin Mary Stuart 
(1542 — 87) vorübergehend zu erwähnen. Maria Stuart erhielt im 
Kloster St. Germain eine vortreffliche Erziehung und fühlte sich 
ganz als Französin. Rührend und ergreifend ist ihr Abschied von 
Frankreich, als sie nach Schottland abreiste. Dem bekannten 
BSrangerschen Liede liegt folgendes Gedicht der Maria Stuart zu 
Grunde : 

Leb wohl, du herrlich Land der Frauken, 

O Heimaterde! 

Vor allem werte! 
Der ich der Kindheit Glück zu danken! 
Leb wohl, du Land, du schöne Zeit; 
Das Schiff, das unsre Lieb entzweit, 
Trägt nur die eine Hälfte fort; 
Mein ander Teil will dir ich schenken, 
Will dir's vertraun, der Freundschaft Hort, 
So wirst du auch des andern denken! 

Die gröfste Dichterin des 16. Jahrhunderts ist Louise Labe 
(1525 — 65), „die schöne Seilerin u . Sie stand in hohem Ansehen bei 
ihren Zeitgenossen; die namhaftesten Dichter und Gelehrten von 
Lyon verkehrten in ihrem Hause. Verleumdung und Gehässigkeit 
haben nicht vermocht, ihren reinen Charakter in Zweifel zu stellen. 
Ihr dichterisches Empfinden ist überaus frisch und leidenschaftlich 
und, wie folgendes Sonett bezeugt, unserer Zeit verwandt: 

Solang des Auges Thränen nicht versagen, 
Zu trauern um das Glück, das weit entrückt; 
Solange noch, von Seufzern nicht erdrückt, 
Die Stimme leis es mag den Lüften klagen; 



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Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 211 

Solang die Hand die Laute noch mag schlagen, 
Damit dein Lob ich sing, von dir entzückt; 
Solange noch die Seele, still beglückt, 
Nach dir nur mag, dich zu ergreifen, fragen: 

So lang bin ich zu sterben nicht gewillt. 

Doch wenn der Thränenquell einst nicht mehr quillt, 

Die Stimme bricht, die Hand mir kraftlos bliebe; 

Und meine Seel in diesem Sterbehaus 
Nicht fähig mehr, zu zeigen ihre Liebe: 
Dann lösch der Tod des Lebens Fackel aus ! 

Gleichzeitig mit ihr lebte in Lyon die früh verstorbene Pernette 
du Guillet (1 520 — 45), aus vornehmer Familie stammend. Zuletzt 
haben wir zu nennen Mme et Mlle Des roch es, Mutter und 
Tochter, aus Portiers. Etienne Pasquier (1529 — 1615), ein urteils- 
fähiger Zeitgenosse und eine wichtige Quelle für die Dichtung der 
damaligen Zeit, stellt sie sehr hock Beide lebten, durch innige Liebe 
verbunden, dem Studium und dem Verkehr mit bedeutenden Zeit- 
genossen. Die Pest raffte beide 1587 an demselben Tage dahin. Ist 
Louise Labe* leidenschaftlich und glühend, so herrscht in den Werken 
dieser beiden Dichterinnen mehr eine ruhige Stimmung und eine 
milde Klarheit, die sich aber, wie in folgendem Sonett in Alexan- 
drinern, zu hoher Schönheit und Wahrheit der Gedanken aufschwingt : 

Ich glaube, dafs das Glück von uns abhängt allein, 
Und dafs ein jeder Mann sein eignes Glück mag schmieden; 
Der Thor, zu unbedacht, verscherzt es sich hienieden, 
Der Weise geht mit ihm behutsam um und fein. 

Vom Schauplatz dieser Welt der Menschen Thun und Sein 
Vermag von diesem Satz klar den Beweis zu bieten, 
Es ist der Menschheit so hier unterm Mond beschieden: 
Sie trägt ihr Wohl und Weh, trägt ihre Lust und Pein. 

Drum wer sich glücklich fühlt zur Zeit als Unvermählte, 
Nicht weniger wird sie's sein, wenn später sie erwählte 
Sich Hymens heilig Band; und wenn die Liebe glüht' 

Im keuschen Ehebund mit holder Fackel Brande, 

So ist sie glücklich noch dereinst im Witwenstande; 

Weil alles Glück entspriefst dem eigenen Gemüt! 

Das Gebiet aller dieser Dichterinnen ist freilich nur ein eng 
umgrenztes: die Kleinepik, Lyrik und Didaktik. Aber wir können 
gern gestehen, dafs sie hier, teils weil diese Gebiete dem weiblichen 
Gemüt nahe liegen, teils aus der Kraft eigener dichterischer Begabung 
viel Schönes und zu Herzen Gehendes geleistet haben. 

Den 4. Februar 1887 sprach Dr. Thier gen über das Englisclie 
Schulwesen. Bezüglich des Inhaltes dieses Vortrages verweisen wir 
auf das Pädagogische Archiv, Centraiorgan für Erziehung und Unter- 




212 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 



rieht, herausgegeben von Direktor Dr. Krumme, Braunschweig, wo- 
selbst der Vortrag vollständig wiedergegeben ist (Heft 9, Oktober 
1887). 

Dr. Stern über die Methode Leh?nann. Seit zwei Jahren wird 
am Vitzthumschen Gymnasium nach der Methode Lehmann Franzö- 
sisch gelehrt. Die Lehrbücher und die Methode von Plötz, Knebel- 
Probst u. a. — an denen eingehend Kritik geübt wird — erzielen 
zu wenig Sicherheit im Gebrauch der Sprache. Mündliche und schrift- 
liche Übungen darin, also das eigentlich Belebende, werden er- 
schwert. — Die Methode Lehmann umfafst sechs Übungsstufen, 
wovon freilich Stufe 2 — 6 nicht zu benutzen ist Der erste Teil 
enthält die Formenlehre und einiges aus der Syntax. Die Methode 
bezweckt, dem Schüler das Wortbild zugleich mit dem Sachbilde 
vorzuführen und dieses innig mit jenem zu verbinden. Sie beruht 
daher erstens auf der direkten Anschauung, d.h. es werden — 
und zwar gleich in kleinen Sätzen — zunächst alle französischen Be- 
zeichnungen für die den Schüler umgebenden Gegenstände, die Teile 
des Körpers u. s. w. gelernt und in einem fortwährenden Frage- und 
Antwortspiel geübt Zweitens gründet sich die Methode auf die A n - 
schauung im Bilde, so dafs der Schüler die in der Fabel be- 
nannten Gegenstände sogleich auf dem Bilde sehen und zeigen mufs. 
Allmählich fließen in diese Unterrichtsweise die wichtigsten Regeln 
mit ein, wie der Vortragende an Beispielen zeigte. So wird die 
alte, tote Übersetzungsmethode beseitigt und der Schüler 
sogleich in das volle Leben der Sprache selbst geführt. Es fangen 
so die mündlichen und schriftlichen Stilübungen im Gebrauch 
der französischen Sprache sogleich auf der untersten Stufe 
an. Dieser Punkt ist, nach der Ansicht des Vortragenden, an dieser 
Methode weit wichtiger als die Zuhilfenahme der Anschauung. Eine 
frische fröhliche Mitarbeit aller Schüler ist dabei zu beobachten. In 
vier Jahren wird so das ganze Gebiet der Grammatik erledigt Die 
Mängel der Methode bezw. des Buches von Lehmann sind 
folgende. Die Lautphysiologie ist gar nicht berücksichtigt Das 
im Buche gebotene Französisch verstöfst hier und da grob gegen 
Korrektheit; die Grammatik tritt zu sehr zurück; die Aussprache- 
und grammatischen Regeln sind oft schwankend angegeben ; die 
Fragen sind vielfach geistlos und stumpfsinnig ; die Vokabeln stehen 
auf jeder Seite unten zusammen ; das Wörterbuch der Akademie von 
1878 ist nicht berücksichtigt, das Buch wimmelt von häfslichen 
Druckfehlern, ist teuer und die Bilder sind schlecht Trotzdem über- 
wiegen die Vorteile die Mängel, wie die seit zwei Jahren damit er- 
zielten Erfolge deutlich beweisen. Dr. Stern besprach sodann noch 
die nach ähnlichen Grundsätzen abgefafsten Lehrbücher von Du- 
cotterd u. Mardner und von Hufs, die ebenfalls beide in mehr- 
facher Hinsicht zu empfehlen seien. 




Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 213 

Die Erörterung über diesen Vortrag gestaltete sich sehr leb- 
haft und ging zum Teil auch sehr auf wichtige Einzelheiten ein. Es 
wurde besonders der Nutzen der Anschauung lebhaft mit Für 
und Wider erwogen, sodann hervorgehoben, dafs in der Methode 
Lehmann bei ungenügender Hervorhebung des Grammatischen, in 
Regeln und Übungsstücken zum Übersetzen ins Französische, sowie 
bei Vernachlässigung des alten vielverschrienen Vokabellernens zu 
wenig Gewähr für Sicherheit und Festigkeit im Grammatischen ge- 
geben sei, da£s aber andererseits das Belebende, Frische, Anregende 
der neuen Behandlungs weise, die Betonung der Lektüre sowie des 
mündlichen und schriftlichen Gebrauches der französischen Sprache 
sich auch recht gut mit der alten Lehrweise, z. B. Plötz, verbinden 
lasse, dessen Übungsstücke immer noch die brauchbarsten seien. 
Dr. Mahrenholtz empfiehlt das Lehrbuch von Mangold und 
Coste. 

Folgende Sätze, die Dr. Stern unter der Voraussetzung 
gründlicher und wissenschaftlicher Behandlung der Sprache in höheren 
Schulen an seine Darlegung der neuen Methode anschliefst, wurden 
durch Abstimmung, meistens einstimmig, angenommen: 

1) Ziel des französischen Unterrichts ist der freie mündliche 
und schriftliche Gebrauch der Sprache. 

2) Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig, vom ersten 
Unterrichtsjahre ab mit Sprechübungen zu beginnen; diesen haben 
sich möglichst bald die ersten schriftlichen freien Arbeiten anzu- 
schließen. 

3) Der Gegenstand der Übungen mufs den dem Schüler nahe- 
liegenden Begriffskreisen entnommen sein und ist, soweit möglich, 
durch direkte oder indirekte Anschauung zu vermitteln. 

4) In der Gewinnung des Sprachschatzes ist eine genaue Stufen- 
folge, die vom Näheren zum Entfernteren, vom Konkreten zum Ab- 
strakten führt, innezuhalten, wobei die beständige Wiederholung zur 
Befestigung der gewonnenen Kenntnisse wesentliches Erfordernis ist. 

5) Die Erwerbung grammatischer Kenntnisse nach einem be- 
stimmten Plane hat mit diesen Übungen Hand in Hand zu gehen. 

6) Zur Vertiefung der grammatischen Kenntnisse empfiehlt sich 
die mündliche (bezw. schriftliche) Übersetzung zusammenhängender 
deutscher Stücke in die fremde Sprache. 

7) Beim Unterricht in der Aussprache sind die Ergebnisse der 
Phonetik (Lautlehre) zu berücksichtigen. 

8) Sichere Erfolge dieser Methode lassen sich nur an der Hand 
guter Lehrbücher erreichen, welche den gesamten grammatischen Stoff 
behandeln (z. B. Ducotterd u. Mardner). 

Den 1 8. März 1887: Dr. Mahrenholtz über Wycherley and 
sein Verhältnis xu Moliere. Leben Wycherley s. Wycherley, aus 




214 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 

altadeligem Geschlecht, wurde 1 638 in Shropshire geboren und royal 
erzogen. Er verlebte seine Jugend zum Teil in Frankreich, wo er 
durch Julie de Rambouillet in die vornehmen preciösen Kreise ein- 
geführt wurde. In Paris, wo er die Preeieuses ridicules mit hat auf- 
führen sehen, wurde er katholisch. 1660 kehrte er nach England 
zurück, wo er wieder protestantisch wird (Presbyterianer). Er studiert 
in Oxford Philosophie. Dann lebt er in London. Erst seit 1669 ist 
er litterarisch thätig. Er erfreute sich der Gunst des Königs, beteiligt 
sich 1672 an einem Gefecht in dem Kriege in Holland, verscherzt 
jedoch die königliche Gunst durch seine Heirat nüt einer der Ge- 
liebten des Königs (um 1680). Nach dem Tode seiner Gemahlin 
(f 1681) kommt er ins Schuldgefängnis. Aus seinen späteren kümmer- 
lichen Verhältnissen erlöste ihn der Tod 1715; kurz zuvor ging er 
eine zweite Heirat ein. — Seine Dichtungen wurden, ehe sie erschie- 
nen, vielfach von Pope durchgesehen und korrigiert Ältere 
Quellen: Geschichte der Universität Oxford von Anthony Wood 
1729 (bietet nur wenig!); Briefwechsel Wycherleys mit Pope (in 
dessen Werken gedruckt, wichtig für die Zeit von 1704 bis 1715); 
Briefwechsel mit Dennys 1721; Spences Anekdoten sind von ge- 
ringem Werte, sie beruhen auf Dennys; aus Spence schöpfte Pack. 
Ältere Charakteristik von Lord Landsdowne. Neuere: Leigh Hunt 
1840, Ausgabe der dramatischen Werke von Wycherley, Congreve u. a. 
hat keinen Quellen wert; Macaulay, Januar 1841, in seinem Aufsatz 
über Leigh Hunts Ausgabe jener Dichter ; Klette, Dissert., Münster 
1883; Krause, Dissert., Halle 1883; Sandmann in Herrigs Archiv 
1885. 

Charakter Wycherleys. Macaulay war Whig und mufste 
als solcher der grimmigste Gegner des Dichters sein. Daher auch 
die mitleidlose Härte und Schärfe seines Urteils. Schlimmer könnte 
kein Feind über Wycherley aburteilen. Doch ist alles Thatsächliche, 
was Macaulay sagt, wahr und bleibt unumstöfslich bestehen. Macaulay 
nun schliefst aus den Komödien Wycherleys auf dessen persönlichen 
Charakter. Freilich ist nichts dem Inhalte seiner Dichtungen Ähn- 
liches über Wycherleys Charakter wirklich verbürgt und überliefert: 
wir wissen nichts über sein Wesen als Mensch. Klette spricht 
Macaulay das Recht ab, aus den Komödien auf den persönlichen 
Charakter des Dichters zu schliefsen. Er vertritt die Änschauung, 
dafs Wycherley bis zu seiner Schuldhaft (1681) als ein Mann von 
noblen Gesinnungen und unanstöfsigem Charakter, später aber als 
alberner Geck aufgetreten sei. Doch kann er diese psychologisch 
wenig wahrscheinliche Umwandlung keineswegs erweisen. Macaulays 
Urteil bleibt vorläufig voll bestehen. 

Werke Wycherleys. Spence giebt, ohne jede Gewähr, die 
Entstehungszeit der Werke des Dichters um zehn Jahre zu früh an. 
Der Irrtum ist durch ein Versehen des Schreibers entstanden. 




Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 215 



Macaulay setzt daher mit Recht den Anfang seiner litterarischen 
Laufbahn in sein 30. Jahr. Seine Lustspiele sind : L o v e in a 
Wood, The Gentleman Dan cing-Master, The Country 
W i f e und The Piain Dealer. Das erste ist der ficole des maris 
oder l5cole des femmes nachgeahmt Nach Klette soll Wycherly 
sich Sedleys „The Mulberry Garden" zum Vorbild genommen haben, 
ein Stück, welches mit Ausnahme von ein oder zwei dem Moliere 
nachgeahmten Scenen Original sein soll. Aber aller Wahrschein- 
lichkeit nach ist das ganze Stück von Sedley dem Moliere nach- 
gebildet Piain Dealer: Misanthrope ; Country Wife: ficole 
des femmes. Wie Wycherley nachahmt, hat Krause dargelegt«. Sand- 
mann, der das Country Wife behandelt, hat einfach die ähnlichen 
Stellen aus Moliere und Wycherley zusammengestellt, womit freilich 
wenig gedient ist, denn es ist erst noch festzustellen, ob Wycherley 
den Moliere direkt oder indirekt, und in diesem Falle, ob er eine 
Übersetzung Molieres oder eine freie Bearbeitung desselben benutzt 
hat Schon Voltaire hat übrigens auf die Beziehungen zwischen 
Moliere und Wycherley hingewiesen. — Die nun folgende genauere 
Schilderung der Handlung und der Charaktere bei Wycherley zeigt, 
dafs er frei, verschlechternd, vergröbernd nachahmt. Die psycho- 
logisch feinen Züge und Gestalten von Moliere werden ins Rohe, 
ins Gemeine, in den Schmutz gezogen. Der Piain Dealer, ein Schiffs- 
kapitan, ein grober Flegel, der alles in gleicher Weise mit Füfsen 
tritt — wie weit ist er von dem feinen Alceste des Moliere entfernt! 
Die Zeichnung der Geliebten des Manly ist eine grobe Farben- 
kleckserei gegen Moliere. Alle anderen Gestalten ebenso: sie sind 
abgefeimte Heuchler, Schurken gemeinster Art u. s. w. Natürlich 
finden sich auch eine Anzahl Ähnlichkeiten zwischen Moliere und 
Wycherley. Der letztere zeigt aber auch ganz moderne Züge, z. B. 
den, dafs Manly seine Besuche zu einer Zeit machen will, wenn die 
Leute nicht zu Hause sind, um nur seine Karte abgeben zu brauchen. 
Noch gröber ist das Country- Wife. Hier hört jeder Vergleich zwischen 
Molieres Charakteren und Pinchwife z. B. auf! 

So unheimlich das Bild der Sitten ist, das Wycherleys Komö- 
dien entwerfen: es ist leider wahr. Die Verhältnisse waren damals, 
sowohl am Hofe, wie in den höheren Bürger- und den Adels- 
kreisen, unglaublich schmutzig. Es war eben eine rohe, gänzlich 
verderbte und verkommene Zeit, der der Dichter den Spiegel vor- 
hielt Man kann daher dem Dichter keinen Vorwurf daraus machen, 
dafs er die Verhältnisse schilderte, wie er sie fand. Er wufste, für 
wen er schrieb, und fand auch mit seinen Komödien den lebhaftesten 
Beifall der Höflinge. Daher ist der kulturgeschichtliche Wert seiner 
Werke entschieden bedeutend, und es verlohnt sich der Mühe, sich 
mit ihm zu beschäftigen. 




'216 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 



Berichte und kleinere Besprechungen: 

Den 7. Oktober 1886: Prof. Dr. Scheffler über die Bestre- 
bungen um eine höhere Einheitsschule. 

Den 5. November 1886: Dr. Peter Bericht über verschiedene 
Anzeigen aus der Zeitschrift für neufranzösische Spr. und Litt von. 
Dr. Körting und Dr. Behrens, VIII, Heft 2. Prof. Dr. Scheffler 
über die Bemühungen Wermanns, Werke der neuesten französischen 
Litteratur zum Lesen in den Schulen einzuführen (Herrigs Archiv). 

Den 3. Dezember 1886 : Dr. Thiergen über Horn emann: „Von 
der einheitlichen höheren Schule 44 , und „Über den französischen Auf- 
satz in der Schule 44 . Kandidat Mehner über Lord Byron, von 
Kirchbach, besprochen von Bleibtreu (Magazin für die Litteratur des 
In- und Auslandes 1886, Nr. 41, 42). Dr. Börner über die Vor- 
silben r6- und re- im Französischen, nach Gerlach (Herrigs Archiv 
Bd. LXXVI). Oberlehrer Sahr Übersetzung einer Stelle aus Schiller* 
Abfall der Niederlande, und Vergleich mit Regniers Übersetzung. 

Den 14. Januar 1887: Dr. Mahrenholtz über die Schrift 
„Verhandlungen des Neuphilologen tages zu Hannover, Pfingsten 



Den 4. März 1887: Oberlehrer Her eher Bericht des Mr. Bigot 
über das City-College zu New- York (Revue bleue). 



Den 6. Mai 1887: Kandidat Mehner über Dr. Pfalz: „Über 
den Einflufs des Erlernens fremder Sprachen auf die Entwickelung 
der Muttersprache 44 (Mag. f. d. Litt des In- u. Auslandes 1887, Nr. 4 f.). 

Prof. Dr. Scheffler bespricht eine neue Elementar gimnmatik 
der französischen Spraciie von Aymeric und de Beaux. Leipzig, 
Fock. Das Büchlein ist für die Schule zu empfehlen, es schält aus 
dem reichen Stoff geschickt alles das heraus, was für die Schule 
nützlich ist Die Lehre von den Lauten und der Rechtschreibung 
ist vortrefflich. Zuerst sind diejenigen Laute behandelt, welche dem 
Französischen eigentümlich sind, darauf die übrigen und zwar im 
Vergleich mit den norddeutschen Sprachlauten. Bilder, welche die 
Sprachwerkzeuge darstellen, erleichtern das Verständnis der Laut- 
regeln. Die Bezeichnung „stummes e 44 ist durch die bessere „flüch- 
tiges e 44 ersetzt; statt durch oa ist der französische oi-Laut richtiger 
durch ua wiedergegeben. In betreff der franzosischen Betonung 
knüpfte Prof. Scheffler hieran einige Ausführungen, die, zusammen 
mit den in der gemeinsamen Besprechung auftretenden Gedanken, 
etwa folgendes ausführten: Auch in der französischen Rede ist Be- 
tonung in der leidenschaftslosen Rede, Betonung im 
Affekt und Betonung in rednerischem Vortrage zu unter- 
scheiden. Nur damit die zu starke Betonung der Stammsilbe im 



1886 44 . 




Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 217 



Französischen vermieden wird, haben wir das Recht, für die Schule 
die Regel aufzustellen, der Franzose betone stark die letzte deutlich 
hörbare Silbe jedes Wortes. Streng genommen betont er jede Silbe 
fast gleich stark — aber in der leichten Konversation zeigt sich be- 
reite vielfach das Streben, die Endsilben zu verflüchtigen. Da alle 
mafsgebenden Fachmänner und Grammatiker dies aber noch nicht 
billigen, ist im Unterricht die alte Regel festzuhalten. Im ganzen 
Satze wird die letzte volltönende Silbe betont. — Im Affekt wird 
naturgemäfs, um den Inhalt starker hervorzuheben, die Stammsilbe 
starker betont: hier ergiebt das augenblickliche Bedürfnis für jeden 
einzelnen Fall die Betonung. — Bei dem rednerischen Vortrag tritt 
in der Betonungsweise darum eine Veränderung ein, weil der Vor- 
tragende bei der gewöhnlichen Betonung nicht überall verstanden 
werden würde : er mufs daher auch die am wenigsten tönenden Silben 
klar und kraftig aussprechen und zu diesem Zwecke das eigentlich 
nationale Gepräge in Satz- und Wortbetonung vielfach auflösen. 
Diese Betonung darf mithin* nicht als die allgemein übliche gelernt 
und studiert werden. Diese Betrachtung hat für jede andere Sprache 
auch Geltung. 

Oberlehrer Sahr über Dr. Paul Schumanns französische 
Lautlehre für Mitteldeutsche, insbesondere für Sachsen, ein Hilfsbuch 
für den Unterricht in der französischen Aussprache. Dresden 1884. 8°. 
27 Seiten. Das Büchlein sucht durch Anknüpfung des Unterrichts 
in der französischen Aussprache an die sächsisch-thüringische Mund- 
art eine bessere Aussprache des Französischen zu erstreben. Die 
sächsische Aussprache des Französischen ist meist die schlechteste 
in ganz Deutschland, erstens weil die sächsische Mundart, und daher 
vielfach das in Sachsen gesprochene Hochdeutsch, keine saubere, 
scharfe, reine Aussprache der Konsonanten und Vokale aufweist, 
und zweitens weil die in den Lehrbüchern üblichen Ausspracheregeln 
und ihre Anknüpfung an einen deutschen Laut für unsere Mundart 
nicht passen. Denn um mit Bewufstsein eine fremde Sprache richtig 
zu sprechen, mufs man kennen: 1) die Sprach Werkzeuge, ihren Zweck 
und ihre Bewegung; 2) die Art ihrer Anwendung in der Mutter- 
sprache; 3) die Art ihrer Anwendung in der fremden Sprache. Zu 
dieser dreifachen Kenntnis soll das Büchlein an der Hand der 
Mundart aus Dresden und Umgebung verhelfen. Hierbei weicht 
freilich des Verfassers Ansicht über unsere Mundart mehrfach von 
der landläufigen ab. Nachdem auf Seite 6 — 9 eine Beschreibung 
der Sprach werk zeuge, die nach Ansicht des Berichterstatters hier 
und da für Schulzwecke zu weit geht, gegeben ist, folgt auf S. 9 — 18 
der HauptteiL die Besprechung der Konsonanten : Verschlufs-, Reibe- 
laute, Liquida und Nasenlaute im An-, In- und Auslaut Zuerst 
wird stets die Entstehung des betreffenden Lautes angegeben, dann 
der entsprechende sächsische und endlich der entsprechende franzö- 




218 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 



sische Laut beschrieben; passende Beispiele aus beiden Sprachen 
werden zusammengestellt. In der Beschreibung der Laute und ihrer 
Bildung folgt der Verfasser den Werken von Sievers und Vietor. 
Diese Ausführungen, zu denen Prof. Sievers in einer gedruckten Bei- 
lage hier und da Ergänzungen und Berichtigungen gegeben hat, ent- 
halten viel Vortreffliches und für den Lehrer Brauchbares ; so seien 
nur die durchaus praktischen und einfachen Mittel erwähnt* die der 
Verfasser anführt, um den Schülern das Wesen des französischen 
Stimmtons begreiflich und sie selbst in der Beurteilung desselben 
sicher zu machen. Viele einzelne Beobachtungen und Bemerkungen, 
sowie praktische Zusammenstellungen von sächsischen und franzö- 
sischen Wörtern wird der Lehrer ohne weiteres mit grofsem Nutzen 
in der Klasse verwenden können. Die Vokale sind mit Recht weniger 
eingehend behandelt S. 19 — 22; vor allem ist hier auf reine Aus- 
sprache, d. h. darauf zu achten, dafs die entsprechende Mundstellung 
scharf eingehalten wird. Besondere Sorgfalt ist den fünf verschie- 
denen e-Lauten im Französischen gewidmet. Auch hier sind die 
Beispiele gut gewählt Zum Schlufs kommt noch eine Zusammen- 
stellung langer, kurzer und schwankender Silben in häufig vorkom- 
menden französischen Worten. Wenn man hier dem Verfasser nicht 
überall beistimmen kann, ist er dafür nicht verantwortlich, da dies, 
wie er angiebt, eine Zusammenstellung aus Plötz, Benecke u. a. ist> 
welch letzterem er vor anderen Büchern derart den Vorzug geben 
möchte. Der Verfasser will durch seine Schrift anregen und erreicht 
allerdings seinen Zweck vollkommen. Das Schriftchen ist wissen- 
schaftlich tüchtig und vieles darin für die Schule brauchbar, wenn 
auch freilich weit mehr für den Lehrer als den Schüler, was Ver- 
fasser in der Besprechung auch als seine Absicht aussprach. Es ist 
daher warm zu empfehlen. Den Grundgedanken, von dem der Ver- 
fasser ausgeht, hat Prof. Sievers vortrefflich in den Worten ausge- 
sprochen: „Aller Ausspracheunterricht mufs mit vollem Bewufstsein 
an die natürliche Mundart des Schülers anknüpfen. 44 Neu ist dieser 
Gedanke nicht; es sei nur kurz erwähnt, dafs dieser Gedanke schon 
vor 40 bis 50 Jahren auf dem Gebiete des deutschen Unterrichts 
viel von sich reden gemacht hat und dafs auch Prof. Hildebrand 
denselben in besonnener Weise vertritt. 



Den 10. Juni 1887: Prof. Dr. Scheffler berichtet eingehend 
über den zweiten deutschen Neuphilologentag zu Frankfurt a. M. 
(Pfingsten 1887), dessen Verlauf ebenso günstig, wie seine Leitung 
vortrefflich war. Hieran schliefst sich die Mitteilung, dafs Dresden 
als Ort der nächsten Zusammenkunft — Herbst 188§ — gewählt 
sei. Den Ausschufs für das Jahr 1888 bilden die Professoren 
Dr. Wülker-Leipzig, Dr. Scheffler-Dresden, Dr. Sachs-Brandenburg. 




Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 219 



Dr. Thier gen über die Neuerungsvorschläge des Th. Schöpke 
im französischen Unterricht (Progr. der Stollberger Realschule). 

Schöpke denkt sich den Aufbau des französischen Unterrichte 
folgendem! afsen : 

1. Stufe: Lautlehre, aber nicht besonders zu lehren, sondern nur 

an der Hand der Formenlehre. 

2. Stufe: Formenlehre ist zu beenden. Keine Lektüre. 

3. Stufe: Lektüre beginnt und herrscht. An ihr und durch sie 

soll die Syntax gelernt werden. 

Dr. Thiergen gab sein Urteil darüber so ab: Es ist unmöglich, 
im Französischen — noch viel mehr freilich im Englischen — die 
ganze Lautlehre an die Formenlehre anzuschliefsen ; nicht alle Laute 
kommen in den französischen Formen vor, die für den Anfangs- 
unterricht nötig sind. Ein besonderer Unterricht in der Lautlehre 
ist unentbehrlich. Was Schöpke in der Formenlehre kürzen will, 
ist etwa der Stoff für zehn Stunden : bei einem vier- oder fünf- 
jährigen Unterricht im Französischen eine Kleinigkeit, die gar nicht 
in Betracht kommt Der Verfasser will die Syntax nur an der 
Lektüre lernen lassen; dadurch kommen die Schüler aber nicht zu 
einer genügenden Sicherheit in selbständiger Anwendung der Regeln. 
Statt der Lektüre schlägt Schöpke auf der ersten und zweiten ^tufe 
zusammenhängende Beispielssätze vor. Diese müssen aber entweder 
erst vom Lehrer selbst gemacht werden, oder er schneidet ein franzö- 
sisches Stück zu dem Zwecke zu. Stets werden solche Sätze das 
Gepräge des Gemachten tragen, und nie die Lektüre, diese Oase im 
französischen Unterricht ersetzen. 

In dem lebhaften Meinungsaustausch wurde sowohl der besondere 
Unterricht in der Syntax, wie deren Erlernen aus der Lektüre verfochten. 

Den 16. September 1887: Prof. Dr. Scheffler berichtet über: 
Clirestomaihiz francaise von Joseph Schwöb, herausgegeben von 
Th. Droz, Zürich 1885, 8". Das Werk ist nicht zu umfangreich. 
Die Stücke sind modernen Schriftstellern entnommen. Es wechseln 
prosaische und dichterische Stücke, die inhaltlich verwandt sind, 
miteinander ab. Die Wahl ist sehr hübsch und geschmackvoll ge- 
troffen — auch stofflich glücklich. Für denselben Gegenstand sind 
oft zwei Schriftsteller ausgesucht und zwar so, dafs manche Verfasser 
dadurch von einer neuen Seite gezeigt werden. Das Büchlein ist 
warm zu empfehlen. 

Derselbe über: Folk-Lore par Le Comte de Puymaigre. 
Der Verfasser ist kein Neuling in diesem Gebiete: er trat für das 
Volkslied zu einer Zeit ein, als die Teilnahme an solchen Studien 
noch sehr gering war. Daher glaubte er damals seine wissenschaft- 
liche Beschäftigung mit dem Volkslied rechtfertigen zu müssen. 
Jetzt findet das Volkslied und Studium darüber allenthalben offene 




220 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 



Herzen. Das vorliegende Buch ist eine Sammlung früherer Auf- 
sätze des Verfassers über den Gegenstand. Neu ist eine sehr wert- 
volle Einleitung mit bibliographischen Angaben über das Volkslied- 
Studium. Nur Norwegen, wo Moe und Asbjörnsen Volkslieder 
gesammelt haben, ist nicht erwähnt — Ein Aufsatz handelt über 
die italienische Volksdichtung — einer über das Thal von Ossan, 
wo er nur mehr Varianten fand, nach langem Suchen; z. B. sehr 
lehrreiche Abweichungen von dem bekannten Liede über König Franz 
bei Pavia. Der Stoff wird hier mit anderen geschichtlichen That- 
sachen vermischt. Dann sind die vlamändischen Lieder, dann die 
von Nizza behandelt. — Sehr schön sind deutsche, besonders loth- 
ringische Volkslieder auf die Treue, aber z. B. auch — was merk- 
würdig genug ist — auf Napoleon I., dessen Bedeutung ohne jeden 
Parteihafs anerkannt wird. — Auch die Sage von Blondel, deren 
geschichtliche Berechtigung Verfasser angreift, ist behandelt — Der 
deutschen Genovevasage entspricht die Sage von dem Mädchen 
mit den abgehauenen Händen. In dem französischen Volkslied ist 
der Verräter schlauer: er läfst ihr die Hände abhauen. Mit den 
Stümpfen rettet sie das Kind aus dem Flusse, und mit neuen Händen 
versehen, zieht sie die Arme wieder aus dem Wasser. — Über Virgil 
den Zauberer und über die Karlssage wird ebenfalls gehandelt — 
Bemerkenswert ist auch folgende Sitte im französischen Volke. Der 
Bursche klopft ans Fenster des Mädchens. Sie öffnet und jetzt findet, 
gewissermafsen als Prüfung des Wertes, zwischen beiden ein poetisches 
Wettgespräch mit Rätselfragen statt. Hat es den gewünschten Ver- 
lauf, so findet die Vereinigung statt — Ähnliche Wettkämpfe kennt 
auch das italienische Volkslied. — Puymaigre bringt aufser diesen 
ungemein vielseitigen und lehrreichen Aufsätzen noch eine Menge 
von Lesarten für ein und dasselbe Lied aus verschiedenen Ländern. 

Dr. Mahren holtz und Oberlehrer Sahr schliefsen einige 
Bemerkungen an das Gehörte an. 

Prof. Dr. Scheffler berichtet noch über Marelle: Manuel de 
lecture, de style, et de compositum. Berlin 1886. Auch Marelle ist 
einer von denen, die früh für die französische Volksdichtung ge- 
kämpft haben. Fr hat etwas ungemein Anregendes in seinem ganzen 
Wesen, ihm verdankt Prof. Scheffler die Anregung, auf diesem Ge- 
biete zu arbeiten. In einer Einleitung läfst der Verfasser die ver- 
schiedenen Vertreter pädagogischer Richtungen auftreten und sich 
über die Art, wie die volkstümlichen französischen Sagen und über- 
haupt das Französische auf der Schule anregend behandelt werden 
kann, unterreden. Die Sammlung bietet eine Auswahl meist in An- 
schauung und Ton ganz volkstümlich gehaltener Stücke: Fabeln, 
Märchen, kleine Gedichte. Marelle hat selbst die Hey-Speckterschen 
Fabeln ins Französische übersetzt, einige Proben davon bietet sein 
Buch. Hin und wieder wird eine Lecon modele gehalten, wobei 




Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 221 

der Verfasser die Sprache so bezeichnet, wie sie gesprochen wird: 
die verschluckten Silben z. B. läfst er weg. Das Werk zerfällt in 
drei Teile: 1) den kindlichen: Fabeln, Märchen von Perrault u. s. w. 
2) Auch Briefe sind hier herangezogen: kindliche und Familien- 
Briefe; Correspondance de soci6t£, c. coramerciale. 3) Erzählungen 
und Gedichte. Was hier gegeben ist, ist vertiefter und entspricht 
einem reiferen und höheren Verständnis. 

Dr. Schumann wirft die Frage nach der Zeitenfolge im Subj. 
auf und was dafür wohl mafsgebend sei. Im allgemeinen läfst sich 
deutlich eine Abneigung gegen das Pass. dei. und den Subj. imp. erken- 
nen, in der Schweiz wie in Frankreich. Dr. Mahrenholtz, Dr. Thiergen, 
Prof. Scheffler und Oberlehrer Hercher teilen ihre Erfahrungen aus 
Schriftstellern und dem mündlichen Verkehr über diesen Punkt mit 

Dr. Mahrenholtz über Kreitens Moliere- Biographie. Der 
Verfasser, aus Kirchart in Holland, ist der Literarhistoriker des 
Ordens Jesu. Sein Werk geht in derselben Richtung wie die 1878 
veröffentlichte Voltaire-Biographie: es sucht für katholische Kreise 
die übrigen Moliere-Biographien zu verdrängen und zu ersetzen. Es 
ist dies wieder ein neues Glied in der grofsen Kette von Veröffent- 
lichungen, die gegen die deutsche Wissenschaft gerichtet sind. Die 
Voltaire-Biographie 1878 war ein Pamphlet, das neue Werk ist mit 
grofser Vorsicht und Schlauheit abgefafst. Es beruht nicht auf den 
Originalquellen, sondern auf dem „Glaubwürdigsten 14 , was bisher 
über Moliere erforscht ist. Ein möglichst vollständiges Verzeichnis 
der MoUere-Litteratur mit lobenden Bemerkungen wird gegeben ; aber 
was hier mit einer Hand gespendet wird, wird anderswo wieder durch 
Tadel aufgehoben. So ist das Werk auch offenbar gegen Mahren- 
holtz gerichtet; es sind aber etwa 60 Druckseiten aus Mahrenholtz 
angeführt und als Text verwertet Die Citate gehen gleich seitenlang 
fort. Auch Mangold ist benutzt. Lotheifsen ist nicht angeführt: er 
scheint ihn nicht für wissenschaftlich gelten zu lassen. Nach Kreiten 
ist Moliere ein gläubiger Katholik. Ein Jesuitenfeind sei Moliere 
am allerwenigsten gewesen. Alle Schuld an Molieres Unglück wird 
den Jansenisten zugeschrieben. Affektierte Prüderie in sittlichen 
Dingen ist die geschickt vorgehaltene Maske des gewandt schreiben- 
den Verfassers. — Wo die „Autoritäten" dem Verfasser nicht passen, 
macht er vom christlich-katholischen Standpunkte und dem der zehn 
Gebote seine Bemerkungen. — Da das Buch gewandt abgefafst und 
für seinen Umfang billig ist, ist eine grofse Verbreitung desselben 
vorauszusehen, und die deutsche Wissenschaft hat die Pflicht, sich 
gegen solche unter dem Gewände der Sachkenntnis arbeitende 
Feinde kräftig zu wehren. 

Den 14. Oktober 1887: Dr. Zschalig über die provengalische 
Poetik des Rainwtis Vidal: „La dreita maniera de trobar 44 aus dem 




222 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 



13. Jahrhundert Nach einer Rechtfertigung, warum er über diesen 
Gegenstand handelt, giebt der Verfasser einen Bericht über die Art, 
wie die Troubadours dichteten. Dabei will er weder vollständig in 
Bezug auf Umfang, noch erschöpfend in Bezug auf Tiefe, noch 
überall unumstöfslich und unanfechtbar in seinen Meinungen sein. 
Einige Dichtungsarten werden nur erwähnt Er erteilt zuletzt den 
Rat, dafs jeder Dichter sich seiner heimatlichen Mundart bedienen 
soll. Der Hauptteil behandelt die Sprachgesetze: die Flexionslehre. 
Zu jeder Regel bietet er Beispiele aus den provencalischen Dichtern. 
Über das Wesen der heiteren Minnekunst äufsert er sich so: 

1) Lied und Gesang sind der Ausdruck lebhafter Gemütsbewegungen 

und erheitern das Leben; 

2) Jedermann liebt und übt sie. 

3) Lieder zu ersinnen (trobar) ist aber eine Kunst. Nicht jeder, 

den die Menge lobt, ist ein guter Dichter, denn die Menge ist 
zum Teil zu kritiklos, zum Teil zu milde. Daher folgen die 
Dichterregeln: Mifetraue der Menge — Lerne deine Sprache 
zu beherrschen — Richte dich in allen Stücken nach dem 
Vorbilde guter Meister. 

Den 5. November 1887: Dr. Thier gen über seinen Aufenthalt 
in Genf und Südfrankreich, Sommer 1887. Die Zeit war für Genf 
nicht günstig, denn die Theater, Schulen und Universität waren ge- 
schlossen. So blieb der Verkehr mit den früheren Studiengenossen 
und befreundeten Familien, sowie die Predigten und Plaidoyers, 
unter x welch letzteren der Vortragende einige sehr schöne und bedeu- 
tende anhörte. Doch ist er von seinem Aufenthalt in Genf nicht 
befriedigt, da sich dort die Verhältnisse sehr zu Ungunsten der Deut- 
schen verändert haben. Genf ist ganz verwelscht Die Deutschen 
und die, welche ihnen nicht unfreundlich gesinnt sind, ziehen sich 
zurück und hüten sich meist, ihr Deutschtum zur Schau zu tragen. 
Dieser Wandel zeigte sich besonders, wie Redner eingehend schil- 
derte, bei dem grofsen eidgenössischen Schützenfest, das weit mehr 
den Eindruck eines französischen als eines schweizerischen Festes 
machte und wobei die Feindschaft gegen alles Deutsche klar und 
rücksichtslos zu Tage trat Die Lobhudeleien, womit in den etwa 
1 00 Reden, die Vortragender mit anhörte, die Franzosen überschüttet 
wurden, waren widerlich. Durch alle Klassen der Bevölkerung geht 
diese Verwelschung Genfs. — Gern wandte daher der Redner Genf 
den Rücken und ging über den grofsen St. Bernhard nach Italien. 
Traurig waren die Verwüstungen, die ein Wolkenbruch im Rhone- 
thal angerichtet hatte. Der Aufstieg zum Bernhard, sowie die oben 
verlebte Zeit war herrlich. Von grofsem Interesse waren oben die 
zwei Leichenhäuser, in denen sich etwa 200 Leichen dort Ver- 
unglückter infolge der Kälte dauernd frisch erhalten haben und 




Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für ueuere Philologie. 223 

einen grausenerregenden Anblick darbieten. Nun ging's über Aosta, 
Turin, Genua und von da an der Riviera di Ponente bis Marseille. 
Diese Fahrt an dem tiefblauen Thyrrhenischen Meere, den zauberisch 
schönen Landschaften mit üppigem Pflanzenwuchs und mit dem 
klaren, lachenden Himmel über dem Ganzen, sowie der Aufenthalt 
in Marseille war der Glanzpunkt der Reise. Der Redner entwarf 
lebendige Schilderungen von der von Erdbeben heimgesuchten 
Gregend: Mentone, Oneglia, Porto Maurizio, von Monte Carlo und 
Monaco, wo er einige Zeit in der Spielhölle verweilte, von Nizza, 
dem Golf Juan, Cannes, der Insel Ste. Marguerite, deren berühmtes 
Gefängnis er besuchte und wo er mit zwei Landsleuten zusammen- 
traf, die sich in die Fremdenlegion hatten aufnehmen lassen — von 
Toulon und seinen grofsartigen Befestigungen, die ihm uneinnehmbar 
erschienen. In Toulon hatte die letzte Pest aufserordentlichen Schaden 
angerichtet und eine Menge Reicher hinweggerafFt. — Marseille hat 
eine ähnlich befestigte Lage wie Toulon: Forts und drei kleine 
befestigte Inseln im Hafen. Auf einem Hügel mitten in der Stadt 
liegt Notre Dame de la Garde. Ein Bild echt morgenländischen 
Lebens entwickelte sich im Hafen, als ein Schiff aus dem Orient 
ankam. Marseille hat eine Altstadt: eng, schmutzig im höchsten 
Grade, armselig — und eine Neustadt: schön, geräumig, mit aufser- 
ordentlich breiten Strafsen und palastartigen Gebäuden. Redner 
schilderte weiter das Palais Longchamps. — Die Gesinnung in Mar- 
seille ist natürlich auch deutschfeindlich, wie besonders ein Bild be- 
wies, das Redner dort kaufte und welches die Abtretung von Elsafs- 
Lothringen mit allem Hafs gegen die Deutschen darstellte. Die 
Sprache, d. h. Mundart der Provence ist für uns gar nicht zu ver- 
stehen. — Die volkswirtschaftlichen Verhältnisse dort sind aufser- 
ordentlich drückend durch hohe indirekte Steuern einerseits und die 
Verwüstungen der Weinberge durch die Reblaus andererseits. Redner 
gab über beides weitere Einzelheiten. — Das französische Militär 
macht noch genau denselben schlaffen Eindruck wie früher. — Zum 
Schluis wirkte noch ein Abenteuer erheiternd, das leicht hätte ver- 
hängnisvoll werden können: Der Vortragende fiel noch auf der 
letzten französischen Station einem Geheimpolizisten in die Hände, 
der ihn jedoch nicht weiter behelligte. 

Den 2. Dezember 1887: Baron v. Locella über neuere italienische 
Lyrik. Der Vortragende berührte in der Einleitung den Umstand, 
dafs merkwürdigerweise die Beschäftigung mit der italienischen 
Sprache und Litteratur in Deutschland zurückgeht, obwohl die Teil- 
nahme für Land und Leute von Italien keineswegs abnimmt, denn 
alljährlich erscheint eine grofse Menge neuer Werke über Italien. 
Dante, Goldoni, Silvio Pellico, Manzoni, nur diese werden gelesen, 
und doch genießt z. B. Manzoni eines nicht ganz verdienten Rufes, 




224 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 

wahrend ebenso bedeutende oder bedeutendere Dichter als er unbe- 
kannt sind. Die Ursache davon ist, dafs im ganzen die Hilfsmittel 
zum Studium des Italienischen sehr mangelhaft sind. So sind 
T. C. Lions Grammatik und Sauers italienische Litteraturgeschichte 
ohne Wert. Besser ist die Grammatik von Baragiola, Lektor in 
Strafsburg. Auch in Sammelwerken und allgemeinen Litteratur- 
geschichten kommt Italien schlecht weg. Das 17. und 18. Jahrhun- 
dert sind beispielsweise keineswegs in dem Mafse Zeiten des Verfalls, 
als man gewöhnlich hört Neue Keime setzen da an. Die Revo- 
lutionszeit und der Anfang unseres Jahrhunderts überhaupt sind 
freilich die Wiege der neueren italienischen Litteratur, die stark und 
glühend für Italiens Einheit und Freiheit eingetreten ist Leopardi, 
Cantü u. a. sind begeisterte Prediger dieses Gedankens. Nach der 
Einigung Italiens nahm die Litteratur neue Wege, und neben der 
Novelle blühte nun die Lyrik besonders empor. Unter allen neueren 
Lyrikern ist Giosue Carducci der bedeutendste. Die gröfeere 
Dichtung Inno a Satana (1865) giebt kühn und unerschrocken sein 
Glaubensbekenntnis. Sie stellt den Sieg der Vernunft über das 
pfäffische und papistische Wesen dar und zeigt, dafs Carducci ein 
Anhänger des hellenischen Pantheismus ist Die abermalige Veröffent- 
lichung der scharfen Schrift zur Zeit des ökumenischen Konzils 1869, 
die ein Spafsvogel gewagt hatte, erregte ungeheures Aufsehen und zog 
dem Dichter, der sein Werk in einer Schrift verteidigt und auslegt, 
viele Feinde zu. Tiefe Sehnsucht nach der reinen Menschlichkeit 
bildet den Grundzug seines Denkens und Dichtens. Carducci stammt 
aus den Maremmen, wo er 1836 zu Val di Castello bei Pisa als 
Sohn eines Arztes geboren wurde. Seine Mutter konnte sehr gut 
Griechisch und Lateinisch. 1860 wurde Carducci Professor der ita- 
lienischen Litteraturgeschichte zu Bologna, einen Ruf auf den Lehr- 
stuhl für Dante zu Rom schlug er aus. An seiner Heimat hängt er 
mit inniger Liebe und weifs ihre eigenartigen Reize in den Maremmen- 
Idyllen meisterhaft darzustellen. Aber aucji seine inneren Kämpfe 
spiegeln sich hier wieder. Carducci ist moderner Klassiker, das heifst* 
er sucht die antike Silbenmessung und die antiken Versmafse wieder 
in die italienische Dichtung einzuführen. Frühere Versuche derart 
seit dem 1 5. Jahrhundert von Alberti, Dati, Claudio Tolomeo, Anni- 
bale Caro, Chiabrera gewagt, waren gänzlich mifslungen, weil der 
Grundzug auch der italienischen Dichtung der rhythmische Wechsel 
betonter und unbetonter Silben ist — genau wie auch im Latei- 
nischen, wo die griechische Silbenmessung, von Ennius eingeführt, 
vergebens versucht hatte, die accentuierende Poesie aus dem Volke 
zu verdrängen. Seit dem 12. Jahrhundert ging der Sinn für die 
Silbenmessung im Italienischen vollends verloren, da die lateinische 
Volkspoesie des Mittelalters durchaus accentuierend war. Auch 
Carduccis oft meisterhaft geformte Odi barbare, die antiken Formen 




Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 225 



folgen, werden nie populär werden und sind sehr schwer wohlklingend 
zu lesen. Carducci ist aufser als Dichter noch als Literarhistoriker, 
besonders als Dante-Kenner bedeutend. Seine Polemik wird ge- 
fürchtet* ein neues Werk von ihm ist ein litterarisches Ereignis. 
Durch zahlreiche Proben aus der vortrefflichen Übersetzung: „Aus- 
gewählte Gedichte von Giosue Carducci, von B. Jakobsen u , mit aus- 
gezeichneter Einleitung von K. Hillebrand, Leipzig 1880, wurde des 
Dichters Art veranschaulicht 

Schon Carducci ist der modernen Schule des Verismus zu- 
zurechnen, dessen andere hervorragende Vertreter von Julius 
Litten meisterhaft verdeutscht wurden in seinem Büchlein „Pan- 
zacchi, Stecchetti, d'Annunzio" (Leipzig, Reifsner). Der 
Verismus schildert die Dinge, wie sie wirklich sind ; gesunde Sinn- 
lichkeit und Sentimentalität, soweit sie nicht zur Unnatur wird, be- 
gegnen sich darin. Stecchetti ist geradezu als Meister des heutigen 
litterarischen Geschmackes in Italien anzusehen*. Stecchetti oder 
Olindo Guerini, wie sein wirklicher Name lautet, ist Bibliothekar in 
Bologna und hat sich auf höchst eigenartige Weise bekannt gemacht 
Er veröffentlichte nämlich seine Gedichte unter der Aufschrift : Poesie 
poethumi, und gab in der Einleitung eine genaue Schilderung seines 
Lehens, Todes, Grabmals u. s. w. Alle Welt beklagte den Tod des 
big dahin unbekannten, aber offenbar bedeutenden Dichters und 
feierte ihn ; er wurde sofort ein berühmter Mann. Seine Auffassung 
weicht weit von der gewöhnlichen ab und ähnelt der Heines einiger- 
mafsen, ist aber durchaus gesund. Auch Stecchetti tritt scharf und 
geistreich für die Rechte des italienischen Volkes ein, für seine Bil- 
dung und gegen die Herrschaft der Geistlichen. Auch hier wurden 
zahlreiche Proben gegeben. 

Dr. Zschalig über seine Wanderungen auf dem Pere Lachaise. 
Um diesen berühmten Kirchhof aufzusuchen, geht man über den 
Bastillenplatz und durch die enge Rue de la Roquette. Je mehr 
man sich dem Kirchhof nähert, um so stiller wird es; Werkstätten 
für Grabdenkmäler und Friedhof schmuck deuten die Nähe des 
Kirchhofes an. Eine tiefe Scheu ergreift den Wanderer beim An- 
blick der unermefslichen Gräberstadt Man steigt einen breiten Weg 
hinauf zur Höhe, die etwa in der Mitte des Ganzen liegt und von wo 
man das Ganze überschaut Die Anlage ist ganz unregelmäfsig : 
Zwei Teile, ein alter und ein neuer, heben sich klar voneinander ab. 
Der neuere Teil ist, unserer Zeit entsprechend, regelmäfsig und mit 
breiten und geraden Gassen und Wegen angelegt — der alte zeigt 
krumme, mannigfach verschlungene Wege und weist noch deutlich 
auf seine frühere Bestimmung hin: er war ein6t der Garten, den 
Ludwig XIV. seinem gefürchteten Beichtvater Pere Lachaise ge- 
schenkt hatte und der zu dessen Landhaus Montlouis gehörte. Erst 
im Anfange unseres Jahrhunderts wurde er in einen Kirchhof um- 
Archiv f. n. Sprachen. LXXX1. 15 




226 Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 



gewandelt Nun folgte eine stimmungsvolle Schilderung mehrfacher 
ausgedehnter Gänge durch den Pere Lachaise, die den Vortragenden 
zu den Gräbern sehr vieler bedeutender Künstler, Dichter und sonst 
berühmter Persönlichkeiten führten. 

Den 27. Januar 1888: Dr. Franz über Prof. Dr. Körtings 
Neuphilologische Essays. Das Werk enthält nicht, wie man nach 
dem Titel glauben könnte, Untersuchungen aus dem Sprach- oder 
Litteraturgebiete der neueren Sprachen, sondern Gedanken und Be- 
trachtungen, Vorschläge und Pläne betreffend das Studium und den 
Betrieb der neueren Philologie auf Universität und Schule. In dieser 
Form bietet das Buch eine Fülle feiner geistvoller Beobachtungen 
und Äufserungen, Vorschläge zu Verbesserungen u. s. w., schweift 
aber hier und da zu weit von seinem Gegenstande ab, wird zu breit 
und ist nicht ganz frei von Widersprüchen. Der Verfasser führt 
aus, dafe Neuphilologie nur ein Name sei, und zwar für Unverein- 
bares — aber kein Begriff, es muls getrennt werden, wissenschaft- 
lich: romanische Philologie (Französisch u. s. w. nebst Latein), 
englische Philologie (Englisch und die nordischen Sprachen 
nebst Deutsch). Die Lautphysiologie in gröfserem Umfange in 
die Schule einzuführen, hält Verfasser für verfrüht Das Wichtigste 
für das Studium der neueren Sprachen bleibt für den Verfasser 
nach wie vor die wissenschaftliche Seite des Studiums. — Auf den 
Universitäten verlangt er die Errichtung eines zweiten Lehrstuhls 
für romanische Philologie, einer Professur für Volks- und Spät- 
latein und die völlige Trennung des Englischen vom Französischen. 
Anglisten müssen mehr Nordisch treiben. — Für Realgymnasial- 
Abiturienten müssen griechische Kurse eingerichtet werden. Die 
Staatsprüfung mufs in eine fachwissenschaftliche und spätere prak- 
tische zerlegt werden ; die Anforderung einer allgemeinen Bildung 
fürs Examen soll fallen, die Prüfung in der Pädagogik durch 
ein Kolloquium am Ende des Probejahres ersetzt werden. Das 
Doktorexamen abzulegen wird aus praktischen Gründen und 
als Anregung zu wissenschaftlichen Arbeiten empfohlen. Der neu- 
sprachliche Unterricht auf dem Gymnasium soll nicht Sprech- 
und Schreibfertigkeit bezwecken, sondern nur Lesefertigkeit und 
Einführung in die Litteratur dieser Sprachen. Das Englische soll 
als Nebenfach auch auf den Gymnasien Zwangsfach sein. Das 
Französische und Englische gut zu schreiben, sei überhaupt schwerer, 
als Lateinisch zu schreiben. Die Prosalektüre ist zu bevorzugen. 

Den 10. Februar 1888: Professor Dr. Scheffler über Dr. E. 
Franckes französische Stilistik. Das Buch giebt eine genaue Ver- 
gleichung der Art und Weise, wie einerseits die deutsche, anderer- 
seits die französische Sprache vorgeht, um einen und denselben 




Jahresberichte der Dresdner Gesellschaft für neuere Philologie. 227 



Begriff, ein und dieselbe Sache auszudrücken. Der Stoff ist ungemein 
sauber angeordnet, vielleicht geht aber Verfasser in der Schematisie- 
rung doch etwas zu weit. Vielfach bestehen die Ausführungen darin, 
dafe die grammatischen Lehren, jedoch vom Standpunkte der Stilistik 
aus, betrachtet werden. Besonders wichtig ist der zweite Teil des 
Werkes, der den Stil in Bezug auf die Satzglieder behandelt Als 
Hauptsatze werden angezogen: der Deutsche liebt den abstrakten 
Ausdruck; der Franzose, der den konkreten vorzieht, unterscheidet 
scharf die verwandten Begriffe, liebt Anschaulichkeit, Deutlichkeit 
und Genauigkeit des Ausdrucks. Kürze, Knappheit und Einfachheit 
sind Eigentümlichkeiten des französischen Stils. Der dritte Teil ent- 
hält gegenüber Schmitz* rhetorischem Teil, der Phraseologie, nichts 
wesentlich Neues. Es wird kaum möglich sein, nach diesem Buche 
allein französisch schreiben zu lernen, für den Lehrer beim Ver- 
bessern der französischen Aufsätze ist es aber unentbehrlich, auch 
dürfte es als Unterlage für Universitätsvorlesungen sehr brauch- 
bar sein. 



Den 14. Oktober 1887: Dr. Mahrenholtz über die Grund- 
sätze und Einrichtung der durch Dr. Dickmann geleiteten neuen 
Bibliothek von Schulausgaben französischer und englischer Werke. 
Prof. Dr. Scheffler und Major Dielitz über die Verbreitung 
volkstümlicher Sagen und Adventslieder in Frankreich und Italien. 
Dr. Töpel syntaktische Untersuchungen zu Rabelais. 

Den 5. November 1887: Dr. Mahrenholtz über Dr. Foot, 
„Der französische Unterricht auf dem Gymnasium u . 

Den 27. Januar 1888: Dr. Peter Berichte aus dem Litteratur- 
blatt für romanische und germanische Philologie. 



Die wissenschaftlichen Zusammenkünfte der Gesellschaft wurden 
mit der Sitzung vom 10. Februar 1888 vorläufig abgeschlossen, da 
infolge des Ablebens Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm die März- 
sitzung ausfiel und in der Versammlung vom 13. April beschlossen 
wurde, bis Michaelis 1888 alle Sitzungen den Vorarbeiten für den 
dritten Neuphilologen tag zu widmen. 

Dresden, Mai 1888. Julius Sahr, Schriftführer. 



Berichte und kleinere Besprechungen. 




Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



H. Bulthaupt: Duraas, Sardou und die jetzige Franzosenherr- 
schaft auf der deutschen Bühne. Berlin, E. Eckstein, 1888. 
42 S. gr. 8. Preis 50 Pf. 

Das schmucke Büchlein bildet die vierte Nummer der seit dem vorigen 
Jahr erscheinenden, gewandt geschriebenen „Litterarischen Volkshefte*, 
welche sich die Aufgabe gestellt haben, den Kreis der Gebildeten über 
die in Flufe befindlichen litterarischen Fragen zu orientieren. 

Ohne Zweifel Ist die Abhängigkeit der Dramatiker des modernen 
Deutschland von den weltbeherrschenden französischen Vorbildern eine 
der brennenden -Fragen des geistigen Lebens. Das deutsche Schauspiel 
steht unter dem Sterne der Franzosen, wie vor einem Jahrhundert. Spiel- 
hagens „Gerettet" liebäugelt mit dem Laster und will die „teutsche 
Tugend" schonen, Philippis „Daniela" ist ein jammervoller Abklatsch von 
Sardous Rezepten, die „Gräfin Lambach" von Lubliner ein schwäch- 
licher Aufgufs des französischen Thee aus dem Gendre de M. „Poirier" etc., 
von Lindau zu schweigen. Dumas' Eigenart wird vom Verfasser an der 
„Kameliendame" und der „Fremden", die des witzigeren und gewandteren 
Sardou zunächst an ^Dora", „Fernande" und „Fedora" gezeigt, hierauf 
beide mit dem ungleich bedeutenderen Au gier — hierin stimmen wir 
dem Verfasser freudig zu — verglichen, dessen ehrlicher Zorn und rück- 
sichtslose Konsequenz uns mehr anmutet wie die Gauklerkunststücke der 
zwei jüngeren und fruchtbareren Dichter. Doch läfst sich Bulthaupt von 
der vorgefafsten Meinung zu weit hinreifsen, wenn er „Odette" mitleidlos 
zerpflückt. Das beste, was Augier bietet, findet sich bei Björnson und 
Ibsen. Die Luft, die aus den Fjords herüberweht, ist gesunder als die 
Pariser Atmosphäre und könnte dem kränkelnden deutschen Drama rote 
Backen bescheren. Der lebhafte und malerische Stil Bulthaupts fesselt 
den Leser auch da, wo er ihn nicht überzeugt. Aber noch eine Kleinig- 
keit: der Dramaturg Bulthaupt zieht gegen eine Schwäche der neuesten 
deutschen Dramatiker zu Felae und verfällt selbst in einen Fehler der 
deutschen Philister, nämlich Latein zu citieren und falsch : Das Horazische 
„Iliacos intra muros peccatur et extra" giebt er pag. 10 in unmetrischer 
Verrenkung wieder. Dies wird aber die überwiegende Mehrzahl der Leser 
des interessanten Büchleins nicht merken. Joseph Sarrazin. 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



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Premiers exercices de lecture et de reeitation par E. Burtin. 
Berlin, H. Sauvage. 

Der Herausgeber hat hier eine Sammlung von Lese- und Memorier- 
stoff* für die ersten Leseübungen im Französischen zusammengestellt, wel- 
cher unzweifelhaft sich grofsen Beifalls erfreuen wird. Es sind, wie Herr 
Burtin mit Recht behauptet, ganz einfache, den Anschauungen des kind- 
lichen Gemütes entsprechende Gespräche, Erzählungen, Fabeln, Märchen, 
Rätsel, Spiele und Gedichte. Die Quellen, aus denen er geschöpft hat, 
sind die in Frankreich anerkannt besten Lesebücher für das jugendliche 
Alter, das vortreffliche Marellesche Werk „Le petit Monde* und die aus- 
gezeichnete Arbeit von Kuhff: „Les enfantines du bon Pays de France.* 
Man fühlt sich bei der Lektüre dieser kurzen, lieblichen Stücke wahrhaft 
erfrischt und angeheimelt, und jeder Leser wird gern zugeben, dafs sich 
Inhalt und Ausdruck dem Gedächtnisse leicht und sicher einprägen wer- 
den. Recht zweckmäfsig erscheint es, dafs den einzelnen Stücken die 
nötigen Vokabeln beigegeben sind und die Zahl der letzteren nach und 
nach immer geringer wird. Das hübsche Büchlein empfiehlt sich nicht 
nur zum Gebrauche beim Privatunterrichte, sondern es wird sich auch 
in einer Klasse mit grofsem Nutzen verwenden lassen. 



S. de Chiara, La „Pietra" di Dante e la „Donna gentile u . 
Caserta 1888. pp. 33. Edizione di 150 esemplari fuori 
commercio. 

Unter den Kanzonen des Dante fallen vier in der Weise auf, dafs 
8ie durchaus von einer wirklichen heftigen Liebe herzustammen, einer 
allegorisch -philosophischen Deutung sich zu widersetzen scheinen und das 
Wort „Stein 44 , pietra, in hervorstechender Weise wiederholt enthalten. 
Nach diesem letzten Abzeichen nannte dieselben Imbriani canzoni pie- 
trose; es sind diese, welche anfangen: Cosl nel mio parlar voglio esser 
aspro; Amor, tu vedi ben che questa donna; I' son venuto al punto 
defla ruota; AI poco giorno ed al gran cerchio d* ombra. Auch insofern 
scheinen alle vier zusammenzugehören, als in allen immer auf ein und 
dieselbe Frau hingedeutet zu werden scheint. In dem immer wieder an- 
gebrachten pietra, meinte Carducci, dürfte man wohl, wie in dem selvaggia 
des Cino, in dem lauro des Petrarca, eine Hindeutung auf den Namen 
eben jener Frau vermuten. So erkannte Ant. Maria Amadi hier eine 
Pietra Scrovegni aus Padua, Imbriani eine Pietra di Donato di Brunaccio, 
die Schwägerin Dantes. 

Diese canzoni pietrose verfafste Dante vor seiner Verbannung, wie 
Carducci und Imbriani bemerkten, da sich in ihnen keine Anspielung 
auf dieselbe finde, welche nicht unterblieben sein würde, nehon um sich 
der Geliebten anziehend zu machen. Sie würden wohl, meint unser Ver- 
fasser, im Sommer gedichtet sein, da Sehnsucht nach Schatten und Be- 
schreibung des Sommers vorkomme. 

Quand' ella ha in teste una gbirlanda d'erba, 
Trae dalla mente nostra ogni altra donna, 
Perche ei mischia il Crespo giallo e il verde 
Si bei, che Amor vi viene a stare all' ombra. 

Der Dichter, meint ferner unser Verfasser, scheine diese seine Liebe 
sehr geheim zu halten: gerade wie jene mit der Donna gentile Vita nuova 
'M bis 40. Da nun diese letztere, etwa ein Jahr nach Beatrices Abschei- 
den, auf dieselbe Zeit als jene fallen müfste, so liege es nahe, beide Fälle 
als einen zu setzen, zumal noch vieles hierzu stimmen dürfte. 



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230 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Der Gedanke mehrerer, dafs die Donna gentile die nachmalige Frau 
Dantes sei, scheint dem Verf. verkehrt: wie hätte Dante diese Liebe 
vilissimo und malvagio nennen können? Alles von der Donna gentile 
Gewu&te, im Sommer, Verheimlichung, sie empfindet Mitleid, keine Liebe, 
pafst auf die Frau der Canzoni pietrose. Beatrice im Purgatorio wirft 
dem Dante eine pargoletta vor, welches auffällig stimmt zu der Zeile aus 
den Pietrose: 

Se in pargoletta fla per core un niaririo. 

Wenn nun aber gar Beatrice dort Purg. 33, 73 fortfahrend auch noch 
die Pietra bitter anspielend vorbringt, 

Ma perche io veggio te nello intellctto 
Fatto di PIETRA ed in PETRATO tinto 
Si che t'abbaglia il lume del mio detto, 

so kann es schwer deutlicheres geben. Und doch giebt es noch mehr. In 
einer Pietrosa heifst es: 

Dagli occhi tuoi mi vien la dolce luce, 
Che mi fa noit caler d'ogni altra donna. 

Und Beatrice sagt, Purg. 30, 135: „Ich habe ihn zurükgerufen, er 
hat sich nichts daraus gemacht/ Lo rivocai: sl poco a lui ne calse. 
Warum finden sich nun die Pietrose, wenn sie doch auf die Donna 

feutile der Vita nuova gehen, nicht in der Vita nuova? Witte hat eine 
<ücke in derselben nach Kap. 4ü gezeigt, und dort sind sie von dem 
Dichter später, gegen l3oo, herausgenommen, weil er sich nicht ihrer 
schämen wollte und das Werk, die Vita nuova, doch halten wollte. 

Will man nun, meint der Verfasser abschliefsend, dafs diese Donna 
gentile und zugleich die Frau der Pietrose die Filosofia des Convito und 
die Matelda der Commedia sei, so gefalle es ihm, wenn man nur nicht 
vergesse, dafs die wirkliche heftig geliebte Frau das erste ursprüng- 
liche sei. 

Stanislao de Chiara, der Calabrier aus Cosenza, seit kurzem in Caserta 
bei Neapel ansässig, dessen Gedichte ,Fumo tt wir neulich zu behandeln und 
zu bewundern Gelegenheit hatten, giebt hiermit einen schönen, ich glaube, 
wohl, dauernden Beitrag zum Verständnis von Dante, seinem Leben und 
seinen Werken. 

Friedenau. H. Buchholtz. 



Zeitschrift für deutsche Sprache, herausgegeben von Professor 
Dr. Daniel Sanders. Erstes und zweites Heft. Hamburg, 
J. F. Richter, 1887. 

Der unermüdlich thätige Herausgeber dieser neuen Zeitschrift be- 
absichtigt, in derselben von der reichen Fülle des Stoffes, die sich bei 
seinen Studien ihm ergab und in seinen wissenschaftlichen Werken keine 
Verwendung hatte finden können, den besten Gebrauch zu machen, indem 
er das, was für die deutsche Lesewelt von besonderem Werte ist, in der- 
selben veröffentlicht. Hier ist ihm nun Gelegenheit geboten, auf zahlreiche 
Fragen über sprachliche Gegenstände, die ihm fortwährend von allen 
Seiten entgegenkommen und nicht blofs für die wilsbegierigen Fragesteller 
anziehend sind, Belehrung zu geben; denn es kommt ihm darauf an, dem 
weiten Kreise der Gebildeten zu dienen, die sich gut, gewandt, richtig 
deutsch auszudrücken und die Gründe, warum sie so sprechen müssen, 
zu erkennen wünschen. Gewifs, ein höchst lobenswertes Streben, und wie 
will der Verf. diese Aufgabe lösen? Nicht durch nackte Aufstellung von 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 231 

Regeln etwa, sondern auf eine erfrischende Weise, durch Anknüpfung an 
bestimmte Stücke aus guten Schriftstellern, dadurch gewinnt die einzelne 
Bemerkung einen sicheren Halt, an sie schliefsen sich Beispiele und Belege 
von anderwärts, an denen der Verf. bei der Fülle des Stoffes, über deu 
er zu gebieten hat, nicht Mangel leiden wird. Dieser Reiz der Abwechse- 
lang mufs fesseln, und wir finden uns in der Erwartung nicht getäuscht, 
denn die Zeitschrift wird eröffnet durch die Besprechung des „Sammlers" 
von Goethe. Von diesem sind in den dem Ref. vorliegenden zwei ersten 
Heften der Zeitschrift nur die Paragraphen 1 bis 5 des ersten Briefes 
abgedruckt, aber die Erläuterungen und Bemerkungen dazu nehmen zwan- 
zig Seiten engen Druckes ein; Sinn und Gedankenzusammenhang wird 
erklärt, hauptsächlich aber machen sprachliche Bemerkungen den Inhalt 
aus, scheinbar abschweifend, aber nur scheinbar, denn der Verf. will eben 
über Punkte, die sich dem denkenden Leser leicht aufdrängen, belehren, 
nirgends langweilend ; und hierbei ist auf eine Eigentümlichkeit aufmerk- 
sam zu machen: der Verf. hat bei dem Abdruck der Musterstücke die 
etwa darin vorkommenden Fremdwörter sofort durch deutsche ersetzt, 
erst in den Anmerkungen angegeben, für welche Fremdwörter die deut- 
schen Stellvertreter eingetreten sind, und in der That, man fühlt beim 
Lesen gar nicht, dafs etwa das deutsche Wort das fremde nicht voll- 
ständig decke. Auf den grofsen Reichtum sprachlicher Belehrungen bei 
diesem Lesestück kann nur kurz hingewiesen werden, die scheinbaren 
Tautologien in Anfang von Lücke und Leere, das scheinbar überflüssige 
, wieder* bei „erinnert", die sinnverwandten Ausdrücke „empfinden 14 und 
«fühlen*, der Unterschied von „überein* und „zusammen 14 bei Zeitwörtern, 
..binden* und „befestigen u u. s. w. werden besprochen. Man hat nur den 
einen Wunsch, dafs cüe einzelnen Aufsätze in gröfserer Vollständigkeit 
in einem oder zwei Heften könnten gegeben werden, denn eben dieser 
Anfangsaufsatz wird sich wohl noch eine Reihe von Heften hindurch 
fortziehen. — Sehr anziehend ist auch der Aufsatz : „Spracheigentümlich- 
keiten bei Leasing 44 , der die bekannte Stelle in Minna von Barnhelm II, 2, 
wo „Schuldner 44 statt „Gläubiger 44 , im Nathan I, 2: „viele zwanzig Jahr 44 , 
Emilia Galotti III: die Gnade haben statt das Glück, als sächsisch- 
lausitzischen Sprachgebrauch nachweist. Ferner die Bemerkungen zu 
Keller -Hauffs „deutschem Antibarbarus 44 , von G. Hauff selbt die ent- 
schiedene Antwort auf des Kanzlers Rümelin übertriebene und unberech- 
tigte Bevorzugung der Fremdwörter, und eine grofse Anzahl einzelner 
Besprechungen sprachlicher Sünden oder Unbesonnenheiten, auf die beim 
Schreiben und Sprechen nicht genügend geachtet wird. Aber solche 
grammatische und stilistische Anmerkungen führen auch weiter zum Ein- 
gehen auf dieses oder jenes Schriftwerk, wohin die kurze, aber völlig 
erschöpfende Behandlung des Sängers von Goethe gehört, die wie aus 
dem Unterrichte hervorgegangen zu sein scheint. Nach alle dem ist für 
die Zeitschrift ein glücklicher Fortgang nicht blofs zu wünschen, sondern 
auch zu hoffen. 



Entgegnung. 

Herr Anton Nagele hat im 70. Bande dieser Zeitschrift die zweite 
Auflage meines Buches „Einleitung in die slavische Literaturgeschichte* 
in recht ausführlicher, aber nichts weniger als gründlicher, vielmehr in höchst 
eigentümlicher, um es kurz zu sagen, in unreeller Weise besprochen. 
Dieser Umstand, sowie die Erwägung, dafs die wenigsten Leser dieser 
Zeitschrift Herrn Nageies Ausführungen an der Hand meines Buches 
nachprüfend zu beurteilen in der Lage sein dürften, und demnach von 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



dem Stande der Dinge eine verkehrte Anschauung gewinnen müssen, ver- 
anlassen mich und legen mir unter einem als Autor des durch jenen 
Vorgang in eine falsche Beleuchtung gerückten Buches die Pflicht auf, 
zur Klarlegung des ganzen Sachverhaltes das Wort zu ergreifen. 

Zunächst sei konstatiert, dafs der Herr Recensent keineswegs als 
Sachkkundiger, als kompetenter Richter, vielmehr als Dilettant in des 
W ortes schlimmster Bedeutung seiner Aufgabe sich entledigte. Die leidige 
Sucht, überall mitsprechen zu wollen und mit seinem Urtefle unbescheiden 
sich vorzudrängen, ohne auch nur entfernt das nötige wissenschaftliche 
Rüstzeug dazu zu besitzen, tritt bei der in Rede stehenden Recension 
überall, nirgends aber in so drastischer Weise hervor, als wo Herr Nagele 
sich den Anschein giebt, meine Ausführungen zu ergänzen oder ihnen that- 
sächliche Bedenken entgegenzustellen. Um diese nandelt es sich hier in 
erster Linie, weil damit sein ganzes Raisonnemen t steht und fällt, denn 
was er sonst vorzubringen für gut findet, sind nichtssagende subjektive 
Exklaniationen, unbewiesen hingestellte Behauptungen, naive Nergeleien, 
journalistische Trivialitäten, aufdringliche nationale Einseitigkeiten und 
Schrullen und was dergleichen mehr ist. Darauf irgend einzugehen, ver- 
lohnt sich der Mühe wahrlich nicht, dagegen ist es unbedingt notwendig, 
auf die scheinbaren Ergänzungen und die sachlichen Einwendungen zu 
reagieren und dieselben, zumal auf ihre Provenienz und Stichhaltigkeit, 
einer nähereu Prüfung zu unterziehen. 

Das eigentlich Meritorische der Beurteilung nun setzt sich aus zwei 
Elementen zusammen: aus Ausführungen, von denen der Leser, nach Art 
wie sie vorgebracht werden, annehmen mufs, sie seien im Buche nicht 
vorhanden, und aus Darlegungen, die als Antithesen zu dem in meiner 
Schrift Angeführten zu nehmen sind. Da es in dem einen wie in dem 
anderen Falle nicht etwa auf rein Subjektives, vielmehr so gut wie aus- 
schliefslich auf Quellen und Litteratur abgesehen ist, setzt dies notwendig 
und naturgemäfs voraus, dafs der Herr Ree. wieder und wieder auf Dinge 
aufmerksam zu machen in der angenehmen Lage war, die mir völlig ent- 
gangen sind, und sicherlich wird der uneingeweihte Leser aus der Lektüre 
der Recension keinen anderen Eindruck., als diesen gewonnen und über 
mein Buch, das ja an einem so grofsen Übel krankt, Kein besonders gün- 
stiges Urteil gefallt haben. Nun, um die in Frage kommenden Quellen, 
die Litteratur und damit Zusammenhängendes hat es bei meinem Herrn 
Ree. ein ganz eigenes Bewandtnis, so eigen, dafs es den Satz, es gebe 
nicht« Neues unter der Sonne, schlagend widerlegt. Dafs man fremdes 
Out für sein eigenes ausgiebt, kommt häufig vor und wird vorkommen, 
solange es unehrliche Menschen geben wird, dafs man aber dieses Fremde 
nicht nur als Eigenes zu Markte bringt, sondern es überdies gegenüber 
demjenigen, dem man es ohne Umstände entwendet hat, als Eigenes vor- 
zugaukeln und gegen ihn auszubeuten nicht zurückschreckt, aas ist ein 
Unikum und verdiente, sofern es nicht lediglich ein pathologisches Interesse 
besäfse, patentiert zu werden. Um es kurz zu sagen, alles was Herr Nagele 
in den beiden obenerwähnten Riehtungen in merito vorbringt, ist von Ä b is Z 
dem Buche nachgesehrietmu welches er einer so seltsam originellen Beurtei- 
lung zu unterziehen für gut fand. Da kann ich denn nur mit Vergil 
ausrufen: hos ego versiculos feci, tulit alter honores. Nirgends ein neuer 
Quellenbeitrag oder ein eigener Gedanke, aber im Zusammenhange auf 
Schritt und Tritt eine solche Drapierung und Wendung des Vorgeorach- 
ten, dafs der Leser über die Dupierung spielend hinweggetäuscht wird. 
Da wird im pathetischen Tone dociert, aus allerlei Quellenwerken — in 
einer Weise, als ob man sie zur Hand gehabt und selbst auf selbe ver- 
fallen wäre — fleiisig citiert, mit Thesen und Namen aller Art aufgewartet 
uud geprunkt, nur um sich einen hochgelehrten Anstrich zu geben und 
zu zeigen, wie gründlich man in allen diesen Dingen bewaudert ist, wie 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



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viel Neue* zu bieten und wie selbständig aufzutreten man vermag - aber, 
o Jammer! dieses alles ist flinker Hand ausschliefslich aus dem Buche 
zusammengeklaubt, welchem man just damit allerlei am Zeuge zu flicken 
so freundlich ist. Kann es eine gröfsere Ironie geben? Indes, der Leser 
wird dem Gesagten kaum Glauben schenken wollen, wenn ich ihm dem 
Prozefs nicht an ein paar Beispielen wenigstens verdeutliche. Wohlan 
denn, es geschehe. 

Herr Nagele erwähnt, dafs ich es für ansprechend finde, in der 
Sprachbildung von der Wurxelperiode auszugehen, und fährt dann selbst- 
bewufst fort: „Dieser Meinung steht bekanntlich diametral die geniale 
Hypothese A. H. Sayces gegenüber, der das sentenee-word für die Urform 
ansieht, eine Hypothese, die an dem ihm geistesverwandten deutschen 
Gelehrten A. Fick einen begeisterten Anwalt fand/ Sollte ich das über- 
sehen haben ? Nein, es findet sich, und zwar genauer als hier ausgeführt, 
auf Seite 18, Note 1, nur fehlt der Phrasenflitter, welcher überhaupt neben 
einer einfältigen Überhebung und einer beispiellosen Dreistigkeit Herrn 
Nageies einzige starke und originelle Seite bilaet, wie wenn er z. B. Victor 
Hehn mit dem Ephitheton ornans „burschikos" auszeichnet oder in der 
Frage nach den Verwandtschaftsverhältnissen der arischen Sprachen „vie- 
len Schweifs konsumieren" läfst oder H. Kiepert mit theatralischem Pathos 
empört zuruft: „Die Bergfexerei ist eben nicht jedermanns Sache, es mufs 
auch Thalfexe geben." Zu welcher Sorte von Fexen sich wohl Herr 
Nagele rechnen mag? — Der Herr Ree. möchte mich aufklären, dafs es 
Linguisten giebt, welche in der Frage nach den Verwandschaftsverhält- 
nissen der arischen Sprachen der Sprachwissenschaft die entscheidende 
Stimme absprechen, und verweist auf eine Abhandlung von H. von der 
Pfordten im Ausland 1883, S. 41 ff. Recht hübsch, aber wieder meinem 
Buche S. 77, N. 2 entnommen, woselbst noch anderes Einschlägige erörtert 
ist. Herr Nagele findet meinen Hinweis, dafs dem heutigen Bulgarisch 
unter allen anderen slavischen Sprachen ein eigener Name für „Birke" 
fehle, interessant und meint weiter: „Freilich ist die Birke in Bulgarien 
auch nirgends anzutreffen (vgl. J. A. Voräcek in Jelineks Slovansky 
sbornik III. 257)." Da citiert der Herr etwas, was er bestimmt niemals 
zu Gesicht bekommen; aber dessen bedurfte es ja auch nicht, wozu wäre 
denn sonst die lange Ausführung in meinem Buche auf S. 13*1, N. 1 
und darunter auch die angezogene Stelle? — Meine gegen Perwolf und 
andere gerichtete Bemerkung, dafs die Völker in ihrem Jugendalter gerade 
fremden, tapferen und gefürchteten Nationen den Namen Hünen, Riesen 
beilegen, findet 'die Billigung meines Herrn Ree, aber er glaubt etwas 
Neues zu sagen, wenn er hinzufügt: „Man mufs sich da wohl auch an 
Grimm Mvth. p. 43ti (404) erinnern." Nun, ich habe mich auf S. 252, 
Anm. 1 daran erinnert, und habe überdies auf Bernh. Schmidts Werk 
„Das Volksleben der Neugriechen", I, 203, Leipzig 1871, diesbezüglich 
verwiesen, was mir natürlich auch wieder Herr Nagele getreulich nach- 
geschrieben hat. — Als Beweis für den normannischen Ursprung des russi- 
schen Staates und Namens wird nur auf die Annales Bertiniani zum J. 835) 
(cf. MG. SS. I, 434) und auf Liudprand (ibid. III, 277, 331) verwiesen, 
und auch dies wieder in gewohnter Weise des Ausschreibens aus meinem 
Buche, allein diesmal nicht einmal präcis, eine Emancipation, welche sehr 
zum Nachteile des Herrn Ree. ausschlug. Er schreibt: „Die Annales 
Bertiniani sagen, gestützt auf einen Bericht des Prudentius von Troyes, zum 
Jahre 839: comperit eos (sc. Rhos) gentis esse Sworum, wodurch das 
schwedische Volkstum der Russen außer Zweifel gesetzt wird." Bei mir 
(vgl. S. 340) lautet die entsprechende Stelle folgendermafsen : „Alles andere 
beiseite gelassen, spricht für dieselbe (das ist für die Normannentheorie) 
mit aller Deutlich teit die vom Bischöfe Prudentius von Troyes herstam- 
mende Nachricht der Annales Bertiniani unter dem Jahre 839 (MG. SS. I, 



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Beurteiltingen und kurze Anzeigen. 



4M), woselbst die Russen als Rhos (das ist zuerst und mit einer 

Erläuterung erwähnt werden (comperit eos, seil. Rhos, gentis esse Sueowim). 
die an dem skandinavisclien oder genauer schwedischen Volkstum derselben 
keinen Zweifel offen läfst. tt Unser Germanist und Historiker weifs also 
nicht, dafs der die Jahre 835 bis 861 umfassende Teil der Annales Berti - 
niani von Prudentius herrührt und ebensowenig, dafs Suevi und Sueones 
(Suiones bei Tacitus als germanische Bewohner von Skandinavien; cf. Germ, 
cap. 14) ethnologisch auseinander zu halten sind. In völliger Verkennung 
dieses letzteren Umstandes hielt Herr Nagele offenbar die Schreibung 
„Sueonum" für verkehrt und dokumentierte just damit seine lückenhafte 
Kenntnis der Geschichte selbst seines eigenen Volkstums, und zog aus 
dem auf diese Weise korrumpierten Texte eine verkehrte Schlufsfolgerung, 
denn Sueven und Schweden (oder Suevi und Sueones) ist ja doch zweier- 
lei und nicht, wie es ihm anzunehmen beliebte, identisch miteinander. 
Im übrigen ist die Form Sueorum ein Unding und braucht kaum daran 
erinnert zu werden, dafs ein Suevi oder Suebi einen Gen. Suevorum oder 
Sueborum und nicht Sueorum bedingt. Nach dieser Probe nimmt es mich 
nicht Wunder, wenn des Herrn Ree. germanistische Leistungen abgelehnt 
werden und er nunmehr als Slavist sein Glück zu versuchen bestrebt ist. 
Die Lorbeeren für ihn dürften auch hier auf sich warten lassen. — Auch 
das wenige über die Gastfreundschaft der alten Slaven aus Schriftstellern 
Beigebrachte ist wieder, wenn auch hier wieder verkappt, aus meinem 
Buche genommen. „In besonderer Weise wird die Gastfreundschaft der 
Slaven gerühmt. Aufser einer berühmten Stelle in Ebonis Vita Ottonis 
episc. Bab. III, 7 wäre wold zunächst an ein Diktum Adam* von Bremen, 
Gesta Hamab. eccl. II, 19 xu erinnern." Man vergleiche dazu meine 
Schrift auf S. 357, Anm. '2, woselbst neben diesen zwei Stellen noch 
andere beigebracht sind und die Frage im Zusammenhange behandelt 
wird. Herr Nagele glaubt vielleicht, auf die Stelle in Ebonis Vita Ottonis 
damit ein Anrecht zu haben, dafs er sie „berühmt" nennt, ich wüfste 
aber nicht, wodurch sie diese Auszeichnung vor mehreren anderen ihres- 

fleichen verdiente, und sicherlich weifs Herr Nagele dies ebensowenig. 
)erartiges gehört eben auch zu seinen nichts weniger als empfehlenswerten 
Geistesattributen, und wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten 
Zeit sich ein. 

Doch genug mit dieser Auslese. Ähnlich geht es durch die ganze Be- 
urteilung fort — wobei die Abhängigkeit Herrn Nageies von mir selbst 
auf die Abbreviaturen von Büchertiteln und auf stereotype Redewendungen 
sich erstreckt — und wird derartiges xumeist durch Stellen unterbrochen, 
deren Autorschaft mir durch Anführungsxeichen vorderhatid noch in Gna- 
den gewährt wird. Bei Citaten aus mittelalterlichen Schriftstellern mufs 
es auffallen, dafs sich dieselben auf die Byzantiner nicht erstrecken, ob- 
gleich auch in dieser Richtung meinem Buche leicht Wertvolles hätte 
nachgeschrieben werden können. Wer nun aber die Wiedergabe des einzi- 
gen in der Beurteilung vorkommenden griechischen Ausdruckes qmowt£ 
(oei Konst. Porphyrog.; vgl. meine Einleitung S. Ml; die griechische 
Schrift in meinem Buche ist die geradestehende im Gegensatze zu der in 
Druckwerken gewöhnlich gebrauchten Kursivschrift) genauer ansieht, wird 
den Grund dieser Enthaltsamkeit sofort herausfinden. 

Schon oben ist an einem Beispiele gezeigt worden, dafs Herr Nagele, 
sobald er sich nicht sklavisch an mein Buch anklammert, allsogleich einen 
Fehltritt macht. Aber nicht nur läßt er sich allerlei Fehler xu schulden 
kommen, er spielt diese seine Fehler in frivoler Weise gegen das Bueh selbst 
aus. So weifs er z. B. aus meinem Buche (siehe S. 86, Anm. 1), dafs 
A. Leskien und R. Hassencamp Preisschriften über das Verwandtschafts- 
verhältnis"" der nordeuropäischen Sprachen veröffentlichten, setzt aber aus 
eigenem bei, die beiden Schriften seien auch derart gehalten, dafs der 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



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erste und zweite Abschnitt meiner Schrift (das ist also, wenn ich recht 
verstehe, 8. 1—9:») danach überflüssig erscheint. Natürlich hat Herr 
Nagele diese beiden Arbeiten niemals von innen gesehen, denn unmöglich 
könnte er sonst einen so haarsträubenden Unsinn von sich gegeben haben. 
In der That citiert er wenige Zeilen voraus Leskiens Schrift nur nach 
einer Recension, was seiner sonstigen Gründlichkeit bestens entspricht. 
Uberhaupt macht gar manches von ihm Vorgebrachte den Eindruck, als 
ob es nicht ernst genommen werden solle. Da heilst es auf S. 90* : der 
erste Abschnitt • des Buches hätte fortbleiben können ; auf der folgenden 
Seite dagegen : der erste Abschnitt wäre einer „energischen Beschneidung" 
xu unterziehen, damit für den zweiten Abschnitt mehr Raum bleibt; und 
auf derselben Seite weiter: der erste, tmd zweite Abschnitt sind überflüssig. 
Wie man siebt, die Becension wird nicht nur dem Buche, sondern auch 
schon der Logik gefährlich. Bei solch einer Schlamperei ist es kein 
Wunder mehr, dafs Herr Nagele auch da, wo er aus dem Buche wörtlich 
citiert, die Genauigkeit aufser acht läfst, wodurch meine Ausführungen 
erheblich alteriert werden. Er läfst mich .sa^en, dafs die slavische Sprach- 
einheit wohl ein JaJirhundert dauerte, und giebt dies mit durchschossenen 
Lettern, damit es ja nicht übersehen werde. Ein Jahrhundert als Fixie- 
rung der Dauer einer Sprachperiode, wie das Gemeinslavische eine es ist, 
das klingt ja geradezu komisch, wird man mit Recht ausrufen. Nun, 
in meinem Buche (vgl. S. 212) steht nicht „ein Jahrhundert", sondern 
„ein Jahrtausend". Ist das Absicht oder angeborene Nachlässigkeit ? Das 
absichtliche Verdrehen ist nicht ausgeschlossen, wenn man etwas voraus 
folgende holperige Tirade zu lesen bekommt: „Wir finden es begreiflich, 
dafi Krek, der oei diesem Kapitel manchmal recht spitze Bemerkungen 
macht, aus nationalen Motiven sich für die Annahme begeistert, dafs die 
Skythen und natürlich die königliche Horde inbegriffen — nicht nur die 
ackerbautreibenden und unterthänigen — Slaven gewesen sind." Im Buche 
ist von den Skythen zwar wiederholt und zum Teil in ausführlicher Weise 
die Rede, aber nirgends reklamiere ich sie für das slcivische Volkstum. Bei 
seiner beispiellosen Flüchtigkeit ist vom Herrn Nagele ja nicht zu er- 
warten, dals er die einschlägigen Stellen durchgenommen hätte, aber 
wenigstens das Register s. v. Skvthen hätte er sich doch ansehen sollen, 
und da hätte er (S. 882) folgendes gefunden : „Skythen 97 ; — sind nicht 
Slaren 98; — wahrscheinlich Iranier 98,, 260,, 446. tt Ich finde keinen 
Ausdruck stark genug, um diese süffisante Frivolität nach Gebühr zu 
brandmarken. — Nicht wesentlich anders steht es damit, war er über die 
Bezeichnungen Serben und Veneter vorzubringen im stände ist, nur dafs 
hier das Clwos mit seiner ganzen Wucht sich Bahn bricht und Zeugnis 
ablegt dafür, dafs derartige Fragen dem Verständnisse des Herrn Reecnsen- 
ten völlig entrückt sind. Es dürfte einem halbwegs normal funktionieren- 
den Gehirn schwer fallen, in so wenigen Zeilen so viel Ungereimtes fertig 
zu bringen. Auch anderes Derartige liefse sich noch markieren, doch 
dürfte das Vorgebrachte genügen und schon dieses klargelegt haben, mit 
welch phänomenaler UnEenntnis und Talentlosickeit der Herr Ree. an 
seine Aufgabe herantrat und sich derselben entledigte. Kurz, sobald er 
die Unvorsichtigkeit begeht, bei seinen Ausführungen von dem. bekriteUen 
Buche sich zu emaneipieren und selbstbetcufst auf eigene Beine sich zu 
steilen, wird er für den Einsichtigen sofort entweder komisch oder trivial, 
oder beides zugleich. Niemals vermag er einer wissenschaftlichen Materie 
eine neue Seite abzugewinnen oder überhaupt Thatsächliches und Stich- 
haltiges den Anschauungen anderer entgegenzusetzen. Da ihm der not- 
wendige Geistesfonds abgeht, um abgegebene Urteile auch wissenschaft- 
lich begründen zu können, mufs er sich mit seinem subjektiven Geschmack, 
der für niemand mafsgebend sein kann, allein begnügen. Unüberlegt hin- 
geworfene Plattheiten genügen Herrn Nagele vollkommen, von einer Be- 



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236 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



weisfuhrung ist nirgends eine Spur zu entdecken. Zum Beispiel : „Die 
Ausführungen sind meist recht anmutend, wenn auch nicht immer etymo- 
logisch unbestritten. tt Das ist alles ; welche Etymologien bestritten werden 
könnten und aus welchen Gründen, das wird einfach verschwiegen, und 
doch wäre das Urteil eventuell erst dann zutreffend, wenn man solche 
angeblich unrichtige Etymologien durch richtige ersetzt hätte oder wenn 
die Unrichtigkeit der ersteren mindestens aufser Zweifel wäre gestellt 
worden. Oder ein anderer Fall : „Der Kommentar, den der Verfasser zu 
Nestors und Cosmas' Chronik giebt, befriedigt wenig." Ich wüfete mich 
an einen Kommentar, den ich zu Nestors und Oosmas' Chronik in ihrer 
Ganzheit, wie es hier gefafst ist, sollte gegeben haben, nicht zu erinnern, 
wenn aber Herr Nagele in dieser elastischen Form die Heranziehung und 
Deutung von ein paar Stellen aus den genannten zwei Chronisten darunter 
versteht, dann ist es mit dem obigen Schlager nicht genug, es mufs doch 
mindestens angedeutet werden, in welcher Richtung und aus welchen 
historischen oder anderen Gründen meinen Ausführungen nicht zu folgen 
ist. Aber statt solchen in der, Natur der Sache begründeten Anforde- 
rungen auch nur in bescheidenstem Mafse Rechnung zu tragen, zieht es 
Herr Nagele vor, konsequent in tiefes Schweigen sich zu nüllen, aber 
dafür allsogleich wieder Dinge und Namen, die mit dem Buche in gar 
keinem Zusammenhange stehen, als eine Art Ersatz herbeizuzerren und 
sie in seiner Art breitzutreten. 

So ist denn diese Kraftleistung von Anfang bis zu Ende das vor- 
trefflichste Muster einer Recension, wie eine solche nicht sein soll. Trotx 
ihrer Ausführlichkeit hat sie auch nicht ein renies Moment, welches für das 
Buch verwendbar wäre, zu Tage ye fördert, und trotz -aller Redseligkeit eben- 
sowenig auch nur eine seiner Darlegungen durch stichhaltige Gründe er- 
schüttert. Was da noch im einzelnen zur Litteratur der Märchen und der 
Ortsnamen beigebracht wird, ist für das Buch selbst völlig irrelevant und 
teils aufser dem Bereiche der betreffenden Litteratur stehend, teils un- 
brauchbar oder durch andere derartige Arbeiten längst überholt. So sieht 
es denn auch hier mit JkriclUigungen und Ergänzungen recht schlimm aus, 
wie in allen anderen Fällen. Doch, Pardon ! — nicht so ganz und gar, 
was ich ausdrücklich hervorzuheben nicht unterlasse. Zu der Volkssage 
vom dreifarbigen Veilchen (Viola tricolor L.) führe ich auf Seite 526, 
Note 1 unter anderem auch das Citat: Globus XV, 200 an. Herr Nagele 
belehrt mich, dafs es richtig XVI, 200 zu heifsen hat. Nur meinem 
ruhigen Gewissen habe ich es zu danken, dafs ich mich an dieser epo- 
chalen wissenschaftlichen Errungenschaft auch recht innig erfreuen kann, 
denn die Richtigstellung ist mit dem zarten Nachsatze versehen, ich 
scheine die angezogene Abhandlung nur aus Citaten zu kennen. Aber 
wer wird denn einen anderen ohne weiteres nach sich selbst beurteilen? 
Übrigens wüfste ich nicht einmal und sicherlich Herr Nagele ebensowenig, 
ob sich jene Abhandlung überhaupt noch sonstwo als in meinem Buche 
citiert findet. Nein, jede derartige Bequemlichkeit überlasse ich Leuten, 
die es mit der Genauigkeit weniger ernst nehmen. Wie ich es damit ge- 
halten, ist in der Vorrede genügend präcisiert und wäre von einem 
Recensenten am allerwenigsten zu übersehen gewesen. 

Um nicht den Vorwurf der Einseitigkeit auf mich zu laden, will ich 
schliefslich noch erwähnen, dafs der Herf Ree. es doch auch für ange- 
zeigt findet, das Buch mehrfach zu loben, ja dasselbe am Schlüsse als 
ein Werk zu bezeichnen, welches „warm zu empfehlen ist und die gröfste 
Anerkennung verdiente In der Sache ändert das nichts, und ist Lob 
wie Tadel aus solchem Munde in gleichem Mafse wertlos. 

Dr. Gregor Krek. 



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Bibliographischer Anzeiger. 



Allgemeines. 

W. Münch, Vermischte Aufsätze über Unterrichtsziele und Unterrichts- 
kunst an höheren Schulen. (Berlin, Gärtner.) ti Mk. 

J. G utersohn, Gegenvorschläge zur Reform aes neusprachlichen Unter- 
richts. (Karlsruhe, Braun.) " öO Pf. 

Schöpke, Ein Wort zur Reform des neusprachlichen Unterrichts unter 
besonderer Berücksichtigung des Französischen an Realschulen. (Progr. 
der Realschule in Stollberg i. E.) 

R. Mahren hol tz, Die deutschen Neuphilologentage. (Heilbronn, Hen- 
ninger.) 60 Pf. 

Fr. Kern, Die fünfte Direktoren Versammlung in der Provinz Sachsen 
und die deutsche Satzlehre. (Berlin, Nicolai.) 80 Pf. 

Wolfs linguistisches Vademecum. III. Deutsche Philologie. (Leipzig, 
Wolf.) 3 Mk. 50 Pf. 

G. WeitzenbÖck, Zur Reform des Sprachunterrichts. Mit einem An- 
hang über .die Österreichischen Realschulen. (Wien, Gräser.) 

E. Wuke, Uber mündliche Übungen beim neusprachlichen Unterricht 
in den unteren und mittleren Klassen des Realgymnasiums. (Leipzig, 
Hinrichs.) 1 Mk. 

G. W. Wade, Elementary Chapters in comparative philology. (London, 
Rivingtons.) 2 sh. 6 d. 

W. Vietor, Einführung in das Studium der englischen Philologie. (Mar- 
burg, Elwert.) I Mk. 80 Pf. 

Laboulaye, Trente ans d'enseignement au College de france (1849— 82). 
Cours ineciits de M. E. Laboulaye, publi^s par ses fils avec le concour* 
de M. Marcel Fournier. (Paris, Larose et Forcel.) 4 fr. 

Grammatik. 

Chr. Sigwart, Die Impersonalien. Eine logische Untersuchung. (Frei- 
burg i. Br., Mohr.) 2 Mk. 
R. Scherffig, Beiträge zur französ. Syntax. (Leipzig, Fock.) I Mk. 
C. Delon, La grammaire francaise d'aprfcs l'histoire. (Paris, Hachette.) 

fr. 

L. Meigret, Le trette* de la grammere francoese. Nach der einzigen 
Pariser Ausgabe (1550) neu herausgegeben von W. Förster. (Heil- 
bronn, Henninger.) " 3 Mk. 80 Pf. 

R. Fricke, Das altenglische Zahlwort, eine grammatische Untersuchung. 
(Gottingen, Dessert.) 

C. Lüttgens, Uber Bedeutung und Gebrauch des Hilfsverbs im früheren 
Altenguschen, Sculan und Willan. (Kiel, Lipsius.) i Mk. 80 Pf. 



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238 Bibliographischer Anzeiger. 

Lexikographie. 

J. u. W. Grimm, Deutsches Wörterbuch. VII. Bd., 11. Lfrg. Bearb. 
von M. Lex er. (Leipzig, Hirzel.) 2 Mk. 

O. Lyon, Synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache. (Leip- 
zig, Grieben.) 1 Mk. 

C. Villatte, Parisismen. II. Aufl. (Berlin, Langenscheidt.) 4 Mk. 

G. Tan ge r , Englisches Namen-Lexikon. (Berlin, Haude & Speuer.) 5 Mk. 

E. Mätzner, Altenglische Sprach proben. II. Bd. Wörterbuch, 10. Lfrg. 
(Berlin, Weidmann.) 4 Mk. 80 Pf. 

H. M. Selby, The Shakespeare Classical Dictionary, or Mythological 
allusions in the plays of Shakespeare explained. (London, Kedway.) 

Litteratur. 

H. Schramm, Über die Einheit des 20. Liedes von den Nibelungen. 

(Progr. des Gymn. zu Freistadt.) 
W. Ch. Berghöf f er, Martin Opitz' Buch von der deutschen Poeterei. 

(Frankfurt, Knauer.) 4 Mk. 50 Pf. 

O. Schultz, Die provencalischen Dichterinnen. Biographien und Texte 

nebst Anmerkungen und Einleitung. (Leipzig, Fock.) 1 Mk. 20 Pf. 
Goethes Werther in Frankreich. Eine Studie von F. Grofs. (Leipzig, 

Friedrich.) 2 Mk. 

F. v. Westerholz, Die Griseldis-Sage in der Literaturgeschichte. (Hei- 
delberg, Gtoos.) 2 Mk. 40 Pf. 

Borges, Über Schillers Einflufs auf Goethes Dichtung. (Progr. d. Real- 
schule in Reudnitz.) 

F. G. Muncker, Klopstock, Geschichte seines Lebens und seiner Schriften. 
(Stuttgart, Goschen.) 

B. Supnan, Friedricns des Grofsen Schrift über die deutsche Litteratur. 

(Berlin, Besser.) 1 Mk. 80 Pf. 

H. Lindenberg, Emanuel Geibel als religiöser Dichter. (Lübeck, 

Quitzow.) 50 Pf. 

M. Holzmann, Ludwig Börne. Sein Leben und sein Wirken. (Berlin, 

Oppenheim.) 5 Mk. 

G. Steinmüller, Tempora und Modi bei dem Troubadour Bertran de 
Born. (Progr. des Gymn. in Würzburg.} 

G. Osterhage, Über einige chansons ae geste des Lohengrinkreises. 

(Progr. des Humboldt-Gymn. in Berlin.) 
La chanson de Roland. Traduction archaique et rythmee, acconipagn£e 

de notes explicatives par L. Cl£dat. (Paris, Leroux.) 5 fr. 

W. Determann, Epische Verwandtschaften im altfranzös. Volksepos. 

(Göttingen, Dissert.) 
Le lai du Cor, restitution critique par F. Wulff. (Lund, Gleerup.) 3 fr. - 
La noble lecon. Texte original d'apres le manuscrit de Cambridge, avec 

les variantes des manuscrits de Geneve et de Dublin. Public* par 

Ed. Monte t. (Paris, Fischbacher.) 12 fr. 

J. de Mairet, Sophonisbe. Mit Einleitung und Anmerkungen herausgeg. 

von K. Volmöller. (Heilbronn, Henninger.) 2 Mk. 

E. Seidel, Montesquieus Verdienst um die römische Geschichte. (Leipzig, 

Fock.) 1 Mk. 

Chauvin et Le Bidois, La litt^rature franeaise, par les critiques con- 

temporains. Du regne de Louis XIV ä 1830. (Paris, V™ Befin & fils.) 

4 Mk. 

Oudin de la Brenellerie, Histoire^de Beaumarchais. (Paris, Plön.) 6 fr. 
Le -comte de Hausson ville, Etudes biographiques et htreraires. 
Prosper Me*rimee. H. Elliot. (Paris, Levy.) 3 fr. 50 c. 



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Bibliographischer Anzeiger. 239 

E. Lintillac, Beaumarchais et ses oeuvres. Precis de sa vie et histoire 
de son esprit d'apres des documents ineclits. (Paris, Hachette.) 10 fr. 

M. Dembsjci, Montaigne und Voltaire. Ein Beitrag zur Geschichte der 
Entwicklung der französischen Syntax des lb\ und 17. Jahrhunderte. 
(Königsberg, Gräfe & Unzer.) „2 Mk. 

Publications nouvelles de la librairie H. Lecene & H. Oudin, Paris. 
Nouvelle bibliotheque littäraire. 

J. Lemaitre, Les Contemporains, fitudes et Portraits Litte>aires. Pre- 
miere serie: Theodore de Banville. — Sully Prudhomme. — Francois 
Coppee. — Edouard Grenier. — Mme. Adam. — Mme. Alphonse Daudet. 
— Ernest Renan. — Ferdinand Brunetiere. — Emile Zola. — Guy de 
Maupassant. — J.-K. Huysmans. — Georges Ohnet. 8 fr. 50 c. 

Deiurieme s£rie: Leconte de Lisle. — Jos6-Maria de He>e"dia. — Armand 
Silvestre. — Anatole France. — Le Pere Monsabre*. — M. Deschanel et 
le romantisme de Racine. — La comtesse Diane. — Francisque Sarcey. — 
J.-J. Weiss. — Alphonse Daudet. — Ferdinand Fahre. ?t fr. 50 c. 

Troisieme se>ie: Octave Feuillet. — Les freres de Goncourt. — 
H. Rabusson. — J. de Glouvet. — Pierre Loti. — Le duc d'Aumale. — 
Henrv Fouquier. — Henri Rochefort. — J. Soulary. — Richepin. — 
PaurBourgeJ. * 3 fr. 50 c. 

E. Faguet, Etudes littlraires sur le XIX 0 siecle: Chateaubriand. — 
Lamartine. — Victor Hugo. — Alfred de Vigny. — Alfred de Musset. 
Th. Gautier. — Menmee. — Michelet. — George Sand. — Balzac. 

3 fr. 50 c. 

E. Faguet, Les Grands maitres du XVII C siecle. fitudes litteraires et 
dramatiques. 3 fr. 50 c. 

E. Dupuy, Victor Hugo. — L'Homme et le Poete. Les Quatre Ages, 
les Quatre Cultes, les Quatre Inspirations. 3 fr. 50 c. 

P. Stapfer (prof. a la Faculte* des Lettres de Bordeaux), Shakespeare et 
les Tragiques grecs: Antigone. — Roineo et Juliette. — CEdipe. — Le 
Roi Lear. — Les Eumenides. — Spectres, Sorcieres et Dämons. — 
Macbeth. — Hamlet. — Oreste. 3 fr. 50 c. 

Ph. Frucht, Metrisches und Sprachliches zu Cynewulfs Eleue, Juliane 

und Crist. (Greifswald, Dissert.) 
J. Fuhrmann, Die allitterierenden Sprachformeln in Morris' Early 

English alliterative poems und in Sir Gawayne and the green knight. 

(Kiel, Dissert) 

H. Leiding, Die Sprache der Cynewulfschen Dichtungen Crist, Juliane 

und Elene. (Marburg, Elwert.) 1 Mk. 80 Pf. 

Franz Kaim, Shakespeares Macbeth. Eine Studie. (Stuttgart, Kohl- 

hammer.) 60 Pf. 

Fotheringham, Studies in the poetry of Robert Browning. (London, 

Paul.) * t> sh. 

Life and times of Oliver Goldsmith. By John Forster. (London, 

Ward & Lock.) 

English and Scottish populär ballads. Edited by Prof. F. J. Child, of 
Harvard. (New- York, Houghton, Mifflin.) 5 doli. 

H. Morley, An attempt towards a history of English literature, vol. 2. 
(New- York, Cassells.) V/ 2 doli. 

Hilfsbücher. 

Afsfahl, Hundert Übuugsstücke für die französische Komposition. 
2. Auflage. (Stuttgart, Bonz.) 1 Mk. 20 Pf. 



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240 



Bibliographischer Anzeiger. 



G. Luppe und J. Ottens, Elementarbuch der französischen Sprache. 
(Zürich u. Leipzig, Orell Füfsli.) 

I. Teil 1 Mk. 50 Pf., II. Teil 1 Mk. 80 Pf., III. Teil 2 Mk. 
C. Schäfer, Französische Schulgrammatik für die Oberstufe. II. Teil: 

Syntax^ (Berlin, Winckelmann.) 1 Mk. 40 Pf. 

De Beaux, Schulgrammatik der französischen Sprache, mit besonderer 

Berücksichtigung der Phonetik. (Leipzig, Hirzel.) 
Voltaire, Tancred. Für den Schulgebrauch erklärt von R. Mahren- 

holtz. (Leipzig, Renger.) 1 Mk. 

S6gur, Napoleon ä Moscou und Passage de la Be*r6sina, erklärt von 

A. Hemme. (Leipzig, Renger.) 1 Mk. 50 Pf. 

H. W. Longfellow, Tales of a wayside inn. Mit deutschen Erklärungen 
von H. Varnhagen. (Leipzig, Tauchnitz.) 1 Mk. 

L. Sevin, Elementarbuch der englischen Sprache nach der analytischen 
Methode bearbeitet. I. (Karlsruhe, Bielefeld.) , 1 Mk. 

L. J. Alonso, Nouvelle grammaire espagnole. II e Ed. (Genf, Burk- 
hardt.) 4 Mk. 



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Heinrieh Viehoff. 



Aus persönlichem Umgange. 

Von 



Viktor Kiy. 



„Einen guten Mann haben wir begraben", so hörte man 
allenthalben sagen, als sich am 7. August des Jahres 1886 auf 
dem Friedhofe zu Trier das zahlreiche Gefolge zu zerstreuen 
begann, welches den sterblichen Uberresten Heinrich Viehoffs das 
letzte Geleit gegeben hatte. 

Die Trierische Zeitung hatte ihm einen warmen Nachruf 
gewidmet, in welchem Viehoff ein wahrer Pädagoge mit aufser- 
gewöhnlieher Begabung zum Unterrichten und Erziehen der 
Jugend genannt wurde, der es verstand, sein eminentes und auf 
tiefen eigenen Studien basiertes Wissen seinen Schülern zugang- 
lich zu machen und insbesondere durch Erschliefsung der reichen 
Schatze unserer deutschen Litteratur auf das Gemüt seiner 
Schüler einzuwirken, die ihm alle ein gesegnetes Andenken be- 
wahren werden. Zu deh letzteren rechnet das erwähnte Blatt 
nicht blofs diejenigen, die das Glück hatten, von dem verdienten 
Gelehrten und Lehrer persönlich unterrichtet zu werden, sondern 
einen sehr grofsen Teil der jetzigen Generation in ganz Deutsch- 
land ; erfreuen sich doch die Werke, in denen Viehoff das Er- 
gebnis seiner Studien auf litterarischem Gebiete niederlegte, und 
in denen er mit aufserordentlichem pädagogischem Geschick zu 
dem Verständnis unserer Litteratur und zum eigenen Produzieren 
zu befähigen suchte, seit langen Jahren einer großartigen Ver- 
breitung in ganz Deutschland. 

Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. IG 




242 



Heinrich Viehoff. 



Der Artikel schliefst: „So hat denn der Tod, der in diesem 
Jahre eine so aufserordentlich reiche Ernte unter den bedeutend- 
sten Persönlichkeiten unseres Jahrhunderts hält, auch in unsere 
unmittelbarste Nähe mit seiner rauhen, kalten Hand gegriffen und 
einen Mann aus unserem Kreise gerissen, dessen Tod in ganz 
Deutschland, besonders bei allen Freunden und Kennern unserer 
Litteratur beklagt werden wird. In dem Verstorbenen ist ein wahr- 
hafter Säemann des Guten, Edlen und Schönen dahingegangen." 

Heinrich Viehoff ist geboren den 28. April 1804 zu Büttgen bei 
Neufs und zwar er — der echt deutsche Mann — als französischer 
Bürger. Sein Geburtssehein ist in französischer Sprache ausgefertigt. 

Sein Vater war ein nicht unbemittelter Hofbesitzer, dessen 
Name nach des Sohnes Erzählung von einem noch in jener 
Gegend existierenden Hofe, dem „Viehhof", abgeleitet worden 
sein soll. Die Anhänglichkeit an den heimatlichen Niederrhein 
und seine Sitten hat Viehoff sich bis in sein hohes Alter bewahrt. 
Den Vater verlor er frühzeitig. Die Mutter verheiratete sich 
wieder mit einem gewandten Manne, der neben der Bewirtschaf- 
timg des Gütchens noch mehrere Gemeindeämter bekleidete. 

Schon in frühester Jugend zeigte sich des jungen Heinrich 
Lerneifer. Das Elternhaus mufs nicht gar geräumig gewesen 
sein; aber der fleifsige Schüler fand selbst unter den plaudern- 
den Knechten und spinnenden Mägden ein Plätzchen, an welchem 
er — dem Au&enleben abgewandt — seine Schularbeiten an- 
fertigte, ja in späteren Jahren sogar ernsteren Studien oblag. 
Vorgebildet auf dem Kollegium zu Neufs und dem Gymnasium 
zu Düsseldorf, widmete er sich auf der Universität Bonn (1824 
bis 1827) philologischen und naturwissenschaftlichen Studien. 
Hier war August Wilhelm Schlegel sein Lehrer. Dafs derselbe 
auf Viehoff besonders anregend gewirkt habe, kann nicht be- 
hauptet werden. Der Anstofs zu seiner litterarisch -kritischen 
Thätigkeit sollte, wie wir später sehen werden, von einer ganz 
anderen Seite kommen. 

Eingehenden Studien hingegeben, beteiligte er sich wenig an 
dem eigentlichen Burschenleben der rheinischen Musenstadt. Wie 
sein ganzes Leben hindurch, lebte er mäfsig; doch erzählte er 
gern in alten Tagen, wie er einmal als Student mit einem be- 
denklichen Spitz nach Hause gekommen sei. 




Heinrich Viehoff. 



243 



Im Herbste 1827 bestand er das Examen pro facultate do- 
cendi, worin er seine Unterrichtsbefähigung in den heterogensten 
Disciplinen, in der klassischen Philologie wie in den neueren 
Sprachen, in der Geschichte und Geographie wie in den mathe- 
matisch-naturhistorischen Fächern nachwies. Hierauf trat er sein 
Probejahr am Gymnasium zu Düsseldorf an und wurde zu Ostern 
1828 an das Progymnasium zu Urdingen berufen. — Schon nach 
einem halben Jahre legte er diese Stelle nieder und wurde Er- 
zieher im Hause des Grafen Westphalen, der in der Provinz 
gleichen Namens wie in Böhmen begütert war. Viehoff hatte 
hier Gelegenheit, seinen Gesichtskreis im Umgange mit der fein- 
gebildeten, liebenswürdigen Familie des Grafen wie auf Reisen 
zu erweitern. Auch eignete er sich in diesen Kreisen jene Be- 
herrschung der gesellschaftlichen Formen an, die ihn vor manchen 
seiner altersgleichen Kollegen so vorteilhaft auszeichnete. 

Im Jahre 1833 wurde er als ordentlicher Lehrer an das neu 
gegründete Gymnasium zu Emmerich berufen, dessen interimisti- 
scher Dirigent sein Vetter, Peter Viehoff, war. Am 15. Februar 
1835 verlobte er sich hier mit Wilhelmine Graccher und heiratete 
dieselbe am 14. Oktober 1837. 

Mit einem Gehalte von nur 350 Thalern hatte Viehoff es 
gewagt, sich sein eigenes Heim zu gründen. Die Ehe war 
durchaus glücklich. Derselben entsprofsten vier Söhne und vier 
Töchter. Das gesellschaftliche Leben unter den durchweg noch 
jungen Emmericher Kollegen, von denen Viehoff als letzter heim- 
gegangen ist, muls nach seinen Schilderungen ein recht anmuten- 
des gewesen sein. Dafs hierdurch jedoch Viehoffs ernstes, wissen- 
schaftliches Streben nicht gelitten habe, dafür zeugen seine ersten 
litterarischen Veröffentlichungen, namentlich die Abhandlung: Wie 
malt der Dichter Gestalten, ein Beitrag zu Ästhetik. 
Emmerich, bei Joh. Lambert Romen 1834, deren Bedeutsamkeit 
von der Gelehrtenwelt wie von Viehoffs Vorgesetzten allgemein 
anerkannt wurde. Hierauf folgten: Die Erläuterungen aus- 
gewählter Stücke deutscher Dichter. Zwei Bände. 
Emmerich, Eomen 1836 und 1837. Auf beide Werke werde ich 
später noch zurückkommen. 1838 wurde Viehoff als erster Lehrer 
an die Realschule zu Düsseldorf berufen; 1842 wurde er Ober- 
lehrer und erhielt 1848 das Prädikat „Professor". Es scheint 




244 



Heinrich Viehoff. 



ihm in Düsseldorf aufserordentlich behagt zu haben; auch hier 
stand er in freundschaftlichstem Verkehr mit seinen Kollegen, 
namentlich dem Direktor Heinen. Auch die Akademie wirkte 
anregend auf den angehenden Ästhetiker. Wilhelm v. Schadow 
war es namentlich, dem er näher trat, trotz der Verschiedenheit 
ihrer XJeistesrichtung. „Einst," so erzählt Viehoff, „kehrte ich 
mit Schadow in einer hellen Mondnacht aus einer Gesellschaft 
heim; letzterer brachte das Gespräch auf die konfessionellen 
Gegensätze und suchte vor mir, dem Katholiken, seinen Uber- 
tritt zur römischen Kirche zu rechtfertigen. Das Gespräch wurde 
immer lebhafter, wir gingen auf und ab, und es war fast schon 
Morgen, als wir uns trennten." Auch mit Kühlwetter, dem 
späteren Märzminister, der damals Oberprokurator in Düsseldorf 
war, stand Viehoff in freundschaftlichen Beziehungen. Das Jahr 
1848 rifs übrigens auch ihn vorübergehend in die politische Be- 
wegung hinein; er wurde Mitbegründer einer liberalen Zeitung,' 
ja sogar eine Zeit lang stellvertretender Redacteur. Im Frühjahr 
1850 brachte er mehrere Wochen als Abgeordneter in Erfurt zu. 
Alles dieses wirkte störend auf seine litterarische Thätigkeit Er 
selbst sagt darüber im Vorwort zu dem dritten Teil seines Goethe- 
Kommentars : „Der gröfste Teil dessen, was ich hier bringe, war 
schon zu Anfang des Jahres 1848 ausgearbeitet, als die politi- 
sche Sündflut, über uns hereinbrechend, auf eine Reihe von 
Jahren jedes Interesse für die schöne Litteratur zu ersticken 
drohte und mir alle Lust und Ruhe zur Weiterarbeit raubte. 
Dazu kam, dafs ich wider Neigung und Beruf in eine thätigere 
Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten in Gemeinde 1 und 
Staat hineingezogen ward ; und als ich endlich aus dem Volks- 
hause zu Erfurt, unerfreuhchen Andenkens, heimkehrte und mich 
den gewohnten Studien wieder hinzugeben gedachte, erging an 
^rnich der Ruf zur Übernahme der Leitung einer Schule, die, 
aus zwei Lehranstalten zusammengesetzt und noch in ihrer Ent- 
wicklung begriffen, für die beiden nächsten Jahre meine Kräfte 
ganz in Anspruch nahm." Es war dies die vereinigte höhere 
Bürgerschule und die Königliche Provinzialgewerbeschule zu Trier, 
deren Direktorat durch Druckemüllers Berufung als Direktor des 



1 Viehoff war zum Stadtverordneten gewählt worden. 



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Heinrich Viehoff. 



245 



Königlichen Gewerbe -Instituts in Berlin erledigt worden war. 
Viehoff wäre gern in Düsseldorf geblieben, und nur der aus- 
druckliehe Wunsch des damaligen Kultusministers v. Ladenberg, 
der ihn persönlich kannte, bewog ihn, nach Trier zu gehen. Hier 
mufste er sich seinen Weg erst zu ebnen suchen. Es gelang 
ihm jedoch, alle feindlichen Gegenbestrebungen siegreich zurück- 
zuweisen. Bald war er eine der geachtetsten Persönlichkeiten 
und hinterliefs bei seinem Rücktritt vom Direktorate der Real- 
schule I. O. diese in dem Zustande vollster Blüte. 

Viehoff, der ein so hohes Alter erreichte, hatte trotz seiner 
kräftigen Konstitution vielfach mit Krankheit zu kämpfen, so 
dafs er schon früher in Düsseldorf, dann in Trier noch einmal 
dem Tode nahe war. Tief störend griff auch der frühe Tod 
seiner Gattin in ein glückliches Familienleben; dieselbe starb am 
1. April 1856, als die älteste Tochter noch nicht vierzehn, der 
jüngste Sohn anderthalb Jahre alt war. Das Andenken an die 
geliebte Tote verhinderte ihn, ein zweites Eheband zu knüpfen, 
so sehr er auch die Lücke im häuslichen Kreise empfinden mochte. 

Die Erziehung seiner Kinder, denen er nach seinen humanen 
Grundsätzen möglichst freien Raum zur Entfaltung ihrer Kräfte 
und Anlagen gab, der Umgang nüt wenigen Getreuen, die Lei- 
tung der ihm unterstellten beiden Schulen und vor allem der 
Dienst der Wissenschaft erfüllten ihn nun ganz ; hier suchte er 
Trost für das entschwundene Eheglück. Oft griff er auch zur 
Leier und besang in kunstvollen Weisen, was ihn quälte oder 
begeisterte. 1 So stammt von ihm unter anderem auch das Ge- 
dicht, das in prächtigem Album als Begleitschrift der dargebrach- 
ten Geschenke die rheinischen Städte dem damaligen Prinzen 
Friedrich Wilhelm im Januar 1859 bei Gelegenheit seiner Ver- 
mählung mit der Prinzessin Viktoria von England überreichten. 
Düsseldorfer Freunde hatten Viehoff dazu veranlafst ; gern kam 
er dieser Aufforderung nach, sein Name jedoch ist nie genannt 
worden; so hatte er es selbst in seiner Bescheidenheit gewollt. 

In demselben Jahre wurde er hart vom Unglück heimge- 



1 Ein Teil von Viehoffs Gedichten ist von mir herausgegeben unter 
dem Titel: Drei Bücher erzählender Gedichte. Leipzig, Fr. Brand- 
stetter, 1888. 



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246 



Heinrich Viehoff. 



sucht. In Trier war der Typhus ausgebrochen und forderte 
namentlich viele Opfer unter der heranwachsenden Jugend. Auch 
zwei seiner Töchter erkrankten, ja die eine erlag der schrecklichen 
Seuche. Seiner Trauer um deren Hingang gab er Ausdruck in 
einem Gedichte, dessen Anfangs- und Schlufsstrophen ich hier 
mitteile, weil sie nicht allein den Vaterschmerz und die Vaterliebe 
Viehoffs schildern, sondern auch einen Beweis liefern von der 
Innigkeit seiner religiösen Empfindung. 

Meiner Tochter Adelheid. 

Wenn auf der Mutter Grab die kleine Waise 
Die Blumen mit der Thränen Strom betaut, 
Wenn an des Jünglings Totenhügel leise 
Mit bleich gehärmten Wangen weint die Braut — 
Teilnehmend horcht ihr auf die Klageweise 
Und fühlt ergriffen euch vom Schmerzenslaut 
O gönnt dem Vater auch, dafs er dem Kinde 
Als Grabesschmuck ein einfach Kränzlein winde. 

Ach! hätte nicht, mein Kind, im schönsten Sprossen 
Den Lebenstraum dir rasch der Tod zernagt 
Hätt ich des Anschauns Lust so lang genossen, 
Als ich es mir zu träumen oft gewagt — 
Ich hätte still mein Glück in mir verschlossen 
Und nie der Welt, was ich beeafs, gesagt 
Nun aber mag sie, was du mir gewesen, 
In meiner Klag, in meinen Thränen lesen. 

Nicht Gaben, in der grofsen Welt zu glänzen, 
Nicht kecker Geist und Witz war dir beschert. 
Was in des Hauses engen, trauten Grenzen 
Das Glück des Daseins Heblich mehrt und nährt, 
Das gab der Himmel dir, dals du mit Kränzen 
Der Freud umschlängst des Vaters stillen Herd. 
Holdseligkeit im Blick, im Busen Frieden 
Und Liebesfülle hatt* er dir beschieden. 

Es ist ein kühnes Wort, doch darf ich's sagen : 
Soweit mein Geist zurück erinnernd denkt, 
Nie hast du mich in deines Lebens Tagen 
Mit einem Wort^ mit einem Blick gekränkt. 
Nur über eins mufs ich mit Thränen klagen, 
Wodurch du mich in tiefes Leid versenkt — 
Dafs du des Vaters Hoffen so betrogen, 
Im ersten Jugendblühn dich ihm entzogen. 



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Heinrich Viehoff. 



247 



Vergieb, was ich im herben Gram gesprochen! 
Auch du empfandest tief des Abschieds Qual. 
In deinem Aug, vom Tode schon gebrochen, 
Erglänzte hell mir noch der Liebe Strahl, 
Und deines Herzens letztes schmerzlich Pochen, 
Der letzte Laut, der sich der Brust entstahl, 
Sie galten minder bittern Todeleiden, 
Als einem langen, bangen, schweren Scheiden. 



Auf Nimmerwiedersehn ? — O Himmelsglaube, 

Du hellest dieses Graungedankens Nacht. 

Nein, nein! mir sagt das Herz, dafs wir dem Staube 

Nur, was des Staubes war, zurückgebracht 

Der Gotteshauch wird nicht dem Tod zum Raube, 

Den Himmelsstrahl verschlingt nicht Grabesnacht; 

Hinauf, hinauf, von wannen sie entsprungen, 

Hat ihre freie Seele sich geschwungen. 

O du, in einem Leib aus edlern Stoffen 
Jetzt wandelnd auf des Himmels Sternen aun, 
Erhalt in mir das gläubig fromme Hoffen, 
Beleb in mir dies selige Vertraun, 
Dafs ich dich einst, die Arme für mich offen, 
In schönern Räumen darf aufs neue schaun, 
Dafs dort uns einst ein neues Dasein einet, 
Wo nie ein Aug der Scheidung Thränen weinet. 

Uber das nächste Decennium können wir schnell hinfort- 
gehen, weil in Viehoffs Lebensverhältnissen sich wenig änderte. 
Seine Kränklichkeit dauerte fort; nichtsdestoweniger feierte er 
nicht, wie wir bei Betrachtung seiner litterarischen Thätigkeit 
sehen werden. Hier sei nur erwähnt, dafs er im Jahre 1870 
seinen Patriotismus auch nach aufsen hin dadurch dokumentierte, 
dafe er zu den „Liedern zu Schutz und Trutz" wie zu der 
Gedichtsammlung: „Für Strafsburgs Kinder. Eine Weihnachts- 
bescherung von Deutschlands Dichtern" mehrere anmutige Lieder 
beisteuerte. 

Im Jahre 1875 nahm er, wie die Seinigeu schon lange ge- 
wünscht, seinen Abschied. Se. Majestät der Kaiser verlieh ihm 
bei dieser Gelegenheit den Kronenorden dritter Klasse, nachdem 
er schon 1852 bei An Wesenheit Friedrich Wilhelms IV. in Trier 
den Adler der Ritter des Hohenzollernschen Hausordens erhalten 



(Schlufsstrophen :) 




248 



Heinrich Viehoff. 



hatte. Aufserdem war er nebst Gervinus aus Anlafe der Feier 
des hundertjährigen Geburtstags Schillers im Jahre 1859 mit 
dem Ritterkreuz erster Klasse des Grofsherzoglich Weimarschen 
Falkenordens dekoriert worden. 1865 war Viehoff auf Grund 
seiner Verdienste um die Goethe-Forschung auch zum Ehren- 
mitglied und Meister des Freien Deutschen Hochstifts zu Frank- 
furt a. M. ernannt worden. 

Wenige Monate nach seiner Pensionierung wurde er durch 
den jähen Tod seines zweiten Sohnes auf das heftigste erschüt- 
tert, den er vielleicht um so schwerer ertrug, weil er — der 
Greis — ganz allein stand. Die Söhne weilten in der Ferne, 
die Töchter waren verheiratet. Es trat bei ihm ein so offenbarer 
Verfall auch seiner körperlichen Kräfte ein, dafs man schon da- 
mals das Schlimmste befürchtete. Auf das Zureden seiner Kin- 
der entschlofs er sich deshalb, in mein Haus überzusiedeln, der 
ich damals seit etwa zwei Jahren mit seiner zweiten Tochter 
verheiratet war. Hier erholte er sich bald und verblieb daselbst 
fast neun Jahre bis zu meiner Versetzung nach Elberfeld um 
Ostern 1885. 

Nachdem wir so Viehoffs äiüsere Lebensbezüge in kurzen 
Umrissen kennen gelernt haben, wird es nötig sein, zurückzu- 
greifen auf seine Wirksamkeit als Direktor und Schulmann über- 
haupt. Eine treffliche allgemeine Schilderung derselben giebt 
mein verehrter Trierer Kollege, Herr Professor Dr. Keller, in 
seiner Festschrift zu der Gedenkfeier des sechzigjährigen Be- 
stehens des Realgymnasiums zu Trier. Er läfst sich folgender- 
maßen darüber aus: „Bedeutungsvoller, weil tief einschneidend 
in das Leben der Anstalt, war der Rücktritt des Herrn Pro- 
fessor Viehoffs, des bisherigen Direktors. Während 25 Jahren 
hatte die Schule das Glück, von seiner umsichtigen Hand ge- 
leitet, durch die schwierigsten Phasen liindurchgeführt und zu 
einem so gesunden Organismus entwickelt zu werden, dafs sich 
von Tag zu Tag das Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit stei- 
gerte und die Eltern aus weiter Ferne ihre Söhne derselben 
zuführten. Schüler und Lehrer verehrten ihn wie einen lieb- 
reichen Vater, legten ihr Wohl und Wehe rückhaltlos in seine 
Hände, weil sie wufsten, dafs mit aufrichtigerer Teilnahme nie- 
mand sich ihres Schicksals annehmen könne. Wo er erschien, 



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Heinrich Viehoff. 



249 



sei es auf dem Hofe unter der spielenden Jugend, sei es in der 
Klasse zur Revision des Unterrichts, sei es auf dem Katheder 
bei öffentlichen Festen: augenblicklich war die Stimmung eine 
gehobene, eine feierliche, die aller Blicke ihm zuwandte und 
selbst in den Reihen der jüngsten Knaben als Geist der Ruhe 
und Ordnung wirkte; alles nicht Folge pädagogisch erkünstelter 
oder gewaltsam erzwungener Zucht, sondern einer unwillkürlichen 
Verehrung, der sich niemand zu entziehen vermochte. Die Per- 
sönlichkeit Herrn Viehoffs wirkte so unmittelbar, dafs kein Vater 
ihm nahte, der nicht mit dem Eindruck, sein Kind in sicherer 
Hut zu wissen, sein Zimmer verliefs. Hohe sittliche Würde, 
seltenes Wissen, gewinnende Bescheidenheit, vertrauenerwecken- 
des Entgegenkommen, liebevolle Teilnahme am Schicksal seines 
Nächsten : das sind die Eigenschaften, welche Herrn Viehoff die 
Herzen gewannen und heute noch gewinnen. Dazu der poetische 
Hauch, der sein ganzes Wesen umweht und allem, was er spricht 
und thut, ein ideales Gepräge giebt. Daher der Kultus seines 
Namens bei allen, welche das Glück hatten, ihm nahe zu stehen, 
und heute, nach 30 Jahren, gedenken die bereits ergrauten 
Schüler seiner Person mit nicht geringerer Wärme, wie zu jener 
Zeit, da sie ihn als blondlockige Knaben spielend umhüpften. 

Leider war der Entschlufs Herrn Viehoffs, sein Amt nieder- 
zulegen, begründet in seinen Jahren und der gebieterischen Rück- 
sicht auf seine angegriffene Gesundheit. Die Nachricht davon 
erweckte natürlich die regste Teilnahme in weitesten Kreisen. 
Behörden, Lehrer und Schüler, alles beeiferte sich, noch einmal 
dem verehrten Manne zu nahen und dem aufrichtigsten Gefühle 
des Dankes und der Liebe Ausdruck zu geben. Und so ge- 
staltete sich denn der Abschied ganz von selbst zu einem Feste, 
erhebend und glänzend, getragen von jener eigentümlichen Weihe, 
die stets seine Erscheinimg umgab. Die Symbole seiner Lieb- 
lingsarbeit, dem deutschen Volke den Genius seiner gröfsten 
Dichter zu vermitteln, von Meisterhand in edlem Metalle künst- 
lerisch ausgeführt, wurden ihm verehrt, damit sie seinen spätesten 
Nachkommen Zeugnis ablegten von der Begeisterung, welche ein 
edles Menschenherz zu erwecken im stände." 

Ich habe absichtlich diesen ganzen Abschnitt mitgeteilt, weil 
Herr Professor Keller während der ganzen Zeit von Viehoffs 



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Heinrich Viehoff. 



Direktoratsführung sein thätigster Mitarbeiter und Freund gewesen 
ist, der es am meisten verstanden hat, auf seine pädagogischen Ideen 
und die Eigentümlichkeiten seines Wesens und Geistes einzugehen. 

Wie Viehoffs Verhältnis zu Schülern und Lehrern war, ist 
oben zur Genüge angedeutet worden; es ist jedoch noch beson- 
ders sein psychologischer Scharfblick hervorzuheben. Scheinbar 
schien er sich um den einzelnen Lehrer nur wenig zu kümmern, 
und doch war er über denselben, über seine ganze Thätigkeit, 
seine Vorzüge und Mängel auf das genaueste orientiert Oft 
genügte dazu ein einziges Zusammensein. So hat Viehoff mir 
gegenüber einen Mann eingehend charakterisiert, nachdem er mit 
ihm eine halbe Stunde gesprochen. Im Laufe der darauf fol- 
genden Jahre bestätigten sich jene Wahrnehmungen Zug für Zug. 
Dabei fafste er immer den ganzen Menschen ins Auge, gestattete 
jedem der ihm unterstellten Lehrer möglichst freien Spielraum 
je' nach der Eigentümlichkeit seines Wesens; selbst die Probe- 
kandidaten suchte er nicht durch Vorschriften einzuengen, indem 
er von dem Grundsatze ausging: Die pädagogische Methode, 
welche der junge Lehrer — wenn auch auf Irrwegen — selbst 
findet, ist immer noch besser für ihn und erspriefslicher als die 
vorzüglichste fremde, in die er sich nur widerstrebend und mit 
Aufgabe der eigenen Individualität hineinfindet, sofern dies über- 
haupt geschehen kann. — So milde und human sein Auftreten 
gegen Lehrer und Schüler auch war, so fehlte es ihm übrigens 
— wo es nötig war — auch nicht an der notwendigen Energie. 
Dies erfuhr besonders ein Kollege, der in aulserpreufsischen Dienst 
trat und sich in dem Glauben befand, er könne seinem bisherigen 
Direktor zum Abschiede noch einen kleinen Possen spielen. 

Wie nach unten, stand Viehoff auch nach oben, xlen vor- 
gesetzten Behörden gegenüber, welche letztere seine Verdienste 
gern anerkannten. So erhielt er einen Ruf als Regierungs- und 
Schulrat nach einer östlichen Provinz. In treuer Anhänglichkeit 
an sein schönes rheinisches Heimatland lehnte er diesen jedoch 
dankend ab, ebenso die Aufforderung, das Direktorat des Päda- 
gogiums in Wien zu übernehmen. Besonders günstig und freund- 
lich waren seine persönlichen Beziehungen zu seinen nächsten 
Vorgesetzten. Im Anfange seiner Wirksamkeit in Trier standen 
beide Anstalten unter der Königlichen Regierung, die Gewerbe- 



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Heinrich Viehoff. 



251 



schule bis zu ihrer Auflösung. Dies gab Veranlassung, dafs 
Viehoff nacheinander den Präsidenten derselben, namentlich den 
Herren Sebaldt, v. Gärtner und v. Wolff näher trat. Mit dem 
verstorbenen Provinzialschulrat, Geh. Regierungsrat Landfermann 
verband ihn langjährige innige Freundschaft. Von den Ministerial- 
räten kannte ihn Brüggemann schon von Düsseldorf her, da er 
das dortige Gymnasium zu der Zeit als Direktor leitete, als 
Viehoff Schüler desselben war. Ihm, „seinem unvergefslichen 
Lehrer", hatte er auch sein erstes gröfseres Werk, „die ausge- 
wählten Stücke deutscher Dichter, erläutert", gewidmet, als Brügge- 
mann noch Provinzialschulrat in Koblenz war. Besondere An- 
erkennung wurde ihm von dem Geheimen Oberregierungs- und 
Ministerialrat Herrn Dr. Wiese zu teil, welcher am 2. und 3. Au- 
gust des Jahres 1858 die höhere Bürgerschule zu Trier einer 
eingehenden Revision unterzog und nach derselben die Erklärung 
abgab, dafs diese Anstalt eine von den wenigen sei, welche schon 
damals dem neuen Reglement für Realschulen entspreche, und 
dafs daher ihrem Ubergange in eine Realschule erster Ordnung 
nichts im Wege stehe. Als im Jahre 1875 Herr Minister Dr. Falk 
diese mit seinem Besuche beehrte, empfahl Viehoff, der seinen 
Abschied schon eingereicht hatte, die Schule der Fürsorge des 
Staates. Er, der an dem Kulturkampfe keinen thätigen Anteil 
genommen, wohl aber sich die Achtung seiner Gegner erzwungen 
hatte, konnte sich die Genugthuung nicht versagen, dem Herrn 
Minister zu bemerken, dafs gerade, während die Wogen jenes 
Kampfes hoch gingen, die Trierer Realschule unter seiner Ijei- 
tung zu ihrer damaligen Blüte erstarkt sei. 

Viehoff, welcher ja gröfstenteils nur an Realanstalten thätig 
gewesen, war selbstredend ein warmer Freund derselben. Schon 
unter dem Ministerium Bethmann-Hollweg hatte er wiederholent- 
lich Reformvorschläge gemacht. Wenn er nun auch in der 
neueren Zeit sich weniger an der offenen Agitation für jene 
Schulen beteiligte, so hat er doch nach seiner Pensionierung 
mehrere Aufsätze in dem Pädagogischen Archiv von Krumme 
und in der Deutschen Revue von Richard Fleischer 1 zu Gunsten 



1 Eine Sammlung dieser und anderer Abhandlungen beabsichtige ich 
in nächster Zeit herauszugeben. 




252 



Heinrich Viehoff. 



derselben veröffentlicht. Seine Ansichten hierüber gingen zu- 
nächst dahin, dafs Gymnasien und Realgymnasien einen ge- 
meinsamen gleichen Unterbau haben sollten, und zwar hätte er 
diese Gleichheit der unteren Klassen an beiden Anstalten lieber 
noch etwas weiter ausgedehnt gesehen, als dies jetzt der Fall ist. 
Ferner wünschte er nicht eine Gleichstellung der Berechtigungen 
beider, sondern eine Teilung derselben. Den Gymnasien sollte 
die Berechtigung für die Universitätsstudien im engeren Sinne 
bleiben, dagegen die für das Polytechnikum, d. h. für Baufach, Berg- 
fach, sowie für Mathematik, Naturwissenschaften, neuere Sprachen 
u. s. w. entzogen werden, welche alsdann dem Realgymnasium 
ausschließlich zufielen. Wollte der Realgymnasialabiturient jedoch 
Theologie, klassische Philologie oder Jura studieren, so mufste 
er nach Viehoffs Ansicht eine Nachprüfung in den alten Spra- 
chen, sowie umgekehrt der Gymnasialabiturient eine solche in 
den neueren Sprachen, in der Mathematik und in den Natur- 
wissenschaften machen, falls er sich dem Studium des Baufachs 
u. s. w. widmen wollte. Aufserdem hatte Viehoff die Uberzeugung, 
dafs die Schule der Zukunft den Realschulen um ein bedeuten- 
des näher stehen würde als den Gymnasien. Gern citierte er 
dafür den Grafen Platen, der an irgend einer Stelle gesagt hat> 
auch für die Deutschen müfste einmal die Zeit kommen, in der 
sie die Krücken wegwerfen und wie die Griechen auf den eigenen 
Füfsen gehen lernen würden. Übrigens ist er, wie das bei sei- 
ner Humanität und weitgehenden Toleranz auch nicht anders zu 
erwarten war, kein eigentlicher Gegner der Gymnasien gewesen; 
kann man doch für das eine eintreten, ohne das andere zu ver- 
werfen. 

Viel erfolgreicher und gröfser als Viehoffs pädagogische 
Wirksamkeit ist seine schriftstellerische gewesen; hier erscheint 
er als der Lehrer seines Volkes, der demselben das Verständnis 
der Werke und der geistigen Entwickelung seiner beiden grofsten 
Dichter vermittelt hat. 

Die Betrachtung der Natur war es, die ihn auf den Weg 
ästhetischer Kritik führte, indem er meinte, dafs hier wie auch 
da feste Gesetze mafsgebend sein müfsten. Während die meisten 
' Ästhetiker in ihren Systemen, von allgemeinen Ideen ausgehend, 
von oben her zum einzelnen hinabsteigen und das ganze Gebiet 



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Heinrich Viehoff. 



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ästhetischer Erfahrungen ihrem aus den höchsten Gesichtspunkton 
konstruierten idealen Kähmen einordnen, erbaut Viehoff die ganze 
Ästhetik ähnlich wie Fechner von unten her auf Grund ermittelter 
Thatsachen und Gesetze. Dies zeigt uns schon die oben erwähnte 
Abhandlung: „Wie malt der Dichter Gestalten ? u Der ganze 
Gegenstand ist in etwas veränderter Form in dem Programm der 
Trierer Realschule von 1874 abgehandelt worden und bildet jetzt 
den Inhalt der §§ 37—54 im ersten Bande der Poetik. 1 Ähn- 
liche Aufsätze brachte Viehoff in seinem Archiv für den deut- 
schen Unterricht Hierauf folgte sein erstes grolseres Werk, das 
auch schon oben erwähnt wurde: Ausgewählte Stücke 
deutscher Dichter seit Haller bis auf die neueste 
Zeit, erläutert und auf ihre Quellen zurückgeführt 
— - für Freunde der Dichtkunst überhaupt und für Lehrer und 
Lehrerinnen der deutschen Sprache insbesondere. „Viele Ge- 
dichte unserer Lyriker," sagt Viehoff in der Vorrede, „leben im 
Munde des Volkes, die im ganzen doch nichts weniger als leicht 
verstandlich sind, andere lassen wenigstens stellenweise eine histo- 
rische, antiquarische, mythologische oder litteraturhistorische Notiz 
oder Interpretation des Gedankeas wünschen. Während in den 
Klassikern der Griechen und Romer jede nur etwas schwierige 
Stelle bis zum Ubermafs besprochen und erörtert wird, versäumt 
man bei den uns doch unendlich näher liegenden Dichtern unserer 
Nation auch das Nötigste zur Aufhellung der Schwierigkeiten, 
die wahrlich bei ihnen nicht seltener sind als bei den Dichtern 
des Altertums." 

Wir sehen, Viehoff tritt hier in der Interpretierung der 
neueren deutschen Dichter bahnbrechend auf. Aus diesen Er- 
lauterungen entwickelten sich die Kommentare zu Schiller und 
Goethe. 

Die erste Auflage des Schillerkommentars (1840) schlofs sich 
streng an Hoflmeisters in seinem Leben Schillers aufgestellte 
Gruppierung der Gedichte. Die zweite umgearbeitete Auflage 
erschien 1856 in Bechers Verlag zu Stuttgart. Viehoff, von der 
Uberzeugung ausgehend, dafs es nicht blofs für die Würdigung 



1 Aus Viehoffs Nachlaß von mir herausgegeben: Die Poetik auf 
Grundlage der Erfahrungsseelenlehre. Trier, Fr. Lintz, 1888. 



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Heinrich Viehoff. 



des Dichters im ganzen, sondern auch für das Verständnis seiner 
einzelnen Gedichte das Förderlichste sei, legte hier die chronolo- 
gische Anordnung mit einzelnen Abweichungen zu Grunde. „Die 
Vorzüge dieses Kommentars," sagt Kirchner in der Leipz. III. 
Ztg. vom 21. August 1886, „sind Gelehrsamkeit, Umsicht und 
Geschmack. So sorgfältig Viehoff jede Schwierigkeit zu lösen 
sucht, so vermeidet er meist glücklich Pedanterie und Tri- 
vialität." 

Inzwischen war 1846 — 1853 auch Viehoffs Goethekommentar 
(Düsseldorf, Bötticher) erschienen und zwar zuerst als unum- 
gängliche Vorarbeit für eine allseitige Würdigung Goethes und 
seiner Leistungen ; fehlte doch damals noch ein Werk, w r elches 
in der Weise der Hoffmeisterschen Schrift über Schiller seine 
äufseren Lebensbezüge, seine geistige Entwickelung und seine 
Werke in ihrem Zusammenhange und ihrer Wechselwirkung dar- 
stellte. Wer möchte heute, er müfste denn ein in egoistischer 
Selbstüberhebung verblendeter Pedant sein, wer möchte heute 
die Verdienste leugnen, die sich Viehoff durch seine Goethe- 
forschungen erworben; und doch mufs man annehmen, dafs sei- 
nen selbstlosen Bestrebungen schon damals der Neid entgegen- 
trat. In dem Vorwort zum dritten Bande sagt Viehoff nämlich 
am Schlüsse: „Gelingt es anderen auf dem Felde, das ich 
grösstenteils als ein unangebautes vorgefunden, bald eine reichere 
und vollere Ernte zu erzielen, so werde ich, auf das Ganze zu 
blicken gewöhnt, mich darin ohne Verdrufs und Neid zu finden 
wissen. Müssen doch ganz andere Männer, als unsereins, es 
sich gefallen lassen, ihre besten Kräfte den Bedürfnissen des 
Tages, der Stunde zu widmen. Konkurrenten und Nachfolger 
werden aber, deucht mir, am besten für den Erfolg ihrer Lei- 
stungen, für den reinen Genufs der Leser und die Würde der 
Wissenschaft sorgen, wenn sie das Bessere dem minder Guten, 
das Richtige dem Verfehlten, das Vollständige dem Unvollständi- 
gen einfach gegenüberstellen, anstatt durch eine gehässige Pole- 
mik gegen wirkliche und vermeintliche Irrtümer, durch gering- 
schätzige Behandlung der Mitstrebenden in den Augen eines 
ferner stehenden Publikums die Sache mit den Personen zu 
diskreditieren und die unwürdige litterarische Klopffechterei, von 
der wir früher nur zu oft auf dem Felde der altklassischen 




Heinrich Viehoff. 255 

Philologie Zeuge sein mufsten, nunmehr auf das Gebiet der 
modernen Philologie zu verpflanzen." In der zweiten Auflage gab 
Viehoff die biographische Darstellung auf, weil, wie es ihm 
schien, eine solche Einrichtung den Gebrauch des Kommentars 
für den weit gröfseren Kreis von Lesern erschwerte, die nach 
Lust und Mufse sich an herausgerissenen Stücken und Gruppen 
der Goetheschen Gedichtsammlung erfreuen wollten. Aus dem- 
selben Grunde wurde der biographische Charakter in der vierten 
Auflage des Schillerkommentars fallen gelassen. In der kurz 
vor seinem Tode begonnenen sechsten Auflage hat Viehoff auf 
vielfachen Wunsch die chronologische Reihenfolge bei Erklärung 
der einzelnen Gedichte wieder aufgenommen. 

Die Darstellung des Lebens Schillers übernahm Viehoff auf 
den Wunsch von Hoffmeisters Gattin. Nachdem derselbe in 
seiner grolsen verdienstvollen Arbeit: „Schillers Leben, Geistes- 
entwickelung und Werke im Zusammenhang" ein Werk geliefert 
hatte, welches, wie Viehoff meint, dem Ideale einer echt wissen- 
schaftlichen Biographie so nahe kommt wie kein anderes, wollte 
er diesem ein weniger umfangreiches, übersichtlicheres für einen 
weiteren Leserkreis folgen lassen, dessen Ausarbeitung er bald 
nach Vollendung des ersteren begann. Mitten in der Arbeit 
ereilte ihn der Tod. Die Witwe ersuchte Viehoff, welcher dem 
Verstorbenen in persönlichem Umgange näher getreten war, um 
Ergänzung der Schrift, von welcher ungefähr ein Drittel (bis 
S. 217 des ersten Bandes) druckfertig niedergeschrieben war 
und zu deren übrigen Teilen sich noch fragmentarische Stücke, 
Andeutungen und Materialien vorfanden. Das Buch erschien 1846 
(Bechers Verlag in Stuttgart). 

Nachdem die in einer sehr grofsen Anzahl von Exemplaren 
gedruckte einzige Auflage von Hoffmeisters fünfbändiger Schiller- 
biographie vergriffen war, erhielt Viehoff von einer hervorragen- 
den deutschen Verlagshandlung den Antrag, eine zweite unter 
Benutzung der unterdes erschlossenen neuen Quelle vorzuberei- 
ten. Viehoff war dazu bereit und setzte sich deshalb mit Hoff- 
meistere Gattin in briefliche Verbindung. Diese wollte den Text 
des Werkes in voller Integrität erhalten wissen und verlangte, 
dafs die nötigen Zusätze und Berichtigungen in der Form von 
Anmerkungen unter den Text gesetzt würden. Die Verlagshand- 



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Heinrich Viehoff. 



lung verwarf dies als geschraackswidrig; so zerschlug sich das 
Unternehmen. 

Im Jahre 1874 wurden Hoffmeisters Werke litterarisches Ge- 
meingut Dies veranlafste die Verlagshandlung von Karl Conradi 
in Stuttgart, mit Viehoff über eine Neubearbeitung des grofse- 
ren Hoffmeisterschen Werkes in Verbindung zu treten. Wie 
Viehoff selbst erzählt, trug er zunächst Bedenken, auf diesen 
Antrag einzugehen. Er war schon in das siebzigste Lebensjahr 
getreten und mufete in Erwägung ziehen, ob Zeit und Kräfte 
ihm zur Losung einer solchen Aufgabe ausreichen würden. Über- 
dies kam zu den früher von der Verlagshandlung gestellten 
Forderungen noch die hinzu, das übergrofse Volumen des Werkes 
auf einen engeren — seiner Verbreitung günstigeren — Umfang 
zusammenzuziehen, eine Forderung, deren Erfüllung mit der un- 
abweisbaren Pflicht, zugleich die reiche Ausbeute der neueren 
Forschungen über Schiller aufzunehmen, schwer zu vereinigen 
schien. Andererseite fühlte sich Viehoff wieder durch den Ge- 
danken ermutigt, dafs er wie kein anderer Hoffmeisters Sinues- 
und Denkweise durch eifriges Studieren seiner Schriften und 
noch mehr durch persönlichen Umgang kennen gelerut hatte. 
Übrigens stimmten beide in der Auffassung Schillers so sehr 
überein, dafs sie auch in voneinander unabhängigen Arbeiten, 
z. B. den Abhandlungen über die Jungfrau von Orleans, in den 
meisten Resultaten überraschend genau zusammentrafen. Die 
Aufnahme so vieler zu Hoffmeisters Zeit noch unermittelter Data, 
die infolge dieser Erweiterung um so dringender gebotene Kür- 
zung der kritisierenden Partien, namentlich der sehr ausführlichen 
Beurteilungen der gröfseren Dichtungen und Prosawerke be- 
wirkten jedoch, da& diese Bearbeitung zu einem selbständigen 
neuen Buche wurde. Da jedoch Hoflmeisters Grundansichten 
über Schillers Charakter, über den Gang und die Epochen seiner 
Geistesentwickelung, über seine Stellung zum Jahrhundert, wie 
über seine- ganze Weltanschauung festgehalten wurden, so hat 
Viehoff dies gleich auf dem Titel angedeutet, welcher lautet : 
Schillers Leben, Geistesentwickelung und Werke, 
auf Grund der Karl Hoffmeisterschen Schriften 
neu bearbeitet. 

Da Viehoff in gar keiner Beziehung zu den maßgebenden 



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Heinrich Viehoff. 



257 



Persönlichkeiten der Presse stand, so ist sein Buch von dieser 
ziemlich kühl aufgenommen. Anders denkt die grofse Masse der 
Gebildeten, und namentlich in pädagogischen Kreisen wird Vie- 
hoffs Schillerbiographie eine durchaus gerechtfertigte Wertschätzung 
zu teil, die ihr nicht allein wegen der gefälligen Form, wegen 
der gewissenhaften Forschung, sondern auch wegen der patrioti- 
schen Wärme gebührt, die das ganze Werk durchströmt. Übrigens 
will ich nicht unerwähnt lassen, dafs Rudolf v. Gottschall in 
seiner „Deutschen Nationall itteratur des neunzehnten Jahrhun- 
derts", 5. Aufl. I, S. 85, von derselben sagt, sie zeichne sich 
durch eingehende, oft sehr treffende Analyse und Kritik der 
einzelnen Werke aus. 

Schon anfangs der vierziger Jahre suchte Hoffmeister Vie- 
hoff zu der Abfassung einer Goethebiographie zu veranlassen; 
aber erst als die Säkularfeier von Goethes Geburtstag näher 
heranrückte und noch immer von keinem der vaterländischen 
Schriftsteller verlautete, dafs er sich anschicke, den National- 
festtag mit einer Biographie des Gefeierten zu begrüfsen, erst 
da, sagt Viehoff in der Vorrede zu Goethes Leben, 4. Aufl., 
besiegte der Unmut über diese Nachricht mein Zagen und Zau- 
dern, und ich beschlofs zu versuchen, was Begabtere zu thun 
versäumten. Zugleich mit dem zweiten Bande des Kommentars 
sandte er den ersten des Lebens an Varnhagen von Ense, wel- 
cher in einem Briefe vom 26. Mai 1847 dafür seinen Dank aus- 
spricht „Sie haben," schreibt er, „bei Ihrer Arbeit ein Verdienst, 
das mir ein gar seltenes deucht und meines Erachtens am 
schönsten Ihren Beruf bezeugt; das ist nämlich dieses, dafs Sie 
in eine philosophisch-kritische Darstellung, die ihrer Natur nach 
so vieles Einzelne zusammentragen, prüfen, vergleichen mufs, bei 
willigem Verzichtleisten auf jeden Wetteifer mit Goethes eigenen 
Schilderungen, dennoch eine gemeinsame Tonart, einen durch- 
gehenden Strom verbindender Wärme und Teilnahme gebracht 
haben, so dafs der Leser einen durchaus wolilthuenden Eindruck 
empfängt. Sie haben selbst mit Liebe gearbeitet, das fühlt sich 
durch und erfreut. Mögen Sie das Werk in gleichem Sinne 
glücklich fortführen und vollenden." — Weiterhin heifst es: „Ein 
Freund von mir in London, Herr Lewes, arbeitet auch an einer 
Biographie Goethes. Ich habe ihm sogleich geschrieben, sich 

Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 17 



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Heinrich Viehoff. 



auf die Ihrige zu stützen und auch die drei Bände: , Briefe 
Goethes an Frau v. Stein c abzuwarten." 

In einem Briefe vom 13. Februar 1848 dankte Varnhagen 
für die Zusendung des zweiten Bandes und schreibt unter anderem : 
„Vor kurzem schrieb mir ein Freund, ein Leben Goethes dürfe 
vor Ablauf eines halben Jahrhunderts kaum zu schreiben sein. 
Ihr Buch erweist das Gegenteil, und nicht nur die Zulässigkeit, 
sondern auch die Notwendigkeit. Ich fing sogleich an zu lesen, 
erst nach zufälligem Aufschlagen, dann ordentlich von Anfang, 
und ich hatte mich immer des erwünschten Eindrucks zu freuen, 
fühlte mich ganz herausgehoben aus der trüben Stimmung. . . 
Die ursprüngliche Schönheit und Lauterkeit Goetheschen Daseins 
strahlt durch Ihren Vortrag rein hindurch. . 

Viehoff hatte zunächst die Absicht, nach Hoffmeisters Vor- 
gange zuerst ein umfassendes Werk zu schreiben und dies dann 
für einen weiteren Kreis von Lesern zu einem kleineren Lebens- 
bilde umzuarbeiten. Zu stände gekommen ist nur eins, das zwi- 
schen beiden die Mitte hält; denn verschiedene Umstände ver- 
zögerten den Fortgang der Arbeit. Als ein sehr achtbarer Kon- 
kurrent für die kleinere Goethe-Biographie erschien J. W. Schäfer 
mit seinem Leben Goethes. „Gleichzeitig," bemerkt Viehoff S. X 
der gedachten Vorrede, „begann ein Goethe-Litterat, 1 dessen Ver- 
dienste um die Erforschung, Sichtung und Ordnung des Materials 
willigere Anerkennung finden würde, wenn er nicht überall den 
infallibeln Alleinwisser spielen wollte, es sich zur Aufgabe zu 
machen, meine Arbeiten über Goethe auf Schritt und Tritt zu 
verfolgen und herabzusetzen, und imponierte einer urteilsunfähigen 
Menge durch die hochfahrende Art der Polemik. Die angekün- 
digte englische Goethe-Biographie liefs unterdes auf sich warten, 
und erst als die meinige zu Ende geführt war, trat 
G. H. Lewes mit seinem Werke hervor. Da war es ein merk- 
würdiges Schauspiel zu sehen, wie sich dem ausländischen Buche 
gegenüber die deutsche Kritik gebärdete, in welch dithyrambisches 
Frohlocken sie ausbrach, dafs ein fremder Schriftsteller dem 
deutschen Dichter die Ehre erwiesen hatte, sich so eingehend 
mit ihm zu beschäftigen. Lewes selbst gestand offen in dem 



1 Prof. Düntzer in Köln. 




Heinrich Viehoff. 



259 



Vorwort, von meinem wie von Schäfers Buche ,den freiesten 
Gebrauch gemacht zu haben', und unterliefe nicht, ,die Beihilfe, 
die er von ihnen gehabt, in vollstem Ma&e anzuerkennen'. Je 
bescheidener er auftrat, um so kräftiger glaubte sein Übersetzer 
in die Trompete der Reklame stofsen zu müssen. Er unter- 
drückte wolilweislich in der ersten deutschen Ausgabe die Vor- 
rede des Verfassers, erkannte meinem Buch , keinen höheren 
Rang als den einer umfassenden Materialiensammlung' zu, sprach 
dem Schaf ersehen , kräftige, lebensvolle Erfassung der Persön- 
lichkeit Goethes und Frische der Darstellung ab', rückte dem 
Rosenkranzschen seine philosophisch konstruierende Behandlung 
des Stoffes' vor und half den Mängeln des englischen Werkes, 
soweit es möglich war, geschickt durch kleine Abänderungen 
und Berichtigungen nach. Zwar felilte es nicht an Stimmen, die 
zur Besinnung mahnten; aber sie verklangen. So rügte z. B. das 
Litteraturblatt zum Kunstblatt es als eine schimpfliche Schwäche, 
von vornherein für alles Fremdländische so eingenommen zu 
sein, dafs man das Studienbuch, welches sich der fleifsige Eng- 
länder über Goethe aus deutschen Wdrken zusammengestellt, als 
ein biographisches Meisterwerk anpreise und uns damit ein Armuts- 
zeugnis ausstelle, als sei uns hier erst das Verständnis unseres 
grofsen Dichters erschlossen worden. Schäfer schrieb an die 
Redaktion des Bremer Kuriers, der sich seiner gegen die Lob- 
redner des Engländers angenommen, das Publikum werde, wenn 
die ersten Posaunenstöfse des Zeitungslobes vorüber seien, von 
selbst einsehen, dafs die Schrift von Lewes nichts anderes sei 
als ein oberflächliches, aus wenigen deutschen Büchern zusam- 
mengeschriebenes Werk. Aber Schäfer irrte mit seiner Prophe- 
zeiung." 

In letzterem Punkte behielt Viehoff nicht ganz recht. Seine 
Goethe-Biographie erlebte im Jahre 1877 eine vierte Auflage, 
in welcher die Überarbeitung des vierten Teiles diesen wür- 
dig neben den Anfang des Werkes stellt, und so erfüllte sich 
Viehoffs Hoffnung, dafs, nachdem durch die Thaten der Männer 
des Schwertes das Selbstgefühl der Nation gestiegen, sich die 
Überschätzung des Fremdländischen vermindern würde. 

Als Viehoff im Jalire 1875 sein Amt niedergelegt hatte, war 
auch in seiner schriftstellerischen Thätigkeit eine Pause einge- 

17* 



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260 



Heinrich Yiehoff. 



treten. Sein Leben Schillers war beendigt, ebenso der Text für 
eine Komposition seines Freundes Hiller in Köln, Der ge- 
fesselte Prometheus. Eine Zeit lang war er unschlüssig, 
wie er die gewonnene Mulse ausfüllen sollte. Unterhaltungen 
mit mir führten ihn auf das Gebiet der Ethik ; ich übergab ihm 
ein Kollegienheft darüber, das ich bei Rosenkranz nachgeschrie- 
ben hatte. Dies führte Viehoff darauf, eine philosophische Ethik 
zu schreiben; einzelnes daraus ist zu Aufsätzen in Fleischers 
Revüen verwandt; beendigt ist die Arbeit nicht, aber das Vor- 
handene ist von mir bisher noch nicht im Nachlasse aufgefunden 
worden. 

Viehoff hatte nämlich, noch bevor er an die Umarbeitung 
der Goethe-Biographie ging, eine andere Arbeit begonnen, die 
schon erwähnte Poetik, und zwar von der Annahme aus, dafs 
Ethik und Ästhetik auf dieselben Grundbegriffe ausliefen, näm- 
lich die Gefühle der Lust und Unlust. 

Es darf nicht vergessen werden, dafs Viehoff auch auf dem 
Gebiete der wissenschaftlichen und pädagogischen Journalistik 
bahnbrechend thätig war durch Begründung einer Vierteljahrs- 
schrift, des „Archivs für den Unterricht im Deutschen" (Düssel- 
dorf 1843 und 1844), worin mehrere Beiträge zur Interpretation 
von Goethes kleineren Poesien, aber auch eine Erläuterung von 
„Hermann und Dorothea", sowie andere Aufsätze ästhetischen und 
pädagogischen Inhalts enthalten sind. Diese Zeitschrift ward zu 
einem „Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litera- 
turen" erweitert, welches anfangs Viehoffs Freund, Herr Professor 
Ludwig Herrig, damals Oberlehrer in Elberfeld, mit ihm vereint 
redigierte. Sie hatten sich im Jahre 1842 in Düsseldorf kennen 
gelernt und besuchten sich seitdem gegenseitig; am häufigsten 
aber trafen sie sich während des Sommers auf der Station Hoch- 
dahl, wo sie ihre Gedanken über alles miteinander austauschten, 
was ihr äufseres und inneres Leben bewegte. „Es war," schreibt 
mir Herr Professor Herrig, „als ob uns eine elektrische Kraft 
miteinander ganz plötzlich verbunden hätte." Herrig besorgte 
vorzugsweise die Redaktion der auf französische und englische 
Litteratur und Sprache bezüglichen Artikel, Viehoff die der 
Beiträge fürs Deutsche. Obgleich letzterer nun gleich anfangs 
den geringeren Teil an den Redaktionsgeschäften übernommen 




Heinrich Viehoff. 



261 



hatte, so sah er sich doch bald durch mancherlei Umstände ge- 
nötigt, auch diese an Herrn Herrig zu übertragen. Im Jahre 1849 
trat er ganz davon zurück, freilich mit der Absicht, in Zukunft 
mehr, als in den letzten Jahren möglich war, zur Fortentwicke- 
lung der verschiedenen Zweige des deutschen Unterrichts mitzu- 
wirken. 1 Das Archiv erschien nun Unter besonderer Mit- 
wirkung von Robert Hiecke und Heinrich Viehoff, 
herausgegeben von Ludwig Herrig. Als Viehoff nach 
Trier übersiedelte, erlahmte jedoch wegen Überbürdung mit amt- 
lichen Geschäften und wegen seiner anderweitigen litterarischen 
Thätigkeit, die ihn ganz in Anspruch nahm, auch diese Mitwir- 
kung, und sein Name verschwand sodann selbtsredend auch auf 
dem Titel des Archivs. 

Zu erwähnen ist ferner, dafs Viehoff sich als geschickter 
Ubersetzer aus lebenden und toten Sprachen erwiesen hat. Ver- 
deutscht sind von ihm sämtliche Dramen von Sophokles und 
Racine, elf Dramen von Shakespeare, drei Stücke von Moliere, 
die Mosella von Ausonius, aufserdem kleinere Gedichte aus dem 
Englischen, Französischen 2 und Schwedischen. 

. Auch eine Reihe von Schulbüchern sind von Viehoff ver- 
fafst worden, so ein geographischer Leitfaden in drei Bändchen 
(Berlin, Karl Habel), welcher mehrere Auflagen erlebte. Am 
wichtigsten sind die deutschen Lesebücher und namentlich das 
Handbuch der deutschen Nationallitteratur, welche im Verlage 
von George Westermann zu Braunschweig erschienen. Von diesen 
Büchern gilt so recht das Sprichwort: Der Prophet gilt nichts 
in seinem Vaterlande. In Pretifsen werden sie wenig gebraucht ; 
die stattliche Reihe von Auflagen 3 geht nach Osterreich, Bayern, 
nach der Schweiz, aber auch nach Amerika und England, in 
welchen beiden Ländern das Handbuch als Chrestomathie in den 
Schulen gebraucht wird. Wer dies letztere Buch so genau kennt 
wie ich, der ich seit fünfzehn Jahren dasselbe bei dem deutschen 

1 Siehe Vorrede zum sechsten Bande des Archivs für das Studium 
der neueren Sprachen und Litteraturen. 

1 Eine Sammlung derselben ist von mir herausgegeben unter dem 
Titel: Blütenstraufs der französischen u. englischen Poesie. 
Leipzig, Bibl. Institut, 1888. 

3 Von dem Handbuche erschien eben die zwanzigste Auflage. 




262 



Heinrich Viehoff. 



Unterrichte in den beiden oberen Klassen eines Realgymnasiums 
benutze, der mufs nicht nur das ästhetische Feingefühl, sondern 
auch das pädagogische Geschick bewundern, welche Viehoff bei 
der Auswahl der einzelnen Gedichte und Prosastücke geleitet 
haben. Die erste Auflage erschien 1857. Das Buch sollte, wie 
Viehoff in der Vorrede sagt, der Jugend einen reichen, mannig-, 
faltigen, anziehenden, den Gedanken- und Anschauungskreis er- 
weiternden, die Phantasie anregenden, das Herz veredelnden und 
insbesondere Religiosität und Vaterlandsliebe weckenden und 
nährenden Stoff zuführen und zugleich den anderen Zweigen des 
deutschen Unterrichts in den oberen Klassen, der Litteratur- 
geschichte, Poetik, Metrik u. s. w. als belebendes, veranschaulichen- 
des Hilfsmittel dienen. Ganz besonders gelungen ist die Aas- 
wahl aus Klopstock und aus Goethe. Wie wenig aber gerade 
dies von der grofsen Masse verstanden wird, zeigte mir einmal 
die Frage eines Lehrers, warum wohl die Ode „An meinen Freund 
Behrisch" von Viehoff in das Handbuch aufgenommen sei. Der- 
selbe übersah, dals die Absicht des Herausgebers darauf hinaus- 
ging, die einzelnen Entwickelungsphasen und Bezüge auf das 
Leben des Dichters durch besonders charakteristische Gedichte 
klarzulegen. 

Als im Jahre 1880 durch Herrn v. Puttkamer die neue 
Orthographie in Preufsen eingeführt wurde, trat die Verlagsbuch- 
handlung auch an Viehoff mit dem Verlangen heran, seine Lese- 
bücher dem entsprechend zu bearbeiten. Ich selbst benutzte die 
Gelegenheit, um auf einzelne Abänderungen hinzudeuten, welche 
Gegenstand meiner Wünsche und der einiger anderen Kollegen 
waren. Mein Schwiegervater hatte damals aber infolge seiner 
Kränklichkeit eine derartige Abneigung vor einer jeden litte- 
rarischen Thätigkeit, dafs er die Beantwortung des Schreibens 
der Verlagsbuchhandlung mir überliefs. So kam es, dafs mir 
die Bearbeitung der neuen Auflage übertragen wurde, welche 
ich im Einverständnis mit Viehoff ausführte. Wenig gekannt 
ist die in gleichem Verlage erschienene Vorschule der Dicht- 
kunst, und doch kann auch diese mit Recht jedem empfohlen 
werden. 

Jene Unlust an derartigen Beschäftigungen verminderte sich 
wieder, Viehoff arbeitete an seiner Poetik weiter, lieferte einzelne 




Heinrich Viehoff. 



263 



Aufsätze für verschiedene Zeitschriften. Alle diese Produktionen 
zeigten die seltene geistige Frische des Greises. Dann aber trat 
wieder ein Stillstand ein. 

Um so mehr war ich erstaunt, als ich anfangs des Jahres 
1886 hörte, mein Schwiegervater wolle an die Umarbeitung 
meines Schillerkommentars gehen, dessen sechste Auflage erschei- 
nen sollte. Mir selbst schrieb er darüber am 22. März 1886, an 
welchem Tage ich die Festrede zur Feier des Geburtstages 
Sr. Majestät zu halten hatte, eine Postkarte, deren Inhalt ich 
hier mitteilen will, weil daraus ersehen werden kann, wie innig 
bis zu seinem Lebensende der greise Gelehrte zu seinem greisen 
Kaiser hielt Er schrieb : „Lieber Viktor, du stehst wahrschein- 
lich in dem Augenblicke, wo ich diese Zeilen schreibe, auf der 
Rednerbühne und preisest den Unvergleichlichen, der heute bei 
wahrem Kaisenvetter in sein neunzigstes Jahr tritt. Mögen 
deine Worte auf jung und alt erhebend und begeisternd wirken! 
Ich mufs heute das Haus hüten, teils weil mir meine 83 Jahre 
Zurückgezogenheit auferlegen, teils weil ich für Conradi in Stutt- 
gart Korrekturbogen der sechsten Auflage meines Schiller- 
kommentars zu revidieren habe" u. s. w. Die letzte Manuskript- 
sendung erfolgte nach seiner Aufzeichnung am 12. Mai. Die- 
selbe lautet: „abgesandt am 12. Mai 1886, anderweitige Gedichte 
aus der Anthologie 1) Graf Eberhard" u. s. w. Am 1. Juni 
wollte er in eine Sommerfrische gehen; doch dazu kam es nicht 
mehr. Er sollte seine Arbeit nicht mehr beendigen. Noch acht 
Gedichte der ersten Periode sind unbehandelt geblieben. Aus 
der zweiten lagen nur die Künstler und der Anfang von den 
Göttern Griechenlands im Manuskripte vor. 

Die Erläuterung dieses Gedichtes war das letzte, was er 
geschrieben. Dieselbe reicht bis Str. 14, wo er von dem reli- 
giösen Glauben der Hellenen sagt, dafs er „auch eine tröstliche 
Ansicht des Todes gewähre". 

Weiter sollte er nicht kommen; denn eines Morgens fand 
man ihn neben seinem Schreibtische am Boden liegend. Er 
konnte sprechen, war jedoch nicht im stände, sich zu erheben. 
Es war kein Schlaganfall gewesen, sondern eine Ohnmacht infolge 
der Anämie des Gehirns, die durch übermäfsige Anstrengung 
desselben herbeigeführt war. Unter sorgfältiger Pflege erholte 



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264 



Heinrich Viehoff. 



er sich zwar wieder und plante sogar die Beendigung der eben 
begonnenen Arbeit (die Bearbeitung dieser sechsten Auflage des 
Schillerkommentars ist unterdes von mir zu Ende geführt worden 
und im Drucke erschienen. Stuttgart, Karl Conradi, 1887); doch 
dies war ihm nicht mehr beschieden. Am 5. August morgens 
hatte er ausgerungen. 

An seinem Grabe sprach sein Nachfolger im Amte, Herr 
Direktor Dr. Dronke, anerkennende Worte, der Schülerchor des 
Realgymnasiums sang einige Lieder; dann schlofs sich die Gruft. 
Kurz und treffend lautet die Charakteristik der Frankfurter 
Zeitung: „Viehoff war als Schulmann, als Schriftsteller wie als 
Mensch eine durchaus edle und vornehm denkende Natur. 44 
Er ruhe in Frieden! 



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Variantes orales 



de contes et de badinagee populaires frar^ais et £trangers 



Lea pi&cea euivantes ne sont point, corame on pourrait le croire au 
Premier abord, des compositum» d'ecrivain faites avec des textes connus, 
compiles et refondus sur le papier, dans la solitude du cabinet. Elles 
m'ont toutes £te* diies de vice v<yix, ä des 6poques diverses, en Champagne, 
mon pays natal, et elles peuveut servir de preuves ä Pappui de l'opinion 
que j'ai soutenue plusieurs fois ici-möme* et que je formule ainsi: Les 
contes ordinairement qualiftes populaires ne sont pas, pour la plupart, 
de l'invention du peuple proprement dit, et c'est par la bouche de per- 
ßonnes relativement cultiv6es, plus souvent peut-etre que par l'organe 
de gens absolument d^pourvus d'&lucation, qu'ils se transmettent et se 
transforment encore aujourd'hui. 

Le Petit Ckaperoth d'or m'a £te" conte* en 1880 par un avocat, M. Lucas, 
de Cresantignes, petit bourg du departement de i'Aube. M. Lucas le 
tenait d'un mattre d'ecole de Komilly. 

La fable japonaise des Deux rate et leur gendre m'a e*te* dite au Col- 
lege de Troyes par un maltre d'&udes, M. Audemar. II Pavait lui- 
meme entendu raconter ä Brest par un de ses amis qui revenait du Japon. 
Je ne crois pas qu'il en existe une Version francaise imprimee. Cette 
piece rappeile la Souris metamarphosee en fille de La Fontaine (L. IX, 7) 
et provient sans doute du meme original sanscrit. 

Le Preneur de rats 6tait le recit favori d'un de mes oncles, M. Bazin 
du Jonquoy, proprtetaire d'une grande filature ä Mery-sur-Seine. J'avais 
dix ans peut-etre lorsqu'il me le conta pour la premiere fois. Plus tard, 
vers ma dix-septieme annee, lorsque je commen9ai ä recueillir les tra- 
ditions orales de la contree, je demandai ä mon oncle s'il n'avait pas 
pulse* ce conte allemand dans la „Chronique du temps de Charles IX U 
de Prosper Me*rimee (qui parut en 1829). II me repondit qu'il n'avait 

* Die französischen Märchen von Perrault, Archiv Bd. XLI, 1868. Contes 
et chants populaires franc&is, Archiv Bd. LV, 1876. 



recueillies 

par 



Charles Marelle. 




266 



Variantes orales. 



jamais lu ce livre et qu'il avait entendu raconter l'histoire du Preneur 
de rate dans sa jeunesse, ä Paris, chez un ami de sa famille, „le pfere 
Flamand tt , qui aimait ä la dire ä ses petits enfante et qui probablement 
la tenait de sa mere, une Alsacienne. 

Mon oncle avait appris dans la m&me maison la „randonn6e tt (il 
Pappelait ritournelle) de Biquette dans le jardin. II savait aussi celle de 
la Grosse Carotte, et c'est £galement de lui que me vient cette fac6tie. 
Quelques-uns de mes camarades du College de Troyes en connaissaient 
des versions un peu diffSrentes oü iiguraient le roi, le pape, la chevre, le 
chien etc., dont les noms augmentaient la difficult^ de P&mmöration. 
On sait que ces Kyrielles bouffbnnes veulent 6tre d£bit6es avec toute la 
volubilitä possible; ä la moindre h&itation leur effet est manqu£. 



La veritable histoire du petit Chaperon d'or. 

Vous connaiesez le conte du pauvre petit Chaperon rouge 
que le Loup trompa et mangea, avec sa galette, son petit pot 
de beurre et sa grand'mfere; eh bien, l'histoire veritable s'est 
pass^e tout diffigremment; on le sait aujourd'hui. Et d'abord, la 
petite fille s'appelait et s'appelle encore le petit Chaperon d'or; 
ensuite ce n'est pas eile, ni la bonne mfcre-grand, c'est le m£chant 
loup qui fut, & la fin, attrapä et mang& 

Ecoutez seulement. 

L'histoire commence ä peu prös comme le conte. 

H y avait une fois une petite fille des champs, jolie et gen- 
tille comme une 6toile au temps. Elle se nommait de 6on vrai 
nom Blanchette, mais on l'appelait plutöt le petit Chaperon d'or, 
ä cause d'un merveilleux petit capet couleur d'or et de feu dont 
on la voyait toujours coiffiSe. C^tait sa grand'mfcre, une femme 
si ancienne qu'elle ne savait plus son Äge, qui lui avait donn£ 
ce petit chaperon; il devait lui porter bonheur, car il £tait fait 
d'un rayon de soleil, disait-elle. Et comme la bonne vieille 
passait pour im peu sorcifere, tout le monde croyait aussi le 
petit capet un peu ensorcelä. 

Or il l'^tait effectivement, vous allez voir. 

Un jour la nifcre dit ä l'enfant: voyons, mon p'tit Chap'ron 
d'or, si tu sais d^jä t' conduire toute seule. Tu vas porter c' 
bon morceau d' galette ä, ta grand'maman pour se r^galer 
d'main dimanche. Tu lui d'mand'ras comment eile va, et puis 



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Variantes orale* 



267 



tu rViendras tout d' suite, sans t'arr&er k jaser en ch'min avec 
des gens qu' tu n' conoais point. Tentends bien? 

J'entends bien, r^pondit gaiement Blanchette. Et la voilä 
partie avec la galette, et toute glorieuse de la commission. 

Mais la grand'mfere demeurait dans un autre village, et il 
fallait traverser un grand bois ponr y arriver. Au tournant du 
chemin, sous la futaie, qui va lä tout d'un coup? 

Compfcre le Loup! 

H avait vu l'enfant partir seule, et le sc6l£rat Fattendait 
pour la d^vorer; lorsqu'au mßme moment il aper9ut des bftcherons 
qui pouvaient le voir, et il se ravisa. 

Au lieu de se jeter sur Blanchette, il Paborde en fr&illant 
et faisant le bon chien. 

Cest toi! mon gentil p'tit Chaperon d'or, lui dit-il. 

Et alors la petite fille s'arrGte pour causer avec le Loup, que 
pourtant eile ne connaissait point. 

Tu m' connais donc? lui dit-elle. Et toi, commeut t'ap- 
pelles-tu? 

«P m'appelle compfcre le Loup. Et oü vas-tu comme 9a, raa 
bellotte, avec ton p'tit panier au bras? 

«P vas chez ma grand'm'nian, lui porter un bon morceau 
i' galette pou* s' r^galer d'main dimanche. 

Et oü demeure-t-elle, ta grand Vman? 

Elle demeure d' Taut' c6t£ du bois, ä la premfere maison du 
village, prfes du moulin h vent, tu sais bien. 

Ah oui! y sais maint'nant, dit le Loup. Eh bien, j' vas 
jußtement par lä; j'y sYai avant toi sans doute, avec tes p'tites 
jambettes, et j* lui dirai qu' tu viens la voir; alors eile t'attendra. 

Lä-dessus le Loup coupe ä travers bois, et en cinq minutes 
il arrive ä, la maison de la grand'mfere. 

II frappe ä la porte: toc, toc. 

Point de r^ponse. 

D frappe plus fort. 

Personne. 

Alors il se dresse tout debout, pfese de ses deux pattes 
de devant sur le loquet, et la porte s'ouvre. 
Pas un chat dans la maison. 

La vieille femme s^tait lev£e de bonne heure pour aller 




268 



Variantes orales. 



vendre des herbes ä la ville; et eile £tait partie tellemeut ä la 
häte quelle avait laiss6 son lit d#fait, avec son grand bonnet de 
nuit sur Toreiller. 

Bon ! se dit alors le Loup, j* sais bien c' que j' vas faire. 

H ferme la porte, enfonce le bonnet de la grand'mfere jusque 
sur ses yeux, puis il se couche tout de son long dans le lit, et 
tire les rideaux. 

Cependant la bonne Blanchette continuait tranquillement son 
chemin ä la manifere des petites filles, en s'amusant par-ci par- 
lä ä cueillir des päquerettes, ä 6pier les petits oiseaux qui fai- 
saient leurs nids et ä courir aprfes les papillons qui voltigeaient 
au soleil. 

Enfin eile arrive k la porte. 

Toc, toc 

Qui qu'est lä? dit le Loup, en adoucissant de son mieux sa 
grosse voix. 

C'est moi, grand'm'man. Vot* petit Chap'ron d'or. «P vous 
apporte un bon morceau d' galette pour vous r^galer d'main di- 
manche. 

Pfese avec ton doigt su* Y loquet, et puis pousse, mon rainet, 
dit le Loup. 

Blanchette pfese avec son doigt sur le loquet, et la porte 
s'ouvre. 

Vous &tes donc enrou^e, grand Winan? dit-ellc en entrant. 

Heu! un peu, un peu . . . räpond le Loup en faisant sem- 
blant de tousser. Ferme bien la porte, mon p'tit agneau. Mets 
ton panier su' la table, et puis öte ta robe et viens tf coucher 
prfes d' moi; tu te r'poseras un brin. 

La bonne petite se d&habille, — mais remarquez bien 
cela! — eile garde en se couchant son petit chaperon sur sa 
täte . . . 

Lorsqu'elle aper9ut dans le lit la figure que faisait sa graod'- 
mfere, la pauvrette s^tonöa grandement. 

Oh ! s'&ria-t-elle, comme vous ressemblez ä compfcre le Loup, 
grand'maman ! 

(Test mon grand bonnet qui fait 9a, mon enfant, räpond 
le Loup. 

Oh! comme vous avez les bras velus, grand'maman! 



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Variantes orales. 



269 



C'est pour niieux te caresser, mon enfant. 
Oh! comme vous avez une grande langue, grand'maman! 
Cest pour mieux r^pondre aux gens, mon enfant 
Oh! comme vous avez des grands crocs blaues pleiu la 
bouche, grand'maman! 

Cest pour croquer les p'tits enfants! 

Et le Loup ouvre la gueule toute grande pour engloutir 
Blanchette . . . 

Mais eile baisse la töte en appelant : Maman ! maman ! et le 
Loup n'attrape que son petit chaperon. 

Aussitöt, ai'e! aie! il recule en criant et secouant la mächoire 
comme s'il avait avale* des charbons ardents. 

Ce*tait le petit chaperon couleur de feu qui lui avait brüte 
la langue jusqu'au fond du gosier! 

Le petit chaperon, vous le voyez, e*tait un de ces capets ou 
bonnets magiques comme on en avait au temps passö, dans les 
contes, pour se rendre invisible ou invuln^rable. 

Et voilä le Loup, avec sa gueule brülle, qui saute ä bas du 
lit et qui cherche la porte en hurlant, hurlant comme s'U avait 
k ses trousses tous les chiens du pays. 

Juste en ce moment arrive la grand'mfere, qui revenait de 
la ville avec son long sac vide sur l^paule. 

Ah, brigand! s'6crie-t-elle, attends un peu! 

Vite, eile ouvre son sac tout grand en travers de la porte, 
et le Loup affotä pique dedans töte baiss^e. 

Cest lui maiutenant qui e*tait pris, gob6 comme une lettre 
ä la poste! 

Car la brave vieille referme son sac, crac! et eile court le 
vider dans le puits, oü le chenapan, toujours hurlant, dögringole 
et se noie. 

Ah, grediu! tu croyais croquer ma p'tite fille ! Eh bien, 
d'main nous lui frons d' ta peau un manchon, et nous donnerons 
ta carcasse k manger aux chiens. 

Lä-dessus, la grand'mfere courut rhabiller la pauvre Blan- 
chette, qui tremblait encore de peur dans le lit. 

Eh bien! lui dit-elle, sans mon p'tit chap'ron, oü s'rais-tu ä 
präsent, mignonne? . . . 

Et pour redonner du cceur et des jambes ä l'enfant, eile lui 



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270 



Variantes orales. 



fit manger un bon morcean de sa galette, apr&s quoi eile la prit 
par la main et la reconduisit k la maison. 

Et alors, qui gronda bien fort quand eile apprit comment 
tout s'&ait pass£? Ce fut la maman. 

Mais Blanchette promit et repromit si bien de ne jamais 
plus s'arrßter ä £couter un loup, qu'enfin la maman pardonna. 

Et Blanchette, le petit Chaperon d'or, a tenu parole. Et 
quand il fait beau temps, on peut la voir encore aujourd'hui aux 
champs avec son joli petit chaperon couleur de soleil. 

Mais pour cela il faut se lever matin. 

Les deax rats et leur gendre. 

H y avait une fois au Japon un rat et sa rate, gens de 
noble race, qui avaient une fille extraordinairement belle. Iis en 
£taient aussi extrßmement fiers, et r£vaient pour eile, maLs chacun 
d'eux ä sa manifere, un beau mariage. Rat de coeur et d'äme, 
le pfcre, lui, ne voyait point de gendre plus souhaitable qu'un 
jeune raton de grande maison dont il remarquait l'empresseraent 
autour de la jeune personne. Ce parti, tout brillant qu'il fut, 
paraissait, au eontraire, inacceptable ä la mfere. Comme tant de 
gens qui se croient faits d'une pftte particulifere, eile n'avait pour 
sa propre espfcce qu'une trfes petite estime, et ambitionnait, eile, 
une alliance jusque dans les plus hautes sphfcres. Ad astral 
jusqu'aux astres! voilä ma devise, r£p£tait-elle toujours; et quand 
on a une fille si belle qu'on peut dire qu'il n'y a rien au-dessus 
d'elle, on peut bien pr^tendre un gendre qu'il n'y ait aussi rien 
au-dessus de lui. 

Alors adresse-toi donc tout de suite au soleil, lui dit un jour 
le pfere impatient£. C'est au-dessus de celui-lä qu'il n'y a rien. 

Justement, j'y pensais, r£pondit-elle ; et, puisque tu le veux, 
nous lui ferons d£s demain notre visite. 

Et le lendemain, dfcs le matin, le pfere rat cahin-caha, et la 
mfere rate droite et fifcre sur ses pattes, s'en allferent ensemble 
präsenter leur belle ratonne au soleil. 

Seigneur astre, ainsi parla la mfere, voici notre fille unique. 
Elle est si belle, qu'il n'y a rien au-dessus d'elle. Naturelle- 
ment nous voulons un gendre aussi qu'il n'y ait rien au-dessus 



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Variante« orales. 



271 



de loi; et, comme vous voyez, c'est ä vous le premier que nous 
avons pense*. 

Extremement flatte* ... dit le soleil ; mais vous me f aites 
trop dTionneur: il y a quelqu'un au-dessus de moi, c'est le nuage, 
Regardez . . . 

Au meme instant arrive le nuage, qui d'un seul coup esca- 
mote le soleil avec tous ses rayons. 

Eh bien, parlons au nuage, dit la mere rate sans se decou- 
certer. 

Tres honore* ! . . . r£pond ä son tour le nuage, mais vous 
vous trompez d'adresse: il y a quelqu'uu au-dessus de moi, c'est 
le vent. Vous allez voir. 

Au meme raoment arrive le vent, qui d'un seul coup balaye 
au loin le nuage. Apres quoi, bousculant le pere, la mere et la 
fille, il s'abat pele-mele avec eux au pied d'un vieux mur. 

Vite, la mere rate se redresse sur ses pattes, et re*pete au 
vent son compliment 

Adressez-vous donc au mur, re*pond en maugreant le vent. 
Vous voyez bien qu'il est au-dessus de moi, puisqu'il m'arrete 
et me force ä reculer. 

Preste, alors la mere rate fait volte-face et presente sa fille 
au mur. 

Ah! mais, ici, la jeune personne fit comme le vent, eile recula. 

Celui que dans son cceur eile mettait au-dessus de tout, c'e*tait 
le gentil raton qui l'aimait. Cependant, pour complaire ä sa mere, 
eile voulait bien e*pouser le soleil, malgre* ses rayons aveuglants, 
ou le nuage, malgre* son air maussade, enfin meme le vent, mal- 
gre* ses brusques f acons ; mais un vieux mur delabre* ! . . . non ! 
eile pr£fe*rait maurir. 

Heureusement le mur s'excusa comme les autres. 

Certainement, dit-il, je puis faire reculer le vent, qui peut 
balayer le nuage, qui peut escamoter le soleil; mais il y a 
quelqu'un qui fait plus que tout cela, c'est le rat, car il me passe 
au travers du corps, il pourrait meme, s'il voulait, me recluire 
en poudre, simplement avec ses dents. Croyez-moi, ne cherchez 
pas un autre gendre. Cest au-dessus du rat qu'il n'y a rien. 

Eh bien! femme, eh bien! s'ecria le pere rat triomphant, te 
Pai-je pas toujours dit? 



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272 



Variantes orales. 



C'est pourtant vrai ! fit la mere rate £merveiH£e, et devenue 
subitement toute glorieuse de porter un si beau nom. 

Hs retournerent tous les trois tres contents ä la maison, et 
le lendemain la jolie ratonne 6pousa son gentil raton. 

Le Preneur de rats. 

II y a de cela bien longtemps, la ville de Hamel, en AUe- 
magne, fut envahie par des Bandes de rats comme jamais ou 
n'en avait vus ni n'en reverra. 

C'e'tait de gros animaux tout noirs, qui couraient hardiment 
en plein jour par les nies et fourmillaient tellement partout dans 
les maisons, que les geus ne savaient tantöt plus oü poser le 
pied ni la main sans en toucher un. Le matin, en s'habillant, 
iLs les trouvaient dans leurs chausses et dans leurs cottes, dans 
leurs poches et dans leurs bottes, et quand ils voulaient manger 
un moreeau, la horde vorace avait tout raAe* de la cave au grenier. 

La nuit c'&ait encore pis. Aussitöt les lumieres £teintes, 
ces rongeurs infatigables se mettaient ä- leur besogne. Et, par- 
tout, dans les plafonds, dans les planchers, dans les armoires, 
ä toutes les portes, c^tait une chasse, un remue-me*nage, un bruit 
enrage* de vrilles, de pinces et de scies ä ne pas laisser un sourd 
reposer tranquillement une heure durant. 

Ni chats ni chiens, ni poison ni pieges, ni prieres, ni cierges 
brtiles ä tous les saints, rien n'y faisait rien. Plus on en tuait, 
plus il en revenait. Et les habitants de Hamel commeucaient 
ä se donner au diable, lorsqu'un certain vendredi arriva dans 
leur ville un homme de figure Strange, qui jouait de la corne- 
muse et chantait ce refrain: 

Qui vivra verra: 
Le voilä, 
Le preneur de rats! 

C&ait un grand escogriffe, sec, bronzä, nez busque*, longue 
moustache en queue de rat, deux gros yeux percants et moqueurs 
sous un large feutre noir, rehausse* d'une plume de coq ^carlate, 
II £tait habille* d'un casaquin vert ä ceinture de cuir, avec des 
chausses rouges et aux pieds das sandales retenues par des 
lanieres eutrelac^es autour des jambes ä la facon des Zingaris. 



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Variantes orales. 



273 



Cest ainsi qu'on le voit encore aujourdTiui repr£sent£ sur 
un des vitraux de la cath£drale de Hamel. 

U s'arröta sur la grande place du marchä, devant Wiötel de 
ville, tourna le dos ä r^glise, et continua sa musique en chantant: 

Qui vivra verra: 

Le voila, 
Le preneur de rata! 

Justement le Consefl des bourgeois £tait assemble* pour d&- 
lib^rer encore une fois sur cette plaie d'^ypte dont personne 
ne savait comment delivrer la ville. 

L'e*tranger fit dire aux conseillers que, s'ils voulaient y mettre 
le prix, il les d£barrasserait de tous leurs rats avant la fin de 
la journ^e, jusqu'au dernier. 

Alors, c'est un soraer! s'&rifcrent d'une seule voix tous les 
bourgeois, il faut nous melier. 

Le bourgmestre, qui passait pour un habile homme, les rassura. 

H leur dit: Sorcier ou non, si ce cornemuseux dit vrai, c'est 
lui certainement qui nous a envoy6 la vennine infernale, dont il 
veut aujourdTiui nous delivrer ä prix d'argent. Eh bien, il faut 
savoir prendre le diable lui-möme ä ses propres filets. Laissez- 
moi faire. 

Laissons faire le bourgmestre, se dirent les bourgeois. 
Et l^tranger fut amenl devant eux. 

Dfes ce soir, dit-il, j'aurai exp£di£ tous les rats de Hamel, 
si vous voulez seulement me les payer un gros* par töte. 

Un gros par töte! s'ecrifcrent encore les bourgeois, mais cela 
peut faire k la fin des milliers de florins! 

Le bourgmestre haussa simplement les fyaules et dit ä 
F^tranger: 

Marche* fait Allez, op^rez; les rats vous seront pay£s un 
gros par töte, comme vous le demandez. 

Le cornemuseux annon9a qu'il op^rerait le soir möme au 
lever de la lune. H ajouta que les habitants devaient h cette 
heure-lä laisser les rues libres et se contenter de regarder de 



* Mon conteur pensait-il ici ä Fanden groschen alleinand ou ä Pan- 
cienne monnaie francaise dite gros de Nesle qui valait au seizieme siecle 
2 sous 6 deniers? . . . 

Archiv f. n. Sprachen, LXXXI. 18 




274 



Variantes orales. 



leurs fenötres ce qui se passerait, et que ce serait un plaisant 
spectacle. 

Quand les gens de Hamel apprirent ce marchä, eux aussi 
ils s'&rifcrent: Un gros par töte! mais c'est un argent d'enfer 
que cela va nous coüter. 

Laissons faire le bourgmestre, leur dirent alors d'un air 
malin les bourgeois du Conseil. 

Et les bonnes gens de Hamel r6p£tferent avec leurs con- 
seillers: Laissons faire le bourgmestre. 

Vers neuf heures du soir le cornemuseux reparut sur la 
grande place. H tourna comme la premifere fois le dos ä l'^glise, 
et, au moment oü la lune se levait k l'horizon, trarira, trari! 
la cornemuse retentit. 

C&ait d'abord une musique lente, caressante, puis de plus 
en plus vive et pressante, et si sonore et per9änte qu'elle p£n&- 
trait jusque dans les ruelles et les räduits les plus recul^s de 
la ville. 

Bientöt, du fond des caves, du haut des greniers, de dessous 
tous les meubles, de tous les coins et recoins des maisons, voici 
les rats qui sortent, qui cherchent la porte, qui s^lancent dans 
la rue, et trip, trip, trip, se mettent ä courir ä la file vers la 
place de l'hdtel de ville, si pressds les uns contre les autres qu'ils 
couvraient le pav£ comme les vagues d'un torrent d6bord& 

Quand la place en fut toute remplie, le cornemuseux fit 
volte-face, et, toujours sonnant vivement, il se dirigea vers la 
rivifere qui coule au pied des murs de HameL 

Arriv£ lä, il se retourna. Les rats le suivaient. 

Hop! hop! s'&ria-t-il en montrant du doigt le milieu de la 
rivifcre oü Peau tourbillonnait et s'engoufiTait comme dans un 
entonnoir. 

Et hop ! hop ! sans h&iter, les rats faisaient le saut, nageaient 
droit ä Tentonnoir, plongeaient la töte la premifere et disparaissaient 

Le plongeon dura sans discontinuer jusqu'ä minuit 

A la fin, arriva en se trainant p&riblement un gros rat tout 
blanc de vieillesse, qui s'arr£ta sur le bord. 

C&ait le roi de la bände. 

Y sont-ils tous, compfere Blanchet? lui demanda le corne- 
museux. 




Variante* orales. 275 

Iis y sont tous, r^pondit le compere Blanchet. 
Et combien e*taient-ils? 

Neuf cent nonante mille neuf cent nonante-neuf. 
Bien comptes? 
Bien comptes. 

Va donc maintenant les retrouver, vieux sire, et au revoir. 

Alors le vieux rat blanc sauta ä son tour dans la riviere, 
nagea jusqu'au tourbillon, et disparut 

Quand le cornemuseux eut ainsi termine* sa besogne, il alla 
se coucher ä son auberge. Et, pour la premiere fois depuis trois 
mois, les gens de Hamel donnirent toute une nuit tranquilles. 

Le lendemain matin, ä neuf heures, le cornemuseux se rendit 
ä lTiötel de ville oü le Conseil des bourgeois l'attendait 

Tous vos rats ont fait hier le saut dans la riviere, dit-il 
anx conseillers, et je vous garantis que pas un ne reviendra. 
Iis ätaient neuf cent nonante mille neuf cent nonante-neuf. 
A un gros par tete, comptez. 

Comptons d'abord les tetes, repondit le bourgmestre. Un 
gros par töte, c'est une töte par gros. Oü sont les tetes?* 

Le preneur de rats ne s'attendait pas ä ce coup de jarnac. 
D palit de colere et ses yeux lancerent des flammes. 

Les tetes! s'ecria-t^il, si vous y tenez, allez les chercher 
dans la riviere. 

Donc, reprit le bourgmestre, vous refusez de vous tenir aux 
tennes de votre marche\ Nous pourrions, nous, vous refuser 
tout paiement. Mais vous nous avez rendu Service, nous ne 
vous laisserons pas partir sans recompense. 

Et il lui offrit cinquante ecus. 

Gardez votre recompense pour vous, riposta fierement le 
preneur de rats. Si vous ne me payez pas, je me ferai payer 
par vos hentiers. 

Lä-dessus, il enfonca son chapeau sur ses yeux, quitta brusque- 
ment la salle, et sortit de la ville sans dire un mot ä personne. 

Quand les Hamelois apprirent comment l'affaire s'&ait ter- 
minee, ils se frotterent les mains, et, sans plus de scrupule que 

* A ma connaissance, la ruse qu'emploie ici le bourgmestre ne figure 
dans aucun texte allemand; c'est aussi la Variante capitale de la prä- 
sente version. 

18* 



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276 Variantes orales. 

leurs conseillers et leur bourgmestre, ils se moquerent avec eux 
du preneur de rate, qui, disaient-ils, s'^tait pris ä son propre 
piege. Mais ce qui les fit surtout bien rire, ce fut sa menace 
de se faire payer par leurs h<*ritiers. Ha! ils se souhaitaient 
seulement jusqu'ä la fin de leurs jours de pareils cre*anciers. 

Le lendeniain, qui £tait un dimanche, ils se rendirent tous 
gaiment h l'eglise, en songeant qu'apres la messe ils pourraient 
enfin manger un bon morceau dont les rate n'auraient pas täte* 
avaut eux. 

Hs ne se doutaient guere de la terrible surprise qui les 
attendait ä leur retour ä la maison. 

Plus d'enfante nulle part, tous avaient disparu. 

Nos enfante! oü sont nos pauvres enfante? c'est le cri qu'on 
entendit bientöt dans toutes les rues. 

Alors arriverent par la porte Orientale de la ville trois petits 
gar9ons qui criaient et pleuraient, et voici ce qu'ils raconterent: 

Pendant que les parente £taient ä Peglise, une musique mer- 
veilleuse avait retenti. Bientöt tous les petite gar9ons et toutes 
les petites filles qu'on avait laisse*s dans les maisons £taient sortis, 
attir^s par les sons magiques, et s'e*taient precipit^s vers la grande 
place du marche*. Hs avaient trouve* lä le preneur de rate, jouant 
de sa cornemuse au ni&me endroit que la veille. Alors l^tranger 
s'&ait mis ä marcher vite, et ils l'avaient suivi en courant, chan- 
tant et dansant au son de la musique jusqu'au pied de la nion- 
tagne qu'on voit ä l'entr^e de Hamel. A leur approche la mon- 
tagne s^tait cntr*ouverte et le cornemuseux y 6tait entre* avec 
eux, puis eile s'&ait referme*e. Seuls, les trois petite qui racon- 
taient Paventure e'taient restes dehors comme par miracle. L/un 
e*tait bancal, et n'avait pu courir assez vite; Pautre, qui avait 
quitte* la maison ä la häte, un pied chausse* et l'autre nu, s'&ait 
blesse* contre une grosse pierre, et ne marchait qu'avec peine. 
Le troisieme, lui, £tait arrive" h temps; mais en se pressant pour 
entrer avec les autres, il avait heuTte* si violemment contre la 
paroi de la montagne qu'il 6tait tombe* ä la renverse au moment 
oü eile se refermait sur ses camarades. 

A ce r£cit les parente redoublerent leurs lamentations. Hs 
coururent avec des piques et des pioches ä la montagne, et cher- 
cherent jusqu'au soir Fouverture par oü leurs enfante avaient 



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Variante« orales. 



277 



disparu, sans parvenir k la trouver. Enfin, ä la nuit tombante 
ils rentrfcrent d<*sotes dans HameL Mais le plus afflig£ de tous, 
c'e'tait le bourgmestre, car il perdait trois petite gar^ons et deux 
jolies petites filles, et, pour comble, les Hamelois l'accablaient de 
reproches, oubliant que la veille ils £taient tous d'accord avec luL 
Qu^taient devenus tous ces enfants? 

Les parents espe*rfcrent toujours qu'ils n'&aient pas morts, 
et que le preneur de rats, qui certainement avait dü sortir de 
la niontagne, les aurait emmen^s avec-lui dans son pays. C'est 
pourquoi durant plusieurs ann£es ils envoyferent ä leur recherche 
en diffe'rentes contr&s, mais personne ne parvint k retrouver la 
trace des pauvres petite. Ce n^tait que bien plus tard qu'on 
devait en avoir des nouvelles. 

En effet, cent cinquante ans environ aprfcs l^vfenement, alors 
qu^il ne restait plus personne ni des pferes ni des meres, ni des 
frferes ni des soeurs de ce temps-lä, arrivfcrent un soir dans Hamel 
des njarchands de Brdme qui revenaient d'Orient et demandferent 
ä parier aux bourgeois. Bs racontfcrent qu'en traversant la Hon- 
grie ils avaient sejourm* dans une contr£e montagneuse appeläe 
Transylvanie oü les habitants ne parlaient que la langue alle- 
mande, tandis que tout autour d'eux on ne parlait que le hon- 
grois. Ces gens assuraient aussi qu'ils venaient d'AUemagne, mais 
ils ne savaient pas comment ils se trouvaient dans cet Strange 
pays. Or, dirent les marchands de Bröme, ces AUemands ne 
peuvent £tre que les descendants des enfants perdus de Hamel. 

Les Hamelois n'eu doutfcrent pas; et, depuis ce jour, ils . 
regardent corame certain que les Transylvains de la Hongrie 
sont leurs compatriotes, dont les ancMres, encore enfants, furent 
jadis amenes \k par ld preneur de rats. 

H y a des choses plus difficiles h croire que cela. 

Biquette dans le jardin.* 

Holä! Jean, dit le maitre, Jean part et ne r'vient pas 

Va m' chasser la biquette, Et n' chass' pas la biquette, 

Qui mang 7 tout not' raisin, Qui mang* tout not' raisin, 

Lä-bas, dans V grand jardin. Lä-bas, dans V grand jardin. 

* Cette ritournette ou randonnee figure dejä dans mon Manuel de lec- 
ture, mais seulement en abr6g6j je la donne ici au complet. 



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278 



Variante» orales. 



Holä! F chien, dit le maltre, 
Va m' mordre ce Jean-lä, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang' tout not' raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

L' chien part et ne r'vient pas 
Et n' va pas mordre Jean, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang* tout not* raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

Holä! F fouet, dit le maltre, 
Va m' fouetter ce chien-lä, 
Qui n' va pas mordre Jean, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang' tout not' raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

L' fouet part et ne r'vient pas, 
Et n' va pas fouetter F chien, 
Qui n' va pas mordre Jean, 
Qui n' chasse pas la biquette, 
Qui mang* tout not' raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

Holä! F feu, dit le maltre, 
Va m' brüler ce fouet-lä, 
Qui n' va pas brüler F chien, 
Qui n' va pas mordre Jean, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang* tout not* raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

L' feu part et ne r'vient pas, 
Et n' va pas brüler F fouet, 
Qui n' va pas fouetter F chien, 
Qui n' va pas mordre Jean, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang' tout not* raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

Holä! Feau, dit le maitre, 
Va m' noyer ce feu-lä, 
Qui n' va pas brüler F fouet, 
Qui n' va pas fouetter F chien, 
Qui n' va pas mordre Jean, 



Qui n' chass 1 pas la biquette, 
Qui mang' tout not' raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

L'eau part et ne r'vient pas, 
Et n' va pas noyer F feu, 
Qui n' va pas brüler F fouet, 
Qui n' va pas fouetter F chien, 
Qui n' va pas mordre Jean, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang' tout not' raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

Holä! Fän', dit le maitre, 
Va m' pomper cette eau-lä, 
Qui n' va pas noyer F feu, 
Qui n' va pas brüler F fouet, 
Qui n' va pas fouetter F chien, 
Qui n' va pas mordre Jean, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang' tout not' raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

L'än' part et ne r'vient pas, 
Et n' va pas pomper Feau, 
Qui n' va pas noyer F feu, 
Qui n' va pas brüler F fouet, 
Qui n' va pas fouetter F chien, 
Qui n' va pas mordre Jean, 
Qui n* chass' pas la biquette, 
Qui mang' tout not' raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

Holä! F sab', dit le maitre, 
Va m' sabrer cet än'-lä, 
Qui n' va pas pomper Feau, 
Qui n' va pas noyer F feu, 
Qui n' va pas brüler F fouet, 
Qui n' va pas fouetter F chien, 
Qui n' va pas mordre Jean, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang' tout not' raisin, 
Lä-bas, dans F grand jardin. 

L' sab' part et ne r'vient pas, 
Et n' va pas sabrer Fäne, 
Qui n' va pas pomper Feau, 



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Variante« orales. 



279 



Qui n' va pas noyer 1' feu, 
Qui n' va pas bröler F fouet, 
Qui n' va pas fouetter P chien, 
Qui n' va pas inordre Jean, 
Qui n' chass' pas la biquette, 
Qui mang' tout not' raisin 
La-bas, dans 1' grand j ardin. 

Alors, c'est moi, dit F maitre, 
Qui vais fair' marcher ca. 



La grosse 

Le vieux s'en va dans son jardin 
Pour arracher la gross' carotte; 
II tire, tire la carotte; 
La carott' ne veut pas venir. 

A l'aide! ä l'aide! — Accourt la 
vieille, 

Qui tir* le vieux par sa culotte, 
Qui tire, tire la carotte; 
La carott' ne veut pas venir. 

A l'aide ! ä Paide ! — Accourt le fils, 
Qui tir' la vieille par sa cotte, 
Qui tir' le vieux par sa culotte, 
Qui tire, tire la carotte; 
La carott' ne veut pas venir. 

A l'aide! ä Paide! — Accourt la 
fille, 

Qui tir* le fils par sa culotte, 
Qui tir 1 la vieille par sa cotte, 
Qui tir* le vieux par sa culotte, 
Qui tire, tire la carotte; 
La carott' ne veut pas venir, 

A l'aide! ä l'aide ! — Accourt Bastien, 
Qui tir' la fille par sa cotte, 
Qui tir' le fils par sa culotte, 
Qui tir' la vieille par sa cotte, 
Qui tir' le vieux par sa culotte, 
Qui tire, tire la carotte; 
La carott' ne veut pas venir. 



Et d'un saut Py voilä. 
Et P sab' court sabrer Fane, 
Et Fän' court pomper Peau, 
Et Peau court noyer P feu, 
Et P feu court bruler P fouet, 
Et P fouet court fouetter P chien, 
Et P chien court mordre Jean, 
Et Jean chass' la biquette, 
Qui mangeait tout P raisin . . . 
Et P malt' form' son jardin. 



Carotte. 

Ä Paide! ä Paide! — Accourt Bas- 
tienne, 

Qui tir' Bastien par sa culotte, 
Qui tir' la fille par sa cotte, 
Qui tir' le fils par sa culotte, 
Qui tir' la vieille par sa cotte, 
Qui tir' le vieux par sa culotte, 
Qui tire, tire la carotte; 
La carott' ne veut pas venir. 

Ä Paide! ä l'aide! — Accourt Pabb6, 
Qui tir' Bastienne par sa cotte, 
Qui tir' Bastien par sa culotte, 
Qui tir' la fille par sa cotte, 
Qui tir' le fils par sa culotte, 
Qui tir' la vieille par sa cotte, 
Qui tir' le vieux par sa culotte, 
Qui tire, tire la carotte; 
La carott' ne veut pas venir. 

Ä l'aide! ä Paide! — Accourt Pab- 
besse, 

Qui tir' Pabbe* par sa culotte, 
Qui tir' Bastienne par sa cotte, 
Qui tir' Bastien par sa culotte, 
Qui tir' la fille par sa cotte, 
Qui tir' le fils par sa culotte, 
Qui tir' la vieille par sa cotte, 
Qui. tir' le vieux par sa culotte, 
Qui tire, tire la carotte; 
La carott' ne veut pas venir. 



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280 



Variantes orales. 



Ä Paide! ä Paide! — Accourt le 
porc! . . . 

Qui d'un coup d' groin sort la ca- 
rotte. 

Et crac! le vieux tomb* sur la 
vieille, 

Qui se renverse sur le fils, 
Qui se renverse sur la fille, 
Qui se renverse sur Bastien, 
Qui se renverse sur Bastienne, 
Qui se renverse sur Pabb£, 
Qui se renverse sur Pabbesse, 
Qui se renverse sur ses fesses. 



Mais le vieux brandit sa carotie; 
II se releve et tir* la vieille, 
La vieilP se r'leve et tir* le fils, 
Le fils se r'leve et tir' la fille, 
La filP se r'leve et tir* Bastien, 
Bastien se r'leve et tir' Bastienne, 
Bastienn' se r'leve et tir* Pabbä, 
L'abbe* se r'leve et tir' Pabbesse, 
L'abbess' se r'leve et s* f rott* les fesses. 
Et tous s'ecrient: Ah! quell 1 carotte! 
Pour Pavoir je donn'rais ma cotte, 
Moi ma culott', moi ma calotte, 
Ahl quell' carotte 1 



(La suüe prochainement.) 



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Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 

Vorwort. 

Als ich vor der Ausarbeitung meines Themas mich mit der 
Lektüre der lyrischen Gedichte des Andreas Gryphius beschäf- 
tigte, begegneten mir in denselben immer und immer wieder die 
gleichen Gedanken in fast gleichem Ausdruck und fast gleicher 
Form. Aber dazwischen fanden sich Stellen so lauterer und 
wahrer Poesie, dafs vor ihnen alles Manierierte, Unwahre und 
Übertriebene zurücktrat und die Empfindung völlig die Oberhand 
gewann: Gryphius war ein Dichter von Gottes Gnaden und hat 
auch in seiner Lyrik Grofses und Bleibendes geschaffen. 

Ich weifs die Gedanken, die mich bei meiner Arbeit erfüllten 
und von denen ich mich leiten liefs, nicht besser zu veranschau- 
lichen, als durch folgendes Bild: 

Wir betreten eine jener Wiesen in den Niederungen, auf 
denen ein hohes prachtiges Riedgras wächst, auf denen sich aber 
verhältnismäßig wenige Blumen finden. Da werden wir wohl 
anfanglich einige Halme des Grases nehmen und sie bewundern 
ob ihrer Grö&e und Üppigkeit. Aber sehen wir immer nur die- 
selben Halme, immer nur dasselbe Gras, so werden wir dies 
9 doch auf die Dauer monoton und langweilig finden. Wie freuen 
wir uns aber, wenn dann plötzlich ein Blümleiu, ein wahres 
farbenlachendes Blümlein grüfst aus dem einförmigen Grün. Wir 
werden uns laben an seinem Duft und Glanz und werden es 
höher achten als den ganzen übrigen öden Graswald. 

Diese Blumen zu sammeln und nach Kräften aufmerksam 
zu machen auf ihre Schönheit und Lieblichkeit, das soll der 
Zweck meiner Arbeit sein. 



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282 



Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



Ich betrachte die lyrischen Gedichte des Andreas Gryphius 
in Bezug auf ihre Schönheit und ihren dauernden Wert als solche 
und gebe von literarhistorischem und kulturgeschichtlichem Ma- 
terial nur das zum Verständnis der Dichtungen in obigem Sinne 
Allernotwendigste. 

Man könnte mir nun einwenden, meine Arbeit werde dann 
wohl nichts als subjektive Anschauungen und vielleicht Phrasen 
enthalten. 

Ich habe jedoch diese Anschauungen und Gedanken stets 
nach bestem Vermögen begründet. Überdies führe ich noch 
einen gewaltigen Verteidiger für dieselben ins Treffen, nämlich 
die citierten Dichterstellen selbst. 

Was unschön, unwahr und manieriert, und wodurch es dies 
ist, das miife fast immer zu beweisen sein, wodurch aber eine 
Stelle lyrisch-schön, zart und ergreifend wirkt, das kann uns 
häufig nur unser poetisches Gefühl sagen, aber beschreiben können 
wir es mit dem besten Willen nicht. 

Hier sollen dann die obigen Dichterstellen mich unterstützen 
und für sich selbst eintreten. 



Wir kommen nun zur Ausführung selbst und beginnen mit 
a) Sonette. 

Die ersten deutschen Gedichte, mit denen A. Gryphius her- 
vortrat, werden die „Sonn- und Feiertagssonette u gewesen sein, 
die im Jahre 1639 bei Elzevier in Leyden erschienen. Diese 
Ausgabe zerfällt in zwei Teile (das erste und zweite Buch, wie 
Herrn. Palm einteilt, und welche Anordnung wir beibehalten), 
deren erster, Buch 1, Joh. Friedr. v. Sack, Erbherrn auf Thier- 
garten (cf. Son. 24, B. HI) und einem Verwandten Jac. Ressius 
gewidmet ist. Den zweiten Teil, Buch 2, hat der Dichter seinem 
Neffen, dem Sohne seines (1640 gestorbenen) Bruders Paul zu- 
geeignet. 

Die zweite Ausgabe von Sonetten erfolgte 1643 ohne Orts- 
angabe. Diese Sonette (Palm B. 3), welche teils religiöse, teils 
profane Stoffe behandeln, sind „den Herren Joh. Heinr. Schmidt, 



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Lyrische Dichtungen des Andreas Oryphiu». 283 

Christian Schmidt v. Schmidefeld 44 gewidmet (sie bilden in allen 
späteren Ausgaben das erste Buch). Diese Sonette zusammen 
mit den zwei Büchern Sonn- und Feiertagssonetten (die letzteren 
aber unvollständig) erschienen zugleich mit dem Trauerspiele Leo 
Armenius und zwei Büchern Oden im Jahre 1650 in der Frank- 
furter Ausgabe unter dem Titel „Teutsche Reimgedichte bei 
Joh. Hüttner 1650 44 , welcher Titel jedoch nebst fünf in der 
Sammlung enthaltenen Sonetten Gryphius nicht angehört und 
welche Zuthaten er selbst getilgt sehen wollte, „da man ihm 
einen schlechten Gefallen hiermit erwiesen 44 . 

Diese Ausgabe ist wesentlich verschieden von den früheren, 
da die Sonette (wahrscheinlich während des Dichters Aufenthalt 
in Strafsburg) eine durchgreifende Umarbeitung erfahren hatten. 

Das zweite Buch der Sonette (Palm B. IV) bilden neue Ge- 
dichte, verschiedene Stoffe behandelnd. Es ist gewidmet Herrn 
Wolfg. v. Popschitz, dem Reisegefährten des Dichters durch 
Holland und Frankreich. Die nun folgenden Ausgaben in den 
Jahren 1657 bei Joh. Lischken, und 1663 in Breslau bei Veit 
Jac. Treschern, gedruckt bei Joh. Erich Hahn, enthalten die So- 
nette vollständig. 

Nach Gryphius' Tode wurde von dessen Sohn Christian Gry- 
phius eine Gesamtausgabe der Werke seines Vaters veranstaltet, 
die aus dem Nachlasse des Dichters noch ein Buch Sonette 
(Palm B. V) und die „vermischten Gedichte 44 enthält. Der Titel 
lautet: r Andrere Gryphii um ein Merkliches vermehrte Teutsche 
Gedichte 44 . Breslau u. Leipzig. In Verlegung der Fellgiebelischen 
Erben 1698. 

Jul. Tittmann erwähnt noch eine Ausgabe „Sonn- und Feyer- 
tags Sonnet M. Andr. Gryphii. P. L. C. 44 (Gotha. 12. Im Jahre 
1660.) — 

Die Sonn- und Feiertagssonette des ersten Buches, von denen 
der Dichter — wohl allzu bescheiden, meint Herrn. Palm — sagt, 
es seien zarte Frühlingsblumen, die ihm das Elend der Zeit übrig 
gelassen, sind sinnige Dichtungen, die sich eng an die Evangelien- 
themata anschließen, so eng, dafs sie der Entfaltung einer dichte- 
rischen Individualität keinen Spielraum lassen. Sie sind der Aus- 
druck einer kindlich frommen, gläubigen Seele, die in ihrer 
zweifelfreien Hingabe an Gott sich gedrungen fühlt, an des 



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284 Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 

Höchsten Wort sich wieder und wieder zu erbauen. Gryphius 
reproduziert nun das in sich ^Aufgenommene, und gemäfs der ihm 
innewohnenden dichterischen Kraft giebt er diesen Reproduktionen 
poetische Gestalt, indem er bald seine Stoffe paraphrasiert, bald 
stibjektiviert, d. h. sich z. B. in die Gedanken und Gefühle des 
versuchten, kämpfenden, leidenden Christus etc. hineinversetzt 

Die poetische Form ist durchgängig harmonisch und schön, 
wobei übrigens nicht zum wenigsten der poetische Inhalt der 
Evangelienthemata selbst beiträgt. 

Wirkungsvolle Antithesen und Häufungen finden sich nicht 
selten. Aber alles in allem können wir gerade in diesen Dich- 
tungen das selbständige dichterische Schaffen (wie es auch bei 
diesen Objekten und des Dichters Stellung ihnen gegenüber nicht 
anders sein kann) nicht finden. Sein lutherisches, „in Christo 
gefangenes Gewissen" empfängt die Gedanken von der Heiligen 
Schrift, und er giebt dieselben wieder unverändert zurück, nach- 
dem er sie mit dem, was er selbst als Opfer bieten kann, mit 
den Blüten seiner dichterischen Phantasie dankbar und andachts- 
voll geschmückt hat. — 

Anders verhält es sich mit den nun folgenden übrigen Büchern 
der Sonette. 

Diese Dichtungen, welche, wie oben gesagt, verschiedene 
Stoffe behandeln, zeigen uns den wirklichen Andreas Gryphius 
in seiner Abwendung von der Welt, in seiner Lust, die Ver- 
gänglichkeit alles Irdischen in krasser, nackter Gestalt vor Augen 
zu stellen, und in seiner schwärmerischen Hingabe an das Ewige, 
Züge, die überall und oft bis zur Ermüdung in fast gleicher 
Form wiederkehren, aber sie zeigen uns auch den wahren Dichter 
Gryphius in Stellen von lauterer poetischer Schönheit unvergäng- 
lichen Wertes. 

Gehen wir auf diese Werke etwas näher ein, um die Rich- 
tigkeit obiger Behauptungen zu prüfen. 

Nach einigen religiösen Themen und Paraphrasen von Stellen 
aus lateinischen Dichtungen der Jesuiten Jac. Bidermanu, Math. 
Cas. Sarbievius etc. finden wir in B. HI. 1,* Sonett Nr. VIEL 4 : 
„Es ist alles eitel" : 

* Die römischen Zahlen beziehen sich auf die Ausgabe von Herrn. 
Palm, die arabischen auf diejenige von Jul. Tittmaun. 



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Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



285 



Was dieser heute baut, reifst jener morgen ein ; 
Wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein, 
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden. 

Das ist wahre Poesie, das quoll aus reinem Diehterherzen. 
Die Stadt in Schutt zerfallen, Gras wächst über 9ie und ein un- 
schuldig Kind spielt mit den Herden auf den Zeugen der Ver- 
gänglichkeit des Irdischen. 

Wie versöhnend wirkt dies Bild des reinen jungen Lebens 
inmitten der Vernichtung, des Vergehens. Unwillkürlich fühlen 
wir uns erinnert an Walther von der Vogelweide, der ebenfalls 
Naturbilder durch eingefügte Scenen aus dem Menschenlel>en 
poetisch zu verklären wufste, wie nur der wahrhafte Dichter es 
vermag. 

Schaden bringst Winter du uns überall, 
Felder und Wälder sind beide nun kahl. 
Früher war dorten manch lieblicher Hall 
Säh ich die Mägdlein am Weg doch den Ball 
Werfen, so käm uns der Vögelein Schall. 

Ebenso schön empfunden wie das vorhergehende ist nun 
das folgende 5. IX. Sonett: „Thränen in schwerer Krankheit u . 
Es ist ja wohl derselbe Stoff wie in vielen anderen Dichtungen 
von Gryphius, aber wie ungleich einfacher, wahrer und deshalb 
auch mehr zu Herzen sprechend ist dies Gedicht im Vergleich 
zu den meisten übrigen desselben Themas, die uns schwülstig, 
unwahr, gemacht erscheinen. 

Der Grund dieser Schwülstigkeit und Unwahrheit, die sich 
oft recht störend bemerkbar macht, dürfte wohl in Folgendem 
zu suchen sein. 

Die Zeiten unseres Dichters waren, wie wir wissen, schwer 
und hart, alle Greuel und Schandthaten hatten sich tagtäglich 
dem Auge dargeboten, und Trübsal aller Art hatte das Volk über 
sich ergehen lassen müssen. Der Sinn der meisten war stumpf 
und taub geworden für sanft mahnende Stimmen, mochten sie 
auch aus tiefstem Herzen kommen, nur Donnerworte und Glocken- 
töne waren im stände, noch an das Gewissen, an die Herzen zu 
dringen. 

Der Dichter, der in seinem Glauben, seinen sittlich hohen 
Anschauungen sein Glück findet, giebt seinen Empfindungen 
poetischen Ausdruck. In dem Drange nun, auch seinen Mit- 
menschen dies Glück, diese Ruhe des Herzeus mitzuteilen, kleidet 



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286 Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphiufi. 

er, vielleicht unbewufst dem Zuge der Zeit folgend, seine Ge- 
danken und Empfindungen in jene Donnerworte, läfst die Blut- 
trompete Christi zum jüngsten Gerichte rufen (s. Son. XII. 8), 

nimmt von den Gräbern ihre Hülle und — verliert dabei die 

einfache Sprache des Herzens, die ursprüngliche Poesie der Ge- 
danken und giebt einen geistlichen Mahnruf, eine schwungvollere 
Predigt, aber kein Gedicht. 

Ganz anders hier in unserem Sonett. Hier sind die ein- 
fachen Empfindungen in einfachen Worten wiedergegeben. Wie 
unmittelbar ergreift uns die stille Resignation in seinen Worten: 

Wer sieht nicht, wenn er sieht, dafs dies mein schwaches Haus, 
Der Leib, zerbrechen wird noch inner wenig Stunden; 
Gleichwie die Wiesenblum' lebt, wenn das Licht der Welt 
Hervorbricht und noch eh der Mittag weggeht, fällt. 
So bin auch ich benetzt mit Thränentau ankommen, 
So sterb ich vor der Zeit. O Erden gute Nacht, 
Mein Stündlein lauft zum End, jetzt nab ich ausgewacht 
Und werde von dem Schlaf des Todes eingenommen. 

Vergleichen wir mit diesem Gedicht den Cyklus von So- 
netten XLV (34) bis XLIX, so sehen wir hier schon einen 
grofsen Unterschied. In dem ersteren giebt uns der Dichter die 
Empfindungen, wie er sie empfunden, einfach und schlicht, in 
den letzteren reflektiert er über diese Empfindungen und giebt 
sie uns zusamt den Reflexionen in schöner abgerundeter, künst- 
licher Form. Dort ist der Dichter und sein Ich eins, hier steht 
er seinem Ich beobachtend gegenüber. Das erstere Sonett kann 
während der schlimmsten Zeit der Krankheit gedichtet sein, von 
den letzteren glauben wir dies niemals. Übrigens dürfen wir 
wohl beide zu den besten lyrischen Erzeugnissen unseres Dich- 
ters zählen. 

Es folgen nun weitere Sonette mit persönlichen Beziehungen, 
auf seinen (1621 "f") Vater Paul und auf seine (1628 -f") Mutter 
Anna Erhardina. Beide Gedichte atmen warme Liebe und sind 
von poetischer Schönheit. Weiter finden wir Sonette an den 
Pfalzgrafen und Kammerfiskal Georg Schöuborner, in dessen 
Familie Gryphius Hauslehrer war und von dem er am 30. No- 
vember 1637 mit dem Dichterlorbeer gekrönt wurde. Sodann 
auf seines Bruders Paul Verbannung und ein Gedicht an seinen 
Stiefvater M. Michael Eder. Dieses wird von Jul. Hermann 



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Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



287 



kalt und förmlich gefunden und als Zeugnis für ein unfreund- 
liches Verhältnis, das zwischen Gryphius und seinem Stiefvater 
bestanden habe, aufgefafst (nach Herrn. Palm bezögen sich auch 
wahrscheinlich die Stellen „2. Strafgedicht" v. 51 ff. und „In 
einer tödlichen Krankheit" [Venn. Ged.] v. 37 u. 38 auf dieses 
Verhältnis). Wir finden das Gedicht nur ehrfurchtsvoll und 
können von den oben genannten Eigenschaften nichts bemerken. 
Übrigens war unser Dichter nicht der Mann, der jemandem 
gegenüber, vor dem er nicht Ehrfurcht empfand, die Worte aus- 
gesprochen hätte: 



Dafs das Verhältnis zwischen Gryphius und seinem Stief- 
vater, nachdem dies Gedicht geschrieben war, in der Folge sich 
unfreundlich gestaltet habe, ist freilich nicht ausgeschlossen. 
Obiges Sonett aber tragt, soviel wir bemerken können, keinerlei 
Anzeichen dafür an sich. 

Auffällig umfangreich ist die Zahl der Sonette „an Eugenien". 
Wir wissen jedoch nichts weiter von derselben, als dafs unser 
Dichter in innigem Verhältnis zu ihr gestanden sein mufs : „wir, die 
einander kü&ten in unverfälschter Gunst" (B. V. 3, S. LVHI. 25). 
Auch an einen Bund fürs Leben mit ihr mufs Gryphius gedacht 
haben, wie uns B. IV. 2, S. Vffl. 6 zeigt. Sein Herz wünscht 
„die Pein der Bande durch ein Band, das ewig sei, zu brechen 14 . 
Aber es scheint nicht immer völlige Harmonie zwischen ihnen 
geherrscht zu haben, denn in seinem „Neujahrswunsch an Euge- 
nien (B. V. 3, S. LXX 27) seufzt er: „Wenn Gott uns zweien 
nur wollt einen Geist bescheren!" 

Ob wohl das Gedicht „Auf eine Wöchnerin unter eines an- 
deren Namen 44 nicht an eben diese Eugenie gerichtet ist?! Wir 
finden in ihm ganz den leidenschaftlich warmen Ton der Sonette 
„An Eugenien 44 . 



Son. XXVHL 20, B. HZ 1 „An Poetum 1627 ! a wollte 



man als Beweis für die Abfassungszeit der Sonette bringen. Es 
war aber, wie Jul. Hermann richtig bemerkt, psychologisch un- 
möglich, dafs ein elfjähriges Büblein ein so durchdacht raffiniertes 
Schandliedchen sollte gedichtet haben. Strehlke (in Herrigs Archiv) 



Wie selig seid Ihr doch, weil Euch die Ehrenkron, 
Die Wissen nicht allein erlangt für Gottes Thron, 
Der Prinz der Ewigkeit schon wirklich übergiebt. 




288 



Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



lost die Schwierigkeit, indem er bemerkt, dafs in der ältesten 
Ausgabe der Sonette (Leyden 1643), allerdings nur in dieser, 
1637 sich finde statt 27. 

Die Hoehzeitsgedichte, deren wir eine ziemlich grofse Anzahl 
vorfinden, sind meistens Wortspielereien mit den Namen der 
Verehelichten. So wird B. IV, Son. XXXII ein „Hering" für 
Herzenskatzenjammer empfohlen, und in B. IV, Son. LVI wird 
die Königin (Regina!) gepriesen, die sich ein „Schaf tt zum Ehe- 
gespons erlesen. Zum Schlüsse folgt dann meistens eine mehr 
derbe als schöne Hindeutung auf den künftigen Kindersegen. 
Son. XIJV, B. ni: „Grabschrift der Jungfrauschaft auf A. R. 
Hochzeit" leistet in diesem Punkte wirklich Erstaunliches. — 
Poesie oder frischer Humor ist in diesen Gedichten blutwenig 
zu finden. 

Von ihnen stechen in erfreulichster Weise ab die Sonette, in 
denen Gryphius seinen einzelnen Kindern seine Segenswünsche auf 
ihren Lebensweg mitgiebt (so z. B. vorzugsweise schön B. V. 3, 
Son. XXXII. 13: An sein „Röschgin"), überhaupt, die Sonette, 
die sich auf die Vorgänge in seiner Familie beziehen. Hier treten 
uns die Empfindungen des liebenden Gatten und Vaters poetisch 
verklärt in herzgewinnender Weise entgegen. Es sind dies „Ge- 
legenheitsgedichte" im schönsten Sinne des Wortes. Das Vor- 
kommnis gab nicht den Anstois zu dem Entsclüusse, ein Ge- 
dicht zu machen, sondern es gab Aulais zu Empfindungen 
und Gefühlen, die unwillkürlich einen reinen poetischen Ausdruck 
fanden. 

Als kleine Proben des vielen Schönen und wahrhaft Ly- 
rischen in Genius* Sonetten möchten wir noch folgende Stellen 
anf ühren : 

B. V, Son. XII V, „Auf eine Wöchnerin unter eines an- 
deren Namen" : 

Du scheidest und zerreifst das Band in meinem Herzen! 
Doch nein, das Band ist ganz, obschon die Trauerkerzen 
Verlodern über dir und der betrübten Frucht . . . 



Ich irre, mein Gemüt ist aufoer dir bei dir, 
Indem mein mattes Fleisch zerschmelzt in heifsen Thränen. 
Wie? lassest du mich hier, wie, giebst du gute Nacht, 
Indem die Flamme sinkt, indem der Fried erwacht, 
Wie, oder hast du dort, wonach wir hier uns sehnen? 




Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 289 

XLV, „An einen guten Freund auf das Absterben seiner 
Tochter" : 

Sie ging, doch nur voran, um dir die Bahn zu zeigen. 
Sie ging aus fremder Hütt ins Haus, das stets ihr eigen, 
Sie küßt des Höchsten Mund, du küsse seine Handl 

LXVm, „An Eugenien" : 

Doch tritt ihr wertes Bild mir stündlich vor Gesichte; 
Sollt ich denn einsam sein? Ihr Bild begleitet mich! 
Was kann sie, wenn ihr Bild mein Trauern macht zunichte! 

B. IV, Son. VII: 

Was sucht ein blofser Mensch, wenn Jesus Dornen trägt? 
Begehrt der Kriegsmann Rast, wenn man den Fürsten schlägt? 

und endlich B. V, Son. LXIX, „An Eugenien": 

Warum doch will ich hier verziehn, 

Wo nichts denn Unlust ist und kalte Winterluft, 

Weil sie mir noch mein Licht! zu ihren Rosen ruft. 

Ade! Ich mufs von hinnen fliehn. 

Wer länger schmachten will in scharfer Frostespein, 

Wenn ihn der Frühling ruft, mufs des nicht würdig sein. 

Von den Geschmacklosigkeiten seiner Zeit ist Gryphius, wie 
natürlich, nicht frei geblieben. 

Titan, Suada, Themis, Minerva, Phöbus, Cupido, der Parzen 
Rad (!), des Lethe Kluft (!) spuken noch häufig mitten in den 
aDerchristlichsten Gedichten herum. Komisch mutet uns auch 
an, wenn der Dichter Christum den Schlangentreter nennt, oder 
von seiner Mutter sagt (B. III. 1, Son. XII. 9) „die durch Leid, 
Schwindsucht, Angst und Schmerz verzehrten Bein tt , oder „Wer 
sich den Lilien der Wangen widersetzt, mufs doch gewärtig sein, 
dafs ihn die Brust ereile" und ähnliches mehr. 

Auch von unendlichen Häufungen und von Schwere und 
Dunkelheit des Ausdrucks bis zur Unverständlichkeit finden wir 
nicht wenige Beispiele. Das Gröfste in orakelhafter Dunkelheit 
dürfte wohl die folgende Stelle des IV. 4. Sonetts in B. IV. 2, 
„Mitternacht" betitelt, bieten: 

Obzwar die immerdar schimmernde Lichter der ewig schitternden Sternen 

entbrannt, 

Sachet ein fjei&iger Sinn noch zu wachen, der durch Bemühung der 

künstlichen Hand 

Ihm die auch nach uns ankommende Seelen, ihm die anitzt sich hier 

finden, verbunden. 
Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 19 



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Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



Gryphius will hier den Künstler bezeichnen, der durch seine 
mit kunstreicher Hand geschaffenen Werke Mit- und Nachwelt 
mit sich (seinem Geiste) in Verbindung bringt. 

Aber mancher Leser wird wohl damals schon ein leises Vor- 
gefühl des Schillerschen Wortes gehabt haben: „Herr, dunkel 
war der Eede Sinn. a — 

Die Versmafse sind überall (wie auch in den Oden und 
Liedern) geschmackvoll gewählt und den Stoffen angepafst. Die 
Form des Alexandriners ist vorherrschend, daktylische und jam- 
bische Mafse finden sich seltener. 



Das erste Buch der Oden ist des Dichters Freunden Diet- 
loff v. Thiesenhausen, Georg v. Gersdorf und Joh. Dobizensky 
v. Dobtzenitz gewidmet. Es tragt das Datum 15. Mai 1643. 
Die erste Ausgabe, deren Widmung noch drei Namen enthält, 
die aber später in Wegfall kamen, erschien, wie oben gesagt, 
zusammen mit zwei Büchern Sonetten in Leyden 1643. 

Das zweite Buch, datiert vom 15. November 1646, weihte 
Gryphius seinem Freunde und ehemaligen Schüler Joh. Christoph 
v. Schönborn (s. S. 286). Die Frankfurter Ausgabe von 1650 
enthält dieses zweite Buch zusammen mit dem ersten. Das 
dritte Buch (abgeschlossen 1656) ist dein Freunde Joh. Fab. 
Vechner aus Fraustadt und das vierte (abgeschlossen 1652) dem 
Schwager Friedr. Ledel in Danzig zugeeignet. Die beiden Bücher 
erschienen zuerst in der Lischkeschen Ausgabe 1657. — 

Die Bezeichnung „Oden" ist, wie JuL Tittmann bemerkt, 
im weitesten Sinne aufgefafst Für die meisten derselben würde 
der Titel „Geistliche Lieder a als völlig passend erscheinen. Viele 
derselben sind in die Gesangbücher des 17. Jahrhunderts aufge- 
nommen worden. Die „Thränen über das Leiden Christi 41 haben 
durch ihre Aufnahme in Janus' „Passionsmelodien" 1663 eine 
weite Verbreitung gefunden. 

Als Uberschriften der Oden finden wir vorzugsweise Psalm- 
steilen und Erzählungen oder Worte aus dem Alten, und Neuen 
Testament 

Und der Inhalt derselben? . . • 



b) Oden und Lieder. 




Lyrische Dichtungen des Andreas Öryphius. 



291 



Ja, kann es denn für Andreas Gryphius in der Hauptsache 
einen anderen Stoff geben, als vanitas vanitatum vanitas ! Domine 
usque quo, Verleugnung der Welt, Verlangen nach den ewigen 
Hügeln u. s. f. 



Auch hier, wie beinahe überall in seinen Werken, gilt Gry- 
phius' Wahlspruch (B. V, Son. XLIX): 



Die Nichtigkeit der Welt, ihre I/)ckungen, der Wert voller 
Hingabe an das Ewige, die Sehnsucht nach der himmlischen 
Seligkeit, das Bangen vor dem göttlichen Gericht und das Ver- 
trauen auf die Fürsprache Christi und die Gnade des allerbar- 
menden Vaters sind auch hier die sich immer wiederholenden 
Themen, wie in der Gryphiusschen Lyrik überhaupt. Die ein- 
zelnen Lieder sind in der Form meist schön und erhaben ge- 
halten, und manche darunter sind wahre Dichtungen. Es würden 
dies Prädikat viele, vielleicht beinahe alle Lieder verdienen, wenn 
Gryphius sich von dem Banne seiner bis ins Extrem und da- 
durch bis zur Einförmigkeit ausgedehnten Eigenart (Stimmungs- 
farbe möchte ich sagen) freimachen könnte. 

Wie oft beginnt der Dichter — auch in den Sonetten be- 
merken wir dies häufig — mit einer poetischen, aus dem Herzen 
quellenden Bemerkung, da plötzlich kommt Gryphius mit seiner 
Manier und drängt den Dichter zurück, und halb haben wir ein 
wahrhaftes Gedicht, halb ein manieriertes, speciell Gryphiussches 
Lied. — Dafs wir unserem Dichter dies verzeihen müssen im Hin- 
blick auf den Druck der Verhältnisse, unter denen er stand und 
unter denen seine Werke entstanden, ist selbstredend; aber wenn 
wir seine lyrischen Dichtungen auf ihre Schönheit und ihren 
dauernden Wert als solche untersuchen und darstellen wollen, 
so müssen wir sachlich zu Werke gehen, das Ewig-Schöne be- 
trachten und sammeln, das Verfehlte aber und das Vergängliche 
beiseite legen, und wäre es auch noch so vieles und litterar- 
historisch oder kulturgeschichtlich noch so bemerkenswert Wahr- 
haft schöne poetische Stellen finden wir trotz alledem unendlich 
oft, und einem Dichter, wie Gryphius, thut es keinen Abbruch, 
wenn man seine Mängel Mängel und seine Fehler Fehler nennt. 



Man rühme, wie man will, das blüten reiche Feld, 

Wer alles überlegt, wird, tief gesinnter Held, 

Für leichter Rosen Lust die ernsten Disteln achten. 



19* 




292 Lyrische Dichtutigen des Andreas Gryphius. 

Lassen wir einige Dichtungen für sich selbst sprechen. 
B. I. 1, V. 3, „Vanitas mundi tt : 

Was ist die Welt, 

Die mich bisher mit ihrer Pracht bethöret! 
Wie plötzlich fällt, 

Was alt und jung und reich und arm geehret! 
Was ist doch alles, was man allhier findt? 
Ein leichter Wind! 

Das kleine Tier, 

Das Seiden spinnt, verstrickt sich in sein Spinnen. 
So müssen wir 

Durch unsern Fleifs oft unsern Tod gewinnen; 
Viel hat Verstand, und was uns weise macht, 
Ins Grab gebracht. 

O. X. 5, „Vanitas vanitatum vanitas" : 

Die Herrlichkeit der Erden Ist eine Lust, ein Scherzen, 

Mufs Rauch und Aschen werden, Das nicht ein heimlich Schmerzen 

Kein Fels, kein Erz kann Stenn. Mit Herzensangst vergällt? 

Dies, was uns kann ergötzen, Was ist's, womit wir prangen? 

Was wir für ewig schätzen, Wo wirst du Ehr erlangen, 

Wird als ein leichter Traum ver- Die nicht in Hohn und Schmach 
gehn. verfällt. 

Was sind doch alle Sachen, 9 Was pocht man auf die Throne, 

Die uns ein Herze macheu, ' Da keine Macht noch Krone 

Als schlechte Nichtigkeit? Kann unvergänglich sein? 

Was ist des Menschen Leben, Es mag vom Totenreihen 

Der immer um mufs schweben Kein Scepter dich befreien, 

Als eine Phantasie der Zeit? Kein Purpur, Gold, noch edler Stein. 

Es hilft kein weises Wissen; Wir rechnen Jahr auf Jahre, 

Wir werden hingerissen Indessen wird die Bahre 

Ohn einen Unterscheid. Uns für die Thür gebracht; 

Was nützt der Schlösser Menge? Drauf müssen wir von hinnen 

Dem hie die W T elt zu enee, Und, eh wir uns besinnen, 

Dem wird ein enges GraD zu weit. Der Erden sagen gute Nacht 

B. IL 1, IX. 14, „Ruhe des Gemütes" : 

Wie selig ist der hohe Geist zu schätzen, 
Der des geschminkten Glückes falsche Pracht, 
Und was bethörte Sinnen mag ergötzen, 
Mit sorg- und kummerfreiem Mut verlacht, 
Dem kern Verzagen 
Das Herz zerbricnt, 
Den kein Wehklagen, 
Kein scheel Gesicht 
Noch Neid ansticht. 

Ihm steht, was Welt und Himmel zuschleufst, offen, 
Er denen nur, die sein Verstand erwählt, 
Von denen gleiche Seel und Gunst zu hoffen 
Und Treu, die Freund 7 erkiest und selten zählt. 



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Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



203 



Mit diesen teilet 
Er Lust und Leid. 
Er übereilet 
Was nah und weit, 
Pocht Tod und Zeit! 

Ach könnt ich, was ich jetzund rühm, erlangen! 

Ach, mein Verhängnis, was hält mich zurück? 

Wenn wird mich doch die süfse Ruh umfangen, 

Die schöne Lust, das allerhöchste Glück? 

Mich würd ergötzen 

Ein lustig Feld 

Vor reichen Schätzen, 

Der Fürsten Zelt, 

Ja Ehr und Welt. 

Wir gelangen nun zu einem eigentümlichen Produkte der 
Ode IV. 10, B. II. 1, „Manet unica virtus" : „Es ist vergebens, 
Lalia, dafs man acht der Augen Glanz etc. tt — Die Schilderung 
der Reize Lalias, der reinste Katalog, ist zu ausführlich, um 
poetisch zu sein, und zu intensiv, um uns den Glauben an die 
folgenden misogynen und erz-asketischen Verse zu lassen. 

Gryphius sagt uns hier etwas, das wir ihm glauben sollen 
und doch nicht glauben können. Mit einem Wort: als Dichtung 
ist das Gesagte unwahr und als Wahrheit wäre es nichts weniger 
als poetisch. 

Was wird es helfen, wenn der entleibte Geist 
Blofe und allein nach dem Gerichte reist, 
Dafs mich ein sterblich Mensch geehret 
Und mir mit Anmut zugehöret. 

Arme, leichtsinnige Lalia! So etwas sagt kein Verliebter 
oder nur verliebt Gewesener, der noch dazu ein Dichter ist und 
deine Reize gerade eben noch so andächtig genau beschrieben. 

Gryphius mag es ja wohl auch mit seiner Tugendlehre bitterer 

Ernst sein, aber hier fühlt und dichtet er nicht, er lehrt und 

„macht". Wohlthätig wahr und frisch sticht hiervon ab Ode 

XL 21, B. HL 1, „Fortis ut mors dilectio tt , auf seine und seiner 

Ehegeliebten Vermählung. Hier ist Leben und Wahrheit, hier 

spricht des Mannes warmes, volles Herz: 

Lieb ist nichts denn Glut und Flammen 
Wie Gott Licht und Feu'r zusammen. 
Lieb ist, der nichts gleich zu schätzen, 
Wenn man alles Gold der Welt 
Gleich wollt auf die Wage setzen; 
Lieb ist, die den Ausschlag hält 
Lieb ist trotz der Silberhaufen 
Nur durch Liebe zu erkaufen. 



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294 Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 

Daß vierte Buch der Oden, „Thränen über das Leiden Jesu 
Christi 44 , schildert in einem Cyklus von Liedern die Leidens- 
geschichte Christi vom Abendmahle bis zu seinem Begräbnis (die 
Texte der Lieder sind den Melodien bekannter Kirchenlieder 
untergelegt). 

Die Verse sind von kindlicher Einfalt und Schlichtheit, sie 
atmen die wahrhaft rührende Hingebung eines Menschenherzens 
an den Vater und Sohn im Himmel. Wir glauben in den naiven 
Keimen das liebreizende Stammeln eines Kindermundes zu ver- 
nehmen. So z. B. bei der Einsetzung des Abendmahls: 

Als das Fest der Ostern nahe, 
Und der Herr Messias sähe, 
Dafs ihn Judas schon bedacht, 
Zu liefern in der Feinde Macht, 

Wollt er das Gesetz erfüllen, 
Seines Vaters Eifer stillen 
Und der Höllen heifse Glut 
Auslöschen durch sein reines Blut 



Und indem die Jünger afsen. 

Nahm er recht bedachtermafsen 

Das ihm vorgelegte Brot 

Und dankte wie gewöhnlich Gott. U. s. w. 

Die „Geistlichen Lieder 44 wurden von Christian Gryphius in 
die Sammlung von 1698 aufgenommen. Unter ihnen befindet 
sich Nr. 2, „Lob, Ehr und Preis 44 , die freie Bearbeitung eines 
Stegmannschen Liedes, welches einst einer 1663 erschienenen 
Sammlung „Josuae Stegmanns erneuerte Herzensseufzer, übersehen 
durch Andream Gryphium 44 angehörte, von welcher Sammlung 
aber gegenwärtig kein Exemplar mehr aufzufinden ist 

Die „Geistlichen Lieder 44 behandeln imterschiedliche Stoffe. 
Morgen-, Abendseufzer oder -Gebete, Lob der Geduld, Bu&lied, 
auf des Dichters Geburtstag u. a. Die Gedichte zeichnen sich 
durch ernste Ruhe und schön abgerundete Form aus, ja eines 
davon ist den besten Gryphiusschen Werken zuzuzählen. Die 
„Thränen in grofser Hungersnot 44 ist ein Aufschrei des geängstigten 
Menschen von markerschütternder Wahrheit; das Bild des jammer- 
vollen Leidens ist wahrhaft erhaben und genial gezeichnet: 

Weh mir! Die ehrnen Wolken brennen, 
Die dunkelrote Sonne glüht, 
Indem der Grund sich will zertrennen 
Und man die Ufer wachsen sieht; 



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Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



295 



Die Ströme, die sich vor ergossen. 

Sind fast den Bächen gleich verschossen. 

Der Wald steht laublos und empfindet, 
Wie der verhafste Sud auszehr, 
Die Ast und Wipfel oft entzündet; 
Schau, wie die Wiese sich verkehr! 
Das Gras, mit Blum und Klee vermenget, 
Ist bodengleich ganz abgesenget 

Das scheue Wild macht sich von hinnen, 
Der Vögel junge Zucht verschmacht; 
Man sieht kein Tröpflein abwärts rinnen, 
Wie hart der Wettersturm erkracht. 
Das Vieh wirft die verdorrten Glieder 
Tot bei der leeren Krippen nieder! 

Schau, wie die lebenden Gerippe 
Mit tiefen Augen dir nachsehn, 
Wie sie mit ganz verschrumpfter Lippe 
Fast atemlos dich, Herr, annehn; 
Und, wenn sie nun den Geist hingeben, 
Zu dir die dürren Arm erheben. 



Lais unser Seufzen dich versöhnen, 
Eil aus mit mitleidsvollem Sinn 
Das Jahr mit Fruchtbarkeit zu krönen, 
Dafs unsre Nahrung nicht zerrinn; 
Du hast das Leben ja gegeben, 
Gieb denn, was nötig ist zu leben! 

c) Kirchhofs gedanken. 



„Die Kirchhofsgedanken 44 , Joh. Kasp. v. Gersdorf gewidmet, 
enthalten ein Gedicht von Gryphius, zwei solche von Balde, die 
Gryphius aus dem Lateinischen übersetzte, und die Baldesche 
Genofeva, übersetzt von Joh. Christ, v. Schönborn. Die Gedichte 
erschienen in der Ausgabe von 1657. 1662 fügte Gryphius der 
Sammlung noch ein Gedicht seines Schwagers Daniel v. Czepko 
hinzu, die „Rede aus meinem Grabe 44 . 

Alle diese Gedichte enthalten die Gedanken beim Anblicke 
der offenen Graber mit all ihrem Graus. Gryphius wurde durch 
die beiden Baldeschen Gedichte, die zum Jahresfest des Gedächt- 
nisses der an der Pest Gestorbenen entstanden waren, zu seinem 
Werke „Gedanken über den Kirchhof und Ruhestätte der Ver- 
storbenen 44 angeregt Es war ja ein für die Farbengebung eines 
Gryphius ausnehmend geeignetes Sujet. 

Wo aber Balde Grau in Grau malt und zuweilen doch ein 
kleines Lichtlein aufsetzt, da malt Gryphius Tiefschwarz in Kohl- 




296 



Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



schwarz mit dem schwärzesten Rabenschwarz schattiert. Was uns 
schon bei Balde schrecklich erscheint, wird uns bei Gryphius wirk- 
lich ekelhaft und wir verspüren bei der Lektüre jene direkte Wir- 
kung auf Magen und Kehle, die eine Dichtung nicht hervorrufen 
sollte. 

Gryphius steht auf dem Friedhofe, die Graber thun sich 

seinem Blicke auf, und dieser Blick, der am wenigsten dem 

Dichter, nicht einmal dem gewöhnlichen Menschen, sondern dem 

einstigen Leydener Anatomen Gryphius angehört, schaut nun alles 

bis auf die ekelhaftesten minutiösen Einzelheiten, und wir müssen 

mit ihm die bleckenden Zähne, die von Fäulnisflecken entstellten 

Lefzen, die in einem Wust von Blut und Eiter sich tummelnden 

Würmer erblicken, müssen sehen, wie 

Der Augen ausgelöschtes Licht 
Beginnt, sich scneufslich zu bewegen 
Durch innerlicher Würmer Regen, 
Die Nase rümpft sich und zerbricht. 

wie in den Brüsten und der Kehlen Röhr Schlangen und Nattern 
pfeifen, müssen mit ihm das Parfüm aller dieser Lieblichkeiten 
geniefsen . . . Genug, wir stimmen völlig mit Jul. Tittmann 
überein, wenn er sagt: „Nur schwach ist der Versuch, die tiefen 
Schatten der entrollten Bilder durch das Licht der Auf erstehungs- 
hoflnung zu erhellen. Mehr als ein litterarhistorisches und kultur- 
geschichtliches Interesse kann diese Dichtung heute nicht in An- 
spruch nehmen. 44 

d) Der Weicher stein. 

„Der Weicherstein 44 , drei Gedichte, eines von Gryphius, eines 
von Joh. Kasp. v. Gersdorf und eines von Joh. Christ v. Schönborn 
(unter den Pseudonymen Meletomenus, Palamedes und Fontanus), 
verdankt seine Entstehung — wahrscheinlich im Herbst 1656 — 
einer Episode im Leben unseres Dichters. Die drei Freunde 
hatten, gelegentlich eines Spazierganges, auf dem Weichersteine, 
einem erratischen Steinblock in der Nahe des Dorfes Weichau, 
Karten gespielt und sich gelobt, diese Zusammenkunft innerhalb 
zehn Tagen dichterisch zu feiern und Stein und Spiel durch 
poetische Vergleiche zu verherrlichen. Palamedes (J. K. v. G.) 
vergleicht, an Schlamm- und Düngerfuhren anknüpfend, den 
Steinblock mit einem frommen Christen, Fontanus (J. Ch. v. Sch.) 



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Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



297 



„reim dich oder ich frefs dich", mit einem Hofmann. Gryphius 
vergleicht den Stein mit der Welt und das Kartenspiel mit dem 
Wechselspiele des Lebens. Er überragt — im Gegensatz zu den 
„Kirchhofsgedanken 44 — seine Partner weit an Fülle und Tiefe 
der Gedanken sowie an Schönheit des Ausdrucks. Wir glauben, 
Jul. Tittmann hat gründlich fehlgegriffen, wenn er sagt, „der un- 
bedeutende Inhalt konnte nur die Beteiligten interessieren 44 . Die 
unbedeutende Ursache des Gedichte und seiner Gedanken 
jawohl, diese selbst aber interessieren uns heute genau noch 
ebenso wie die damals Beteiligten. 

Betrachten wir nur Stellen wie die folgenden: 

Was trägt ein rauher Stein? mit kurzem keine Früchte. 
Was liefert dir die Welt? Rauch, Nebel und Gedichte. 
Wie drückt des Steines Last! Der steigt nicht himmelan, 
Der nicht, was irdisch ist, vom Hals abwerfen kann. 



Der Stein war an sich selbst nicht köstlich anzusehn. 

Könnt jemand aufser ihr die Welt zu Kaufe geben, 

Wer schlüg ihm etwas drauf? Was nennt ihr Menschen Leben? 

Es ist ein steter Tod — — — — — — — — 

Dann bei der Vergleichung des Kartenspiels mit dem Men- 
schenleben : 

— — — — — — Schaut ferner auf den Fall, 
Den dir dies Spiel abmal! Die Blätter gelten all. 

Nachdem der Schluis gefafst! Wenn man das mindst erwählet, 
Wird, wo nicht rechte Färb, auch 1000 nicht gezählet. 

Endlich die trefflich ausgeführte Mahnung: 

— — — — — — — Freund, wo du bedacht, 

Ein tief verdeckt Gemüt ohn Argwohn zu entdecken, 

So lock es zu dem Spiel! Zorn, Eifer, Angst und Schrecken 

Tritt jedem auf die Stirn ; und halt die Sinnen fest, 

Wann er schon gegen dir sich in den Kampf einläfst! 

Mir war es schon genug, ich hab es oft bewehret; 

Du seist auch, wie du seist, wofern dein Herz begehret 

Zu forschen, wie es sei um einen Sinn bewandt, 

Mit dem du leben sollst, gieb acht, wie er den Tand 

Der Erden überseh, ob ihn Verlust der Sachen 

Und (was noch mehr) der Freund auch könn unsinnlich machen! 

<*ieb acht, ob ihm das Glück die stolze Stirn erhöh, 

Ob er denselben Schritt dann wohl vor diesem geh. 

u. v. a. m. 

e) Vermischte Gedichte. 

Die „Vermischten Gedichte", nach dem Gebrauche der Zeit 
in Hochzeits-, Begräbnis- und Vermischte Gedichte gegliedert, 



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298 



Lyrische Dichtungen des Andreas Gryphius. 



sind Dichtungen aus dem Nachlasse des Andreas Gryphius, welche 
sein Sohn Christian den gesammelten Werken seines Vaters an- 
schlofs (zusammen mit dem oben genannten V. 3. Buch der So- 
nette 1698). Die „Begräbnisgedichte 44 (denen auch das Gedicht 
„In einer tödlichen Krankheit 44 zugezahlt ist) sind (s. Palm) teils 
aus Freundschaft und Hochachtung freiwillig dargebrachte, teils 
für bare Belohnung gedichtete sogen. Parentationen voll gelehrter 
und wunderlicher Beziehungen didaktischen Charakters. — Ebenso 
die „Hochzeitegedichte 44 . 

Der letzte Teil, die „Vermischten Gedichte 44 , enthalt Dich- 
tungen an seinen Bruder Paul, auf den Untergang der Stadt 
Freistadt, die zwei Strafgedichte, Kapitän Schweriner und noch 
einiges andere. Wir stimmen H. Palm völlig bei, wenn er be- 
merkt, der Verfasser habe diese Gedichte mit richtigem Gefühle 
von seinen übrigen Werken ausgeschlossen. Litterarisch-ästheti- 
schen Wert haben sie nicht. 

In litterarhistori8cher Beziehung (in betreff der Nachrichten 
von dem Jugendleben des Dichters s. H. Palm) mögen sie nicht 
unwichtig sein. 

Wir wären nun am Ende unserer Arbeit angelangt und 
hoffen, dafs es uns gelungen ist, zu zeigen, dafs Andr. Giyphius 
auch als Lyriker Unvergängliches und Dauerndes geschaffen, wenn 
auch bisweilen die von Zeit und Umständen gezeugten Fehler 
und Mängel uns den Genufs seiner Werke etwas beeinträchtigen 
und schmälern. 

Wo viel licht ist, ist viel Schatten, und eine Flamme, von 
schweren Windstöfsen hin und her gejagt, wird grofse imd dichte 
Schatten werfen, desto freudiger aber begrüfsen wir dann auch 
immer wieder ihr siegreiches Aufblitzen. 

Heidelberg. Karl Hartmann. 




Proprium Sanctorum, 

Zusatz- Homilien des Ms. Vernon fol. CCXV ff. zur nördlichen Sammlung 
der Dominicalia evangelia. 
Hitgeteilt von 

C Horstmann. 

(Schluß.) 



Bogabat Jhe*wm quidam phareseus 
(Luc. 7, 36—50).» 

AV^Orldus weole Made Marie wede, 
whil heo was child in hire feirhede; 
heo caste hire Maidenhed awei, 
whon heo *af hire to synful play. 
Ofte make{) |>is worldus wynne 5 
beos feire wymmen falle in synne! 
neo liued longe In lecheri, 
Ar crist hedde of hire merci; 
he com gostly to hire herte 
And mad hire torne to good querte : 10 
heo J>ou)te heo hedde heuene tynt, 
And sone of synne fx> gon heo stint, 
heo rewed of hire synnes ful sore 
And ofte hedde care more and more. 
Non {>at herej) speke of Mari, 15 
Ne thar haue wonhope of godus merci. 
ffor J>ei$ a mon do mucne synne, 
And he wole |>erof blynne, 
God of heuene is euer redi 
To haue of him ful good merci. 20 
bat was seene on Maudelayn, 
pat mony synful makef> fayn. — 
»eint Luc, pe code gospelier, 
Telleb vs on what maner 

Eat bis ilke sunful Mari 25 
edde foryuenes and Merci. 
be sei]) J>at in bat ilke toun 
woned a Mon pat hette Symoun, 

» V. 33—100 ist identisch mit v. 1—76 
der ersten Evangeliengeschichte dessel- 
ben Ms. (ediert im Archiv 1877, p. 241), 
wo indessen die nördlichen Spuren we- 
niger verwischt sind. 



ber Marie woned whon bat ho 
hedde wille penance to do. 30 

fmlke Symound was Mesele; 
But crist hedde jiuen him his hele. 
he hedde I-nouh wher-of to liue 
And aXuxus to J>e pore to jiue. 

he preyed cnst, as auntur feile, 35 
wif) him to be mete to d welle; 
And crist, pat seknes from him 
hed kest, 

Com and eet wi{> him as gest. 

Soone whon Mari herde say 
f>at crist schulde dwelle to mete 
J>at dai, 40 
heo' com {>er as crist was set. 
wib wordus feire heo him gret, 
wip teres ber heo wosch his feet 
bat heo of hire e\en leet, 
neo wept hem aftur wi|> hire hare, * 5 
And custe hem ofte wi{) swete fare ; 
heo anoynt hem wi|> an oynement, 
bat alle feled swetnesse {>er present. 
bat oynement i-bouht heo hadde 
To anoynte hire bodi badde, 50 
To make swote smelle hire bodi, 
while heo vsede hire foli. 

bis Symound {>at i spac of ere, 
Bineold Jus wommons loueli here: 
he Jxnijte, for crist was pro- 
phete, 66 
heo scholde not ha toucned his feete, 
And als, him {>ou$te, wite f>at ho 
weore vnworf>i |>at dede to do: 
ffor synne mad hire vnworbi 
To touche him |>at was holi. 60 

And as Symound {wujte fris, 
Crist wüste what he {rou^te, i-wis, 



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300 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



And seide : „Symound, tak hede to me, 
I haue 8um ping to speke to J>e. tt 
Symound onswerde and seide him 
tille: 65 
„Sei on, Mayster, what is bi wille. tt 

Crist him seide a saumple Jxm, 
And seide: „hit was a Riehe mon, 
"is Riehe mon hedde dettours two 
at oujten to him moneye {>o: 70 
m oujte to him fifti penys, 
Anobur an hundred or |>e prys. 
Noupur of |>o men, sof> to say, 
hedde peny to make wij) his pay: 
he hem forjaf heore dettes bope, 75 
wi{>-outen stresse or eny lo{>e. 
whefmr of |>eos two in plas 
Most holden to him was? tt 

Symouwd onswerde crist ful sone, 
As him bhou^te hit was to done,80 
And seide: „to whom he most for- 
*aue, 

Most loue schulde to him haue." 

Crist seide anon : „Jx>w demest riht. 
bus fare|> f>e dette of synful wiht. 
I com hidere as vncoup mon: 85 
watur to my feet jaf Jpou non; 
f>is wowmon hab waflehen my feet 
wij) salte teres bat heo leet, 
heo ha|) maad hire hed bare 
And wyped my ffeet wif> hire hare. 90 
Cos jaf {)ou me non heer-Inne: 
To cusse my ffeet con heo not 
blynne. . . . 

hire synne for^iuen is and away, 
ffbr muche loue £at heo haf) don 
to-day. 

be lasse Jmt mon louef> me, 
pe lasse synne may forjiuen be. 
But for hire loue is to me lele, 
I forjiue hire synnes feie." 
God seide: „go, wommon, in pes, 
fibr al f>i synne forjiuen is. u 
J)i8 is pe streng|>e of vr gospel, 
As Mon in englisch [tonge may tel]. 

Whon we J>enken, soj) to seyn, 
Of bis synful Maudeleyn 
And on pe wepyng ]>at heo tok 105 
whon bat heo nir synnes forsok, 
More likyng may we haue to wepe 
~>en eny o{>ur murj>e to kepe. 
>is wowmon, ar heo lafte hire synne, 
ul vnwrast heo was wif)-Inne, HO 
heo nolde no good teehyng tast, 
But wrouhte hir owne wille in wast. 
Til a tyme |>at fei in cjuert, 
J>at Jhesu com in to hire hert. 



95 



100 



To precen in heo not let l 15 
{>er J>ei weore to mete iset. 

ffurst heo offred to god on heih 
Teres, wepyng ful bitterli, 
And al for hire synne hit was — 
fms bi-gon heo in f>at plas, 12° 
AMong {>e gestes £at per seete 
heo lette not for schome to wepe. 

bat ilke same Marie hit is 
Ot whom Mark bereb witnis 
]>at seue deuelen at pe last 125 
weore from hire out cast. 

Marie seue deuelen hadde, 
wi|> alle vices heo was ladde. 
But whon bis wowmon bihuld 

Je place of ful|>e in hire ibuld, 130 
eo Ron, sojrfy for to teile, 
Of Merci to f>at holy welle, 
f>er to wafl 'he hire al at ene 
And fulliche to make hire clene. 

To vr lord heo brouhte |>o i35 
An Oynement ful swete also, 
ffbrte abate J>e foule stynk 
Of hire ffleOches lykyng. 
wij) {>e Oynement so neu^ 
heo anoynt {>e feet of Jhesu; wo 
heo bigon lowe in kynde, 
ffbr heo wolde heije clymbe. 
ffbr heo hedde ek coueyted vnriht 
Of worldly bing wi|) e\en siht, 

hire e\en per heo dude despise 
wif) gret wepyng in alle wyse. 
And for neo hedde also beo 
proud 

And of hire hed wondur stout, 
wi|) f>at her heo wipte wib wille 
be teres bat on his feet dude 
trolle. 150 

ffor heo hedde I-spoken als 
wi|> hire moub muche and fals, 
And {>at Moup assent to mene 
To cussynges lechours vnclene, 
wi|> {>at MouJ) stunt heo nouht, l* 1 » 
Cristes feet to cusse heo souht 
wif> alle hire lymes herbifore 
bat hedden synne I-vsed ^ore, 
heo hem torned in £is cas 
To Godus seruyse bi his gras, 160 
w^uche bifore by foul haunt 
To synne weore* ful seruaunt. 

|>is synful wo m mon fürst vnsleih, 
God forjaf hire dlkerly| 
And seide to hire on pis manere 165 
As je schul aftur here; 
Of mony synnes heo was releset, 
And for heo god loued muchel and 



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Proprium Sanctorum des Ms. Veraon. 



301 



And for heo schulde nomore do so, 
he seide : „wowmon, in pes {>ou go. tt 

J>erfore, bre{>eren, beo we bolae 
Penaunce forte take and holde; 
Beo we not }>erto febul f>an, 
Take we eosaumple at Jus womman : 

benne touche we sone to f>e feet 175 
Of vre sauiour so sweet. 
Boldly penaunce is [>e Boote 
Of forjiuenes, be beste böte, 
be same fflesch |>at dude j>e synne, 
Penaunce in hit we moste bigynne — 
ffor bat is beter mony-fold 
J)en hit to bugge wib seluer and gold. 

ffurst we moste oigynne {ms: 
Serwe for synne take wij) vs. 
bat may ye lerne wib-oute fable 185 
Bi a Beest vnresonable: 

Of a best \>at is like aman in visage. 

IN Bok a best we fynde con 
{>at hab a face as a Mon. 
whon hit hungre}), forb he gef>, 
ffint a Mon and him ne slep, 190 
he fedeb him on {>at bodi 
And gop to drinke to watur neih. 
whon he comef) to {>at place 
And in {>at watur seof) his face, 
ben he bi^enke}) him vnfayn ^5 
tat he his liknesse ha{) slayn; 
Such serwe to him he takep, 
his lyf sone he forsakej). 

I>is is a;eyn beos wywmen 
bat ouerliggen heor children |>en, 200 
flbr J>ei slen |>er bi distresse 
bat is heore owne liknesse. 
feut ]>ei amende hem ar f>ei go, 
Godus liknesse \>ey slen also, 
bat is |>is, to biginne, 205 
fibrsof>e her oune soule wib-Inne. 
his soule he sle|> in his dede 
whil he his flesch wip synne wol f ede. 

At j>is Beest wib-oute resoun 
Take ensaumple alle we moun 210 
Serwe to vr-self to take 
And for vr svnnes amendes make. 
hou we schütte bat dede don, 
I wol jou teile feire and son. 

Penaunce is a salue sleih 215 
To hele synne |>at is dedly. 
Penaunce do hit hose wol, 
he schal hit fynde nedful; 
3if he trewelv f>erin wende, 
Kit is spedful at f>e ende; 



220 



177 L bodily. 203 J>ei st men? 



To don hit is a noble dede, 
we schul fynde hit ful of mede. 
Neodful benne to vs hit is 
And to almonkynde, I-wis: 

ffor ou{)ur schul we don hit here,225 
Or aftur we ben Heid on bere; 
Neede rehersej) in |>is caas 
bat we may not from hit pas. 
Betur weor here jeres tweyn 
ben ber a day, sob to seyn; 230 
ffor pat a mon schal ber fulfille, 
hit is muche ajeynes his wille; 
So muche [>onk naf> not he 
As f>at he dop of wille fre. 

Off mirre-tre pat jiuej) two-maner 
gummes. 

A Maner tre, forso[>e, we fynde 236 

Ki Mirre jiueb be wei of kynde; 
o Maner of Mirres frow him gof>: 
On wi[> loue, anofmr m\> lof>; 
f>e ton is taken out bi craft, 
And {>e tofmr freoly laft. 240 
But {>at bat so geten may beo 
Bi fre wille out of J>e treo, 
hit is pe beter, beo je bola, 
And more. of mint an hundred-fold. 
So is {>at penaunce, forso})e, 245 
£>at mon 01 his freo wille dof>. 

hou a brid wan he fleth maket 
a cros. 

A foul J**t vp his flijt schal take, 
ffuret a cros he mot make; 
whon he in f>at ilke tyde 
his whinges castef) on eiper syde, 250 
|>en lok his hed and to his tayl: 
And of a cros |k>u mai^t not fayl. 

$if we J>erfore wole vp flyje, 
To cros of penaunce mote we hbe. 
ffor *if Jx>u 8choldes a bur|>en bere «55 
{>at heui weore |>e to cjere, 
wher were hit betwr bi-self hit do 
Or haue a felawe to nelpe to? 

f>is ilke bur{>un penaunce, i-wis, 
To bere hit {>us, my red hit is, 260 
whil J)i bodi, bat is his fere, 
In eorpe is mp |)i soule here; 
ffor beter may je bere hit so 
ben on bi him-seif to go. 
ffor o day in eorf>e here 
Relesef) In purgatorie a $ere; 
bis forso|>e pe skil mot beo: 
ffor hit comef> of wille freo. 



265 



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302 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



A man ha|) 1 two-maner londes to 
ferme. 

Two maner of londes breme 
vche mon haj> her to jeine: 270 
To terme of jeres |>e ton to seyn, 
But pei ben in noun-certeyn ; 

|>e tobur is of beter störe, 
hit is nee for euer-more. 

tif we wib muche cost gouerne 275 
>at lond pat we haue to ferme, 
whon vs best lykej) |>er to play 
hit schal beo take from vs away. 
berfore is betur |>at we spende 
pe gode tresour p&t god vs sende, 280 
To tile nobliche J>at lond 
bat neuer schal out of vre hond; 
pen whon pe ferme-lond is take, 
per we may vs muri make. 

J>eos londes bat I here of mene, 285 
Bodi and soule pei ben atene. 
bi bodi is terme of jeres so, 
Dou nost what tyme hit to forgo. 
Lei not |>eron to muche trauayle, 
ffor hit wol f>enne at neode fayle ; 290 
But lei Jri cost and bi kepyng 
vppon Jn soule, {>at nei$e ping: 
flor hit schal neuer-more dye, 
weole or wo whe{>er hit drie. 
Sette and sowe J>er-in Inowe 
Penaunce and gode vertuwes 
growe. — 
bus may we seo bi word and dede 
pat penaunce moste beo don neede. 

Spedful als hit is anon: 
To neuene hit make{) men sone to 
gon, 300 
To bat blisse J>at is so hye, 
In pe twynklynk of an ei^e. 

Medful also penne hit is: 
hit makeb a Mon to wone in blis; 
bat schal he haue wif>-oute distaunce 
Euere, for he dude penaunce. — 
vre penaunce [>en moste we do 
hastily, and lastyngly also. 

Off a fisch |>at euere slepeth. 

I*Er is a ffisch, wif>-oute lesynge, 
bat in pe see is walkynge, 310 
Euere he sluwbrej) and eke slepeb, 
Bote whonne he to his mete kepep ; 
whon he is so in slep {>rowe, 
A Mon may vnne|>e8 faiowe 
whe|>er he lyue{> eny-t)ing, 315 
But bi a luytel meuyng. 

1 Ms. Lad. 274 Ms. in st is. 



295 

to 



Comef> |>e ffisschere wi|) his net 
And abouten him he set, 
|>en is he taken so vnfayn, 
And so in sleu{>e is he slayn. 320 

|>e ffifch is he |>at nul not hije 
To do penaunce hastilye, 
But lij> slepynge in be se^, 
>at worldus catel cald may be. 
je more ]>erof a Mon drinke, 325 
>e sarre afurst him schal J)inke; 
vnne|>e in him is eny lyue, 
Touward heuene him to driue, 
Not ones par auntur in }>e wike 
A pater noster to biseke. 330 

ComeJ) }>e deuel atte laste 
And cacchef) him in his net faste, 
ber he slej> him, so|) to teile, 
ffor he make{> him go to hella 
To do penaurace hit is ful late 335 
whon pe dep is at f>e jäte. 

terfore penaunce moste ben 
astely don, as we mouwe sen. — 
Lastingly, hose wol be meke, 
he moste do his penaunce eke. 340 
flor |>eih |>e ffena venymous, 
bat euere ha|) Envye to vs, 
Makef) vs vr penaunce to berste, 
As ofte dop he for ]>e worste, 
Schriue we vs wi|) good wille 345 
And take we hit a$eyn vs tille; 
bou^ hit beo bitter to vr flesch, 
To vr soule hit is ful nesch. 

Moyses caste his jerde him fro, 
In to a Neddre hit wox |>o; 350 
vr lord bad him for his geyn 
Take hit bi pe tayl a^eyn: 
Ajeyn he tok hit bi pe ende 
Ana in to a jerde dude hit wende. 

jif we vr penaunce take so, 355 
To heuene hit wole make vs go. 
benne is J>is good ordinaunce 
Lastyngly to do penaunce; 
And [>at we moste do freolv, 
Bi pe Mirre-treo jou told I* 360 
Bi vr bodi set we no-{>ing, 
Bute vr soule to blisse to bring. 
Ensauwple perof may we take 
And bi a wylde brid hit make. 

On ensample of a bryd in a cage. 

A Brid In to a Cage cauht, 3ö6 

ber-In he liuej) ful vnsauht, 

ne rewarde{> mete ne drynke 

Nor on song wol he j>enke, 

But \6kep euer niht and day 

hou he mihte skape away, 370 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernoo. 



303 



To his kuynde wolde he pas 

pat he fürst fro taken was; 

At eueri hole of }»t Cage 

he a-waytej> to ha passage. 

So schulde we here bi riht 87 5 

Awayte euer day and niht 

hou we mihte out breke 

Of bis world we ben in steke, 

Ana oomen to vre kuynde ajeyn, 

bat is paradys, certeyn. 380 

nose wol do f>us, sone he come{) 

To ]>at blisse {>er Maudeleyn wonef>. 

he vs sende J>at ilke grace 

|>at broujt hire to heuen e-place. 

Amen. 



Aocessit ad JhAsum mater filiorum 
3ebedei (Math. 20, 20—23). 

Vppon a tyme as Jhem went, 
To mm a wommon com present, 
be Modur heo was, as I sei }>e, 
Of \>e sones of jfcbede; 
Gret worschipe to him heo dude •*> 
And asked him sumwhat in t>atstude. 
Jhesu asked hire what heo wolde. 
And heo anon to him tolde: 
„Graun te me ]>at my children tweyn 
Mou sitten as I schal now seyn: 10 
be ton on fri Riht half to byde, 
pe tobur on J)i luft syde, 
In |>i Vyngdom f>er Jx>u schalt leende 
Euer-more wi Junten ende. 44 

Jhesu onswerde wij) wille fre: 
.what je aske wite not je. 44 
he seide to {>e children wys: 
-May je drinke of J>at chalys) 
bat i schal drinke heraf turward ? 
Loke hit beo not to jou to hard!" 

{>ei onswerde wif>-outen nay: 
„äe, lord," bei seide, „do hit we may. tt 
vr lord seide to hem f>an: 
„hose of my chalys drynke can 
And trewely wole pat drynke abyde, 
Sitte he schal on my riht syde; 
Bote to me hit is no-Jring 
To graunte J>is o|nir askyng, 
On my luft syde for to sit — 
bat askyng ms not al bi wit; 30 
Won o{)ur f>erto schal come 
Bote f>eo«e men alle and some 
J>at my ffadur ha]> to demeyned 
And also for hem hit ordeyned.* 

10 L mon. 24 ff. setzen einen ver- 
derbten lat Text voraus. 



15 



20 



£is is |>e strengbe of vre gospel, 35 
As Mon in Englisch mai ow tel. 

Pis wommon bat fras com J>ore, 
was Modur of Jon and Jamus J>e 
more; 

Sones J>ei weore, wi|)-outew stryf, 
Of 3ebede, and heo be wyf. 40 
bis wommon here asked and chees 
To haue worldli wor{nnes, 
To hire children heo wolde hit haue, 
berfore |)U8 heo dude hit craue. 
per as vr lord hem asked riht *5 
wher {>ei of his chalis drinke miht, 
bat was |>e deb |>at he schulde take 
Only for Monkuynde sake. 
Anon {>ei hit graunted wel 
And seide je of eueridel: 50 
bis was to seye, sikerlye, 
Kiht as crist for mon schulde dye, 
be dej) bei schulde take grym 
ffor be knowleching of him. 
ffor Jhesu hedde biforen seid 55 
[>at he schulde to de|) beo leid 
And be |>ridde day arise 
And Regne f)enne as hei$ Justise: 
{>is wommon wende and hedde 
trist 

bat aftur his holy vprist 60 

ne schulde ha ben a bodily kyng 

her on eorf>e regnyng 

And deled worldly godus in pres 

To hem |>at he toforen ches; 

bus bi worldly Couetyse 66 

heo was stured in f>is wyse. 

Jhesu seide to hem 'dere, 
3e witen not what je asken here.' 
be Modur of {>eos children two 
pus asked J)is f>yng Jx>, 70 

3it nolde crist Iure not blame, 
Bote Jk> children ber bi name, 
ffor bi pouwer of nis godhede 
he vndurstode, haue we no drede, 
be bing {>at heo hedde asked j>an 75 
Of hire children fürst hit cam. — 
Bi J>is wordus heer-bifore 
Crist schewej) of soffring sore, 

&it a mon soffre mote 
ony diseses for his böte 80 
In bis world whil he wol byde, 
jif he wol sitte on his riht syde. 

Jamus soffring nas not bitiynde, 
As bis day makef) mynde; 
he aronk of godus chalys clere — 85 
|>erof beo we out of were; 
As we rede In his legende may, 
he was byhedet, hit nis not nay; 



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304 Proprium Sanctori 

Such was }>enne his suffringe 

Bi ffal8 heroudes biddynge. 90 

Bote of his goode bropur Jon 
So fei hit not sone anon; 
Of his lyf was mad non ende 
Bi Martirdom, whon he schulde 
wende. 

But of [>e chalys he dronk a fit 95 
whon he in to (>e tonne was pit 
fful of wellyng oyle sad, 
As be lufmr Domitian bad ; 
And also in a-nof>ur plas: 
Bifore Aristodum he was 100 
And |>er he dronk wif> wille gryml 
Bitter Atter and eke venym — 
But foreo|)e hit greued him nou^t, 
Bi Crist awey hit was I-broujt; 
Also he was to scourgyng sende, 105 
As witnessef) his legende. — 
herbi may we wel seo 
f>at heuene-kyngdom mai not beo • . 
Onliche $iuen böte to hom 
J>at muche serwe suffren hem on ; HO 
As hos seif), such as $e are 
To heuene-kyngdom ae may not 
fare, 

Bote suche as ge ben schal 
To heuene may je come wif>-al. 

J>er as he seide 'myn hit nis 115 
To graunten $ow askyng Jus', 
|>at was to mene, sob to say, 
whil j>ei in pruide and hehnesse lay. 
foerfore is good {>at we seke 
Euermore to beo meke, 120 
And so may we come euene 
To {>e heije bliese of heuene. 
But hose wol haue f>at ilke blis, 
he mot him chaunge from f>at he 
is — 

I |>e teile, leoue brobur, 125 
hit is elles ordeynd to o|>ur. 
Beo we 'ojmr' al at ene, 
And }>en is hit to vs to mene. 
Bote what is bis for to say 
Beo [>e o|)ur, 1 ow pray? 130 
3e |>at wole on hi* flyje, 
Make jou here louhlye. 

A ffoul whon he takej) his fliht, 
he lowej) him forte make hi//t liht. 

>e lower f>at mon her beo, 135 

>e herre to heuene schal he fleo. 

jerfore liht we vs make, 

>at we may f>at wey take; 
Clanse we vs of vre synne, 
Let not heuines ben vs wij>-lnne : 1*0 



106 Ms. J)is. 



l des Ms. Vernon. 

ben may we safly wende 
To {>e Joye wif>-outen ende, 
bider mote he vs bringe 
pat maade of noujt alle f)inge. 

Amen. 



Nisi granum frumenti cadens in 
terra. 



Intrauit Jhesus in quoddam Ca- 
stellum (Luc. 10, 38—42). 

Seint lue, f>at holi mon, 
Telleb vs here, as he wel con, 
{xit Jhesus entrede In to a Castel 
w*f> muche worschip feir and wel. 
ben was }>er a wommon, 5 
Martha was hire rihte nom: 
heo tok Jhesus in to hire hous 
wi{) semblaunt good and dUicious. 
And f>er was Martha suster in hije, 
whos nome was cald Marie: 10 
|>e whuche sat, as wommon meke, 
A-louh bifore ^odus feete 
And hedde lykmg forte here 
J>e wordus of godpat weore so dere. 

Martha was bisy, as was hire wone, 
To serue tentyfliche godus sone. 
As Martha stod Jhesu bifore, 
i>is wordus seide heo to him fx>re: 

„Lord, whi not recche *e 
bat my suster nul not wip me 20 
Serue to ow here in J>is stede, 
But let me one in word and dede? 
Sey to hire f>erfore sum-f>ing, 
Me to helpe in hijing. u 
ben onsweryng vr lord gon say 25 
To gode Martha f>at üke day: 
„Martha, Martha, Jh>u art bisy 
And istorbed |>e more in hi$. 
wherfore i sey, on is nedful, — 
So £at hit beo nou i wol. 30 
Mane [>e beste partye ha{) chose, 
bat fro hire nas not do to iofe." 
pis in {>e Tixt of vre gospel, 
As Luc hit sei{> feir and wel. 

PE goode clerk holy Beede 35 
Expounef) bis gospel feire in dede, 
And seide of Martha [>is wordus \>us : 
f>at heo was wommon Religius 
And tok Jhesu into hire hous, 
hire loue to him was precious; 40 



32 Ms. for st fro. 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



305 



heo made hire bisy and* occupied, 
God seruede heo wel and triecl. 
And for hire suster sat to heere 
God us wordus f>at weore dere; 
ffor heo trauayled wif) so gret wille 45 
And hire suster sat J>er so stille, 
J>erfore vr lord aske heo wolde 
whi hire suster hire helpe ne schoide. 
Martha J>is him asked f>o 
As domes-mon bitwenen hem bo. 50 

God onswerde for Mari 
As hire avoket ful treweli. 
ffor Jhesus seide in his sawe 
fful bisy heo was al |>at dawe, 
whil on was neodful in bat pres ; 55 
Marie }>e betur partie ches, 
J>at nas neuere, as I f>e sei, 
flro hire take ne don awei. 

Nou ha we herd Marthas askyng 
And hou J>at god onswere dude brwg. 
Marie was aboute {>at hord 
To here and lerne godus word; 
And Martha bisi aboute eode 
hou heo mihte best god fede: 
berfore he seide [>at Marie 65 
hedde chose {>e beter partie. 

At f>is feste bat Martha made 
*Sis Marie Joyful and glade, 
And whon Marie, I ow bihete, 
hedde herd {>is godus wordus swete, 
In to hir herte heo tok hem sad 
And ber hem wrot and aftur rad. 

And whon Martha askede hire 
askywg, 

A^eyn |>en seide not heuene-kyng^ 
'Rys and go for{) anon 75 
And help pi suster in bis won\ 

A gret swetnesse hedde Marie Jx>n 
To here him speke, god and Mon, 
ffor hire |)hou}te hit profyt more, 
ben to beo aboute hire baly f>ore. 80 
hir suster trauaylde bodilv, 
And heo ful gostly, witerly; 
Marie was bo In alle wyse 
Aboute \>ertore f>e beter seruise. 

|>enne seide Jhesu to Martha f reo : 85 
Aboute muche occupaciun |>ei$ Jx>w 
beo, 

Aboute (!) on, he seide, was more 
nedful: 

be sely soule from serwe to pul. 
ffor beter so a-twynne bei were, 
J>en forte ha seruea to-geaere Ifere, 90 

41 Ms. bin. 49-50 u. 51—52 im 
Ms. umgesetzt 58 Mb. for. no dorn. 
60 Ma. onswerde. 70 tilge hedde. 
Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 



he seide Marie hedde chose f>e bet ; 
bat obur for non vuel he hit set — 
ffor Marthas doinge was ful good; 
Bote Maries ]>e beter, |>er heo stod, 
ffor heo was aboute böte o {>ing, 96 
And Martha monye in doing. 

f>at o |)ing was soule-hele, 
bat Mony bmges passeb in his dele. 
perfore seide Jhesu bi pis slrii 
'O })ing is nedful mon vntiP, 100 
Not only oJ)ing from moni to gon, 
But mony godnesses to come f row on. 
Mony J)inges are Jk) to glade 
J>at for vs in {)is world god made; 

Bute verrey o {)ing ^at is he, 105 
On in eodhede, böte persones J>re, 
|>at made heuene and erj>e w*{) much 
wynne 

And alle Ringes bat ben f>er-Inne, 

And {>eose and opur binges 

Made o kyng of alle feynges. HO 

J>erfore seide Jhc^u in hij 
bat o f>yng was Necessari, 
ffor he was on, in word and dede, 
And of him f>us hedde J>ei neode. 
bat kyng bat gracius is H ft 
Bring vs, lord, to {>i blis. Amen. 



Facta est contencio inter disci- 
pulos (Luc. 22, 24—30). 

Vppou a tyme \>er ros a strif 
Among |>e disciplus ryf, 
whuche of hem schulde be sen 
Most Mayster forte ben. 
Jhesu sone to hem seide, 5 
A feir ensaumple to hem leide: 
„kvnges of folk fer and neer 
Schul take lordschipe and pouwer, 
And for f>at pouwer and for £at fame 
Maistres schal beo cald her name. 10 
But I ow warne, on and alle, 
So wif) ow hit schal not falle: 
whuche of ow {>at wolde beo mest, 
he schal beo mad as be lest; 
And whuche tofore wolde beo so, 15 
As a seruaunt he schal go. 

whej>er is he bat sittej) more, 
Or he |>at seruep him to-fore? 
Nis hit not he bat sit? 
3e may knowe Di kynde wit. 20 

I am euere amidde jow 
As he J)at serueb for ^or prow. 
And ae beo {>o pat wip me dweile 
In my temptaciun, to teile: 
20 



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306 Proprium Sanctor 

And I dispose to *ou heere, 25 

As my ffadur gooa and dere 

ha{) cusposed for me 

In heuene-kyndom forte be: 

je schul ete and drynke {>an 

On my Bord In my kyngdam, 30 

And also je schule sitte eke 

On |>e Trones, for je beo meke, 

Juggyng, as I sigge my-selue, 

Of Israel |>e kuyndes twelue." 

f>is is f>e strengte of vre gospel, 36 

As Mon in Englisch tonge may tel. 

£Eose disciples, sikerly, 
bat striuen here aboute maystri, 
neor Meke Maister euer kynde 
RepreueJ) hem not, as we fynde, *° 
Of f>at strif among hem drawe, 
But bi Mekenesse in sawe 
be goode wei of Mekenes 
he bad hem folwe more and les; 
In Meke maner he hem tauht, * 5 
As was aboute to make hem sauht, 
J>is mekenesse as I haue tolde, 
As holi churche schulde holde — 
Al-holy chirche is {)is fing: 
|>ei J>at ha lernd eodus techyng. 50 

Jhesu seide 'eorply kynges 
Of folk ha lordschipes and preis- 
ynges, 

And for f>at Maistri and f>at fame 
Grete |>ei beo calde In name; 
Bote so*, he seide, 'schul je not be 
£at suwe j>e techyng of me; 
£e schule in no Maner beo glade 
kynges of folk to beo made, 
Loraschipes, Maistries forte haue 
And make sogettes Mon and knawe; 
Beo not aboute in non hast 
To haue preysyuges frnt ben wast/ 
But aftur ensaurople of {>at kyng 

tat is euer-more lastyng, 
e bad J>ei schulde hem make 
lasse 66 
And as seruauntes forf) to passe. 
*Beo|) seruauwtes', he seide, *at al, 
To hem bat je gouerne schal; 
ffor ned hit is, soj) to sen, 
Bi Mekenesse felawes to ben 70 
To hem J>at wel wolde certeyn 
Euermore hem a^eyn. 

And hose makej) eny trespas 
Bi loue of rihtwysnes in plas, 
Let charite wij) al jor mint 75 
Beo Mediatur to make hit riht 



49 As st AI? 



ii des Ms. Vernon. 

And f>erfore in no maner 
Ooueyte je not so gret pouwer.' 
whose Coueytef) heij astate, 
Ofte men seon him foule abate, 80 
ffor such astates in moni a tyde 
Bauiflchef) a mon in foul pride. 

|>erfore in a place he seip 
A word {>at is of gret feij>: 
'AMayster men han J)e ordeynt, 85 
But let no pruide beo wif> j)e nteynt ; 
Beo £ow euere among hem dere, 
As hit on of hem weore.' — 

Vr lord seide aftur bis,* 
f>at is heije kyng of Blis: 90 
'whef>er is he fmt sit more, 
Or he fmt serueb hem bifore? 
Nis hit not he bat sit? 
3e may knowe bi jor wit. 
Amiddes ow euer am I 95 
Ow to serue sikerly.' . 

IOn j>e Ewangelist in a place 
Rehersef) [>eo8 wordus of grace 
f>at Jhesu seide as je schul here, 
wordus of Mekenes clere: l°° 
'Syn I haue waflchen joure feet alle, 
As lord and Mayster principalle, 
Euerichon je schul wasch opur, 
As Bro|)ur schulde do to Brofnir.' 
Bi |)is word forte haunt lü5 
he tauht hem alle to beo seruaunt 

ffor al {>at vr lord haf> born 
In flesch for vs fmt weore lorn, 
AI hit was, to vndurstonde, 
vs to serue and bringe of bonde. HO 

}>erfore he seib ful swetelv, 
bat toucheb to pis Matere neij : 
*Jbe sone of mon com not he 
Only Iserued forte be, 
Bote he com wib-outen nay U* 
To seruen vs bope niht and day. 
be sacramentes of his blod 
ne jaf to vs wi|> wille good, 
his lyf he jaf, wi})-outen lesynge, 
ffor mony monnes ajeyn-Buggynge.' 
berfore, as. he his lyf put 
To make vs and his godhede knut, 
Ensaumple to eueri trewe brojmr 
Schulde good wille puite for obur. — 

{>en seide Jhesu, as I ow teile, 125 
fforfmr-more in fris gospelle: 
'ffor je ha dwelled wi{> me 
In my temptacions to se, 
|>erfore I ordeyne to jou, 
As my ffadur for my prou 130 
ha|> ordeynt me a kyndam, 
3e schulle hit haue pan.' 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



307 



Not for \>e bigynnyng 
Of her goode suffhng, 
berfore wi[>-outen drede 135 
Schul J>ei noutf haue }>at mede, 
But for \>e wel duryng haunted 
heuene-kyngdam was he(m)grauwted. 
bis suffraunce, wijf)-outen nay, 
Studefastnes hit is cald ay, * MO 
Strengbe of soule wib-outen strif, 
And also streng{>e of gostly lyf. 

Studefastnesse is f>e pileer 
Of alle vertu wes fer and ner; 
be goode Werkes of resoun falle 145 
Bote duryng soffrauwce be pr/n- 
cipalle. 

berfore, bref>eren, striue we 
In duryng soffraunce for to be; 
3if we beo goode, wib-outen fayle, 
No twrmen tne of worldus assayle, lßo 
Jte of |>e fend, vr fflefch also, 
Schal not parte vs vre God fro. 
hose wel laste]) to £e ende, 
he schal saaf to bhsse wende. 
}>er crtst seide ful of loue l&> 
'So as my ffadur aboue 
hab ordeynt kyngdam me to, 
I haue ordeynt to jow also': 

te ffadur hab disposed to wone 
enene-kyngdam to sone. 160 
he him made Box um Jx>n 
To dye vppon |>e cros for mon; 

Krfore {>e ffadur wij>-oute fayle 
J> him vp rered for his trauayle, 
And he hap jiuen him a name 165 
AI o]>ur aboue in Joye and game. 
hose wole wi£ J>e sone duire 
In his temptacions sure, 
he hem wole lede in-fere 
In to heuene-kyngdam clere. 170 

Aftur bis seide vr lord, 
As Luc here bere{) Record: 
'3^ schul ete and drinke ban 
On my Bord in my kingdam': 
bat Bord is euer forj) iset 175 
To alle holy wi{)-outen let, 
l>e goode to Jeede wip gostly grace 
Euer-more in heuenly place. 

In a-no{>ur place Meie 
Crist spekej) of bis mete eke: 180 
'Blessed,' he seide, 'beo alle }>o 
bat hungren and pursten euer-mo', 
pat is to sei, aftur f>at Mes 
pat is icald Rihtwysnes. 
'ffor, sikerly, {>ei schul oeo fuld l&"> 
In pat blisse abouen I-buld*. 

134 Ms. jor st her. 



j>eose beo j>o ]>at be{> nouht 
wi{> temptaciun doun brouht. 
And penne Jhesu seide eft-sones 

Sat |>ei schulde sitte on Trones, 190 
uggyng {>at to hem fei, 
>e twelue kyndes of Israel, 
jeos beo bo wif>-outen strif 
)at trewely trauayled beere in lyf 
And soffred temptaciuns and wo 1*5 
Of wikked pepul in world {x> 
And weore demed wi{)-outen skil 
And tok heore dorn vrip good wil; 
wi{) vr lord schul \>e\ f)erfore 
In heuene dwellen euer-more. 200 

I>ei schul come wi|> him also 
whon he to {>e dorn schal go, 
Domus-men to beo rihtwyse, 
hem to deme and to diuise 
bat in {>is world dude hem schäme 205 
ffor Godus sake and his name. 
And for be spyt }>at f>ei had 
And tok nit mekely and glad, 
ber {>ei schul wi{>-outen weer 
Entre in to ]>e grete pouwer, 210 
hi$e seetes |>er takyng, 
Euer to dwelle in lykyng. 
he vs graunte ber to wone 
|>at is mon ana godus sone. 



Liber generacionis Jhesu Christi 
fili. 

Nunc iudicium est mundi (Joh. 
12, 31—36). 

♦Jhesu, ful of alle vertuwes, 
Seide to J)e pepul of f)e Jewes: 
„Nou, tt he seide, „f^r is a dorne 
Of })is world, I warne flow sone: 
|>e prince of |>is world vnwrast 5 
Nou he schal beo out cast. 
And $if I schal beo rered hei$ 
ffrom |>e eorf)e, sikerly, 
Alle {>ing I schal drawe 
To my-self in luytel |>rawe tt — w 
})is he seide bi tokenyn^ 
what de}) he was to dyjing. 
|>e folk seide and onswerd: 
-Of {>e lawe we han herd 
pat crist, so|>li for to teile, l r > 
wi}>-outen ende euer schal dwelle: 
hou seistou £at {>e sone of Man 
Moste ben vp reyset {>an? 
who is be sone of mon }>us? u 
J>en seide to hem Jhesus: 20 
20* 



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308 



Proprium Sanctorum des Ma. Vernon. 



-3it> tt he seide, „bi in-siht 
In jou J>er is but luyte liht. 
Go{) while $e ha lihtj I rede, 
|>at derknes take 30U not in drede: 
ffor hose go{) in derknes, 25 
he not whoaur he goj) to ges. 
Leuef> in liht, jou to saue, 
while ge liht wif) jou haue, 
" at $e in })is maner mai beo 
e sones of liht feif and freo. tt 30 
A is is f>e strengte of . {)is gospel, 
As mon in Englisch tonge niay tel. 

PE Apostel sei|) in a place: 
'Mony beo {>e domes of godus grace ; 
be doinus of god may not beo pouht 
By Monnes wit ne for{> ibrouht.' 
Of whuche domes bis is f>e ton 
* at Cri8t (s)pak of nem anon, 

t he seide wordus fyne 
Ä dorn was of f>e world {>at tyme. *° 
But not }>at In J>e ende 
whon alle schule to doom wende, 

Bote a-no[>ur dorn was {ns, 
Of whuche $e schul here, I-wis. 
whon f>e fend hedde Monkynde 45 
borwh Bondage of synne blynde, 
porwh be fei}) of crist, vr kyug, 
Bi his de{> and blood schedyng, 
{>at was sched In for^ifnes 
Of vre synnes more and les, 50 
As bi his Resurexiun 
Mony weore diliuered of pWsun 
ffrom {>e deueles daunger so, 
And coupled weore to Jhesu |>o: 
And [>is ne called a doom, deore, 55 
Of {)is world bat is here. 
be goode {x> departed he 
ffrom |>e wikked for to be, 
f>e fend he put j>o from his, 
And brouht nem sone in to his blis. 60 
}>e worldus prtnee, |>at was stout, 
he seide, schulde beo cast out. 
bat dorn, haue we no drede, 
nit was don Jjat tyme in dede. 
Crist aftur Iiis passiun swete 65 
And his Resurrexiun eke 

Also bi his Assen ciun hei ( }e, 
Muche pepul }>at was vnsleije 
ffor mysbileeue J)at J>ei in lay, 
he brouhte in to J>e rihte way; 70 
In whos hertus longe to-fore 
J>e fend hedde leyen harde and sore, 

f>o Reneued {>ei beo graas 
heore bileeue, as his wille was. 



je prince of {ns world aboute 75 
>us from hem was cast oute. 
>e worldus prince nout elles nis 
3ut cheef 01 alle wikkednis. 

In anofmr place f>en 
{>e world is cald goode men, **> 
whuche ben aboute spred 
In al |>e world, as hit is red; 
ffor |>e apostel sei{) ful euene, 
Crist forso{>e was in heuene, 
be goode world Reconseylinge 85 
To nim-self, as mihti kynge. 
bat world, forsoJ>e, is not mo 
But whuche f>e ffend Is cast fro. 

ffor|)ur-more for to wende, 
f>en seide Jhesu hende: 90 
4 3if I schal beo rered bei$ 
ffrom J>e eor|>e, sikerli, 
Alle |mig I schal drawe 
To mv-self in luitel |>rawe': 
Alle pe goode, hit is to say, 95 
{>at han pe fend cast away ; 
And |>at he wolde hem drawe sone 
Aftur him as was to done, 
|>us muche hit is to meue, 
As 1 schal teile $ou at ene: 100 
he was lord and hed of alle, 
And beih be Membre to hiw* do 
falle. 

reryng fro be eor{>e in plas 
passion on pe Cros hit was. 
pe pepul }>enne seide in sawe: 10 5 
'we han herd hit in f>e lawe 
|>at crist schal euer-more dwelle 
wi{)-outen ende, so{> to teile: 
hou scholde he benne arered beo 
ffrom {>e eor|>e for to seo,' U° 
As hos sei{), hou schulde he dye 
vppon a Cros {>cnne bi envye? — 
beos wordus bat |>ei spek in wille, 
pei {>ou$ten aftur to folfille. 

Jhesüs hem not open wolde H5 
be derknes of beos wordes bolde, 
Priue wisdam forte helde 
In to hem £at weoren vnwelde; 
But suwwhat of heort? Conciens 
he prikked {>at tyme in presens. 120 
]>en seide to hem Jhesu of milit : 
'In jou*, he seide, 'is luytel liht:' 
bat was to sey, for £ei hadde 
know^lechyng,* but hit was badde, 
Of cristes dwellyng so hende, 125 
hit to beo wi|)-outen ende, 
And nolden not leeuen [>at per were 
So muche mekenesse in hym here 



38 Ms. hem st. here. 



102 1. J)ei. 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



309 



To suffre def> for vre sake 

On \>e Cros wib wo and wrake. 130 

*Gof)', he seide, 'whil je ha liht, 
hat jjow De take }>e derk nibt': 
pat was to sei in f>at stounde, 
wordus gbode of grace I-fouwde : " 
'Leeue{> as wel J>e dringe 135 
As je do be euer-lastynge, 
And also pe schedyng of my blood 
As myn vprisyng so good 
And my steijinge to heuene cler, 
As heue kyng of gret pouwer; HO 
But jif je wolde leeue pis 
wi{> pe euerlastinge, I-wis, 
je ben ouertake wip mis-bileeue, 
f>at sore aftur wol jow graue.' 

J>is he cald |>e derknes, l-tö 
ffor to helle hit wolde hem dres. 
'hose in derknesse go{> so, 
he not whodurward to go.' 

Jhesu seide in j>is gospel 
More, as he coude fuT wel : 150 
*LeueJ> in liht in jou, I say, 
whil je liht haue may : 
J>en may *e haue good siht 
And also beo f>e sones of liht:' 
j>is is to sei in bis speche: 155 
vre goode lord dude hem teche, 
whil {>ei hedde trewe techyng, 
To leuen in trouf>e for eny-|>ing: 
'Bi J)i(s) wei may je beo sone 

Ee sones of liht in his trone.' IM 
e |>at for vs wolde dye 
Bring vs vp to heuene hije. Amen. 



Vidit Jhesw* hominem sedentem in 
(Math. 9, 9—13). , 

AS Jhe8us wide aboute went, 

he sai a Mon sitte present, 

Matheu cald was his name, 

In a Tol-bof>e sat ]>e same. 

Jhesu seide to him soone: 5 

„Suwe me, hit is to done. tt 

he vp ros feir and stille 

And suwede him wi{) god wille. 

In to his hous he haj) him gete, 

And ]>er bei wentew to J>e mete. 1° 

Mony Publicanus |>ere, 

And obur synners {>at f>er were, 

Come pider in gret hi^e 

To sitte wij> Jhesus, sikerlye, 

And wi|) his disciples also, l 5 

J>at ]>ere weore at mete \>o. 

Sone {>i8 Pharisens alle, 
|>at sejen f>is cas so to falle, 



To be disciples soone J>ei seid, 
As hit was in heor hertus leid: 20 
-whi eteb jor Mayster {>ub 
beere wip peos Publicanus, 
And also he eteb {>en 
wib o{)ure synfole men? tt 

Jhesu, sone {)is he herde 25 
And seide sone and hem onswerde: 
„f>ei haue no neode of leches here 
bat ben sounde, hol and feere; 
Leche-craft hem neode{> more 
bat mony vueles han and sore. 30 
Bote go|) nou and sei}) to me 
what pis questiun may bee : 
I wole merci on alle wyse, 
And not only sacrinse. 
I com not [>e rihtwys to calle, 35 
But synners to her penaunces alle. tt 
{>is is {>e strengbe of vre gospel, 
As mon in Englisch tonge mai tel. 

X)Ere breberen, vre lord 

bat calde Matheu bi record, 40 

ne tauht him folliche wi{)-Inne 

Of gostly sturyng to bigynne; 

he put into his soule place 

be liht of his gostly grace, 

ffor he vndurstonde scholde, *5 

he j>at hym so clepe wolde 

ffrom alle worldlich wynnynges, 

Miht him *iue wi]>oute lesynges 

I-nouh of heuenlich tresour, 

£at neuer roteb for no schour. 50 

J>is ilke Matheu ros anon 
To suwe Jhesu forte gon: 
bu8 muche hit is to say, 
he forsok {>at same day 
Alle passyng {>ing vnable, 

Sat to him was aisseyuable, 
6r }>ei hedde to hiw muche nyud 
whil he hem vsud and occupyud; 
he hem tok to folwe faste 
bynges {>at euermore wolde laste, (i ° 
To whuche binges sojrfastnesse, 
bat is crist nim-self expresse, 
Bi his holy grace him nrouh 
And mad him studefast Inouh. 

J)is Publicanes goode turnyng 65 
{>at so was tornd to heuene-kyng, 
$if to publicanes hit schalle 
And to obur synners alle 
Ensaumple, for to take penauwce 
And haue f or jiuenesse bi pis chaunse. 



31 lat Euntes autem discite quid sit, 
59 1. him? 



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310 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



f>is Matheu stured was so hard, 
bat he tok no reward 
To j>is world bat is so badde, 
Ne to no catel j>at he hadde. 

Matheu in his hous honeste 75 
Made vr lord a gret feste, 
As luve, }>e goode gospellere, 
Teile}) in his gospelhere. 
hose Besseyuep Crist, seij> he, 
In to his soule bi grace to be, 80 
he is fed Plentyuouse 
wib likynges most in his house. 

pat rublicanus and synful men 
Come and eten ber vrip hem, 
And o|)ur men pat hit sei$e 85 
hedden perto gret Envye: 

Öi knewe Matheu wifxmten strif 
uche amendet of his lyf, 
ffor he hedde £enne Ifoundew |>e 
plas 

Of good penaunce bi godus graas. 90 

£i8 Pharesens for vobreide 
To |>e disciples \>eroi seide: 
|>ei asked whi {x> ful of synne 
wi{) hem to ete schulde bigynne. 
' is Pharesens weore vnquert, 95 
3y knewe not heor owne hert, 
e o{)ur mennes kneuh j>ei nouht; 
]>erfore bei weore to folye i-brouht. 

But jkesu crist, {>at is so good, 
bat kneu$ hou mennes Jiertes stood, 
he wolde hem resseyue alle 
ffrom heore synnes forto falle; 
And for }>e synnes monv-fold 
To do penaunce [>at wolde be bold, 
he hem cu/wforte{) more and more 105 
In sadnesse of bileeue {>erfore; 
hem |>at he wole suffre stout 
ffor a tyme to beo proud, 
Aftur he wole hem redres 
Bi grace and caile to Mekenes. HO 

penne hit is in scripture leid, 
Jhesus to |>at pepul seid: 
*A leche nede|> nim not bat stounde 
|>at is al hol and sounde, 

But hem bat aren in dissese, U5 
Muche a lecne may hem plese.' 
In J)is noble onswere sleih 
Is vndurstonden bing gostly: 

Crist repreuej) her more and les 
|>e Jewes fol-hastines ; 120 
Euer f>ei putte hem bihynde 
Gostly grace forto fynde, 
And jit \>ei made gret bost 
bat heore rihtwisnes was most. 
But benne vre gode lord dere 125 
Bad pei schulde go and lere 



what bis was in alle wyse 
'I wol Merci and no saci-inse'. 

&Pharesenes her he bad 
; bi |>e Werkes of Merci glad I 30 
schulde gete hem {>e Mede 
Of euerlastyng lyf in dede. 

ferfore he sei£ 'I not com 
fforte clepe be nhtful mon, 
But I com forto calle 135 
Svnnere to heore penaunce alle*: 
{>is is forte mene pen : 
'I com not for to calle hem 
bat wole at heor owne avyse 
nolde hym-self most rihtwyse, HO 
But hem f>at mekeli wol arowe 
heore defautes seo and knowe; 
hem I com to calle vchon, 
To heuene pei schul wi[> me gon.' 
Bi {>is grete enchesun l-* 5 
To ete wi|) hem crist was boun, 
ffor no lust of glotenye, 
But hem touward heuene to hy$e. 

hem [>at he fond |>er wrapped, 
wi{) mony bitter synnes läppet, wo 
Euer was £at lord redi 
To hym to calle hem sikerli, 
Bi {>at siker wei to go 
Of penaunce, as he oad hem ]>o. 
{>is llke same Matheu here 
was be furste gospellere; 
Lo£ ned he beo icald jerne, 
Cnsten Men he dude conferme. 

he {>at for be world bihoue 
Sat fürst in pe tolbof*, 
* at his tent al hedde i-^iuen 
i worldlich doyng forto liuen, 
bus he was ymad spenser 
Oi heuenliche metes fer and neer 
Bi preching of }>e pepul sleih, 165 
Besauntes of heuenly tresori. 

berfore I rede {>at alle we 
Asse of him vr help to be, 
?at he wolde so for vs pray 
>at we to heuene come may 170 
x>rwh goode dedes also doynge. 
>at grace vs graunte heuene-kynge. 

Amen. 

Quis putas est maior ? (Math. 18, 
1—10). 

PE disciplus of Jhesus 
Comen to him and seide f>us: 
„wjiich trowest fx>u moste be 
In heuene-kindam of vs to se?* 

140 1. hom. 157 L Levy. 



155 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



311 



Jhesu calde a luytel childe, 5 
And seet amonges hem ful mylde; 
he seide to hem for heor prou: 
„ffbr sobe u , he seide, „I warne aow, 
But $e oeo tornd and mad meke 
As |)is luitel child is eke, 10 
,He may not elles entre euene 
In to pe neige kyndom of heuene. 
flbrso|>e, hose him meke wolle 
As f>is luitel child folle, 
he schal beo more, sob to teile, 15 
In heuene-kyngdam, for to d welle. 
And hose wole In my nome take 
Such a child ^for my sake, 
Siker may he ]>enne be 

tat verreyli he takef> me. 20 
ose sclaundrej) eny of {>eose smale 
bat in me leuen al by tale, 
To him muche beter hit were, 

KD for to do ]>at ilke dere, 
t an heui Mulne-ston 25 
weore honged aboute his nekke anon 
And he drouned, as I sei |>e, 
In be depnes of ]>e s£e\ 
To pe world beo muche wo 
ffbr }>e sekundres £at |>er-in go ! «*> 

And jit nedful hit is 
Sclaundres to gon in world, I-wis: 
wo to |)at mon in wone 
Bi whom be sclaundre so schal come. 

Sf |>i feet or |>in honde 35 
uwdreb be, to vnduretonde, 
Cut hit of, i be sey, 
And cast hit fro be soone awey: 
Good is to {>e, wip-outen strif, 
halt and feble gon into lyf, 4 0 

&?n forto haue also skeet 
]>ur two hondes or two feet 
Sent into f>e fuir brenn yng 
J>at is euermore lastyng. 

And gif J>yn eje bi wey of siht * 5 
Disclaundreth |>e ageyn riht, 
Pul hit out sone and faste, 
Awey from be sone hit caste: 
Gooa is to pe wi[> on eige 
To entre in to |>e lyf on hije, 60 
ben two ejen to haue snelle 
beende into J>e fuir of helle. 
Loke |>at *e dispise ne £reue 
Nonne of pe smale bat m me leeue : 
flbrso{)e i teile ow perfore, 65 
|>e AungelesV heuene euer-more 
seon my ffadur face, bat is 
Euermore in heuene-blis. u 

25 Ms. \>en st. JmiU 53 Ms. im. 
56 1. ]>er st. J>c. 



J>is is {>e streng^ of f>is gospel, 
As mon in englisch towge (may 
tel). — & 

Also ofte as we rede 
f>at f>e disciples in heor dede 
Askeden wip-outen bost 
whuche of hem schulde be most, 



we schul not suppose [>erbi, 65 
Beo wey of wrappe ne envy, 
Bote to monnes rrelete, 
his vnstabelnes to se. 

{>e disciples weore boistous Jk> 
And neweli take be world fro; 70 
Ofte hedde bei I-herd crist 
Prechen of his vprist, 
Hit were f>ei not tend In place 
fful in f>e holi gostes grace, 
|>ey hedde not lernd {>e parfyt 
loue 75 
Of heuene-kyngdam aboue; 

ffor, as J>e gospel to vs seif> 
bat is rote of vr fei[>, 
pe holigost was not git f>en 
I-sent pat tyme doun to bem, 80 
Ne Jhesu, ]>at is trewe and triged, 
was not git in hem glorifyed. 
bey hopud, whon he I-risen were 
nrom pe de{> and maad al cleere, 

{>at he a kvngdam schulde holde 85 
n bis world pat is vnbolde, 
Ana f>ei to ha ben I-higed £us 
wi{> mony world us worechipus ; 

fis was penne {>e enchesun 
n tyme of his passiun 90 
{>at pis strif among hem went 
whuche schulde beo most \>er present. 

vppon a tyme Cleophas, 
Ana anobur £at wib him was, 
To wguche cnst dude apeere 95 
Aftur his vprist so dere 
In liknes of a pilgrym sleih, 
i seide: 'we hopen so{>ly 
at he schal beo {>at mon 
V> bugge Israel of J)raldom.' m 
And summe of his disciples eke 
Asked him wib wordus meke, 
J)ei seide: 'lord, we preye bin ore, 
wher {k)u in ]>y tyme schul restore 
" at kyndam, to make hit wel, 105 
at is cald Israel, 
o {>e freodom of olde 
{>at hit was wont forte holde? 1 
Bre|>eren, £at han herd now 
bis gode lessun for gor prow, HO 
#e mai herbi vnduretonde 
what reuerens in eueri londe 



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312 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



bat omte al-wey to beo ^iuen 
To godus seruaun« |>at wel lyuen; 
Bi Mekenes, as loue wolde, " U5 
Euer f>ei moste to-geder holde. 

In ensauraple Cnst {>enne fette 
A luytel chdd, and among hem 
sette, 

And seide to hem wordus mvlde: 
'hose wol meke hym as f>is childe, 120 
he schal beo grettest of flow 
In heuene-kvngdam forte know.' 

{)us we scnal {>is resun take 
bat Mekenesse may vs make 
To come to bat gforious blis 125 
ber as crist nim-self now is; 
Bi simpelnes and louh berynge 
heuene is persed, J>e heije |>inge. 
hose coueyte|> forte se 
Godus hei^nesse and his degre, 130 
he moste go bi bat lowe place 
Of Mekenes to folwe {>e trace. 
ffor beo hit on obwr obur 
at wolde regne toforen nis brojmr, 
e moste bifore beo ful sleih 135 
God to serue ful louhly; 
As |>e goode Apostel seif), 
bat saadef) vs muche in |>e f eij> : 
*pei {>at heer tofore are set, 
Most holde hem to-gedere jie bet WO 
In worschipyng more and les 
Of euer-lastynge Meknes.' 
vche mon bus moste ouercome 
Bi godus doynges alle and some; 
}>en ouercomcb he, so{> hit is, 
AI to-gedere bi holynes. 

})is is a souereyn {)ing f>on 
bat fallej) to vche cristene mon: 
pei bat hem louen, certeyn, 
To loüe hem fei|)fuly a^eyn, ^ 
And pei {>at don hem eny diflese, 
wi|> pacience hem to plese. 
ffor hose is most pacient 
To suffre wrong in good entent, 
hit schal beo most of his miht 155 
In heuene-kyngdom so briht. 
be wei }>at pider a mon wol hi^e, 
To fflesch is streit and vn-esye. 
he {>at wole ben hi$et her 
In worldus worschupe fer and neer 
And wol beo preysed on bis molde 
Bi tresur of seluer and of golde, 
he may not passe to heuene |>en, 
whil he trustnej) vppon hem; 
But he discharge hiw in higinge 
wi{)-outen eny tariinge, 
he may not entre into bat blis 
More pen a beest [>at charged is. 



A beest |>at charged is In plaas, 
Mai not passe £orwh narwh paas 170 
Til he vn charged be bat tide 
And his bur|>en leid beo-syde. 
J>e luttel flate to heuene-way 
worldly richesse receyue ne may: 
ffor hose is here so chargjed hei$e 175 
And asaye|) ber-in to sfi^e, 
he do{> not elles, wel I wot, 
But take{> hym-self a gret strok, 
And is constreynet to turne ageyn, 
To stoupe lower for his geyn. 180 
ffor also strait hit is £on 
To a worldly riche mon 
fmt ha{) in richesse al his trist 
And liue{> so in |>at foule lust, 
To entre in to j>at rial jäte 185 
Of heuene |>at we of spake, 
As to a Chamayle, sikerlye, 
To passe fx>rwh an Nelde-eue. 
Naked weore we, brejxven, born 
In to J)is world scharp as J>orn, 190 
Naked aftur eke we come 
To Receyue vr cristendome; 
Naked of richesse moste we 
hije vs in to heuene to be. 
Bi |>is enchesun of record i** 5 
Set we vr herte in vr lord, 

Loke we haue no tristinge 
In worldus tresur passynge. 
berto }>at holy angel 
bat is called Michael, 200 
ne help vs heuene to p?*rchase 
Bi nreyere and also bi grace, 
Ana bi be preyer also bolde 
Of alle heuenly Anglcs tolde, 
wjuche wer lutled at o tyme 20.5 
Bi pruide of lucifer in pyne; 
whos place schal beo restored a^eyii 
At j>is worldus ende to seyn, 
fful of cristene soules clere, 
To worschipe J>er her maker dere, 210 
f>at mihtiust is and most hende 
And liue|> and regne|> wtf>oute/» 
ende. 



Designauit dominus duo &c. (Luc. 
10, 1—9). 

Oure lord Jhesu asigrfed Jx> 
Seuenti and o)mr tweyne to go, 
he hew sende bi tweyn and twein 
to alle cites and places, to seyn, 
Biforen his face forte be 5 
{>er as aftur come wolde he. 



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313 



Jhesu seide to hem {>en: 
„Muche com |>er is, and fewe werk- 
ln ew. 

berfore prey *e al a-rowe 

To bat lord pat hit owe, 10 

{>at ne wolde werkmen sende 
n to his corn, hit to amende." 
Crist seide aftur f>ere 
To his disciples bat ber were: 
„Gob, and seob p&t 1 sende aou 15 
As Lombes a-Mong wolues nou. 
Bere je no sachel, ne no ston, 
Ne hosen ne schon 30U vppon, 
No mon also se je grete 
Bi |>e wey, gif $e him mete. 20 

In to what hous *e entre schal, 
ffurst seij> 'pees to pis hous al'. 
3if |>e sone of pees J>ere beo, 
goure pees schal reste on j>at hous 
freo; 

And gif |>at hit not so bi J)on, 25 

Torne hit schal agein iou on. 

In what hous f>at ge dwelle, 

3e ete and drinke, as I ow teile, 

Of such as ge fynde fx>re 

Beoinge ^er hem bifore; 30 

flbr wor})i is a werk-mon 

his huyre, |>at wel worche con." 

Jris is pe Tixt of f>is gospel, 

As mon in Englisch tonge may tel. 

ÖEre bre|>eren of honour, 35 
vr lord and vr saueour 
OJ)urwhile he bidde}> vs 
Bi word, and eke bi Werkes — 
ffor his dedes J>at we of here, 
Aren his biddynges goode and dere. 
ffor ]>eig he do mony a |>ing 
Priuely as lord and kypg, 
what we schul do in disert 
he makeb hit knowen to vs apert. 
Tweyne ne sent bi vre speche & 
To-geder aboute forte preche. 

Jns bitoknej) so|>liche so: 
ber are Comaundemens two, 
On, to loue god on hig, 
And vr euencristen also vs bi. 50 
Bitwene lasse J>en two ilad 
Charite mai not beo had; 
ffor Charite and loue, his brojnir, 
Drawe|> a mon in to a-no{nir. 

]>erfore dude vr lord sende 55 
Two to-gider forte weende, 
ffor euer-lastynge Charite 
ffolliche among nem schulde be. 

19 Ms. }>e st se. 28 Ms. To 8t. je. 



ffor he f>at in him -seif ha{) nougt 
Charite to o{>ur I-Jx>ugt, 60 
Ougte not [>e offys to resseyue 
Of prechyng, but hit fulli to weyue. 

Eerfore {>us, we seyn, 
e hem sende tweyn and tweyn, 
To go toforen to vche place 65 
|)ider as he wolde come bi grace. 

Vre gode lord of his ore 
ffolwe{) lu's prechours euermore; 
ffurst prechyng toforen go|>, 
And he comeb aftur wib-outen 
lo{) 70 
Into |>e dwellyne-places of prys 
Of vr soules bi his avys ; 
On fris wyse in alle {ringe, 
Bi peose wordus of techynge 
bat come tofore crist |x>n, 75 
Beo ressevued to wone in mon, 

fis is folfiche for to mene 
n vche cristene soule clene. 
|>erfore now to }>e same 
Prechours bat ben of goode fame, 80 
Isaye do{) nem sey 
bat 'make|) redi godus wey'. 
Godus wey euer-more 
Make we heere redi {>erfore, 
'Make we rihtwys be pa{>us 
alle 85 
Of vr lord, what so bifalle.' 
And also seib f>e sautere 
wordus [>at ben goode and clere: 
'To him so good a wey we make 
]>at steih vp for vre sake 00 
Aboue {>e goynge to softnis 
Of J>e sonne bat briht is.' 
ffor vr lord, iul of loue, 
sonne softnes stei$ aboue 
t as he di^ed, deore Jhesus, 95 
And soffrede gret dissese for vs; 
he schewed in his vprisynge 
be more Joye and lykynge: 
In {ris Maner ha{> he wonne 
Aboue \>e softnes of be sonne. l°o 
ffor bat ilke same dep 
tat he suffrede ful 01 me{), 
M his rysing he put away, 
{>e serteyn so[> forto say. 

J>is is to vndurstonde #>re 105 
be dej) schal he suffre no more. 
perfore to him |>at so vp steih, 
we make{) vs a good wey 
whon we of his Joyes preche 
And hertfulliche nem leeue and 
teche. "0 
ben wol he as lord of miht 
Come in to vr hertus riht, 



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314 



Proprium Sanctorum des Ms. Veraon. 



125 



hit 

130 



And lihtne vr soules wif wynne, 
wif alle swetnes vs wif-Inne. 

Bote vr lord here verrement U5 
Seide to hise fat were present: 
'Muche Com fer is to schewe, 
But werk-men fer beo wondur fewe. 
berfore to fat lord ae pray 
pat owe{) fat com as he wel may, 120 
|>at he werk-men |>erto sende, 
bat com to helpe and amende.' 
Bote fat |>er to fewe are 
werk-men wif fis com to fare, 
3if we schul to fis mater gon, 
we schul beo sori euerichon. 

ffor al-f eih hit so be 
{>at mony goode of heore degre 
wolde fayn here preching ay, 
hem wontef fo fat schulde 
say. 

ffor nou fis world at a pul 
Is plenteuous of prestes ful, 
But neuer|>eles in Godus com, 
fat to him-self schulde be schom, 
fful Seide fer is in eny stounde 135 
But fewe goode werk-men founde. 

ferfore ful sore I me doute 
Lest mony of vs bat ben stoute 
be offys of prest hab receyued, 
But prestlich Werkes rally weyued ; 
fful seiden loud or stille 
Prestes Werkes we folfille. 

'But preyef to him fat hit owe, 
bis com, bope hei^e and lowe, 
pat he werkmen sende 
pis ilke com to a-mende': 

{>is is forte mene |>us: 
#e lewed pepul, prey for vs, 

fat we make good worchyng 
n gou }>orwh godus techyng, 
bat vre tonges in sleufe not falle 
To warne ow of or synnes alle. 
Leste veniauwce falle on vs sone, 
öifen we beo charged hit to done, 
Place to occupye for to preche, 155 
be pepul godus wey to teche, 
Let we not vr stillenes 
ffor euere dampne vs to distres, 
A^eyn fe Juge Rihtwyse, 
Domusmon, higest Justise. 160 



hec mando vobis vt diligatis (Job. 
15, 17—25). 

Jhesu seide bis wordus meke 
To his disciples whon he speke: 



140 



145 



150 



„fis, tt he seide, „I to gou sende 
fat ge loue to-geder hende. 
And feih {>e world gou hate fe more, 
Me hit hedde in hate to-fore. 
*if je of fe world were, 
he wolde loue his fing dere; 
But beo not ferof so, 
ffor I haue chose gou fer-fro: 
be world, ful of debate, 
perfore haf gou in hate. 
Bifenkef gou of wördus myne 
{>at I haue seid mony a tyme: 

A seruaunt, bi good record, 
Nis not more fen his lord. 
ffor $if fei han pursuwed me, 
Pursuwed of hem schul ge be; 
gif |>ei my word kept haue, 
ztoures schul fei kepe and saue, 
bei schul gow do ai |>is fing 
ffor my nome knowlechyng: 
Mi ffadur wol fei knowe nouht 
Ne me bat hem hider brouht. 

3if I nedde not to hem come 
And spoken wif hem ofte in wone, 
ben scnulde fei not han had 
Synne bat is in hem stad: 

Now na fei excusaciun non 
Of heor svnnes euerichon. 
hose hatep fulliche me, 
Mi ffader also in hate haf he. 
Ned I no werkes wrougt in hem 
fat non ofur wrougt er fen, 
Sofli, now to biginne, 
ben schulde fei not han had no synne. 
pei han sen, and hated me, 
And my ffadur also so fre. 

Bute for f is word writen of olde 
In heore lawe folfuld beo scholde : W 
In hate fei hedde me neuer-fe-les 
ffor myn owne kyndenes." 

By moni skiles goode and clere 
Cnst, vr gode Mayster, here, 
he sendef vs techynges hider & 
Euer for to loue to-gider. 
vche mon schulde loue obur 
As Brofur schulde loue Brofur. 
wif-outew loue of godus delyt 
Goodnes may not vs profyt, 50 
Ne good loue may not beo had 
But goodnes beo wif him lad; 
Bi wguche loue of goodnesse 
A Mon mai him to god redresse. 
ffor his loue fat is so hei*, 55 
we schulde soffre pacientli 
Of f is wrecched world fc hate, 
Bofe erly and eke late. 



10 



15 



20 



25 



90 



35 



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Proprium Sanctorum des Ms. VernoD. 



315 



ffor hit most vs bäte nede 
whom bat hit seo|) in dede 60 
bat wo! not to be loue drawe 
pat hit do]> in dede and sawe. 

But ofte vr goode lord Jhesus 
Bi him-self cuwforte|) vs, 

r he seide him-self sone: 65 
da I Comaunde jou to done 
>at je loue wel to-gider, 
rfore weore je i-brouht hider.' 
3it he putte more f>erto 
And seide on bis wyse also: 70 
'ijif {>e world perfore ow hate, 
Beo je no-|>ing f>erof mate, , 
ffor witej) wel, jou to-forn 
To me ha|> hit hate iboren.' 

But muche pepul leeuej) noujffö 
In worldly hate to beo brouht. 
I jou teile |>erfore biforn, 
bat is wondur gret skorn 
pat eny Membre of a Mon 
Schulde ben herre and more told 
on 80 
ben f>e Croune of his hed, 
pat hyest is wi£-outen dred. 
Siker, |)ou forsakest to beo 
A Membre of godus bodi freo, 
But £ou wolt soffre meke 
J>e world US hate, [>at is so seke, 
wi|> {>at ilke hijest hede, ' 
Crist, |>at for vs suffrede dede. 

Crißt to his disciplus seide 
And f)is resun to hem leyde: 
'jif je be worldus were, iwis, 
hit wolde loue |>at weore his.* 
bis ilke word here he seih 
To al-holi churche of ffeib. 
Ofte-tyme Crist hit callep, 
Diuersliche, as hit falle]), 
holy churche, f>at is dere, 
Bi nome of ]>is wor(l)d here; 
And bi J>is word here in plas: 
'God', he seib, 'in heuene was, 
Reconcilyng pe world wel 
To him-seli euerider — 

bat world is folliche forte mene 
Alnolv churche at ene. 
And in anof>ur place, to se, 105 
he seij) a word of dygnite: 
'Godus sone in goodnes breme 
Com not |>e world for to deme, 
But be goode world vche a lym 
Schulde ben wel saued bi him.' 110 

ffor, as Jon seif) in dede, 
In his gospel as we rede: 

75 1. berej). 



85 



90 



95 



100 



115 



120 



125 



'we han euer a good voket 
Toforen his holi fader set, 
£at rihtwys is and helpere 
Ajeyn vr synDes eueriwhere. > 
pe world is here forte say 
Al-holi chirche niht and day. 
And jit al be world to worche 
hateb al-holi churche. 
" en Deo we bus {)erate: 
s world dop ]>e world hate. 
f)e Enemy world, {>at is wood, 
hate{) holy churche good; 

Sat on, ha{) lost gostli place, 
e tojmr reconcyled bi grace; 
e to world {>at dampned is 
ate{> be to{>ur touward blis; 
be world defouled ful of synne 
natef> holichirche clene wij>-Inne. 130 

£is ilke holi chirche so clene, 
bat gjod in his sone to mene 
To him-self Reconciled, 
hit was clene vndefuiled; 
Also bi Crist fmt tyme 135 
hit was saued fro muche pyne, 
To whuche, J>e beter for to lyuen, 
Bi Crist alle synnes were forjiuen. 
beose weore chosen to good astate 
ffrom |>e world ful of hate, 140 
£at dampned is, enemy wikke, 
And defouled wi|) synne bikke. 
Of J>at lompe bi tyme and süas 
Bi whuche in Adam al pcrisched 
was, 

weore mad vessels of merci, I 45 
In wjuche J>e goode world to cri, 
bat holi chirche we calle moun, 
Is falle to Reconsiliacioun ; 
f>e wrecched world ]>e more hateb 
wif) holy churche and debatej), i 50 
|>at of pe same lumpe cam, 
Apartenyng to J>at vessel £an 
Of nuy and wra|)|>e, euer in bost; 
Eucrlastyneliche bei schul be lost. 
But whon ne hedde seid here 
'jif je of {)is world were, 
pe world wolde, soj> hit is, 
ffulliche loue {>at were his. 

je nare not of }>e world so: 
I ha chose *ou fulliche f>erfro. 
he is wikked and vnwrest, 
berfore to hate jou hit is prest.' 
peose disciplus weore not chose 
Out of J>is world, {>at go{) to lose, 
Bi her owne disseruynge, 165 
Of whos tofore-lyuynge 
ffewe goode vertuwes cam, 
Til hit was jiuen bi grace to ham; 



155 



160 



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316 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



Ne |>ey weore not, as we fynde, 
Chosiin bi wey of hei* kynde, 170 
ffor al vr kuynde, til per cum böte, 
Defouled was In Adames rote — 
{>is synful dede, bat was so ille, 
was al I-don bi freo wille. 
d weore chose, sop to sey, 175 
y grace of god {>at is verrey. 
Crist J)erfore to hem preid: 
*f>enk on J>e word |>at I haue seid, 
be seruaunt bi good record 
Nis no better {>en his lord. IM 
ffor as J>ei me dude p?/rsuwe, 
Poreuwe schal ow mony vntrewe; 
Jk) {mt my word dude kepe. 
joures {>ei schal, I ow hete.' 

vr lord es biddyng erli and late 
Sture|> his seruauns to soffre bäte 
Of f>is world so venimous, 
{>at euer is enemy to vs; 
aif we hit soffre wif>-oute mod, 
hit wol vs torne to muche good. 190 
A grettore sauwple ne more bet 
hou miht he him-self set? 

Petur seif), |>e apostel dere, 
bat crist suffrede for vs here, 
To jiue vs ensauwple in plas I 95 
Mekeliche forte suwe his tras. 
Crist seide: 'al {>is ilke schäme 
bei schal jou do for myn name, 
Ow to hate in alle wyse, 
Porsuwe jor wordus to dispise.' 200 
whi for his nome hit to beo don, 
|>is is good to wite son. 
'In jow schul bei me hate newe, 
In aow schul pei me pursuwe, 
And bi enchesun J>at joure word 205 
Is myn and.of myn hord, 

f>erfore, I ou teile eke, 
In no wyse wol pei hem kepe, 
ffor my nome {>ei schal f>is do, 
And not for joures, take hit so. 210 
Kiht as {>ei more corsud are 
bat don 30 w pis dissese and fare 
ffor myn name in 30W dresset, 
Kiht so are je {>e more blesset 
" at suffren mekely al pia schome 215 
br me and also in my nome.' 



Videns Jhesi/4 turbas ascendit in 
montem (Math. 5, 1 — 12). 

Herkeneb alle to bis gospel, 
what Matheu herof wol us tel, 
In j>e feste of jf>is heije-day 
J>at al halwen is to say. 



Jhesus sayj, as sei{> |>is storye, 5 

Of peple muche a Cumpavnye, 

And ne wente feir and stille 

vpon heih in to an hille, 

And per he set him doun anon. 

his disciples to him gan gon, 1° 

And he nis Mou{> feir openynge 

Taujt hem {>er ful derwor|>e {nnge, 

And }>us to sey he bigan, 

p&t lord |>at was God and Man. 

{ms he seide, as I sei f>e: 1 5 
Jbe pore of spirit blesset J>ei be: 
ffor I ow sey wi|) mylde steuene, 
heoren is pe kyngdom of heuene. 

Also Blesset mote f>ei be 
bat ben Meke wib herte fre: 20 
fror sikerly pei schal haue 
Erthly possessions, hem to saue. 

I-blesset beo fx> |>at make serw- 
ynge: 

ffor I schal sende hem cumfortynge. 

Blesset beo |>at pa.t han pat 
miht 25 
To hongrun and pursten aftur riht: 
ffor, $if pei in pis Maner beo sted, 
I schal ordeynen bat pei beo fed. 

Blessed beo pe Merciful vchone 
bat Merci nis not wi j) hem wone : 30 
fror I schal so ordeyne heore pay, 
{>at Merci schal hem folewen ay. 

Blesset mote |>ei clene of hertes 
beo: 

ffor God Almihti schul J>ei seo. 

Blessed beo be pesybles i-tald : 35 
J>e sones of god schul {>ei be cald. 

Blesset beo po paX day and niht 
Soffre persecucions for pe riht: 
ffor heores is pe kyngdom clene 
per as dwellej) Crist I mene. 40 

Blesset beo je in hijinge 
To whom pe world make{) missig- 
gynge 

And persecucions to $ow make 
ffor my word and for my sake, 
And vp-on §ou seyjen lesynge 45 
ffor je of me witnesse bringe: 

Beo{> glad and also ful of blis, 
jor Meeae in heuene plentyuous is.* 4 
pis is {>e strengt 01 vre gospel, 
As Mon in Engfisch tonge may tel. 50 

SEint Bede her schewe{) forfri 
And expouneb pis Ewangeli, 
And seip pe ffeste of f>is day 
was vnknowe, so{) to sav, 
To prestes, techers and Öonfessours, 
j>at seruedcn God wip honours, 



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317 



>e w^uche techers dude Moyste wel 
>e hertes of trewe men eueridel. 
>at Moy sture is gode techin ges 
>at gostlv vs to Blisse bringes; 60 
And sucn scholde J>is techinge be 
founde 

|>at profitable fruit scholde peron 
grounde; 

|>at fruit p&t so come|) of prest aud 
clerk, 

Cal I be fruit of godus werk. 

flor po p&t prechen godus word, 05 
po ben Besauns of godus hord, 
wjuche p&t god hup take to hem 
To dele to alle cristeue raen. 
$if J>ei hit holden hem-self wi|)-Inne, 
Aboute to dele hit wol not bi- 
ginne, 70 
)eoues |>ei ben apertely 
Mit so stele godus tresory. 
>erfore |>ei scholde in eueri route 
Teche hit to pe pepul aboute, 
And liuen hem-self good lyuinge: 75 
ben seruen {>ei god, heuene-kynge. 
ffor doctours p&t weore sum-tyme, 
bau$ pei of swerd feled no pyne, 
Martyres in |)is Maner bei were: 
In liuyng of heore lyf ful clere; 80 
ffor hit is noble Marti rdom 
To liue in alle manere a clene mon. 
A Martir only proued nis not he 
To schede his blöd, so ded to be, 
But he bat wol abstene him 85 
ffrom alle fulfms and alle ayu, 
And vseb alle godus Comaundemens 
And no )ing dop to his defens. 

Whi God went vp in to an;hille, 
Good hit is to teile jow tille. 90 
An hui, $e wite wel, hit is hi$e: 
So dude god in grace vp sti^e 
|>is day to teche pia lessun wys — 
Of alle lessuns hit bereb pe pris. 

Serfore to an hui jede he, »5 
br herre lessun mihte non be. 
f>ere he seide: 'I teile *ow, 
Blesset mote f>e pore of spirit be 
nou, 

rif {>ei pouert holde and haue 
ffor loue of him p&t schal hem 
saue/ 100 
pore of spirit ben pwe men 
pat Meke ben and drede god [>en, 
And po J)at make no couetynge 
To erthli ni to fflescly J»inge; 

84 1. who schedef). 95 Ma. seide st. 
jede. 



hose put him fürst in good ordriwge, 
So may he fürst come in blessynge. 
per he blesset pe Meke pan: 
possessiouns eorfrii scholde f>ei han. 
bei beo Meke icald a-rewe 
pat no $eyn-stondyng her enemvs 
schewe, . no 
|>at nou{>ur bi dede ne word ispeke 
Of her enemys nil hem not wreke, 
But gladly wole for Godus sake 
Suffre pvne, teone and wrake, 

lp Maystrie a^einstonde hit 



Bot ouercome hit 



And wi|] 

" nougt, 115 
wip goodnes 
wrou^t. 
pei schul folwe pe lombe, 
wher-so-euer he go or stonde. 

pat lomb is Jhe*u, ful of Meth, 
paX for vs alle soffrede dep. W 

'Blessed beo po p&t sori are' 
And for heore synnes in herte ha 
care, 

And for heor neih$ebors synne and 
sake 

Muche del and mournyne make; 
ffor pat dede pat bei so do, 125 
Godus kyndam schul pei come to. 
ffor be ffingres of god ful hi$e 
Schul wipe pe teres f rom heor ei^e, 
And |>ei schul haue cumfort most, 
p&t schal come of pe holigost. 130 
whon pei han lost eor|>ly lyf here, 
bei schul ha lyf in heuene clere; 
ffor bei |>at preyen wip wepynge, 
Schul gedere fruit wip Joyinge. 

Also spekeb pe prophecye 135 
pise woraus bi Ysaye: 
'wo to 50 u p&t lauhtres make 
Of $oure synnes and nil not slake; 
ffor as muche Joye as $e make now, 
wel more serwe schal come to$ow.' no 
J>ei bat make lauhtur and game 
Of neore nei^hebores härm and 
schäme, 

And in Idel heor tyme pei lese, 
And muche God J>ei displese. 

ber Jhesu seide ful of miht 1*& 
'Blessed beo be hungri aftur riht : 
ffor in f>at place ful hei^e ibult, 
per schal pei beo ful wel I-fult:' 
Aftur Riht to hongrun and {>urst, 
To kepe be Comaundemens to ha 
lust, 150 
To kepe hem wel, I sey apliht, 
And hem to serue day and niht: 
*»ei beo coueyted of god wip loue, 
>at wole hem bringe to blisse aboue. 



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318 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



'Blesset beo |>e Merciful vchan 1*5 
bat euer merci wif) hem han': 
bo ben J>ei, I teile hit J>e, 
bat helpen wrecches |>at nedi be; 
fror {>er j>ei haue pite of hom, 
Merci hem folweb sone auon. 160 

Ensaumple J^ore may we lere, 
As {)is feste rehersej) here, 
Of Ten Maydens, weore suw-tyme Jx>, 
ffyue wyse and fyue foles also. 

J>eos fyue gode forsoke [>on 165 
To beo coupfet to eny mon, 
J>ei nolde leue heore clannes 
ifor no worldly Riehes, 
But euere j>ei seruede heuene-kyng, 
In word, In |>ouht and doing. 170 
Do we so benne as dude |>ay: 
we wite wel, come schal domes-day ; 
Do we, wi{> him knowe to be 
bat schal sitte and Jugge vs in se. 
pen wol he take vs to him, 175 
As he £e virgynes dude bat tym, 
And bringen vs to |>at blis 
{>er as f>ei wij) him-seluen is. 
To [>at Wisse he vs bringe, 
J>at in world of worldus is regninge. 

Amen. 



Vos estis sal terre (Math. 5, 13 — 19). 

In £at tyme God Jhesus 

To his disciples seide {>us: 

-*e beon salt, I ow say, 

Of {>e eorbe, hit is no nay. 

But aif salt euaniflehe fro 5 

Jing pat hit is salted in so? 
it nis nomore wor{>i, we rede, 
Bote beo cast out in dede 
And defoulet fer men fro — 
To o|>ur profyt may hit not go. 10 

$e ben also \>e lint clere 
Of f>e world, to me dere. 
Men may not huyde a gret cite, 
jif hit is set on an hei* hui to be. 
Nor men takeb not of a lawterae 
$e liht 15 
And put vndur a strik vnriht, 
Bote on a Candelstikke on hi$, 
To lihten alle in house worJ)i. 
So lihten je gor lijt in place 
Bifore men, porwh gret grace, 20 
|>at bei jor goode Werkes may sen 
w$ucne idon bi ow schal ben, 
J>at bei f>erfore may glorifye 
•§or fadur J>at is in heuene hei$e. . 



Ne leeue|> not I com jow to 25 
be lawe or prophecies to vndo; 
To vudo hem com not I, 
Bote to folfulle hem, sikerli.* 
})is is f>e strengbe of vre gospel, 
As Mon in Englisch may ow tel. 30 

Grete Clerkes forto proue, 
bat loueden wel her god aboue, 
Expouneden {)is gospel on bis wyse 
bat *e schul here wiJ)-outen leyntyse. 
God seide J>eos wordus säme 35 
bat for knowlechyng of his name 
pei schulde suffre moni a teene — 
And so bei duden al-bi-deene. 
And for pei schulden I-cumforted be, 
More to hem heer seide he. *o 
j>e kyng of heuene, J>at al walt, 
Seide, of {>e eor{>e {>ei schulde be 
salt. 

Salt to vndurstonde gostly 
Is wisdam, siker to jpu sei I. 
Salt of J>is eor{>e here 45 
Bi hete of fuir from watur clere * 
And also bi blowyng of wynde 
Is tornd out of watres kynde 
In to salt, as we may seo 
Ofte-tyme among vs beo. 50 

Riht so \>e apostles for to mene 
And heore folweres alle bidene 
Bi holy watur of Bapti^inge 
And bi hete of feif> brennynge 
And also bi enspiraciun trie 55 
Of {>e koligost so hije 
ffrom er|)ly binges chaunged beo {>ei 
In to heuenly Binges, sop to sey. 

}>e kuynde of salt pen is {nis: 
hit druye|) vp mo(i)stnussu8, 60 
And stunch tut dop awei in dede, 
And soffre^ no quik worm to brede. 
So drui^ef) heuen lieh wisdam 
Moistnesses of ffleschlich dilitee 
f>an, 

And also hit dop awey J>e stink 65 
Of vuel liuyng m alle {>ing, 
hit kepe|> from mon sikerli 

gl quike worm of lecheri; 
f whom Ysaye in vre feif) 
beose wordus schewej) and sei{>: 70 
*|>e worm of be lechoure hyne 
Schal neuer dye in no tyme, 
Ne |>e fuir of hem so stout 
hit schal neuer beo quenched out.' 

In |>e olde testament we fynde, 75 
As we reden and han in muynde: 
ber schulde beo offred non offringe 
To god, J>at is heuene-kynge, 



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319 



But hit weöre fürst i -sauered wel 
wi[> salt aboute eueridel; so 
bis is |)us muche for to say: 
No mon wel make may 
An Offringe worschupful 
To God, pat al godnes wol, 
wi[>-outen |>e sauour of be craft 85 
Of heuenlich wisdam in him laft. 
Poul sei{> also in place 
beos wordus ful of grace: 
'pe wordus of $ou wel sauered 
mot be 

In {>e grace of god bi wisdom fre.' 90 

I ffynde in {>e Bok of kynges 
Acordyng sum-what to \>eos binges : 
j>at whon ]>e grete watres of Jerico 
weore waxen bareyn and bitter also, 
Eli£&, be gode prophete, ö5 
preyed periore to god so swete; 
And god of his grace him sende 
And taufte him j>us hem to amende : 
Eli£& anon him bi{>ouht 
And comaundet a vessel to be 

brouht 100 
fful of salt, and he hit caste 
In to }>e hed of [>e watres faste: 
And sone {>ei hedden heor kynde 

aaeyn, 

As hit is writen, in certeyn. 

Salt is vndurstonden here l°5 
{>e Godhede of god so clere, 
And {>e vessel bat hit was Inne 
was his Monhede wi|>-outen synne. 

|>er as J>is salt so wel 
was put in to bat vessel, 110 
}>at was, whon pe godhed stronge 
was entred in to Marie wombe 
And so com and dwelled in vs, 
God and Mon swete Jhesus. 

J>er J>e salt In be vessel was 115 
|>rowen in to {>e hedes bi gras 
Of J>e watres, so£ to seyn, 
|>at weore bitter and bareyn, 
And anon as we fynde 
bei tornde a^eyn in to heor kynde : 120 
pis is to vndurstonden euene: 
whon godus sone, f>e wisdam of 

heuene, 
hedde folfuld J>e priuetes 
Of his passion in alle degrees, 

j)e watures bitter and vnseete 125 
were ymad bobe gode and swete; 
bat was J>at Monkynde, to teile, 
pat was in bitter pyne of helle, 
was \>o restored in certeyn 
To heuene to his kynde a$eyn. 130 



But benne jif salt passe awey, 
In wnom hit is salted to sey? 

As hos sei}), $if we passe |>erfro 
bat God haj) chosun to beo salt so, 
pat is to sei wisdom hende, 135 
vs to kepe from |>e fende: 
ben go we wrong to wo. 
Of>ere, siker, schul not so, 
wguche ben sauered and studefast, 
Id heuenliche wisdam euer to last, ho 



Egressus Jhesus perambulabat 
Jerico (Luc. 19, 1—9). 

In a tyme as goode Jhesus 
Bi Jerico wente bus, 
J)er com a Mon bat 3achee hiht, 
was prince of publicanus riht; 
A Riehe mon penne was he. 5 
he jeorned muche Jhesu to se, 
ffor he wolde wite and quere 
what-maner mon }>at he were. 
Of Jhc«u miht he seo no-f>ing 
ffor plente of pepul presyng, 10 
ffor he was of makyng'lowe, 
Luytel for to seo and knowe. 
In to a treo he wente |>erfore, 
A Sikamour, to seon him Jx>re: 
ffor {>at wey Jhesu scholde 15 
passe, as his wille wolde. 

Whon Jhesu com to |>at place, 
he loked vp and say) his face, 
To him he seide: „Bachem, 
Go nou doun, and hije bou f)e: 20 
ffor in j>in hous, I be teile, 
J>is ilke day moot 1 d welle. tt 
3achee hi^ing wente doun, 
And refleyued nim wib Joyful soun. 
whon |>at pepul J>ia per seih, 25 
*ei Merueyled, sei^inge wonaurly 
>at Jhesu wolde turne ban 
Jo such a maner synful man. 
gachee J>enne, her he stod, 
Beide to vr lord so good: 30 
«Del half my good, whil I liue, 
To pore men wol I jiue; 

PI ou$t wi|) wrong haue holde, 
schal hit jelde a#eyn foure- 
folde." 

Jhesus, |>at is lord aboue, 35 
Seide to him wif> gret loue: 
„hele {>is day is fully maad 
To {)in hous, |)ou mai^t beo glad: tt 
f>erfore, to him {>us seide he, 
-ffor he was sone of Abraee. <o 



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320 



Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



be sone of Mon {>at was so meke 

Com bat tyme for to seke 

And for to make saaf also 

bat to perisching schulde ha go. tt 

pis is pe tixt of {)is gospel, ^ 

As mon in Englisch tonge may tel. 

In ]>is holy teching heere 
bis holy gospel good and clere 
Schewe|> to vs and obur mo 
£at Jhesus wente to Jerico 50 
And hou |>at gacheus hedde longinge 
To seo his lord, heuene-kynge. 

J)is 3achee vnduretonden is 
'he bat is maad Bihtwys', 
Andbitokne|> |>e pepul of gentes^ö 
}>at leeued in god bi heore ententes. 

Jerico bitokne|> als 
'Ijis wrecched world |>at is fals' : 
ffor Jhesu wente ofte among 
bis wrecched world ful of wrong. 60 
pou* {)i8 Q&chee weore mon wys 
And of J>at lawe bar f>e prys, 
More bi fei|> vr lord sounte he 
{>en bi lawe, as fynde we; 
And for he was in fei{> studefast, 
he deserued atte last 
To refleyue be benisoun 
Of vr lord ful of renoun; 
So ferfor[), |>at vr lord so good 
wolde him grauste wi|> mylde 
mood 70 
To come in to hous his 
And reste |>er as kyng of blis. 
he gaf him ]>enne, as lord hende, 
Eueriastinge hele wijwmten ende. 

gl same wyse ]>is pepul al 
f be gentes, gret and smal, 
vre lord bi lawe bei not kneuh, 
But bi feij) ful of vertu; 
berfore |>ei diseruet ryf 
Of vr lord euerlastyng lyf. »0 

})is ilke Sicomoure tre 
In w&uche clomb vp Qachee, 
was ful hij and feir to siht, 
And swete in schadewe and muche 
in mint, 

And als in fruites plenteuous, 85 

Most swettest and delicious. 

And f>is tre, so good and dere, 

Mai wel be tokned here 

To [>at blessed Rode-treo 

Of wjuche we alle weore boujt freo. W 

j>is sicamour was feir and heij, 
I wol $ou teile J>e resun whi: 
A ladder was [>erof maked 
whon crist was sprad ]>eron naked, 



75 



f at out of helle J>at laddür rauhte, 9 5 
n to heij heuene hit strauhte. 
J>at üke wei wente ful euene 
vr elder-ffadres to hei^ heuene; 
ffor hit was ful of honour 
|>at scholde so bere vr saueour. 100 

Swete in schade also hit was, 
As je may here in J>is plas: 
hit schadewede from {)e hote fuire 
Of helle, }>at eucrmore schal duire, 
be prophetes and be patriarkes 
alle 105 
£at Adam synne hedde mad falle. 

Plentiuous in ffruit was J)at treo — 
Non oJ)ur so plentiuous mihtebeo; 
}>e fruit [>at on |>at treo greu$, 
was Jhesu, ful of alle vertu. H° 
be fruit on bat o treo, we fynde, 
Brouhte forp {>o almonkynde 
ffrom endeles pyne to blisse aboue, 
Euer to wonen wib him in loue. 

3achee also bitokne may H 5 
»is svnful pepul bof>e niht and day 
»at ror heore synnes mai haue no 
siht 

Of god vr lord, kyng of miht. 

But hose wole be siht haue 
Of god, his lorü, |>at may 
saue, 

In to })is treo he most climbe 
Of Sikamour, as I hit fynde: 
f)at is to seche folli to loue 
vre lord god alle {>ing aboue; 
}>at is to say he moste forsake 
Alle synnes, in him so blake, 
And beo boxum in alle Ringes 
To godus holy Biddynges, 
And suffre wo in world here 
ffor his loue J>at bouht hym dere ; 130 
In to £at tre bus may he wende 
And seon his lord wipouten ende. 
Nou for})urmore me mot biholde, 
As hit is in vr gospel tolde: 
whon vr lord, blesset he be, 135 
Say {>e feib of Sachee 

he hiht him, as I ow teile, 
In his hous bat day to dwelle; 
£at was for ne knoulechede clene 
AI his trespas ber at ene, 140 
And graunted per Jhesus bifore 
fforto amende for euermore. 

Jhesus coueyted not to abyde 
In hous of treo, maad wi{) pride, 
But in be clene soule of mon, 1*5 
ber wolae he dwelle, berfore he com. 
perfore I rede, we clanse vs, 
pat we may resseyue him fms, 



him 

120 



125 



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Proprium Sanctorum des Ms. Vernon. 



321 



And j>enne to kepe him so vs wib 
Euer to lyuen in grace and grij). lSo 

|>en seide 3achee to Jhesu, 
bat is ful of alle vertu: 
*Lo, lord, half my godus I giue 
To pore men, whil I lyue; 
And gif I haue bi wrench or wile 155 
Do to eny mon eny gyle, 
To gelde ageyn I am ful bold 
To vche mon foure-fold.' 

I*En seide vr lord precious: 

'bis day is hele mad to {>yn hous, 160 

fror as muche as Jk>u art ban 

J>e holy sone of Abraham/ 

vche mon |>at wol come 

fforte ben Abraham es sone, 

As longe as he liuef> sikerly 165 

he moste ben aboute bisy 

To folwe |>e ensaumple in his dede 

|>at we here of 3ache*e* rede: 

bat is to sey, wib wille feruent 
Of goodus J>at god nim haf) isent 170 
3if Je pore for godus sake, 
And so Abraham sone hym make. 

Abraham is forto say 
'fladur of mony folk' verray — 



|)at is he |>at for vs diged 175 
And al his bodi wi|) blood biwriged. 
$if we kepen, breperen dere, 
Coueitousliche beos goodes here 
f>at god him-self ha{) vs lant, 
And wol not parte hem wib vre 
hand, l» 
Afert may we beo ful sore 
Leste we gete peyne for euer more ; 
But gif we wole wi|> wille fre 
Departe wi{) pore, as I sei |>e, 
we schul haue bat ilke lyf 185 
bat euer schal laste wi{)-oute strif. 
perfore do we al vre entent, 
whil we ben in eor|>e prcsent, 
To trauayle bof>e mht and day 
Goode werkes to worchen av; 190 
So bat, whonne be soule scnal go 
Ana beo parted pe bodi fro, 
hit may clayme forte wende 
To {>at blisse wi{)-outen ende, 
he vs graunte ber to wone, l 05 
God and Mon, May den sone. Amen. 

Dann folgt: 
hou a man schal lyue parfytly. 



Archiv f. n. Sprachen. LXXXT. 



21 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



Neues Wörterbuch der portugiesischen und deutschen Sprache 
mit besonderer Berücksichtigung der technischen Ausdrücke 
des Handels und der Industrie, der Wissenschaften und 
Künste und der Umgangssprache. Von H. Michaelis. In 
zwei Teilen. Erster Teil: Portugiesisch -Deutsch. Leipzig, 
F. A. Brockhaus, 1887. X u. 737 S. 

Den guten Ruf zu befestigen, in welchem der Name Michaelis auf 
dem Gebiete der romanischen Sprachforschung steht, ist das vorliegende 
Wörterbuch vollkommen geeignet. Durch die zehnjährige Arbeit, welche 
laut der Vorrede die Verf. darauf verwendet hat, und durch die wertvolle 
Mitwirkung ihrer Schwester, Frau Carolina M. de Vasconcellos, ist 
ein Werk entstanden, welches an Beichhaltigkeit, Zuverlässigkeit und 
Richtigkeit die Hilfsmittel weit hinter sich läßt, welche den Deutschen 
bei dem leider ziemlich vernachlässigten Studium der portugiesischen 
Sprache bisher zur Verfügung standen. Die Wörterbücher von Bö sc he 
und Wollheim da Fonseca, die in ihrer Art ganz schätzbar sind, 
hat Eef. in verschiedenen Punkten mit dem Michaelisschen verglichen 
und kaum je etwas gefunden, dessen Herübernahme aus jenen zu wün- 
schen wäre. Druck * und Anordnung sind derart, dafe das Auffinden der 
gesuchten Wörter und Wortformen sehr erleichtert wird. Die Trennung 
längerer Artikel in bezifferte Abteilungen (so namentlich bei den Präpo- 
sitionen, wo die verschiedenen Bedeutungen auf diese Weise auseinander 
sehalten sind); die sorgfältige Verweisung auf synonyme Ausdrücke; bei 
aen Verben die reichhaltige Angabe ihrer Konstruktion mit Präpositionen ; 
die Berücksichtigung der Formenlehre — so dafs alle besonderen Plural- 
endungen, alle starken und unregelmäfsigen Verbalformen verzeichnet 
sind; die Aufnahme von Eigennamen aller Art in den Text (während 
gewöhnlich Taufnamen und geographische Namen in einem besonderen 
Verzeichnisse gegeben werden, was mancherlei Übelstände mit sich führt) 



* Bei Erwähnung des Druckes sei eine» allgemeine Bemerkung gestattet, 
wenn sie auch hier nicht zum erstenmal gemacht wird. Die Anwendung der 
Fraktur für den deutschen Text mag gerade in einem Wörterbuche ihre Bequem- 
lichkeit haben. Da aber die Möglichkeit nicht fern liegt, dafs ein solches Werk 
auch im Auslande benutzt wird, so würde die Anwendung von Antiqua, die dem 
deutschen Leser keine gröfsere Schwierigkeit, dem fremdländischen aber eine sehr 
willkommene Erleichterung bietet, sich gewifs sehr empfehlen. 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



323 



— das sind Eigentümlichkeiten, die dem Buche zur Empfehlung gereichen. 
Dazu kommt eine Fülle von Beispielen in Form von geläufigen Rede- 
wendungen, Sprichwörtern, Anführungen von Schriftstellern (wenn auch 
ohne Belegstellen): man vergleiche nur Artikel wie correr, costa, dar, 
deixar, fiear, faxer, pe, rolta u. v. a. Manchmal scheinen dieselben fast 
zu reichlich bemessen ; anderwärts hätte, wie Verf. selbst ausspricht, auch 
etwas mehr gegeben werden können, wären nicht dem Umfange des Buches 
Schranken gesetzt gewesen. Sehr reichhaltig ist der Wortschatz an sich. 
Ref. hat viele neue oder seltene Ausdrücke, die er beim Lesen verschieden- 
artiger Schriften angemerkt hatte, darin aufgesucht und nur selten ver- 
gebens gesucht. Einige der vermifsten seien angeführt: adaväo Altester 
(doyen); agulheiro in der Bedeutung Signal wärter (bei der Eisenbahn); 
anno denoivos Flitterwochen; chefatura Führerschaft; clerador Fahrstuhl; 
entregue fdo govemo) betraut mit . . . ; flartar kokettieren ; finalidade Zweck- 
mäfsigkeit (nicht nur Zweckmäfsigkeitslehre) ; menino in der Bedeutung 
junger Herr ' (als höfliche Anrede) ; passarinhar i. d. B. herumhüpfen ; 
quatro i. d. B. einige; taboleiro i. d. B. Fahrbahn (einer Brücke); torpedo 
in der militärischen Bedeutung und torpedeiro (barco —) Torpedoboot; 
rernaetUülade einheimisches Gepräge. 

Zwei wichtige Seiten eines Wörterbuches bilden die Rechtschreibung 
und (wenn überhaupt darauf eingegangen wird) die Darstellung der Aus- 
sprache. In beiden Beziehungen macht das Portugiesische ziemliche 
Schwierigkeiten; in ersterer wegen der Schwankungen, die nicht nur in 
einem und demselben Buche, sondern oft in demselben Aufsatze vor- 
kommen; in letzterer wegen der Unmöglichkeit, gewisse Laute durch die 
gebräuchlichen Hilfsmittel darzustellen. Verf. hat in den zweifelhaften 
Fällen meist die verschiedenen Schreibungen angeführt, ohne anzudeuten, 
welche (sei es aus etymologischen, sei es aus phonetischen Gründen) vor- 
zuziehen sei; so steht bei pai Plur. paes und pais; so finden sich avesinha 
und avezinha, celada und cilada, cendal und sendal, exempto und isento, 
kuivar und uirar ohne Bezug zueinander. In vielen Fällen aber läfst 
die Verweisung auf eine andere Stelle schliefsen, dafs dort die bessere 
Schreibweise zu finden sei; so apprehender v. aprehender; balisa v. balrxa; 
cair r. cahir; canna v. cana; cern v. cea; coisa v. cousa; cgua r. egoa; 
falar v. fallar; peloiro und pdov/ro v. pellouro; subjecto und sugeito v. su- 
jeito; 8osseqar v. socegar, etc. — wo man ja manchmal auch eine andere 
Ansicht haDen kann (oder anderen Geschmack ; weil allgemein mafsgebende 
Regeln einmal nicht vorhanden sind). Am meisten lassen sich andere 
Ansichten geltend machen bezüglich der Bezeichnung der Aussprache. 
Dafs das stimmlose s durch ff, In und nh durch lj und nj, die Nasale 
mittels ng bezeichnet sind, ist ein Notbehelf, der zu entschuldigen wäre. 
Aber es hätte mit den einmal angewendeten Zeichen sich noch Besseres 
erreichen lassen; jedenfalls hätten sie konsequent gebraucht werden 
sollen — also z. B. j nicht auch für das stimmhafte z (geschrieben j, g), 
so dafs „grühagem Ma*jem) u in doppelter Beziehung anstöfsig ist. Zu viel 

fethan ist für die Wörter mit Ui und nh, denen jedesmal ein ( j), und für 
ie mit der Endung poo, denen jedesmal ein ffofong (warum nicht eher 
ffau n s?) nachgesetzt ist. Tonloses o ist in der Mitte der Wörter durch u 
wiedergegeben: hemorragia (e*mur=ra»ji>a), nioxama (mu*fd)d=ma) ; am Aus- 
gange steht teils u und teils (fälschlich) o ; ebenso findet sich aquem (a*fen) 
neben d? aquem (fem) u. a. — Besondere Aufmerksamkeit ist den Laut- 
zeichen ch, x, gu, qu zugewendet worden, deren Aussprache in allen Fällen 
angegeben ist. Erwünscht wäre eine gleich sorgfältige Behandlung der 
zweiwertigen Vokalzeichen a, e, o gewesen ; darüber erfahren wir aus dem 
Wörterbuche nichts. Zwar sind — wie dies in Druckschriften gewöhnlich 
geschieht — cor Farbe und wr Herz, carte Hof und corte Schnitt unter- 
schieden, nicht aber caragem (mit 6) Bleiche (welches überhaupt fehlt) und 

21* 



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324 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



eoragem (mit 6) Mut; colher fassen und colher Löffel; sede Durst und 
sede Sitz; pregar (mit &) annageln und pregar (mit 6) predigen. Auch 
findet sich bei Wörtern wie olho f ovo, esposo etc. keine Andeutung darüber, 
dafs ihr 6 im Plural zu 6 wird. Bei allen Wörtern, deren Ton nicht auf 
der vorletzten Silbe liegt, ist die Tonsilbe durch einen Accent bezeichnet. 
Wenigstens bei diesen Wörtern hätte anstatt des Akut der Cirkumflex 
da gesetzt werden können, wo der betreffende Vokal geschlossen ist — 
also amor, cstömago, cortex, faxer. Unrichtig accentuiert sind Esteväo, 
orgäo, bcncäo; sie sind nicht auf der Endung Detont, würden daher auch 
besser Estevam, orgam, bencam geschrieben (so wie man jetzt fast allge- 
mein pret. amaram und fut. amardo unterscheidet). 

Die Ubersetzung und Erklärung der Wörter ist, soweit des Ref. Be- 
obachtung und Urteilsfähigkeit geht, klar, bestimmt und zuverlässig (mit 
seltenen Ausnahmen: mantissa ist nicht „der 10. Teil eines Logarithmus* 4 , 
sondern Dezimalstellen eines Log. — poUegada ist nicht „12 geometrische 
Linien 14 , sondern deutlicher ein Zoll; — scocia und scotia sind erklärt, 
als ob es zwei verschiedene Wörter wären ; es hätte genügt scotia (scocia) 
(arch.) Einziehung; — animaes damnados wilde oder tolle Tiere wäre viel- 
leicht deutlicher erklärt durch cäo damtiado toller Hund; — tomara [eu] 
heilst wohl besser: ich nähme es gern an, ich wünschte, als „wollte 
Gott 44 ; — levar um erre wird vermutlich heifeen : bei der Prüfung durch- 
fallen, nicht aber „einen Kandidaten durchfallen lassen 4 *). Nur ein Punkt 
sei noch zur Erwägung gegeben. Es ist in spanischen und portugiesischen 
Wörterbüchern üblich, und ist auch in dem vorliegenden so, hinter Verben 
im Infinitiv je nach Bedürfnis das Objekt oder das Subjekt zu setzen. 
Im Zusammenhang der Rede ist der erstere Fall der gewöhnliche, der 
andere kommt auch oft genug vor. Liest man aber im Wörterbuche: 
cair o cor actio aos pes, dar o rci despacho y doer-se o cabello (a alg.) u. dgl., 
so wird man im ersten Augenblick wohl nicht klar sein, dals hier coracäo, 
reij cabello Subjekte sind, und selbst die Übersetzungen „den Mut ver- 
lieren 44 , „mit dem Minister arbeiten (vom Könige) 41 , „Furcht haben 44 wer- 
den im ersten und letzten Falle nicht gleich den grammatischen Zu- 
sammenhang klar machen. Zieht man also nicht vor, einen Satz als 
Beispiel zu gebenJcae-se-Uic o coracäo aos pes, doe-se-lhe o cabello) y so wäre 
wenigstens das Ubereinkommen zu empfehlen, das nachstehende Sub- 
stantiv, wenn es Subjekt ist, einzuklammern — also: cair fo coracäo) 
aos pes vor die Füfse fallen (vom Herzen) — ; so steht es aucn wirklich 
z. B. unter levar: --se bem (o navio) gut segeln. 

Druckfehler scheinen sehr wenig vorzukommen (unter cotangenie steht 
Kontangente für Kotangente; unter hincar: hincando für hincado, statt 
gradinala ist grandinata, statt obtmangtdo octusangulo, statt tranearuas 
trancarruas gedruckt; PraxiteUes wäre, falls Portugiesen es schreiben, 
nicht nachzuahmen). Sonstige Versehen sind ebenfalls selten. Diabrotieo 
ätzend hätte nicht mit diabrura Teufelei zusammengefaßt werden sollen; 
facexinha heifst Gesichtchen (wie auch unter facesinha steht), aber nicht 
Geschichtchen — daher die Vergleichung mit facecia nicht am Platze ist; 
jogue asiat. Einsiedler scheint yogui heüsen zu müssen ; ^delis adj. uner- 
schrocken, kühn, mutig (vom Grofswesir gesagt) 41 klingt ziemlich rätsel- 
haft — sollte das vielleicht nur einmal zu findende Wort nicht etwa 
heifsen delir (persisch dillr = cordatus)? 

Die meisten hier gemachten Ausstellungen mögen kleinlich erscheinen. 
Sie dienen auch hauptsäclilich zum Ausweis darüber, dafs Ref. das Buch, 
soweit es sich in einigen Wochen thun läfst, aufmerksam durchgesehen hat. 
An dem Urteil, dals es eine sorgsam ausgeführte und vortrefflich brauch- 
bare Arbeit ist, wird und soll dadurch nichts geändert werden. 

Weimar. H. Wernekke. 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



325 



Fölsing-Koch, Lehrbücher der englischen Sprache. Berlin, Th. 
Chr. Fr. Enslin. 

Die hier summarisch bezeichneten Lehrbücher bestehen aus einem 
Elementarbuch (X, 213 S., 23. Aufl.), einer Grammatik (VI, 122 S.) 
und einem Lesebuch (VIII, 370 S., neDst zwei Karten) mit dazugehörigem 
Wörterverzeichnis (X, 150 S.). Der hier gebotene Stoff ist ein sehr 
reichhaltiger und dürfte für die Gymnasial- resp. Realschulstufe völlig 
genügen. Die Verteilung desselben denkt sich der Verfasser folgender- 
mafsen: Das Elementarbuch soll in den ersten Jahren (also in Unter- 
tertia) durchgearbeitet werden, und von da ab soll das Lesebuch im 
Mittelpunkte des Unterrichts stehen und die systematische Grammatik 
neben der Lektüre hergehen. Dieser Plan wird gewifs im ganzen und 
grofsen die Billigung jedes praktischen Lehrers nnden; ganz besonders 
sind wir erfreut darüber, dafs dadurch in den beiden Oberklassen ein 
'gröfserer Spielraum für die Lektüre gewonnen ist. Was die einzelnen 
Bücher betrifft, so gestehen wir im voraus, dafs wir dem Lesebuch un- 
bedingt günstig gegenüberstehen, von dem Elementarbuch dies jedoch 
nicht in demselben Mafse sagen Können. . Ein Buch, das in 23. Auflage 
erscheint, kann kein schiechtes sein, das versteht sich eigentlich schon 
von selbst, und die nachfolgenden Ausstellungen können also nur als 
Vorschläge zur Erreichung gröfserer Vollkommenheit angesehen werden. 
Zunächst sind wir ein Gegner der Aussprachebezeichnung. Für den 
Selbstunterricht mag sie als Notbehelf gelten, aus einem Schulbuche 
sollte man sie möglichst fernhalten. Es mufs anerkannt werden, dafs 
dieses einigermafsen geschehen ist und in früheren Auflagen noch mehr 
geschehen zu sein scheint, wie eine Recension der 22. Auflage von Otto 
Werner in Ratibor andeutet, wenn sie als einen Vorzug lobt, „es sei eine 
Wohlthat für das Auge, dafs gleich da, wo zum erstenmal ein englischer 
Übungsstoff erscheint, also in Kap. 2, der englische Text völlig frei ist 
von allen Hilfszeichen a . Wir hätten diesen Vorzug des Textes auch ^ern 
auf die vorausgehenden Wörter, die zum Auswendiglernen bestimmt sind, 
ausgedehnt gesehen. Erstens können noch so viele Striche, Bögen, Punkte, 
klein und schräg, ja sogar umgekehrt gedruckte Buchstaben u. s. w. die 
Aussprache niemals richtig wiedergeben, wie der Verfasser das auch durch 
häufiges „fehlt* 4 oder „ähnlich 44 in der Aussprachtabelle auf S. 9 zugeben 
mufs, und dann verwirren sie die ohnehin schon so schwierige Ortho- 
graphie noch mehr. Die Aussprache mufs unserer Meinung nach aus- 
schliefslich durch das Ohr, nicht durch das Auge erlernt werden. Wir 
möchten daher anraten, bei einer neuen Auflage die Aussprachebezeich- 
nung mindestens aus den Paradigmen und den jedem Kapitel vorauf- 
gehenden grammatischen Auslassungen zu streichen und dieselbe aus- 
schliefslich in die Wörterverzeichnisse auf S. 109 — 148 und S. 169 — 183 
zu verweisen. 

Der eigentliche Unterrichtsstoff, der eingeübt werden soll, ist auf 
18 Kapitel verteilt, denen eine zweite Reihe von Übungsstücken angefügt 
ist. Auf diesem beschränkten Raum von 72 Seiten (12 — 84) ist alles 
Nötige aus der elementaren Grammatik, das zur Einführung in die Lek- 
türe erforderlich, enthalten. Diese weise Beschränkung des trockenen 
Regelwerkes halten wir für einen wesentlichen Vorzug des Buches. Die 
Übungsstücke, an denen der grammatische Stoff entwickelt und geübt 
werden soll, sind kurze Erzählungen, Anekdoten, sowie kleine Gedichte 
und Briefe, und nur selten zusammenhangslose Sätze, wie sie wohl sonst 
die meisten Grammatiken oft geradezu ungeniefsbar machen. Die Aus- 
wahl solcher zusammenhängender Stücke ist ein zweiter, nicht zu unter- 
schätzender Vorzug des Buches, und jede fernere Vermehrung derselben 
wird ihm zum Vorteil gereichen. 



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326 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Die Regeln sind kurz und pracis gefafst und sorgfältig zusammen- 
gestellt; für ein Muster solcher Zusammenstellung halten wir diejenige 
über das Zahlwort in Kap. 15. Von S. 148 — 165 folgt als erste Lektüre 
eine kurze Geschichte Englands mit erklärenden Anmerkungen. Es ist 
ein leichtes und durchweg gutes Englisch. Die nun folgenden vier Ge- 
dichte würden wir gern um einige, namentlich leichtere vermehrt sehen. 

Die eigentliche Grammatik: ist nach den Redeteilen geordnet und 
umfalst nebst einem Anhang über orthographische Regeln in 158 Para- 
graphen alles Wissenswerte über den grammatischen Bau der Sprache. 
Die Belegbeispiele sind dem Lesebuch entnommen, und durch beigesetzte 
Ziffern wird auf die betreffenden Stellen hingewiesen. Hierdurch ist eine 
fortgesetzte Beziehung der Grammatik zum Lesebuch und umgekehrt her- 
gestellt, und auch ist es dem Lehrer möglich, die Herkunft der einzelnen 
Beispiele zu kontrollieren, was fgr den Wert derselben nicht ohne Be- 
deutung ist. Die beigegebenen Übungen zum Übersetzen sind wie im 
Elementarbuch meistens zusammenhängende Stücke; wo dies nicht gut 
anging, sind doch Sätze mit möglichst anregendem Inhalt gewählt An 
manchen Stellen dürften ohne allzu grolije Schwierigkeit die Sätze sich 
in Zusammenhang bringen lassen. Um ein Beispiel anzuführen, nennen 
wir Nr. 10, 11 und 12, die wahrscheinlich aus einem zusammenhängenden 
englischen Stück retrovertiert sind. 

Das Lesebuch umfalst mit dem dazugehörigen Wörterbuch 520 
Seiten und ist voller Abwechselung. Durch die ersten Abschnitte wird 
der Schüler in the United Kingdom of Great Britain and Ireland einge- 
führt, wobei zwei sauber ausgeführte Karten und ein Plan von London 
treffliche Dienste leisten. Ein anderer Abschnitt, „An English House", 
und ein dritter über Money, Measures and Weigtits, sowie ein vierter 
über School Life, Rural Life u. s. w. machen mit dem englischen Leben 
bekannt, beschreiben Familie, Handel und Wandel, Sitten und Gebräuche 
in Stadt und Land, ohne deren Kenntnis eine fruchtbringende Lektüre 
nicht möglich ist. Gerade in diesem Punkte sündigen die meisten Chresto- 
mathien, und da es leider immer noch sehr viele Lehrer giebt, die das 
englische Leben nicht aus eigener Anschauung kennen, so kann diese 
Lücke meistens auch nicht einmal durch Erklärungen ausgefüllt werden. 
Der bei weitem gröfete Teil des Inhaltes ist natürhch historisch und no- 
vellistisch. Auch hier sind ganze in sich abgeschlossene Stücke den Aus- 
zügen vorgezogen. Wir nennen hier besonders Irvings Rip van Winkle, 
Mrs. Gaskells Right at Last, The Squire's Story, Marryats The Three 
Cutters u. a. m. Den Schlufs bilden Poems und ein kurzer Abrifs der 
englischen Litteratur. 

Die äufsere Ausstattung aller vier Bücher ist ausgezeichnet und der 
Preis dabei (zusammen, schön gebunden Mk. 9,55) ein sehr mäfsiger; ganz 
besonders zu loben ist der Druck. 

Metz. Dr. J. H. Albers. 



Voltaire, Merope, herausgegeben und erklärt von R. Mahrenholtz. 
Leipzig, Renger, 1886. 

Unter den Tragödien Voltaires, von denen bereits E. v. Sallwürk 
in der Weidmannschen Sammlung die bemerkenswertesten zum Gebrauch 
der Studierenden herausgegeben hat, verdient jedenfalls Merope in der 
Schule gelesen zu werden, weil der Unterricht in deutscher Litteratur 
bei Behandlung der Hamburg. Dramaturgie wenigstens den Inhalt dieses 
Stückes als bekannt voraussetzen mufs. Abgesehen davon ist auch der 
Vorwurf und die dichterische Gestaltung der MeroDe vorzüglich gelungen, 
so dafs trotz einiger Schwächen (Mangel an Handlung) und der herben 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 327 

Lessingschen Kritik dieses Stück vielleicht das beste ist, das Voltaire 
überhaupt gedichtet. 

Mahrenholtz, als Moliere- und Voltaire-Kenner hinreichend bekannt, 
hat in dieser Schulausgabe der Merope die zweckmässige Neuerung ge- 
troffen, dafs zur Entlastung des Kommentars eine metrische Abhandlung, 
sowie eine Zusammenstellung der wichtigsten Eigentümlichkeiten des älteren 
dramatischen Stils im allgemeinen und Voltaires im besonderen voraus- 
geschickt wurden. Dadurch konnten die Fufsnoten fast ganzlich weg- 
fallen. Gewünscht hätten wir aber noch mehr Fingerzeige, wie der 
Schüler die konventionellen Redensarten zu übersetzen hätte: tromper la 
raffe (Vers 97), rieti qut m'etanne (~ abschreckt, Vers 218), les atientats 
(Frevel, Vers 250), une triste morteUe (trauerndes Weib, 445), seducteur 
itnpie (verruchter Gleisner, 529), courape empörte (Ungestüm, OOS) u. dgl. 
Erfahrungsgemäfs wird in dieser Hinsicht selbst von den besten Lehrern 
hin und wieder gesündigt, so dais den Kommentatoren noch ein reiches 
Arbeitsfeld bleibt Bei der Sorgfalt des Druckes sind nur wenige Versehen 
zu konstatieren : pag. IX steht Ludwig XIV statt XVI ; pag. 9. 225 voile 
statt vous; deseris onne Accent auf der letzten Zeile von pag. 15; hardis 
statt ies Vers 537. — Die Einleitungen, eine biographische und eine litte- 
rarische, sind knapp und dem Standpunkt des Schülers entsprechend, so 
dais wir in jeder Hinsicht die Ausgaoe Mahrenholtz' empfehlen können. 

J. S. 

J. Gutersohn, Gegenvorschläge zur Reform des neusprachlichen 
Unterrichts. Karlsruhe 1888. 
Nach einem kritischen Überblick über den geschichtlichen Verlauf 
der so rührigen und verschiedenartigen Reformbewegung auf dem Gebiete 
des neusprachlichen Unterrichts will Gutersohn Jen Standpunkt fest- 
stellen, ölen seiner Ansicht nach die lateinlosen Realschulen — an 
einer solchen wirkt der Verf. seit Jahren — den Forderungen der Neuerer 
gegenüber einnehmen sollen. Er läfst die Gymnasien una höheren Mäd- 
chenschulen aufser acht, da für diese Anstalten in Baden eine gemäfsigte 
analytische Methode seit 1880 im Gebrauch ist und sich bewährt hat. 
Phonetik und Lautschrift sollen selbstverständlich, was schon Ohlert 
und Eidam gefordert haben, von der Schule fernbleiben; während Guter- 
sohn in diesem Punkte in Ubereinstimmung mit den Lehrvorschriften für 
badische Gymnasien steht, verlangt er andererseits, dafs die lateinlose 
Schule, die den Reformbestrebungen gegenüber noch keine entschiedene 
Haltung eingenommen hat, für die Anfangsstufe das synthetische 
Lehrverfahren beibehalte und erst nach einem Vorkursus zur ana- 
lytischen Methode greife, wenn es sich um Zergliederung eines bereits 
bekannten Wort- oder Gedankenkreises handelt. Besonders empfehlens- 
wert scheinen dem Verf. für diese Zwecke W. Rickens Elementarbuch 
(Oppeln 1887) und namentlich Plattners vorzüglicher Lehrgang 
(Karlsruhe 1887/88); Ulbrich sowohl als Mangold-Cos te stellen 
allzu hohe Anforderungen an die Fassungskraft des Anfängers und sind 
nur bei besonders Begabten verwendbar. Auch Gutersonn will bald- 
möglichst zum zusammenhängenden Lesestück und zu Sprechübungen 
übergehen, auch er will die Grammatik induktiv behandelt und jede ver- 
nünftige Neuerung nach Gebühr beachtet wissen. Was seine „Gegen- 
vorschläge* von den zahlreichen Reformbroschüren aus allen Kreisen 
sehr vorteilhaft unterscheidet, ist die Besonnenheit und Mäfsigung, mit 
welcher die mitunter etwas phantastischen Ausführungen der Gegner ge- 
würdigt und berichtigt weraen. Diese Eigenschaften sind um so höher 
anzuschlagen, als ein bedenklicher Ton unter den Herren Reformern ein- 
gerissen ist. Cf. Archiv Bd. 80, Seite 230. 



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328 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

1) Marryat, The Children of the new Forest, herausgegeben und 

erklärt von G. Wolpert. 

2) Irving Tales of the Alhambra, herausgegeben und erklärt von 

H. Wernekke. 

3) Shakespeare, Macbeth, erklart von E. Penner. — Leipzig, 

Renger, 1887. 

Die drei uns vorliegenden neuen Bände der Ren ger sehen Schul - 
bibliothek schliefsen sich in jeder Hinsicht den bereits erschienenen 
und von der Kritik empfohlenen würdig än. Die Marryat- Ausgabe 
bietet selbstverständlich nicht den ganzen historischen Roman des gechätz- 
ten und bei den Lernenden so beliebten Schriftstellers; der Herausgeber 
G. Wolpert hat verschiedene Episoden weglassen müssen, um den vor- 
geschriebenen Umfang nicht zu uberschreiten. Auch so kommt uns aber 
aas Bändchen etwas dickleibig % für eine Qbertertia oder Untersekunda vor, 
besonders da dem Schüler nur wenig Ubersetzunffshilfen gegeben sind. 
In dieser Beziehung hat der Bearbeiter der Jifow^a-Erzählungen, Dir. 
Wernekke, dem schwierigen Text entsprechend erheblich mehr thun 
müssen, ohne jedoch allzu viel zu bieten. Den ersten Abschnitt, „The 
journey 41 , hat Wernekke stark gekürzt und gleich nach demjenigen über 
Lokalsagen die einzelnen derselben angereiht. Es ist eine erfreuliche und 
abgerundete Leistung. 

Die bedeutendste unter den drei Arbeiten ist unstreitig Penners 
Macbeth-Ausgabe. Unter dem Text, der nach den berühmten Clarendon 
Press Series gegeben ist, ohne dafs der Herausgeber sich berechtigte 
Änderungen versagt hätte, findet der Schüler nur wenige Erklärungen 
dunkler Stellen und im Anhang jede nötige historische und sachliche Aus- 
kunft. Da dies aber für eine wirklich fruchtbringende Shakespeare-Lek- 
türe unzureichend wäre, so ist ein sehr ausführlicher und mit gröfster 
Sorgfalt zusammengestellter grammatischer und lexikaler Kommentar vor- 
ausgeschickt, welcher über alle Fragen klare und befriedigende Auskunft 

gebt. Auch eine metrische Abhandlung findet der Schüler zu Anfang des 
„uches. Diese hätte recht wohl kondensiert werden können, ebenso der 
Überblick über die Anfänge des Dramas und des englischen Bühnenwesens, 
sowie die Vorgänger Shakespeares. Jedenfalls wird die Pennersche Aus- 
gabe nicht allein für Prima, sondern auch für Studierende der neueren 
Sprachen sich vortrefflich eignen. Druck und Ausstattung aller drei 
Bücher sind tadellos. J. S. 



Kugler, Friedrich II. ; bearbeitet von Dr. Ph. Hangen. Nr. XVIII 
der Englischen Übungs-Bibliothek. Dresden, L. S. Ehlermann. 

Dies schmucke Bändchen bildet also die 18. Nummer der von der 
rühmlichst bekannten Verlagshandlung herausgegebenen Engl. Übungs- 
Bibliothek, deren vorangegangene 17 Nummern aas Vorzüglichste bringen, 
was unsere reiche Litteratur in dieser Hinsicht darbietet. Sämtliche Num- 
mern sind von demselben Verfasser herausgegeben und bekunden den 
sicheren Blick des Herrn Herausgebers bei aer Auswahl und die wohl- 

feübte Hand bei der Ausführung. — Der Text zu diesem Buche konnte 
aum glücklicher gewählt werden. Aus der Feder eines verdienten Histo- 
rikers, schildert er in knapper, doch erwärmender Form in sieben Kapiteln 
die weltberühmten Feldzuge Friedrichs des Grofoen während des Sieben- 
jährigen Krieges und ist daher geeignet, den Absichten des Herrn Heraus- 
gebers, „mit dem gegenwärtigen Bändchen den Versuch zu machen, den 
Schülern in den Oberllassen höherer Lehranstalten, sowie solchen Personen, 
welche sich durch Selbstunterricht in der englischen Sprache weiter aus- 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen.. 



329 



bilden wollen, eine Anleitung zu geben, deutsche Prosa idiomatisch richtig 
ins Englische xu übertragen", nach Form und Inhalt zu entsprechen. Er hat 
zu diesem Zwecke den Text „mit Anmerkungen versehen, welche teils die 
nötigsten Wörter, teils die Übersetzung ganzer Sätze enthalten, die dem 
Ursinne durchaus in echt englischem Geiste angepafst sind; auch hat er 
— aufser einer Karte des Kriegsschauplatzes — noch ein vollständiges 
deutsch -englisches Wörterverzeichnis für den Grundtext beigefügt, das 
dem Lernenden bedeutende Zeitersparnis dadurch bewirken wird, dafs er 
wohl nur selten zu einem gröfseren Wörterbuche zu greifen genötigt sein 
dürfte. Dieser gediegenen Arbeit gegenüber darf daher der Wunsch als 
berechtigt erscheinen, dafs dieselbe recht viele Anerkennung finden möge. 

Aug. Boltz. 

K. Deutechbeio, Kurzgefafste englische Grammatik und Übungs- 
stücke für reifere Schüler. Kothen, O. Schulze, 1887. VIII, 
75 u. 104 Seiten. Preis geb. M. 2,30. 

Das neue Lehrbuch des vorteilhaft bekannten Grammatikers Deutsch- 
bein schliefst sich einerseits im Übungsstoff an des Verfassers Irving- 
Macaulay-Lesebuch eng an, weil ja der Vokabelschatz vorzugs- 
weise aus den in der Schule gelesenen Schriftstellern zu entnehmen 
ist ; es nimmt andererseits eine Keine Sprichwörter und Sätze aus der 
Umgangssprache auf, weil der Wortschatz sich auf zwei Gebieten abzu- 
runden hat, dem des Alltagsiebens und dem der Lektüre. Die Auswahl 
der Einzelsatze — diese kann man, mit gütigem Verlaub der Herren 
Reformer, nie völlig entbehren — ist sehr geschickt: im Anfang zur Ein- 
pragung der Aussprache nur einsilbige Worter mit langen und kurzen 
Vokalen, dann allmählicher Übergang zum Schwereren. Von der vier- 
zehnten Übung ab, also nach wenigen Wochen, findet der Schüler in jeder 
Lektion zusammenhängende deutsche und englische Gespräche, was den 
praktischen Gebrauch des Gelernten ungemein fördert. Dafs die Dialoge 
in tadellosem, echt idiomatischem Englisch verfafst sind, dafür bürgt die 
langjährige Lehrthätigkeit des Verf. in England selbst; überhaupt ver- 
diente Deutschbeins Vorgehen seitens der Verf. französischer Übungs- 
bücher Nachahmung. 

Die Grammatik ist eine vorzügliche und geradezu mustergültige Lei- 
stung. Deutschbein hat auf 75 Seiten in aller Kürze zusammengedrängt, 
was der Gymnasiast im fakultativen Unterricht lernen mufs 
und der geistigen Reife solcher Schüler entsprechend überall kurz auf histo- 
rische Entwicklung der grammatischen Erscheinung hingewiesen und an 
da« Französische angeknüpft. Besonders wertvoll für den Unterricht ist der 
kleine Abschnitt über Etymologie und Lautverschiebung. Die Aussprache hat 
Deutschbein auf kaum zweieinhalb Seiten mit aller Gründlichkeit nach den 
Gesetzen der Phonetik erledigen können ; die Gruppierung der uuregelmäfsig 
schwachen und der starken Verben ist übersichtlich und historisen richtig. 

Ref. hat ein Jahr lang mit Sekundanern Deutschbeins kurzgefafste 
Grammatik mit unerwartetem Erfolg benutzt und mit zwei Wochen- 
stunden ohne jede Schwierigkeit die beiden ersten Teile von Grammatik 
und Übungsbuch (§ 1 — 72, Übung 1—25) in acht Monaten durchge- 
nommen und gründlich wiederholt. Dann ging die Schriftstellerlektüre 

flatt und rasch von statten. Darum kann er den Kollegen an Gymnasien 
ie Einführung des trefflich geeigneten Lehrbuches nicht warm genug 
empfehlen. In der zweiten Auflage müssen die Wörterverzeichnisse revidiert 
werden, da sie zuweilen überflüssige Wiederholungen enthalten (cf. pag. lo 
und 11 rcason und against; pag. 12 kehren die alten Bekannten expenence 
und body wieder, pag. 18 plcasurc, pag. 15 still, pag. 22 islc, drag f pag. 71 
torch, pag. 75 steamer und forcigner y pag. 7ö teil; pag. 77 steht farc zwei- 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



mal, ebenso pag. 78 u. 79 pkrase und partietdar etc.); auch findet sich 
hin und wieder eine Auslassung: pag. 19 fehlt Thorhett, pag. 21 Ufer, 
pag. 24 Tante, pag. 27 fieet, pag. 37 B. etc. Die Revision des Drucke« 
ist sorgfältig, Druckfehler bemerkte Ref. nur pag. 22 oeeäsion statt ä. 
In der Grammatik fehlt die Form got § 48. 

L. Sevin, Elementarbuch der englischen Sprache nach der analy- 
tischen Methode. I. Teil. IV u. 110 Seiten. Karlsruhe, 
Bielefeld, 1888. 

Hatte Deutsch bei n für seine oben besprochene kurzgefaßte Gram- 
matik geistig vorgerücktere Schüler — etwa Sekundaner — im Auge, so 
wendet sich Ludwig Sevin hier an jene Altersstufe, für welche che in- 
stinktive oder die induktive Lehrweise sich eignet. Ein nach den Grund- 
sätzen der an den badischen Gymnasien und Töchterschulen seit etwa zehn 
Jahren behördlich eingeführten gemäfsigt analytischen Methode ver- 
fafstes Lehrbuch giebt es weder für den englischen, noch für den franzö- 
sischen Unterricht.* Gleichwohl hat dieselbe, wie jetzt von früheren Geg- 
nern anerkannt wird, dank einer zeitweiligen Kombination mit der syn- 
thetischen Lehrart die Leistungen in den neueren Sprachen in erfreulich- 
ster Weise gehoben und jeden Lehrer, der einen enrlichen Versuch ge- 
macht, mit der anfangs etwas zögernd aufgenommenen Neuerung völlig 
ausgesöhnt. Selbstverständlich ist diese analytische Methode mit der 
direkten, natürlichen, oder analytisch-direkten nicht analog. 
Bei Gelegenheit einer Eecension der 3. Auflage der Cialaschen Schulgram- 
matik hat Ref. in der Ztschr. f. neufranz. Spr. (X, Heft 2) aus dem neuesten 
Erlafs der badischen Oberschulbehörde einiges Wichtigere mitgeteilt 

Das vorliegende Elementarbuch der englischen Sprache ist der erste 
Versuch, die Grundsätze jener analytischen Methode für den englischen 
Unterricht anzuwenden ; ein doppelt interessanter Versuch, weil L. Sevin, 
wie mancher andere, der Neuerung erst beipflichtete, nachdem ihn eine 
längere und vorsichtige Erprobung von ihren unterrichtlichen Vorzügen 
überzeugt hatte, und weil er in früheren Jahren eine ganz anders angelegte 
„Englische Leseschule" mit „Elementargrammatik tt herausgegeben hatte. 

Der Verf. läfst die Entwicklung der Aussprache Hand in Hand mit 
den Grundregeln der Grammatik gehen und beginnt in der zweiten 
Lektion die Formenlehre mit dem Zeitwort. Dadurch wird das 
mechanische Erlernen geistig fruchtbarer, als wenn der Schüler monatelang 
die Verbalformen einfach als Vokabeln lernt, ohne ihren Bau zu durch- 
schauen. Selbstverständlich hat Sevin die Regeln aus einigen dem voraus- 
gehenden Lesestück entnommenen Beispielen induktiv abgeleitet und mög- 
lichst bündig abgefafst. So gelingt es ihm, in 19 Abschnitten mit zusammen 
89 Seiten die Aussprache und die Elemente der Formenlehre darzulegen, 
sowie mit genügendem englischen und deutschen Übungsstoff zu versehen. 

Die Wahl des Übungsstoffes ist geschickt und angemessen. Durch- 
weg aus nationalen Lehrbüchern entnommen, aus dem „Reading without 
tears" oder aus Macmillan, Mavor, Grtffey, Barnes, aus Mitchells Geography 
u. d^l. bietet er dem kindlichen Gemüt, was es bedarf. Einen Ansatz 
zu einem Gespräch findet man pag. 47; wir hätten eine ausgiebigere 
Pflege dieses Übungsstoffes gewünscht. Willkommen wird jeder die 
Sprichwörter heißen; für emen Mädchenschuldirektor ist es aber nicht 
galant, das treffende Sprichwort ivomen are best, whm they are at rest mit 

* Nach Ansicht des Ref. würden Ph. Plattners Lehrbücher, die an mehreren 
. Mädchenschulen mit grofsem Erfolg gebraucht werden, im Anschlufs an die ana- 
lytische Methode sich für Gymnasien besser eignen als die Grammatik von Ciala. 
In Mädchenschulen gebraucht man auch den Leitfaden von Th. von Schmitz-Aurbach. 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 331 

aufgenommen zu haben. Gedichte in einfacher Sprache, aus Infant ine 
Rhymes, von Hoicitt y Longfellow, Mackay etc. bieten angenehme Abwechse- 
lung und passenden Memorierstoff. Enthielten die englischen Stücke nur 
zusammenhängende Übungen, so sorgen die sich eng daran an- 
schliefsenden deutschen Einzelsätze für vielfache Einübung des auf analy- 
tischem Wege gewonnenen Stoffes, während eine weitere Abteilung 
Aufgaben zur Umformung, Satzbildung u. dgl. stellt. Eine der Haupt- 
forderungen der pädagogischen Neuerer wird dadurch erfüllt. Allein wir 
glauben, dafs aucn ohne die eindringenden Mahnungen dieser Herren jeder 
verstandige Lehrer schon früher derlei Übungen mündlich und schriftlich 
vornehmen liefs. 

Ein Anhang giebt ohne Lautschrift auf drei Seiten eine Lautlehre 
nebst Vokaldreieck, woran sich eine ausführliche Präparation zu jedem 
einzelnen Abschnitt anschliefst. Hier hätte durch drei diakritische Zeichen 
(kurz, lang, Accent) ein Wegfall der meisten Klammern sich ermöglichen 
lassen. Das einzige, was an dem wirklich vortrefflichen Lehrbuch aus- 
zusetzen wäre, ist die allzugrofse Mannigfaltigkeit des im ersten Lese- 
stück sich darbietenden Lernstoffs, ein Vorwurf, der bekanntlich auch 
Plattner gemacht wurde und die Herausgabe einer Vorstufe zum 
Elementarbuch veranlafst hat. In The Fax and (he Graves bringt Sevin 
nicht ausschliefslich die Laute ä und ä in ihren verschiedenen Scnreibun- 
gen, das verlangt auch niemand; aber es hätte sich wohl vermeiden 
lassen, sofort im ersten Lesesttick dem Anfänger dreierlei i und o, ferner 
Uy ea, ee, ou, oo, die beiden th y wh 7 gh, tc, j, ch vorzuführen. Ein paar 
Sätzlein für die ersten zwei bis drei Seiten, wie W. Ricken in seinem 
französischen Elementarbuch, oder Deutschbein im Macaulay- Irving- 
Lesebuch sie zusammengestellt, würden dem Lehrenden wie dem Lernenden 
die Aufgabe erleichtert und dem Verfasser auch von Gegnern der Methode 
Anerkennung eingebracht haben. Freilich hätten dann die Reformer und 
die analytischen Puristen dieses Verfahren als banausisch verurteilt. 

Histoire des anciens Germains, racontee ä la jeunesse d'apres les 
reVnte des auteurs latins et grecs etc. par F. J. Mampell. 
I. Teil. Strafsburg, Heite, 1888. 97 Seiten. 

Sollen unsere Schulen Männer heranbilden, welche die Gegenwart zu 
verstehen und den heutigen Verkehrsverhältnissen sich anzupassen im 
stände sind, so mufs die Unterweisung in den lebenden Spracnen ihnen 
nicht blofs die Mittel näher bringen, mit den Nachbarvölkern sich zu ver- 
standigen, sondern als „Gesinnungsunterricht 14 sie in Geschichte, Leben 
und Anschauungen der betreffenden Nationen einführen. Dann sollten 
im französischen Unterricht ausschliefslich französische Stoffe zur 
sprachlichen Bearbeitung gelangen, und darum könnte der immer noch 
beliebte Charles XU trotz aller sprachlichen Vorzüge allmählich dem 
halbvergessenen Teletnaque folgen. 

Abgesehen von diesem grundsätzlichen Standpunkt, der übrigens — 
wie Wingeraths Lesebücher zeigen — noch sehr einflufsreiche Gegner be- 
sitzt, verdient das uns vorgelegte Lehrbuch von Mampell alle Aner- 
kennung. Die Freunde der Konzentration des Unterrichts werden seine 
aus französischen Übersetzungen zu Plutarch, Cäsar, Cassius Dio, Ta- 
citus und Sidonius Apollinaris mit Geschick und Geschmack zusammen- 
gestellte Geschichte der alten Germanen bis zum Tode des Armin mit 
Freude begrüfsen. Denn das Französische ist mit Ausnahme einer Stelle 
(Schlufs von § 7) flüssig und tadellos und die schlichte Schreibweise 
der Fassung der Unter- und Mittelstufe entsprechend. Auch die Ein- 
teilung in Kapitel und Paragraphen ist praktisch. Im Anhang findet der 
Lernende eine für seine Bedürfnisse ausreichende Präparation. Zu § 6 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



fehlt de plus - überdies, ferner ist dort ne-gubre =» wenig angegeben, 
während ve-guere qtw = fast nur anzugeben war. Die § 16 vorkommenden 
Ubier erklärt erst die Präparation zu § 29 ; messt = deshalb ist kein Adverb 
(§ 3); die Redensart tont entier au soin de wird § 65 vermifst, wo auch 
grele einen Gravis statt des Circumflex hat; § 86 fehlt eneore = wieder; 
zwischen pair = gleich und aller de pair = gleich sein, hätte die Redens- 
art de pair = nebeneinander Platz verdient. Da der Druck auch korrekt 
ist (Druckf. nur pag. 16 u. 58), so verdient Mampells Büchlein in jeder 
Hinsicht empfohlen zu werden. 

Offenburg i. B. Joseph Sarrazin. 



Zeitschriftenschau. 

Studj di FUologia Romanza pubblicati da Ernesto Mouaci. 
'Fase. 3. 1885, Roma, Torino, Firenze. P. 335—452 (Schlufs 
von Vol. I). 

P. 335—102 L. Biadene, Las rasos de trobar e lo Donatz nroensals 
secondo la lezione del ms. Landau. Text p. 355 — 393, das übrige Ein- 
leitung und Anmerkungen. Wertvoller Beitrag, enthält u. a. den festen 
Nachweis, dafs der Donat von Ugo Faidit ist, auch den einer italienischen 
Ubersetzung dieses letzteren, sowie auch der Rasos in der bibl. Lauren- 
ziana 1812, verzeichnet als Grammatica della lingua provenzale di Bene- 
detto Varchi autografa e inedita, früher Lora Asnburnham gehörige 
Handschrift. P. 403 — 405 E. Teza, Note portoghesi, da una lettera al 
direttore. Zu dem Corpo diplomatieo portuguez, welches die Akademie 
in Lissabon erscheinen läfst. Orthographisches: in echt portugiesischer 
Weise giebt es arge Entstellungen, wie soeresto = sequestro, Frenes = 
Farnese u. s. w. P. 107 — 124 Cesare de Lollis, Dei raddoppiamenti posto- 
nici. Eine fleifsige Zusammenstellung von Beispielen, indem der Verf. 
bescheiden zugiebt, eine noch so wenig, fast gar nicht beleuchtete That- 
sache nicht gleich aufklären zu können. Die wesentliche Ursache erkennt 
er wohl mit Recht in dem unmittelbar vorhergehenden scharfen Tone, 
verbunden mit Kürze des Vokals. Ich vermisse hier die Bemerkung, dafs 
letzteres nicht immer der Fall ist; vgl. meine Ital. Sprachl. p. 27 (über- 
haupt wird die Frage nach Längje und Kürze der Vokale in den Gram- 
matiken des Italienischen und der romanischen Sprachen zu sehr ver- 
nachlässigt, w r eil man sich tröstet: die Dichter scheiden nicht zwischen 
lang und kurz in Verwendung der Silben). Auch sonst, zum Teil neben- 
bei, kommt bei dem Verfasser für die Grammatik Wichtiges mit zur 
Sprache. Hierher rechne ich, was p. 416 steht: in propaggine e imagine, 
in fuliggine e origine un Fiorentino fa sentire indifferentemente il sem- 
plice j dei Francesi, un Romano, ancorche colto, il gg palatale. Ich 
finde dies in noch keiner italienischen Grammatik, auch in meiner steht 
es nicht, obgleich ich Florenz und Rom kenne und in derselben auf 
Unterschiede von c zwischen Vokalen in Florenz und Rom aufmerksam 
mache. Der Verf. macht auf lateinisches grumus, daneben grummus 
(ital. gruma, gromma) aufmerksam; ähnliches wird öfter geschehen müssen. 
Dafs in agio, cacio, bacio, brucio keine Verdoppelung erfolgt ist> wird 
erklärt, weil diese hier ursprünglich ein s hatten. P. 425 — 444 Camillo 
Antona Traversi, Notizie storiche sull' Amorosa Visione. Das Gedicht kann 
nicht vor 1340 und nicht nach 1342 geschrieben sein; es scheint in Flo- 
renz geschrieben, und da er dort von 1341 — 1344 war, mag es nicht vor 
ersterem Jahre geschrieben sein. P. 445 — 448 E. Marchesini, I Perfetti 
italiani in etti. Alles soll von detti und stetti herkommen. Es ist ein 
Mangel, dafs übersehen wird, dafs im Italienischen sich atti (im Dialekt 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



388 



Neapels), etti (und iedi) gemein-italienisch (und toskanisch und römisch), 
itti gemein -italienisch altertümlich und heute poetisch vorfindet, dafs wir 
also überhaupt von einem T-perfekt reden müssen (vgl. m. ItaL Sprachl. 
S. 14, 62). Zum Schluls des Heftes Zusätze und Besserungen von Biadene 
zum vorigen und zu diesem Hefte (zur Passione e Risurrezione und zu 
Rasos e Donatz). 

Fase. 7. Roma 1886. P. 1—104. 
A Pakscher, II Canzoniere provenzale A (cod. Vat. 5232) edizione 
diplomatica. P. 1—8 Biografia e canzoni di Peire d'Alvernge; p. 8 — 63 
Biogr. e canz. di Giraut de Borneil; p. 63—91 Biogr. e canz. di Mar- 
cabrun; p. 91 bis zum Schlafs Canzoni di Rambaut d'Aurenga. La edi- 
zione di questo canzoniere sarä contenuta tutta nel vol III degli Studj. 
Terminata la stampa del testo si darä una illustrazione del ms. aecom- 
pagnata da note e da indici. 

Fase. 4. Roma 1887. P. 1—96. 
P. 1 — 30 E Marchesini, Note filologiche. In neun Abschnitten; der 
erste: Ethnologie italiane (u. a. bona von borea: vgl. che boria mit che 
aria; goffb, nach Diez von xwyöe, wäre vielmehr mit ven. gufo „ineur- 
vato leggermente della persona 14 zusammenzubringen ; scombiccherare viel- 
leicht von conscribillare). Der zweite: Ethnologie venete (zu (^esandela 
von cicindela ist zu bemerken, dafs dies schon Fabio Mutinelli, Del Cos- 
tume Veneziano, Ven. 1831, p. 34, kennt). Der dritte: Etimologie spagnole 
e portoghesi (aport. ergo, ausgenommen, nicht mit Diez von praeterquod, 
sondern es entspricht ital. fuorche, foris quod). Der vierte: Voglio soglio 
volgo sciolgo (Dissimilation). Der fünfte: II ghe lombardo-veneto (nicht 
yi, sondern ci liegt zu Grunde). Der sechste: Perfetti e partieipi forti 
italiani di formazione analogica (Probe einer gröfseren Arbeit über diesen 
Gegenstand. Nicht übel ist dies: intridere Diez von interere; ja, aber 
vielmehr vom Perf. und Part., wo sich das sonst unerklärbare tri findet. 
Manche Betrachtungsweise aber ist zu oberflächlich, wie crese [purg. 32, 32] 
forma isolata che a Dante estorse la rima, vgl. m. Sprachl. S. 80, wo 
Part, creso mehrfach belegt ist). Der siebente : Le due nsoluzioni italiane 
del nesso cl (gli und cchi). Der achte: Sopra due passi della Chanson 
de Roland (im Plautus wird vos rogat fälschlich vom Verf. = vult ge- 
setzt: Trin. Nunc vos hoc rogat Ut ticeat possidere hanc nomen fabulam, 
ove Teguaglianza vos rogat = vult e dimostrata dal v. 12 del prol. dell' 
As.: Asinariam volt esse, si per vos licet, denn nicht in jedem Falle 
[auch ohne ut liceat, si per vos licet] könnten vos rogat und vult für- 
einander stehen: und 1792 C'il l'ad trait qui vus en roevet feindre = 
quegli Pha tradito che di ciö vuol fingere, dissimulare ist unmöglich, 
vos rogat fingere kann nicht vult fingere sein). Der neunte : Sopra alcuni 
luoghi del poema provenzale su Boezio (u. a. wird Mallio als zweisilbig 
gegen Böhmer geschützt und seine Besserung von aprob zu prob als un- 
rätlich und unnötig abgewiesen). P. 31—66 Cesare de Loltis, Cautigas 
de amor e de maldizer di Alfonso el Sabio re di Castiglia (Alfons X, der 
Weise, König von Castilien und Leon, welcher von 1252 — 1284 regierte, 
ist der Verfasser der 30 bis 33 Lieder im portugiesischen Liederbuche, 
welche dem Rev Dom Affbnso de Castella he de Leom zugeschrieben 
sind, wie Wolf Milä y Fontanals und Diez ohne weiteres annahmen, und 
unrichtig versuchte Braga Alfons. IX. von Leon für jenen zu setzen). 
P. 67 — 89 P. Rajna, Osservazioni sulF Alba bilingue del cod. Regina 1462 
(die beiden provencalischen Zeilen der Hs., Lalba par umetmar atra sol 
Poypas abigil miraclar tenebras, werden gelesen: Lalba part umet mar 
atras ol poy Pasa bigil miraclar tenebras, d. i. L'alba, di lä dalT umido 
mare, dietro il poggio, passa vigile a spiar per entro alle tenebre). P. 90 
bis 92 Leone Luzatto, 11 congiuntivo e Tinaicativo italiano (die Identität 



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334 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

von credite und creditis habe jene von credamus und credimus ergeben). 
Schlufs: L. Biadene, Zusätze und Besserungen zu Rasos und Donatz. 

Fase. 5. Roma 1887. P. 97—368. 
Bis p. 358 E. G. Parodi, I rifaeimenti e le traduzioni italiane dell' 
Eneide di Virgilio prima del rinaseimento ; die letzten zehn Seiten ent- 
halten Zusätze undf Verbesserungen hierzu. Der Stoff wird so eingeteilt, 
dals zuerst die prosaischen Bearbeitungen betrachtet werden: La Fiorita 
di Armannino Giudice (schon von Mazzatinti untersuch t), Ii Fiore d'Italia 
di Guido da Pisa Carmelitano, zum Teil unter dem Titel I fatti d'Enea 
bekannt, eine Fassung, welche Gioachino de Marzo veröffentlichte und 
einem Anonimo Siciliano zuschrieb, welche auch in florentinischen Hss. 
vertreten ist, eine allgemeine Geschichte, Fioretto della Bibbia betitelt, in 
einem cod. Magliabecchiano, eine lateinische Fassung in einem cod. Riccar- 
diano und noch eine Summa Virgilii Eneados in einem cod. Riccardiano ; 
dann die poetischen: ein Teil des Troiano, die letzten acht Gesänge mit 
Ausnahme von XIX u. XX (vgl. Pio Rajna in Gröbers Ztschr. f. rom. 
Phil. II) und das in einem coa. senese (vgl. Rajna ebendort) enthaltene, 
auch noch anderwärts erhaltene 'Gedicht und die Erlebnisse des Aneas 
in Brunetto Latinis Tesoro, poetisch umgestaltet, in einer Hs. der Pala- 
tina. Hierzu kommt noch einiges aus Chroniken und Kommentaren zu 
Dante und eine Betrachtung der Ubersetzungen. 

Fiämuri Arberit, La Bandiera delP Albania, Periodico mensile 
diretto da Girolamo de Rada. Anno III, n. 3. Cosenza 
15 marzo 1887. 

P. I— II Die traurige Sorge aller um den Frieden Europas. II— V 
Der königliche Weg, welcher der Türkei eröffnet ist, besteht darin, Reli- 

fionsfreiheit zu lassen für alle ihre Unterthanen. Eine Anmerkung hierzu 
elehrt über eine albanische Volkssage, welche sich an das Sternbild des 
Wagens oder grofsen Bären knüpft, nämlich von einem Diebstahl. Die 
voraeren Sterne sind die Diebe, welche die gestohlenen Ochsen fortbringen ; 
hinten kommen verfolgend der Herr und sein Knechtlein — ein etwas 
kleiner fernerer Stern. (Dies erinnert etwas an die septem triones, die 
Dreschochsen, der Römer.) V— VI Kleopatra, deutsches Gedicht von 
Josephine Freiin v. Knorr, albanisch (und italienisch) übersetzt. VI — VII 
Nachrichten. Anastasio Colurioti in Athen ist gestorben, der Fürsprecher 
der albanischen Sprache ; seine Zeitschrift <P(»vri irjs liißnvins wurde in 
Athen unterdrückt und mufste nach Bucuresci verlegt werden. — Aus 
Monastir in Macedonien kommt die Kunde, dafs die türkische Regierung 
die pflichtmäfsige Einführung der albanischen und türkischen Sprache für 
Albanien bestimmt hat, nient aber der griechischen. Die in Bucuresci 
gedruckten, nach Albanien geschickten Bücher sind durch Stempel be- 
stätigt worden; die griechische Kirche in Konstantinopel eifert dagegen, 
hoffentlich vergeblich. VIII Albanische Volksweisen (Forts, zu II, 2). 

Anno III, n. 4. Cosenza 15 aprile 1887. 
I — III Was braucht Albanien? Einen Thron der Gerechtigkeit. Es 
müfste geeint sein zu einem Paschalat, welches Albanien, Epirus und 
Macedonien umfafste^da dort albanisches Bluthund albanische Sprache 
die Ubermacht und Uberzahl haben. IV— VI Übersetzungen aus Buch- 
holtz' Leiter, zwei Kinderlieder, „Zu Bett tt und „Fritz una Matz* 4 , „Der 
Grofsvater*, ausführlichere Nachrichten über das Buch, Mitteilung der An- 
zeige der Vossischen Zeitung vom 29. Dezbr. 1886, Lob des Reichtums 
dann an symbolischen Figuren. VI — VIII Albanische Geschichte : Leider 
wird die Sache des albanischen Volkes durch Mangel an Einigkeit zu 



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Beurteilungen und kurze Anzeigen. 



335 



wenig gefördert. In Bucuresci teilten sich die Albanier in zwei Parteien 
und auf Sicilien ist eine albanische Zeitschrift neben dieser entstanden, 
welche die von dort kommende Iitteratur wohl und anerkennend berück- 
sichtigte, statt dafs man die bestehende unterstützte. 

Anno III, n. 5. Cosenza 15 maggio 1887. 
I— IV Noch dauernde Spuren unserer ehemaligen Wohnsitze, Fort- 
setzung zu II, 12. Von den Volksliedern leben manche noch in Alba- 
nien, z. B. das zweite Lied des ersten Buches der Heldenlieder in Nieder- 
albanien: „Zur Mutter gingen sie und sagten zu ihr: die Schlange hat 
deine Tochter gebissen. Hat sie die Schlange gebissen, wird sie genesen, 
hat sie der Jüngling gefangen, mag sie mit mm leben." Die Zeit der 
Übersiedelung nach Italien ist bekannt; in dem Stammlande und in 
Griechenland ist anzunehmen, dals die Albanier noch gerade so wohnen, 
wie es Strabo im siebenten Buche beschreibt, denn die Beschreibung pafst 
vollständig auf die heutige Verteilung <Jes albanischen Stammes. „Epi- 
roten* 4 übersetzt schon die italienische Übersetzung Roma Desideri 1792 
stehend mit Albanesi. Die verschiedenen Namen der Völker, welche 
Strabo dort anriebt, als Barbaren, Thraker u. a., deutet der Verf. auf 
Albanier, da die neuen Berichte dazu stimmen. Argos erscheint als 
albanisch, desgleichen Salamis: hierzu kommt die ausdrückliche Nach- 
richt, dals das gesamte Land mit den verschiedenen Stämmen bis nach 
Corcyra hin den Namen Macedonien und nur eine Sprache hat. Es ist 
eben heute nichts von jenen Zuständen geändert. IV— VI Ein Brief des 
Herausgebers an den Stammesgenossen und Bruder Mitko. Der Fall, 
dais Avramidi in Bucuresci ein grofees Testament zu bedeutender Be- 
reicherung unserer Bestrebungen gemacht hatte und es zurückgezogen hat, 
soll uns nicht entmutigen. Dieses Blatt Fiämuri, die Fahne Albaniens, 
ist ohne einen solchen Gönner erhoben, und was hat es schon gewirkt ! Der 
Sultan sieht, wie Griechenland unser Volk als zu ihm gehörig vergebens 
in Anspruch nimmt, unser Volk selbst fühlt sich neu in dem Bewulstsein 
seiner Sprache, und die ganze gebildete Welt jauchzt ihm zu, die Ge- 
schichte wird einst mit Gerechtigkeit von diesen unseren Erhebungen 
sprechen. So hat sich schon mancher ausgesprochen, die (unsere) Zeit- 
schriftenschau im Archiv wird citiert, ihre Anerkennung des Glaubens- 
bekenntnisses des Verf. in dem Briefe an Cesare Cantü, welchen dieser 
in die neue Allflage seiner Storia universale aufnimmt. VII — VIII Schlufe 
der kleinen Volksliedersammlung des Giuseppe de Eada mit einem weh- 
mütigen Todesworte des Sammlers selbst als Abschlufs, VIII Bernardo 
Bilotta, Die Blumen der Ebene, niedliches Lied im reinen Dialekt der 
Gegend von Frascineto, Percile, Civita. 

Anno III, n. 6. Cosenza 15 agosta 1887. 
Ein Brief aus Bucuresci meldet von Bestrebungen, auch ein albanisches 
Gymnasium in Corcia zu errichten. Eine Anmerkung berichtet von G. Meyer 
in Graz, der nicht wünscht, dafs Österreich sich für albanischen Unter- 
richt bemühe, damit die Albanesen nachher ihm den Rücken wenden. 
Auch Pariser Zeitschriften haben bei Erscheinung des Fiämuri diese Be- 
strebungen der Albanier verdächtigt, als steckte Italien dahinter und 
wollte sich Epirus gewinnen. Nur für seine Sprache wendet sich Albanien, 
nicht an die in Griechenland lebenden Brüder, welche verdummt sind, 
nicht an Italien oder Österreich, an seine eigenen Stammesgenossen in 
Italien, Rumänien, Ägypten u. s. w. Italien hat Katheder für albanische 
Sprache und das gereicht ihm zur Ehre. II — V Was braucht Albanien? 
Dafs ein Herrscherhaus über allen stünde, wäre nicht rätlich, da es Christen 
und Mohammedaner giebt ; das Wohlwollen der Pforte mufs sich Albanien 
erhalten und die Freiheit vom Kriegsdienste mufs man als ein Übel von 
sich werfen, wo sie besteht, und vor allem bedarf man des Unterrichtes, 



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^1 ^ , 



336 Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

um von Fremden und Feinden frei zu werden. VI — VII Drei Gedichte 
der Freifrau Jos. v. Knorr, übersetzt. VII — VIII Brief eines Skipetaren 
aus Saloniki vom 28. Juli 1887. Abramidhi von einem Panheilenismus 
predigenden Mönche verführt ist der Abscheu aller und bald nach seiner 
bösen That Raubern in die Hände gefallen und hat all sein Gut verloren 
und ist in Stücke gerissen worden. 

Anno III, n. 7. Cosenza 12 novembre 1887. 

I— IV Was braucht Albanien? (Fortsetzung.) Vor allem den unge- 
hinderten, gepflegten Gebrauch seiner Sprache. Dieselbe hat jetzt eine 
schöne Litteratur. Das Leben der heil. Jungfrau von G. Variboba 1779, 
das Lied von Miiosao von Gir. de Rada von 1836, dessen vierte Auflage 
vergriffen ist. Der Canzoniere albanese von Fra Ant. Santori 1839; Le 
divinazioni pelasghe 1841 ; Canti di Serafina 1843 des Gir. de Rada. Ri- 
cerche e pensien di Vinc. Dorsa 1847; Quattro Storie: Anmaria Comi- 
niate, La notte di Natale, Adine, Videlaide von Gir. de Rada 1848. II 
Prigioniero politico di Fra Ant. Santori 1850, II Cristiano santificato des- 
selben 185-1 ; La Grammatologia mit dem wertvollen Anhange des Ca- 
marda, die Raccolta delle Rapsodie nazionali per G. de Rada e Nie Jeno 
1866. La nazionalita albanese di Dora d'Istria trad. da Dem. Camarda 
1867; Omaggio di poesie di Albanesi delle Colonie e della Madre patria 
alla loro Pnncipessa Ellena Gjicca Dora d'Istria 1869; Grammatica alb. 
di Gius. de Rada 1870, Cinque libri dello Skanderbegh di Gir. de Rada 
1872—1884; L'arpa d'un Italo-Albanese di P. Fra Leonardo de Martino 
1884; Rapsodie pop. alb. delle Col. di Sicilia di Gius. Schirö 1887. Diese 
Fahne Albaniens von Gir. de Rada und nuu in Palermo „Arberi i rii* 
(das Neue Albanien) von Schirö und Fr. Patta. [Ich füge hinzu: Zur 
albanischen Sprachenkunde von Dr. Joh. Urban Jarnik (Texte mit Er- 
klärungen), Leipzig 1887.] Diese Blüte erweckte Stimmen unter den ge- 
bildeten Völkern. Max Müller erklärte, diese Sprache würde auf viele 
unbekannte Sprachen Licht werfen. G. Stier übersetzte und erklärte 
Verse des Herausgebers und untersuchte in einer feinen Broschüre die 
alb. Farben bezeichnungen. L. Benlöw wies dem Volke seine ursprüng- 
lichen Sitze in Europa und Asien nach, Hermann Buchholtz hat in seine 
Leiter, die ihm einen Platz unter den geistvollsten Dichtern des Jahrhun- 
derts giebt, von ihm übersetzte alb. Volkslieder aufgenommen, und die 
Freiin v. Knorr setzte unter ihre tief empfundenen Gediente ebenfalls 
von ihr übersetzte alb. Lieder, und Podhgrsky übersetzte den Miiosao 
und den Giov. Uniade ins Ungarische. In Ägypten wird die „Fahne* des 
Gir. de Rada J>esonders unterstützt. Eutimio Mitko veröffentlichte in 
Alexandria in Ägypten seine Skipetarische Biene, eine Aufforderung an die 
Stammesgenossen die eigene Sprache zu lieben: sie wurde in Athen auf 
dem Markte verbrannt. Aus Italien müisten Lehrer nach Albanien ge- 
rufen werden oder junge Leute von dort hier dazu gebildet werden. 
V— VII Noch bleibende Spuren unserer früheren Wohnsitze. Irrtümlich 
will G. Meyer Illyrien für Albanien ausgeben; trefflich hat Benlöw ge- 
zeigt, daft die Griechen unter die Urbewohner, die Pelasger, gemischt, 
beide vereint — welches Schicksal das albanische Volk noch heute be- 
drückt — die Griechen hiefsen. Der Name Albanier, Aberesh, Arberesch 
kommt von Epiros, heilst Epiroten. Der andere Name, Skipetaren, ist 
eine Übersetzung des Namens Kjeravni, Blitze, weil jene ihre Gebirge 
Heimat von Gewittern waren. Eigentlich sollten sie heute Pelasger heifsen. 
VIII Aus der Revue de l'Orient von Budapest einiges über Podhoreky. 

Die zweiten Hälften dieser Hefte, S. 209—248, enthalten noch die 
Fortsetzung des früher begonnenen Dramas. 

Friedenau. H. Buchholtz. 



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Programmenschau. 



Zur Methodik des deutschen Unterrichte in Unterprima. Von 
Joh. Quaas. Programm des Realgymnasiums zu Freiburg 



Der Verf. fand für die Unterprima für deutsche Aufsätze besonders 
ein seltener betretenes Gebiet geeignet, das der Ethik, denn bei der Lek- 
türe ist oft eine gründliche Besprechung dieses oder jenes sittlichen Be- 
griffes nötig, z. B. bei der Minna von Barnhelm des Ehrbegriffes, bei der 
Iphigenie, Emilia Galotti, Wilhelm Teil u. s. w. Nun schien es ihm nötig, 
vor dem Eingehen in das Einzelne die Grundlagen der Ethik überhaupt 
den Schülern klar zu machen, und diese entnahm er aus Lotzes Mikro- 
kosmus. Die Abhandlung beschränkt sich darauf, die Lotzesche Ethik 
einfach darzustellen; wie nach einer solchen Erörterung Themata, wie sie 
der Verf. hat bearbeiten lassen, z. B. „was ist Ehre?; Achtung und Ehre; 
es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ew'ge Krankheit fort; Seelen - 
kämpfe; Begriff: die Bildung; Anstand und Höflichkeit u. s. w. u zu dis- 
ponieren sind, das ist hier nicht dargelegt; es läfst sich also nicht be- 
urteilen, ob die Klippe des Mangels an Anschaulichkeit und Lebendigkeit 
vermieden ist In anderer Weise hat Laas ähnliche Themata angegriffen, 
in anderer Ferd. Schultz in seinen Meditationen ; da auf diese nicht Bezug 
genommen ist, sei auf sie der Verf. wie auf die anziehenden Erörterungen 
von Lazarus hingewiesen. 

Die Sprache der Hs. P des Rolandliedes. Von H. Schürer. Pro- 
gramm des Gymnasiums zu Komotau 1887. 46 S. gr. 8. 

Die Abhandlung bietet weit mehr, als der Titel vermuten läfst; sie 
verbreitet sich nämlich über die Frage, wann der Pfaff Konrad sein Ge- 
dicht abgefafst habe. Die verschiedenen seit Wilhelm Grimm aufgestellten 
Ansichten werden aufgeführt und schliefslich gesagt, dafs die geschicht- 
liche Uberlieferung keinen sicheren Anhalt gebe, deshalb die Sprache leiten 
müsse, die Sprache der überlieferten Texte und dann die Reime. Den 
Vorzjug des höheren Alters hat die Hs. A, aber wegen der Vollständigkeit 
der Uberlieferung wird die Hs. P zu Grunde gelegt und ihr Vokalismus 
und Konsonantismus, Konjugation und Deklination genau geprüft. Da- 
nach ist ihr sprachlicher Charakter kein einheitlicher, aber auf das mitt- 
Archiv f. n. Sprachen. LXXXI. 22 



1887. 22 S. 4. 




338 



Programmenschau . 



lere Deutschland weisen viele Erscheinungen hin, und zwar besonders auf 
Ripuarien; aber oberdeutsch sind manche Erscheinungen, die sich als 
bayerisch erweisen. Danach mufs der Dichter ein Bayer, der Schreiber 
der Hs. P ein Rheinfranke, oder der Dichter ein Rheinfranke, der Schrei- 
ber ein Bayer gewesen sein. Bei dieser Zweifeli^keit sind die Reime ge- 
nauer zu prüfen; danach tragen die Reime mit wenigen Ausnahmen ein ent- 
schieden md. Gepräge, weisen aber auch obd. Einflufs nach. Zweifelsohne war 
also die Originalhandschrift im md. Dialekt abgefafst, stammte auch der 
Dichter aus Rheinfranken, wonach die Ansicht, er stamme aus dem nord- 
westlichen Teile des mittleren Deutschlands, vielleicht aus der Gegend von 
Köln, eine wohlbegründete ist. Ob aber Konrad sein Werk in dem reinen 
Dialekt seiner Heimat abgefafst habe, diese Frage wagt der Verf. nicht 
zu bejahen. Schon darum nicht, weil Konrad in nahen Verhältnissen zum 
bayerischen Königshofe stand, für des Herzogs Heinrich des Stolzen Ge- 
mahlin vorzugsweise sein Werk bestimmt, er vielleicht Hofkaplan war. 
Bei den nahen Beziehungen des Herzogs zu dem Bischöfe von Regens- 
burg war Konrad veranlafst, in Regensburg öfters zu verweilen. Au? des 
Herzogs Aufforderung übersetzte er die von demselben von seiner Reise 
in Frankreich 1131 mitgebrachte Abschrift der Chanson de Roland, wahr- 
scheinlich gleich darauf in Regensburg; er mufste die Verherrlichung der 
Bayern und der Ahnherren seines Herrn als höchstes Ziel ansehen und ge- 
denkt seiner engeren Landsleute darum selten. „ Er übersetzte die Chan- 
son erst in die lateinische Sprache, dann diese Übersetzung in die Mund- 
art seiner rheinfränkischen Heimat, sich von den Einflüssen der Hofsprache 
nicht frei haltend. Aus der Originalhandschrift ging zunächst die deren 
Charakter treu bewahrende Hs. A hervor, aber auch bald darauf die von 
einem Bavern geschriebene und den obd. Charakter des Schreibers stark 
berücksichtigende Hs. P. So weit das Programm. Das gleichzeitig er- 
schienene Buch von W. Golther: Das Rolandslied des Pfaffen Konrad, 
München 1887, konnte natürlich nicht berücksichtigt werden. 

Die Verwertung des Nibelungenliedes im deutschen Unterricht 
unserer Mittelschulen. Ein Beitrag zur nationalen Erziehungs- 
frage, von Prof. W. Stocker. Festschrift des Realgymna- 
siums Karlsruhe zum 300jährigen Jubiläum des Gymnasiums 
Karlsruhe. 1887. 24 S. 4. 

Mit Begeisterung tritt der Verf. für volle Verwertung des Nibelungen- 
liedes auf unseren höheren Schulen auf. Alles, was sich an dem Gedichte 
loben läfst, hebt er in lebendiger und eingehender Darstellung hervor. 
Es ist das Gedicht, an dem dem Schüler die Gesetze der epischen Dicht- 
kunst recht klar gemacht werden können; die künstlerische Behandlung 
des Gegenstandes ist vortrefflich, die Anhänger der Liedertheorie, der 
Interpolationen haben auf die Eigentümlichkeit der epischen Poesie zu 
wenig geachtet; die Charakteristik der Personen ist fein, die epische 
Idee tief. Von aufserordentlicher Bedeutung ist der Gewinn, der für 
historische Bildung gewonnen werden kann; es finden sich in dem Ge- 
dichte verschiedene Kulturanschauungen vermischt, diese sind vonein- 
ander zu sondern. Namentlich aber sind auch die mythischen Bestand- 
teile der Sage, welche hier noch durchklingen, genau ins Auge zu fassen. 
So will der Verf. das Nibelungenlied in der Schule auf das gründlichste 
behandelt wissen ; nach der Zeit bemessen, welche diese Weise m Anspruch 
nimmt, wird es den Mittelpunkt des Unterrichts auf der bestimmten Stufe 
zu bilden haben. Es kommt aber dann erst zu seiner Ehre, wenn es nicht 
etwa in einer immerhin guten Übersetzung gelesen wird, sondern im 
Original. Somit verlangt der Verf. wieder für die Schule das Mittel- 



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Programmenschau. 



339 



hochdeutsche, und zwar für die Obersekunda ; er will dabei nicht blofs auf 
die Formenlehre, sondern auch auf die Syntax die Aufmerksamkeit ge- 
richtet wissen. Wenn das Mhd. Lehrgegenstand sein soll, dann ist sicher- 
lich, wie wohl allgemein angenommen wird, Obersekunda die dazu passende 
Lehrstufe. Aber dafs der Wunsch des Verf. überall im Deutschen Reiche 
erfüllt werde, dazu ist noch wenig Aussicht vorfanden. Bekanntlich ist 
aber auch kürzlich ausführlich auseinandergesetzt, dafs für die rechte 
Behandlung des deutschen Nibelungenliedes die ausgedehnteste Berück- 
sichtigung der nordischen Sage nötig sei. 

Ritterliche Waffenspiele nach Ulrich von Lichtenstein. Von Rek- 
tor Dr. Reinhold Becker. Programm des evangel. Real- 
progymnasiums zu Düren 1887. 31 S. 4. 

Der schon durch andere Arbeiten um die deutsche Altertumskunde 
verdiente Verf. bringt in dieser Abhandlung ein anziehend geschriebenes, 
sehr ausführliches Bild der ritterlichen Waffenspiele nach Ulrich von 
Lichtenstein. Das Bild, welches Ulrich entwirft, ist der Wirklichkeit ge- 
treuer, wie schon Gustav Frey tag erkannt hat, als die Darstellung Hart- 
manns und Wolframs, mag sonst auch Ulrichs Eitelkeit in seinen Er- 
zählungen ihn von der Wirklichkeit entfernen und die aus ihm geschöpfteu 
Vorstellungen vom Frauenkultus falsch sein; die Abhandlung ist aber 
nicht etwa blofs Erweiterung des von Alwin Schultz in seinem Dekannten 
Buche gebotenen Stoffes, sondern, auf alle Einzelheiten genau eingehend, 
bringt sie auch mehrfache Verbesserungen für dies Werk, sowie für Nied- 
ners Buch über das deutsche Turnier, für G. Freytags Bilder u. a. und 
bei der steten Bezugnahrae auf den Text des „Frauendienstes 14 für diesen 
manche feine Erklärung. Der erste Abschnitt: „die Ritterschaft, der 
Buhurt" geht aus von der Unterscheidung der Teilnehmer am Turnier, 
der freien Herren, Ministerialen, hörigen Ritter, sowie der müfsigen Gesellen, 
unter denen wir nicht die damals noch nicht vorkommenden Herolde zu 
suchen haben; dann wird der Einzug geschildert sowie das Vorspiel des 
Buhurts. Der zweite Abschnitt bespricht die Waffen und die Waffen- 
kleidung ; überall werden die Beweise aus Ulrich entlehnt. Es sei hervor- 
gehoben, dafs der Speer im Waffenspiel wie im Kriege eine glatte Spitze 
hatte; die unpraktischen gewaltigen Turnierlanzen späterer Zeit kommen 
hier noch nicht vor, Pferd ist das gewöhnliche Reitpferd auch der Män- 
ner, wohl zu unterscheiden vom RoTs; das Rofs ist nicht gepanzert; auf 
prächtige Waffenkleidung, kostbare Stoffe wird hoher Wert gelegt. Der 
dritte Abschnitt behandelt das Stechen oder die Tjost. Das Stechen ist 
im ganzen nicht sehr gefährlich, Zweck ist nur viele Speere zu verstechen, 
nicht den Gegner abzuwerfen; das Stechen findet vor dem Thore statt 
oder auf der Brücke; die Gegner lassen zunächst die Pferde in ruhigem 
Schritt aufeinander stapfen, beim Vorbeireiten erfolgt fast ein Zusammen- 
stofs (hurt). Kann man bei der gewöhnlichen Tjost einen Gegner ab- 
lehnen, so erbietet man sich bei dem Foreisspiel, sich am Waldessaum 
lagernd, jedem Gegner zu jeder Bedingung bereit; errichtet vollends ein 
Ritter einen König- Artus-Hof, so ist die Menge der Ritter und die Pracht 
überaus grofs; wenn der Abend dem Stechen ein Ende gemacht hat, 
dann kommen die Ritter noch zur Unterhaltung über ihre Thaten zu- 
sammen. Das Turnier, das im vierten Abschnitt dargestellt wird, ist eine 
treue Nachahmung der Schlacht, mit gröfstem Glanz ausgeschmückt, mit 
Gefahren verbunden. An dem Turnier 1221 zu Friesach nahmen nach 
Ulrich 600 Ritter teil, 1000 Speere wurden verstochen ; die beiden Parteien 
waren an Zahl gleich. Eine ausführliche Darstellung des Turniers giebt 
der Verf. nach Ulrich; den Verfall der Waffenspiele erlebte Ulrich von 
Lichtenstein noch. 

22* 



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340 



Programmenschau. 



Zur Geschichte des Arminius-Kultus in der deutschen Litteratur. 
Von Dr. P. von Hofmann -Wellenhof. 1. und 2. Teil Pro- 
gramm der Oberrealschule zu Graz 1887. 52 S. gr. 8. 

Das hier bearbeite^ Thema ist schon von £. Riffert im 63. Bd. des 
Archivs behandelt; die Litteratur der ältesten Zeit, die dort erwähnt ist, 
ist hier nicht erweitert, dagegen ist es dem Verf. gelungen, mit gro£sem 
Fleüs ein außerordentlich grolses Material von dem Anfang des 16. Jahrh. 
an zusammenzubringen. Die dankenswerte Arbeit schliefet mit Hoflmanns- 
waldau. Hätte er aie neueste Zeit berücksichtigen wollen, so würde der 
Stoff fast unübersehbar angewachsen sein, grofse und kleine Schriftsteller 
haben sich an ihm versucht, manche Erzeugnisse sind über einen kleinen 
Gesichtskreis hinaus nicht bekannt geworden. Von patriotischem Geiste ist 
die vorliegende Arbeit durchweht ; mit Liebe verfolgt sie die in der Zeit der 
nationalen Bewegung, dem Reformationszeitalter gewaltig anwachsende 
Versenkungin die Zeit der grolsen Vergangenheit, des Ruhmes der Ahnen. 
Durch die Bekanntschaft mit den römischen Schriftstellern wird man all- 
mählich immer vertrauter mit der früheren Geschichte des Vaterlandes, 
für die man lange Zeit mit den unsicheren Nachrichten bei Otto von 
Freisingen sich begnügte, wie denn für den Ort der Varusschlacht lange 
das Lechfeld festgehalten war. Unter den Humanisten treten die natio- 
nalen Beziehungen immer mehr hervor. Nicht streng auf die Person des 
Armjnius beschränkt sich der Verf., aber man kann das kaum eine Ab- 
schweifung vom Thema nennen. So lesen wir nun von den Arbeiten von 
Geltes, Wimpfling, Heinrich Bebel, Franz Irenicus, W. Pircheimer, Beatus 
Ahmanus, Andr. Althamer, dem Kommentator des Tacitus, dann von 
Ulrich Hutten, Nie. Frischlin, von der Chronik des Nauclerus, Alb. Kranz, 
Joh. Carion, Melanchthons Kommentar zur Germania, der durch Hedion 
verdeutschten Chronik des Cuspinian, Thurnmaier-Aventinus, Sebastian 
Frank, Georg Spalatinus, von Burkard Waldis, H. Hamelmann, Cyr. Span- 
gen berg, Leop. Lindenbruch u. a., bis das 17. Jahrhundert, die schwere 
Zeit des Drei feig jährigen Krieges, es den Menschen besonders nahe legt, 
Hich Hoffnung in der Gröfse der Vergangenheit zu suchen. Über weniger 
bekannte, hierher gehörige Werke unterrichtet der Verf. seine Leser genau, 
über des Lipper Joh. Piderit Chronicon comitatus Lippiae, die Schriften 
des Koburger Professor Joh. Heinr. Hagelgans, dann über die Dich- 
tungen von Rist, Lohenstein, Hoffmannswaldau u. a., und überall ist auf 
bibliographische Zuverlässigkeit sorgfältig Rücksicht genommen. 

Herders Erstes kritisches Wäldchen. I. Von Gust. Kettner. 
Programm der Landesschule Pforta 1887. 64 S. 4. 

Seit Gervinus' hartem Urteile über Herders Einwürfe gegen Lessings 
Laokoon ist die Untersuchung tiefer geworden, sind Lessingscne Sätze als 
irrig erwiesen, Herder mehr zu seinem Rechte gekommen. Die früheren 
Arbeiten sind aber durch die vorliegende weit in Schatten gestellt, auch 
ihnen manche falsche Auffassung nachgewiesen. Es gewährt einen grofsen 
Genufs, mit dem Verfasser Herders Erstes kritisches Wäldchen zu durch- 
wandern und zu mustern; und der Wunsch wird ein allgemeiner sein, 
dafs die Fortsetzung der Untersuchung recht bald folgen möge. Haynas 
Buch über Herder ist auch, wie für viele, anregend gewesen für diese 
Abhandlung, sie stellt sich jenem ergänzend zur Seite, wie sie denn auch 
wesentlich „gefördert ist durch Suphans Ausgabe. Schwerlich möchte dem 
Verf. ein Übersehen irgend einer hierher gehörigen Arbeit nachzuweisen 
sein, auch mit der auslandischen Litteratur ist er genau vertraut. Zuerst 
wird die Entstehung des Ersten kritischen Wäldchens sorgfältig verfolgt, 



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Programmenschau. 



341 



auf das Versteckspiel Herders, die Grunde welche ihn leiteten, die Unter- 
suchungen, welche die eine Arbeit unterbrachen, ausführlich eingegangen, 
auch mit philologischer Genauigkeit auf den eigentümlichen Namen der 
Wälder; auch hier ist Haym erweitert. Dann wird fast Satz für Satz 
der Herderschen Schrift besprochen, zuerst die Einleitung; die Parallele 
zwischen Winckelmann und iissing, dabei auf den wesentlichen Unterschied 
des Verfahrens Winckelmanns von Lessing Bezug genommen und jenes 
an einem bestimmten Beispiel, der Beschreibung des Herakles-Torso, er- 
örtert, dabei dann keineswegs übergangen, wo in Einzelheiten Herder falsch 
aufgefafst oder willkürlich verändert hat. Der folgende gröfsere Abschnitt 
behandelt §2—5: die Darstellung des Schmerzes in der Dichtung, in dem 
Herder sich nicht mit der Kritik begnügt, sondern dieselbe zu einem 
selbständigen Exkurs erweitert. Das Stück des Laokoon, auf welches sich 
diese Erörterung bezieht, ist auch sonst schon von anderen untersucht und 
Lessülg einseitige Behauptungen nachgewiesen, aber sorgfältiger als seine 
Vorgänger, auch Blümner irrige Auffassungen im einzelnen vorhaltend, 
hat der Verf. diesen Punkt behandelt. Daher zuerst auf den Ausdruck 
des körperlichen Schmerzes bei den Griechen (§ 2) eingehend, bemerkt er, 
dafs Herders Polemik gegen den schreienden Pniloktet falsch beurteilt 
werde, dafs Herder keineswegs das Schreien des Philoktet widerlegen 
wolle, sondern nur nachweisen, dafs der vorwiegende Eindruck des Phi- 
loktet der des heldenmütigen Dulders sei, und dafs Herder, wenn er auch 
in einzelnen Erklärungen nicht frei von Irrtum sei, im allgemeinen das 
Rechte getroffen habe. Was aber weiter über den Schmerzensausdruck 
der Homerischen Helden Lessing sage, das sei richtig von Herder zurück- 
gewiesen; wo das Schreien bei dem einzelnen Helden vorkomme, da solle 
er eben durch dasselbe charakterisiert werden; dafs im einzelnen auch 
hier Herder nicht frei von irriger Erklärung ist, wird nicht bestritten. 
Lessing hatte seine griechischen Helden als ideale Menschen darstellen 
wollen, gegen diese übertriebene Bevorzugung trat Herder auf, er wollte 
die Empfindbarkeit bei Griechen und Barbaren, sowie bei dem antiken 
und modernen Menschen in ihrem Verhältnis zueinander bestimmen (g o), 
ein wesentlicher Gegensatz des Volkscharakters liege nicht, wie Lessing 
annehme, vor, sondern nur ein Unterschied nach zufälligen äufseren Uni- 
ständen. Herder irrt freilich darin; dafs er den Typus der nordischen 
Völker, nach der Sitte der Zeit, in den Gestalten des falschen Ossian fin- 
det, dafs -er ferner, wie Rousseau, im Heroenzeitalter der Völker die mensch- 
liche Natur am reinsten entfaltet sieht, er erkennt also einen Gegensatz 
zwischen Kulturvölkern und Barbaren für die Vergangenheit nicht au. 
Trotzdem bleibt der Grundgedanke seiner Polemik gegen Lessiug richtig; 
die Gleichheit der Empfindbarkeit bei den Griechen und unseren Urvätern 
bestätigen Nibelungenlied und Gudrun. Indem Herder die sittlichen Ver- 
hältnisse Vaterland, Familie, Geschlecht, Freundschaft, Liebe im Alter- 
tum kräftiger entwickelt sieht (§ 4), idealisiert er, wie seine Zeitgenossen, 
das ganze Altertum gegenüber der modernen Welt. Hierauf wendet sich 
Herder (§ 5) zum Philoktet des Sophokles, zu dessen Hauptidee Lessing 
den körperlichen Schmerz des Helden mache. Da Herder beschuldigt 
wird, Lessing mifsverstanden zu haben, so schiebt der Verf. einen aus- 
führlichen Exkurs über Leasings Behandlung des Philoktet ein, um zu 
beweisen, dafs allerdings, auch ohne es direkt zu sagen, Lessing die Idee 
des körperlichen Schmerzes zur Hauptidee des Stückes gemacht habe; 
Herders Beurteilung des Philoktet dagegen ist trotz mancher Einseitig- 
keiten in ihrem Hauptergebnis richtig. Der Gedankengang ist bei Herder 
oft versteckt ; geht man ihm durch die Windungen nach, so zeigt sich ein 
planmäfgiges und methodisches Verfahren, und das ist der Gewinn, den 
die vorliegende Arbeit bietet, die also als ein bedeutender Beitrag zur 
Charakteristik Herders zu betrachten ist. 



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342 Programinenschau. 

Über Schillers Einflufs auf Goethes Dichtung. Von Dr. Borges. 
Programm der Realschule zu Reudnitz 1887. 24 S. 4. 

Nachdem der Verf. in grofsen Zügen die Verschiedenheit der natür- 
lichen Anlage Goethes und Schillers dargestellt und nachgewiesen hat, 
wie Goethe nach der Rückkehr von der italienischen Reise, als sich das 
Verhältnis zu Frau von Stein gelockert hatte, einer aufmunternden und 
ergänzenden Freundschaft bedurfte, führt er durch, dafs er durch die 
neuen Beziehungen zu Schiller aus seiner Geisteseinsamkeit erlöst und 
zur Poesie zurückgeführt wurde. Dazu regte Schillers rastlose Thätigkeit 
und Vorwärtsstreben auch Goethes Willen mächtig an. Das zeigt sich in 
dem Balladenreichtum der nächsten Zeit, besonders aber in der Rückkehr 
zur dramatischen Dichtung; es entstand die Natürliche Tochter, mehr als 
die Hälfte des ersten Teiles des Faust, viele Entwürfe zum zweiten Teil. 
Eine direkte Einwirkung in Einzelheiten ist nachweisbar für Wilhelm 
Meisters Lehrjahre und die Bühnenbearbeitungen der Stella und des Götz. 
Endlich läfst sich .der indirekte Einflufs Scliillers auf Goethes Dichtung 
erkennen in dem Übergange Goethes von Anschauung und Betrachtung 
zu Beschaulichkeit und Kontemplation. Er studierte fleißig Schillers 
philosophische Schriften und wurde selbst philosophischer Schriftsteller; 
dahin gehören die Einleitung zu den Propyläen, der Aufsatz über den 
Dilettantismus, über epische und dramatische Dichtung, über Wahrheit und 
Wahrscheinlichkeit der Kunstwerke, der Sammler und die Seinigen. Er 
fing an, sich selbst zum Gegenstand der Beobachtung zu machen, wie er 
oft selbst sich ausgesprochen hat, dann weiter die innere Welt über die 
äufsere, die Idee über die sinnliche Erscheinimg zu setzen. Immer mehr 
stellt er die Kunst als Selbständiges der Natur gegenüber ; er strebt nach 
gröfserer Kunstmäfsigkeit der Form, bemüht sich im Einklang mit der 
Kritik zu arbeiten. Diese erhöhte künstlerische Bewufstheit zeigt sich in 
Hermann und Dorothea, in den Balladen von 1797, in den Wahlverwandt- 
schaften, namentlich im zweiten Teile des Faust mit seiner strengen Metrik 
und der klaren Gruppierung des Stoffes. Und ebenso wird die Dichtung 
in Bezug auf den Inhalt unabhängiger von dem Stoffe, welchen die Aufsen- 
welt bietet, wird mehr Ideendichtung, hält sich also mehr in Schillere 
Geiste. Entschieden waltet der Ideengehalt vor dem Empfindungs- und 
Sinnesgehalte in den späteren Dichtungen vor, in den Wahlverwandt- 
schaften, in der Natürlichen Tochter, in den Festspiel -Vorspielen und 
des Epimenides Erwachen, namentlich im zweiten Teile des Faust, einem 
eigentlichen Ideendrama. Von der Erkenntnis dieses Einflusses Schillers 
auf ihn hat Goethe im Epilog zu Schillers Glocke ein Zeugnis abgelegt. 
Durch zahlreiche Auszüge aus Goethes Aufserungen, gelegentlich in Briefen, 
in Gesprächen, im Briefwechsel mit Schiller hat der Verf. obige Ausein- 
andersetzungen bewiesen; Zusätze hätte noch der Zeltersche Briefwechsel 
gegeben. 

Schillers Flucht aus der Heimat. Von Dr. E. Franz Anders, 
Oberlehrer. Programm des Leibniz-Gymnasiums zu Berlin 
1887. 38 S. 4. 

Neues auf den Gegenstand bezügliches Material aufzufinden wird wohl 
nicht möglich sein; die bisherige Litteratur ist von dem Verf. treu be- 
nutzt; wegen des Prozesses über Graubündten waren kürzlich im Archiv 
f. Litt.- Gesch. einige Mitteilungen, die hier nicht angeführt sind, gemacht, 
sie ändern aber nichts, was wir schon wjtifsten. Der Verf. setzt gut aus- 
einander, dafs Schiller die Flucht sich selbst und seinem Volke schuldig 
war, jeder Vorwurf unbegründet sein würde. 



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Programmenschau. 



343 



Goethe und die griechischen Bühnendichter. Von Dr. Hans Morsch. 
Programm des Kgl. Realgymnasiums zu Berlin 1888. 55 S. 4. 

Was sich der Verf. vorgesetzt hat, alles was Goethes Verhältnis zu 
den griechischen Bühnendichtern betrifft, aus seinen eigenen Werken, 
Briefen u. s. w. zusammenzustellen und die antikisierenden Dichtungen 
Cloethes mit denen der alten Dichter zu vergleichen, das ist ihm vortreff- 
lich gelungen; er hat mit seltenem Fleifse alles aufgesucht, was hierher 
gehört, und die einschlägige Litteratur in dem Mafse herangezogen, dals 
es schwer fallen wird, etwas unberücksichtigt zu finden. Die Arbeit ist 
umfangreich geworden, aber nirgends weitschweifig, ein Zeichen, welche 
Fülle des Stoffes der Gegenstand darbietet bei einer so Rundlichen Be- 
arbeitung. Dabei erfrischt das feine Urteil, dem man beistimmen mufs. — 
In Goethes Göttern, Helden und Wieland wird die Kenntnis des grie- 
chischen Dramatikers nachgewiesen; Goethe wird mit Recht gegen Wie- 
land gelobt, wenn auch Leasings kritisches Urteil über Goethe Ijestehen 
bleibt. In dem Fragment des Prometheus haben wir aus dieser Zeit 
Goethes ersten Versuch eines antikisierenden Dramas, in der Sprache 
schon treten Nachbildungen des Griechischen hervor, in der dramatischen 
Voraussetzung und dem Charakter des Helden zeigt sich Anlehnung an 
Äschylus' getesselten Prometheus, wie er dem Dichter aus Brumovr be- 
kannt war. In den Vögjeln weist der Verf. auch im einzelsten, in der 
Sprache Anschlufs an Aristophanes nach, aber auch das, was von Aristo- 
phanes abweicht; wie der alte Komiker ihm lieb geworden war, erhellt 
aus vielen Äußerungen (S. 13). Auch die genaue Kenntnis des Menander 
wird bewiesen. In Weimar wurde die Verehrung für das Altertum ge- 
nährt durch Herder, Wieland, Knebel, Tobler, Villoison, die Herzogin 
Anna Amalie, die Herzogin Luise; die Zeugnisse für Goethes Beschäfti- 
gung mit der griechischen Tragödie sind sämtlich hier angeführt (S. 10); 
die ganze geistige Atmosphäre führte zur Abfassung antikisierender Dich- 
tungen. Die vielfachen Anlehnungen an griechische Dramatiker im Elpenor, 
in der Sprache im allgemeinen wie in einzelnen Worten beweist der Verf. 
S. 19 ff., sowie dafs der Elpenor, wenn er auch zu einem Schauspiel sich 
hätte entwickeln lassen, nicht für seinen Zweck passend gewesen wäre. 
Er erwähnt Riemers Bearbeitung, konnte hierbei auch nennen Viehoffs 
Versuch der Umgiefsung in* den jambischen Quinar, in seiner Vorschule 
der Dichtkunst, sowie Viehoffs Ergänzungsprobe im Archiv 1811, S. 121 
bis 146; Strehlkes Marienburger Programm über den Elpenor 1870 ist 
nicht aufgeführt. Wie sich damals Goethe in die griechischen Dramatiker 
eingelesen hatte, erhellt noch deutlicher aus den hier sorgfältig gesam- 
melten Anklängen in der Iphigenie (S. 20 ff.). Goethe hat manches, was 
bei Euripides fehlt, hat aber auch da griechische Vorgänger, und er hat 
sie genau eingesehen (S. 22 ff.), Sophokles und Äschylus; wo von den 
Furien, von dem Wahnsinn des Orest die Rede ist, findet fast jedes Wort 
in den alten Dramatikern sein Vorbild. Schon ausführlich hatte sich 
1796 der alte Campe über diese Punkte ausgelassen ; viel genauer ist die 
hier vorliegende Zusammenstellung. In Bezug auf die Sühnung des Orest, 
so meint auch der Verf. (S. 31), dafs auch Goethe die Schwierigkeit einer 
Modernisierung nicht ganz überwunden habe, das plötzliche Verschwinden 
der Furien, die doch auch bei ihm nicht blofs Sinnbilder der geistigen 
Qualen sind, bleibe unbegreiflich. In den Idealen der Freundschaft und 
der Humanität, die in dem Gedichte gefeiert sind, nähert sich das Drama 
dem Zeitgeiste ; aber wie das Ideal der Geschwisterliebe und der Freund- 
schaft überhaupt dem griechischen Altertum nicht fremd ist, so war auch 
die Idee des Weltbürgertums in den Besten lebendig, Der Verf. be- 
trachtet hierauf Tasso und die Natürliche Tochter (S. 31). Was man auch 
sonst schon bemerkt hatte, dafs die Sprache der Dramen an griechische 



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344 



Programmenschau. 



Vorbilder mahne, hat der Verf. im einzelsten untersucht; die Eigentüm- 
lichkeit der Iphigenie in Ausschmückung der Bede durch Paronomasien 
und Sentenzen, die moralische Kasuistik, das Disputieren j>ro et contra, 
finden sich auch im Tasso im reichsten Mafse, dadurch prägt sich in der 
Rede am Hofe von Ferrara noch mehr die humanistiscne Richtung des 
16. Jahrhunderts aus. Auffallend ist die ähnliche Sprechweise in der 
Natürlichen Tochter (S. 36), aber gerade dadurch prägt sich die ideale 
Anlage des Gedichtes aus ; noch zahlreicher als im Tasso sind die Parono- 
masien ; die Iphigenie in Delphi (S. 37) schlofs sich in der Katastrophe eng 
an das Antike an. In der Nausikaa (vgl. auch das Pfortaer Programm 
von Schreyer 1844, S. 32 ff.) hat Goethe, ohne es zu wissen, mit Sopnokles 

fewetteifert ; das zeigen die Bruchstücke aus dessen Nausikaa und den 
'häaken. — Nach der Rückkehr von Italien kam eine andere Stimmung 
über den Dichter. Zur griechischen Tragödie führte ihn Schiller zurück 
(S. 41); durch den Briefwechsel mit Schiller ziehen sich Besprechungen 
über die Theorie der griechischen Tragödie und griechische Dramen hin- 
durch, an Zelter schickte Goethe seine Abhandlung über den griechischen 
Chor. Nach Schillers Tode bis 1814 sind nur wenige Zeugnisse über 
seine dauernde Beschäftigung mit den griechischen Tragikern (S. 43), aber 
sie schlummerte nicht, sie zeigt sich auch in dramatischen Plänen. In 
die Zeit des Zusammenwirkens mit Schiller gehört noch der Plan des be- 
freiten Prometheus 1795, in spätere Zeit der Plan der Schutzflehenden, 
eine Anzahl kleinerer Arbeiten für das Theater, in antikisierendem Tone, 
Prologe, Vorspiele, so zur Wiedereröffnung des Weimarschen Theaters 
1 807 ; die griechische Redeweise durchzieht besonders die Pandora und des 
Epimenides Erwachen (S. 46), wie sehr auch die Zeitverhältnisse und des 
Dichters Stimmung in der Pandora erkennbar sind. Die Bekanntschaft 
mit Gottfried Hermann führte zu einer wissenschaftlichen Beschäftigung 
besonders mit Euripides, wie die Aufsätze über die tragischen Tetralogien 
der Griechen 1823 und über die Parodie der Alten zeigen, besonders aber 
die Aufsätze über das Euripideische Fragment Phaetnon, das er immer 
wieder von neuem vornahm (s. noch den Brief an Zelter vom 12. August 
1826), über den Kyklops (sollte sich der hier nicht erwähnte Aufsatz 
Goethes auch jetzt noch unter seinen Papieren vorfinden? s. Brief an 
Zelter vom 26. Juni 1824, vgl. 25. August), über des Euripides Bakchen 
(der Verf. der einschlägigen Dissertation 8. 32 heifst nicht F. Schön, son- 
dern F. G. Schöne, f 7. Sept. 1857 zu Stendal), namentlich aber die Ge- 
spräche mit Eckermann; sein gerechteres Urteil über Euripides ist aner- 
kennungswert. Wie zahlreiche Einflüsse griechischer Tragiker sich in der 
Helena vorfinden, weist schließlich treffend der Verf. nach. — So reiht 
sich die vorliegende Arbeit würdig an die jüngst erschienenen Abhand- 
lungen über Goethes Verhältnis zu Homer und an des Verfassers eigenen 
Aufsatz: Goethe und Horaz (Jahrbb. f. Phil. u. Päd. 1885, 268—286). 
Herford. Hölscher. 




Miscellen. 



S. M. Prems Nachträge zu Hermann v. Gilm. 

Von Adolf Pichler. 

Kaum haben wir im Tirolerboten den Aufsatz von S. M. Prem, 
^Goethes Fahrt durch Tirol", rühmend angezeigt, so fliegt uns ein neues 
Heft, „Hermann v. Gilm", auf den Tisch, welches einige Beiträge zur 
Biographie unseres genialen Lyrikers liefert. Wir können auf das Detail 
nicht eingehen, geben jedoch einige Ergänzungen und Berichtigungen. 

Anastasius Grün war der Firm- und nicht der Tauf pate von Giims 
Sohn, und zwar auf Ersuchen von Balthasar Hunold, des poetischen 
Skrintors am Ferdinandeum. Grün spendete dem jungen Gilm als Fest- 
gescnenk eine goldene Uhr. 

Im Jahre 1847 wurde Gilm als Beamter nach Wien versetzt. Den 
Dichter S. Mosen thal lernte er im Amte kennen; dieser gab von ihm 
eine Charakteristik in zwei Worten, welche ich hier nicht wiederhole. 

Er verkehrte auch im Hause des Orientalisten Hammer-Purgstall 
und deklamierte dort mit lautem Beifall seine Gedichte. 

Gilms beste Zeit fiel in den Vormärz von 1848, dessen liberalen Ideen 
er manches Lied widmete. Er teilte sie Schüler zu Innsbruck, Streiter 
in Bötzen und Lcntner zu Meran mit, um welche sich damals die 
wenigen Liberalen Tirols sammelten oder mit denen sie verkehrten. Dafs 
die Klerikalen auch davon erfuhren, begreift sich, und sie haben ihm 
dafür in den Aufsätzen der Augsburger Postzeitung, welche jedoch, wie 
jetzt L. Steub gegenüber als erwiesen betrachtet werden mufs, nicht aus 
der Feder Beda Webers stammen, manches angethan. Wie ein Jesuit 
mehreren Herren erzählte, hat er sich später wegen des „Jesuitenliedes" 
bei dem Rektor des Ordens entschuldigt, oegreifl icherweise konnte er sich 
als k. k. Beamter nicht öffentlich dazu bekennen, und so mufste er es 
schweigend hinnehmen, dafs es — wenn ich mich recht entsinne — Fen ner 
von Fenneberg auf seinen Namen in Stuttgart drucken liefe. 

Gilm war der Sohn eines höheren Beamten und verkehrte daher in 
höheren Beamtenfamilien ; mit den Studenten , welche in der Kneipe 
zechten und ihre Lieder sangen, gab er sich nicht ab. Und doch begann 
es sich in diesen Kreisen — zum Teil unter dem Einflüsse des Professors 
AI. Für — geistig zu regen. Es bildete sich eine Gesellschaft, die „Bier- 
franzlianer". Zu dieser gehörte der gefühlvolle Sigmund Schlumpf 
und F. Moser, von denen später die „Frühlieder' 4 Poesien brachten, der 
geistvolle Mediziner Christian